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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Zögern, Begehren, Leiden, Courage-Mangel, Wahrhaftigkeit

 
Conditio humana
 
Als sterblich, einhergehend dann zumeist auch sterbewillig, erfährt, empfindet Mensch sich vor allem in Situationen und Phasen leidvoller Krankheit, intensiven, insbesondere langanhaltenden physischen und/oder psychischen Schmerzes und spürbaren Alterns, im "Erleben", Erleiden von existenzbedrohender bis eben tatsächlich existenzvernichtender Belastung, Gefahr, Beschädigung, absoluter Ausweglosigkeit, Unabänderlichkeit, Unentrinnbarkeit - somit im Zustand fehlender oder nicht mehr erkennbarer, nicht mehr erfahrbarer Selbstwirksamkeit.
 
Mensch ist mit seinem Leib, seiner Leiblichkeit untrennbar verbunden, d.h. ein Mensch, ein Individuum i s t dieser, sein je persönlicher Leib, durch, mit, in dem er alle (!) sinnlichen, mentalen, psychisch-emotionalen Erfahrungen macht, Erlebnisse, Empfindungen, Gefühle, Eindrücke, Erinnerungen hat und auf dieser materiellen, "stofflichen" Basis - in, mit seinem Gehirn (stets in Verbindung mit dem gesamten Körper, Nerven, Nervenverbindungen ...), durch selbiges - all diese Eindrücke, Wahrnehmungen, Empfindungen, Gefühle, Erlebnisse, Gedanken, Denkprozesse (bewusst, unbewusst, vorbewusst) "verarbeitet", ein-, zuordnet, bewertet, beurteilt, abspeichert, kombiniert, analysiert, erinnert, verändert und auch: vergisst.
 
Daran ändert auch Drogenkonsum, Medikamenteneinfluss oder Meditation nur wenig:
Kein Mensch kann ohne seinen Leib, seine Leiblichkeit - als Mensch - existieren, existent sein, mag er sich - aus bekannten Gründen - noch so oft einen "übergeordneten" oder irgendwie vermeintlich von seiner Physis, seiner Leiblichkeit unabhängigen "Geist" herbeiwünschen und zusammenphantasieren.

Es hilft nichts - Mensch ist und bleibt lebenslang, bis zu seinem Tod, eben dies: auf vielerlei Weise bedürftig und verletzlich.
Ob es ihm gefällt, ob er das zu akzeptieren befähigt ist oder nicht.
 
Es ist allerdings so hilfreich und entlastend wie empfehlenswert, diesen Umstand, diese unumstößliche, evidente Tatsache so früh als möglich im je persönlichen Leben zu erkennen und zu akzeptieren, da dies sowohl dem jeweiligen Individuum selbst als auch es umgebenden und mit ihm interagierenden anderen viel unnötiges Leid erspart.
 
Es gibt kein "Heraus" aus der Conditio humana, jedenfalls nicht, so lange Mensch Mensch ist (und nicht etwa Cyborg oder Androide).
Weder mittels Drogen, (Aber-) Glaube, Esoterik, Okkultem, Mystik, Meditation, Selbst- und Weltflucht, Selbstbetrug oder irgendetwas anderem.
 
So lange Mensch Mensch ist, erlebt, erfährt, empfindet, fühlt er Schmerz, Leid, Begehren, Bedürftigkeit, Verletzlichkeit, Sehnsucht, Freude, Trauer, Angst, aber auch ggf. Erkenntnis, Zugehörigkeit, Wertschätzung, Neugier, Entwicklung, Persönlichkeitsreifung, Mitgefühl, Verbundenheit, Solidarität, Erfülltsein, Dankbarkeit, Liebe - so er liebesfähig ist.
 
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Wenn du ein leidenschaftlicher Mensch bist, wirst du früher oder später feststellen, dass das Simmern auf gezähmter Flamme nicht nur mehr Leid zur Folge hat, sondern existenzieller Selbstverrat ist und deinem Wesen das Spiel mit dem Feuer durch nichts amputiert werden kann - es sei denn durch Rückgratbruch oder Mentizid.


