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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus

Über Aggression, Gewalt, Angst und Schmerz - Grenze

"[...] Der Mensch, so Bauer, ist seinem innersten Wesen nach sozial. Er besitzt eine natürliche Veranlagung zur Empathie und sein Motivationssystem wird durch nichts so sehr auf Touren gebracht, wie durch soziale Integration und Anerkennung.
 
Die Erfahrung, unfair behandelt zu werden
 
Das bedeutet natürlich nicht, dass Menschen nicht aggressiv sein könnten. Doch Aggression hat ihre Wurzel nicht in einem geheimnisvollen dunklen Kämmerchen in der menschlichen Seele. Es gibt keine tief in unserer Biologie auffindbare „Macht des Bösen“. Aggression, so Bauer, ist nicht selbst Teil des Motivationssystems, kein Trieb, sondern ein reaktives Verhaltenssystem, das zunächst dazu da ist, die körperliche Unversehrtheit zu bewahren: Wer einem Lebewesen Schmerz zufügt, wird Aggression ernten. Doch ebenso wie auf körperlichen Schmerz reagieren die Schmerzzentren des Gehirns auf Ausgrenzung und Demütigung. Auch wer einen Menschen unfair behandelt, demütigt, ausgrenzt oder missachtet, überschreitet seine Schmerzgrenze. Aggression, so Bauer, ist ebenso ein System, das den sozialen Zusammenhalt schützen soll.
 
Diese Einsicht macht den Menschen erst einmal nicht weniger aggressiv, aber nur wenn wir verstehen, wie Aggression funktioniert, können wir ihr richtig entgegentreten, argumentiert Bauer. Es nütze niemandem, etwa einen Amoklauf an einer Schule als ein Ereignis außerhalb der Naturgesetze zu betrachten. Jeder Tat gehe vielmehr eine langsame konsequente Entwicklung voraus und wer sie verstehen und in Zukunft vermeiden will, muss diese nachvollziehen, statt sich auf einen unbeeinflussbaren Aggressionstrieb zu berufen. In diesen Entwicklungsgeschichten spielen Ausgrenzung, Vernachlässigung und die Erfahrung, unfair behandelt zu werden, eine große Rolle.
 
Formen der Interaktion
 
Aggression ist nicht von vornherein schlecht und aus der Welt schaffen lässt sie sich auch nicht. Es müsse vielmehr darum gehen, zu verhindern, dass sie in Gewalt umschlägt, so Bauer. Letzteres geschieht, wenn die Aggression nicht kommuniziert werden kann oder als kommunikatives Signal nicht verstanden wird. Ist es erst soweit gekommen, richtet sie sich auch nicht unbedingt gegen ihren Verursacher. „Verschobene Aggression“ nennt Bauer Gewaltausbrüche, die beliebige Unbeteiligte treffen können. Wie also lassen sie sich verhindern? Für die „alltägliche Gewalt“ konstatiert der Autor eine weitgehende Übereinstimmung von Neurowissenschaften und Sozialforschung: Neurowissenschaftler können heute durch Experimente im Hirnscanner zeigen, was Sozialarbeiter seit Dekaden predigen: Fürsorge, Achtsamkeit, Erziehung und Bildung sind die wichtigsten Faktoren der Gewaltprävention.
 
Was die „globale Gewalt“ angeht, greift Bauer bis hinter die neolithische Revolution zurück. Als die egalitär organisierten Jäger und Sammler noch im fruchtbaren Halbmond lebten, war das Leben demnach überschaubar und friedlich. Dann passierte, was Forscher den „Event“ nennen, was in der christlichen Mythologie „Vertreibung aus dem Paradies“ heißt und was vermutlich weniger mit dem Pflücken von Äpfeln als dem Fällen von zu vielen Bäumen zu tun hatte. Mit dem Event begann der Stress: harte Arbeit in großen, hierarchisch organisierten Gesellschaften. Die alten impliziten Formen der Interaktion passten nicht mehr, Moralsysteme und Religionen traten mit mäßigem Erfolg an ihre Stelle, Gewalt wurde und blieb Markenzeichen der Geschichte.
 
