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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Empathie und Mitgefühl sind nicht dasselbe - Schmerzerfahrung, Altruismus, Selbstlosigkeit, intrinsische Moral

 
Über "gut" und "böse", über Mitgefühl und Liebesfähigkeit, Verzeihen, Versöhnen, Frieden, über Heilung und Prävention durch Beziehung
 
Ist es nicht nur naiv, sondern tatsächlich falsch, davon auszugehen, dass in jedem Menschen "Gutes" vorhanden, angelegt, (re-) aktivierbar ist?
 
Was meint Gutes, was ist "gut":
Hierunter ist vor allem faires, insbesondere prosoziales Verhalten, basierend auf dem jedem Menschen sowie auch anderen Primaten angeborenen Mitgefühl und auf Erkenntnis- sowie (Selbst-) Reflexionsfähigkeit und Liebesfähigkeit - Liebe im Sinne von Metta, Karuna, Freundschaft, Güte - zu verstehen.
 
Kann vernünftigerweise davon ausgegangen werden, dass ein jeder Mensch dies in sich trägt, wenngleich mehr oder weniger stark oder schwach ausgeprägt bzw. mehr oder weniger intensiv verschüttet, überlagert, betäubt, beschädigt oder intakt?
 
Wie verhält es sich mit Sadisten, die durch das Quälen anderer, durch deren Schmerz, Leid, tiefe Befriedigung und Lust erleben?
Wie verhält es sich mit Menschen, die andere absichtsvoll verletzen, quälen, beschädigen, bis hin zu deren Vernichtung - siehe Folter, Mord - und dies gerade auch oder nur, um damit diverse eigene Vorteile, Machtzuwachs, Machterhalt oder "Ruhm" (vermeintlich oder tatsächlich) zu erlangen?
 
Wie also verhält es sich mit "dem Guten" bei Menschen, die sich wissentlich und absichtsvoll antisozial, destruktiv (für andere und/oder auch sich selbst), rachsüchtig, hasserfüllt, sadistisch, andere intensiv quälend, beschädigend, gewissen-, skrupellos, nicht integer, n i c h t mitfühlend, rücksichtsvoll, verantwortungsvoll, gewissenhaft, respektvoll, prosozial verhalten, sondern belastend, verletzend, beschädigend und das nicht nur einmalig, sondern wiederholt oder auch langandauernd und nicht nur in geringem Ausmaße, sondern intensiv, mit gravierend belastenden, weitreichend beschädigenden, destruktiven Folgen: insbesondere für diese anderen, die Opfer solcher Menschen, solcher Täter von psychisch-emotionaler und physischer, auch sexueller, sozialer, politischer, juristischer Gewalt?
 
Wir wissen, dass diese Menschen mehrheitlich, wenn nicht ausnahmslos psychisch krank, gestört, beschädigt (worden) sind, zumeist eine oder mehrere Persönlichkeitsstörungen aufweisen, wie bspw. pathologischen Narzissmus (die antisoziale PKST), Psychopathie, Soziopathie, Sadismus (korreliert eng mit pathologischem Narzissmus) oder auch paranoide Störungen etc..
 
Wir wissen außerdem, dass solche Störungen mehrheitlich nicht angeboren sind, auch wenn es ggf. eine genetische Disposition für manche gibt, sondern dass sie Folge falschen, beschädigenden Umgangs mit Menschen in deren Kindheit, insbesondere in deren früher Kindheit, sind, dass sie sich folglich vermeiden ließen, ihnen durchaus angemessen vorgebeugt werden könnte - durch bedürfnisorientierten, feinfühligen, mitfühlenden, respekt- und tatsächlich liebevollen, nicht-paternalistisch fürsorglichen, somit immer gewaltfreien Umgang mit Säuglingen und (Klein-) Kindern.
 
Dieser Umgang muss den jeweiligen Eltern bzw. den Hauptbezugspersonen der Kinder allerdings global politisch, sozial, gesellschaftlich tatsächlich angemessen - d.h. wiederum bedürfnisorientiert, respektvoll, nicht-paternalistisch - ermöglicht und er muss politisch, gesellschaftlich entsprechend gefördert, statt behindert, untergraben werden.
Eigenes, umfassendes Thema, das erheblich mit materieller Armut, mit sozialen, sozioökonomischen Lebensverhältnissen dieser Eltern, Kinder, Familien und daraus resultierender, lebenslanger Prägung und Sozialisation zu tun hat, insbesondere hinsichtlich Urvertrauen, infolgedessen ausgebildet werden könnendem Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl, Selbstwirksamkeit und Resilienz.
 
Ist es vor diesem Hintergrund also naiv, falsch, davon auszugehen, man könne nicht nur angemessen präventiv vorgehen, um diversen PKST, um insbesondere Gewalttaten, destruktivem, antisozialen, sadistischen Verhalten, entsprechenden Taten, vorzubeugen, sondern all das auch für therapierbar, genauer: für heilbar zu halten?
 
Und was könnte hier zur Heilung hilfreich, effektiv sein?
Kann das nicht grundsätzlich vor allem Beziehung sein - gerade auch die zwischen Therapeut und Patient?
 
Mit Beziehung ist hier jedoch nicht (zwangsläufig) Liebes-, Paarbeziehung oder Sexualverhältnis gemeint, obschon auch das mehr oder weniger häufig, im Grunde fast zwangsläufig hineinspielen wird, weil es schlicht menschlich ist: Gefühle des Hingezogenseins, der Zuneigung, emotionale, sexuelle Bedürfnisse gegenüber einem Menschen, dem man sich verbunden, von dem man sich verstanden, respektiert, angenommen, wertgeschätzt fühlt, für den man Sympathie empfindet ... . Es ist natürlich, dass es diese Gefühle gibt, dass sie entstehen, im Beziehungsverlauf auch wachsen und es ist gerade wiederum beschädigend, sie unterdrücken, gar leugnen zu sollen, weil sie aus diversen (ideologischen) Gründen und/oder Angst vorgeblich keinen Raum haben, nicht ausgelebt werden dürfen.
 
Unter Beziehung ist vor allem aber ein wechselseitig freundschaftliches, emotionales (!), zugeneigtes, mitfühlendes Verbundensein, Anteilnehmen, Akzeptieren, Respektieren und eben prosoziales, auch gebendes, fürsorgliches, bedürfnisorientiertes Verhalten und ein Getragensein gemeint.
 
Solche Beziehung kann durchaus ohne Verliebtsein, sexuelle Bedürfnisse, Wünsche in Bezug auf die Beziehungsperson, Bezugsperson, gelebt werden, solche Gefühle und Bedürfnisse können jedoch hinzukommen und haben dann ihre "Daseinsberechtigung", sollten keineswegs Scham behaftet sein oder gar zu destruktivem Kompensationsverhalten - gegen sich selbst und/oder andere gerichtet, ausagiert - führen.
 
Ist es letztlich also nicht doch Beziehung und wohltuende körperliche Berührung, somit Liebe, die heilt - alle Menschen, gerade aber auch jene, die in ihrer Kindheit nicht geliebt wurden?
Und noch einmal verweise ich zur Definition von Liebe auf Erich Fromm und Emmanuel Lévinas sowie auch Arno Gruen (Mitgefühl ...).
 
Ist es falsch, an "das Gute" in jedem Menschen zu glauben, darauf zu hoffen, es als vorhanden anzunehmen, zugrundezulegen - gerade auch dann, wenn es sich um insbesondere bekannte, nahestehende Menschen, Individuen, Persönlichkeiten (im Gegensatz zu Institutionen, Behörden, Unternehmen etc.) handelt, die einen selbst bereits intensiv psychisch-emotional oder auch physisch, sozial, gar existenziell beschädigt haben, wie bspw. Eltern, Freunde, Kinder, Beziehungspartner ...?
 
Oder ist es nicht viel mehr gerade geboten, erforderlich, das jeweils eigene Mitgefühl, die eigene Liebesfähigkeit, seinen "Glauben an das Gute im Menschen" - g e r a d e auch im (Gewalt-) Täter, im (politischen) Gegner, im Widersacher, Beschädigenden, "Feind" - lebenslang zu erhalten, u m sich entsprechend selbst verhalten zu können, dies aus einem inneren Impuls heraus, auf Basis von Liebesfähigkeit, zu w o l l e n, gar nicht anders zu können?
 
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Dass so viele Zeitgenossen noch immer meinen, es sei Zeichen, Ausdruck von Stärke, Macht, ihre psychisch-emotionalen und sozialen Defizite, Unzulänglichkeiten, ihr Fehlverhalten zu leugnen, verborgen zu halten und jene, die diese Schwächen, Fehler, Defizite aufdecken, sie als solche benennen, skrupellos, nicht selten auch gewaltsam zum Schweigen zu bringen versuchen.
 
Dass sie nicht erkennen können, dass dieses Verhalten das Gegenteil von Charakterstärke, Größe, Souveränität, Courage, Rückgrat, Integrität und Reife ist, sondern nur überdeutlich ihre Angst vor Ablehnung, Zurückweisung, (sozialer) Verurteilung, Ausgrenzung, ggf. auch Strafe offenlegt und ihre Scham.
 
Dass sie sich lieber feige, bequem, dem vordergründig, vorläufig behaglichen, selbstschonenden Selbstbetrug hingeben, der Selbstflucht, statt beherzt, reflektiert und couragiert zu ihrem Fehlverhalten ... zu stehen, um Verzeihung zu bitten - Schuldeinsicht auf Basis von Mitgefühl zu haben und Verantwortung für ihr Tun zu tragen - und um Wiedergutmachung, Ausgleich sowie Persönlichkeitsreifung bemüht zu sein, wo erforderlich, dies mit (professioneller, bspw. therapeutischer) Unterstützung.
 
Dass sie lieber die Täter-Opfer-Umkehr, die Manipulation, das silencing tätigen und mittels all dessen doch letztlich am intensivsten sich selbst beschädigen.
 
Das ist nicht nur beklagenswert, sondern häufig zahlreiche Menschen beschädigend und destruktiv.
Es ist schwach, es ist arm, es ist unreif. Und leider oft sehr hässlich.
 
