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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Identität - Wer bin ich? - Über das (Selbst-/Ich-) Bewusstsein, u.a. auch über adoptierte u. Pflegekinder, Samenspende, Babyklappen, anonyme Geburt - und Identitätsfindung, Suche nach den (nicht nur "biologischen") Wurzeln ...

 
Über die Zusammenhänge zwischen Identität und:
 
Individualität, Zugehörigkeit, Identifikation, Selbstbewusstsein, Selbstkonzept, Selbstwertgefühl, Biographie, Biologie (Genetik), Selbstreflexion ...
 
"[...] Da Identität auf Unterscheidung beruht und die Unterscheidung ein Verfahren ist, das ein Ganzes untergliedert („scheidet“), kann ein Körper nur als Ganzes Identität erlangen. Daher wird verständlich, weshalb Menschen ihre Identität als bestimmte Menschen in einem Wechselspiel von „Dazugehören“ und „Abgrenzen“ entwickeln. So entwickelt ein Kind nach der Geburt erst im Laufe der Jahre eine Identität in Abgrenzung von der Mutter.
 
Psychologie
Laut Rolf Oerter und Leo Montada basiert die Identitätsentwicklung beim Menschen auf zwei Prozessen, nämlich Selbsterkenntnis und Selbstgestaltung.[2]
 
Die psychische Identität des Menschen stellt keine wie auch immer geartete eindeutige Essenz oder ein unveränderliches Wesen dar. Im Gegenteil: Identität als psychologisches Konzept geht davon aus, dass sich die Person mit etwas identifiziert. Dazu gehört es, Merkmale einer bestehenden Gruppenidentität als eigene Wesensmerkmale anzunehmen und zugleich eigene persönliche Merkmale auszubilden. [...]
 
Die psychische Identität wird einerseits durch Gruppenzugehörigkeiten und soziale Rollen bestimmt: das Wir. Eine Identität kann jedoch nicht nur auf diesem Wir basieren. In zahlreichen Kulturen und Gesellschaften besteht Identität auch in der Erfahrung der Einzigartigkeit, im Ich, in dem eine Person sich als anders erlebt.
 
Für Menschen ist ein ungewollter Identitätsverlust psychisch ein großes Problem, wenn wichtige Gruppenzugehörigkeiten (z. B. Familie, Volk bzw. Nation, Religion, Freunde, Informelle Gruppe) verloren gehen. Sofern die Person sich nicht mehr mit diesen Gruppen identifiziert oder identifizieren kann, wird sie physisch und psychisch isoliert. [...]
 
Allgemein verliert ein Mensch dann seine Identität, wenn er sich so verändert bzw. von außen beeinflusst wird, dass wesentliche Kriterien entfallen, anhand derer er identifiziert wird und sich identifiziert, oder wenn wesentliche Instanzen, welche die Identifizierung vornehmen, entfallen oder wesentliche Kriterien der Identifizierung geändert werden [...]
 
George Herbert Mead vertritt die Auffassung, dass sich Geist (MIND) und Identität (SELF) erst aus gesellschaftlichen Interaktionssituationen heraus über Sprache entwickeln: „Identität entwickelt sich; sie ist bei der Geburt anfänglich nicht vorhanden, entsteht aber innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses, das heißt im jeweiligen Individuum als Ergebnis seiner Beziehungen zu diesem Prozess als Ganzem und zu anderen Individuen innerhalb dieses Prozesses.“ [4]. Somit steht die Identität eines Menschen mit dem eigenen physiologischen Erscheinungsbild nicht in direktem Zusammenhang, wobei Mead einräumt, dass das Erscheinungsbild für die Ausformung der Identität von entscheidender Bedeutung ist. [...]
 
