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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Mystik - Selbstbespiegelung, Egozentrismus, Eskapismus, Narzissmus - selbstschonender Selbstbetrug, Mystizismus - C.G. Jung, der Narzisst

 
Aktualisierung im Mai 2019
 
Gustav Landauer und Mystik, Anarchismus
 
Ja meine Güte - aber sicher: Selbsterkenntnis.
Was denn auch sonst?!

Und einhergehend bzw. daraus resultierend (idealerweise) Reifung (von "Selbstvervollkommnung" spreche ich bewusst nicht).
Selbstverständlich ist das die Basis, das Fundament - für jegliches zuträgliche, wohltuende zwischenmenschliche Miteinander.
 
Aber es braucht dafür keinen "Gott", kein "übergeordnetes Prinzip", keine Metaphysik, keinen religiösen Glauben, Religion und/oder Aberglauben, Esoterik.
 
Es ist schlicht Mitgefühl, Vernunft, Reflexionsfähigkeit, Liebesfähigkeit und Integrität erforderlich.
 
Und noch einmal: Spiritualität ist nicht gleichbedeutend mit religiösem Glauben, auch nicht mit Mystik oder Esoterik.
 
Was fängst du bloß mit den Metaphysikern, den Mystikanhängern an, die von "Transzendenz" faseln - und doch nichts begriffen haben:
 
Nein, du kannst nicht permanent im meditativen Zustand des "reinen Seins, Lebens selbst, ohne Ich" sein, existieren, (über-) leben.
Denn du hast nicht nur einen Leib, du b i s t dieser Leib - so lange du existierst. Ob es dir nun behagt oder nicht.

Und deshalb musst du dich um diesen materiellen, physischen Leib angemessen kümmern - du kannst dich deiner lebenslangen Bedürftigkeit nicht entziehen oder "darüberhinwegheben", auch nicht mittels Meditation und/oder Drogen. Jedenfalls nicht dauerhaft.
 
Da hilft auch alle Flucht in Eskapismus, Nihilismus und Selbstbetrug, also Selbstflucht nicht.
 
Nihilismus ist genuin die Selbstoffenbarung sozialer und emotionaler Kapitulation.  
 
-
 
 
update 30. September 2020
 
Christliche Mystik, hier am Beispiel des Jakob Böhme - "Vom übersinnlichen Leben".
 
Tatsächlich habe ich mich durch diese Stunde grauenvoll patriarchal-androzentrische Sichtweise durchgequält. Auch dieses Beispiel offenbart allerdings nur ein Mal mehr all die typisch patriarchal-autoritäre Lust-, Leibes- und Genussfeindlichkeit, Genussunfähigkeit, all die Destruktivität, Nekrophilie, Unreife, den Nihilismus, Autoritarismus, die ganze Unfähigkeit zu (Selbst-) Reflexion, zu emotionalem, intellektuellen und sozialen Reifen, zu Mitgefühl und Liebesfähigkeit, die jedenfalls christlicher Mystik sowie monotheistischen, abrahamitischen Religionen grundsätzlich inhärent ist - auch wenn von ihren Anhängern üblicherweise genau Gegenteiliges über sie ausgesagt, in sie hineininterpretiert wird. Aus bekanntem Grund: rational, psychoanalytisch und (radikal-) feministisch betrachtet.
 
Das hier vorliegende "Gespräch" zwischen einem, Zitat "Meister" und seinem "Jünger" (es handelt sich stets und ausnahmslos um Männer - wie auch bei dem männlich attributierten "Gott, Vater, Sohn und Heiligem Geist"), legt indessen in aller Deutlichkeit offen, dass es sich wie oben beschrieben verhält. Siehe stets wiederkehrende Begriffe wie
 
Gott, Heiliger Geist, Sünde, Teufel, Hölle, herrschen, das Böse, Feuerqual, verbrennen, Tod, Gottes Zorn (Rache), Angst, Gottes "Gnade" etc.
 
und in welchen Zusammenhang sie gestellt sind, wie sie mit welcher Bedeutung in Zusammenhang gebracht werden - mit welcher erwünschten, beabsichtigten Wirkung.
 
Siehe auch die unverkennbaren sadomasochistischen Züge - leiden sollen, leiden wollen (!) sollen, unbedingt durch Leid und Qual gehen müssen, zur vermeintlichen Katharsis. Es ist immer Gewalt enthalten, Gewalt zu erfahren, zu erleiden, es gilt, sich gehorsam zu unterwerfen, alles Vernünftige, Wohlwollende, Fürsorgliche, Liebevolle, das im "Diesseits", mit anderen lebenden, realen Menschen erfahren und genossen werden kann, als vermeintlich falsch, schlecht, böse, schwach, nieder, schmutzig, belastend, schädlich, trügerisch, hässlich, unrein, teuflisch zu sehen, zu bewerten und all dem zu "entsagen", um: "die wahre, echte, ewige Liebe" im "Nichts und Alles", jedenfalls n i c h t, keinesfalls zu Lebzeiten in der irdischen, realen, sinnlich erfahrbaren Welt, während des (eigenen und der anderen) irdischen, realen, Daseins, leiblichen Existierens zu erfahren, zu erleben, zu g e n i e s s e n.
 
Das, Sinnliches genießen zu Lebzeiten, darf man nämlich grundsätzlich nicht, in patriarchaler Religion, Mystik, Ideologie. Nein, man soll, man muss gefälligst leiden, Qualen ertragen und das am besten "freiwillig" und überzeugt. Siehe Sadomasochismus (gemäß der Definition Erich Fromms).
 
Man mag das, solches Denken, Sich-Äußern, das stets dahinterstehende Fühlen (!), das daraus resultierende Verhalten vor dem geschichtlichen Hintergrund besehen und rational, wissenschaftlich betrachtet nachvollziehen bzw. erklären können, dass und warum es aber auch und gerade heute noch/wieder abgerufen, angeboten, nahegelegt, medial unkommentiert verbreitet wird, ist kritikwürdig.
 
Um nachvollziehbar zu machen, was ich meine, worauf genau ich mich beziehe, was meiner Einordnung zugrundeliegt, zitiere ich nachfolgend einige Beispielsätze aus dem Radiobeitrag (des rbb kultur) - aus dem oben genannten Gespräch zwischen "Meister und Jünger".
 
"In der Welt habe A n g s t ..." - die irdische, sinnliche, reale Welt, das Diesseits, ist nämlich ein ganz und gar schlechter, böser, verabscheuungswürdiger Ort, wenn´s nach christlicher Religion und Mystik geht
 
"Alle deine Kreaturen, die du liebst und die dich lieben, verlasse, h a s s e ..."
 
"Die Tugend der Liebe ist das N i c h t s" - Nihilismus
 
"Du verstehst es, wenn du ein Nichts wirst"
 
"Sein Leib wäre nicht von dieser Welt, würde anheben, zu s t e r b e n" - der böse, schwache Leib muss vernichtet werden, erst dann gibt es evtl. Aussicht auf "Licht, Liebe, Wahrheit" usw.
 
"Wo der Mensch n i c h t in sich wohnet, ist die Seele"
 
"Wenn aber der äußere Leib stirbt, so wird die S e e l e offenbar" - nein, wenn der Leib tot ist, gibt es auch keine "Seele" mehr, siehe Bewusstsein, Gehirn, wie wir heute sehr genau w i s s e n, hier aber der übliche Leib-Seele-Dualismus, wie generell der zugrundeliegende Manichäismus
 
"Er bekommt das Herz aller Freunde zum E i g e n t u m" - siehe Egomanie, Besitzenwollen, Ichbezogenheit, Egozentrik, Selbstsucht; wen man tatsächlich liebt, wer Freunde sind, den/die besitzt man nicht, beherrscht und unterwirft man nicht und hat auch gar kein Bedürfnis danach
 
"Er wird viele Freunde haben, die ihm nicht bekannt sind" - so kann man Menschen manipulieren ...
 
"Die Liebe: der Grund, da alle Dinge herkommen - du stehst in ihr als ein K ö n i g" - siehe Macht, narzisstisches, stets kompensatorisches Herrschenwollen
 
"Die Liebe wohnet alleine im Nichts."
 
"Dass sie in Etwas ein Feuer anzündet und Etwas v e r b r e n n e, wie sie deine Ichheit v e r b r e n n e t." - Es muss immer destruktiv sein, etwas gewaltvoll (!) vernichtet werden.
 
"Das Kreuz in ein Wohltun verwandeln"
 
"Würdig werden, das Kreuz Christi zu tragen" - siehe Sadomasochismus
 
"So wandle allein, denn der rechte Weg ist allen Wegen der Welt zuwider" - siehe oben: die sinnlich wahrnehmbare, "diesseitige" Welt ist, kann nur, muss schlecht, böse, falsch, teuflisch sein (so gesehen, gedeutet werden) und so etwas wie Freundschaft mit und Liebe zwischen Menschen (!), Kooperation, Solidarität, Teilen, Geben, gemeinsames Genießen, Arbeiten, gegenseitiges Unterstützen, bedürfnisorientierte, nicht-paternalistische Fürsorglichkeit, Zuwendung, Wohlwollen, Wohltun, Zärtlichkeit, Verbundenheit: ist patriarchalen Religionen, Ideologien, Kulturen, Menschen eben dies: zuwider
 
Es ist das Übliche, das Altbekannte: Destruktive, Nekrophile, Sadomasochistische, Autoritäre, Gewaltvolle - es ist Unreife, die Unfähigkeit (!) mit der Conditio humana, mit Kontingenz, Ambivalenz, Widersprüchlichkeit, Komplexität, Zweifel(n), Herausforderungen, Widerfahrnissen, Ungewissheit, Unsicherheit, Angst, Scham, Bedürftigkeit, Verletzlichkeit, Vergänglichkeit, persönlicher Sterblichkeit, fehlender Teleologie und Sinnhaftigkeit umzugehen - die Unfähigkeit, zu reifen: als "diesseitiger", realer, leibhaftiger Mensch, als je individuelle Persönlichkeit.
 
Und so, d e s h a l b flüchtet man sich in religiösen Glauben, Aberglauben, Esoterik, Mystik. Statt zu reifen und aktiv zu lieben: das Du, den Anderen, das Gegenüber, andere Menschen, Lebewesen - zu Lebzeiten, im Hier und Jetzt. So herausfordernd es auch sei. Prinzip Verantwortung und: Mitgefühl, statt Eskapismus, schwache, feige Selbstflucht -> selbstschonender, bequemer Selbstbetrug.
 
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Mystik - Selbstbespiegelung, Egozentrismus, Eskapismus, Narzissmus - selbstschonender Selbstbetrug

Der Mystiker bzw. Mystikanhänger ist letztlich nichts anderes als ein Narzisst - eben deshalb fühlt er sich in (der) Mystik so wohl, so heimisch. 
 
Der Narzisst kann bekannterweise nicht geben, nicht lieben, sich nicht in eine Gemeinschaft prosozial, kooperativ, mitfühlend, gebend, teilend einfügen, einfinden und infolgedessen nicht daran teilhaben. Folglich sucht er nach Rechtfertigungsmöglichkeiten für sein Fühlen, Denken/Eingestelltsein und vor allem sein daraus resultierendes Verhalten, sein Tun. Und er sucht sich geistige Rettungsinseln, Asyle, auf denen er existieren kann, da er infolge des gesellschaftlichen Nichtteilhabenkönnens (das auf seinem unsozialen, egomanen Verhalten beruht) sich als zu Unrecht Ausgegrenzten, Ausgestoßenen empfindet, was er in narzisstischer Weise umdeutet in ein vermeintliches Überlegen-, Besonders-, "Erhabensein", das zu erkennen die meisten Menschen schlicht zu "dumm" sind.
 