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Zweifelsohne ist jeder Täter selbst Opfer - gewesen, geworden und ist es offensichtlich auch gerade dann und so lange, als er selbst Täter (geworden) ist.

Zugleich ist er als Täter jedoch Verletzungen, Beschädigungen, Leid anderer, somit weitere Opfer verursachend und dafür zur Verantwortung zu ziehen - mittels Um-Verzeihung-Bittens (auf Basis von Schuldeinsicht, von Mitgefühl), Wiedergutmachung, idealerweise sich anschließender Versöhnung mit jeweiligem/-n Opfer/n, nicht: durch Strafe, nicht durch Gewalt. Nicht auf Basis von Hass, Rache, Vergeltung.
 
Nur durch Mitgefühl und Wiedergutmachung sowie Versöhnung kann der Kreislauf der Gewalt, der Vergeltung, die Destruktionsspirale durchbrochen, d.h. bewältigt werden.
 
Die einzige Art der gewaltlosen, somit der gebotenen Konfliktbewältigung ist dialogische Kommunikation, falls erforderlich mit Unterstützung durch je angemessene, passende, versierte Mediation (unabhängiger, neutraler Mediatoren) oder aber unter Umständen/situationsbedingt auch nonverbal: eine direkte menschliche, zugewandte, gebende, versöhnliche, mitfühlende Geste, entsprechende Tat.
 
Wem es jedoch um Macht, Kontrolle, Unterwerfung (zumeist auch Ausbeutung) geht, wird zu solcher Konfliktbewältigung weder willens noch fähig sein. Pathologischer Narzissmus.
 
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Empathie ist nicht gleichbedeutend mit Mitgefühl
und
Über die Sinnhaftigkeit, Bedeutsamkeit, Unentbehrlichkeit von Schmerz, Schmerzerfahrung
 
Auf WDR 3 (Radio) in der Sendung "Resonanzen" ging es am 03.02.2017 um "'Die dunkle Seite der Empathie", in welcher der Autor Fritz Breithaupt zu seinem gleichnamigen Buch (das ich hiermit keinesfalls bewerben möchte) interviewt wurde. Dazu kann ich kann nur sagen: haarsträubend, was für einen Unsinn Menschen von sich geben und damit sogar noch Geld verdienen (können, dürfen).
Der Autor setzt Empathie und Mitgefühl gleich. Ein unverzeihlicher Fehler, ein extrem grober überdies.
 
Natürlich kann die Fähigkeit, sich einfühlen zu können, zu manipulativen Zwecken missbraucht werden, um andere instrumentalisieren, ausbeuten, beschädigen zu können.
Aber eben deshalb ist Empathie nicht gleichbedeutend mit Mitgefühl.
 
Mitfühlen zu können, heißt, mitzuleiden - und das nicht etwa, weil man das bewusst will, sich absichtsvoll vornimmt oder damit irgendwelche Zwecke, Eigeninteressen verfolgt (es auf diese Weise instrumentalisierte), sondern weil es einem angeborenen Impuls entspringt - siehe, wie bereits Kleinkinder, auch einige Tiere sich mitfühlend, hilfsbereit, kooperativ verhalten, ohne zuvor bereits hierzu angewiesen, "erzogen", dazu dressiert worden zu sein.
 
Und nein, man löst auch nicht Leid beim Anderen mittels Empathie aus, um seinen je eigenen (vorgeblich angeborenen) Sadismus ausagieren zu können, sondern ein solcher Sadismus, wenn, wo vorhanden, hat gänzlich andere Ursachen - eben gerade das Fehlen von Mitgefühl.
 
Wenn man das Leid eines anderen "nachfühlt", mitfühlt, so fühlt man selbstverständlich niemals den Schmerz dieses anderen - das ist absolut unmöglich, denn man ist nicht der Andere, man kann daher niemals so fühlen, wie er fühlt, empfindet, wahrnimmt, denkt ... . Siehe hierzu auch das Problem der Qualia.
Was man beim Mitgefühl, beim Mitleiden fühlt, ist der eigene Schmerz.
 
Und genau aus diesem Grunde ist Schmerzerfahrung unentbehrlich: Nur durch diese sind wir in der Lage, nachfühlen, mitfühlen zu können, wenn andere psychisch und/oder physisch leiden.
 
Es ist dabei keineswegs vonnöten, genau diesen Schmerz (einer anderen Person, eines anderen Lebewesens) zu fühlen, etwa in derselben Qualität, Intensität, dies ist wie schon gesagt ohnehin nicht möglich, sondern es reicht, d a s s wir wissen, wie Schmerz sich für uns selbst anfühlt, dass wir verschiedene Schmerzarten, Schmerzintensitäten und -qualitäten je persönlich, individuell, subjektiv erfahren (erlitten!) haben.
 
Ich habe viele Jahre geglaubt, das Leid bestätige nur die Absurdität der Existenz von Lebewesen, somit auch Menschen, gerade derer, da sie sich an erfahrenes Leid immer wieder erinnern können bzw. müssen, da sie es lebenslang nie "vollständig loswerden".
Inzwischen habe ich verstanden, dass das Leid für eben diese unentbehrliche Schmerzerfahrung wichtig ist, dass Leid und Schmerz verschwistert sind, dass sie die Grundlage für Mitgefühl und damit für Kooperation, Hilfsbereitschaft, Altruismus, prosoziales Verhalten und Liebe, Liebesfähigkeit bilden.
 
Nur auf dieser Urbasis des Mitgefühls ist Moral, moralisches, d.h. faires, prosoziales Verhalten überhaupt erst möglich.
 
Und Mitgefühl ist nur möglich, weil es die Schmerzerfahrung gibt. Wer emfpindsam, sensibel, feinfühlig, mitfühlend ist, hat daher das natürliche Bedürfnis, Leid nicht nur von sich selbst, sondern - auf Basis der Kenntnis eigenen Schmerzes und eben der Empathie - auch von anderen abzuwenden. Weil man automatisch überträgt, weil das Wahrnehmen, Sehen, Miterleben des Leids anderer Lebewesen, das Wissen um deren Leiden uns unmittelbar triggert, siehe Neurobiologie, die das längst genau erläutern kann - Spiegelneuronen etc..
 
Und daher ist auch gerade keine persönliche Bindung an diese anderen erforderlich - es geht der Eindruck, das Wahrnehmen von Leid direkt an unser eigenes Inneres (im Gehirn ist das wahrscheinlich das Limbische System?), es "triggert" uns grundsätzlich und unmittelbar, unwillkürlich.
 
Wenn dieser natürliche, angeborene Impuls jedoch gestört, beschnitten, beschädigt wird, reagieren wir nicht (mehr) mitfühlend, sondern bspw. gleichgültig, verdrängend, abgestumpft, kalt, ignorant oder auch aggressiv, gewaltvoll, sadistisch oder masochistisch.
 
Gravierend gestört, beschädigt wird dieser allen Menschen angeborene, in allen Menschen genetisch angelegte Impuls - Leid von anderen abwenden oder es mildern zu wollen, mitfühlen zu können bzw. es einfach spontan, unwillkürlich zu tun - durch den falschen, schädigenden Umgang mit Säuglingen und (Klein-) Kindern. Immer und überall auf dieser Welt.
 
Siehe Schwarze Pädagogik, siehe autoritäre und anti-autoritäre Erzieheung (beide nicht bedürfnisorientiert), siehe all die Indoktrination gerade von Kindern durch Religion(en), Ideologien, siehe die frühe Fremdbetreuung, das hierdurch getätigte Zerstören von Bindung, Beziehung - Gewalt, die dem Kind und seinen Hauptbezugspersonen auf diese Weise angetan wird und die nach wie vor auch hierzulande als sogar "normal" gilt, siehe etliche Erziehungsratgeber, wie bspw. "Jedes Kind kann schlafen/essen lernen", auch hier wird dem Kind Gewalt angetan, wird die Bindung, sein Urvertrauen massiv und "nachhaltig" beschädigt: Es resigniert früher oder später, wenn, weil seine Bedürfnisse nicht erfüllt werden, sein Weinen, seine damit geäußerte Not nicht durch angemessene, bedürfnisorientierte, liebevolle Zuwendung, körperliche Nähe, Gehaltensein, Bedürfnisstillen ... beantwortet wird oder es wird krank, siehe, wie mit gerade Kleinkindern umgegangen wird, es findet noch immer verbreitet k e i n bedürfnisorientierter Umgang statt, und das setzt sich umso mehr später in der Schule fort.
 
Gerade in den drei monotheistischen, abrahamitischen, alttestamentarischen Religionen, die alle ein massiv patriarchalisches Fundament (das Alte Testament) haben, wie auch im Kapitalismus, Neoliberalismus, der auf Konkurrenz, Kampf, Leistung, Druck, Zwang, Strafe, Ausbeutung, Konsumismus, schädigendem Kompensationsverhalten beruht, liegt der Grund, die Ursache für die global verbeitete Gewalt, für die global verbreiteten Beschädigungen von Menschen - mit entsprechenden, bekannten Folgen: weitere Gewalt, Unterdrückung, Machtstreben etc. - aus Kompensationsgründen.
 
Siehe autoritärer Charakter/Persönlichkeit, freiwillige Knechtschaft, Gehorsam, (Erich Fromm, Arno Gruen, Th. W. Adorno, Etienne de la Boétie), Identifikation mit dem Aggressor, Trauma (Sándor Ferenczi), statt Mitgefühl, Solidarität und Kooperation.
 
Nein, Empathie ist gerade n i c h t das Gleiche wie Mitgefühl. Auch dann nicht, wenn vorgeblich schlaue Leute solches in Büchern behaupten und es auf diese Weise leider so, dabei falsch, verbreiten.

Anzumerken ist abschließend, dass durch das Mitgefühl und durch Kooperation (statt Kampf, Konkurrenz, Feindschaft), durch Miteinander statt Gegeneinander sich übermäßiges, damit unnötiges, sinnloses Leid vermeiden lässt.
Denn es ist keineswegs erforderlich, dass es massive Greueltaten geben muss, um "die Schmerzerfahrung machen zu können" - Schmerzerfahrungen machen wir zwangsläufig, unvermeidlich schon in einem sehr frühen Stadium unserer Existenz, mindestens und jedenfalls als Säuglinge bereits: Frieren, Hunger - der Säugling empfindet Hunger wie/als physischen Schmerz - und andere Schmerzerfahrungen, die nicht sämtlich vermeidbar sind sowie auch immer wieder im weiteren Lebensverlauf, weil physische wie psychische Verletzungen nicht immer, nicht grundsätzlich, nicht sämtlich vermeidbar sind.
 