Allerdings wird dem Interaktionspartner immer nur ein Ausschnitt der Gesamtidentität präsentiert, die Kernidentität spaltet sich in verschiedene Teilidentitäten. Verantwortlich für das Auftreten einer bestimmten Teilidentität ist der gesellschaftliche Prozess, in dem sich das Individuum befindet. Teilidentitäten sind an spezielle Situationen gebunden. Laut Mead konstituieren, bzw. organisieren diese verschiedenen elementaren Identitäten zusammen die vollständige Identität eines Menschen. [...]
 
Heiner Keupp führte den Begriff „Patchwork der Identitäten“ ein. Die Patchwork-Metapher erwies sich als sehr eingängig und führte später zur kürzeren Bezeichnung Patchworkidentität.[10]
 
Keupps interdisziplinärer Ansatz sieht spätmoderne Identität als unabschließbaren Prozess „alltäglicher Identitätsarbeit“, der ein „unabschließbares Wirken am Patchwork“ von Teilidentitäten darstellt. Dabei geht es um ein „manchmal widersprüchliches, meist ambivalentes Nebeneinander von Unvereinbarem“. Als wichtigste Bausteine alltäglicher Identitätsarbeit werden dabei gesehen: „Kohärenz, Anerkennung, Authentizität, Handlungsfähigkeit, Ressourcen und Narration“. [...]
 
Hans-Peter Frey und Karl Haußer bezeichnen Identität als einen selbstreflexiven Prozess des Individuums. Ein Mensch stellt demnach Identität über sich her, indem er verschiedene Arten von Erfahrungen, so zum Beispiel innere, äußere, aktuelle sowie gespeicherte, über sich selber verarbeitet. „Identität entsteht aus situativer Erfahrung, welche übersituativ verarbeitet und generalisiert wird.“ (Identität, 1987, S. 21).
 
Teilbereiche der Identität eines Menschen sind das Selbstkonzept, das Selbstwertgefühl und die Kontrollinstanz. Die Aufgabe des Individuums besteht nun darin, diese drei Instanzen miteinander in Verbindung zu setzen.
 
Die kognitive Komponente der menschlichen Identität ist das Selbstkonzept. Das Individuum entwirft ein Selbstbild von sich nach den Fragestellungen: Wer / Was / Wie bin ich? Dabei hat der Mensch verschiedene Möglichkeiten vorzugehen. Einmal können objektive Merkmale konstatiert werden, indem das Individuum zum Beispiel feststellt: „Ich bin ziemlich klein.“ Als Selbstbewertung könnte das Individuum äußern, dass es davon genervt ist. Selbstwertgefühle sind das Empfinden eines Menschen, stolz oder wütend auf sich zu sein.
 
Selbstideale steckt sich der Mensch, indem er zum Beispiel gerne der perfekte Sohn wäre. Die emotionale Komponente der Identität ist das Selbstwertgefühl, das sich entwickelt, stabilisiert und verändert. Dies geschieht durch die Verdichtung von situativen Selbstwertgefühlen bzw. Selbstwahrnehmungen und durch die Bewertung einzelner Aspekte des Selbstkonzeptes. Durch die Beeinflussung seitens der Kontrollüberzeugung finden hier Entwicklungen und Veränderungen statt.
 
Bei der motivationalen Komponente oder Kontrollüberzeugung gibt es zwei unterschiedliche Haltungen der Individuen: einmal die generalisierte Haltung der Menschen, die eigenen Situationen gestalten zu können, zum anderen die Haltung, der eigenen Lage ausgeliefert zu sein.
 
