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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus

Über den Pathologisierungswahn ... in der Therapiegesellschaft

 
"[...] "DSM-5 fügt der Psychiatrie neue Diagnosen hinzu und verringert die Schwellwerte einiger bestehender Störungen. Das wird aus der gegenwärtigen Inflation eine Hyperinflation machen. Und wenn Menschen unzutreffende Diagnosen erhalten, stigmatisiert man sie und behandelt sie mit Medikamenten, die gefährliche Nebenwirkungen haben können. Das Problem besteht darin, dass die Grenze zwischen milden psychiatrischen Krankheiten und der Normalität völlig unscharf ist. Wir müssen daher die Kriterien diskutieren, die wir für Störungen benutzen." [...]
 
Psychiatrische Störungen haben viele Gesichter und wandeln sich. Die Kriterien für Diagnosen müssen diesem Sachverhalt Rechnung tragen. Das ist die Philosophie, die dem DSM-Prozess zu Grunde liegt. Schon jede einzelne psychische Störung, unterstreicht Professor Peter Falkai, unterscheide sich von Individuum zu Individuum. Er ist Direktor des Psychiatrischen Universitätsklinikums München und war bis Ende 2012 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde.
 
"Nehmen wir zum Beispiel mal Depression, dann gibt es innerhalb der Depression natürlich verschiedene Ausprägungen. Nicht jeder mit der Depression hat eine Störung des Antriebs, hat eine gravierende Veränderung der Stimmung. Ein Teil der Patienten hat ausgebreitete Konzentrations-und Aufmerksamkeitsstörungen, ein Teil der Patienten hat ausgebreitete körperliche Beschwerden und ein Teil der Patienten hat sehr starke Unruhe."
 
Das DSM-Klassifikationssystem soll daher offen und flexibel sein. Es beansprucht, Symptome so neutral wie möglich nach klaren Regeln zu erfassen. Jemand ist etwa dann depressiv, wenn er zwei Wochen lang mindestens fünf von neun möglichen Symptomen aufweist: zum Beispiel Stimmungsveränderung, Schlaflosigkeit, Konzentrations- und Denkstörungen, Gefühle der Wertlosigkeit und Suizidgedanken. Die Diagnose ist rein beschreibend, sie verzichtet darauf, nach den Ursachen zu fragen. Tatsächlich sind die genetischen und neurobiologischen Ursachen psychischer Krankheiten auch kaum bekannt.
 
Wenn Heribert Pinzek einem Patienten in seiner großräumigen Bonner Praxis gegenüber sitzt, hat natürlich auch er die Klassifikationsschemata im Hinterkopf. Aber selbst wenn er sie streng anwenden würde, erzählt er, würde das nicht genügen.
"Wir selber können mit diesen Schematas für die Krankenkassen schon arbeiten. Für unsere Gutachter, die dazu nötig sind, dass eben Psychotherapien bei den Krankenkassen dann auch genehmigt oder nicht genehmigt werden, kämen wir mit diesen deskriptiven Diagnoseschemata nicht weiter."
 
Ein psychotherapeutisch arbeitender Psychiater wie Heribert Pinzek muss über die Diagnose von Symptomen hinaus auch angeben, wie die zu behandelnde Störung entstanden ist. Und er will das das auch. Heribert Pinzek sucht in den therapeutischen Gesprächen nach der lebensgeschichtlichen Ursache, die hinter den Symptomen steht. Das braucht Zeit, Geduld und viel Vertrauen. [...]
 
Der Vorteil der DSM-Diagnosen, sagen ihre Befürworter, bestünde gerade darin, dass sie so neutral und nur beschreibend seien. Sie definieren nicht, wie der einzelne Psychiater die Störung zu erklären und zu therapieren hat. Sie seien reine Konstrukte, mit deren Hilfe Therapeuten auf unterschiedliche Weise drei Dinge zusammenbringen können: die Vielfalt und Wechselhaftigkeit der Symptome, die Lebensgeschichte und das subjektive Erleben der Betroffenen. Da Symptome so vieldeutig, individuell, unscharf und wandelbar sein können, meint dagegen Allen Frances, dürfe man eben auch nicht alles unter eine Störung zwängen wollen. Das DSM-5 weite das Reich der Störungen weiter aus und verstärke die Macht der Diagnosen über die facettenreiche Wirklichkeit. Das sei gefährlich, weil auch leichte Probleme erfasst würden. Zum Beispiel im Fall der Depression. [...]
 
"Bei der Depression fangen wir an, immer weiter zu spannen, was alles depressiv ist - wenn man in die Leitlinien guckt, steht bei leichten Depressionen "zuwarten". Wofür brauche ich dann eine Diagnose, wenn ich zuwarte? Bei mittleren Diagnosen weiß ich, dass Placebos dieselbe Wirkung haben wie Medikamente, wofür brauche ich dann eine Diagnose? Schwere Diagnosen reicht."
 
Ähnlich geht der Streit auch um andere Veränderungen in DSM-5. Die Kritiker monieren unter anderem, dass auch die Diagnose für ADHS ,die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörung’ auf Erwachsene ausgeweitet werden soll: "Hyperaktives Arbeiten" wird zur Störung. Oder sie beanstanden, dass jemand, der drei Monate lang einmal pro Woche eine Fressattacke hat, unter eine neue "Komafressstörung" fällt. Kinder, die häufig unerklärliche Wutanfälle bekommen, erhalten künftig die neue Diagnose "Gemütsregulationsstörung mit Verstimmung"
 
"Wutanfälle, die für die Kindheit typisch sind, werden so zu einer psychischen Krankheit erklärt. Auch wenn jemand im Alter vergesslich wird, bekommt er nun schon das Etikett "milde neurokognitive Störung" aufgeklebt."
 
Es gebe aber weder klare Tests und Kriterien für diese Störungen noch gute Therapien. Ähnliches gelte für Diagnosen in DSM-5, die das Horten und Hamstern, die prämenstruelle Verstimmung und weitere körperliche Störungen vorschnell pathologisierten. [...]
 
"Die wissenschaftliche Literatur sagt sehr klar, dass eine Schizophrenie aufgrund früher Risikosymptome nur zu 30 Prozent sicher vorhergesagt werden kann. Zwei Drittel aller Menschen mit solchen Risikosymptomen werden also niemals schizophren. Die Sache ist aber noch schlimmer: Wenn man von den guten Kliniken in die Praxen der Hausärzte und niedergelassenen Psychiater geht, dann werden die Zahlen noch viel schlechter. Schätzungsweise werden dann nur 10 Prozent aller Risikopatienten richtig eingeschätzt. 90 Prozent der Betroffenen werden also vermutlich als potenzielle Psychotiker stigmatisiert. Sie leben in Angst vor einer Störung, die sie nie haben werden. Und das Allerschlimmste ist, dass sie starke antipsychotische Medikamente erhalten, die sie nicht brauchen."
 