Der Kern der Moral
 
Heute ist eine neolithische Revolution im globalen Maßstab im Gange, so Bauer. Leistungsdruck, Desintegration und Gewalt prägen eine Welt, in der sich die Verteilungskämpfe um die knapper werdenden Ressourcen verschärfen und Sozialsysteme mehr und mehr in Ingroups und Outgroups zerfallen. Nicht nur Individuen, auch Gesellschaften kennen Aggressionsgedächtnis und verschobene Aggression und können krasse Ungleichheit nicht ertragen, warnt Bauer.
[...]
 
Was den Kern der Moral angeht, bestätigt Bauer eine viel ältere Position: Wir müssen erkennen, so der Autor, dass es kein eindeutiges Gut oder Böse gibt, und dass wir der Versuchung widerstehen sollten, uns selbst oder andere einer eindeutig moralischen oder unmoralischen Position zuzuordnen: Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Und beruft euch nie wieder auf den Aggressionstrieb, wenn es euch nicht gelungen ist, menschenwürdige Lebensbedingungen zu schaffen."
 
Zitiert aus dem Artikel der FAZ (s.o.); farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
"Einig sind sich traditionelle Aggressionstheorien darin, dass Aggression auf einer tief in uns lebenden, tierischen Kraft des Bösen beruht. Joachim Bauer stellt nun eine empirisch gut belegte Gegenthese vor. Demnach handelt es sich bei älteren Aggressionstheorien à la Konrad Lorenz oder Sigmund Freud um Mythen, die wissenschaftlich nicht belegbar sind.
 
Neurobiologisch lässt sich heute zweifelsfrei zeigen, welche Ursachen im zwischenmenschlichen Verhalten Aggression auslösen. Wie andere Primaten auch besitzt der Mensch ein Gehirn, das sich in erster Linie als soziales Organ bezeichnen lässt. Zu einer adäquaten Entwicklung braucht es nicht nur den intensiven Kontakt mit Gleichartigen, sondern darüber hinaus unverzichtbare Interaktionserlebnisse, Bindung, Zugehörigkeit, Anerkennung, Wertschätzung. Ohne diese erlebt das soziale Organ Gehirn emotionalen Schmerz, der auf Dauer zur aggressiven Abwehr gegen den Verursacher führt.
 
Individuelle, aber auch kulturelle Ausgrenzung, Demütigung und Verachtung werden im selben Hirnzentrum bewertet und gespeichert wie körperlicher Schmerz. Ist man in diesen Sozialstrukturen gefangen und öffnen sich keine Auswege, kann es zur Aggressionsverschiebung kommen. Wenn die durch Schmerz hervorgerufene Aggression sich nicht gegen die Schmerzursache selbst richten kann, dann richtet sie sich gegen beliebige, zufällig anwesende Artgenossen.
 
Joachim Bauer spannt den Bogen aber bis in die gegenwärtige Globalisierung: Sie zwingt Kulturen in die Massenressourcenerwirtschaftung, die diesen bislang fremd war. Auch das wird als Gewalt erlebt, die Aggression provoziert. Für Pädagogen, Psychologen, Profiler und Menschen, die mit Jugendlichen arbeiten, ein unersetzbares Sachbuch."
 
Aus der Spektrum-Rezension zitiert; Hervorhebungen, wie immer, von mir.
 
"[...] Der Neurowissenschaftler Joachim Bauer erklärt die Gewalttätigkeit von Menschen als Reaktion auf Bedrohungen durch die Außenwelt. Dem Hochkapitalismus und seiner Kultur der Ausgrenzung sagt er nach, dass er Gewaltausbrüche einzelner Individuen fördere.
Der Mensch ist nicht von Natur aus aggressiv. Nicht im Kampf gegeneinander, sondern im alltäglichen Miteinander erreichten unsere Vorfahren ihre Ziele. Die Aggression gegen Mitmenschen war und ist die Ausnahme.