Um aber Sadismus, Masochismus, Gewalt, übermäßigem, sinnlosen Leid vorbeugen, dies eindämmen zu können (statt all dies zu befördern) und um Kooperation, ein weitgehend und langfristig friedliches Miteinander zu ermöglichen, ist Mitgefühl unabdingbar.
 
Und letztlich bedeutet das Verweigern von Mitgefühl, siehe das Ablehnen des "Einforderns" von Mitgefühl, das Abwerten von Menschen als Idioten, Schwache, Verweichlichte etc., die mitfühlend sind, sich so verhalten, folglich, dass Menschen mit ihren je eigenen, ganz persönlichen, individuellen Schmerzen, Schmerzerfahrungen und Schmerzerinnerungen gerade nicht (wieder) konfrontiert werden, sondern dies verdrängen, unter Verschluss halten, in Schach halten wollen – weil: sie damit nicht umgehen können, weil sie nicht zulassen können, dies zu fühlen, diese je eigenen Beschädigungen als solche zu erkennen, zu akzeptieren und auch, wer sie verursacht hat, denn gegen diese, zumeist die Eltern, Bezugspersonen, können sie sich oft nicht richten, sich gegen diese Verursacher nicht mehr oder nicht tatsächlich und couragiert zur Wehr setzen, sie haben all das stattdessen längst verinnerlicht, siehe Identifikation mit dem Aggressor, Internalisierung und geben diese selbst erfahrenen, erlittenen Verletzungen, Beschädigungen nun "kompensatorisch", dabei häufig unbewusst an andere (oft nahestehende Menschen, Partner, eigene Kinder) weiter, so bspw. verschiedene Formen von Gewalt, Unterdrückung, auch das stets narzisstisch-kompensatorische Streben nach Macht, Herrschaft, Kontrolle, somit der Unterwerfung, Erniedrigung, Schwächung, Ausbeutung anderer, bis hin zu deren Zerstörung, Vernichtung – zur vermeintlichen Kompensation, zur eigenen vordergründigen Entlastung, Erleichterung, Selbstschonung - statt Heilung, Reifung.
 
Dies also leider auf völlig ungesunde Art, mittels derer sie gerade nicht heilen können und überdies auch noch andere, nicht selten massiv, beschädigen - nicht nur, aber gerade auch eigene Kinder bspw. und andere nahestehende Menschen oder Fremde, die dann die Sündenbock-, Feindbildfunktion aufgedrückt bekommen, da "alles Schlechte" auf diese projiziert wird, um die je eigenen Defekte, Defizite und Unzulänglichkeiten veräußern, auslagern zu können, wiederum aus Gründen der bequemen Selbstschonung.
 
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Frans de Waal über die Säulen - ich nenne es die Urbasis - von intrinsischer Moral: angeborenes Mitgefühl, Fairness.
Außerdem über Aggression, Konflikt und Versöhnung bei Menschen und anderen Primaten.
 
Es gibt keine - rationale, verstand-, vernunfbasierte, die Würde achtende - Ethik ohne diese emotionale Urbasis des Mitgefühls.
 
Es bedarf bei intaktem Mitgefühl, intrinsisch motivierter Moral, keiner religiös/ideologisch oktroyierten Moral, im Gegenteil: Letztere ist nachweislich gerade nicht dauerhaft, langfristig lebbar - sie basiert üblicherweise auf Dressur: Strafe und Belohnung sowie auf Indoktrinierung, Prägung, somit auf Unreife und Autoritarismus.
 
"Der mitfühlende Mensch kann Kriege verhindern."
sagte Arno Gruen.

Er meinte damit, dass der mitfühlende, feinfühlige, empfindsame Mensch, Schmerz, Leid anderer Menschen, gleich, ob diese ihm bekannt, vertraut oder fremd, nahe oder fern sind, zu vermeiden, dem vorzubeugen oder, bei bereits Eingetreten-, Vorhandensein, das Leid anderer abzumildern, zu lindern, abzuwenden, zu beenden versucht - weil es ihn selbst schmerzt, weil er, der mitfühlende Mensch, s e l b s t leidet, wenn andere Menschen, andere schmerzfähige Lebewesen leiden und er dies erlebt, erfährt, wahrnimmt, weiß.

Wenn wir mit anderen Menschen mitfühlen, also mitleiden, ist es nicht deren augenblicklicher, je subjektiv empfundener, erlebter, erlittener physischer und/oder psychisch-emotionaler Schmerz, nicht deren, d.h. ihnen eigenes, subjektives Leid, das wir fühlen, denn das können wir nicht, da wir nicht dieser jeweilig andere Mensch sind, nicht seinen Körper, nicht seine Psyche, nicht seinen Leib, nicht seine Erfahrungen, Prägungen, Anlagen, sein Wesen, seine Persönlichkeit haben bzw. sind.

Wir fühlen beim Mitfühlen, Mitleiden stets nur unseren eigenen Schmerz - aktiviert wird dabei unwillkürlich, spontan, impulshaft die (unbewusste) Erinnerung unserer persönlichen, der uns eigenen Schmerzerfahrung.
 
Weil wir diese "Schmerzfähigkeit" haben, eigenen Schmerz erinnern, diese Schmerzerfahrung spontan abgerufen wird, wenn wir andere Menschen leiden wahrnehmen, leiden wissen, stellt eben dies die basale Grundlage für das Mitfühlenkönnen dar. - Ohne Schmerzfähigkeit, d.h. Schmerzkenntnis, Schmerzerfahrung und Schmerzerinnerung und das Zulassen derselben, kein Mitfühlen (-können), kein Mitgefühl.
 
Was Arno Gruen sicher auch bewusst war, ist, dass es jedoch gerade dieser mitfühlende - der besonders feinfühlige, empfindsame Mensch - ist, der durch Kriege, durch physische und psychisch-emotionale Gewalt besonders schnell und besonders intensiv und langfristig beschädigt sowie auch existenziell vernichtet wird. Mit entsprechenden Folgen.
 
Nein, das ist kein Sozialdarwinismus, kein Biologismus im Gegenteil:
Das Mitgefühl ist jedem Menschen sowie auch einigen anderen Primaten nachweislich angeboren. Es wird jedoch bei zahlreichen Menschen weltweit - zumeist in deren Kindheit - stark beschädigt, betäubt, es stumpft ab, es friert ein - aus Gründen.
Dies gilt es, angemessen zu verhindern, dem vorzubeugen, das Mitgefühl zu stärken, zu fördern bzw. wiederzubeleben, zu reaktivieren, denn:

"Der mitfühlende Mensch kann Kriege verhindern."
Kriege, Konflikte: sowohl auf sogenannt privater wie auch auf politischer Ebene.
 
Denn der mitfühlende Mensch kann und will verzeihen, vergeben, er ist um Wiedergutmachung und Versöhnung bemüht.
Rache, Strafe, Gewalt erzeugen wiederum Schmerz, Leid - das der mitfühlende Mensch gerade zu vermeiden und/oder zu lindern, zu heilen bemüht ist.
 
Nur der mitfühlende Mensch ist ein auch liebesfähiger Mensch.
 
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Aktualisierung am 26. April 2019
 
Ob der offensichtlichen Vielfalt, Differenz und zugleich so augenfälliger Gemeinsamkeit von Menschen weltweit, ob der Tatsache der Offenheit, Arglosigkeit von Kindern und des Gezeichnetseins der Erwachsenen, ob des "ewigen" (?) Kreislaufs und all der darin liegenden, unbeschreiblichen Fülle und unerträglichen Vergeblichkeit ..., kann man, kann jedenfalls ich immer wieder nur noch weinen.
 
Die (Lebens-) Kunst liegt bekanntlich nicht im Verdrängen, sondern im Aushalten des Bekannten, Bewussten - im Aushalten des Schmerzes, gerade des Schmerzes, der nicht nur der eigene ist, w e i l er nicht der nur "eigene" ist. Dieser Umstand ist zugleich erleichternd, verbindend wie zusätzlich belastend - schmerzhaft.
 
Einen Weg zu finden, dies zu bewältigen, ohne sich selbst zu betrügen, ohne vor sich selbst und den Tatsachen der Conditio humana in religiösen Glauben, in Eskapismus, Hedonismus, in Verbitterung, Sucht, Selbstbetrug ... zu fliehen, trotz all dessen mitfühlender, liebender, zugewandter Mensch zu bleiben, darin liegt die Kunst.
 
Nicht Sisyphos. Sisyphos war weder Revoltierender noch Bewusster - er fügte sich: gehorsam, willenlos, widerstandslos.
Kein gesunder Mensch gibt sich der Selbstverknechtung hin und interpretiert die ihm (vermeintlich) auferlegte Last zur "Chance", zur "Aufgabe", gar zum "Geschenk" um.
Sisyphos muss Narzisst und/oder Masochist gewesen sein.
 
Den Schmerz auszuhalten, heißt nicht, ihn demutsvoll anzunehmen, sich ihm zu unterwerfen oder gar hinzugeben.
Es heißt: ihn auszuhalten, zu durchleiden. Bewusst. So lange er nicht abwendbar, nicht endbar ist. So lange er auszuhalten möglich ist.
 
Der Bewusste, Selbstbestimmte beendet zumindest seinen "eigenen" Schmerz - vollständig - wenn/wann er es für geboten hält. Der gesunde Mensch ist kein Masochist.
Und er hat alles ethische Recht dazu. Freitod, Suizid.
 