Hier kommt ihm nun der stets selbstschonende Selbstbetrug, der Eskapismus, die Realitätsverweigerung zu Hilfe, mittels dessen er seine Egomanie, seine Selbstsucht, seinen Hedonismus, seine charakterlichen Defizite und psychisch-emotionalen Unzulänglichkeiten (die mit entsprechendem Verhalten einhergehen) vor allem zunächst vor sich selbst, dann auch vor anderen zu rechtfertigen versucht. Dem entspricht, dass Narzissten und Psychopathen, d.h. anti-, dissozial persönlichkeitsgestörte Menschen, häufig süchtig, bspw. substanzabhängig, sind, denn auch die Sucht ist eine Form von Flucht, Verweigerung, vor allem von Selbstentlastung, Selbstschonung - eine Krücke, eine Art unangemessene Symptombehandlung, statt Heilung.

Wo der Narzisst also nicht mehr weiterkommt, nicht mehr weiterweiß, sich, d.h. insbesondere sein Verhalten zunächst reflektieren und in Folge gravierend in gebotener Weise verändern müsste (hin zu mitfühlendem, prosozialen, kooperativen Verhalten), flüchtet er sich selbstschonend, bequem und ignorant in den Eskapismus, Hedonismus, die Sucht und ggf. also auch in die Mystik - mit anderen Worten in den Selbstbetrug.

Denn es wäre eine sehr schmerzvolle Angelegenheit, ein solcher Prozess, würde der Narzisst sich ehrlich und wahrhaftig seine ureigenen Defizite und Unzulänglichkeiten, seinen Selbstbetrug und sein daraus resultierendes, erhebliches Fehlverhalten eingestehen. Überdies wäre er infolgedessen gezwungen, dieses Fehlverhalten zu ändern, sich um Entwicklung, Reifung zu bemühen, also geben, teilen, sich mitfühlend, prosozial, kooperativ verhalten zu lernen - was ihm, als Egomane, viel zu mühsam, zu anstrengend ist; er möchte ja grundsätzlich selbstsüchtig und bequem Spaß haben, dem Hedonismus frönen, gerade nicht auf andere Rücksicht nehmen, mitfühlen, teilen, geben, also sich selbst zurücknehmen und Verzichte leisten müssen.
 
Dem Narzissten fallen Mäßigung, Maßhalten, Zurückhaltung, Selbstkritik, freiwilliger Verzicht, Selbstbeschränkung, Teilen, Geben, Mitgefühl und auch Selbstironie entsetzlich schwer - gerade deshalb projiziert er sein eigenes, daraus resultierendes Bedürfnis nach (moralischem) Halt, nach (oktroyierten) Regeln, die ihm - vermeintlich, vordergründig - Halt geben, da er sie sich nicht selbst geben kann (siehe intrinsische Moral, die grundlegend auf Mitgefühl basiert), auf andere und zwingt ihnen diese Regeln und Repressalien auf (wenn er die Möglichkeit dazu hat), erklärt sie für erforderlich - siehe also ganz im Sinne von Schwarzer Pädagogik (Druck, Zwang, Kontrolle, Härte, Strenge, emotionale Kälte, Strafe - Gewalt, absichtsvolles Schmerzzufügen, Sadismus), wie wir sie insbesondere in den patriarchalischen, monotheistischen, alttestamentarischen, abrahamitischen, autoritär-gewaltvollen Religionen, Ideologien (Judentum, Christentum, Islam) vorfinden.

Da jedoch auch und gerade der Narzisst gar nicht gern als Charakterschwein, gar als Versager, Scheiternder/Gescheiterter dasteht, muss er etwas finden, womit er sein Verhalten in irgendeiner Weise - vermeintlich - "rechtfertigen" kann; hierfür ist ihm letztlich jedes Mittel recht, wichtig ist ihm nur, dass er am Ende gut, idealerweise glänzend dasteht, auch wenn das auf Ignoranz, Selbstgerechtigkeit, Selbstbetrug, also auf Lüge(n) und Schein, auf Substanzlosigkeit, letztlich also auf Schwäche, d.h. gerade nicht auf charakterlicher, mentaler, emotionaler Stärke beruht.  
 
Regression also letztendlich, Mangel an Reife, Reifenwollen - die bequeme, selbstschonende wie trotzige Verweigerung dessen.

Dem zugrunde liegt üblicherweise eigenes Beschädigtwordensein (zumeist in der Kindheit), das jedoch vom Beschädigten nicht erkannt wird, nicht aufgearbeitet werden will - wiederum aus Gründen der Selbstschonung, der Schmerzvermeidung.
 
Es ist doch all der Eskapismus, Kulturpessimismus, Konservatismus, die Flucht ins Asyl des Alten, Gestrigen, in Metaphysik (Glaube, Aberglaube, Esoterik, Mystik) nichts anderes als eben Regression, als demonstrativer Ausdruck je persönlicher Verzweiflung aus Gründen des ebenfalls je persönlichen Überfordertseins mit Komplexität, mit Veränderung, aus Gründen der Angst vor Ungewissem, Ambivalenten, aus Gründen also der  je persönlich empfundenen Halt- und Trostlosigkeit angesichts der unausweichlichen rationalen Erkenntnis, dass der Natur, der Physis, dem gesamten Sein keine Teleologie zugrunde liegt, folglich auch und gerade das eigene Sein, Existieren nicht qua Natur sinnhaft ist.

Um also an diesem Wissen um die Absurdität des menschlichen Seins, jedenfalls Bewusstseins, nicht vollends zu verzweifeln, flüchten Menschen sich Halt suchend in Metaphyisk - in den religiösen Glauben, Aberglauben, Esoterik, Mystik, in infantil magisches Denken - in den selbstschonenden, behaglichen, bequemen Selbstbetrug. Womit sie paradoxerweise von Bewusstheit, Selbsterkenntnis, Reife, gar Weisheit entfernter nicht sein könnten.
Es kann dies fast schon als tragisch bezeichnet werden, jedenfalls als grotesk.

Ich zitiere zur Veranschaulichung dessen nachfolgend einige Passagen aus unten verlinkten Quellen.
 
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Aktualisierung am 30. Januar 2019
 
Das grundlegende innerpsychische Problem der "Mystiker" und Mystik-, Mystizismusanhänger ist, dass sie ihre ureigene Vergänglichkeit und existenzielle Kontingenz nicht ertragen.
 
Deshalb flüchten sie sich in den Selbstbetrug: in Eskapismus, Hedonismus oder (vermeintliche) Askese - oder auch einfach in Drogen.
 
Der Mystiker, Mystikanhänger ist wesentlich pathologischer Narzisst.
Mit Spiritualität hat sein (Aber-) Glaube, seine Esoterik, seine Selbstbespiegelung und Realitäts- sowie Selbstflucht nicht das Wenigste zu tun, denn er ist zu tatsächlicher (Selbst-) Reflexion, zu intellektueller, sozialer, emotionaler Reife gar nicht fähig - er ist insbesondere nicht liebesfähig.
Er erkennt, erlebt, erfährt nicht, dass Erfüllung, Tiefe und innerer Frieden, dass das Gefühl des Einswerdens und Über-sich-Hinausgehens im Lieben, im Geben liegt, hierdurch er- und gelebt, erfahren wird.

D e s h a l b flüchtet er - vor der Welt, vor sich selbst: vor seinen ureigenen, je persönlichen psychisch-emotionalen, sozialen, intellektuellen Unzulänglichkeiten, Defiziten.
 
Und selbstverständlich ertragen sie diese Wahrheit über sich selbst absolut nicht, leugnen sie. Sie verweigern den, ihren je persönlichen, tatsächlichen Erkenntnis- und Reifungsprozess.
Und beschädigen dabei nicht nur sich selbst intensiv, sondern zu meist auch andere Menschen "auf ihrem Weg".
 
Sie scheitern halt- und trostlos: an ihrer eigenen Unreife und Unfähigkeit, zu wachsen, sich zu entwickeln, zu reifen, zu lieben und die Lebenswirklichkeit zu ertragen. Letztlich sind sie lebenslang auf der Flucht - vor sich selbst, vor schmerzhafter Selbsterkenntnis.
Tragisch.
 
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Aktualisierung am 25. Mai 2019
 
Zu "Meister Eckhart":

Abgeschiedenheit, Loslassen, Gelassenheit, "die Gottesgeburt in der Seele" ...

Wenn es bei Meister Eckhart - in der Interpretation von Erich Fromm gelesen - im Grunde um Abkehr von Frömmigkeit, Bigotterie, vom Leistungsprinzip, von blinder Gefolgschaft, Gehorsam, um Abkehr vom Haben (-wollen), von Gier, einhergehend Geiz, Neid, von Sucht, gerade auch Selbstsucht, geht, stattdessen um Hinwendung zum Anderen, zu sozialer Verantwortung, entsprechendem Verhalten, um Selbstreflexion, Selbstkritik, Selbsterkenntnis statt selbstschonenden Selbstbetrugs (siehe auch Eskapismus, Hedonismus, Kompensationsverhalten), wenn es letztlich um LiebeN inklusive Selbstliebe - im Gegensatz zu Narzissmus - geht, so bedarf es hierfür keines "Gottes", keiner "übergeordneten Instanz" oder eines solchen "Prinzips", keiner Metaphysik, keines religiösen Glaubens, keiner religiösen Spiritualität und/oder Esoterik - sondern tatsächlich schlicht des (jedem Menschen angeborenen) Mitgefühls, der je persönlichen Integrität, der Persönlichkeitsreifung, also des intellektuellen, sozialen, emotionalen Wachsens, Reifens. 
 
Hierfür wiederum bedarf es keines (einzelnen) Lehrers, "Meisters", Gurus, Führers, Gottes, keiner vermeintlich "bewusstseinserweiternden" Drogen (-erfahrungen), sondern abermals des Mitgefühls, der persönlichen Empfindsamkeit, Sensibilität, Feinfühligkeit, der Liebesfähigkeit, der Erkenntnisfähigkeit und der Vernunft sowie der (Lebens-) Erfahrung und Reflexion.

All das ist einem Menschen nur im Hier und Jetzt, im Diesseits, zu seinen Lebzeiten zu erlangen, zu erfahren, zu leben und zu geben möglich.

Es ist die Verantwortung letztlich stets dem Anderen gegenüber, die uns in unserem Denken und Tun leiten sollte, von der wir "beseelt" sein, die wir verinnerlicht haben sollten - siehe hierzu ein Mal mehr Arno Gruen, Erich Fromm und besonders auch Emmanuel Lévinas.
 
Wir können dieser Verantwortung jedoch nur dann angemessen gerecht werden, ihr entsprechen, sie erfüllen, wenn wir je persönlich dazu in der Lage, dahin gereift sind. Ob und wie uns das, wenn überhaupt, tatsächlich gelingt, hängt gerade nicht von nur oder vorrangig unserer Einstellung, unserem Denken, Fühlen, Wollen und Tun/Handeln ab, sondern ist zahlreichen Widerfahrnissen, äußeren Umständen, Zufällen unterworfen, denen wir keineswegs stets gewachsen sind, sein können, die wir keineswegs grundsätzlich gut bewältigen, überstehen, die wir häufig nicht einmal wirklich beeinflussen oder auch abwenden können und die wir ebensowenig einfach akzeptieren, hinnehmen (lernen) können, dies auch nicht sollten, denn:

Wir sind f ü h l e n d e, schmerz-, leid- und liebesfähige Wesen, Menschen - keine "Götter", keine Roboter/Maschinen. Wir sind nicht perfekt, vollkommen und werden es lebenslang niemals je sein - können. Wir müssen es auch nicht. Wir sind lebenslang Bedürftige, Verletzliche.