Ja, Leidenschaft kostet u.a. Energie, erfordert Courage und Authentizität.
 
Der leidenschaftliche Mensch ist kein Duckmäuser, kein Mitläufer, kein Untertan, er versteckt sich nicht, schont sich nicht - er balanciert mehr oder minder permanent am Abgrund (seiner eigenen Existenz), in den zu blicken er zwangsläufig nicht nur bereit, sondern fähig sein m u s s - Sicherheit ist seine Sache nicht.
 
Leidenschaftlichkeit ist nichts, das man sich (etwa situationsbedingt) wie ein Hobby zu- und es wieder ablegt, es ist ein Persönlichkeitsfaktor, integraler Bestandteil der jeweiligen Persönlichkeit.

Alles oder nichts. Ganz oder gar nicht. - Er kann nicht anders. Nur so fühlt der leidenschaftliche Mensch sich lebendig und tatsächlich: frei.
 
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"Aber zu wissen, ob man mit seinen Leidenschaften leben kann, zu wissen, ob man ihr tiefes Gesetz - nämlich das Herz zu verbrennen, das sie gleichzeitig in Begeisterung versetzen - akzeptieren kann: das eben ist die Frage."
 
Albert Camus - "Der Mythos des Sisyphos"
update 13. Oktober 2020
 
Warum glauben Menschen - weltweit und immer noch, nicht nur trotz, sondern wegen Aufklärung, Wissenschaft, Vernunft - an "Gott", an ein "übergeordnets, metaphysisches Prinzip", also an eine bloße Vorstellung, ein Konstrukt, Phantasma, eine Illusion, ein Hirngespinst?
 
Der - infantile, unreife - Glaube an ein (vermeintlich existentes, bestehendes) übergeordnetes, metaphysisches Prinzip, einen "Gott", Götter, Wesen, Energie oder Ähnliches, basiert auf nichts anderem als dem Wunsch nach Halt, Trost, Sicherheit, Orientierung, Geborgenheit, Getragensein, Verbundensein, Einssein/Aufgehen/Verschmelzen (siehe "ozeanisches Gefühl"), Sinnhaftigkeit, d.h. auf der Unfähigkeit, Inkompetenz des jeweiligen gläubigen Individuums, mit der Conditio humana, mit Kontingenz, fehlender Teleologie und Sinnhaftigkeit, mit Komplexität, Ambivalenz, Widersprüchlichkeit, Absurdität, Unübersichtlichkeit, Ungewissheit, Unsicherheit, Angst und dem Tod, der - gerade auch eigenen - Sterblichkeit, Vergänglichkeit, d.h. dem Wissen, Bewusstsein hierüber angemessen, d.h. reif, vernünftig umzugehen.
 
Solcher Glaube, solches Denken, Fühlen und Sich-Verhalten basiert also auf Infantilität bzw. emotionaler, sozialer, intellektueller Unreife in Folge entsprechender frühkindlicher Prägung (auch: Beschädigung, bis hin zu Traumatisierung), gestörter, unsicherer, instabiler Bindung - mit hinreichend bekannten Folgen -  und/oder religiöser "Sozialisation" bis Indoktrination (durch Eltern, Familie, Gesellschaft, Kultur) in der Kindheit.
 
Typisch hierfür ist Welt-, Realitäts- und Selbstflucht (siehe auch sogen. "innere Emigration", Verbitterung), der selbstschonende, sanfte Selbstbetrug - nicht selten zu Lasten, zum Schaden anderer - und die Unfähigkeit, selbst aktiv zu lieben: andere, reale Menschen, Lebewesen im "Hier und Jetzt", im eigenen Leben, durch eigenes, entsprechend prosoziales, gewissenhaftes, verantwortungsvolles, rücksichtsvolles, zugewandtes, fürsorgliches, gebendes Verhalten - auf Basis von Mitgefühl und Bindungs-, Beziehungsfähigkeit.
 
Siehe hierzu unten verlinkte Quellen, bspw. Boris Cyrulnik, aber auch Erich Fromm, Arno Gruen, Alice Miller ... .
 