Vor allem die Pharmaindustrie sorge dafür, meint Allen Frances, dass Menschen mit Risikosymptomen Medikamente verschrieben bekämen. Vor allem hätte sie riesigen Einfluss auf die Hausärzte, zu denen solche Risikopatienten meist zuerst kommen. Schon heute würden 50 Prozent der psychiatrischen Medikamente im Wert von 18 Billionen Dollar in den USA alljährlich von Hausärzten verschrieben. [...]
 
Peter Falkai vom Münchner Psychatrieklinikum gesteht zwar zu, dass leichte Störungen von selbst oder auf Grund positiver sozialer Umstände vergehen können. Er sieht auch das Problem, dass Menschen falsche Prognosen erhalten können. [...]
 
Thomas Brock vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf verweist wie Allen Frances jedoch auf den ganz normalen Psychiatriealltag.
 
"Diese Vorstellung, wir gehen dann nicht mit Medikamenten dran, sondern machen das mit anderen Methoden, das ist wieder diese Naivität, die jenseits der psychiatrischen Wirklichkeit in Deutschland ist, das gilt für erwachsene Psychosen auch: tatsächlich werden sie aber mehr oder weniger singulär mit Neuroleptika behandelt, und es gibt ganz wenige stationäre psychotherapeutische Möglichkeiten, das ist fast exklusiv, dass sie bei einem Psychotherapeuten jemand mit Psychosen hinkriegen, weil der sich mit Burnout lieber beschäftigt und weil die Zulassungsbedingungen falsch gestellt sind. Das ist die Wirklichkeit, und es ist naiv, zu sagen "Wir wollen es aber ganz breit". Wenn das so definiert wird, dann öffnet das die Türen für Neuroleptikabehandlungen, und das wird mehr oder weniger ausschließlich passieren mit all den Nebenwirkungen, die da dran hängen."
 
"Ein großes Problem ist, dass diese Selbstwirksamkeit von Diagnosen nicht unterschätzt werden darf. Das hat noch einmal seinen ganz eigenen Krankheitswert, einen ganz eigenen Störungswert für sein Leben und ist gegenüber dem, was die Krankheit selber zum Teil für eine Person bedeutet, nicht zu unterschätzen."
Der Chef von Arno Neuhaus im Solinger Trägerverein für Sozialpsychiatrie, Martin Vedder, hat viele Erfahrungen mit Menschen gemacht, die mit den verschiedensten Diagnosen zu ihm kamen.
 
Es waren nicht immer die besten. Deshalb ist er besonders vorsichtig, wenn es um frühe und milde Diagnosen geht. Natürlich sei Prävention wichtig, sagt er, aber es komme eben stark auf die Umstände an.
 
"Ich sehe das Problem, dass wenn jemand sehr früh eine Diagnose bekommt, dann fühlt er sich sehr früh darauf festgelegt. Und ich glaube ehrlich gesagt nicht daran, dass mehr als die Hälfte der arbeitenden Psychiater sich dann Zeit nimmt, daraufhin genau danach zu gucken "Wie können wir ihm therapeutisch helfen?", sondern die Erwartung der Familie, dass jetzt Hilfe kommen möge, so beantworten wird, dass er Medikamente gibt. Und die Auswirkung von Medikamenten auf das Leben ist oft eines, was das Leben verlangsamt, was das Leben behindert, was die eigenen kognitiven Fälligkeiten behindert Diese Wirkungen sind gegenüber der Erkrankung überhaupt nicht zu vernachlässigen, die haben in der Regel nach meiner Erfahrung, was die Ressourcen dieses Menschen anbelangt, eine viel größere Auswirkung als die Erstsymptome einer Erkrankung selber."
 
"Also die Ressourcen in der Psychiatrie und der sozialpsychiatrischen Versorgung sind begrenzt."
 
Thomas Bocks Alternative lautet
 
"Also ich würde eher noch weiter gehen und sagen: Prävention im Sinne von Bemühen um seelische Gesundheit und die Stärkung von resilienten Kräften ist selbstverständlich sinnvoll und nötig, ist aber keine urmedizinische Aufgabe. Dafür brauche ich keine Diagnose, dafür brauche ich keine Prodromalphase. Natürlich kommen Menschen in Krisen, gerade in diesem Alter, natürlich nehme ich auch wahr, dass bestimmte Schülerinnen und Schüler in Konflikten festhängen, und im Teufelskreis drin hängen und dann ist es sinnvoll, Programme zu haben, Hilfsmöglichkeiten zu haben, gute Lehrer zu haben, die das Thema thematisieren um präventiv zu wirken, aber ich sehe wenig Heil darin, das alles zur Aufgabe der Medizin zu erklären." "
 
Zitiert aus oben stehendem Manuskript "Störungswahn" des Deutschlandfunk; farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 

tagesschau - "Wie erkenne ich eine Depression": leider nicht mehr verfügbar?

 
Diese reduktionistische, folglich hochgradig manipulative Darstellung (siehe tagesschau-Kurzvideo zu den Symptomen von Depression  "Wie erkenne ich eine Depression" - aktuell leider nicht mehr verfügbar) wäre zum Lachen, wäre es nicht so widerwärtig.
 
Es werden Menschen zunehmend pathologisiert - seien es Trauernde (nach Verlust durch Trennung oder Tod eines nahestehenden Menschen), Kinder (siehe AD(H)S-Diagnosen u.a.), Schwangere und Gebärende (siehe, wie Schwangerschaft überwacht wird, wer alles aus welchen Gründen als "Risikoschwangere" gilt, siehe die Technisierung von Geburten in Krankenhäusern, die Zunahme von Kaiserschnitten etc.) und eben ganz besonders auch all jene Menschen, die auf massiv belastende Lebensumstände bzw. gesellschaftliche (und politisch gemachte, gewollte) Strukturen und Missstände tatsächlich völlig "normal", d.h. menschlich reagieren - mit Aggression bis hin zur Gewalt (siehe dazu Joachim Bauers großartiges Buch "SCHMERZGRENZE - Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt") und/oder mit Traurigkeit, Rückzug, Abwehr, Ängsten (!), "Unruhe/Nervosität", Reizbarkeit, Verzweiflung, Resignation, Sucht oder anderen Kompensationsversuchen, bis hin zu Amoklauf und Selbstaufgabe, zum Suizid.
 