Verantwortung: ja. Aber wessen Schmerz untragbar wird, der kann auch seine Verantwortung(slast) nicht mehr tragen, ihr nicht mehr gerecht werden und somit keine Hilfe, kein Halt, kein Beistand, kein Begleiter mehr sein.
Wenn er sich dem Schmerz durch vollständiges, absolutes Beenden entzieht, entzieht er sich nicht seiner Verantwortung, flieht sie nicht, versagt nicht. Er beendet nur das Leiden, das seines ist, das niemand anderer für ihn trägt, tragen, ihm abnehmen kann, das niemand anderer erleidet, durchleidet: wie nur er - selbst.
 
Wir werden alleine geboren. Wir sterben: allein, selbst - nur jeder in und mit sich selbst. Wir werden "entlebt" oder wir entleben uns selbst - selbstbestimmt.
 
Der bewusste, verantwortliche, gesunde Mensch wartet nicht wie ein unbewusstes Tier willenlos, ergeben auf den Schnitter.
Der gesunde Mensch versucht nicht, gierig, unersättlich nur "mehr" nackte Zeit - nicht Qualität, nicht Beständigkeit - herauszuschlagen, um noch länger dem Hedonismus, dem Eskapismus, dem Selbstbetrug zu frönen, zu erliegen - wie der Narzisst es tut.

Dem Schmerz entgeht auch und gerade der Narzisst nicht. Im Gegenteil. Der Narzisst ist immer zugleich auch Masochist und Sadist.
 
Und dabei gibt es kaum etwas, das einen so intensiv sich mit einem anderen Menschen v e r b u n d e n fühlen lassen kann, das so tief berühren kann, wie dessen (psychisch-emotionaler) Schmerz.
Grundlage dessen ist ein intaktes Mitgefühl.
 
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Noch einer (Paul Bloom), der es nicht verstanden hat, siehe oben verlinkten ZEIT-Artikel "Empathie blendet uns".
 
Fängt schon damit an, dass er sagt, Empathie (mit Opfern bzw. Geschädigten) mache rachsüchtig(er). Wer rachsüchtig ist, ist gerade nicht mitfühlend, schon gar nicht Menschen, die "längere Haftstrafen" fordern, denn Strafe, Gefängnis nützt nachweislich nichts und niemandem - den Tätern nicht und hilft auch den Opfern nicht. Ich habe dazu im blog ausführlicher Stellung genommen, siehe bei Interesse den blog-Eintrag zu Strafe.

Dann unterscheidet er zwar zwischen Empathie und Mitgefühl, setzt aber Mitleid mit Empathie gleich und Mitgefühl mit - ja was?
Er behauptet schlicht, aus seinen persönlichen Beobachtungen schlussfolgern zu dürfen, Mitgefühl sei weniger auf Gefühlen basierend - was nachweislich Unsinn ist. Denn es ist beim Mitgefühl genau und gerade das:
 
Man leidet mit dem anderen aufgrund e i g e n e r Schmerzerfahrungen (der Erinnerung daran, die dann unwillkürlich "abgerufen" wird), weil man niemals den Schmerz eines anderen empfinden, fühlen kann. Es ist der eigene Schmerz, der Mitgefühl, also gerade das Mitleiden ermöglicht und hervorruft - die eigene, unbewusst erinnerte, eingeprägte Schmerzerfahrung, das angeborene Mitgefühl und die Aktivität von Spiegelneuronen.

Nur w e i l es Mitgefühl gibt, kann es auch Moral bzw. faires, prosoziales Verhalten geben: Die Urbasis jeglicher Moral ist Mitgefühl, denn auf dieser Basis habe ich das Bedürfnis, den Impuls, helfen, unterstützen, das Leid/den Schmerz vom anderen abwenden oder es mildern zu wollen und mich überdies kooperativ zu verhalten.
Es (das moralische Verhalten) ist auf diese Weise intrinsisch. Und nur so kann es langfristig, dauerhaft - ohne Druck, Zwang, Kontrolle, Strafe, Dressur - gelebt werden.
Wird Moral hingegen von außen oktroyiert, siehe durch Religionen, Ideologien, wird sie nur befolgt durch Strafe und/oder Belohnung, also Dressur - somit nicht aus ureigenem Antrieb, Bedürfnis, Impuls.

Ethik folgt dann erst im zweiten Schritt, auf der "theoretischen (Meta-) Ebene", auf der Verstandes-, Vernunftebene, siehe, was ich oben bereits schrieb.
 
Es ist daher auch völliger Nonsens, was Bloom im Weiteren äußert: das Arzt-Patient-Verhältnis betreffend, dass Mitgefühl weniger mit Gefühl als mit Verstandestätigkeit einherginge und man "vermutlich ein besserer Mensch" sei, wenn man/er weniger "intuitiv mitfühlte".
 
Natürlich ist die Verstandestätigkeit erforderlich, um jeweils erforderliche, angemessene Lösungen zu finden, um komplexe Vorgänge, Sachverhalte zu erfassen, zu analysieren, zu reflektieren, um besonnen, umsichtig zu reagieren. Das alles ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass wir nicht helfen wollen würden/werden, wenn nicht gerade und zuerst intensiv unser Gefühl "getriggert", angesprochen würde/wird.

Zuerst kommt dieser "Gefühlstrigger", der den Impuls "helfen zu wollen" (Leid anderer verringern, abwenden oder ihm vorbeugen zu wollen ...) auslöst, dann kommt der Verstand hinzu, der beiträgt, herauszufinden, wie genau - angemessen - vorzugehen, was je nach Umständen, Situation, involvierten Persönlichkeiten etc. wie zu tun und was möglicherweise weshalb zu unterlassen ist.
 
Und deshalb ist dieses wichtige, unentbehrliche, angeborene Mitgefühl gerade nicht zu unterdrücken, gar abzutrainieren - ganz im Gegenteil, siehe hierzu u.a. Arno Gruen. 
 
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Mitgefühl, Selbstlosigkeit, Hingabe. Angelegt, bestärkt, gefördert wird das in der (frühen) Kindheit - oder aber beschnitten, beschränkt, geschwächt.

Warum dafür religiöser Glaube? Wozu braucht man dafür (einen) Gott, religiösen Glauben, Religion, Ideologie? Es liegt im Menschen begründet, von Geburt an - in jedem Menschen.
Aber Babies sind keine unbeschriebenen Blätter, sie bringen schon etwas mit, manche augenfällig mehr "Fähigkeit", Möglichkeit zu Mitgefühl, Sensibilität, Feinfühligkeit, Empfindsamkeit als andere. Ausschlaggebend ist dann der Umgang mit dem Kind, die Erfahrungen, die es macht, die Prägung, die es erhält.

Mitgefühl - der Urgrund jeglicher intrinsisch motivierten, gelebten Moral - kommt aus dem Gefühl.
Ethik bringt erst im nächsten Schritt der Verstand hervor.
 
An keiner Stelle ist ein "Gott", ist Religion, ist ein "übergeordnetes (metaphysisches) Prinzip" erforderlich. Siehe hierzu auch den Verhaltensforscher und Primatologen Frans de Waal.
Ich wiederhole es noch einmal:
 
Das Problem, der Urgrund von Gewalt, liegt in konservativer, patriarchaler, autoritärer, unempathischer Erziehung - in entsprechendem Umgang mit Kindern und natürlich auch jenem mit erwachsenen Menschen.
Die Grundursachen für alle möglichen Auswüchse von Unterdrückung, Unterwerfung, Gewalttätigkeit, Hass sind: Schmerz, fehlendes Mitgefühl, mangelnde Sensibilität/Feinfühligkeit und entsprechender Umgang mit Menschen, besonders Kindern - eine Erziehung, die sich überwiegend an strikten Prinzipien, Regeln, Ideologien, Autoritarismus orientiert, statt am je individuellen Kind/Menschen.
 
Es mangelt an bedürfnisorientiertem, einfühlsamen Umgang mit vor allem und zuallererst immer Säuglingen, Kindern und Jugendlichen.
 
Es liegt doch auf der Hand, dass bei solcher an Prinzipien ausgerichteten, autoritären, psychisch gewaltvollen "Erziehung", Entfremdung eine logische Folge nur sein kann. Dass sie Wunden und Schmerz verursacht, der dann später im Leben auf diverse, ungesunde Weisen kompensatorisch überdeckt, verdrängt, überlagert, "in Schach gehalten" werden soll - dass dies versucht wird mittels diverser, dem Wohlergehen abträglicher Verhaltensweisen, siehe u.a. Sucht - nicht nur, aber auch Substanzabhängigkeit - auch mittels Flucht in "den" religiösen Glauben, Aberglauben, Esoterik.
Oder durch Verdrängung, Leugnung (eigener "Probleme", eigener Unzulänglichkeiten, Defizite, Defekte, Beschädigungen, Verletzungen ...), aber auch durch das Überdecken mittels Hedonismus, der vermeintlich "Spaß bringt", der vermeintlich, vordergründig "gut tut", jedoch nicht tatsächliche, längerfristige Zufriedenheit, Freude, Erfülltsein mit sich bringt, sondern im Gegenteil: noch mehr Gier, Maßlosigkeit, Völlerei, noch mehr Unbewusstheit, Überdecken, Verdrängen, noch mehr Egozentrismus, Ignoranz, Gleichgültigkeit - noch weniger: Mitgefühl, emotionale Tiefe, Reife und Fähigkeit, das Leid des anderen als eigenes Leid(en) zu sehen, nachempfinden zu können und zu wollen. Genau dies wird v e r w e i g e r t. Ebenso wie gebotene Unterstützung, Hilfe, Heilung, Reifung.
Stattdessen wird mit solchem Kompensationsverhalten, Selbstbetrug nur noch mehr Raum gegeben für Wut, (Selbst-) Hass, Hetze, Spaltung, Feindbilder, Herzensenge, Verbitterung, Destruktivität, Fremd- und Selbstschädigung.
 
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Ein mitfühlender Mensch kann grundsätzlich - aufgrund des ihm angeborenen, intakten Mitgefühls (siehe auch Spiegelneuronen, Neurobiologie, Neurowissenschaften, Primatologie) - selbst nicht ertragen, wenn ein anderes schmerzfähiges Lebewesen leidet, sein unmittelbarer Impuls ist, das Leid des anderen Lebewesens bedürfnisorientiert möglichst zu beenden oder es wenigstens abzumildern. Er leidet selbst, wenn, weil andere leiden.
 