Durch das Zusammenspiel der drei Komponenten entsteht eine Identitätsdynamik, die die Eigenleistung des Individuums ist.
Die Identitätsdynamik hat vier Problemstellungen oder Leistungen, die der Mensch erbringen muss, um eine Identität auszubilden.
  • Das Realitätsproblem oder die Realitätsleistung hat zum Gegenstand das Verhältnis von Innen- und Außenperspektive. Dies lässt sich in vier Stufen einteilen. Zuerst nimmt das Individuum die Außenwelt wahr, es eignet sich die Außenperspektive zu einer Innenperspektive an. In einem Entwicklungsprozess verwertet das Individuum dann diese Informationen durch Vergessen, Selektieren, Vergleichen, Erinnern usw. Dem folgt die Darstellung des Individuums nach außen. Diese ist allerdings keine Kopie des Außen, da die Informationen nun verarbeitet sind. „Der Kreis schließt sich durch das allmähliche Einsickern individueller Innovationen in die soziokulturelle Ordnung.“ (Identität, 1987, S. 18).
  • Das Konsistenzproblem oder die Konsistenzleistung besteht in der Relation verschiedener Elemente der Innenperspektive; das Individuum stellt sich selbst vor die Frage, wie es trotz unterschiedlicher Identitätsdarstellungen in den unterschiedlichen Situationen immer noch der gleiche Mensch sein kann.
  • Das Kontinuitätsproblem, die Kontinuitätsleistung beinhaltet die gleiche Fragestellung, allerdings auf die zeitlichen Entwicklungen und Veränderungen bezogen.
  • Das Individualitätsproblem stellt das Individuum schließlich vor das Problem, eine einzigartige, individuelle Identität auszubilden, die sich von denen anderer Menschen unterscheidet.
[...]
 
Philosophie des Geistes
In der Debatte um personale Identität, die eng mit der philosophischen Fragestellung um den menschlichen Geist (Philosophie des Geistes) verbunden ist, wird die Frage behandelt, was unsere Identität ausmacht.
Diese Frage ist schwierig, da sie im abstraktesten Sinn eine tiefere Frage nach Identität überhaupt (in der Mathematik und Logik) betrifft. Das zentrale Problem der Debatte, die maßgeblich durch Derek Parfit und Sydney Shoemaker geprägt worden ist, lautet: Woran machen wir unsere Identität eigentlich fest? – An unserem Gedächtnis? An unserem Bewusstsein? – An etwas Sozialem oder schlicht an unserer Biologie? [...]"
 
Quelle: Wikipedia - "Identität", farbliche Hervorhebungen (in Dunkelblau) habe ich vorgenommen.
 
"Identität läßt sich als die Antwort auf die Frage verstehen, wer man selbst oder wer jemand anderer sei. Identität im psychologischen Sinne beantwortet die Frage nach den Bedingungen, die eine lebensgeschichtliche und situationsübergreifende Gleichheit in der Wahrnehmung der eigenen Person möglich machen (innere Einheitlichkeit trotz äußerer Wandlungen). Damit hat die Psychologie eine philosophische Frage aufgenommen, die Platon in klassischer Weise formuliert hatte. In seinem Dialog "Symposion" ("Das Gastmahl") läßt er Sokrates in folgender Weise zu Wort kommen: "… auch jedes einzelne lebende Wesen wird, solange es lebt, als dasselbe angesehen und bezeichnet: z.B. ein Mensch gilt von Kindesbeinen an bis in sein Alter als der gleiche. Aber obgleich er denselben Namen führt, bleibt er doch niemals in sich selbst gleich, sondern einerseits erneuert er sich immer, andererseits verliert er anderes: an Haaren, Fleisch, Knochen, Blut und seinem ganzen körperlichen Organismus. Und das gilt nicht nur vom Leibe, sondern ebenso von der Seele: Charakterzüge, Gewohnheiten, Meinungen, Begierden, Freuden und Leiden, Befürchtungen: alles das bleibt sich in jedem einzelnen niemals gleich, sondern das eine entsteht, das andere vergeht" (Platon 1958, 127f.).