Was wir aber zumindest versuchen können und es aus ethischen Gründen sollten, ist, es uns selbst und dem/den Anderen nicht unnötig, nicht zusätzlich schwerer, belastender zu machen, als es, als unser Sein, unser Menschsein ohnehin bereits ist. - Mitgefühl, Liebesfähigkeit (Metta, Karuna) ist der Schlüssel hierzu.
 
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Conditio humana
 
Als sterblich, einhergehend dann zumeist auch sterbewillig, erfährt, empfindet Mensch sich vor allem in Situationen und Phasen leidvoller Krankheit, intensiven, insbesondere langanhaltenden physischen und/oder psychischen Schmerzes und spürbaren Alterns, im "Erleben", Erleiden von existenzbedrohender bis eben tatsächlich existenzvernichtender Belastung, Gefahr, Beschädigung, absoluter Ausweglosigkeit, Unabänderlichkeit, Unentrinnbarkeit - somit im Zustand fehlender oder nicht mehr erkennbarer, nicht mehr erfahrbarer Selbstwirksamkeit.
 
Mensch ist mit seinem Leib, seiner Leiblichkeit untrennbar verbunden, d.h. ein Mensch, ein Individuum i s t dieser, sein je persönlicher Leib, durch, mit, in dem er alle (!) sinnlichen, mentalen, psychisch-emotionalen Erfahrungen macht, Erlebnisse, Empfindungen, Gefühle, Eindrücke, Erinnerungen hat und auf dieser materiellen, "stofflichen" Basis - in, mit seinem Gehirn (stets in Verbindung mit dem gesamten Körper, Nerven, Nervenverbindungen ...), durch selbiges - all diese Eindrücke, Wahrnehmungen, Empfindungen, Gefühle, Erlebnisse, Gedanken, Denkprozesse (bewusst, unbewusst, vorbewusst) "verarbeitet", ein-, zuordnet, bewertet, beurteilt, abspeichert, kombiniert, analysiert, erinnert, verändert und auch: vergisst.
 
Daran ändert auch Drogenkonsum, Medikamenteneinfluss oder Meditation nur wenig:
Kein Mensch kann ohne seinen Leib, seine Leiblichkeit - als Mensch - existieren, existent sein, mag er sich - aus bekannten Gründen - noch so oft einen "übergeordneten" oder irgendwie vermeintlich von seiner Physis, seiner Leiblichkeit unabhängigen "Geist" herbeiwünschen und zusammenphantasieren.

Es hilft nichts - Mensch ist und bleibt lebenslang, bis zu seinem Tod, eben dies: auf vielerlei Weise bedürftig und verletzlich.
Ob es ihm gefällt, ob er das zu akzeptieren befähigt ist oder nicht.
 
Es ist allerdings so hilfreich und entlastend wie empfehlenswert, diesen Umstand, diese unumstößliche, evidente Tatsache so früh als möglich im je persönlichen Leben zu erkennen und zu akzeptieren, da dies sowohl dem jeweiligen Individuum selbst als auch es umgebenden und mit ihm interagierenden anderen viel unnötiges Leid erspart.
 
Es gibt kein "Heraus" aus der Conditio humana, jedenfalls nicht, so lange Mensch Mensch ist (und nicht etwa Cyborg oder Androide).
Weder mittels Drogen, (Aber-) Glaube, Esoterik, Okkultem, Mystik, Meditation, Selbst- und Weltflucht, Selbstbetrug oder irgendetwas anderem.
 
So lange Mensch Mensch ist, erlebt, erfährt, empfindet, fühlt er Schmerz, Leid, Begehren, Bedürftigkeit, Verletzlichkeit, Sehnsucht, Freude, Trauer, Angst, aber auch ggf. Erkenntnis, Zugehörigkeit, Wertschätzung, Neugier, Entwicklung, Persönlichkeitsreifung, Mitgefühl, Verbundenheit, Solidarität, Erfülltsein, Dankbarkeit, Liebe - so er liebesfähig ist.
 
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"[...] Das Defizitäre an der Mystik ist also aus Ritschls Sicht ihr fehlender Weltbezug. [...]
 
Otto illustriert diese von Ritschl inspirierte ethische Kritik an der Mystik dann mit einem Negativszenario, das ein nur einseitig ästhetisches Verständnis hinterlassen könnte: zwar sei das "Zunichtewerden und Nichtssein der Kreatur" im Gegenüber Gottes bei Luther und anderen großen und starken Menschen, bei Dichtern oder künstlerisch Empfänglichen mit aller Macht vorhanden gewesen. Demgegenüber haben es die Mystiker leider "in die kleine Münze der enthusiastischen Gefühle des Schwärmens und Träumens umgesetzt, der methodischen Exaltation zum religiösen Rausch, in der man die Nähe Gottes oder des himmlischen Bräutigams oder das Weben des Geistes spürte und genoss." Otto stimmt hier in Ritschls Kritik ein. Mystik lade, so auch sein Vorwurf, ganze Massen zu methodischer Selbstbespiegelung und Genuss eigener Gefühligkeit ein. Mit einer damit einhergehenden Weltflucht lasse sie gerade den für das Christentum konstitutiven Gemeinschaftsaspekt außen vor. [...]"

Quelle: "Rudolf Otto: Theologie - Religionsphilosophie - Religionsgeschichte", herausgegeben von Jörg Lauster, Peter Schüz, Roderich Barth und Christian Danz, Verlag de Gruyter, farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
 
"[...] Es gibt unter den Theologen Freunde der Mystik und Widersacher der Mystik. Das erste gilt besonders von den katholischen Theologen, denn der Katholizismus erkennt die Mystik an, insofern die mystischen Erfahrungen mit den geoffenbarten Wahrheiten der Kirche übereinstimmen. Dann kommen sie nämlich von Gott, sonst kommen sie vom Teufel. "Alle großen Theologen waren zugleich Mystiker", sagt der katholische Dogmatiker B. Bartmann.

Mystiker ist also in der katholischen Theologie ein Ehrentitel. Nicht so in der protestantischen. [...]

Die Mystik sei die eitle Selbstvergötterung des Menschen [...]. Außerdem sei sie nichts als "beziehungslose Innerlichkeit" (S. 383), die jeden objektiven Gehalt entbehre. Das dürfte mit anderen Worten heißen, daß sie als eine der größten Illusionen der Menschheit zu betrachten sei. [...]
 
Die unleugbare Verwandtschaft zwischen Mystik und Idealismus ist kürzlich von Othmar Spann in seinem "Philosophenspiegel" (...) glänzend dargelegt worden. Der Mystiker spürt immer "etwas dahinter", was dann dem Denker notwendigerweise als ein Erkenntnisproblem erscheinen muß. Dem Mystiker ist es vor allem ein Lebensproblem. Das Geheimnis der Mystik liegt im verborgenen Lande jenseits dieser Welt. [...]
 
Freud und seine Schüler können in der Mystik nichts anderes sehen als eine menschliche Schwäche, die sich autistisch nach dem Lustprinzip statt nach dem Realitätsprinzip orientiere. Die Hinterwelten der Mystik seien lauter Tagträume von restlos subjektivem Belang (...). [...]"

Quelle: "Die kulturelle Bedeutung der komplexen Psychologie", herausgegeben vom Psychologischen Club Zürich, farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
"[...] In speziellen religiösen oder anderen soziokulturellen Kontexten beschriebene Phänomene mystischen Erlebens sind offenkundig universeller Natur (vgl. Marshall 2005). Die primären mystischen Zustände als solche und auch die gelegentlich hiermit assoziierten sekundären Phänomene wie Visionen, Auditionen, religiöse Offenbarungen, Prophetien, Präkognitionen, Telepathien, Bekehrungen, Glossolalien u.a. stellen für die Psychiatrie und die angrenzenden psychologischen und neurowissenschaftlichen Disziplinen eine Herausforderung bei der Beschreibung, Einordnung und Erklärung dar. [...]
 
Es erscheint für psychologische und psychiatrische Zwecke aber durchaus legitim, aus einer subtilen phänomenologischen Analyse mystischer Zustände, wie sie in den religiösen und kulturellen Traditionen beschrieben worden sind, Kernmerkmale wie "Transzendieren der Subjekt-Objekt-Unterscheidung", "Transzendieren von Raum und Zeit", "intensive positive Emotionen", "Gefühl der Heiligkeit", "Empfindung von Objektivität und Realität", "Paradoxie oder Ineffabilität" und ähnliche Kennzeichen herauszudestillieren und sie einem psychologischen Konzept "Mystizismus" zu unterlegen (...). [...]
 
Es besteht kaum Zweifel, dass bei einigen dieser historischen Frauen und Männer eine bedeutsame psychopathologische Vulnerabilität und auch Morbidität vorlagen. Dies trifft etwa auf das auch hinsichtlich seelischer und körperlicher Krankheitsepisoden mehr als bewegte Leben des Ignatius von Loyola, dem Begründer des Jesuitenordens zu, wie die subtile Psychobiographie des Psychiaters, Psychoanalytikers und Jesuiten W.W. Meissner (1992) beispielhaft schildert, oder auf die große englische Mystikerin des Mittelalters Margery Kempe (vgl. Porter 1988). Eine vielfältige Interdependenz von mystischer Spiritualität und psychiatrischer Erkrankung wird in der je souveränen Darstellung der mystisch begabten Madelaine Le Buc, der hysterischen Lieblings- und Langzeitpatientin von P. Janet durch die französische Philosophin C. Clément einerseits und des bengalischen Heiligen Sri Ramakrishna durch den indischen Psychiater und Psychoanalytiker S. Kakar andererseits in ihrem gemeinsamen Buch Der Heilige und die Verrückte. Religiöse Ekstase und psychische Grenzerfahrung (1993) offenkundig. Und eben diese Interdependenz stellt sich auch als wissenschaftsgeschichtliche Herausforderung zu C.G. Jung, der seine eigene geheimnisumwitterte psychotische Erkrankung in den Jahren ab 1913 als mystische Individuation in seinem Roten Buch (2011) verarbeitet hat. [...]
 
In diesem Zusammenhang gilt es zu erinnern, dass nämliche spirituelle Kontexte oft selbst wiederum pathogenetisch bedeutsame Anlässe und Bedingungen mitdefinieren, die schwerwiegende psychotische Erkrankungen auslösen (vgl. Clarke 2010, Brett et al. 2010). [...]
 
In einem klinisch-neurologischen Kontext ist seit alters die enge Assoziation von Epilepsie und besonderer Nähe zu einer religiösen Transzendenz des Göttlichen, aber auch des Satanischen medizinhistorisch gut belegt. In einem Fall als "heilige Krankheit" angesehen, im anderen Fall als Beleg für eine "dämonische Besessenheit" gewertet zieht sich eine Tradition der vorrangig theologischen Konzeptualisierung der Epilepsie und ihrer symptomatischen Manifestationen durch die Jahrhunderte, und dies trotz der bereits von Hippokrates geäußerten ärztlichen Sichtweise auf die Epilepsie als einer "Erkrankung des Gehirns" (Temkin 1971). Erst der Aufstieg einer naturwissenschaftlich begründeten Neuropsychiatrie im 19. Jahrhundert knüpft an diese medizinische Perspektive erneut an. [...]"
 
Quelle: "Das Geheimnis: Psychologische, psychopathologische und künstlerische Ausdrucksformen im Spektrum zwischen Verheimlichen und Geheimnisvollem", herausgegeben von Daniel Sollberger, Jobst Böning, Erik Boehlke, Gerhard Schindler, Verlag Frank und Timme (Berlin 2016); farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen. 