Nur Sadisten und Psychopathen fügen anderen schmerzfähigen Lebewesen absichtsvoll Schmerz, Leid, Qualen zu und ergötzen sich daran, empfinden psychische und/oder auch physische Befriedigung hierdurch.
 
Leider sind zahlreiche Menschen von frühester Kindheit an in ihrer angeborenen Fähigkeit mitzufühlen massiv beschädigt - mit lebenslang wirksamen Folgen.

Schwarze Pädagogik fängt nicht erst bei körperlicher Misshandlung an, kennzeichnend ist viel mehr vor allem psychisch-emotionale Gewalt: Druck, Zwang, Kontrolle, Härte, Strenge, emotionale Kälte, Strafe, Dressur, absichtsvolles, vorsätzliches Schmerzzufügen (Strafe), somit Sadismus.
Solche Misshandlung hat ein beschädigtes Mitgefühl zur Folge, führt außerdem zumeist zu Angst, Abwehr, erhöhtem Sicherheitsbedürfnis, Trotz, Verweigerung, Aggression, siehe global verbreiteten Konservatismus, aber auch zu Depression, diversen weiteren psychischen Störungen, Erkrankungen, bis hin zu physischer Gewalt. Opfer werden häufig zu Tätern, jeder Täter war/ist selbst Opfer, kein Mensch wird als (Gewalt-) Täter, "böse" geboren.
Ich empfehle zur Lektüre daher immer wieder Arno Gruen und Erich Fromm.
 
Würde kommt allen schmerzfähigen Lebewesen zu, nicht nur jenen, die mit Verstand, Vernunft belegt sind.
 
Würde sollten wir auf ethischer Basis grundsätzlich allen schmerzfähigen Lebewesen zusprechen, mit der Folge, dass man diesen Lebewesen nicht absichtsvoll, vorsätzlich, insbesondere nicht sinnlos Schmerz, Leid zufügt.
 
Würden wir Würde nur Menschen zusprechen, die bei Bewusstsein und die urteilsfähig sind, so fielen dann schon (schwer) geistig behinderte Menschen und sehr kleine Kinder, Neugeborene, Säuglinge aus dieser Definition heraus.
 
Das Kriterium für Würde kann demnach nicht Verstand, Vernunft sein, sondern Schmerzfähigkeit.
Ob bspw. ein Floh Schmerz empfindet, kann ich nicht beurteilen, ich bin keine Biologin oder Zoologin.
Andere schmerzfähige (Säuge-) Tiere haben nach meinem Dafürhalten Würde bzw. muss sie ihnen von Menschen zugestanden werden.
 
Eine andere Frage, ein umfassendes Thema ist, ob und falls ja, warum (auch) der Mensch (andere) Tiere essen darf. Können wir gesondert diskutieren, falls gewünscht.
 
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"[...]Die Voraussetzungen der Empathie
Wir haben sie vom ersten Tag an: die Fähigkeit uns in andere Menschen hineinzufühlen. Die biologische Voraussetzung der Empathie sind bestimmte Nervenzellen im Gehirn. Diese wurden 1995 von den Biologen Vittorio Gallese und Giacomo Rizzolatti an der Universität in Parma entdeckt. Die Forschergruppe wollte herausfinden, wie Handlungen im Gehirn geplant und umgesetzt werden. Ihre Frage war: Welche Nervenzellen sind aktiv, wenn der Affe nach etwas Essbarem greift?
 
Dabei beobachteten die Forscher eine Sensation: die Nervenzellen sandten nicht nur dann Signale, wenn der Affe selbst nach dem Essen griff, sondern auch, wenn er einen anderen dabei beobachtete. Das Gesehene wurde im Gehirn des Schimpansen "gespiegelt". Die Nervenzellen, die diese spiegelnden Signale auslösten, bekamen von den Forschern den Namen „Spiegelneuronen“. Seit diesem Zeitpunkt gibt es eine wissenschaftliche Erklärung für das Phänomen Mitgefühl.
 
Von Geburt an gehören die Spiegelneuronen zur Grundausstattung unseres Gehirns. Wir fühlen beim Beobachten eines Vorgangs das gleiche, als würden wir ihn selbst vollziehen – das ist auch die Grundlage des Spracherwerbs: Je öfter die Mutter das Kind zur Nachahmung anregt, desto schneller lernt es zu sprechen.
 
Die frühen Spiegelungen sind nicht nur möglich, sondern sind sogar ein emotionales Grundbedürfnis des Neugeborenen.
"Kinder kommen mit der angeborenen Fähigkeit auf die Welt, sich für das menschliche Gesicht mehr zu interessieren, als für alles andere, was ihm unter die Augen kommt. Babys sind bereits in der Lage subtilste Veränderungen im Gesicht sofort ablesen zu können und sich darauf einzustellen; diese Fähigkeit, den Emotionsausdruck im Gesicht adäquat zu lesen, ist mit die erste, die ganz schnell ausgebildet wird."
(Leiterin des Staatsinstituts für Frühpädagogik, Dr. Fabienne Becker-Stoll)
 
Empathie bei Kleinkindern
Bevor wir aber mit einem Menschen mitfühlen, steht unsere eigene Fähigkeit, das Gefühl beim anderen wahrzunehmen. Und davor müssen wir das Gefühl erst bei uns selbst spüren.
 
Forscher gehen davon aus, dass die Spiegelneuronen zwischen dem 3. und 4. Lebensjahr voll entwickelt sind. Ab diesem Zeitpunkt hat das Kind eine eigene Sichtweise auf das Geschehen um sich herum. Dass die Spiegelneuronen bei Kleinkindern aktiv sind, zeigt sich, wenn ein Kind anfängt, ein anderes zu trösten. Es erkennt und spiegelt, dass das Gegenüber traurig ist. Die Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen ist die Bedingung zur Entwicklung sozialer und emotionaler Fähigkeiten. Zum einen üben die Kinder verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten  – verbal und non verbal – zum anderen lernen sie etwas, was sie alleine nicht lernen können, nämlich ihre Gefühle zu regulieren. Kommunikationskompetenz und Emotionsregulation sind zwei wichtige Bausteine der Empathie-Entwicklung.
Die Spiegelneuronen funktionieren unbewusst, wir müssen darüber nicht nachdenken: in unserem Gehirn entsteht ein Spiegelbild von dem, was wir sehen. Egal ob Trauer, Ärger oder Freude - in kürzester Zeit beginnen die Spiegelneuronen uns in den gleichen Zustand zu versetzen, in dem unser Gegenüber ist. Das gilt auch für negative Gefühle oder z.B. Aggression. Auch aus diesem Grund sollten Eltern genau überlegen, welche Filme oder Computerspiele sie ihren Kindern zumuten wollen.
 
Störungen im Empathie-Empfinden
Nicht alle Kinder haben emotional gefestigte Eltern - und somit Schwierigkeiten, ihre eigenen Emotionen spüren zu lernen. Der Paulihof in Kühbach bei Augsburg betreut traumatisierte und vernachlässigte Kinder und Jugendliche, die das Vertrauen in ihre Gefühle und das ihrer Mitmenschen verloren oder nie kennengelernt haben. Als Co-Therapeuten helfen ihnen Tiere; durch den behutsamen Kontakt lernen die Kinder hier Angst zu überwinden, Mut zu fassen und Verantwortung zu übernehmen.
 
"Die Kinder, die bei uns sind, haben fast kein Selbstbewusstsein und kein Selbstwertgefühl mehr. Sie suchen bei Schwierigkeiten immer bei sich selbst die Schuld. Die Kinder haben immer das Gefühl, ich bin derjenige, der nicht stimmt, ich bin derjenige, der versagt, oder ich bin nichts wert. Bei der Arbeit mit den Tieren, geht es ihnen relativ schnell so, dass sie wieder Selbstbewusstsein aufbauen.“ (Ulrike Heigenmooser, Leiterin auf dem Paulihof)
 
Die Kinder, die hierher kommen, haben erlebt, dass Menschen, von denen sie emotional abhängig waren, plötzlich unangenehm, aggressiv oder depressiv wurden. Das zieht Konsequenzen hinsichtlich der Spiegelneuronen nach sich. Denn wird die Fähigkeit positiv zu spiegeln unterdrückt oder nicht genutzt, geht sie verloren. "Use ist or lose it" – nutze oder verliere sie - ein Gesetz, dass für alle Nervenzellsysteme gilt; auch für die Spiegelneuronen. Aber die Spiegelneuronen und damit die Grundlage der Empathie können ein Leben lang angeregt werden; sie sind in der Lage neue, gute Erfahrungen zu machen, zu speichern und wieder abzurufen. 
 
Ulrike Heigenmooser sagt, dass manche "ihrer" Kinder für einen Menschen sehr wenig Mitgefühl empfinden oder sogar keines mehr. Gegenüber Tieren sei dies aber anders: "Wir haben manchen Rabauken hier und manche, die ganz wenig Grenzen kennen und auch nicht aufpassen, ob etwas dem anderen weh tut oder nicht. Bei den Tieren sind sie aber einfach vorsichtig." Die zahlreichen Pferde, Ziegen, Hunde und Katzen auf dem Paulihof sind für die Kinder emotionale Wegbegleiter zurück in die Gesellschaft. [...]"
 
Quelle: br.de - "Ich möchte fühlen, was du fühlst - Empathie bei Kindern"
"[...] Scholl: Und daran sei unser abstrakt kognitives Denken schuld, wie Sie es nennen. Man kann es jetzt vielleicht nicht mit dieser Kinderszene direkt in Verbindung bringen, aber auf gewisse Weise schon: Warum hat sich denn Ihrer Meinung nach unsere westliche Zivilisation, muss man auch sagen, in diese Richtung entwickelt?

Gruen: Na ja, das ist schon eine Entwicklung, die vielleicht 10.000 Jahre alt ist, im Sinne von Entwicklung der großen Zivilisationen. Das meint, irgendjemand beherrschte andere. Und um diese Beherrschung legitim zu machen, musste man Gehorsam aufbauen gegenüber der Autorität. Der portugiesische Schriftsteller José Saramago, der sprach einmal in einem Interview über sein Buch "Die Stadt der Blinden". Und er sagte: Ich wollte zeigen, dass unsere aufgeklärte Moral bedroht ist. Wir können sehen, aber sehen nicht. Wir leben mit dem alltäglichen Horror und haben gelernt wegzuschauen. Und darum geht es.

