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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Über Erkenntnis, Reife, Weisheit, Liebe(n), die conditio humana, das Überwinden von Abgetrenntsein, Einsamkeit, Absurdität (durch Vergänglichkeit, Vergeblichkeit), über Angst, Schmerz, Gewalt, Heilung, Beziehung, Sinnfindung

 
update 10. August 2020
 
Nach meinem Verständnis von Liebe beinhaltet diese Verbundensein - ganz elementar, siehe Erich Fromm.
 
Bedingungslose Liebe gibt es - wenn - nur von den Eltern für Kinder.
 
Selbstverständlich impliziert Liebe auch Bedürfnisse nach Nähe, Verbundenheit, Gemeinsamsein, Vertrautheit ... . Beziehung. Deshalb kann Mensch "Götter" nicht lieben.
 
Einen "Gott" - der mir nur so, nur das (vermeintlich) "antwortet, zeigt, spiegelt, offenbart", das sich in nur meiner persönlichen, subjektiven Vorstellung über ihn befindet (oft auch: das mir über "Gott" erzählt, beigebracht, indoktriniert wurde) - kann ich mir nach meinen ureigenen Wünschen (auch Ängsten ...) denken, formen, vorstellen, gestalten und vermeintlich "erleben, erfahren". Alles abstrakt, alles nur in Subjekthaftigkeit, Selbstbezogenheit, Egozentrismus, Eskapismus gebettet. Bequem, angenehm, selbstschonend - auch dann, wenn es Zweifel(n) gibt.
 
Denn mir fehlt hierbei die Herausforderung, das unmittelbare, konkrete Angesprochen-, Herausgefordert-, Gefragt-, Gemeintsein durch ein leibhaftiges, leibliches (!), lebendiges, sinnlich wahrnehmbares, erfahrbares, existierendes Gegenüber - ein Lebewesen, demgegenüber ich mich verhalte und das sich zu mir verhält, demgegenüber ich v e r a n t w o r t l i ch bin - in meinem Tun, Verhalten.
 
Mit einem abstrakten, erdachten, konstruierten "Gott" gibt es keinen echten, tatsächlichen Dialog - es kann stets nur der Monolog mit sich selbst sein und bleiben. Man bleibt völlig auf sich selbst zurückgeworfen, in sich selbst verhaftet - es gibt gerade kein Überschreiten, Transzendieren (weder des Ego noch des Selbst, ohnehin nicht der Leiblichkeit, Bedürftigkeit), schon gar kein Reifen.

Es ist selbstschonender Selbstbetrug - Selbstflucht, Weltflucht, das Verweigern von Beziehung und Verantwortung, von aktivem Sich-Zuwenden zum und Einlassen auf den anderen: andere Lebewesen - im Hier und Jetzt.
 
Bestimmte Menschen wollen Liebe als etwas irgendwie "Reines", Abstraktes sehen - abseits jeglicher Menschlichkeit, Leiblichkeit, Bedürftigkeit.
Das ist üblicherweise ihrem Bedürfnis, jedenfalls Wunsch nach Übersichtlichkeit, Ordnung, Kontrolle und Sicherheit geschuldet. Auch wenn ihnen selbst das zumeist nicht so bewusst sein mag.
 
Liebe ist deshalb schmerzhaft, weil geliebte Menschen einen am intensivsten verletzen können und weil der Verlust schmerzt, auch deren Leid (psychisches oder physisches).

Liebe ist kein paradiesischer Zustand permanenter Harmonie.
 
Natürlich vermisst man einen geliebten Menschen, gleich, ob das ein Partner, Kind, Freund/in oder wer immer ist. Selbstverständlich sehnt man sich nach dessen Nähe, nach Gemeinsamsein. Auch wenn Sehnsucht, Verlust, Vermissen schmerzhaft sind.
 
Natürlich erwartet man etwas, eben weil man in Beziehung zu geliebten Menschen ist, sonst würde man sie auch nicht vermissen können - bspw. nach deren Tod.
 
Selbstverständlich impliziert Liebe u.a. auch Sehnsucht nach Gemeinsamsein, Verbundensein. Selbstverständlich schmerzt deshalb der Verlust, Tod eines geliebten Menschen oder auch Tieres.
 
Denn wir sind Menschen und als solche lebenslang bedürftig.
Und was wir beim aktiven Lieben (!) erfahren, ist genau das: Verbundensein. Und das beinhaltet Sehnsucht, Schmerz, auch Trauer, Wut, bedürfnisorientierte Fürsorge, Verantwortung, Freiheit, Erkenntnis (des Selbst und des Anderen), Herausforderung, Reifung ... .
 
Deshalb ist es so wichtig, nicht von etwa irgendwie abstrakter Liebe zu sprechen, sondern vom aktiven Lieben - von einer Haltung und einem Sich-Verhalten gegenüber dem geliebten Lebewesen. Und dieses lässt sich ja durchaus benennen, dieses Verhalten.
 
Liebe ist nie abstrakt, sondern immer konkret, bezüglich - siehe Beziehung, Interagieren, Verbundensein.
 
Mag sein, dass nicht wenige Menschen ihren Partner als Besitz, Eigentum betrachten, das aber ist nicht Liebe.
Das Problem kommt aus der "bürgerlichen Liebe", der patriarchalen Ehe (-Institution), dem romantisch Verklärten und dem Verwechseln von Liebe mit Verliebtsein, weil es Romane, Filme gleichsetzen, so darstellen und weil Monogamie nicht dauerhaft funktioniert.
 
