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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Arno Gruen - über Schmerz, Anpassung, Gehorsam, freiwillige Knechtschaft, Gewalt, Zivilisation, neolithische Revolution, Erniedrigung, Unterwerfung, Gier, Sucht, Machtstreben, Narzissmus - Kompensation an Stelle von: Empathie, Mitgefühl, Liebe, Kindheit, Menschsein, Selbst sein, Demokratie

Arno Gruen - Das Problem mit der Liebe (Lesung) - ausdrückliche Hörempfehlung. - Über elterliche Liebe, Umgang mit Kindern und Folgen dessen, über die Ursache von kompensatorischer Gier, Sucht, Hass, Sadismus, Machtstreben, Gehorsam, freiwilliger Knechtschaft, Verdrängung, Mangel an Mitgefühl, Narzissmus ... .

"[...] Scholl: Und daran sei unser abstrakt kognitives Denken schuld, wie Sie es nennen. Man kann es jetzt vielleicht nicht mit dieser Kinderszene direkt in Verbindung bringen, aber auf gewisse Weise schon: Warum hat sich denn Ihrer Meinung nach unsere westliche Zivilisation, muss man auch sagen, in diese Richtung entwickelt?

Gruen: Na ja, das ist schon eine Entwicklung, die vielleicht 10.000 Jahre alt ist, im Sinne von Entwicklung der großen Zivilisationen. Das meint, irgendjemand beherrschte andere. Und um diese Beherrschung legitim zu machen, musste man Gehorsam aufbauen gegenüber der Autorität. Der portugiesische Schriftsteller José Saramago, der sprach einmal in einem Interview über sein Buch "Die Stadt der Blinden". Und er sagte: Ich wollte zeigen, dass unsere aufgeklärte Moral bedroht ist. Wir können sehen, aber sehen nicht. Wir leben mit dem alltäglichen Horror und haben gelernt wegzuschauen. Und darum geht es.

Wir haben gelernt wegzuschauen, weil wir sind verheddert, könnte man sagen, in abstrakten Arten des Denkens, entfernt davon, was wir emotionell, empathisch wahrnehmen könnten. Wir brauchen ja nur mal all die Kriege sehen, die uns umgeben, die für uns all diese letzten Tausenden von Jahren charakteristisch sind, für diese sogenannten Hochkulturen.

Scholl: Sie kommen in Ihrem Buch auf diesem Weg genau auch zu dieser Frage, nicht nur, warum Kriege entstehen, sondern wie das Böse im Menschen entsteht. Adolf Hitler ist hier Ihr fataler Zeuge der Zeitgeschichte. Sie nennen ihn einen von Angst befallenen Mann. Was können Sie denn aus dieser monströsen Figur für Ihre These herauslesen?

Gruen: Na ja, er verneinte ja, was er wirklich fühlte. Nämlich wenn sein Vater ihn mit einer nassen Rosspeitsche schlug, dann wurde er plötzlich ganz stolz darauf, weil er konnte das überleben. Und er verneinte Angst, er verneinte Leid, er verneinte Schmerz. Und deswegen war seine Idee, eine Jugend zu erziehen, die keine Gefühle für Schmerz und Angst hatte. Und er versuchte dann, Kinder zu erziehen auf eine Art, sodass sie keine empathischen Gefühle hatten.

Wie Sie wissen, in diesen Jugendheimen, die von den Nazis entwickelt wurden, Kinder lebten da … Ihnen wurde zum Beispiel eine Katze gegeben oder ein Hund, mit der sie ganz natürlich etwas Liebevolles entwickelten. Und dann, eines Tages, wurde ihnen ein Messer gegeben und sie mussten dieses Tierchen töten. Die, die es nicht tun konnten, wurden rausgeworfen. Und die, die damit lebten, das waren ja die Menschen, die ihre wahre Angst und ihre empathischen Gefühl verdrängen mussten, um dann auf abstrakte Art zu leben im Sinne von einem Heroismus, einem Heldentum, der ja auch mit abstrakter Verneinung der Angst und der Schmerzen und des Leidens zu tun hat.

Scholl: Sie haben eine Zeit lang in Großbritannien gearbeitet, Herr Gruen, mit Mördern in Strafanstalten, wie ich gelesen habe, mit bösen, überzeugten Gewalttätern, so beschreiben Sie diese Häftlinge selbst. Was hat Sie denn die Erfahrung mit diesen Männern gelehrt?

Gruen: Ja, ich arbeitete damals mit Murray Cox, das war ein wunderbarer Psychiater, Analytiker und Dichter. Cox entwickelte eine Art, diese Männer und Frauen, dass sie mitmachten in Shakespearean Dramen, die ja voller Emotionen, voller Gewalt und voller Leid und voller Schmerz sind. Und das Bemerkenswerte war, dann fingen sie an, den Schmerz, den sie ihren Opfern zugefügt haben, zu erleben. Das meint, wir haben es in uns, von Geburt an, empathisch zu leben und zu empfinden. [...]
 