Siehe außerdem auch die Ausführungen auf den Seiten 122 bis 124 über die neurobiologischen Grundlagen, d.h. Mechanismen, Prozesse, Hintergründe, Zustände, Ursachen und Folgen im Zusammenhang mit mystischem Erleben, mit Trancezuständen, dem Gefühl der "unio mystica" - einerseits hervorgerufen durch psychotrope, psychedelische Substanzen, Psychedelika wie Mescalin (Peyote-Kaktus), insbesondere LSD sowie teilweise auch Psilocybin (Pilze), Ketamin, MDMA, Ecstasy, andererseits durch Meditation und worin sich diese je unterschiedlich hervorgerufenen (Bewusstseins-, Gehirn-) Zustände je nach Auslöserart (Psychedelika oder Meditation) mit welchen Folgen unterscheiden.
 
"[...] Keiner brauche sich "seines Stücks Neurose zu schämen", schrieb Sigmund Freud in seinem letzten Brief an seinen Schüler und Freund Carl Gustav Jung, als es Anfang 1913 zwischen beiden zum Bruch gekommen war.
Schlimm sei es jedoch, so mahnte Freud weiter, wenn einer "beständig auf seine Gesundheit poche", obwohl er ein abnormes Verhalten zeige. Der Brief war die Antwort auf Jungs Vorwurf, Freud sei viel zu neurotisch, um andere neben sich gelten zu lassen, während er (Jung) "nämlich gar nicht neurotisch" sei.
 
Den peinlichen Streit zwischen den beiden Begründern der Tiefenpsychologie und Erzvätern aller Psychoanalytiker, wer neurotischer gewesen sei, versucht jetzt der ehemalige Harvard-Dozent und Psychotherapeut Paul J. Stern in seiner soeben auch auf deutsch erschienenen Jung-Biographie zu entscheiden*.
 
Der Verlierer ist laut Stern eindeutig Jung. Denn dieser habe schon als Kind neurotische Züge gezeigt und sei in seiner Lebensmitte "hart an den Rand der Psychose" geraten, in der ihm das Schicksal Hölderlins und Nietzsches drohte -- geistige Umnachtung. Zwar habe sich Jung vor dem Wahnsinn retten können, doch "die schizophrene Deformierung" seiner Persönlichkeit sei irreparabel gewesen.
 
Frühe neurotische Verhaltensweisen Jungs seien, glaubt Stern, durch die bedrückende Atmosphäre im Elternhaus hervorgerufen worden. Der Vater, ein unzufriedener, hypochondrischer Landpfarrer, ein "Hiob im Kleinformat", war oft launisch und gereizt. Die Mutter gab sich zwar als "jovial biedere Pfarrersfrau", doch dem kleinen Carl erschien sie zuweilen in seinen Wachträumen als "dämonisches Naturweib, halb Sibylle, halb Hexe".
 
Aus dieser modrigen Wirklichkeit flüchtete sich das "verträumte Drudenbüblein" in eine "allgegenwärtige Geister- und Spukwelt", deren schauerlich sakrale Aura seine pubertäre "Sucht nach physisch-metaphysischen Ekstasen" befriedigte.
 
Er klammerte sich an die Vorstellung, in Wirklichkeit zwei Personen zu sein. Die eine, das war der kleine Schuljunge, der geduldig alle Unbill seiner Umgebung ertrug, die andere war "eine mit Machtfülle und Autorität" ausgestattete Persönlichkeit aus dem 18. Jahrhundert. die "nicht mit sich spaßen ließ" und allen, Eltern, Lehrern und Mitschülern, haushoch überlegen war.
 
Diese "Halbwüchsigen-Emotionen", meint Stern, hätten bei Jung Jahrzehnte überlebt, und "man hat den Eindruck ... daß er noch als Greis in den romantisch diffusen Kategorien seiner Frühzeit fühlte und dachte".
 
Doch wie baufällig die von Geistern und Dämonen beherrschte Fluchtburg Jungs war, zeigte sich, nach Ansicht Sterns, bei der Trennung von Freud. "Es kam mir oft vor", so beschrieb Jung selber seine damalige Krise, "als ob riesige Blöcke auf mich herunterstürzten. Ein Donnerwetter löste das andere ab."
 
In dieses Chaos von Träumen und Visionen versuchte Jung in einem Akt der Selbstheilung Ordnung zu bringen. Die einzige Möglichkeit dazu war seine Wissenschaft. Stern: "Dem Ansturm der entfesselten Dämonie des Unbewußten ausgesetzt, mußte Jung eigenhändig das Werkzeug schmieden, das den dräuenden Geisterspuk bannen und ihn vor geistiger Umnachtung retten sollte."
 
Mit dem Begriff des Kollektiv-Unbewußten als einem Reservoir mythenschaffender Archetypen und seiner "weitschweifigen Typenlehre" (Stern) sei es Jung gelungen, die Dämonen zu bannen und den Bruch mit Freud als schicksalhaftes Ereignis zu erklären.
 
Der Preis, den Jung dafür habe zahlen müssen, sei die immer weiter fortschreitende Verdrängung der Wirklichkeit gewesen. Dieser Wirklichkeitsverlust habe auch zum unrühmlichsten Kapitel seiner Lebensgeschichte geführt: zu seiner "Kollaboration mit der gleichgeschalteten, arisierten Psychiatrie des Dritten Reiches".
 
Freilich glaubt Stern nicht daran, daß Jung der "faschistisch schäumende Psychoanalytiker" gewesen war, als den Ernst Bloch ihn in "Prinzip Hoffnung" anprangert. Doch nennt er Jung "eine Art Sturmbannführer des Geistes". Jung habe "eine Zeitlang das Phänomen des Nazismus mit sichtlichem, von rückenrieselnden Schauern begleitetem Wohlwollen betrachtet und an der synthetischen Blut-und-Boden-Mythologie der neuen Machthaber Gefallen gefunden, ohne sich viele Gedanken über deren voraussichtliches Endresultat zu machen".
 
In der Tat sah Jung im Nationalsozialismus eine "mächtige Eruption" des kollektiven Unbewußten, das "Erwachen Wotans aus tausendjährigem Schlaf", den Aufstand der germanischen Seele gegen den "areligiösen Rationalismus".
 
Dem Irrationalismus Jungs sei auch der Führerkult des Faschismus gelegen gekommen. In einem Aufsatz, den er 1932 geschrieben, aber erst 1934 veröffentlicht hatte, feierte Jung "die führende Persönlichkeit", der die Weltgeschichte alle großen Taten verdanke. Die "allzeit sekundäre, träge Masse" bedürfe "auch zur mindesten Bewegung stets des Demagogen".
 
Fasziniert vom wiedererwachten "Sturm- und Brausegott" Wotan, zögerte Jung nicht, im Jahre 1933 das Präsidenten-Amt "der deutschen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie" zu übernehmen.
Später habe sich Jung, so urteilt Stern, "nach bekannter Mitläufermanier mit der dürftigen Begründung" verteidigt, "er habe Schlimmes verhüten und die zarte Pflanze Psychotherapie vor dem Zertrampeltwerden durch die Nazis bewahren wollen".
 
Wie schwach diese spätere Ausrede war, werde durch die Tatsache belegt, daß Jung im "Zentralblatt für Psychotherapie", das er von 1936 an gemeinsam mit dem "Reichsführer" der deutschen Psychotherapeuten, M. H. Göring, einem Vetter von Hermann Göring, redigierte, heftige Angriffe gegen die "jüdische Psychologie" geführt habe.
 
Jung postulierte damals in der Tat eine radikale Verschiedenheit zwischen "der germanischen und der jüdischen Psychologie". Er ließ es sich auch "nicht nehmen, das "kollektive Unbewußte" selbst, das er früher als universal-menschlich bezeichnet hatte, gleichzuschalten und modisch als "Rassen-Unbewußtes" zu servieren" (Stern).
 
Hinter Jungs Kampagne gegen die jüdische Psychologie stand nach Sterns Ansicht auch die Haßliebe gegen den geistigen Vater Freud.
Es sei, so schrieb Jung 1934 im Zentralblatt, ein "schwerer Fehler" der Psychotherapie gewesen, daß sie "jüdische Kategorien ... unbesehen auf den christlichen Germanen oder Slawen verwandte". Die jüdische Psychologie habe die germanische Seele zu einem "Kehrichtkübel" degradiert. Freuds Psychoanalyse sei "zerfasernd", "entwertend", "unterminierend", kurz: eine "obszöne Witzpsychologie".
 
Von solcher Phraseologie, meint Stern, sei es "nicht mehr weit zum Nazi-Vokabular vom artfremden, zersetzenden, geilen, sich nur aufs Schachern und Feilschen verstehenden, parasitischen Volksfeind -- dem Juden".
Zwar habe Jung schon 1934 seinen Pakt mit dem Nationalsozialismus damit verteidigt, "man könne nicht gegen Lawinen protestieren". Doch Stern glaubt nicht an eine durch die "Übermacht der Verhältnisse erpreßte Anpassung", angesichts der Tatsache, daß Jung noch 1938 in einem Interview mit dem US-Journalisten H. R. Knickerbocker emphatische Worte für Hitler fand.
 
Jung nannte damals, laut Stern, "den "Führer" einen Mann mit dem Blick des Sehers, eine historische Erscheinung, die in die Kategorie der wahrhaft mystischen Medizinmänner gehöre, ein Sprachrohr der deutschen Seele, dessen Macht nicht politisch, sondern magisch fundiert sei, und ... ein "geistiges Gefaß"'.
 
Erst im Zweiten Weltkrieg habe Jung seine Bewunderung für den Nationalsozialismus aufgegeben. Und nach 1945 vertrat er sogar, wie ihm Ludwig Marcuse vorwarf, die These von der deutschen Kollektivschuld. Jung neigte eben dazu, meint Stern, "in der Politik -- und nicht nur in dieser -- sehr wetterwendisch, um nicht zu sagen: opportunistisch zu sein". [...]"
 
Quelle: spiegel.de - "Wotans Erwachen" (Der Spiegel, 21.03.1977), farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.

Wir sehen hier ein weiteres Mal nichts anderes demonstrativ zum Ausdruck gebracht als den verzweifelten Versuch, ureigene Schwächen, Unzulänglichkeiten, Defizite zu verbergen, sie zu adeln - zu kompensieren und das wiederum überdeutlich mittels augenfälligem Selbstbetrug.
 
Es ist doch nicht im Mindesten verwunderlich, dass gerade auch C.G. Jung psychotisch war, unter massivem Realitätsverlust litt, was Folge frühkindlicher Beschädigung war, wie es so im Grunde immer der Fall ist (diverse psychische Störungen auf Ursachen, d.h. Verursachungen, auf Beschädigtwerden in der Kindheit zurückgehen) - siehe bspw. auch bei Friedrich Nietzsche und unzähligen anderen, die zur Legitimierung, zum Adeln ihres Selbstbetrugs abstruse Ideologien, Konstrukte hervorbrachten, von welchen sich wiederum gerade solche Menschen angsprochen fühl(t)en, die ähnliche Störungen aufweisen und diese ihrerseits wiederum auf Basis von Selbstbetrug zu rechtfertigen, zu schönen versuchen - mittels der Konstrukte historischer Personen.

Jung war unzweifelhaft von frühester Kindheit an - durch entsprechenden elterlichen Umgang - massiv psychisch-emotional geschädigt - wie es gleichermaßen bspw. auch Nietzsche war und unzählige andere Menschen waren und nach wie vor sind, was grundsätzlich und global mit - gerade auch religiöser - Ideologie, mit patriarchalischer Schwarzer Pädagogik zu tun hat, deren (beider) Ergebnis ist und zwangsläufig nur sein kann.