Lieben hat mit Geben, Zuwenden, Zuneigung, Intimität und Intensität zu tun, nicht mit Besitzanspruch, nicht mit (serieller) Monogamie. Und Liebe wird nicht weniger, sondern "mehr", wenn man sie teilt, gibt.
 
Dabei geht es allerdings entscheidend um das Wie bzw. darum, ob es jeweils Liebe oder nur Benutzen, Konsumieren, Ausbeuten ist.
Aber durchaus erwartet man etwas, sonst ist es keine Verbundenheit, Vertrautheit, keine Beziehung: zum Anderen als Anderen. Und wir sind alle nicht perfekt.
 
Erich Fromm hat Liebe bzw. aktives Lieben so viel klarer, strukturierter, verständlicher erklärt, "definiert", so in seinem Klassiker "Die Kunst des Liebens".
 
So auch Emmanuel Lévinas - über den Anderen, die eigene Haltung zu ihm, das persönliche (Sich-) Verhalten ihm gegenüber: Ethik, Verantwortung, Liebe.
 
Basaler Urgrund für sowohl Lieben, Liebesfähigkeit, als auch intrinsische Moral (statt religiös, ideologisch oktroyierter) ist das jedem Menschen wie auch anderen Primaten angeborene Mitgefühl.
 
Übrigens: das erkannt zu haben, bedeutet nicht zwangsläufig, es auch vollständig bereits leben zu können. Es ist ein Weg - letztlich ein lebenslanger.
Unabdingbar ist dafür (das Erlangen, jedenfalls Anstreben von) Reife. Klingt banal, pauschal, ist es in Lebenspraxis aber nicht.
 
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update 27. Oktober 2020
 
Es kann viele Gründe dafür geben, warum ein Mensch unglücklich ist. Ein Mensch aber, der nicht lieben kann, wird niemals glücklich (lebenszufrieden), friedvoll, erfüllt sein können.
 
Das "Glück", das Erfülltsein liegt im zugewandten, herzlichen, fürsorglichen Geben und Teilen. Wer nur nimmt, wird niemals "satt" - zufrieden, erfüllt sein, denn Gier ist unstillbar. Und sie geht stets mit Geiz und Selbstsucht einher.
 
Wer nicht lieben kann, dem ist ein ganzes Universum unzugänglich, verschlossen. Unerreichbar. Er kann nur "unglücklich" sein und dies stets bleiben.
 
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Über Erkenntnis, Reife, Weisheit, Liebe(n), die conditio humana, das Überwinden von Abgetrenntsein, Einsamkeit, Absurdität (durch Vergänglichkeit, Vergeblichkeit), über Angst, Schmerz, Gewalt, Heilung, Beziehung, Sinnfindung
 
Zum ersten Mal las ich Erich Fromms "Die Kunst des Liebens" im Alter von 18 Jahren - damals habe ich es noch kaum verstanden, jedenfalls nicht verinnerlicht - mir fehlte schlicht die erforderliche Lebenserfahrung und das Reflexionsvermögen.
 
Heute lese ich es daher vor einem Erfahrungshintergrund, der all die im Buch aufgeführten Einsichten, Fakten genau deshalb überhaupt erst verständlich macht (sein lässt), weil man zur je persönlichen Erkenntnis derselben aufgrund gerade des persönlichen Erfahrungshintergrunds selbst gelangt ist - man fühlt sich also in seinem Erkennen bestätigt, d.h. darin, dass es gewissermaßen noch zusätzlich verifiziert wird, weil man nicht allein zu dieser Erkenntnis gelangt ist, sondern zu seiner Freude feststellen kann/darf, dass andere Menschen zur gleichen Erkenntnis gelangten - wiederum auf Basis ihrer eigenen im Lebensverlauf gemachten Erfahrungen und allgemeiner, grundsätzlich: der conditio humana.
 
Im Grunde sollten Erich Fromms wie auch Arno Gruens analytische, reichhaltige Werke in jeder Schule (für Schüler im Alter ab ca. 13 Jahre) Standardlektüre sein, allerdings angemessen durch gewissenhafte, umsichtige, erfahrene, reflektierte, reife Erwachsene begleitet.
Und das idealerweise weltweit. - Vielleicht hätten wir dann bereits kollektiv eine reifere Bewusstseinsebene erlangt und etliche aktuell weltweit bestehende "Missstände" überwunden, bewältigt oder gar nicht erst erlitten.
 
Erkenntnis, Reflexionsfähigkeit, Reife, Liebe - all das muss, sollte, darf und kann im Grunde nicht von außen oktroyiert werden - durch (religiöse) Ideologie, durch "Gurus", irgendwelche (vermeintlich spirituellen) Lehrer, gar "Führer" - sie kann nur als wahre Erkenntnis aus dem eigenen Selbst erwachsen und mit diesem reifen, sich entfalten, das aber insbesondere: durch Beziehung. Zum anderen. Zum Du. Gerade auch zum Fremden.
 
Echte, wahrhaftige Beziehung ermöglicht all das für jeden Menschen Unentbehrliche: Lernen, Erkennen, Reifen, Lieben und tatsächlich auch: Heilen.
 