Da es gläubigen Menschen hieran aus oben bereits genannten Gründen häufig mangelt und/oder sie aus anderen Gründen - wie bspw. Alter, Krankheit, Gefangenschaft, Armut - einsam, sozial isoliert sind, Menschen aber als soziale Wesen/Primaten das Gemeinsamsein, Verbundensein mit anderen existenziell brauchen, hängen sie sich, um nicht zu verzweifeln, kompensatorisch an einen Ersatz, Stellvertreter, ein Surrogat, eine Illusion, Vorstellung, ein Konstrukt: "Gott".
 
Und innerhalb ihres jeweiligen Glaubenssystems erfahren sie auf diese Weise unter Umständen sogar gelegentlich, vorübergehend oberflächliche Zugehörigkeit, Gemeinsamsein, eine Art Verstanden- und Verbundensein. Dies hat allerdings oben bereits erwähnten "Preis" und ist nicht annähernd gleichsetzbar mit erfahrener und selbst gegebener Liebe, aktivem Lieben (siehe bei Erich Fromm nachlesbar) von "diesseitigen", gegenwärtigen, realen Menschen, Lebewesen und es ist nicht annähernd so heilsam und erfüllend wie solche Liebe.
 
Religiöser Glaube, inklusive Mystik, ist ein Ersatz für solche entbehrte Liebe, Bindung, Beziehung, ist Flucht vor und Verdrängung von der eigenen, persönlichen Liebesunfähigkeit sowie Angst, Unreife und Verzweiflung.
 
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update 10. August 2020
 
Nach meinem Verständnis von Liebe beinhaltet diese Verbundensein - ganz elementar, siehe Erich Fromm.
 
Bedingungslose Liebe gibt es - wenn - nur von den Eltern für Kinder.
 
Selbstverständlich impliziert Liebe auch Bedürfnisse nach Nähe, Verbundenheit, Gemeinsamsein, Vertrautheit ... . Beziehung. Deshalb kann Mensch "Götter" nicht lieben.
 
Einen "Gott" - der mir nur so, nur das (vermeintlich) "antwortet, zeigt, spiegelt, offenbart", das sich in nur meiner persönlichen, subjektiven Vorstellung über ihn befindet (oft auch: das mir über "Gott" erzählt, beigebracht, indoktriniert wurde) - kann ich mir nach meinen ureigenen Wünschen (auch Ängsten ...) denken, formen, vorstellen, gestalten und vermeintlich "erleben, erfahren". Alles abstrakt, alles nur in Subjekthaftigkeit, Selbstbezogenheit, Egozentrismus, Eskapismus gebettet. Bequem, angenehm, selbstschonend - auch dann, wenn es Zweifel(n) gibt.
 
Denn mir fehlt hierbei die Herausforderung, das unmittelbare, konkrete Angesprochen-, Herausgefordert-, Gefragt-, Gemeintsein durch ein leibhaftiges, leibliches (!), lebendiges, sinnlich wahrnehmbares, erfahrbares, existierendes Gegenüber - ein Lebewesen, demgegenüber ich mich verhalte und das sich zu mir verhält, demgegenüber ich v e r a n t w o r t l i ch bin - in meinem Tun, Verhalten.
 
Mit einem abstrakten, erdachten, konstruierten "Gott" gibt es keinen echten, tatsächlichen Dialog - es kann stets nur der Monolog mit sich selbst sein und bleiben. Man bleibt völlig auf sich selbst zurückgeworfen, in sich selbst verhaftet - es gibt gerade kein Überschreiten, Transzendieren (weder des Ego noch des Selbst, ohnehin nicht der Leiblichkeit, Bedürftigkeit), schon gar kein Reifen.

Es ist selbstschonender Selbstbetrug - Selbstflucht, Weltflucht, das Verweigern von Beziehung und Verantwortung, von aktivem Sich-Zuwenden zum und Einlassen auf den anderen: andere Lebewesen - im Hier und Jetzt.
 