Gruen: Es hat immer schon Menschen gegeben, die ihre Verbundenheit der Empathie, die immer da existierten. Es ist interessant, dass dieser General Kirk, das war ein englischer Psychiater und General, der im Zweiten Weltkrieg mit ungefähr 2000 deutschen Kriegsgefangenen arbeitete. Und von diesen waren fast 20 Prozent keine Nazis, und sogar in der Armee selber haben sie immer wieder Dinge getan, um ihre Menschlichkeit durchzusetzen und gegen das Regime zu arbeiten.

Dann waren da auch 20 Prozent auf der anderen Seite dieser Skala von Menschlichkeit, die unmenschlich waren. Und die konnten nicht akzeptieren Menschlichkeit, Empathie, Mitgefühl und Zärtlichkeit. Das waren alles Leute, die vollkommen von autoritären Familiensituationen erzogen waren, die auch das Weibliche ihrer Mütter und die Zärtlichkeit, die diese ihnen hätten geben können, verachteten.

Und dann natürlich, da war die Gruppe dazwischen, ungefähr 40 Prozent, die waren nicht Nazis, aber sie waren patriotisch. Die hatten beide von diesen Erlebnissen, etwas Empathisches in ihrer Kindheit, aber auch das Autoritäre.

Und das Wichtige vom Politischen her ist, dass diese 20 Prozent, die ja doch tief verbunden sind mit Empathischem, die müssen darauf bestehen und darüber reden und sich äußern, damit man die Leute in dieser 40-Prozent-Gruppe erreichen kann. So ist es politisch wichtig, dass wir das Empathische, das Menschliche betonen. Leid, Schmerz können auf diese Weise die Basis einer wahren Kraft bekommen.

Scholl: Sie gehen ja auch durchaus so weit in Ihren Überlegungen, dass unsere Demokratie auf Dauer mit jenem abstrakt-kognitiven Denken nicht zu halten sei. Vor über zehn Jahren erschien schon Ihr Buch "Der Kampf um die Demokratie" und es nimmt Gedanken und Ansätze vorweg, die Sie jetzt formulieren, Herr Gruen. Hat sich denn seit 2002 für Sie irgendetwas zum Positiven verändert, zum Guten entwickelt, sehen Sie Anzeichen?

Gruen: Ja, ich denke, dass immer mehr Menschen darüber schreiben, dass es eine emotionale Intelligenz gibt, die ganz anders ist als das Intellektuelle. Und ich meine, da war ja diese und ist ja immer noch diese Bewegung in Amerika, die damit anfängt, dass Leute besetzten Gegenden wie die Wall Street, dass sie darauf bestanden, dass Menschen zu ihrer Menschlichkeit zurückkommen sollten. So, dass diese Bewegungen überall sind, dass das so ist, ist ja hoffnungsvoll. [...]"

Quelle: deutschlandfunkkultur.de - "Der empathische Mensch kann Kriege verhindern", farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.

Siehe zur "emotionalen Intelligenz" und Demokratie, Gefühlen in der Politik, auch Martha Nussbaum: "Gerechtigkeit braucht Liebe"
 
Beim Mitfühlen/Mitgefühl fühle, erlebe, erleide ich nicht den Schmerz des Anderen (der ich nicht bin und nie sein kann, dessen Gefühle ich daher nie selbst - wie er - erleben, empfinden ... kann, denn ich bin nicht er und er ist nicht ich) - ich erlebe, fühle, erleide meinen eigenen Schmerz und erkenne, dass der Andere, so fremd er mir auch sei, gleichermaßen Schmerz (und unterschiedliche Schmerzintensität und -qualitäten) kennt, erlebt, fühlt, erleidet. D a r u m geht es: das zu erkennen, anzuerkennen, zuzulassen, auszuhalten - berührt, bewegt zu werden vom Schmerz des Anderen, indem man den eigenen Schmerz fühlt, d.h. erinnert. Und auf eben dieser Basis dem Anderen k e i n e n Schmerz absichtsvoll zuzufügen - weil es einem selbst Schmerz verursacht. Das: ist Mitgefühl.

Voraussetzung hierfür ist, den eigenen (!) Schmerz zuzulassen, also eigene Verletzlichkeit, Zweifel, Ängste, Bedürftigkeit, statt all das zu verleugnen, zu verdrängen; aber zugleich nicht auf das eigene Ego fixiert zu bleiben, sondern zu erkennen:
 
Der Andere hat letztlich die gleichen emotionalen Grundbedürfnisse wie ich - er braucht gleichermaßen Wertschätzung, Zugehörigkeit, Wärme, Nähe, Zärtlichkeit - Liebe.
 
-
 

3sat - "Die Macht des Mitfühlens" - man hätte es besser "die Kraft des Mitgefühls" nennen sollen, denn Mitgefühl und Macht stehen im genauen Gegensatz zueinander

Über Gehorsam, Schmerz, Angst, Sadismus, Scham, Kompensation, Identität, Selbstbetrug, Selbstverrat

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