Weisheit entspringt letztlich immer dem Herzen, nicht dem "Geist".
 
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In Bezug auf die Begriffe "Erkenntnis" und "Wahrheit" sollten wir unterscheiden zwischen dem naturwissenschaftlichen und dem philosophischen Wahrheitsbegriff.

In den Naturwissenschaften ist alles Wissen (wiederum nicht mit "Wahrheit" gleichsetzbar) ein stets und zwangsläufig vorläufiges, falsifizierbares, das kennzeichnet Wissenschaftlichkeit als solche, ist ein unverzichtbares Kriterium für selbige.

Dann gibt es den Wahrheitsbegriff der (Formal- ) Logik (Teilgebiet nicht nur der Mathematik, sondern gerade der Philosophie). Hier geht es um eine abstrakte Definition und Behandlung von Wahrheit, siehe, unter welchen Prämissen eine Aussage, eine Konklusion als wahr oder falsch gelten kann bzw. "muss" - das so in grober Kurzfassung.
Wahrheit hängt hier also mit einer Aussage, einem Urteil zusammen, wird diesem zugeschrieben (oder auch nicht).

Schließlich gibt es die philosophische "Wahrheitsfindung, -suche".
In der Korrespondenztheorie geht es darum, dass es eine Übereinstimmung einer Aussage, eines Urteils mit der Wirklichkeit geben muss (siehe Naturwissenschaften).
Der Wahrheitsbegriff hängt wesentlich mit Sprache zusammen (siehe Sprachphilosophie, aber eben auch Logik, siehe Wahrheitskriterien).

Mit der Erkenntnis verhält es sich tatsächlich ähnlich - auch hier gibt es verschiedene Erkenntnistheorien.
Hier wird jedoch nicht nur der Gegenstand und die Art und Weise des zu Erkennenden betrachtet, untersucht, sondern auch, die Möglichkeit zu Erkenntnis und ihr Ursprung (immer auf den Menschen bezogen).

Daneben gibt es dann noch den spirituellen Zugang/Weg und das Erfahrungswissen (empirische Erkenntnis), das nicht nur in Naturwissenschaften ein Faktor ist, sondern eben auch im subjektiven Erleben des jeweiligen Individuums.
Damit das Individuum sich diesbezüglich nicht verrennt, verirrt, täuscht, braucht es den Anschluss an allgemein geltende Kriterien, Wissen, Erkenntnis, also Verifizierbarkeit - wiederum auf Basis des oben Genannten.
 
Letztlich beziehe ich eine umfassende, reflektierte Erkenntnis - auf Basis gerade persönlicher Lebenserfahrung und Reife - auf Weisheit.

Weisheit ist wohl definierbar (siehe wiederum Sprache), nicht aber (auf naturwissenschaftliche Weise) messbar.

Für mich persönlich gründet Weisheit sich nicht "nur" auf verstand-, vernunftbasierte Erkenntnis (-fähigkeit), sondern hat vor allem mit Reflexionsvermögen, Selbstkritik, emotionaler Reife (siehe Persönlichkeitsentwicklung) zu tun - mit einer daraus resultierenden (Lebens-) Haltung, mit entsprechendem (Sich-) Verhalten.

Vor diesem (Definitions-) Hintergrund ist Weisheit für mich eng verwandt mit Liebe(n).
 
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"[...] Beziehen wir uns auf jene Liebe, die ein reifer Mensch als Antwort auf das Existenzproblem gibt, oder sprechen wir von jenen unreifen Formen der Liebe, die man als symbiotische Vereinigung bezeichnen kann? [...]
 
Die passive Form der symbiotischen Vereinigung ist die Unterwerfung oder - wenn wir uns der klinischen Bezeichnung bedienen - der Masochismus. Der masochistische Mensch entrinnt dem unerträglichen Gefühl der Isolation und der Abgetrenntheit dadurch, dass er sich zu einem untrennbaren Bestandteil einer anderen Person macht, die ihn lenkt, leitet und beschützt (...). Die Macht dessen, dem man sich unterwirft, ist aufgebläht, sei es nun ein Mensch oder ein Gott. Er ist alles, ich bin nichts, außer als Teil von ihm. (...)
Er ist nie allein - aber er ist nicht unabhängig; er besitzt keine Integrität; er ist noch nicht ganz geboren. [...]
 
Die masochistische Beziehung kann mit körperlichem, sexuellen Begehren gekoppelt sein; in diesem Fall handelt es sich nicht nur um eine geistig-seelische Unterwerfung, sondern um eine, die den gesamten Körper mitbetrifft. [...]
 
(...) in jedem Fall verzichtet der Betreffende auf seine Integrität, macht er sich zum Instrument eines anderen Menschen oder eines Dings außerhalb seiner selbst. Er ist dann der Aufgabe enthoben, das Problem des Lebens durch produktives Tätigsein zu lösen.
 
Die aktive Form der symbiotischen Vereinigung ist die Beherrschung eines anderen Menschen oder - psychologisch ausgedrückt und analog zum Masochismus - Sadismus. Der sadistische Mensch möchte seiner Einsamkeit und seinem Gefühl, ein Gefangener zu sein, dadurch entrinnen, dass er einen anderen Menschen zu einem untrennbaren Bestandteil seiner selbst macht. Er bläht sich auf und vergrößert sich, indem er sich eine andere Person, die ihn verehrt, einverleibt.
Der Sadist ist von dem, der sich ihm unterwirft, ebenso abhängig wie dieser von ihm; keiner von beiden kann ohne den anderen leben. Der Unterschied liegt nur darin, dass der Sadist den anderen kommandiert, ausnutzt, verletzt und demütigt, während der Masochist sich kommandieren, ausnutzen, verletzen und demütigen lässt. [...]
 