Bestimmte Menschen wollen Liebe als etwas irgendwie "Reines", Abstraktes sehen - abseits jeglicher Menschlichkeit, Leiblichkeit, Bedürftigkeit.
Das ist üblicherweise ihrem Bedürfnis, jedenfalls Wunsch nach Übersichtlichkeit, Ordnung, Kontrolle und Sicherheit geschuldet. Auch wenn ihnen selbst das zumeist nicht so bewusst sein mag.
 
Liebe ist deshalb schmerzhaft, weil geliebte Menschen einen am intensivsten verletzen können und weil der Verlust schmerzt, auch deren Leid (psychisches oder physisches).

Liebe ist kein paradiesischer Zustand permanenter Harmonie.
 
Natürlich vermisst man einen geliebten Menschen, gleich, ob das ein Partner, Kind, Freund/in oder wer immer ist. Selbstverständlich sehnt man sich nach dessen Nähe, nach Gemeinsamsein. Auch wenn Sehnsucht, Verlust, Vermissen schmerzhaft sind.
 
Natürlich erwartet man etwas, eben weil man in Beziehung zu geliebten Menschen ist, sonst würde man sie auch nicht vermissen können - bspw. nach deren Tod.
 
Selbstverständlich impliziert Liebe u.a. auch Sehnsucht nach Gemeinsamsein, Verbundensein. Selbstverständlich schmerzt deshalb der Verlust, Tod eines geliebten Menschen oder auch Tieres.
 
Denn wir sind Menschen und als solche lebenslang bedürftig.
Und was wir beim aktiven Lieben (!) erfahren, ist genau das: Verbundensein. Und das beinhaltet Sehnsucht, Schmerz, auch Trauer, Wut, bedürfnisorientierte Fürsorge, Verantwortung, Freiheit, Erkenntnis (des Selbst und des Anderen), Herausforderung, Reifung ... .
 
Deshalb ist es so wichtig, nicht von etwa irgendwie abstrakter Liebe zu sprechen, sondern vom aktiven Lieben - von einer Haltung und einem Sich-Verhalten gegenüber dem geliebten Lebewesen. Und dieses lässt sich ja durchaus benennen, dieses Verhalten.
 
Liebe ist nie abstrakt, sondern immer konkret, bezüglich - siehe Beziehung, Interagieren, Verbundensein.
 
Mag sein, dass nicht wenige Menschen ihren Partner als Besitz, Eigentum betrachten, das aber ist nicht Liebe.
Das Problem kommt aus der "bürgerlichen Liebe", der patriarchalen Ehe (-Institution), dem romantisch Verklärten und dem Verwechseln von Liebe mit Verliebtsein, weil es Romane, Filme gleichsetzen, so darstellen und weil Monogamie nicht dauerhaft funktioniert.
 
Lieben hat mit Geben, Zuwenden, Zuneigung, Intimität und Intensität zu tun, nicht mit Besitzanspruch, nicht mit (serieller) Monogamie. Und Liebe wird nicht weniger, sondern "mehr", wenn man sie teilt, gibt.
 
Dabei geht es allerdings entscheidend um das Wie bzw. darum, ob es jeweils Liebe oder nur Benutzen, Konsumieren, Ausbeuten ist.
Aber durchaus erwartet man etwas, sonst ist es keine Verbundenheit, Vertrautheit, keine Beziehung: zum Anderen als Anderen. Und wir sind alle nicht perfekt.
 
Erich Fromm hat Liebe bzw. aktives Lieben so viel klarer, strukturierter, verständlicher erklärt, "definiert", so in seinem Klassiker "Die Kunst des Liebens".
 
So auch Emmanuel Lévinas - über den Anderen, die eigene Haltung zu ihm, das persönliche (Sich-) Verhalten ihm gegenüber: Ethik, Verantwortung, Liebe.
 
Basaler Urgrund für sowohl Lieben, Liebesfähigkeit, als auch intrinsische Moral (statt religiös, ideologisch oktroyierter) ist das jedem Menschen wie auch anderen Primaten angeborene Mitgefühl.
 