Sorgfältig und ohne Polemik legt der Psychologe und Neurowissenschaftler Joachim Bauer dar,
warum es den von Sigmund Freud propagierten Aggressionstrieb in der Natur des Menschen nicht gibt. Aggression ist kein Instinkt, den uns die Evolution durch Selektion hinterlassen hat und der immer wieder aus uns herausbricht. Aggression und Gewalt sind vielmehr ebenso wie Angst und Flucht Reaktionen auf Bedrohungen durch die Außenwelt.

Jede Verletzung oder Demütigung hinterlässt in uns ihre Spuren, besonders dann wenn sie unsere zwischenmenschlichen Beziehungen bedroht. Und wenn dann irgendwann eine Schmerzgrenze überschritten wird, reagieren viele Menschen mit Aggression gegen Sachen oder Mitmenschen. Dabei richtet sich diese Reaktion keineswegs immer gegen die Ursache des Schmerzes, sondern kann zeitversetzt Unbeteiligte treffen und eine Spirale der Gewalt in Gang setzen. [...]

Im zweiten Teil seines Buches erweitert Joachim Bauer diese Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft zu einer gesellschaftlichen Theorie. Darin bezeichnet er unsere "zivilisierte" Welt als Ursache zunehmender Aggressionsausbrüche. Er spricht sogar von einem beginnenden "Zeitalter der Gewalt".

Nicht die Biologie - wie Sigmund Freud, Konrad Lorenz oder Richard Dawkins - sieht er als Quelle der Gewalt, sondern die Kultur. Das Anlegen von Vorräten, der Streit um begrenzte Ressourcen, die Verteidigung von Besitz und die Entstehung großer menschlicher Ansammlungen erforderten Moralsysteme, die das Zusammenleben erleichterten, aber auch die Abgrenzung nach außen förderten.

Vor allem den "Raubtierkapitalismus" sieht Joachim Bauer als Ursache von zunehmender Gewalt im Kleinen wie im Großen. Das Streben nach Gewinn führt zur sozialen Spaltung und zur schmerzhaft erlebten Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Auch hier wird eine Schmerzgrenze überschritten, was zur Entwicklung von Gewalt führt. [...]"
 
Zitiert aus oben stehendem Link des Deutschlandradio Kultur; Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
Da muss man differenzieren. Kränkung ist nicht gleich Kränkung. Es kommt auf das Ausmaß, die Intensität, ggf. die Wiederholung und die Dauer an. SCHMERZ (physischer wie psychisch-emotionaler) führt (wenn er lange andauert und/oder sehr intensiv ist und/oder sich wiederholt und nicht mehr "kompensierbar"/ertragbar ist) in der Tat zu Aggression und früher oder später auch zu Gewalt(tätigkeit) gegenüber anderen und/oder sich selbst. - Siehe dazu Joachim Bauers unentbehrliches Buch "Schmerzgrenze - Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt". - Wichtig ist tatsächlich Empathie, jedoch hierbei nicht "nur" das Sich-einfühlen-Können, sondern (im nächsten Schritt) vor allem das Mitfühlenkönnen. - Heilung durch Beziehung, ja. Und grundsätzlich nur "ganzheitlich" möglich.
 
Bei den hier (Artikel "Die Gewalt gekränkter Männer. Was AfD und IS, Brexit, Amokläufer und US-Cops verbindet", berenblog) erwähnten Kränkungen (in Bezug auf genannte Personen) handelt es sich vornehmlich um ein geringes Selbstwertgefühl, gepaart mit einem Mangel an Selbstreflexion/Selbstkritik sowie mit Narzissmus und Egozentrik (der Narzisst hat letztlich immer ein geringes Selbstwertgefühl - er ist in sein Ego verliebt, er liebt nicht sein Selbst).
 
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