(...) was beide gemeinsam haben: Sie wollen Vereinigung ohne Integrität. Wer das begreift, wird sich nicht darüber wundern, dass ein und derselbe Mensch gewöhnlich sowohl auf sadistische wie auch auf masochistische Weise reagiert - meist verschiedenen Objekten gegenüber. [...]
Im Gegensatz zur symbiotischen Vereinigung ist die reife Liebe eine Vereinigung, bei der die eigene Integrität und Individualität bewahrt bleibt. Liebe ist eine aktive Kraft im Menschen. Sie ist eine Kraft, welche die Wände niederreisst, die den Menschen von seinem Mitmenschen trennen, eine Kraft, die ihn mit anderen vereinigt. Die Liebe lässt ihn das Gefühl der Isolation und Abgetrenntheit überwinden und erlaubt ihm trotzdem er selbst zu sein und seine Integrität zu behalten. In der Liebe kommt es zu dem Paradoxon, dass zwei Wesen eins werden und trotzdem zwei bleiben. [...]
 
Liebe ist eine Aktivität und kein passiver Affekt. Sie ist etwas, das man in sich selbst entwickelt, nicht etwas, dem man verfällt.
Ganz allgemein kann man den aktiven Charakter der Liebe so beschreiben, dass man sagt, sie ist in erster Linie ein Geben und nicht ein Empfangen. [...]
 
Das verbreitete Missverständnis besteht in der Annahme, geben heiße etwas `aufgeben´, dessen man damit beraubt wird und das man zum Opfer bringt. Jemand, dessen Charakter sich noch nicht über das Stadium der rezeptiven, ausbeuterischen oder hortenden Orientierung hinausentwickelt hat, erfährt den Akt des Gebens auf diese Weise. Der Marketing-Charakter ist zwar bereit, etwas herzugeben, jedoch nur im Austausch für etwas anderes, das er empfängt; zu geben, ohne etwas zu empfangen, ist für ihn gleichbedeutend mit Betrogenwerden. [...]
 
Menschen, die im wesentlichen nicht-schöpferisch orientiert sind, empfinden das Geben als eine Verarmung. [...]
 
Manche machen aus dem Geben eine Tugend im Sinne eines Opfers. Sie haben das Gefühl, man sollte eben deshalb geben, weil es so schwerfällt; das Geben wird erst dadurch, dass sie bereit sind, ein Opfer zu brignen, für sie zur Tugend. Für sie bedeutet das Gebot `Geben ist seliger denn Nehmen´, dass es besser sei, Entbehrungen zu erleiden als Freude zu erfahren.
Für den produktiven Charakter hat das Geben eine ganz andere Bedeutung. Für ihn ist das Geben höchster Ausdruck seines Vermögens. [...] Ich erlebe mich selbst als überströmend, hergebend, lebendig und voll Freude. [...]
 
Dennoch kann Armut, wenn sie ein bestimmtes Maß überschreitet, es unmöglich machen, zu geben, und sie ist dann nicht nur wegen der Entbehrungen, die sie unmittelbar verursacht, so erniedrigend, sondern auch weil sie dem Armen die Freude des Gebens nicht erlaubt.
Der wichtigste Bereich des Gebens liegt jedoch nicht im Materiellen, sondern im zwischenmeschlichen Bereich. Was gibt ein Mensch dem anderen? Er gibt etwas von sich selbst, vom Kostbarsten, was er besitzt, er gibt etwas von seinem Leben.
Das bedeutet nicht unbedingt, dass er sein Leben für den anderen opfert - sondern dass er ihm etwas von dem gibt, was in ihm lebendig ist; er gibt ihm etwas von seiner Freude, von seinem Interesse, von seinem Verständnis, von seinem Wissen, von seinem Humor, von seiner Traurigkeit - von allem, was in ihm lebendig ist. Indem er dem anderen auf diese Weise etwas von seinem Leben abgibt, bereichert er ihn, steigert er beim anderen das Gefühl des Lebendigseins und verstärkt damit dieses Gefühl des Lebendigseins auch in sich selbst. [...]
 
Impotenz ist die Unfähigkeit, Liebe zu erzeugen. [...]
Wir brauchen wohl nicht besonders darauf hinzuweisen, dass die Fähigkeit zur Liebe - wird Liebe als ein Akt des Gebens verstanden - von der Charakterentwicklung des Betreffenden abhängt. Sie setzt voraus, dass er bereits zu einer vorherrschend produktiven Orientierung gelangt ist; bei einer solchen Orientierung hat der Betreffende seine Abhängikeit, sein narzisstisches Allmachtsgefühl, den Wunsch, andere auszubeuten oder den Wunsch zu horten überwunden; er glaubt an seine eigenen menschlichen Kräfte und hat den Mut, auf seine Kräfte zu vertrauen. In dem Maß, wie ihm diese Eigenschaften fehlen, hat er Angst, sich hinzugeben - Angst, zu lieben.
 