Identität ist ein Akt sozialer Konstruktion: Die eigene Person oder eine andere Person wird in einem Bedeutungsnetz erfaßt. Die Frage nach der Identität hat eine universelle und eine kulturell-spezifische Dimensionierung. Es geht immer um die Herstellung einer Passung zwischen dem subjektiven "Innen" und dem gesellschaftlichen "Außen", also um die Produktion einer individuellen sozialen Verortung. Die Notwendigkeit zur individuellen Identitätskonstruktion verweist auf das menschliche Grundbedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Es soll dem anthropologisch als "Mängelwesen" bestimmbaren Subjekt eine Selbstverortung ermöglichen, liefert eine individuelle Sinnbestimmung, soll den individuellen Bedürfnissen sozial akzeptable Formen der Befriedigung eröffnen. Identität bildet ein selbstreflexives Scharnier zwischen der inneren und der äußeren Welt. Genau in dieser Funktion wird der Doppelcharakter von Identität sichtbar: Sie soll einerseits das unverwechselbar Individuelle, aber auch das sozial Akzeptable darstellbar machen. Insofern stellt sie immer eine Kompromißbildung zwischen "Eigensinn" und Anpassung dar. Das Problem der "Gleichheit in der Verschiedenheit" beherrscht auch die aktuellen Identitätstheorien. [...]
 
Identität wird von Erikson also als ein Konstrukt entworfen, mit dem das subjektive Vertrauen in die eigene Kompetenz zur Wahrung von Kontinuität und Kohärenz formuliert wird. Dieses "Identitätsgefühl" ist die Basis für die Beantwortung der Frage: "Wer bin ich?". So einfach diese Frage klingen mag, so eröffnet sie darüber hinaus komplexe Fragen der inneren Strukturbildung der Person. Die Konzeption von Erikson ist in den 80er Jahren teilweise heftig kritisiert worden. Die Kritik bezog sich vor allem auf seine Vorstellung eines kontinuierlichen Stufenmodells, dessen adäquates Durchlaufen bis zur Adoleszenz eine Identitätsplattform für das weitere Erwachsenenleben sichern würde. Das Subjekt hätte dann einen stabilen Kern ausgebildet, ein "inneres Kapital" (Erikson 1966, S. 107) akkumuliert, das ihm eine erfolgreiche Lebensbewältigung sichern würde. Thematisiert wurde auch seine Unterstellung, als würde eine problemlose Synchronisation von innerer und äußerer Welt gelingen. Die Leiden, der Schmerz und die Unterwerfung, die mit diesem Anpassungsprozeß gerade auch dann, wenn er gesellschaftlich als gelungen gilt, verbunden sind, werden nicht aufgezeigt.
 
Das Konzept von Erikson ist offensichtlich unauflöslich mit dem Projekt der Moderne verbunden. Es überträgt auf die Identitätsthematik ein modernes Ordnungsmodell regelhaft-linearer Entwicklungsverläufe. Es unterstellt eine gesellschaftliche Kontinuität und Berechenbarkeit, in die sich die subjektive Selbstfindung verläßlich einbinden kann. Gesellschaftliche Prozesse, die mit Begriffen wie Individualisierung, Pluralisierung, Globalisierung angesprochen sind, haben das Selbstverständnis der klassischen Moderne grundlegend in Frage gestellt. Der dafür stehende Diskurs der Postmoderne hat auch die Identitätstheorie erreicht. In ihm wird ein radikaler Bruch mit allen Vorstellungen von der Möglichkeit einer stabilen und gesicherten Identität vollzogen. Identität wird nicht mehr als Entstehung eines inneren Kerns thematisiert, sondern als ein Prozeßgeschehen beständiger "alltäglicher Identitätsarbeit", als permanente Passungsarbeit zwischen inneren und äußeren Welten. Die Vorstellung von Identität als einer fortschreitenden und abschließbaren Kapitalbildung wird zunehmend abgelöst durch die Idee, daß es bei Identität um "Projekt-entwürfe" geht oder um die Abfolge von Projekten, wahrscheinlich sogar um die gleichzeitige Verfolgung unterschiedlicher und teilweise widersprüchlicher Projekte.
 