So wird infolgedessen "üblicherweise" ein Selbst-, Welt- und Menschenbild konstruiert und auf verschiedene Weisen zu legitimieren (leider auch zu propagieren) versucht, das nichts anderes zum Urgrund hat als vorrangig bis ausschließlich selbstbezogene, selbstsüchtige schmerzvermeidende Selbstschonung und somit gerade das Gegenteil des Strebens nach wahrhaftiger Selbsterkenntnis, Selbstreflexion, Selbstanalyse und Persönlichkeitsreifung ist.
 
Und dass es sich so verhält, springt einem fast schon obszön ins Auge, ist so offensichtlich, dass man sich nur fragen kann, wie Menschen dies nicht erkennen können bzw. viel eher: warum bestimmte Menschen es nicht erkennen wollen, solche nämlich, die sich zu diesen historischen Personen hingezogen, mit ihnen verwandt fühlen, sie sich als Vorbilder nehmen - aufgrund des Bestehens ihrer eigenen, sehr ähnlichen Unzulänglichkeiten und Defizite, die sie wiederum mittels solcher historischer Persönlichkeiten zu rechtfertigen, zu "adeln" versuchen, um sich ihrerseits nicht die Blöße des Selbstbetrugs geben zu müssen.
 
Schon in den Vorstellungen und Phantasien des kindlichen Jung treten narzisstische Selbstüberhöhungswünsche, kompensatorische Autoritäts-, Machtphantasien in aller Deutlichkeit zutage. Und es zieht sich dies durch sein gesamtes Leben, später von ihm nur besser getarnt werden könnend - was wiederum ein typisches Symptom von/für Narzissmus ist: die "meisterliche" Täuschung, die "virtuose" Manipulation - der Selbstbetrug.
 
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"[...] Ambivalent stand Erich Fromm Jung gegenüber: Einerseits bezeichnete er ihn als «nekrophilen Charakter», der eher von der Vergangenheit und nur selten von der Gegenwart und Zukunft fasziniert gewesen sei. In seiner anfänglichen Sympathie für Hitler und in seinen Rassentheorien komme diese Hinneigung zu Menschen, die das Tote lieben, zum Ausdruck. Jung sei andererseits ein ungewöhnlich schöpferischer Mensch gewesen, «[…] und Kreativität ist das Gegenteil von Nekrophilie. Er löste den Konflikt in sich selbst dadurch, dass er seine destruktiven Kräfte in sich durch seinen Wunsch und seine Fähigkeit zu heilen ausglich und dass er sein Interesse für die Vergangenheit, für Tote und für Zerstörung zum Gegenstand brillanter Spekulationen machte.»[235]
 
Kritik an der Analytischen Psychologie von C. G. Jung findet sich vor allem aus den Reihen anderer psychologischer Paradigmen und der Kritischen Theorie der Gesellschaft. In der Psychologie wird vor allem kritisiert, dass die Theorien und Modelle der Jungschen Tiefenpsychologie «unwissenschaftlich» seien, weil sie nicht durch kontrollierte Erfahrung belegt bzw. widerlegbar seien. Die Kritische Theorie der Gesellschaft lehnt die Theorie des kollektiven Unbewussten als affirmative Ideologie gesellschaftlicher Herrschaft und Rückfall der Aufklärung in den Mythos ab.
 
Der Ideologiekritiker Heinz Gess stellt in seinem Buch «Vom Faschismus zum neuen Denken. C. G. Jungs Theorie im Wandel der Zeit»[236] dar, die Struktur seiner Lehre habe Jung 1933 dazu gebracht, vorbehaltlos in die faschistische Führerpropaganda einzustimmen und diese in den 1930er Jahren fortzusetzen. Gess sieht in Jung einen deutsch-völkischen Ideologen, der als solcher anfangs vom Nazifaschismus fasziniert gewesen sei. Antisemitisch klingende Stellungnahmen vor und nach 1933 wertet Gess als Belege, dass Jung auch Antisemit gewesen sei. [...]"
 
Quelle: Wikipedia - "Carl Gustav Jung", farbliche Hervorhebungen (dunkelblau) habe ich vorgenommen.
 
"[...] Er lebte mit dem Bewusstsein, in eine Familie geboren worden zu sein, die sich aufs Visionäre verstand: der eine Großvater war Geistlicher und hatte tatsächlich mit "Geistern" Kontakt, der andere war Freimaurer und ein Hoch-Eingeweihter in esoterischen Praktiken. Er galt als ein unehelicher Sohn Goethes. Jung war sich dessen sicher und betonte zeitlebens die Abstammung von dem Dichterfürst. Seine Mutter fiel regelmäßig in Trance und gab dann seltsame Worte und Töne von sich, sie verkehrte in diesen Zuständen ebenfalls mit Geistern und blieb dem Sohn immer ein rätselhaft, geheimnisumwittertes Wesen. Zwar Mutter, aber doch auch Fremde - anziehend und furchteinflößend schrecklich zugleich. (Stangl, 2018). [...]
 
Carl Gustav Jung charakterisiert seinen Vater, einen promovierten Arabisten als guten unkomplizierten Menschen, dessen dogmatischer Glaube ihm jedoch leer, schematisch und leblos erscheint. Dies zeigt sich insbesondere in den Auseinandersetzungen, Fragen und Zweifeln des Sohnes, die vom Vater lediglich mit lehrmäßigen Inhalten beantwortet werden, ohne das Anliegen des Sohnes zu erfassen und nachzuvollziehen. Zwar assoziiert Jung in bezug auf seinen Vater Zuverlässigkeit, gleichzeitig jedoch auch Ohnmacht. Enttäuschungen in der Ehe, sehnsüchtige Erinnerungen an die Studentenzeit und immer stärker werdende Glaubenszweifel führen zu schlechter Laune und chronischer Gereiztheit, bis die Glaubenskrise schließlich laut Jung für den frühen Tod des Vaters verantwortlich wird. "Ich verstand erst einige Jahre später, dass mein armer Vater nicht denken durfte, weil er von inneren Zweifeln zerrissen war. Er war auf der Flucht vor sich selber und insistierte deshalb auf dem blinden Glauben, den er erkämpfen musste und mit krampfhafter Anstrengung erzwingen wollte." In völlig anderer Hinsicht übte die Mutter auf Carl Gustav Jung eine tiefe Prägung aus. Er beschreibt sie als gespaltene Persönlichkeit, die einerseits manchmal überkommene Meinungen äußerte, diese jedoch andererseits von ihrem unkonventionellen, anderen Ich sogleich widerlegte. Nicht immer sagte sie, was sie eigentlich dachte - so der Eindruck des Jungen. Diese Tatsache lässt ihn die Mutter zum einen als liebende Mutter mit einer großen "animalischen Wärme", Gemütlichkeit und Redseligkeit erleben, zum anderen erscheint sie ihm unheimlich, archaisch und ruchlos. Der Sohn vertraut ihr deshalb nur bedingt - was ihn ernstlich beschäftigt, teilt er ihr nicht mit. Diese zwiespältige Haltung gegenüber der Mutter wird bereits von einem Erlebnis in der frühesten Kindheit genährt. Als er drei Jahre alt ist, muss die Mutter für mehrere Monate in ein Krankenhaus in Basel. Der Knabe reagiert auf dieses Verlassensein mit Ekzemen, und ihre lange Abwesenheit macht ihm schwer zu schaffen. Später sieht Jung das Leiden der Mutter im Zusammenhang mit Eheschwierigkeiten der Eltern. "Seit jener Zeit war ich immer misstrauisch sobald das Wort "Liebe" fiel. Das Gefühl, das sich mir mit dem "Weiblichen" verband, war lange Zeit: natürliche Unzuverlässigkeit und Ohnmacht. Ein halbes Jahr nach der Geburt des Sohnes Carl Gustav zieht die kleine Familie für vier Jahre nach Laufen bei Schaffhausen. Dort, oberhalb des Rheinfalls, wächst der Kleine auf dem Lande auf - im Umkreis von Pfarrhaus, Kirche und Friedhof. Dort macht er auch seine ersten Erfahrungen mit der ihm nicht ganz einsichtigen Gestalt des "Her Jesus". Dieser sollte einerseits Schutz vor den Gefahren der Nacht geben, wie ihn das Abendgebet der Mutter lehrte, andererseits stand er in dunklem Bunde mit den Vorgängen auf dem Friedhof, wenn der Vater im schwarzen Talar von ebenfalls schwarz gekleideten und finster blickenden Männern, die eine schwarze Kiste trugen, begleitet wurde: "Ich fing an, dem her Jesus zu misstrauen." Dem Jungen gelingt es auch später trotz aller Bemühungen nicht, ein positives Verhältnis zum verkündigten Jesus Christus der Kirche zu gewinnen. Der Religionsunterrricht langweilt ihn, und in die Kirche geht er - mit Ausnahme am Weihnachtstag - höchst ungern. (Stangl, 2018). [...]
 
An einem schönen Sommertag drängt sich dem zwölfjährigen Jungen, der in Basel vor dem Münster steht, plötzlich ein angstvoller Gedanke auf. Er hat den Eindruck, nicht weiterdenken zu dürfen, weil sonst etwas Furchtbares geschehe. Vielleicht begehe er die Sünde wider den Heiligen Geist und wäre damit auf ewig in die Hölle verbannt. All seine Bemühungen richtet er krampfhaft darauf, nicht an den lieben Gott und das schöne Münster zu denken. Diese Spannung hält er zwei Tage lang aus, sogar ohne den Eltern etwas zu erzählen, in der dritten Nacht jedoch wird die Qual so groß, dass er sich trotz aller Angst entschließt, den Gedanken zu Ende zu denken, er fühlt sich von ihm überwältigt: "Ich fasste allen Mut zusammen, wie wenn ich in das Höllenfeuer zu springen hätte, und ließ den Gedanken kommen: Vor meinen Augen stand das schöne Münster, darüber der blaue Himmel, Gott sitzt auf goldenem Thron, hoch über der Welt, und unter dem Thron fällt ein ungeheures Exkrement auf das neue bunte Kirchendach, zerschmettert es und bricht die Kirchenwände auseinander. Das war es also. Ich spürte eine ungeheure Erleichterung und eine unbeschreibliche Erlösung. An Stelle der erwarteten Verdammnis war Gnade über mich gekommen und damit eine unaussprechliche Seligkeit, wie ich sie nie gekannt hatte. Ich weinte vor Glück und Dankbarkeit, dass sich mir Weisheit und Güte Gottes enthüllt hatten, nachdem ich Seiner unerbittlichen Strenge erlegen war. Das gab mir das Gefühl, eine Erleuchtung erlebt zu haben." (Stangl, 2018). [...]
 
Die intensive Auseinandersetzung mit inneren Ereignissen seines Lebens, gibt Jung über weite Strecken seines Weges das Gefühl großer Einsamkeit. Das Wissen um innerseelische geheimnisvolle Vorgänge, die die Spielkameraden anscheinend nicht kennen, bewirkt, dass Jung sich bereits als Kind als Outsider empfindet. Zeitweilig wird die Beschäftigung mit den inneren Erfahrungen so intensiv, dass sie zu Depressionen führt, die erst nachlassen, als er sich um eine bewusste Realitätserfassung bemüht. "Meine ganze Jugend kann unter dem Begriff des Geheimnisses verstanden werden. Ich kam dadurch in eine fast unerträgliche Einsamkeit, und ich sehe es heute als eine großes Leistung an, dass ich der Versuchung widerstand, mit jemandem davon zu sprechen. So war damals schon eine Beziehung zur Welt vorgebildet, wie sie heute ist: auch heute bin ich einsam, weil ich Dinge weiß und andeuten muss, die die anderen nicht wissen und meistens auch gar nicht wissen wollen", sagt er in seiner Autobiographie im Alter von über 80 Jahren. (Stangl, 2018). [...]"
 