Die Liebe ist aber nicht nur ein Geben, ihr `aktiver´Charakter zeigt sich auch darin, dass sie in allen ihren Formen stets folgende Grundelemente enthält: Fürsorge, Verantwortungsgefühl, Achtung vor dem anderen und Erkenntnis. [...]
 
Liebe ist die tätige Sorge für das Leben und das Wachstum dessen, was wir lieben. Wo diese tätige Sorge fehlt, ist auch keine Liebe vorhanden. [...]
 
Neben der Fürsorge gehört noch ein weiterer Aspekt zur Liebe: das Verantwortungsgefühl. Heute versteht man unter Verantwortungsgefühl `Pflicht´, also etwas, das uns von außen auferlegt wird. Aber in seiner wahren Bedeutung ist das Verantwortungsgefühl etwas völlig Freiwilliges; es ist meine Antwort auf die ausgesprochenen oder auch unausgesprochenen Bedürfnisse eines anderen menschlichen Wesens. Sich für jemanden `verantwortlich´ zu fühlen, heißt, fähig und bereit sein zu `antworten´. [...]
 
Das Verantwortungsgefühl könnte leicht dazu verleiten, den anderen beherrschen und ihn für sich besitzen zu wollen, wenn eine dritte Komponente der Liebe nicht hinzkommt: die Achtung vor dem anderen.
Achtung hat nichts mit Furcht und nichts mit Ehrfurcht zu tun: Sie bezeichnet die Fähigkeit, jemanden so zu sehen, wie er ist, und seine einzigartige Individualität wahrzunehmen. Achtung bezieht sich darauf, dass man ein echtes Interesse daran hat, dass der andere wachsen und sich entfalten kann. Daher impliziert Achtung das Fehlen von Ausbeutung. Ich will, dass der andere um seiner selbst willen und auf seine eigene Weise wächst und sich entfaltet und nicht mir zuliebe. Wenn ich den anderen wirklich liebe, fühle ich mich eins mit ihm, aber so, wie er wirklich ist, und nicht, wie ich ihn als Objekt zu meinem Gebrauch benötige.
Es ist klar, dass ich nur Achtung vor einem anderen haben kann, wenn ich selbst zur Unabhängigket gelangt bin, wenn ich ohne Krücken stehen und laufen kann und es daher nicht nötig habe, einen anderen auszubeuten. Achtung gibt es nur auf der Grundlage der Freiheit: (...) Die Liebe ist das Kind der Freiheit, niemals das der Beherrschung.
 
Achtung von einem anderen ist nicht möglich ohne ein wirkliches Kennen des anderen. Fürsorge und Verantwortungsgefühl für einen anderen wären blind, wenn sie nicht von Erkenntnis geleitet würden. Meine Erkenntnis wäre leer, wenn sie nicht von der Fürsorge für den anderen motiviert wäre. [...]
 
Die Erkenntnis, die ein Aspekt der Liebe ist, bleibt nicht an der Oberfläche, sondern dringt zum Kern vor. [...]
 
So kann ich zum Beispiel merken, dass jemand sich ärgert, selbst wenn er es nicht offen zeigt; aber ich kann ihn auch noch tiefer kennen, und dann weiß ich, dass er Angst hat und sich Sorgen macht, dass er sich einsam und schuldig fühlt. Dann weiß ich, dass sein Ärger nur die Manifstation von etwas ist, was tiefer liegt, und ich sehe in ihm dann den verängstigten und verwirrten, das heißt den leidenden und nicht den verärgerten Menschen. [...]
 
Ich erkenne auf die einzige Weise, in welcher dem Menschen Erkenntnis des Lebendigen möglich ist: im Erleben von Einheit - und nicht aufgrund des Wissens, das mir mein Verstand vermittelt. [...]
 
Liebe ist der einzige Weg zur Erkenntnis, der im Akt der Vereinigung mein Verlangen stillt. [...]
 
Das Verlangen, uns selbst und unseren Mitmenschen zu erkennen, drückt sich in der Inschrift des Apollotempels in Delphi aus: `Erkenne dich selbst.´[...]
 
Der einzige Weg zu ganzer Erkenntis ist der Akt der Liebe:
Dieser Akt transzendiert alles Denken und alle Worte. Es ist der kühne Sprung in das Erleben von Einheit. [...]"
 
Erich Fromm - "Die Kunst des Liebens"
 
Farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
 
Vor einigen Jahren habe ich mich selbst an einer Definition von/für Liebe versucht (siehe nachfolgend verlinkt) - aufgrund der gemachten Lebenserfahrung (nicht nur, aber ganz besonders auch durch die der Mutterschaft, des Mutterseins) habe ich Lieben damals bereits als Geben erkannt und bezeichnet sowie erfahren, gelebt. - Genau das also, das auch Erich Fromm in "Die Kunst des Liebens" beschreibt. Denn es ist dies eine "universelle" menschliche Erfahrung - w e n n es sich tatsächlich um Liebe(n) handelt, nicht um Verliebtsein, Unterwerfung, Beherrschenwollen, Masochismus, Sadismus, Narzissmus, Selbstsucht/Egomanie.