Bei seinem Versuch, das Wesen der Psychose zu erfassen, hat Manfred Bleuler eine passende Formulierung für die Passungsaufgaben von Identitätsarbeit gefunden: "Es geht im Leben darum, daß wir die verschiedenen, oft sich widersprechenden inneren Strebungen harmonisieren, so daß wir ihrer Widersprüchlichkeit zum Trotz ein Ich, eine ganze Persönlichkeit werden und bleiben. Gleichzeitig haben wir uns damit auseinanderzusetzen, daß unsere äußeren Lebensverhältnisse nie den inneren Bedürfnissen voll entsprechen, daß wir uns an Umwelt und Realität anzupassen haben" (1987, S. 18). Die Psychose ist für Bleuler ein Zeichen dafür, daß ein Subjekt vor der Anforderung kapituliert hat "die Harmonisierung seiner inneren Welt und seine Anpassung an die äußere Welt zu schaffen" (S. 18f.). Dieses Modell des Scheiterns zeigt im Umkehrschluß, was Identitätsarbeit im Sinne dieser kontinuierlichen Passungsarbeit zu leisten hat. [...]
 
Identitätsarbeit und Identitätskonstruktion
Identität ist als konzeptioneller Rahmen zu verstehen, innerhalb dessen eine Person ihre Erfahrungen interpretiert und die jeweils die Basis bildet für die alltägliche Identitätsarbeit. Identitätsarbeit zielt darauf, ein individuell gewünschtes oder notwendiges "Gefühl von Identität" zu erzeugen. Voraussetzungen für dieses Gefühl sind soziale Anerkennung und Zugehörigkeit. Vor dem Hintergrund von Pluralisierungs-, Individualisierungs- und Entstandardisierungsprozessen ist das Inventar übernehmbarer Identitätsmuster ausgezehrt. Alltägliche Identitätsarbeit hat die Aufgabe, die Passungen, die Verknüpfungen unterschiedlicher Teilidentitäten vorzunehmen. Qualität und Ergebnis dieser Arbeit findet in einem machtbestimmten Raum statt, der schon immer aus dem Potential möglicher Identitätsentwürfe spezifische erschwert bzw. andere favorisiert, nahelegt oder gar aufzwingt. Qualität und Ergebnis der Identitätsarbeit hängen von den Ressourcen einer Person ab, von individuell-biographisch begründeten Kompetenzen über die kommunikativ vermittelten Netzwerkressourcen (Soziale Netzwerke) bis hin zu gesellschaftlich-institutionell vermittelten Ideologien und Strukturvorgaben. Die Konstruktion der individuellen Identität wird von Bedürfnissen geleitet, die aus der persönlichen und gesellschaftlichen Lebenssituation gespeist sind. Insofern konstruieren sich Subjekte ihre Identität nicht in beliebiger und jederzeit revidierbaren Weise, sondern versuchen sich in einem "Gefühl von Identität" in ein "imaginäres Verhältnis zu ihren wirklichen Lebensbedingungen" zu setzen (Althusser).
 
Beim Herstellen dieser Identitätskonstruktionen werden zumindest "Normalformtypisierungen" benötigt (Identifikationen), Normalitätshülsen oder Symbolisierungen von alternativen Optionen, Möglichkeitsräumen oder Utopien. Der Identitätsbegriff vermittelt in spezifischer Verwendungsweise – zumindest unausgesprochen – den normativen Sollzustand "gelungenen Lebens". Gerade diese Konnotation hat ihn zugleich zum Gegenstand heftiger Kritik gemacht. Er wird von kritischen Sozialwissenschaftlern wie Adorno oder Foucault als Begriff einer ideologischen Versöhnung zwischen Subjekt und Gesellschaft gesehen, als gäbe es gelingendes Leben in einer Gesellschaft, die subjektive Lebenswünsche systematisch zerstört, entfremdet und beschädigt. Auch in der feministischen Kritik wird Identität als patriarchal bestimmte Zwangsfiguration für weibliche Subjektivität kritisiert (Feministische Psychologie). In diesen Kritikformen wird die oft "vergessene" Anpassungs- und Unterwer-fungsdimension in der Passungsarbeit zwischen Innen und Außen zum Thema und in dem Maße wie sie unausgesprochen bleibt, gibt sie dem Identitätsdiskurs eine ideologische Aufladung. Bei der Rekonstruktion der alltäglichen Identitätsarbeit müssen diese "Identitätszwänge", die aus ihnen folgenden subjektiven Verbiegungen und Beschädigungen ebenso aufgezeigt werden wie die zu gewinnende Handlungsfähigkeit."
 