Es fängt in der Tat häufig bereits in der "je individuellen" Kindheit an, wer wie stark ausgeprägtes Selbstwertgefühl entwickeln k a n n, wie ausgeprägte Resilienz jemand "hat", wie starke oder schwache Zuversicht, Vertrauen in die Welt (und eben dafür vor allem vorausgehend: in sich selbst) jemand ausbilden konnte oder eben dies gerade - aus Gründen - nicht.
 
Und es spielt im weiteren Lebensverlauf genau das die ausschlaggebende Rolle: Womit werden Menschen (auf Basis also ihrer Grundausstattung durch genetische Anlage und Prägung, Sozialisation ...) dann im weiteren Lebensverlauf auf welche Weise wie intensiv, langandauernd oder wiederholt "konfrontiert" - auch also belastet und eben "sogar" beschädigt. Was sind die Auslöser hierfür?
Sind sie tatsächlich stets nur beim je Einzelnen und in seiner "individuellen"/persönlichen Biographie zu suchen - bzw. zu finden (weil dies bequemer und lukrativer ist)? Oder wird nicht viel mehr umgekehrt ein Schuh daraus - und war dies nicht schon immer so:
 
Dass die meisten psychischen "Störungen", Erkrankungen Resultat dessen sind, das Menschen bereits in ihrer Kindheit erleiden mussten, was dies dann zur Folge für ihre eigenen Verhaltensweisen und Einstellungen (Menschen-, Welt-, Selbstbild!) hat(te) (siehe bspw., dass Schwarze Pädagogik "früher" als gut, als richtig galt und was für Menschen sie hervorgebracht hat ...) und was zusätzlich dann im Lebensverlauf an Belastungen auf sie einwirkte, wie wenig SELBSTBESTIMMTHEIT und SELBSTWIRKSAMKEIT Menschen oft haben (können/dürfen) - siehe bspw. im Grunde alle weltweit von materieller Armut betroffenen/beschädigten Menschen (gerade auch dadurch lebenslang geprägt werdende Kinder), siehe all die Menschen, die in repressiven bis diktatorischen Gesellschaften existieren (müssen) - siehe dazu nicht nur politische Hintergründe, Gegebenheiten, sondern auch den noch immer indoktrinierenden, ideologischen, häufig gewaltgeprägten bzw. Gewalt generierenden Einfluss von (patriarchalischen) Religionen (man besehe sich nicht nur die Unterdrückung von Frauen in muslimisch geprägten Ländern, sondern auch, was in katholisch geprägten Ländern Südamerikas mit Frauen "passiert" oder auch in China oder auch in Indien ...).
 
Es kommt kein Mensch "psychisch krank" zur Welt. Kein Mensch wird "böse, schlecht", als Täter, als Mörder, als Terrorist ... geboren.
 
ABER: Pathologisierung ist eine einträgliche und bequeme Sache: Die Pharmaindustrie verdient daran, Mediziner und diverse (andere) Therapeuten verdienen daran und es gibt damit überdies immer eine unglaublich bequeme Ausrede, einen "Grund", auf den man die gesellschaftlichen, die politischen Missstände schieben kann: auf den je Einzelnen bzw. seine "Krankheit".
Und so kann man wunderbar Menschen indoktrinieren, manipulieren, mentizidieren und: instrumentalisieren und ausbeuten.
 
Wir wissen inzwischen bspw., dass Anti-Depressiva nicht aufgrund ihrer "Wirkstoffe" helfen (können - oder oft auch nicht), sondern dies auf dem Placebo-Effekt beruht.
Ja, "wer heilt, hat Recht", ABER: fragwürdig ist das Wie - denn die Leute werden im Grunde nicht geheilt, sondern erhalten lediglich eine Symptombehandlung - wie es in der Schulmedizin üblich ist und Heilung (insbesondere chronischer Erkrankungen) schulmedizinisch tatsächlich zumeist gerade nicht erreicht wird - werden kann.
 
Denn Heilung kann nur ganzheitlich erfolgen - und das bedeutet gerade nicht "nur" "Körper, Seele, Geist", sondern gerade auch das Lebensumfeld, in dem ein Mensch sich bewegt - oder eben nicht bewegen, entfalten kann/darf, das Lebensumfeld, in das er gestellt, geworfen ist, das auf ihn einwirkt - und das ihn also auch massiv schädigen kann.
 
Ich meine: Heilung kann nur bedeuten, die krankmachenden Ursachen zu beheben - generell. Nicht: ausschließlich oder überwiegend nur Symptome zu "behandeln".
 
Und ja: Immer dann, wenn Ursachen weitflächig wirksam und fest verankert, zementiert sind, sich gesellschaftliche Gegebenheiten aufgrund politischer Verhältnisse also nicht zeitnah (auf "den Kranken" zuträgliche Weise) verändern lassen, sich gesellschaftliche und politische "Missstände" nicht direkt und zeitnah verändern, beheben lassen, immer dann: findet die bequeme Pathologisierung und/oder auch Diskreditierung von Individuen statt - und gerne also auch von vielen Individuen. - Man (Politik, Machthabende) wendet sich absichtlich nicht d i e s e n Krankheiten auslösenden Ursachen in gebotener Weise zu und versucht sie zu beheben, weil: "man" davon profitiert.
 
Siehe Kapitalismus, Neoliberalismus und seine globalen, zerstörerischen bis tödlichen Folgen - durch Ressourcenraub, Landraub, Patentierung von Nahrungsmitteln, GVO (siehe vor allem Saatgut, das nicht mehr genutzt werden darf, siehe die Macht multinationaler Konzerne), Umweltzerstörung, Klimawandel, "unfaire" Handelsabkommen, Rohstoffkriege, Stellvertreterkriege, in Folge noch mehr Beschädigung, materielle Armut/Elend, "soziale" Ungerechtigkeit, in Folge noch mehr Aggression und Gewalt (weil Menschen ihre Lebensgrundlage entzogen und/oder sie zerstört, verseucht ... wird - siehe Erdölpipelines, Grundwasser- und Bodenvergiftung ... - und sie sich nicht dagegen wehren, sie dies nicht verhindern k ö n n e n/dürfen, sondern dann selbst gewaltsam misshandelt und auch getötet werden).
 
DAS: ist krank. - Immer wieder. Immer noch.
 