Leider verwechseln nach wie vor sehr viele Zeitgenossen Liebe(n) mit Verliebtsein, der sogenannten "romantischen Liebe", das stets nur vorübergehend ist, sein kann, das eher mit Leidenschaft und Schwärmerei zu tun hat, Gemeinsamkeiten auch mit Sucht aufweist, nicht aber Liebe(n) ist.
Genau diese falsche Interpretation von "Liebe" finden wir beklagenswerter- wie fatalerweise in etlichen Romanen, Filmen etc. massenhaft verbreitet, in Umlauf - mit entsprechenden Folgen.
 

Erich Fromm - Wer nur einen liebt, liebt keinen - Teil 1

Erich Fromm - Wer nur einen liebt, liebt keinen - Teil 2

Erich Fromm - Wer nur einen liebt, liebt keinen - Teil 3 - "Und er sucht, von den Grundvoraussetzungen der menschlichen Existenz ausgehend, Antwort auf die Frage, weshalb der Mensch der einzige Mörder unter den Säugetieren ist. Fromm zeigt in seinem Hauptwerk detailliert und in überraschenden wie enthüllenden Studien zu Adolf Hitler und anderen, wie nicht vorhandene Liebesfähigkeit und das Unvermögen, sich rational zu verhalten, notwendigerweise dazu führen, dass eine Leidenschaft entsteht, Leben entweder absolut zu kontollieren oder zu zerstören, zu vernichten." Siehe Erich Fromm - "Anatomie der menschlichen Destruktivität"

 
Nochmal einige grundsätzliche Anmerkungen zu Liebe, Verlust, Trennung und verbreiteten Missverständnissen:
 
Ich halte grundsätzlich nichts von Verdrängung.
 
Klar, wenn man sich ablenkt - mit Beruf oder Freizeitaktivitäten oder anderen Menschen - kann man das eben einigermaßen: verdrängen. Das ändert aber nur oberflächlich etwas, nichts: an den Verletzungen.
 
Ich weiß, dass die Mehrheit der Leute das genau so macht: Verdrängen, Ablenken, serielle Monogamie praktizieren: einen Menschen/"Partner" gegen einen anderen austauschen, wenn´s nicht mehr rund läuft - meist, wenn die Leute nicht mehr v e r l i e b t sind (so nach ca. einigen Monaten bis ca. drei Jahren).
 
All das hat nur eben nichts mit Liebe(n), auch nichts mit Wahrhaftigkeit zu tun. Es ist auch dies: Selbstbetrug.
 
Es war bei mir im Übrigen immer schon so, auch nach "normalen" Trennungen (ohne Missbrauch ...): Einmal im Herzen, immer im Herzen.
Das heißt natürlich nicht, dass man noch immer mit diesen Menschen zusammensein oder gar -leben möchte, aber man weiß, warum man sie liebte, man weiß, was einen verbunden hat, was man miteinander teilte, erlebte, erfuhr. Das vergisst man (hoffentlich) nicht.
 
Für mich hat das auch viel mit Treue, mit Loyalität zu tun.
Deshalb kann man auch Menschen lieben, die bereits verstorben sind.
 
Und ja: Das bedeutet, dass man durch auch "unangenehme" Gefühle, durch "Schmerzen" - immer wieder - hindurchgeht, sich dem nicht entzieht, verweigert, sondern stellt.
 
Es hat für mich mit Wahrhaftigkeit, Authentizität und emotionaler Stärke zu tun - gerade nicht: sich zu entziehen, sich abzulenken, Menschen auszutauschen, zu konsumieren, sondern all das Belastende, Schmerzhafte auszuhalten.
 
Es schmerzt deshalb nicht weniger, aber es ist einfach menschlich und es zeigt, dass man noch lebendig ist und wozu man "in der Lage ist", es wirft dich auch immer wieder auf dich selbst zurück - auf deine eigene Persönlichkeit, auf deine Vergangenheit, dein Selbstverständnis, Selbstbild - du bist gezwungen, dich, deine Einstellungen, dein Verhalten zu hinterfragen. Letztlich also ein Reifungsprozess, der idealerweise lebenslang nicht aufhört.
 
Und Liebe(n) ist ja kein bloß angenehmes Gefühl, es ist eine Aktivität, eine Haltung, ein Verhalten (zugewandt, fürsorglich, verantwortungsvoll, respektvoll, emotional, irrational, leidenschaftlich ...), im Grunde eine Lebenshaltung.

Deshalb liebt man auch nicht nur einen Menschen - als "monogamen Partner", sondern idealerweise mehrere Menschen (zugleich), unabhängig davon, ob man mit ihnen (auch) Sex hat oder nicht.
 
Und wer einen geliebten Menschen entbehren muss, leidet.
Und wer weiß, dass der geliebte Mensch leidet, leidet auch und gerade darunter und möchte Leid von ihm abwenden, es lindern, ihm vorbeugen.
 
Viele Menschen wollen allerdings nur selbst geliebt werden, nicht selbst aktiv lieben - g e b e n. Das ist das Problem.
 
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Anmerkung zu seinem gebrochenen Deutsch: Er hätte sich mit gutem Grund und moralischen Recht auch schlicht weigern können, überhaupt (noch) Deutsch zu sprechen.