Quelle: spektrum.de - "Identität", farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
 
Seltsam bzw. bezeichnend, dass es (im Spektrum-Text "Familienkonstellationen: Kinder können auch ohne Vater glücklich aufwachsen") vorrangig um "finanzielle Sicherheit" geht (damit immer wieder argumentiert wird), mit keiner Silbe jedoch erwähnt wird, was es mit der Identitätsbildung auf sich hat: für all jene Kinder, die ihre leiblichen/biologischen Eltern nicht kennen: können bzw. dürfen - siehe bei bspw. geschlossener Adoption, siehe bei Samenspenden, Samenbanken, siehe grundsätzlich, wenn die sozialen Eltern nicht die biologischen sind.
 
Ich möchte an dieser Stelle keine Diskussion über die Bedeutung von sozialen Eltern beginnen, da deren Bedeutung hinreichend bekannt ist, was jedoch immer wieder völlig unter den Tisch fallen gelassen wird, ist, wie es so zahlreichen Kindern (insbesondere als spätere Jugendliche, Adoleszente und Erwachsene) geht, die auf der Suche nach ihren biologischen Wurzeln sind - und das nicht nur, weil Erbkrankheiten und insbesondere auch epigenetische Einflüsse eine Rolle spielen, sondern weil es durchaus eine Menge mit Identitätsbildung zu tun hat, seine biologischen Hintergründe, Wurzeln zu kennen, kennen zu wollen, kennen können zu d ü r f e n.
 
Dies ist vielleicht nur jenen Menschen unmittelbar nachvollziehbar, die diese ihre persönlichen, direktenm nächsten "Wurzeln" (biologischen Eltern) nicht kennen (können).
 
Und bitte nicht die Ausnahmen auffahren, die die Regel bestätigen - ja, es gibt rundherum glückliche Adoptierte, die ihre leiblichen Eltern nicht kennen (wollen), diese sind, nach meiner Kenntnis, jedoch in der Minderzahl - und es gibt etliche Adoptierte oder auch Heimkinder, die durchaus gerne ihre leiblichen Eltern hätten kennenlernen und sie auch in ihrem Leben "haben", erleben, mit ihnen verbunden sein ... wollen, die dies aber aufgrund von Verletztsein nicht eingestehen können/wollen - gerade sich selbst nicht.

Denn natürlich stellt es eine gravierende Verletzung, einen Schmerz dar, von den eigenen Eltern "abgegeben", abgelehnt worden zu sein ... .
 
Es müssen Kinder nicht zwangsläufig mit ihren biologischen Eltern aufwachsen (sie können auch idealerweise mehrere andere Bezugs-, Bindungspersonen unterschiedlichen Geschlechts und Alters haben), sie sollten diese (ihre biologischen Eltern) aber kennen (-lernen) können, d.h. sie sollten ohne größere Hürden die Möglichkeit dazu haben: dann, wenn/wann sie es selbst wünschen und es bedürfte hier entsprechender Barrierefreiheit, entsprechender Möglichkeiten, Voraussetzungen (gesellschaftlicher, politischer, juristischer) - jedes Individuum hat m.A.n. ein Recht darauf, über seine Herkunft informiert zu werden, sich darüber informieren zu können, also insbesondere, seine biologischen Eltern kennen und kontaktieren zu können. Dies muss ihm ermöglicht werden.
 
Häufig ist das jedoch nicht der Fall und es wird offenbar immer weniger die Notwendigkeit hierfür gesehen, stattdessen wird also sogar behauptet, es könne darauf im Grunde problemlos verzichtet werden.
 