Übrigens: das erkannt zu haben, bedeutet nicht zwangsläufig, es auch vollständig bereits leben zu können. Es ist ein Weg - letztlich ein lebenslanger.
Unabdingbar ist dafür (das Erlangen, jedenfalls Anstreben von) Reife. Klingt banal, pauschal, ist es in Lebenspraxis aber nicht.
 
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Zögern, Zaudern, Begehren, Leiden, Courage-Mangel, Wahrhaftigkeit – Mensch sein
 
Durch all die, oft auch unbewussten, Bestrebungen nach und Bemühungen um Selbstschutz – sich vor Enttäuschungen, vor dem Verletztwerden, vorm Fallen, vor dem Haltlossein schützen wollen bzw. zu schützen versuchen – durch all die Angst, Vorsicht, das Misstrauen davor, zu viel zu investieren, zu geben, zu wenig zurückzubekommen, zu sehr selbst, d.h. mit seinem Selbst, viel mehr: seinem Ich/Ego auf der Strecke zu bleiben, durch all das: werden die zwischenmenschlichen Kontakte, Beziehungen immer mehr zu oberflächlichen, bloß vorläufigen, vorübergehenden, mittelmäßigen, leidenschaftslosen, zu Instant-Begegnungen.
 
Diverse (mögliche, mehr oder minder wahrscheinliche oder auch bloß befürchtete) Risiken sollen weitestgehend vermieden oder ganz ausgeschaltet, umgangen werden; wenn überhaupt, so sollen sie sich nur gezügelt, gezähmt, gesteuert, kontrolliert auf einen bestimmten, relativ genau festgeleten/umgrenzten (und zumeist sexuellen) Rahmen beschränken und dort so – gestutzt, geschliffen, gefiltert, abgemildert, domestiziert, also: gefahrenlos – erleben lassen.
 
Man will in keine Tiefen, schon gar nicht in "Abgründe" blicken – weder in eigene, noch (weniger) in die des Anderen, dem man vermeintlich aber dennoch "nahezusein" glaubt, dem man nahe zu sein wünscht, begehrt, ohne sich dabei selbst verlieren, gar "opfern" zu wollen (noch weniger: zu sollen).
Denn die Sehnsucht nach Nähe und Verbundenheit ist trotzdem beständig vorhanden; manchmal auch nur unterschwellig, unbewusst, vorbewusst.
 
Man will nur die spaßbringende Sonnenseite, das Vergnügen, die Leichtigkeit, Unbeschwertheit, die Vorzüge, Vorteile, nur den Zuckerguss, nicht aber die ganze, d.h. gesamte Entität, Person betrachten, erleben - und: sich damit eingehend befassen, auseinandersetzen, daran aufreiben, daran stoßen, besonders auch: sich selbst darin finden, entdecken, erkennen, widerspiegeln - sie also annehmen, einbeziehen, damit leben.
 
Jedoch – es geht nicht: ohne (den) Schmerz, so sehr wir ihn verabscheuen, fürchten, ablehnen, übertünchen und auszulagern, zu verdrängen, zu vermeiden suchen, ihm zu entfliehen, zu entkommen versuchen, uns nach Kräften hierum bemühen und: so verständlich, nachvollziehbar und menschlich das ist.
 
Denn: Es ermöglicht diese "Kehrseite der Medaille" gerade erst die umfassende, das Selbst erfassende, durchdringende Lust, Freude, Intensität, dieses Hoch-, Glücksgefühl und Dankbarkeit – das Gefühl von Erfülltsein, Ganz-/Heilsein, wahr, echt, satt, lebendig und vollständig (zu) sein – also auch und gerade (durch) Tiefe und Leidenschaft - Hingabe, Öffnen, Zulassen, Einlassen, Gewähren- und Geschehenlassen.
 
Wenn kein Schmerz, kein Leid, somit kein Mangel, Wünschen, Wollen, also kein Entbehren und Begehren mehr ist, bleibt vom Menschen (seinem Menschsein) nichts übrig.
 