Siehe insbesondere, was auch Lévinas (in oben verlinkter Dokumentation des wdr "Liebesweisheit. Emmanuel Lévinas - Der Philosoph des Anderen.") über Liebe äußert und über die "Heiligkeit des Opferns", über den Sinn des Sozialen, über Würde - letztlich ist es das, das sich auch bei u.a. Erich Fromm oder auch dem Dalai Lama ... findet:
Lieben heißt g e b e n, geben wollen, können, "müssen" - aufgrund von Mitgefühl. Weil ich es - als mitfühlender Mensch - nicht ertrage, den Anderen leiden zu sehen.
Siehe auch hier die Sinnhaftigkeit von Schmerz und Leid.
 
"Die Gewalt versteckt sich hinter höflichen Gesten."
 
"Meine Sorge ist nicht die Sorge um das Sein, meine Sorge ist die Sorge um den Anderen." Lévinas
 
"Darf man sich mit gutem Gewissen als Held fühlen, wenn man für die Freiheit des Abendlandes auf das Leben anderer Menschen keine Rücksicht nimmt?
Dürfen die Mächtigen jedes Mittel einsetzen, jeden Krieg gewinnen, um den Frieden zu sichern? (...)

Die Piloten erfüllten ihre Aufgabe in einer gut organisierten Arbeitsteilung, während sie für die Freiheit töteten, konnten andere auch ihrer Pflicht nachgehen. Sie hätten, sagten sie den Reportern, einen Auftrag erhalten und ausgeführt.
Erleichtert, dass alles funktioniert hatte, bezeichneten sie ihre Tat als ein bedeutendes Ereignis für die Wissenschaft, die Luftwaffe und die Industrie.
Es sei, sagten sie, eine Arbeit gewesen, auch wenn Menschen dabei umkamen. (...)"
 
"Bin ich nicht dauernd in Sorge um mein Sein?"

"Im Kampf muss sich der Schwächere geschlagen geben, während der Sieger, das Steuer fest in der Hand, am Besiegten vorbeizieht, tiefer in den Kampf."
 
"Das tierische Leben ist ein Kampf um sein Sein." Lévinas
 
"Unerwartet wird das Ich aufgeschreckt. Der Ruf des Anderen weckt aus der naturhaften Selbstgenügsamkeit auf, stört die Sorge um das nackte Sein. Den Ruf hört jeder. Er fordert unmittelbar auf, er gebietet, selbstlos zu sein."
 
"Auch wenn man dem Anderen den Tod nicht abnehmen kann, aber die Möglichkeit, als Sinn des Seins das Sein des Anderen, ist das Ausgezeichnete im Menschen." Lévinas
 
"Während die anderen das Leben fortsetzen, erfährt der Schlaflose die unerträgliche, nicht enden wollende Dauer der Nacht. Er erfährt die Tatsache seiner Existenz, die er mit niemand anderem teilen kann, als ein `Es gibt´, als ein anonymes und sinnloses Geschehen. Man ist da und hat zu sein. Aus dieser Gefangenschaft des Seins, sehnt sich der Mensch auszubrechen."

"Ich kann nicht ohne den Anderen sein. Der Sinn des Seins ist immer der Andere."
 
"Der Andere stört mich, beunruhigt mich, ist mir lästig - am liebsten mache ich einen Umweg."
 
"Antlitz bedeutet für Levinas die Einzigkeit des Anderen, die nicht erklärt werden kann. In diesem Sinne kann das Antlitz nicht gesehen werden, es sei kein Inhalt, den unser Denken umfassen könnte."
 
"In der Begegnung ist meine Ergebenheit an den Anderen das Erste. Im Antlitz erscheint der Andere als nackt und verloren und einzig zu sein." Lévinas
 
"Die Reduzierung des Anderen auf uns schon Bekanntes liegt unserer Wahrnehmung zugrunde."
 
"Die Andersheit des Fremden bleibt hinter dem Bild, das der Beobachter sich von ihm macht, unsichtbar."
 
"Der Andere, zu dem ich in seinem Antlitz verpflichtet bin, ist natürlich in dem Moment der Einzige auf der Welt. Der Mensch fällt aus seinem Genus und ist einzig. Man kann dieses Verhältnis Liebe nennen. Diese Opferfertigkeit ist Liebe. Was Pascal Liebe ohne Begehrlichkeit genannt hat. Und andererseits, wer bin ich dabei, in diesem Verhältnis? Ich bin derjenige, der keinen Stellvertreter finden kann." Lévinas - großartig.
 
"Auch in der Intimität bleibe ich vom Anderen getrennt, sagt Lévinas. Die Tatsache meiner Existenz, meiner Einsamkeit, verschwindet auch nicht in der erotischen Beziehung. Selbst in der Ekstase kann ich mich nur vorübergehend im Anderen verlieren. Liebe ist kein Verschmelzen zweier Menschen, kein romantisches Ideal, im Gegenteil - Liebe heißt, verletzlich sein, heißt, dem Anderen ausgesetzt sein.

Der Versuch, den Anderen zu unterwerfen, mein Getrenntsein von ihm durch Einverleibung aufzuheben, gelingt nicht. Die Befriedigung der Bedürfnisse, würde den Anderen zum Objekt machen, aber nicht die Einsamkeit meiner Existenz aufheben.
 
Das Begehren des Anderen ist ein unstillbares Verlangen, ein Hunger, der sich ständig vergrößert. Eine Suche, ein Gang zum Unsichtbaren. Diese Suche, sagt Lévinas, geht nicht vom Ich, sondern vom Anderen aus.

Liebe entsteht nicht aufgrund einer Initiative, sie überfällt und verwundet. Einzig ein verletzliches Ich kann seinen Nächsten lieben."
 