Verwendete Literatur
Stangl, W. (2018). Carl Gustav Jung. [werner stangl]s arbeitsblätter.
WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/WISSENSCHAFTPSYCHOLOGIE/PSYCHOLOGEN/Jung.shtml (2018-01-05).
 
Deutlicher geht es demnach kaum mehr:
 
Ein unnahbarer, emotional nicht zugänglicher, patriarchalisch religiöser Vater, eine esoterisch-abergläubische Mutter, die als "furchteinflößend, animalisch, unheimlich, ruchlos" erlebt wird, was selbstredend von frühester Kindheit an das Frauenbild prägt, schließlich seine Einsamkeit, die depressiven Phasen, das Gefühl ausgestoßen zu sein, nicht verstanden, erkannt, nicht angemessen gewürdigt zu werden, dabei aber vermeintlich besonders, überlegen, wissend, "erleuchtet" zu sein, folglich die typisch narzisstische, kompensatorische Selbstüberhöhung und Bitterkeit, Verbitterung noch und gerade im Alter, weil tatsächlich keine  Selbsterkenntnis und Persönlichkeitsreifung vonstatten ging, durchlebt, zugelassen, ertragen wurde - stattdessen Flucht in den Selbstbetrug, in Konstrukte, Ausweichen, statt tatsächliches Sich-Stellen. - Der Narzisst erträgt es nicht, "klein, schwach, fehlerhaft, unterlegen" zu sein, er will es nicht wahrhaben, daher die Kompensationsbemühungen, die Realitätsflucht und -verweigerung, die Täuschung und Manipulation anderer sowie der Selbstbetrug. 
 
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"[...] Schon Freuds Lieblingsschüler Carl Gustav Jung pflegte eine erotische Beziehung mit seiner Patientin Sabina Spielrein. "Sie bitte ich, jetzt nicht zu stark in die Zerknirschung zu gehen", schrieb der Meister voller Verständnis an Jung. "Ich selbst bin nicht ganz so hereingefallen, aber ich war einige Male sehr nahe daran."
 
Trost für den Täter, nicht für das Opfer - diese Einstellung hat sich als zählebig erwiesen. Daß es, umgekehrt, fast immer die Patientin ist, die auf den Helfer hereinfällt, wird von Freuds Nachfahren erst zur Kenntnis genommen, seit Frauen ihre Erfahrungen nicht mehr aus Scham für sich behalten. [...]"

Quelle: spiegel.de - " `Meine Seele in seiner Gewalt´", farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen. 
 
"[...] Den Chemiker führten solche Erfahrungen zu einer Art Unio mystica, einem tiefen Gefühl des Einsseins mit dem Universum. »Ich erkannte, dass meine ganze Welt auf subjektivem Erleben beruht. Sie ist in mir, innen. Nicht außen – es gibt keine Farben da draußen.« In der Auflösung des Ego erfuhr Hofmann das Vertrauen »in eine höhere Macht, oder wenn Sie so wollen: in den Schöpfer.«
 
Ähnlich religiöse Erfahrungen machten die Schriftsteller Aldous Huxley und Ernst Jünger, die in Büchern wie Moksha oder Besuch auf Godenholm ihre Ausflüge ins Reich Fantastica schilderten. Jünger und Hofmann, die zu ihren gemeinsamen Seelenreisen im Wohnzimmer gern Mozart auflegten, hofften noch auf die heilsame Wirkung der Psychodroge. Die selige Erfahrung der Vereinigung des Ichs mit der Schöpfung, so glaubten sie, könnte die Menschheit evolutionär voranbringen.
 
Doch die naive Hoffnung zerstob in den sechziger Jahren. LSD macht zwar körperlich nicht süchtig wie Heroin oder Kokain, doch die Auflösung des Bewusstseins führte bei manchen zu Wahn- und Angstvorstellungen, andere stürzten sich in den Selbstmord oder trugen zeitweilige Psychosen davon. Dass Menschen wie der gläubige Christ Hofmann, der schon als Zehnjähriger mystische Naturerlebnisse hatte, unter LSD eher Einheitserfahrungen machten, ist nicht verwunderlich. Dass auch die Hell’s Angels nach LSD-Trips zu frommen Brüdern wurden, ist nicht überliefert.
 
Mit dem LSD-Verbot Ende der sechziger Jahre kam auch das Aus für die Forschung. Bis dahin war die Droge in großem Stil untersucht worden: Psychotherapeuten sahen sie als Werkzeug, um bei Patienten lange verdrängte Traumata an die Oberfläche des Bewusstseins zu holen; andere erprobten LSD in der Sterbebegleitung von schmerzgequälten Krebspatienten; vor allem aber stimulierte die »Mutter aller Drogen« in den fünfziger Jahren die Erforschung der Botenstoffe im Gehirn. Denn die Psychedelika sind den Neurotransmittern wie Serotonin, Noradrenalin und Dopamin nicht nur sehr ähnlich, sie entfalten auch ihre Wirkung in denselben Hirnregionen. Vor allem beeinflussen sie das limbische System, in dem Sinneseindrücke gefiltert, mit Gedächtnisinhalten abgeglichen und emotional bewertet werden – in dem das Gehirn also sein Weltbild konstruiert.
 
Den Psychedelika verdankt die Wissenschaft die Erkenntnis, wie stark chemische Stoffe dieses Erleben und mithin unseren Geisteszustand beeinflussen. [...]"
 
Quelle: zeit.de - "Die Kernkraft der Seele", farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
"[...] Jüngers Stil, der vielgerühmte kristallene, zeichnet sich oft aus durch jene Unklarheit, die den mystisch-irrationalen Neigungen seines Autors entspricht; zeichnet sich aus durch Unsicherheit im Bereich des Geschmacks; zeichnet sich aus durch eben jene Zwanghaftigkeit, die dem nimmermüden Verehrer, ja Anbeter der desinvoltura beim Ringen um die noble Lässigkeit angeborener Gelassenheit die Feder knirschend führt. Der Versuch, sich der Präzision technischer Chiffren anzunähern, beraubt die Sprache des präzisen Aussageinstruments der Musikalität. Denn Jünger hat kein Verhältnis zur Musik; [...]
 
Das, was sich technisch fassen läßt als sachlich unstimmig, als verfehlt in Bildwahl und Logik, als verschwommen und unverbindlich bis zur simplen Umkehrbarkeit, als schmerzhafter Verstoß gegen die Gesetze des Maßes und der Angemessenheit (also des Geschmacks), muß natürlich zurückgeführt werden auf Eigentümlichkeiten des Autors, die seiner Substanz innewohnen. Denn seit Buffon (dem immer wieder falsch zitierten) gilt das „le style c’est de l’homme même“, und Jünger sagt es immer wieder variierend auf seine Weise. Am umfassendsten (vom Schreiben ausgehend) wohl im Nachwort von 1964: „Der Stil eines Menschen (...) – das reicht tief in die Gründe, ist Ausdruck des ihm auferlegten Schicksals und seiner Prägung“ (X/409). Hier weiterzugründeln, kommt der Literaturkritik nicht zu. Allemal aber handelt es sich um den Fall einer Persönlichkeitsverengung, die sich im Bewußtsein ihrer Reduktion mit um so fanatischerem Eifer auf die austastende Musterung der Kernsubstanz konzentriert, auf solche Weise zu maßloser Innenschau, zu rauschhaftem Autismus getrieben. Eben die hypertrophen Eigentümlichkeiten, etwa die des legendären Kriegshelden und seiner nahezu somnambul gelenkten Tapferkeit, die defizienten Zonen im Bereich des Musischen, im Bereich der désinvolture sie nötigen zu Kompensationsakten von imponierender und zwanghafter. Einseitigkeit. [...]
 
Letztlich wird diese stilistisch sich als Unsicherheit manifestierende Defizienz, wird dieser Mangel an Instrumentation offenbar im Fehlen allen Humors. Humor als Existenzcharakter hat ja nichts zu tun mit dem albernen „wenn man trotzdem lacht“ (das leicht als Bestialität sich erweisen kann) noch mit Schnurren in kopfsteingepflasterten Gassen, darüber gutmütige Sterne; nichts mit jener Form der „provinziellen Ironie“, über die Jünger sich zu Recht anläßlich Raabes mokiert (10. Dezember 1942); sondern ist eine Daseinsform. Jünger ist ihr fern. Und es scheint, als nötige ihn das Bewußtsein solchen Mangels zu seiner Kritik an dem Erzähler Fontane, dem er Fülle als Schwäche ankreidet, da er sie bei Musterung des eigenen Bestandes als fehlend buchen müßte [...]
 
Die sterile Form der Ich-Verhaftung ist die Wendung zur eigenen Körperlichkeit in Form der Hypochondrie. Einige Beispiele von vielen (sämtlich den „Strahlungen“ I oder II entnommen): Schlaflosigkeit führt den Hauptmann Jünger am 13. Oktober 1942 in Paris zum Oberstabsarzt. Der weist ihn ins Lazarett ein. Dort liest er Jesaja, Lichtenberg, Schopenhauer; Freundinnen bringen ihm Zinnien, eine violette Cattleya; die Nächte bleiben unruhig und bedrückend, allein: „Morgens recht abgespannt, doch geistig mächtig.“ Wie ermißt sich diese Mächtigkeit? Der Autor „nahm das an der Wölbung wahr, mit der sich die grünen und gelben Bäume in den Gärten den Augen darboten“. Nach acht Tagen entlassen die ratlosen Ärzte den Patienten, Diagnose: „Magenkatarrh.“ Konsequent sucht der durch solche Gesunderklärung Versehrte jetzt einen zivilen Arzt auf: einen Franzosen, „der mir durch Zuspruch sehr nützlich war“.
 
Das ist als Bericht so absurd, weil es sich abspielt unmittelbar vor der Abkommandierung Jüngers aus den Köstlichkeiten von Paris an die Ostfront. Natürlich weigert sich der Soldat, sich solchem Kommando zu widersetzen (das übrigens seinem Schutze zugedacht war). Natürlich sträubt sich der Körper, ganz Zivilist, sich solchem Kommando zu fügen. Der Registrator aber registriert, er diagnostiziert nicht, bleibt ahnungslos.
Der komische und, da nicht gewollt, stilwidrige Effekt rührt in Fällen wie diesen von der Disproportion her. Weltkriege entflammen, Welten gehen zugrunde, der Beobachter ist sich dessen nicht im ungewissen – jedoch: „Beim Abmarsch Magenschmerzen, die sich dann besserten“, und vier Monate später, nach wie vor an der (damals schlummernden) Westfront, war es „ein Katarrh, der mich plagte; ich führe daher Emser Pastillen mit“ (15. Mai 1940). Häufig auch „plagt“ den Chronisten „eine leichte Migräne“. So notiert am 6. März 1943; und es ist schon staunenswert, wie diese leichte Indisposition nicht nur inventarisiert, sondern unbefangen mit dem Befinden des Großen und Allgemeinen in Zusammenhang gebracht wird: Denn es erfüllt ihn der Jahresanfang dennoch „zugleich mit starker Zuversicht auf eine Wendung zum Besseren. Daß letzten Endes alles gut wird, vergessen wir in Zeiten der Schwäche, der Melancholie“. Das ist eine ebenso wahre wie fragwürdige und triviale Behauptung. Wahr ist der melancholiebedingte Pessimismus, fragwürdig die Erfahrung, daß alles „letzten Endes“ gut wird, und trivial die ganze Notiz. [...]
 