Warum?
Der Mensch kann nicht ausschließlich "reiner Geist" sein, d.h. nur dieser immaterielle, körper-, leiblose "schwebende", losgelöste, unbeschwerte, entgrenzte, befreite, vermeintlich erhabene (Bewusst-) Seins-Zustand, denn er hat einen Körper, einen Leib, mehr noch: Er ist dieser - sein je individueller - Leib.
 
Alles, das in, an und mit diesem (seinem je "eigenen") Leib, Körper passiert (ganz gleich, ob bewusst oder unbewusst, nicht selten hat jedoch das unbewusst Erlebte, Gespürte, im Körper Geschehende, Ablaufende einen sogar größeren, d.h. gewichtigeren, weitreichenderen, folgenschwereren Anteil und Einfluss: auf unser Denken, Entscheiden, Verhalten, Tun, auch wenn uns dies überwiegend also gerade nicht bewusst ist), macht uns in jedem Moment zu dem, das wir (vor allem nach außen hin) sind oder anderen als so seiend erscheinen, wirkt unmittelbar, intensiv und initiierend auf unser Denken, Fühlen, Handeln.
 
Schon seit Kindesbeinen an formt unser sich entwickelnder Körper - d.h. die Erfahrungen, welche wir sinnlich, haptisch mit ihm und nur d u r c h ihn in Interaktion mit bzw. in der uns umgebenden Welt machen - unser Denken, Fühlen, Handeln, somit unsere individuelle Persönlichkeit, unseren Charakter und (später) auch unser (mehr oder minder bewusstes, reflektiertes) Selbstbild und Selbstverständnis.
 
Es kann demzufolge unser jeweiliges Selbst, Ich, unsere Identität und Persönlichkeit ohne unsere Leiblichkeit, Materialität, Stofflichkeit gar nicht geben, nicht als existierend, seiend möglich sein.
 
Mit anderen Worten: Es gibt keinen Leib-Seele-Dualismus - im Sinne einer Trennbarkeit, Getrenntheit oder Spaltung von/in Körper und "Geist".
 
Heute verdanken wir diese Einsicht und Erkenntnis insbesondere der Hirnforschung, der Neurobiologie, Neurophysiologie, der kognitiven Neurowissenschaft sowie der Interdisziplinarität.
 
Doch schon zu weit zurückliegenden Zeiten wussten Menschen in unterschiedlichen, sich mitunter erheblich voneinander unterscheidenden und räumlich getrennten Kulturen um die Einheit von "Leib und Seele", "Körper und Geist".
Beispielgebend seien hier einge der bekannteren, mehrheitlich sehr alten und sämtlich ganzheitlich ausgerichteten Heilverfahren, Heilmethoden genannt:
 
das ca. 3.000 bis 5.000 Jahre alte Ayurveda, mit Ursprung in Indien
 
die ca. 2.000 Jahre alte Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)
 
die (ebenfalls jahrtausendealte) Tibetische Medizin
 
die Ägyptische Medizin aus der Zeit ca. 2.600 v. Chr.
 
die (griechische u. römische) Antike Medizin aus ab etwa dem 5. vorchristlichen Jahrhundert – spontan fallen einem Hippokrates und Galen ein
 
den prähistorischen, ca. 30.000 bis 500.000 Jahre alten, bis ins Paläolithikum zurückreichenden Schamanismus - welcher nicht ausschließlich als spirituelle Praktik oder gar Religion, als ausschließlich Ausdruck religiösen Glaubens betrachtet werden darf, sondern ebenso als Heilverfahren, "Therapieform"; und der sich über ausnahmslos alle Kontinente und Ethnien der Erde – wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen … - verbreitete
 