Mir steht das Recht und die Bedürfnisse des Kindes, das Kindeswohl hier zu sehr im Hintergrund und werden die Interessen der Eltern zu sehr in den Fokus gerückt - auf Basis deren egoistischer Gründe und häufig zu Lasten der betroffenen Kinder.
 
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Dass Kinder von Alleinerziehenden nicht aufgrund des Alleinerziehendseins der (mehrheitlich) Mütter häufiger krank, psychisch gestört, vernachlässtigt oder anderweitig "fehlbehandelt", gefährdet oder beschädigt sind als Kinder, die im Rahmen von (heterosexueller) Paarbeziehung und/oder Ehe aufwachsen, steht völlig außer Frage.
 
Was mich an diesem Artikel stört, ist, dass Alleinerziehende wieder als Art homogene Gruppe betrachtet werden, insbesondere, dass behauptet wird, die Alleinerziehenden seien nicht mehr gestresst als andere Mütter - das hängt doch sehr von den je persönlichen Lebensverhältnissen, von also materiellen, gesellschaftlichen, familiären Verhältnissen ab.
 
Die Alleinerziehenden, auf die sich im Spektrum-Artikel bezogen wurde, waren, wie dort genannt, "Bessergestellte". - Wenn Alleinerziehende hingegen materiell arm sind, auf kein "soziales Netzwerk" zurückgreifen können (weil keines vorhanden ist und aus vielerlei Gründen auch keines aufgebaut werden konnte), wenn Alleinerziehende bspw. auch in Vollzeitberufstätigkeit (mit geringem Einkommen) längerfristig (über Jahre) unter einer Dreifachbelastung stehen (Kinder, Haushalt, Beruf/Erwerbstätigkeit), so kann das durchaus zu mehr "Stress", zu außerdem auch dem Mütter-burnout, zu chronischer physischer und/oder psychischer Erkrankung führen.
 
Daraus ist jedoch nicht abzuleiten, dass diese Frauen, Mütter (Ehe-) Männer an ihrer Seite brauchen (was allerdings durchaus wünschenswert wäre, geboten ist: dass Männer sich fürsorglich, wertschätzend, kooperativ, prosozial verhalten - Frauen, Kindern, Mitmenschen gegenüber grundsätzlich), sondern dass diese Frauen mit ihren Kindern in eine fürsorgliche, kooperative, verlässliche Gemeinschaft integriert sind, die auf gewachsenen Beziehungen basiert, also familiäre Strukturen hat, in der freundschaftliche Verhältnisse/Beziehungen bestehen - in Form von Wahlverwandtschaften bspw., idealer- wie natürlicherweise generationenübergreifend und ja, auch geschlechterheterogen.

Das Problem ist also die Kleinfamilie bzw. das soziale Isoliertsein, die alleinige Verantwortung, die viele Mütter zu tragen haben und die sie nachvollziehbarerweise belasten, insbesondere, wenn materielle Armut und/oder chronische Erkrankungen oder anderweitige Zusatzbelastungen hinzukommen.
 
Warum ich mich schließlich auch mit künstlicher Befruchtung bzw. mit (anonymen) Eizell- und/oder Samenspenden sowie Leihmutterschaft schwertue, sei auch hier nochmals kurz begründet:

Weil ich dies für sehr egoistisch halte, da nicht die Interessen der (gezeugt und geboren werdenden) Kinder im Vordergrund stehen, sondern die der (werdenden sozialen und/oder biologischen) Eltern - denn: die Kinder können zuvor nicht befragt werden, ob sie mit all dem einverstanden sind.

Für die Identitätsbildung und Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen ist es jedoch durchaus wichtig, um seine biologischen Wurzeln zu wissen, zu wissen, von wem das Kind wohl was "geerbt" hat - denn ja, es ist nicht alles eine Sache der Prägung, Sozialisation, man denke nur an bspw. Erbkrankheiten, an epigenetische Einflüsse, an die Einflüsse, denen der Fetus im Mutterleib bereits ausgesetzt ist, an aber auch tatsächlich "Kleinigkeiten", die offenbar "vererbt" sind (Äußerlichkeiten, siehe auch ethnischen und kulturellen Hintergrund, siehe bspw. auch die Gemeinsamkeiten von Zwillingen im Verhalten, die in verschiedenen Familien aufwuchsen, unterschiedlich geprägt und sozialisiert wurden ...).
 