Was ist eine "psychische Störung" - wann (siehe in welcher Epoche) gilt was als "psychische Störung" bzw. Erkankung, auf welcher wissenschaftlichen (?), ausschließlich "medizinischen" (?) Definitionsbasis?
Wer legt das also auf welcher Basis fest - für wie lange? (Siehe Falsifizierbarkeit als erforderliches Kriterium für Wissenschaftlichkeit. )
Warum gelten die Übergänge zwischen "eigenartig" und "psychisch gestört" zumeist als fließend?

Warum kann auch der Leidensdruck alleine nicht als Kriterium für das Vorhandensein einer "psychischen Erkrankung" herhalten? Weil der Leidensdruck bspw. auch bei Trauer sehr ausgeprägt und "mitunter" langanhaltend sein wird/kann/ist.

Vielleicht sollte man "psychische Erkrankungen" und ihr Diagnostiziertwerden grundsätzlich unter Einbeziehung von Soziologie, Philosophie, Anthropologie und auch (Kultur-) Geschichte betrachten.

Und sich insbesondere ihren Entstehungsursachen und -einflussfaktoren zuwenden. Außerdem: ihrer Prävention.

Welche psychische Erkrankung ist "angeboren"?
 
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"[...] Und wir sehen da auch eine Gefahr, dass eben an der Stelle überdiagnostiziert wird und dass normales menschliches Empfinden, Befindlichkeitsstörung dann zu schnell gelabelt wird.
 
von Billerbeck: Und das heißt, dass die Leute, die wirklich Hilfe brauchen, dann die Hilfe nicht mehr bekommen?
Hauth: Das ist ein wichtiges Thema, ja. Dass zum Teil auch die Psychotherapieplätze besetzt sind von Menschen, die ja vielleicht auch in früherer Zeit das mithilfe von Freunden, von Familie geschafft hätten. Aber das sind natürlich auch Dinge, die heute oft nicht mehr vorhanden sind bei unserem Singleleben.
 
von Billerbeck: Und das muss die Psychotherapie dann ausgleichen?
Hauth: Wenn man das kritisch sieht, ist das sicher in manchen Fällen so, ja. [...]
 
Hauth: Eine generelle, universelle Prävention gibt es eigentlich wenig, gibt es wenig Studien drüber außer den Dingen, die man sowieso weiß: genügend schlafen, dreimal in der Woche Sport machen, möglichst nicht rauchen, gute Live-Work-Balance mit auch Freizeit zu haben. Aber es gibt da nichts, was man generell sagen kann außer eben gesund leben im Allgemeinen. Aber es ist natürlich so, dass, wenn, sagen wir mal, erste Befindlichkeitsstörungen auftreten, also zum Beispiel längere Zeit Schlaflosigkeit da ist, Konzentrationsstörungen auftreten, die Stimmung über längere Zeit schlecht ist, oder wenn so ansatzweise Veränderung im Befinden da ist, dann sollte man natürlich gezielter Prävention machen mit entsprechenden Achtsamkeitsübungen, mit Entspannungsübungen, also sich auch beraten lassen. Es gibt ja da auch eine ganze Menge an Beratung mittlerweile, Zeitcoaching, solche Dinge zu tun, um da achtsamer mit sich und seiner Psyche umzugehen. Und wenn dann wirklich längere Zeit solche Störungen wie Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Antriebsstörungen, depressive sind, dann sollte man auch rechtzeitig sich Hilfe holen. Die muss dann manchmal gar nicht so ausgedehnt sein, aber bevor dann eine echte psychische Erkrankung entsteht.
 
von Billerbeck: Nun haben Sie es vorhin auch schon in so einem Nebensatz erwähnt, dass wir ja alle in einem Arbeitsumfeld tätig sind, das sehr stressig ist. Wir sind vielen Medien ausgesetzt, müssen also multitaskingfähig sein, machen viele Dinge parallel. Was kann man denn tun, um sich dem ein bisschen zu entziehen in der modernen Welt. Das werden Sie ja mit vielen Patienten auch erleben?
Hauth: Das ist ja das Thema Burnout, was auch jetzt immer durch alle Medien geht. Sicher ist wichtig, dort für sich selber einen Rhythmus zu finden, also einen Rhythmus zwischen Anspannung, Arbeit, was Spannendes tun, aber auch Entspannung. Das Wort "Muße" ist ja heute sehr unmodern geworden, aber solche Zeiten der Muße sich auch in den Alltag einzutakten, Zeiten, wo man eben nichts tut, wo man einfach entspannt - viele machen ja auch in der Freizeit dann noch Thema und entsprechend viele Termine. Und es ist auch sicher wichtig, darauf zu achten, dass man genügend soziale Kontakte hat, dass man Freunde hat, dass man im Austausch ist, dass man emotional auch irgendwo angebunden ist und sich wohlfühlt. Und letztlich natürlich auch Sinngebung. Dass man in seinem Privatleben, aber auch im Beruf das Gefühl hat: Das, was ich tue, ist richtig für mich, und ich tu das gerne und das gibt meinem Leben auch Sinn. [...]"
 
Quelle: deutschlandradiokultur.de - "Universelle Prävention gibt es eigentlich wenig"
 
PRÄVENTION ist erst und nur dann möglich, wenn unsere gesellschaftlichen, somit politischen Verhältnisse und Strukturen sich ändern (lassen) - hin zu Mitgefühl, Kooperation, Verantwortung, Gewissenhaftigkeit, Ehrlichkeit/Wahrhaftigkeit, Altruismus, Reflektiertheit, Besonnenheit - Bindung und Beziehung - und das: von klein auf (also: gerade nicht immer frühere Fremdbetreuung, immer intensiveres Fremdbestimmtsein durch Konsum und sinnlose, nicht existenzsichernde "Arbeit", d.h. Erwerbstätigkeit und einhergehend immer ausgeprägtere Kompensationsbedürfnisse - siehe Machtstreben, Unterdrückung, Ausgrenzung, Feindbilder, Sucht (Substanzabhängigkeit ...), Narzissmus, Depression ... .
 
Das globale, kapitalistische System: befördert jedoch all das, hat es zur Voraussetzung, "lebt" davon, kann nur auf dieser Basis funktionieren - und lässt gerade nicht Bindung, Beziehung, soziale Gerechtigkeit, Mitgefühl, Kooperation, Nachhaltigkeit zu - oder nur sehr eingeschränkt und in kleinen Bereichen.
 
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Wir sollten in diesem Zusammenhang Folgendes nochmals explizit festhalten: Emphase und/oder auch Impulsivität sind nicht generell, zwangsläufig oder für sich alleine genommen überhaupt etwaige Symptome für eine Borderline Persönlichkeitsstörung.
 