Immerhin ist mittlerweile auch in unserer heutigen westlichen, Technik dominierten sowie auf beinahe ausschließlich auf Symptombehandlung beruhenden Schulmedizin wenigstens randläufig angekommen, dass - eigentlich -  nur mittels einer ganzheitlich ausgerichteten Therapie/Behandlung wirkliche, umfassende und vor allem dauerhafte, beständige Heilung erreicht (d.h. dem Kranken ermöglicht) werden kann.  – Man denke hier u.a. an den sogen. Placebo- und Nocebo-Effekt, an der Schulmedizin unerklärliche, gänzlich unerwartete, unvorhergesehene, nicht nachvollziehbare und dennoch immer wieder auftretende "Spontanheilungen" (auch bei schweren, als tödlich prognostizierten Krebserkrankungen, Erkrankungsverläufen, -stadien) und an die lange unterschätzten, stiefmütterlich vernachlässigten Selbstheilungskräfte. Letzteres selbstredend nicht ohne Grund: profitieren davon doch weder Ärzte noch Pharmaunternehmen.
 
Es kann nichts mit, in oder nur an dem Körper eines Menschen getan, vorgenommen werden, ohne dass dies sich unweigerlich auch auf sein Fühlen, seine Emotionalität, sein Denken auswirkt und umgekehrt: Nichts, das im Denken und/oder Fühlen eines Menschen ist, bleibt ohne Auswirkung(en) auf seine Physis. Sei dies nun unmittelbar, direkt, augenblicklich oder mit (kurz- oder längerfristiger) zeitlicher Verzögerung, für nur einen Moment oder über eine längere Zeitspanne hinweg, sei es nur geringfügig, kaum merklich oder deutlich ausgeprägt, intensiv spür- oder anderweitig erkennbar, sei es bewusst oder un-, vorbewusst.
 
Nach diesem kleinen Exkurs, zurück nun zu unserem eigentlichen Betrachtungsgegenstand.
 
Der Körper kann durch auch bzw. "sogar" den menschlichen "Geist", den Verstand zweifelsohne nicht dazu gebracht werden, dauerhaft, beständig, kontinuierlich keinerlei (körperlichen) Bedürfnisse, wie bspw. solche nach Nahrung, Schlaf, Ausscheidung etc., (mehr), keine sinnlichen Wahrnehmungen mehr zu haben, nicht (mehr) von und mit der ihn umgebenden, auf ihn einwirkenden und z.T. also sogar (fein-) stofflich in ihn eindringenden "Außenwelt" konfrontiert zu sein, mit ihr zu interagieren, auf sie zu reagieren und in ihr zu existieren, zu sein.
 
Wir  s i n d  de facto Tiere – Kreatur, also: Materie, mit allem, das dies in Konsequenz bedeutet, beinhaltet und verlangt, schon also für das bloße Weiterexistieren-, Überlebenkönnen.
Wir sind mit Verstand belegte, ausgestattete Säugetiere. Nichts mehr, nichts weniger.
 
Wir können uns – so wenig wie die anderen Tiere auf unserem Planeten – einer gewissen Determiniertheit nicht einfach durch eigenen (trotzigen, ignoranten oder vermessenen) Beschluss, "Willensakt" entziehen, verweigern, darüber hinwegsetzen, darüber "hinausgehen" - das anzunehmen, von selbst nur der Möglichkeit dessen auszugehen, ist beschämende Hybris. Oder unverzeihliche Dummheit.  
 
Und so sind wir, wie ich meine, unausweichlich, aufgrund unseres Menschseins, unseres Gesetztseins, Wesens, Soseins (conditio humana) diversen äußeren Einwirkungen und inneren Trugschlüssen unterworfen – erleben, empfinden, interpretieren "die Welt" oft als so dualistisch, widersprüchlich, mehrdeutig, inkohäränt, fragmentarisch - aber eben auch als vielfältig und reichhaltig.
 
Es ist uns zwangsläufig nur dasjenige wahrzunehmen, zu erleben, zu erfahren, zu erkennen möglich, das uns auf der Basis unseres Menschseins, unserer Beschaffenheit, Konstitution, der Tätigkeit und Abläufe in unserem Gehirn und "Restkörper" in Korrelation mit der Außenwelt - wahrzunehmen, zu erleben, zu erfahren, zu erkennen eben möglich, d.h. gegeben, in uns angelegt ist.
 
Es gibt kein "Darüberhinaus".  –  Wie auch?
 