Vom „Lob der Vokale“ (1934) und seiner Sprachkabbala sei hier geschwiegen – vor allem, weil diese dilettierenden Absurditäten anzuprangern allzu billig wäre. Was aber zehn Jahre später im Kriege sich an Sprachmystik andrängt, ist wiederum durch die Einbettung in seinen Kontext nicht ohne absurde, ja komische Funktion. Eben die von Jünger nicht hoch geachtete Sprachwissenschaft hat jene semantische Qualität des Wortes zu erfassen gelehrt, die bei subtiler Jagd auf der Strecke bleibt, das heißt eben nicht erfaßt, sondern einer eigentümlichen Zuerkennung absoluter sprachlich-lautlicher Sinnhaftigkeit preisgegeben wird: „Im Halbschlaf drang ich innig in den Geist der Sprache ein – besonders deutlich wurden mir die Konsonantengruppen m–n, m–s, m–j, in denen das Hohe, Männliche und Meisterhafte zum Ausdruck kommt“ (27. Juni 1941). Nun denn: Minne, Mein-(eid), Mus und Muse, Mai...: es muß gesagt sein, auch wenn die Widerlegung so leicht ist. Am 4. Januar 1942 notiert Jünger: „Mir fiel der Euphon des ,ei‘ in ‚bleiben‘ auf, wie er übrigens auch durch andere Vokale in manere, manoir zum Ausdruck kommt.“ Frage: Ist „ei“ ein Euphon? Wenn ja, wie kann er in gleichbedeutenden Wörtern zum Ausdruck kommen durch einen anderen Vokal? Und welcher Vokal ist – übernationalsprachlich – kein Euphon? „In diesem Sinne muß die Sprache neu entdeckt werden“, heißt es weiter. Die Antwort sei ein euphonisches Nein.
 
Karnevaleske Züge gewinnen die Spekulationen schließlich, wenn sie (29. Juni 1943) fragen: „Vokale: Pokale? Der Vokal wird durch den Konsonanten gefaßt; er faßt das Unaussprechliche. So faßt die Frucht den Kern und dieser wiederum den Keim.“ Der Gipfel des aussprechbar Unaussprechlichen findet sich unter dem 23. Mai 1943: „Atome + Hamannsches H =
Athome = At home.“ Hier beginnt, was nicht einmal mehr des Widerspruchs wert ist. Zum Abschluß dieser Beobachtungen eignet sich ein anderes Jünger-Zitat: „Jeder Fehler hat auch seine Vorzüge und umgekehrt“ („Gläserne Bienen“, IX/407).
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Jünger ist verführbar wie wenige Schreibende durch die Suggestivkraft eines Bildes. Bilder, die auf den ersten Blick bestechen, erweisen sich beim zweiten Zusehen als beliebig, also unbrauchbar. Es geht, am 15. Januar 1940, um Gesang auf dem Marsch – „was den Leuten und mir selber gut bekommt. Alle rhythmischen Dinge sind Waffen gegen die Zeit, und gegen sie im Grunde kämpfen wir. Der Mensch kämpft immer gegen die Macht der Zeit“. Er kämpft auch gegen anderes, und mancher kämpft gar nicht – aber darum soll es nicht gehen, sondern um die „rhythmischen Dinge“: Ebensowohl kann man sagen, daß sie, als hörbar gemachte Zeit, nicht gegen sie sind, sondern für sie, als Begleiter, Bewußtmacher. Es kommt, um es mit Jüngerscher Großzügigkeit zu formulieren, auf die Art der Zeit an.
Licht „webt“, Menschen „weben“, Blankenburg ist „eine der Perlen der Harzstädte“ und Freiburg doch wahrhaftig „eine Perle unter den Städten“: Das klingt wie das Werbedeutsch eines Reisebüros und bekundet allenfalls Furchtlosigkeit gegenüber dem Klischee.
 
Eine alte Frau bricht auf der Straße zusammen, fällt aufs Gesicht, erholt sich bald wieder. Vergleich: „So tauchen Schwimmer bei hohem Seegang für einen Augenblick ins Wasser ein“ (20. September 1939). Nein, denn der Schwimmer, tauchend, bleibt in seinem Element und verhält sich ihm gemäß. Die alte Frau war ausgebrochen, für den Augenblick herausgeglitten aus ihrem Element.
 
Unter dem 5. Mai 1943: „Zum Stil. Die Anwendung des Substantivums ist auf alle Fälle stärker als die der Verbalformen. ‚Sie setzten sich zum Essen‘ ist schwächer als: ‚Sie setzten sich zu Tisch‘ oder: ‚Sie setzten sich zum Mahl‘. ‚Er bereut das Getane‘ ist schwächer als ‚Er bereut die Tat‘. Das ist der Unterschied zwischen Bewegung und Substanz.“
Wieder wird die Sprache anthropomorph behandelt. Es geht hier nicht um „stärker“ oder „schwächer“, sondern jede der Aussagen trifft einen anderen Sachverhalt, „das Getane“ ist summarisch-allgemein, „die Tat“ konkrete Einheit; und es kommt lediglich darauf an, ob „er“ das eine zu bereuen hat oder das andere. Eingangs der zweiten Fassung des „Abenteuerlichen Herzens“ heißt es von den früheren Aufzeichnungen: „Wie ich höre, finden sie seit langem mit erstaunlicher Regelmäßigkeit ihre fünfzehn Leser im Vierteljahr. Ein solcher Zuspruch erinnert an gewisse Blumen wie an Silene noctiflora, deren während einer einzigen Nachtstunde geöffnete Kelche eine winzige Gesellschaft beflügelter Gäste umkreist“ (VII/180–81). Wieder lockt Expertenwissen in die Falle des irrigen Bildes. Während die Pointe der Blüte darin besteht, daß sie nur für einen einzigen Augenblick geöffnet ist, handelt es sich bei dem Buch eben darum, daß es lediglich eine kleine Schar anzieht, obwohl es permanent „geöffnet“, vorhanden und bereit ist.
 
Der Unsicherheit in der Anwendung von Bildern und Formeln entspricht die unheilvolle Neigung zum allzu hoch angesetzten Ton. Narzißhaft und preziös behängt die Sprache sich mit gravitätischem Zierat und kredenzt mit Imponiergebärde erlesene Nichtigkeiten. Im besetzten Paris vergehen so die Tage, die Monate, man speist im „Ritz“, nimmt seinen Tee, tauscht Gedanken über Kunst und Künstler, schmeichelt die Namen von Fürstinnen und Grafen, von großen Schriftstellern und Malern wie einen Hermelin um den Schreibschaft, tut Antiquitäten auf und seltene Bücher. Man denkt nicht nach, man sinnt; Besucher sind nicht einfach da, sie weilen; sie essen nicht, sondern speisen; sie geben nicht, sondern spenden; man besucht nicht, sondern spricht vor; man frühstückt nicht „wie gewohnt“, sondern man pflegt zu frühstücken – oder „in der Sonne eine Tasse Tee zu trinken und einige hauchdünne Sandwiches zu verzehren, beinahe Oblaten, die der Erinnerung vergangenen Uberflusses gewidmet sind“. Das ist 1941, Paris ist noch voll des Überflusses, und die Sandwiches (vermutlich) wollten hauchdünn sein, weil sie hauchdünn besser sind. „So treibt man auf bekränzten Schiffen dem Abgrund zu“ – ein allzu kulinarisches Bild vom Ende, und dem Abgrund des Kitsches zutreibend. So berührt es erholsam, wenn inmitten von Marmorstirn und Brunnenrand, von Frühstück im „Ritz“ und Tee beim Oberbefehlshaber, wenn es inmitten der Lektüre des Alten Testaments plötzlich tegtmeiert: „Der Schwager Kurt klagt brieflich, daß Nase und Ohren ihm am Erfrieren sind“ (25. Januar 1942).
 
Daß der Stil „eben im tiefsten Grunde auf Gerechtigkeit“ ruhe, ist eine anspruchsvolle und eindrucksvolle Feststellung (17. Februar 1942). Daß es Verstöße gegen diese Art von Gerechtigkeit sind, die Jünger daran hindern, die von ihm erstrebte „Macht und Leichtigkeit“ in der Prosa zu erreichen, mag sich ihm gelegentlich angedeutet haben: Im ersten der „Drei guten Vorsätze“ zu Neujahr 1943 heißt es sehr hellsichtig: „Fast alle Schwierigkeiten in meinem Leben beruhten auf Verstößen gegen das Maß.“ Auch die Schwierigkeiten der Sprache sind derartige Maßverstöße, auch die Anlehnung ans Klischee ist Mangel an Maß. [...]
 
Und konstant scheint jenes archaische Männer-Ideal das ganze Werk zu durchdringen, das etwa in den „Gläsernen Bienen“ sich verkündigt: „Was sie in ihrer Jugend getrieben hatten und was seit Tausenden von Jahren des Mannes Amt, Lust und Freude gewesen war: ein Pferd zu reiten, des Morgens hinter dem Stier das dampfende Feld zu pflügen, im glühenden Sommer das gelbe Korn zu schneiden, während Ströme von Schweiß an der gebräunten Brust herunterrieseln und die Binderinnen kaum Schritt halten können, das Mahl im Schatten der grünen Bäume – alles, was das Gedicht seit uralten Zeiten gepriesen hat, es sollte nun nicht mehr sein. Die Lust war dahin“ (IX/425). Es klingt wie aus einem Katalog zu den einstmals im „Haus der Deutschen Kunst“ ausgestellten, derzeit in Frankfurt neu zu betrachtenden Bildern.
 
Archaische Mannes-Ideologie. Jäger, Waldläufer, Grabenkämpfer – ihnen ist als Geisteshaltung gemäß, was die Frau entbehren muß, Ironie etwa.
 
„Die Ironie ist Männersache, wie das Schachspiel oder die Philosophie. Sie ist zudem eine Sache von Junggesellen oder solchen, die als Junggesellen leben, und wie ein Wein, der im Alter an Säure gewinnt, ja Essig wird. Den Frauen steht sie nicht zu und nicht an. Sie haben andere Mittel und sind um so stärker, je mehr sie die Macht auf das Geschlecht gründen. Die Macht der Ironie liegt im Geist. Sie geht auf Kosten des Eros, und die beiden sind in kein Bett zu zwingen oder höchstens in ein sehr künstliches“ („Sgraffiti“, VII/366). Vielleicht sprach man 1960 noch nicht von rollenspezifischem Verhalten, aber man wußte in aufgeklärten Kreisen schon lange vor 1960, daß die schlichte Aufteilung der Menschheit in Geist und Schoß lediglich der einen Hälfte eben dieser Menschheit zum Genuß gereicht – aus welchem Grunde sie diesen Zustand gern als einen natur- oder gottgegebenen auslegt. Verstoß gegen das Maß.
 
Es empfiehlt sich, bei solcher Gelegenheit die sparsamen Äußerungen des Tagebuchschreibers über Frauen genauer zu betrachten. Über manche, die ihm näher, ja nahe gestanden haben mag, äußert er sich mit verständlicher und zu respektierender Kargheit, Namen verschlüsselnd, Beziehungen lediglich andeutend. Dann aber bricht wohl auch eine Lust an landsknechthafter Rede hervor, Kasino-Erotik verbreitend.
Unter dem 10. Februar 1940 findet sich folgende Geschmacklosigkeit: „Zur erotischen Fortifikationslehre: vor allem vermeide jene vertrackte Art von Vesten, bei denen die Außenforts gleich unter dem ersten Angriff fallen, die Zitadelle aber unüberwindlich bleibt.“ Da lacht der Landsknecht, und die Dirne kichert.
 