Wir haben gelernt wegzuschauen, weil wir sind verheddert, könnte man sagen, in abstrakten Arten des Denkens, entfernt davon, was wir emotionell, empathisch wahrnehmen könnten. Wir brauchen ja nur mal all die Kriege sehen, die uns umgeben, die für uns all diese letzten Tausenden von Jahren charakteristisch sind, für diese sogenannten Hochkulturen.

Scholl: Sie kommen in Ihrem Buch auf diesem Weg genau auch zu dieser Frage, nicht nur, warum Kriege entstehen, sondern wie das Böse im Menschen entsteht. Adolf Hitler ist hier Ihr fataler Zeuge der Zeitgeschichte. Sie nennen ihn einen von Angst befallenen Mann. Was können Sie denn aus dieser monströsen Figur für Ihre These herauslesen?

Gruen: Na ja, er verneinte ja, was er wirklich fühlte. Nämlich wenn sein Vater ihn mit einer nassen Rosspeitsche schlug, dann wurde er plötzlich ganz stolz darauf, weil er konnte das überleben. Und er verneinte Angst, er verneinte Leid, er verneinte Schmerz. Und deswegen war seine Idee, eine Jugend zu erziehen, die keine Gefühle für Schmerz und Angst hatte. Und er versuchte dann, Kinder zu erziehen auf eine Art, sodass sie keine empathischen Gefühle hatten.

Wie Sie wissen, in diesen Jugendheimen, die von den Nazis entwickelt wurden, Kinder lebten da … Ihnen wurde zum Beispiel eine Katze gegeben oder ein Hund, mit der sie ganz natürlich etwas Liebevolles entwickelten. Und dann, eines Tages, wurde ihnen ein Messer gegeben und sie mussten dieses Tierchen töten. Die, die es nicht tun konnten, wurden rausgeworfen. Und die, die damit lebten, das waren ja die Menschen, die ihre wahre Angst und ihre empathischen Gefühl verdrängen mussten, um dann auf abstrakte Art zu leben im Sinne von einem Heroismus, einem Heldentum, der ja auch mit abstrakter Verneinung der Angst und der Schmerzen und des Leidens zu tun hat.

Scholl: Sie haben eine Zeit lang in Großbritannien gearbeitet, Herr Gruen, mit Mördern in Strafanstalten, wie ich gelesen habe, mit bösen, überzeugten Gewalttätern, so beschreiben Sie diese Häftlinge selbst. Was hat Sie denn die Erfahrung mit diesen Männern gelehrt?

Gruen: Ja, ich arbeitete damals mit Murray Cox, das war ein wunderbarer Psychiater, Analytiker und Dichter. Cox entwickelte eine Art, diese Männer und Frauen, dass sie mitmachten in Shakespearean Dramen, die ja voller Emotionen, voller Gewalt und voller Leid und voller Schmerz sind. Und das Bemerkenswerte war, dann fingen sie an, den Schmerz, den sie ihren Opfern zugefügt haben, zu erleben. Das meint, wir haben es in uns, von Geburt an, empathisch zu leben und zu empfinden. [...]
 
Gruen: Es hat immer schon Menschen gegeben, die ihre Verbundenheit der Empathie, die immer da existierten. Es ist interessant, dass dieser General Kirk, das war ein englischer Psychiater und General, der im Zweiten Weltkrieg mit ungefähr 2000 deutschen Kriegsgefangenen arbeitete. Und von diesen waren fast 20 Prozent keine Nazis, und sogar in der Armee selber haben sie immer wieder Dinge getan, um ihre Menschlichkeit durchzusetzen und gegen das Regime zu arbeiten.

Dann waren da auch 20 Prozent auf der anderen Seite dieser Skala von Menschlichkeit, die unmenschlich waren. Und die konnten nicht akzeptieren Menschlichkeit, Empathie, Mitgefühl und Zärtlichkeit. Das waren alles Leute, die vollkommen von autoritären Familiensituationen erzogen waren, die auch das Weibliche ihrer Mütter und die Zärtlichkeit, die diese ihnen hätten geben können, verachteten.

Und dann natürlich, da war die Gruppe dazwischen, ungefähr 40 Prozent, die waren nicht Nazis, aber sie waren patriotisch. Die hatten beide von diesen Erlebnissen, etwas Empathisches in ihrer Kindheit, aber auch das Autoritäre.

Und das Wichtige vom Politischen her ist, dass diese 20 Prozent, die ja doch tief verbunden sind mit Empathischem, die müssen darauf bestehen und darüber reden und sich äußern, damit man die Leute in dieser 40-Prozent-Gruppe erreichen kann. So ist es politisch wichtig, dass wir das Empathische, das Menschliche betonen. Leid, Schmerz können auf diese Weise die Basis einer wahren Kraft bekommen.

Scholl: Sie gehen ja auch durchaus so weit in Ihren Überlegungen, dass unsere Demokratie auf Dauer mit jenem abstrakt-kognitiven Denken nicht zu halten sei. Vor über zehn Jahren erschien schon Ihr Buch "Der Kampf um die Demokratie" und es nimmt Gedanken und Ansätze vorweg, die Sie jetzt formulieren, Herr Gruen. Hat sich denn seit 2002 für Sie irgendetwas zum Positiven verändert, zum Guten entwickelt, sehen Sie Anzeichen?

Gruen: Ja, ich denke, dass immer mehr Menschen darüber schreiben, dass es eine emotionale Intelligenz gibt, die ganz anders ist als das Intellektuelle. Und ich meine, da war ja diese und ist ja immer noch diese Bewegung in Amerika, die damit anfängt, dass Leute besetzten Gegenden wie die Wall Street, dass sie darauf bestanden, dass Menschen zu ihrer Menschlichkeit zurückkommen sollten. So, dass diese Bewegungen überall sind, dass das so ist, ist ja hoffnungsvoll. [...]"

Quelle: deutschlandfunkkultur.de - "Der empathische Mensch kann Kriege verhindern", farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.

Siehe zur "emotionalen Intelligenz" und Demokratie, Gefühlen in der Politik, auch Martha Nussbaum: "Gerechtigkeit braucht Liebe"
"[...] Das Buch beginnt mit der Analyse einer Oper. 'Ich behandele die Oper wie einen philosophischen Text', merkt Nussbaum zu diesem unorthodoxen Einstieg in ein moralphilosophisches Werk an. Es handelt sich dabei um Mozarts "Die Hochzeit des Figaro". Ein Höhepunkt dieses Werkes ist die Szene, in der Graf Almaviva, der eben selbst noch jede Gnade für andere abgelehnt hat, von der Gräfin Vergebung für seine Untreue gewährt wird. Symbolisch dankt hier nicht nur ein Feudalherr ab, die Feministin Nussbaum versteht Mozarts Oper auch als Abschied von einer spezifischen Männerwelt, die nur an Ehre, Rache und dem Erhalt ihrer Macht interessiert ist. Ihr gegenüber stehe die Welt der Frauen, in der es Spiel, Verkleidung, List, Capricen, Komik und vor allem Großmut gebe.
 
"Am Ende der Oper (...) stellt die Gräfin die Weichen für die neue Ordnung, indem sie auf eine Bitte um Mitgefühl sagt: Ich bin gelehriger und sage: ja. Eine mitfühlende und großherzige Einstellung zu den Schwächen der Menschen (...) ist ein Angelpunkt der öffentlichen Kultur, für die ich hier plädiere..."
 
Die Herrschaft des Feudalherrn wird nach der Französischen Revolution durch den säkularen Staat abgelöst und mit diesem Wandel entsteht die Frage, auf welcher Grundlage das Eigeninteresse des Einzelnen und das Gemeinwohl zu vereinbaren sind. Die Leerstelle in einer Theorie der politischen Gefühlswelt füllt nun das Konzept der "zivilen Religion", wie in Rousseaus Gesellschaftsvertrag oder in Auguste Comtes Vorstellung einer Religion der Menschlichkeit. Beide spiegeln zwar das Ideal einer befriedeten Gesellschaft, sind für Nussbaum jedoch noch mit Unfreiheit und Unterdrückung behaftet. Die Autorin schließt sich John Stuart Mill an, der in seiner Kritik an Comte die Freiheit des Widerspruchs im Rahmen gemeinsamer Kernwerte befürwortete.
 
Für das 20. Jahrhundert wird der indische Philosoph, Dichter und Nobelpreisträger Rabindranath Tagore  Nussbaums Gewährsmann. Tagores 'Religion des Menschen', seine Schule Schandinikitan mit ihrem Focus auf Tanz, Musik, Dichtung und Lebensfreude, seine Idee, dass man Kinder lehren solle, kritisches Denken zu lieben, gelten Nussbaum als beispielhaft für einen demokratisch-liberalen Erziehungsstil. [...]
 
Nach dieser eigenwilligen Rekonstruktion der Geschichte des Liberalismus fragt die Studie nach den Wurzeln menschlichen Mitgefühls. Hier folgt sie Donald Winnicott, der die Entstehung des Mitgefühls in der Liebe der Eltern zum Kind und in die frühkindliche Umgebung in der Familie legte. [...]
 
Auf dem Weg zu einer Gesellschaft, in der die Einzelnen den jeweils Anderen respektieren, gilt es auch, negative Gefühle wie Angst und Ekel, die Mitgefühl verhindern und sich als projektiver Abscheu gegenüber dem Fremden äußerten, einzuschränken. Eine erstrebenswerte Weise, mit Angst und Abscheu umzugehen, verkörpere der Geist der griechischen Dramen. Die Tragödien ermöglichen dem Zuschauer, spielerisch am Schicksal Betroffener teilzuhaben und sein Mitgefühl zu stärken, die Komödien – wie bei Aristophanes – führten vor, den Körper in seiner Schwäche anzunehmen und der Sinnenfreude den Vorzug vor falschem Heldentum zu geben. [...]"
 