Festhalten sollten wir auch, dass die Suche nach Identität eine menschliche und im Grunde lebenslange ist, denn was genau meint wer mit "Ich" oder (seinem) Selbst? - Wer bin ich? Erkenne dich selbst. - Das kann und sollte man durchaus auch aus philosophischer Perspektive betrachten, statt die "Selbstfindung" und Persönlichkeitsentwicklung, Identitätsbildung, nur rein zu pathologisieren.

Gerade Selbstkritik, auch Selbstzweifel, das Hinterfragen eigener Einstellungen, Haltungen, Meinungen, eigenen Verhaltens, spielt eine unverzichtbare Rolle für Persönlichkeitsentwicklung.
Diese Reflexion findet häuifg jedoch gerade dann verstärkt statt, wenn Menschen schon fortgeschritteneren Alters sind, also bereits einige Lebenserfahrung(en) haben.
 
Und grundsätzlich sollte längst auch der Suizid nicht (mehr) unter rein "medizinischem", psychiatrischen und/oder psychologischem, also pathologisierenden (!) Blickwinkel betrachtet werden, sondern gerade unter philosophischem.
 
Anmerken sollten wir unbedingt auch, dass aggressives Reagieren normal menschliche Folge sein kann bzw. ist von intensivem und/oder langandauernden oder wiederholten Überschrittenwerden der (je eigenen) Schmerzgrenze - siehe dazu Joachim Bauers herausragendes Buch "Schmerzgrenze - Vom Umgang alltäglicher und globaler Gewalt".
 
Vor allem sollten wir uns vergegenwärtigen, dass es auch Situationen gibt, in denen Menschen emotional "unausgeglichen" sind, also sehr wütend, enttäuscht, traurig, verzweifelt, erschüttert - und das: spüren sie durchaus sehr genau selbst, dass sie genau diese Gefühle "haben", erleben - auf Grund/als Folge von Geschehnissen, Widerfahrnissen bzw. Verhaltensweisen anderer Menschen, die massiv verletzend, auch erniedrigend, demütigend, entwertend, also: beschädigend sind (physisch und/oder psychisch-emotional).
 
Und solche Situationen erleben bspw. solche Menschen, die erheblicher psychisch-emotionaler Gewalt in Beziehungen ausgesetzt sind, die bspw. Opfer von narzisstisch persönlichkeitsgestörten Menschen wurden/werden/sind. Eben daher können dann gerade solche Gefühle oder Eindrücke rühren von "Ich hasse dich - Ich liebe dich".

Auch hier sollten wir unbedingt beachten, wie leicht leider so etwas auch einfach dahingesagt wird, ohne, dass Menschen sich wirklich bewusst sind bzw. (sich) selbst hinterfragen, ob sie tatsächlich lieben oder hassen und was genau sie unter "lieben" und/oder "hassen" überhaupt verstehen - und: was gesellschaftlich (Bücher, Filme, Musik, also "Kultur") diesbezüglich vermittelt, transportiert, auch propagiert wird ... (siehe "romantische Liebe"/Verliebtsein, die nicht mit Liebe(n) verwechselt werden sollten, leider jedoch genau in dieser Weise häufig gleichgesetzt/missverstanden werden).
Ebenfalls ist auch hier das Alter der Betroffenen zu berücksichtigen - somit ihre geistige Reife.
 
Was die "negativen Kindheitserlebnisse" anbelangt: Ja sicher: Die meisten, wenn nicht alle, psychischen "Störungen", die Menschen im Lebensverlauf "entwickeln", gehen auf Kindheitserfahrungen zurück - und es können viele "Störungen", psychische Erkrankungen (?) die Folge dessen (von Beschädigungen, die in der Kindheit erlitten wurden) sein - nicht nur oder generell "Borderline", sondern gerade auch bspw. Narzissmus oder auch Depression ... .
 
Dass gerade Jugendliche/Heranwachsende/Adoleszente mit sich (Persönlichkeitsentwicklung, Selbstfindung) und "der Welt" zurandezukommen, Schwierigkeiten haben, auch das hat sicher eine Menge damit zu tun, welche familiären, haltenden oder auch gerade nicht haltenden gesellschaftlichen Strukturen (also nicht nur rein persönlichen Verhältnisse) vorhanden bzw. nicht vorhanden sind - siehe besonders Bindung, Beziehung, bedürfnisorienterter Umgang mit Säuglingen und Kindern, siehe mobbing in Schule und Beruf, siehe soziale Isolation durch materielle Armut, Ausgrenzung, durch auch physische Erkrankungen oder auch durch Mobilseinmüssen (häufige, erforderliche Umzüge ...), durch die Art, wie wir gerade in (größeren) Städten "leben" ..., siehe die vielen Single-Haushalte, Anonymität etc..
 
Und wie immer ist das generelle Problem, dass "die Übergänge fließend" sind - zwischen Eigenarten, Eigenheiten und "psychischer Störung/Erkrankung". Und wie immer sind bisher geltende Erkenntnisse bzw. Definitionen falsifizierbar.
 
Ja, wir kennen das bspw. auch von Depression, auch von AD(H)S ... .
 
Und übrigens (weil es in der Sendung vorkam): Nein, Trotz ist bei Kleinkindern keineswegs "normal" - muss überhaupt nicht vorkommen, hat jedoch wiederum eine Menge mit dem Umgang mit Kleinkindern zu tun - der häufig beobachtbar ein falscher, ein schädigender ist. Trotz all der zahlreichen Eltern- und Erziehungsratgeber, vielleicht auch wegen dieser. - Eigenes Thema, aber: Es muss der Schwerpunkt generell ja auf PRÄVENTION liegen. Damit diverse Störungen, Erkrankungen erst gar nicht entstehen.
 
Und wenn schon jeglicher intensive Sport eine Form von selbstverletzendem Verhalten darstellt (wie es so in der Sendung gegen Ende suggeriert wird - siehe, was ein Hörer äußerte) und ein Hinweis auf Borderline sein soll/kann, dann müssten sämtliche Leistungssportler eine solche Störung haben, insbesondere dann, wenn sie doping einsetzen. Und jeder Substanzabhängige (Drogensüchtige) müsste demnach auch als "borderlinegefährdet" gelten, da auch diese Menschen sich selbst verletzen.
 