Wir können folglich auch mit größter Willensanstrengung, Selbstdisziplin, Selbstbeherrschung oder auch Selbstüberwindung nicht ausnahmslos, nicht langfristig/dauerhaft "die Sonne scheinen lassen" – nicht einmal in lediglich unserem eigenen, kleinen, je individuellen, je persönlichen Kosmos.
 
Deshalb sind sämtliche Versuche in diese Richtung von vornherein notwendigerweise und unvermeidlich zum Scheitern verurteilt.
 
Dennoch …
 
Jeder Mensch möchte seinen je (ihm) eigenen Weg gehen, seine persönlichen Erfahrungen mit all dem (am eigenen Leib ;) ) machen und muss/kann nur seine je individuellen Schlüsse daraus ziehen sowie handlungsbezogenen Konsequenzen daraus ableiten – auch dies: so weit, wie es dem Einzelnen jeweils erkennend, analysierend, abstrahierend, erfahrend, reflektierend und fühlend, empfindend aufgrund seiner individuellen genetischen "Ausstattung" und seiner Prägung, Sozialisation, Erfahrung möglich, machbar ist – was im Übrigen nicht wenig auch damit zu tun hat:
 
wie wahrhaftig man sich selbst gegenüber zu sein bereit ist, zu sein ertragen kann.
 
-
 
Leidenschaft:
 
Du musst die Grenzüberschreitung nicht nur wollen, du vollziehst sie - gegen deinen "Willen", gegen den Verstand. Du kannst nicht dagegen an.  Dann: bist du ein leidenschaftlicher Mensch.

Keine Leidenschaft ohne Risiko, ohne Gefahr, ohne Leid.

Schmerz und Lust sowie Leid und Freude - sind stets vermählt. Das ist das Urprinzip von Leben und Tod bzw. S t e r b e n. Denn es ist dies ein fortwährender Prozess.
 
Und das bezieht sich selbstredend gerade nicht auf ausschließlich das sexuelle, klar abgesteckte, gesicherte Terrain.
Wer das so handhabt, praktiziert die schonende Instantvariante bzw. betrügt sich selbst, mögen die Praktiken auch noch so "krass" sein.
 
Es ist Leidenschaft absolut nicht gleichsetzbar mit Sex, schon gar nicht mit Pornographie - und auch nicht mit BDSM.
 
Es ist das absichtsvolle, lustvolle wie qualreiche Balancieren am Abgrund.
 
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Welche Funktion hat Schmerz, außer jener, als Warnsignal zu fungieren?
 
Der Schmerz ist erforderlich: um mitfühlen, um Mitgefühl haben bzw. geben zu können - um dessen fähig zu sein.
 
Nur durch das Erleben, das Kennen, die Erfahrung eigenen (physischen wie psychischen) Schmerzes ist es uns möglich, den Schmerz des/im Anderen wahrnehmen und "richtig" deuten, nachvollziehen, mitfühlen zu können. (Im Rahmen bestimmter Möglichkeiten, Grenzen allerdings nur, ja.)
 
Das setzt unabdingbar voraus, dass wir unseren eigenen Schmerz "zulassen" können, dass wir verletzlich sind und uns als verletzlich und bedürftig zeigen können.

Eine weiterer Aspekt von Schmerz ist, dass ein Mensch in wirklichem, echten, tiefen Schmerz (-erleben, -empfinden) authentisch ist - dies nur sein kann.
 
Je nach Schmerzart, -intensität und -dauer ist man zwar auch sich selbst "fern", entrückt - man kann nicht mehr klar denken, sich äußern, handeln ..., insbesondere trifft dies auf physische Schmerzzustände zu, jedoch auch auf psychische.
Dennoch lässt diese echte, intensive Schmerzsituation üblicherweise nicht zu, dass man sich verstellen kann; man lässt gewissermaßen alle Hüllen, Masken fallen, kann nicht mehr mauern, nichts vorgaukeln - der Schmerz lässt dafür keine Kapazitäten, keine Kraft, keinen Spiel-Raum mehr.
 
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