Quelle: deutschlandfunk.de - "Warum Liebe für die Politik wichtig ist", farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
Übersteigerte, hysterisierte Angst und Ekel sind bekanntlich typische Merkmale von Konservatismus bzw. des Fühlens konservativer Menschen.
"[...] «Upheavals of Thought» (2001) war ein passioniertes Plädoyer für die Intelligenz der Emotionen und die moralische Dignität des Mitgefühls. Nussbaum schlug sich darin ganz auf die Seite jener, die in Gefühlen nicht blanke körpergesteuerte Affekte sehen, sondern intentionale, auf ein Objekt gerichtete Handlungen. Indem sie den kognitiven Inhalt betonte, machte sie zugleich darauf aufmerksam, dass diese Inhalte geprägt werden durch soziale Normen und Umstände. Gefühle, so wie sie sie begreift, sind damit tief eingelassen in die jeweilige Kultur und Gesellschaft. Sie werden von dieser Gesellschaft gerahmt und gebildet, sind also einem sozialen Prozess individuellen Lernens und Entwickelns unterworfen. Ebendas macht sie für moralphilosophische Interventionistinnen wie Nussbaum interessant. In «Hiding from Humanity» (2004) hat sie auf die soziale Funktion von Gefühlen des Ekels und der Scham verwiesen und davor gewarnt, diese in den Dienst der Rechtsprechung zu stellen. Sowohl Ekel als auch Scham seien eng mit der Leitidee menschlicher Perfektion und Unverletzlichkeit verbunden – eine Leitidee, die der «condition humaine» fremd sei und bleibe. Zum menschlichen Leben gehöre das Bewusstsein von Unvollkommenheit und Verwundbarkeit. Wer darüber Ekel und Scham empfinde bzw. diese Gefühle gegen andere richte und von ihnen einfordere, verfolge ein unrealistisches, letztlich pathologisches und spaltendes Projekt. Gerade das Strafrecht – hier spielte Nussbaum auf die in den USA verbreiteten «shame sanctions» an – müsse sich von solchen Übergriffen fernhalten und die menschliche Würde schützen. [...]
 
Liebe, so die These der Autorin (die sie mit autobiografischen Erfahrungen und Beobachtungen untermauert), ist wichtig, um ein auf Anstand und Respekt gegründetes Gemeinwesen zu gründen und zu stabilisieren. Allgemeine Rechtsnormen, die diesen Respekt sichern, sind zwar unerlässlich, reichen aber nicht aus. Ohne Liebe – gemeint ist die Liebe zu den Mitmenschen und zum Ganzen, (...) – fehle dem Zusammenleben ein zentrales Elixier. Nur Liebe stelle letztlich die Motivation bereit, sich aktiv für den Bestand und das Gedeihen der Gesellschaft einzusetzen und Gerechtigkeitsvorstellungen zum Durchbruch zu verhelfen.
 
Moral und Moralität lassen sich laut Nussbaum nicht aus Normen und Regeln ableiten, sondern brauchen eine emotionale Basis. Das müssten auch liberale Gesellschaften begreifen, die Gefühle und deren politische Instrumentalisierung nicht ihren Gegnern überlassen sollten. Grosse Politiker wie Lincoln, Franklin D. Roosevelt, Churchill, Martin Luther King oder Gandhi hätten dies gewusst und beherzigt. In ihren öffentlichen Reden – deren Wiedergabe und Interpretation Nussbaum viel Raum gibt – hätten sie an die «guten» Emotionen des Publikums appelliert und diese durch eine geschickte Rhetorik hervorzurufen versucht. Allerdings habe die frühe politische Theorie des Liberalismus (Locke, Kant) das Thema ausgespart, aus durchaus berechtigter Sorge um die totalisierenden Folgen einer solchen Gefühlspolitik. Diese Lücke will Nussbaum schliessen: mit einem Plädoyer für eine politische Kultur der Liebe – einer Liebe zu den Menschen und zum Menschsein, einer Liebe, die die Unvollkommenheit und Verletzlichkeit dieses Seins akzeptiert, einer Liebe, die einschliesst, statt auszuschliessen und herabzusetzen. [...]
 
Tagore und Mozart sind ihr verwandte Geister, beide Verfechter eines leidenschaftlichen Freiheitswillens, der ohne Dogmatik und Heroismus auskommt und stattdessen auf Liebe, schöpferisches Spiel und ein bisschen komödiantische Verrücktheit setzt.
 
Nach diesem Entrée übernimmt es der zweite Teil des Buches, das Mozart-Tagore-Programm in die heutige Zeit zu übersetzen und auf Gesellschaften anzuwenden, die sich dem Ziel politischer Gerechtigkeit verschreiben. Hier entfaltet Nussbaum zunächst das Werte- und Institutionenpanorama einer solchen Gesellschaft, das auf ihren bekannten Ausführungen zum «capability approach» – zum Befähigungskonzept – aufruht. Anschliessend geht sie, gestützt auf entwicklungspsychologische Erkenntnisse, auf «gute» Emotionen wie Mitgefühl und Altruismus ein, vor allem aber auf die Rolle der Liebe als Überwinderin «schlechter» Gefühle wie Narzissmus, Ekel und Scham. Bereits in der frühen Kindheit werde diese Liebe – als Neugier, Dankbarkeit und Vertrauen – erworben und geformt.
Solche auf die individuelle Psyche wirkenden Erfahrungen und Lernprozesse gelte es zu vergesellschaften, damit sie das politische Projekt einer gerechten Ordnung unterstützen und asoziale Gefühle wie Egoismus, Gier und angstgetriebene Aggression in Schach halten. [...]
 
Wo Angst regiert – in den «gated communities» der «weissen Stadt» oder von Delhi –, kann keine Liebe keimen. Vertrauen, Mitgefühl und Liebe, die Grundgefühle einer liberaldemokratischen Gesellschaft nach Nussbaums Geschmack, gedeihen nur dort, wo der Andere nicht als Gefahr und Bedrohung wahrgenommen wird.
 
Well spoken. Man legt das Buch mit einer Mischung aus erhabener Bewunderung und nagender Skepsis aus der Hand. [...]
Wo sind die Akteure jenseits von Schriftstellern, Opernkomponisten und Philosophen, die sich die Religion der Liebe zu eigen machen? Wer lässt sich inspirieren von dieser leidenschaftlichen Vision einer gerechten Welt ohne Angst und Gewalt, voll Empathie, Liebe und Grosszügigkeit? Wer baut die Institutionen, die eine solche Welt hervorbringen? [...]"
 
Quelle: nzz.ch - "Die soziale Macht der Liebe", farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
Mal davon abgesehen, dass "Macht der Liebe" ein Widerspruch in sich ist, denn wo Macht herrscht, fehlt es gerade erheblich an Liebe, an Mitgefühl - in christlicher, religiös geprägter Formulierung nennt sich das übrigens Nächstenliebe, Güte, dabei bedarf es der Religion(en) keineswegs, im Gegenteil ..., und wo Liebe besteht, wirkt, gelebt, d.h. gegeben wird, bedarf es keiner Macht (-verhältnisse, -strukturen) - kann die Antwort auf die am Artikelende gestellte Frage nur lauten: wir. Alle. So banal, so essentiell. So eigentlich tatsächlich unausweichlich - sofern es um Moral, Ethik, Gerechtigkeit geht und gehen will bzw. soll. ;)
 
Hierfür unabdingbar sind Herzens- und Charakterbildung, Herzens- und Horizontweite, statt -enge, und die Urbasis dessen wiederum liegt - überall auf der Welt, grundsätzlich - in der (frühen) Kindheit, wird in dieser hochsensiblen, lebenslang prägenden, wirksamen Lebensphase angelegt, gefördert oder aber beschnitten, beschädigt. Mit jeweils bekannten Folgen: Mitgefühl, Sensibilität, Feinfühligkeit, Empfindsamkeit, Altruismus, Offenheit, Reflektiertheit, Selbstkritik, Selbstreflexion (-sfähigkeit), je eigene Liebesfähigkeit ... oder aber emotionale Verpanzerung, Härte, Kälte, Strenge, Hass, Ausgrenzung, Abschottung, Verweigerung, Trotz, Gier, Selbstbetrug, Minderwertigkeitsgefühle, Scham, Kompensationsverhalten, Narzissmus, Sucht und diverse weitere psychische Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen.
"Auch liberale Demokratien brauchen politische Emotionen. Davon ist die US-amerikanische Philosophin Martha Nussbaum fest überzeugt. Liebe sei nicht nur in persönlichen Beziehungen wichtig, sondern auch um eine Gesellschaft zu stabilisieren und Gerechtigkeit durchzusetzen. In ihrem neuen Buch führt die Moralphilosophin aus, warum ein funktionierendes Gemeinwesen nicht nur Normen und Regeln braucht, sondern auch eine emotionale Basis. [...]
 
"Mitunter gibt es die Auffassung, nur faschistische oder aggressive Gesellschaften seien von starken Gefühlen beherrscht, und nur solche Gesellschaften hätten es nötig, sich auf die Förderung und Pflege von Gefühlen zu konzentrieren. Derartige Ansichten sind so falsch wie gefährlich. Sie sind falsch, weil alle Gesellschaften über die langfristige Stabilität ihrer politischen Kultur und die Sicherheit der ihnen teuren Werte in Krisenzeiten nachdenken müssen. Alle Gesellschaften müssen folglich über Mitgefühl bei Verlusten, Zorn über Ungerechtigkeit, die Eindämmung von Neid und Scham zugunsten eines umfassenden Mitgefühls nachdenken. Überlässt man die Prägung von Gefühlen antiliberalen Kräften, erlangen diese einen gewaltigen Vorsprung bei der Gewinnung der Herzen der Menschen, und dann besteht die Gefahr, dass Menschen liberale Werte für lasch und langweilig halten." [...]
 