Fazit: Es bleibt schwierig, mit der Definition und Diagnose diverser psychischer Störungen, Erkrankungen, aber es wird zunehmend alles Mögliche pathologisiert. Siehe: Auf welcher Grundlage bestimmt wer, was wann welche psychische Erkrankung/Störung (anhand welcher Symptome ...) ist (DSM ..., siehe den Einfluss der Pharmaindustrie etc., also Interessenkonflikte, zweifelhaft finanzierte Studien, eigenes berufliches Fortkommen als Motivation ... - fehlende Unabhängigkeit und Korruption also).
 
Unzweifelhaft gibt es verschiedene Arten des Fühlens, Denkens und Verhaltens, das Menschen selbst und auch ihr Umfeld belastet, die Frage ist nur: wie gehen wir damit um - und gehen wir durch Pathologisieren und der bisherigen Form des (lukrativen ;) ) Therapierens tatsächlich angemessen damit um? Oder beschädigen wir Menschen auf diese Weise manches Mal eher noch zusätzlich, etikettieren und stigmatisieren wir sie überdies - mit welchen Folgen gerade auch für ihr Selbstbild?
 
Oder anders gefragt: Sollten wir nicht deutlich mehr Anstrengung (und auch Mittel/Geld ...) investieren in Prävention - siehe also den Umgang mit Kindern, siehe unsere gesellschaftlichen Strukturen, unsere Lebensweise (Druck, Stress, diverse Belastungen, siehe wirtschaftliche, berufliche Zwänge, dies auch bereits in Schulen - Leistungsideologie, Wettbewerb, Konkurrenz, Mangel an Mitgefühl, Herzens- und Charakterbildung ...).
 
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Ein weiteres Mal frage ich mich:
 
Ob man mittels solcher Pathologisierung (siehe oben verlinkten "Spektrum"-Artikel über die Borderline-Persönlichkeitsstörung: "Borderline - ein emotionaler Ausnahmezustand") Menschen tatsächlich hilft - oder ob das Pferd nicht ein weiteres Mal von hinten aufgezäumt wird.
 
Zu den Borderline-Symptomen:
 
- Ab wann ist Gereiztheit Borderline - und nicht eben Gereiztsein, aufgrund bspw. phyischer schlechter Befindlichkeit (Schmerzen, Unwohlsein, Schlafmangel, starker Hunger etc.) oder in Folge eines kurz vorausgegangenen, negativen Erlebnisses oder grundsätzlich langanhaltender Belastung (durch belastende Lebensumstände bspw.)?

Auch kommt es bei Frauen durch hormonelles Ungleichgewicht ("PMS") je nach Zyklusphase zu u.a. Gereiztheit, auch Niedergeschlagenheit etc..
- Ab wann ist Impulsivität (die also "möglicherweise" eine genetische Komponente hat - siehe Wesen/Temperament/Naturell) Borderline - und nicht "einfach" also: Impulsivität/"Temperament" - siehe auch generell intensives Empfinden, Leidenschaftlichkeit, aber auch tiefes Mitfühlenkönnen, Feinfühligkeit ... ?
 
- Ab wann ist Suchtverhalten Borderline - und hat nicht möglicherweise ganz andere Ursachen - siehe Narzissmus, siehe Kompensationsbedürfnisse, siehe Depression, siehe wiederum Auslöser auch sehr belastende Lebensumstände/persönliche Widerfahrnisse (materielle Armut, damit einhergehende, gesellschaftliche Ausgrenzung, damit einhergehender Verlust des Selbstwertgefühls - oder auch Verlust durch Tod eines nahestehenden Menschen etc.)?

Anders: Wieviele Menschen verhalten sich heute - aus welchen Gründen ;) - "selbstschädigend" - durch Konsum(sucht), Substanzabhängigkeit (gerade Alkoholismus ist in unserer Gesellschaft sehr verbreitet) etc. - sind sie deshalb (!) letztlich möglicherweise alle "Borderliner"? ;)
 
- Verlustängste: Haben solche nicht die meisten Menschen? Anders gefragt: Wer möchte schon gerne von nahestehenden Menschen verlassen werden - wer sorgt sich nicht um nahestehende Menschen (hat also Verlustangst!), wenn diese sich bspw. in Gefahr befinden (Unfall, Krankheit ...)?
 
- Verändertes Verhalten in Stresssituationen: Wer ist unter Stress nicht "in seinem Verhalten verändert" - auch in seiner Wahrnehmung? Ist das nicht gerade wegen der Stressvorgänge (im Körper) "normal"/natürlich? - Ab wann ist dies ein Zeichen für eine Borderline-Störung - wodurch wird es zum Symptom für eine solche?
 
- Identitäts"schwierigkeiten": Wer kann von sich selbst genau sagen, wer er ist, was dies bedeutet, was er darunter versteht, wie er sich selbst definiert, was ihn als diese Person/Persönlichkeit spezifisch ausmacht, worin seine "Identität" also besteht? - Ist Identitätsfindung nicht letztlich ein lebenslanger Prozess, eben weil wir uns lebenslang verändern können und dies bspw. gerade durch Widerfahrnisse, Krisen besonders intensiv tun?

Anders: Sollte man sich gerade den Fragen nach der (eigenen) Identität statt auf pathologisierende Weise nicht stattdessen viel mehr philosophisch zu nähern versuchen, diese Fragen auf philosophische Weise ergründen ... ?
 
- Zwischenmenschliche Beziehungen sind sehr intensiv, aber auch instabil: Was genau ist damit gemeint? Ist es heute nicht "üblich", sich häufig und auch relativ schnell zu trennen, auch: scheiden zu lassen, siehe auch "serielle Monogamie", viele Singles ... ?
Sind all diese Menschen deshalb also "Borderliner"?
 
- Sollte gerade auch der Suizid nicht endlich enttabuisiert und entpathologisiert werden? Statt diesen stets ausschließlich als Ausdruck von psychsicher Krankheit zu interpretieren.

Auch der Suizid ist ein Phänomen, das sich keineswegs nur rein pathologisierend ergründen lässt - sondern wiederum gerade philosophisch - siehe selbstbestimmter, würdevoller Tod ... .
 
Fazit:
Sind all diese "Symptome" also nicht viel mehr "natürliche" Reaktionen auf vor allem gesellschaftliche Umstände, Verhältnisse, Gegebenheiten und daraus entsprechend resultierende zwischenmenschliche "Beziehungen" und Kontakte sowie eben auch: "Schwierigkeiten" ... ?

Wie lassen sich die genannten Symptome also als tatsächlich "Borderline-verursacht" erkennen bzw. warum werden sie so i n t e r p r e t i e r t - und nicht bspw. den oben genannten anderen - ebenso möglichen - Ursachen zugeordnet?
 