"Die Menschenwürde, sagt Lévinas, beginnt damit, dass ich für das Leben eines Anderen einstehe. Das ich angesichts von Not und Elend dem Anderen antworte. Dass ich sage: `Hier bin ich.´"
 
"Der Drang, sich zu vereinzeln oder das Geschehen draußen in trauter Zweisamkeit zu vergessen, stößt an eine Grenze. (...) Es sind die Gedanken an die Anderen, die sie nicht loslassen."
 
"Der Nachbar, der meist ein Unbekannter, ein Fremder ist, aber er ist es, sagt Lévinas, vor dem ich mein Recht zu sein verantworten muss. Ihm gegenüber werde ich schuldig, ich mehr als die Anderen."
 
"Dann kommt die Frage, welcher Staat kompatibel ist mit der Einzigkeit jedes Menschen. Es ist in der Demokratie eine Möglichkeit, das Staatliche nicht als letzten Grund zu bedenken und in diesem Sinne die staatliche Autorität immer zu begrenzen, im Staat immer einen besseren Staat zu hoffen. (...) Im demokratischen Staat ist das Tyrannische nicht ewig." Lévinas
 
"Unaufhörlich opfert das unersättliche Sein die Gegenwart im Namen einer glückversprechenden Zukunft. Doch es gibt immer einen Riss im Sein, ein Aufbrechen der Menschlichkeit im Sein."
 
"Humanität dürfe man nicht predigen, sagt Lévinas, man müsse sie auf sich nehmen. Inmitten der Trümmer, die von den großen Glücksversprechungen übrig geblieben sind, muss jeder selbst anfangen.
 
Der Krieg aller gegen alle kann für Lévinas nur durchbrochen werden durch den Aufbruch im Hier und jetzt, durch den geduldigen Aufenthalt im Hier und jetzt, durch den selbstlosen Verzicht, das gesteckte Ziel um jeden Preis erleben zu wollen. Es gebe keine Garantie, kein Prinzip Hoffnung, sondern nur die unbedingte Verantwortung für den Anderen und die Pflicht, aus seiner Selbstzufriedenheit zu erwachen."
 
"Für Lévinas ist Denken immer unterwegs. Ein Denken, das zum Anderen geht und sich nicht an einen festen Ort klammert."
 
"Die Aufgabe des Philosophen, sagt Lévinas, besteht nicht in einem engagierten oder aggressiven Durchsetzen der Freiheit, sondern darin, der Rede des Anderen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Das Antlitz des Anderen ist der wahre Lehrer der Philosophie. Das Ideal des Philosophen ist nicht die Selbstverwirklichung, sondern Liebesweisheit."
 
"Eine Zukunft denken, heißt, es ist eine Zukunft, die Sinn hat, ohne dass ich dabei bin. Das heißt, es ist nicht der Gedanke des ewigen Lebens, sondern ein Gedanke, den Tod anzunehmen, wenn die Anderen den Frieden genießen." Lévinas - Er nennt es "Prinzip des Opfer(n)s", ich nenne es das Prinzip des Gebens, der Fürsorglichkeit, der Liebe.
 
"Die Beziehung zum Anderen ist etwas, das man nicht gewählt hat, sie passiert wie in einem Abenteuer ohne Ziele. Die Liebe vereinigt nicht die beiden Hälften eines einzigen Wesens, ist keine Rückkehr in eine Heimat.
 
Nur ein getrenntes Wesen übernimmt Verantwortung für den Anderen.

In der Hingabe an den Anderen, im entschiedenen Opfer für ihn, gewinnt es seine unverlierbare Einzigkeit, seine unverlierbare Menschenwürde.

Deshalb spricht Lévinas auch von einem schönen Wagnis. Von dem schönen Wagnis der Beziehung zum anderen Menschen."
 
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Liebevoll bleiben in einer lieblosen Welt, Hans-Joachim Maaz im Gespräch mit Gerald Hüther

Zu oben verlinktem Video: Gerald Hüther im Gespräch mit Hans-Joachim Maaz - "Liebevoll bleiben in einer lieblosen Welt":

Liebesfähigkeit, Mitgefühl und (frühe) Kindheit, bedürfnisorientierter, fürsorglicher, nicht-paternalistischer Umgang - Gerald Hüther u. Hans-Joachim Maaz im Gespräch, siehe wiederum auch hier die Parallelen zu Erich Fromm und Arno Gruen.
 
Lieblosigkeit: andere zum Objekt seiner eigenen Absichten machen, siehe pathologischen Narzissmus, Ursache: eigenes intensives Verletzt-/Beschädigtwordensein in der Kindheit. - Wir wissen es doch eigentlich alle längst schon, hier nochmals bestätigt.
 
... Und Danke, weil auch ich es so lange schon so empfinde, davon überzeugt bin: Therapie "gelingt", heilt nur, wenn der Therapeut den Patienten nicht als Objekt sieht und behandelt, sondern es eine Beziehung, "Begegnung", von Subjekt zu Subjekt ist - der Therapeut muss s i c h seinerseits als Subjekt, Mensch mit Gefühlen ... zu erkennen geben! - Siehe dazu die wunderbare Serie "In Treatment", in welcher Gabriel Byrne alias Paul Westen einen genau solchen Therapeuten verkörpert, darstellt.
 

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