"Wo werden öffentlich wirksame Emotionen erzeugt? Man denkt sofort an die Rhetorik von Politikern, und sie ist in der Tat ein sehr wichtiger "Ort" der Kultivierung von Emotionen. Aber Politiker führen auf vielerlei Weise. Sie führen mit ihrem Körper, ihrer Kleidung, ihren Gesten. Und ein Staat erzeugt Emotionen im öffentlichen Raum mithilfe vieler Strategien: durch öffentliche Kunstwerke, Denkmäler, Parks, durch die Ausrichtung von Festen und Gedenktagen, durch Lieder, Symbole, Filme und Fotografien im staatlichen Auftrag, durch die Struktur des staatlichen Bildungswesens, durch öffentliche Debatten, durch den öffentlichen Einsatz von Humor und Komödie, ja sogar durch die öffentliche Rolle des Sports." [...]"
 
Quelle: deutschlandfunk.de - "Gerechtigkeit braucht Liebe", farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
"[...] Hinter Nussbaums "Fähigkeitenansatz" steht eine Konzeption der Kooperation, "die davon ausgeht, dass die Bindungen zwischen den Menschen sich ebenso dem Altruismus wie dem gegenseitigen Vorteil verdanken".
 
Sich für das Wohl anderer einzusetzen sei also nicht mehr nur eine Sache individueller Konzeptionen des Guten, wie bei Rawls, sondern vielmehr Teil einer gemeinsamen öffentlichen Konzeption der Person - einer Person, die nicht nur zu ihrem eigenen Vorteil eine Übereinkunft mit anderen trifft, sondern weil sie sich nicht vorstellen kann, ein gutes Leben zu führen, ohne ihre Zwecke und ihr Leben mit anderen zu teilen. Einer Person, die ein Wesen mit Bedürfnissen ist und die vom Säuglingsalter bis zum Lebensende vielfältige Formen der Angewiesenheit erlebt, dauerhaft oder vorübergehend, als leichte Einschränkung oder schwere Behinderung.
 
Bedürfnisse haben aber auch die, die für andere sorgen - darum ist es für Nussbaum eine politische Aufgabe, "durch gute öffentliche Strukturen und eine anständige öffentliche Kultur" jene Menschen zu unterstützen, die auf sie angewiesene ältere oder behinderte Menschen versorgen. Für pflegende Familienmitglieder - zumeist Frauen - müsse es eine echte Entscheidung sein, einen auf Fürsorge angewiesenen Menschen zu pflegen, nicht eine aufgezwungene Belastung, die der Gleichgültigkeit der Gesellschaft geschuldet ist. [...]"
 
Quelle: faz.net - "Gelingen kann das Leben nur gemeinsam", farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
"[...] Aus dem Selbsthaß wächst der Haß. Woher aber kommt der Selbsthaß?
 
Geläufig ist die Einfühlung des Opfers in den Täter, die beflissene Anpassung an den Unterdrücker - als "Identifikation mit dem Aggressor" einer der klassischen "Abwehrmechanismen", mit denen nach der Lehre der Psychoanalyse das bedrohte Ich eine unerträgliche Situation zu meistern sucht.
 
Die meisten Menschen haben diese Anpassung geleistet, als Erziehungsdruck sie lehrte, daß Liebe (oder was dafür ausgegeben wird) nur um den Preis der Fügsamkeit zu haben ist, daß es also nicht ratsam ist, ein eigenes Selbst zu sein. Wer sich so akzeptabel macht für eine lebensängstliche Umwelt, zahlt mit dem Verzicht auf die eigene Lebendigkeit, die er hinfort fürchten und hassen muß, ohne es selber zu wissen.
 
Nur der Machtbesitz, im großen wie im kleinen, kann nun die innere Leere verdecken, die Angst betäuben, die heimliche Selbstverachtung beschwichtigen. Machtstreben durchwirkt dann verfälschend alle menschlichen Beziehungen und knüpft immer verstrickender das Netz einer entfremdeten "Realität", die immer neue Anpassung erzwingt. Der Haß der Betrogenen, der damit genährt wird, bleibt gewöhnlich latent. Grausamkeit und Mord sind die Extremfälle einer pathologischen "Normalität".
 
Gewöhnlich bieten die alltäglichen Beziehungsspiele genügend Möglichkeiten zu sublimer Manipulation und verschleierter Rache durch Selbstzerstörung. Sozialpsychologen aber haben auch reichlich Stoff zum Nachdenken über messianische Räusche, die Ekstasen des Gehorsams bis zum Untergang, die Erlösungshoffnungen, die sich auf menschenverachtende Führergestalten richten. [...]
 
Wenn von Autonomie die Rede ist, denkt man gewöhnlich an Selbstbehauptung und Durchsetzungskraft. Autonom bin ich, wenn Erfolg im Daseinskampf mich unangreifbar macht, doch dies ist für Gruen das genaue Gegenteil wahrer Autonomie: nämlich Hingabe an die herrschende Ideologie von Leistung und Macht, bestenfalls also eine geglückte Kompensation für den Verlust der ursprünglichen Autonomie. Diese ist für Gruen "derjenige Zustand der Integration, in dem ein Mensch in voller Übereinstimmung mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen ist".
 
Wer so in Freuden und Schmerzen seine eigene Lebendigkeit erfährt, braucht sich nicht durch die Ersatzbefriedigung vermeintlicher Überlegenheit zu beweisen, daß er etwas ist - er ruht in sich selbst. Die Fähigkeit dazu kann er erwerben, wenn er in früher Kindheit erfahren hat, daß er um seiner selbst willen geliebt wird und Liebe nicht verdienen muß durch das Selbstopfer der Unterwerfung. Wer dies nicht erfährt, der lernt, sich selber zu verachten und seinen Gefühlen zu mißtrauen, und sucht sein Heil hinfort in manipulierender Anpassung.
 
Dieser Mensch verrät sein Selbst, wird Untertan und Komplize einer Machtwelt, deren Gesetze er als auftrumpfender Erfolgsmensch oder als sich selbst bestrafender Versager, als williger Funktionär oder als aggressiver Rebell bestätigt. Es sei denn, er geht den paradoxen Weg des "Geisteskranken", der im lebendigen Tod des isolierenden Rückzugs sein Selbst zu wahren sucht. Zerstörerisch aber sind beide Fluchten. Denn der Haß, entstanden aus pervertiertem Liebesbedürfnis, schafft sich Ventile.
 
Es sind gewöhnlich die Mütter, die die erste Entscheidung für oder gegen die Machtlust vorbereiten - durch emphatische Zuwendung oder durch wohlmeinenden Mißbrauch des Kindes für eigene neurotische Bedürfnisse. Doch Gruen klagt nicht die Mütter an. In einer von Männern geprägten Welt ist ihnen die ungebrochene Lebensbejahung schwergemacht, aus der allein die nicht durch Besitzanspruch verfälschte Liebe wachsen kann. Weniger geschädigt als die Männer, die im Wahn männlicher Unerschütterbarkeit nicht einmal ihre Selbstzweifel gestehen dürfen, können Frauen ihren Gefühlen näher bleiben.
Doch Selbstwert daraus zu schöpfen, gelingt den Frauen selten, denn was ihre Stärke ist, verachtet die erfolgsbewußte Umwelt als Schwäche. So retten sie sich in Zweideutigkeiten und stürzen damit die Söhne in eine innere Spaltung, die ihren eigenen Widerspruch spiegelt und fortsetzt. Ein Teufelskreis hat sich geschlossen [...]
 
Diese Deutung scheint eine Gesellschaft zu unterstellen, die nur aus Opfern besteht. Doch die Opfer sind Täter zugleich. Die anpassende Unterwerfung unter die Macht ist, wie erzwungen auch immer, nicht nur passives Erdulden, sondern aktive Leistung. In der Unterwerfung wird die Macht anerkannt und verinnerlicht, somit auch unbewußt ausgeübt. Der Unterdrücker sitzt fortan nicht mehr draußen, sondern drinnen, und drinnen muß er überwunden werden. Dies ist ein dorniger Weg, für den es keine einfachen Rezepte geben kann. Ob mit therapeutischer Hilfe oder ohne sie - dieser Weg führt durch Angst und Schrecken.
 
Denn eben, weil es Angst macht, ein eigenes Selbst zu sein, wurde das Selbst ja verraten. Es wiederzugewinnen heißt zunächst, die Gefühle von Hilflosigkeit, Schmerz und Wut zu durchleiden, die einmal so überwältigend waren, daß es ratsam schien, das Selbst zu opfern, um nichts mehr von ihm zu spüren. Anders als jene Reagans, die überall "Fenster der Verwundbarkeit" abzudichten suchen und auf diese Weise den Angstgrund ihres Machtgebarens verraten, findet der zur Autonomie Ermutigte Freiheit im Akzeptieren seiner Verwundbarkeit.
 
Gruen findet darum die therapeutische Arbeit gerade mit solchen Patienten am hoffnungsvollsten, die als besonders schwer gestört gelten: Ihre "Krankheit" ist Ausdruck der Unfähigkeit, mit der Spaltung zu leben; sie sind ihrem Selbst weniger entfremdet als der anpassungswillige Normalneurotiker, dessen Sehnsucht danach geht, reibungsloser zu funktionieren.
 
Gruens "Verrat" ist auch ein politisches Buch. Es ist politisch in seiner Analyse des Geschlechterkampfes, in dem verschwiegene Selbstverachtung zur gefährlich stumpfen Waffe eines trügerischen Zusammenspiels wird: einer des anderen Krücke und Pfahl im Fleisch.
Es half zum faulen Frieden mit den Verhältnissen, nicht zum Frieden des Menschen mit sich selbst.
Dieser Friede aber fordert nicht den Triumph rigoroser Vernunft (Freud: "Wo Es war, soll Ich sein"), sondern eher etwas, das sich mit so altmodischen, fast unaussprechbar gewordenen Vokabeln wie "Barmherzigkeit", "Liebe", "Herz" umschreiben läßt. [...]"
 
Quelle: spiegel.de - "Nur der verwundbare Mensch ist stark", Spiegel 32/1985, farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
Dieser Artikel ist - den letzten Satz ausgenommen, in welchem es wohl eigentlich hätte heißen sollen "(...) welche die Verwundbarkeit der Menschen nicht als ihre Schwäche deutet" oder "(...) welche die Verwundbarkeit der Menschen als ihre Stärke deutet" - ein Kleinod.
Empathie und Mitgefühl sind nicht dasselbe - Schmerzerfahrung, Altruismus, Selbstlosigkeit, intrinsische Moral

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