Und werden alle Menschen, die eine "schwierige Kindheit" hatten, zwangsläufig "Borderliner"? Oder werden sie nicht bspw. auch Narzissten oder auch "depressiv" ... ? (Oder auch nicht psychisch krank - siehe durch bspw. Resilienz(faktoren).)
 
Das einzige Symptom, das sich nicht durch auch anderes (andere Ursachen, Gründe) als "Borderline-Persönlichkeitsstörung" erklären lässt, ist wohl das selbstverletzende Verhalten sowie ggf. noch das Gefühl "innerer Leere".
 
Was sich an vermeintlich "harten Fakten" durch vermeintlich neutrale/objektive "wissenschaftliche Untersuchung" ergibt: ist, wie wir wissen, stets genau das: ein vorläufiges, ein falsifizierbares Wissen. Grundsätzlich. Das ist eines der seriösen Kriterien/Merkmale für Wissenschaftlichkeit.
 
Und was wir gerade hinsichtlich psychischer sowie psychiatrischer Erkrankungen ebenfalls wissen, ist, dass es immens davon abhängt, wer auf Basis welchen jeweils persönlichen sowie Ausbildungs-/Forschungs-/Qualifikationshintergrunds, auf Basis auch welchen jeweiligen (aktuellen?) Kenntnisstands sowie auf Basis welcher (etwaigen) Beeinflussung durch "Interessenkonflikte" und fehlende Unabhängigkeit ... zu welchen Überzeugungen und Interpretationen gelangt.
 
Worum es letztlich - ich wiederhole mich ein weiteres Mal hinsichtlich dessen - eigentlich vor allem gehen müsste, ist: PRÄVENTION.

Und diese setzt tatsächlich rund um den Globus bei jedem Menschen grundsätzlich in der Kindheit an bzw. hätte in selbiger "stattzufinden/angewandt zu werden" - und dies hat wiederum eine Menge mit Lebensbedingungen, gesellschaftlichen Strukturen, politischen Verhältnissen zu tun: Mit Rechten, Freiheiten, Möglichkeiten, Teilhabe, materialler Armut, mit Chancengleichheit, mit Wertschätzung, Beziehung(en), Gesundseinkönnen, auch mit Bildung, Wirtschaft(en), Handel, Verteilungs- und sozialer Gerechtigkeit und einigem anderem mehr.
 
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Die grundsätzliche Frage ist doch: Wem hilft und wem nützt all das viele, heutige Pathologisieren.

Hilft es Menschen tatsächlich? Falls ja: Wem aus welchen Gründen und vor allem: auf welche Weise - mit welchem "Ergebnis"?

Oder hat es auch hier möglicherweise viel mit Placebowirkung - auch von bspw. Psychotherapie - zu tun?

Und vor allem: Was bezweckt wer damit, sich selbst oder andere zu etikettieren? Um sich selbst als etwaig "psychisch Kranker" damit (vermeintlich) schonen zu können?

Oder sind es (auch) die Anderen, die sich schonen (ihr eigenes Denken, Fühlen, Eingestelltsein und Verhalten), indem sie andere, die in irgendeiner Weise "abweichen" von der Norm (wer setzt diese in welcher Kultur zu welcher Zeit auf welcher Basis ... ), eben pathologisieren - denn auch das kann aus Gründen und zu Zwecken geschehen, bspw., um solche pathologisierten Menschen weniger ernst/für voll nehmen oder ganz direkt diffamieren zu können - oder auch, um sie eben als "nicht ausreichend/nicht vollumfänglich" urteilsfähig bezeichnen zu können, um somit ihre Aussagen zu untergraben usw..

Im privaten Kontakt: Wenn man andere pathologisiert, kann das auch sehr bequem und selbstschonend dahingehend sein, dass man sich mit eigenen Defiziten, Fehlern, Schwächen, eigenem Fehlverhalten nicht intensiver oder überhaupt auseinandersezten, es vor allem nicht ändern muss.

Und natürlich ist das Pathologisieren nicht zuletzt für eben Mediziner und diverse andere Therapeuten einträglich. - Je mehr "Patienten", umso lukrativer. ;)
 
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"[...] " Ist das relevant, dass man zum Beispiel seine Stimmung situationsangemessen doch ein Stück modulieren kann oder ist das in unserem Verständnis des Menschen gegeben, dass man affektstarr sagen wir mal in der Manie oder in der Depression verharrt? Da gibt es gute philosophische Argumente, dass man eigentlich doch in einem emotionalen Bezug zur Umwelt steht und dass das dazu gehört, dass es auch wechseln kann. Aber darüber kann man sich streiten."
 
Menschliche Psyche ist vielgestaltig
Psychische Krankheiten sind oft schwer diagnostizierbar.
Insofern könnten Psychiater nach Ansicht von Andreas Heinz hier nicht einen Krankheitsbegriff von oben herab bestimmen, auch nicht beim Thema Depression oder Manie. Sie müssten sich vielmehr an kulturellen Diskussionen über den Menschen an sich beteiligen. Im konkreten Fall müssten Sie mit jedem Patienten und seinem Umfeld persönlich aushandeln, wie stark ihn die jeweiligen Probleme belasten und klären, welche Hilfe er benötigt.
 
Forderungen, die bisher vor allem von Psychotherapeuten und kritischen Psychiatern erhoben wurden: Löst euch von einer engen Klassifikation scheinbar objektiver Störungen, erkennt an, wie vielgestaltig die menschliche Psyche ist . Mit Charité-Direktor Andreas Heinz schließt sich jetzt der Leiter einer großen psychiatrischen Klinik diesen Forderungen an:
Es ist ja immer auch ein Kommunikationsprozess, also wie die soziale Teilhabe dann funktioniert, da ist die Rückmeldung aus der Familie wichtig, die mag aber auch nicht immer die exakte Einschätzung haben - das sind Kommunikationsprozesse, die man dann führen muss.
 
Das alles ist aufwändig und erfordert viel Zeit. Andreas Heinz´ Versuch, den Begriff der psychischen Krankheit neu zu bestimmen, fordert also nicht nur die Psychiatrie in ihrer bisherigen Klassifikation und Diagnosestellung heraus. Er verlangt auch, dass Psychiatern und Psychotherapeuten die angemessenen Kapazitäten für einen differenzierten Umgang mit den Erscheinungsformen der menschlichen Psyche zur Verfügung gestellt werden. "
 
Quelle: swr.de / swr2 wissen - "Wer ist psychisch krank?"
 