Am 1. Mai 1941 notiert Jünger, daß er mit der Französin Renée ins Kino geht, nein, „ins Lichtspiel; ich berührte dort ihre Brust. Ein heißer Eisberg, ein Hügel im Frühling, in den Myriaden von Lebenskeimen, etwa von heißen Anemonen, eingebettet sind.“ Der Vorgang selber beschäftige uns nicht, wohl aber seine Schilderung, deren monströse Unangemessenheit wiederum die latente Unsicherheit gegenüber der Frau ausdrückt. Schon die Ortsangabe „dort“ ist auf absurde Weise komisch. Dann aber liest sich die berührte Brust doch wirklich, als preise die baute cuisine die Meisterkreationen ihres Kochs auf der Dessertkarte an. [...]
 
Die kontrastive Kombination von Flammentod und Flammenzauber; von fallenden Bomben und subtiler Jagd; von Hunger und Folter hier, Teerosen und Schachspiel da ist ein Kunstmittel, das man als barbarisch empfinden darf, das aber als solches bewußt Haltung ausdrückt: die der elitären Distanz, ja Arroganz innerhalb des durchaus nicht ignorierten Ganzen – Leben im Dotter des Leviathan, um es mit einem von Jüngers Lieblingsbildern zu sagen. Nachbarschaft von Rausch und Tod, Eros und Thanatos, Genuß und Untergang: das klingt fernher von Nietzsche und Spengler und ist vieux jeu [...]
 
Bis hin zu der an Sadismus grenzenden berühmten Stelle zum 27. Mai 1944: „Alarme, Überfliegungen. Vom Dache des ‚Raphael‘ sah ich zweimal in Richtung von Saint Germain gewaltige Sprengwolken aufsteigen, während Geschwader in großer Höhe davonflogen. Ihr Angriffsziel waren die Flußbrücken. Art und Aufeinanderfolge der gegen den Nachschub gerichteten Maßnahmen deuten auf einen feinen Kopf. Beim zweitenmal, bei Sonnenuntergang, hielt ich ein Glas Burgunder, in dem Erdbeeren schwammen, in der Hand. Die Stadt mit ihren Türmen und Kuppeln lag in gewaltiger Schönheit, gleich einem Kelche, der zu tödlicher Befruchtung überflogen wird. Alles war Schauspiel, war reine, von Schmerz bejahte und erhöhte Macht.“ [...]"
 
Quelle: zeit.de - "Ernst Jünger oder Der allzu hoch angesetzte Ton", von Peter Wapnewski, farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.

Man kann Ernst Jüngers Fühlen, das daraus resultierende Denken und Sich-Äußern schon als pervers, jedenfalls abstoßend bezeichnen, unzweifelhaft ist es pathologisch. 
 
Ein Narzisst, wenn nicht Psychopath - es ist so augenfällig wie abstoßend gruselig, was dieser Mann gedacht, gefühlt und von sich gegeben hat: Ernst Jünger.
Er legt seinen Narzissmus mittels seiner schwülstigen Äußerungen, seiner demonstrativ zum Ausdruck gebrachten Ich-Bezogenheit, Selbstsucht, Realitätsverweigerung und fehlendem Mitgefühl in aller Deutlichkeit, dabei unfreiwillig, unreflektiert, selbst offen.
 
"[...] Meine psychoanalytische Diagnose für den Helden des Romans und seinen damit fast deckungsgleichen Autor lautet: Eine pathologischer Narzissmus mit abnormen Größen- und Unverletzlichkeitsphantasien, mythologischem Denken übersich selbst, unkontrollierbarer Ruhmsucht und Dominanzstreben, rauschhaften Erlebenszuständen und vorübergehendem Realitätsverlust mit halluzinatorischen Einsprengseln und unbezähmbarer Kampfbegeisterung mit latent suizidalen Neigungen. Zur Begründung:
 
Der knapp 18-jährige Kriegsfreiwillige schreibt bei der Ankunft des Soldatenzugs in der Nähe der Front Herbst1914: „Mit ungläubiger Ehrfurcht lauschten wir den langsamen Takten des Walzwerks der Front, einer Melodie, die uns in langen Jahren Gewohnheit werden sollte. … Ahnten wir, daß fast alle von uns verschlungen werden sollten … - der eine früher, der andere später? … Da hatte der Krieg uns gepackt wie ein Rausch. … Der Krieg musste es uns ja bringen, das Große, Starke, Feierliche.“ Eine erste Ernüchterung bringt der „Marsch durch den schweren Lehmbogen der Champagne“, durch scheue und zerlumpte Zivilisten,: „überall Soldaten in abgetragenen, zerschlissenen Röcken … Der Eindruck wurde durch den beginnenden Verfall des Dorfes noch vertieft.“ Aber der Kampfesrausch wird für Jünger fast vier Jahre erhalten bleiben, trotz der verstümmelt oder zerfetzt zu Tausenden immer wieder mit kaltem Blick beschriebenen Verwundeten und Toten. „Der Krieg hatte seine Krallen gezeigt und die gemütliche Maske abgeworfen. Das war so rätselhaft, so unpersönlich.“ Der kommende Held wünschte es von Anfang an persönlicher, als Nahkampf, rauschhafter und todesmutiger, als extrem männliche Bewährung. „Obwohl die Beschießung sich in jedem Augenblick wiederholen konnte, zog mich das Gefühl einer zwingenden Neugier an den Unglücksort.“ Diese Neugier wird nicht versiegen bis zur letzten Apotheose des blutigen Kampfes kurz vor dem bedauerten Ende im Herbst 1918. Aber erst einmal:
 
„Laden und Sichern! Mit geheimer Wollust einen Rahmen scharfer Munition ins Magazin.“ Dann, nach dem Exerzieren und erholsamen Ruhetagen: „Statt der erhofften Gefahren hatten wir Schmutz, Arbeit und schlaflose Nächte vorgefunden … Es gibt noch Lichtblicke mit Fressen und Saufen und neuen Freunden, die alle fielen oder in Schlamm und Bombentrichtern verfaulen.“, außer ihm, der in seine Phantasien der Unverwundbarkeit fiel in den unzähligen Stoßtruppunternehmungen, in denen er als Kommandeur Hunderte von „Kameraden“ in seinem Ehrgeiz, sich als Held auszuzeichnen, mit in den Tod riss. Er fühlt sich als mythischer Ritter vor dem Einsatz: „Am Abend saß ich noch lange in jener ahnungsvollen Stimmung, von der die Krieger aller Zeiten zu erzählen wissen“… „Endlich kam der ersehnte Befehl. … Dann glitt der Mahnruf des Todes durch die Reihen: 'Sanitäter nach vorn!'. Bald kamen wir an der Stelle vorbei, wo es eingeschlagen hatte. Die Getroffenen waren schon fortgeschafft. Blutige Zeug- und Fleischfetzen hingen rings um den Einschlag (der Granate, tm) an den Gebüschen - ein sonderbarer, beklemmender Anblick, der mich an den rotrückigen Würger denken ließ, der seine Beute auf Dornensträucher spießt.“, ein Beispiel von Jüngers kalter Beobachtungssprache inmitten des Gemetzels. Ein erster Einfall zum „Aufspießen“ geht zu den tausenden der vom halbprofessionellen Entomologen in späteren Jahrzehnten unter Schaugläsern auf gespießten Käfern. [...]"

Quelle: tilmannmoser.de - "Ernst Jünger: `In Stahlgewittern´ - Eine Deutung", farbliche Hervorhebung habe ich vorgenommen.
 
 
Der Narzisst vermag seine innere Leere nicht zu füllen - denn: er kann ja nicht lieben = geben. Niemanden je . Er nimmt nur - alles, so viel und so lange er kriegen kann. Skrupellos.
Und er wird nie satt. Er ist maximal gierig.

Wenn er irgendwann im Lebensverlauf allerdings durchaus sieht, feststellt, dass andere Menschen etwas erleben, erfahren, das er nicht kennt, nicht kann, nicht fühlt, nicht erlebt, nicht versteht, wendet er sich dem Morbiden, Hässlichen zu.
 
Denn vor gerade dem Tod, seiner eigenen Vergänglichkeit, vor dem Untergang seines Ich bzw. Egos hat der Narzisst eine unerträgliche Angst. Er erträgt es nicht - denn es bedeutet nichts anderes als alles (auf-) zu geben; es ist dies das Gegenteil von Gier und Nehmen, von Völlerei, Sucht, von Schlingen, Sich-Einverleiben und Aussaugen - das er ja aber zeitlebens tut, braucht.

Das Ende seiner Existenz bedeutet nichts anderes für ihn als der Schlusspunkt hinter seiner Leere. Die Leere seiner Existenz wird durch seinen Tod potenziert - und das: in seinem Gefühl, in seinen Gedanken: lange bevor er stirbt.
 
Er hat ja seine Leere sein gesamtes "Leben" hindurch mit sich geschleppt - und sie zu überdecken, zu unterdrücken, zu übertünchen versucht (mittels eben Konsums, Hedonismus, Sucht ... - mittels des Ausbeutens, Aussaugens anderer Menschen, an denen er sich sattzumachen versucht). Aber angesichts des absoluten Endes (seines Existierens) überkommt ihn das Grauen - denn es führt ihm unerbittlich genau das vor Augen, das er gerade unbedingt nicht sehen will: seine Lebensleere, die Nichtigkeit seiner Existenz, dessen totale Sinnlosigkeit. Denn: Er hat nie je einen (anderen) Menschen geliebt. - Er kann es nicht. Er konnte es nie. Lebenslang nicht ein Mal.

Und obgleich er nicht weiß, was genau ihm solche Angst einflößt, spürt er doch diese Leere, diesen Abgrund, in den er im Grunde jederzeit zu fallen droht. Es ist sein ganz und gar eigener Abgrund, der daher durch nichts zu bewältigen, zu überdecken, dem durch nichts sein Schrecken zu nehmen ist. Durch: nichts. Denn in ihm, dem Narzissten, regiert genau dieses Nichts - die absolute Leere.

Er kann emotional nie "satt" werden - er kennt das Gefühl der tiefen Freude, Verbundenheit, Erfüllung nicht.
 
Er kennt nur oberflächliche Bedürfnisbefriedigung, kurzlebigen Spaß, kleine Kicks (durch Essen, Drogen, Sex, Konsum und vor allem durch das Bewundertwerden, den Applaus anderer, den er lebensnotwendig braucht).
Aber nichts vermag seine totale innere Leere, Schwärze zu füllen, zu erhellen. Nichts. - Er kann nicht lieben.
 
Wenn du mit einem Narzissten zu tun hast, musst du dir über eines absolut im Klaren sein: Er meint nicht dich. Es geht (ihm) nie je um dich. Er sieht, erkennt dich gar nicht, er will es gar nicht wissen, es interessiert ihn nicht: wer du als Persönlichkeit bist.
 
Er will und braucht von dir nur dein Geben, deine Fürsorglichkeit, Aufmerksamkeit, Zuwendung, deine Leidenschaft, deine Freude, deinen Schmerz, deine Lust, deine Intensität, deine Originalität, deinen Geist/Esprit, deinen Humor - ja: deine Lebensenergie, die Essenz deines Seins. Daran berauscht er sich, damit füllt er seine Leere. Stets folglich nur vorübergehend, so lange die Wirkung andauert, dann braucht er neuen Stoff ... bis zum nächsten Mal, zum nächsten Kick, zum nächsten "Schuss".
 
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