Prof. Dr. Gerald Hüther - ADHS ist keine Störung

 
"[...] Damit verabschiedet Foucault sich von der Psychologie als positiver Wissenschaft, die sich anmaßt, ihre Gegenstände – das Bewusstsein, seine Störungen sowie psychische Erkrankungen – als von geschichtlichen Entwicklungen unabhängige, objektive Gegebenheiten zu beschreiben. Neben seinem umfassenden Interesse an allem, was mit Psychologie zu tun hat, sind es Ärzte, die Foucault anregen, eine Geschichte ihres Fachs zu schreiben. Dabei interessieren ihn von Anfang an weniger die Psychiater als vielmehr deren Verhältnis zu ihren Kranken, also der Dialog zwischen Vernunft und Unvernunft. [...]"
 
zitiert aus dem Ärzteblatt (siehe darüber stehenden Link)
 
 
"[...] Wie schon in seinen anderen Werken möchte er Leserinnen und Leser mit allerlei humoristischen Einlagen vergnügen. Doch schon das Vorwort von Mediziner- und Komiker-Kollege Eckhart von Hirschhausen wirkt bemüht, und Manfred Lütz selbst haut im ersten Kapitel, wetternd gegen die "wahnsinnigen Normalos" dieser Welt, so launig auf die Pauke, dass man sich beim Lesen am liebsten die Ohren zuhielte.
 
So weit, so schade - denn das Buch wird nach dem Fehlstart richtig fesselnd. Auf nicht mehr als 200 Seiten führt Manfred Lütz in sämtliche Krankheitsbilder der Psyche ein, von Zwangserkrankungen über Schizophrenie, Psychosen und Neurosen bis hin zu Süchten aller Art. In wenigen Absätzen gelingt es ihm, typische Symptome, Verlauf, Therapiemöglichkeiten und Heilungschancen seelischer Grenzsituationen zu umreißen. Vor allem aber erzählt Manfred Lütz von den vielen Menschen, denen er als Psychiater und Kliniker im Laufe seiner Berufsjahre begegnete [...].
 
Manfred Lütz möchte deutlich machen: Die Grenzen zwischen normal und abweichend sind fließend, sie sind kulturell gesetzt und werden von der Mehrheitsgesellschaft viel zu rigide betont. Die Berührungsängste derjenigen, die sich als gesund definieren, münden in einer folgenschweren Isolation derjenigen, die als nicht zugehörig empfunden werden. Dabei sind sie, wie Lütz glaubwürdig bezeugt, oft die farbigeren, fast immer aber die feinfühligeren Charaktere. Ausführlich reflektiert der Autor zudem seine eigene, durchaus zwiespältige Rolle als Psychiater und Angehöriger einer Zunft, die sich in den vergangenen hundert Jahren nicht immer mit Ruhm bekleckerte und einen erheblichen Teil zur Zurichtung von Menschen mit psychischen Auffälligkeiten beitrug. Und so fungiert sein Buch auch noch als Einführung in medizinhistorische Aspekte der Psychiatrie. [...]"
 
Zitiert aus oben stehender Rezension des Deutschlandradio Kultur; farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 

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Stefean 06/17/2015 09:59

Ich denke, die Ursache liegt, wie in der Medizin generell, in einer zunehmenden Ökonomisierung. Psychiater und Pharmakonzerne wollen einfache ihr Marktpotenzial ausweiten.
Ich finde das sehr beängstigend, wer darüber bestimmt, ob wir gesund oder krank sind.

Kallisti 06/17/2015 11:12

Das ist unstrittig ein (Haupt-) Grund dieser Entwicklung. Ein anderer scheint mir das "Projekt Ökonomisierung des Menschen" zu sein - den Mensch fast nur noch als verwertbaren Wirtschafts-, Leistungsfaktor, als funktionales (Zweck-) Instrument (unter fast ausschließlich ökonomischen Aspekten) zu betrachten, zu bestimmen, ihn dahingehend abrichten, fügsam und ihm das obendrein noch auf eine Weise schmackhaft machen zu wollen, dass er meint, es sei dies sein ureigenes Ziel, Streben, sein eigener Wunsch, womöglich gar "Sinn"/Grund seines Daseins, seiner (individuellen/persönlichen) Existenz -> "Erfolg" in Beruf, Familie, Freizeit, Partnerschaft zu haben, haben zu sollen und also mittlerweile längst ja auch zu wollen - dabei jedoch eigentlich also als Verfügungsmasse zu fungieren, als berechneter, kontrollierter Konsument, überwachter, "transparenter" (einschätzbarer, kalkulierbarer) "Bürger" - als funktionierendes Rädchen im Getriebe (im Hamsterrad ;) ). - Und "der Mensch" stellt dabei zwar durchaus (immer wieder) fest, dass ihn das stark beansprucht bis auslaugt, zermürbt, u.U. also sogar eben "krank" ;) macht (auch physisch bekanntermaßen), stellt auch die "Sinnfrage", sucht (nach Orientierung, Halt, Rückhalt, Bestätigung, Anerkennung, Angenommensein, auch aber nach Entfaltung, Freiraum, Entwicklungsmöglichkeiten, Betätigungsräumen - möglicherweise "sogar" ;) nach "Selbsterkenntnis", Ruhe, Spiritualität, Tiefe, Langsamkeit, Bewusstheit, Ankommen ...) - aber er ist dennoch so mannigfach und vielschichtig in die alltäglichen Abläufe des "Systems" ;) verstrickt, dass ihm nichts als ein Mitvollziehen derselben ja nur übrigbleiben k a n n - abgesehen von wenigen "Auszeit-Inseln", die er sich - je nach gesellschaftlicher Stellung/Status Lebensumständen/Herkunft, Einkommen etc. - gelegentlich leisten kann/darf, möchte. - Es wird ihm sein Tun, sein Streben, sein Pflichterfüllen ... als eigener "Wille", als eigenes Konzept, als "Selbstverwirklichung" - wörtlich: verkauft. - Und er kauft es. Oder ... es bleibt ihm als einzige Alternative nur, total "auszusteigen" ... . (Was durchaus allerdings mit beträchtlicher Courage und ebensolchem Risiko sowie einem nicht zu unterschätzenden Maß an Unbequemlichkeit(en), Unsicherheit und Ungewissheit verbunden/"behaftet" ;) ist - weshalb die meisten Zeitgenossen diesen Weg ja auch nicht gehen.) - Es gibt kein richtiges Leben im falschen. ;D