Schade, dass all das noch immer kaum bis gar nicht berücksichtigt wird - zum Leid der Kinder, denn wir wissen längst von auch Adoptierten, dass es für sie zumeist durchaus mit - häufig jahrelangem - Leid verbunden ist, ihre biologischen Eltern nicht kennen zu können, zu dürfen (siehe bei geschlossener Adoption), selbst dann, wenn die Adoptiveltern "vorbildlich" waren/sind ... .
 
Wie verhält es sich also mit der Identitätsbildung und Persönlichkeitsentwicklung von Kindern, die (zukünftig wohl) mehrere biologische "Eltern" und davon abweichende soziale Eltern haben (siehe bspw. eben bei Eizell- und/oder Samenspende, Leihmutterschaft, wenn die biologischen "Eltern" nicht die sozialen sind und dennoch ja Einflüsse gerade auch dieser - unterschiedlichen - biologischen "Eltern" bestehen, sich lebenslang auch zeigen, auswirken ...)?

Wie verhält es sich mit dem Recht des jeweiligen, so entstandenen und so aufwachsenden Kindes - mit seinen Wünschen, Bedürfnissen, bspw. nach Kenntnis der und Kontakt zu den biologischen "Eltern"?
Das Kind kann im Vorhinein nichts mitentscheiden, wird viel mehr vor vollendete Tatsachen gestellt, muss damit leben.
 
Der Unterschied zu anderen Situationen (wie bspw. Tod eines Elternteils durch Unfall oder Krankheit ...) liegt darin, dass hier etwas bewusst, absichtsvoll von vornherein so entschieden und durchgeführt wird, dass es keinem Zufall unterliegt (wie bspw. der Umstand, wo ein Mensch wann, in welche Kultur, Zeit, Verältnisse ... geboren wird und darauf selbst auch keinerlei Einfluss hat) - im Falle der künstlichen Befruchtung bzw. solcher mit (anonymer) Eizell- und/oder Samenspende und (anonymer) Leihmutterschaft sieht das anders aus: hier bestimmen die (sozialen und biologischen) Eltern über die Verhältnisse, die "Entstehungsumstände" des Kindes und somit auch darüber, mit welchen Belastungen das so entstandene Kind im späteren Lebensverlauf "möglicherweise" zu kämpfen hat, siehe, was ich oben dazu bereits ausführte (Identitätsbildung ...).

Es liegt hierin also eine immense Verantwortung, der die Eltern jedoch gar nicht gerecht werden können, eben weil sie ihre Interessen über die des (zu zeugenden) Kindes stellen.
 
Es ist letztlich immer ein mehr oder weniger egoistischer Wunsch, der Kinderwunsch, denn grundsätzlich wird kein Mensch (erst noch entstehendes Kind) zuvor gefragt, ob er gezeugt und geboren werden will (schon gar nicht: wann, von wem, wohin bzw. wohinein ...) , aber wenn Menschen die Möglichkeiten und Voraussetzungen haben, das Kinderkriegen doch sogar einigermaßen "planen" zu können, so sollten sie m.E. die Interessen, Bedürfnisse des (entstehenden) Kindes durchaus nach bestem je aktuellen Wissen und Gewissen einbeziehen.
 
Für mich ist das nichts weniger als eine ethische Frage.
 
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26. Januar 2018
 
Da es in Diskussionen um die Begrifflichkeiten (Identität, Persönlichkeit ...), ihre Bedeutungen, immer wieder zu Missverständnissen kommt, noch einmal Grundsätzliches:
 
Identitätsbildung erfolgt auf verschiedenen Ebenen, mittels mehrerer Faktoren - um das zu veranschaulichen, habe ich oben einen Auszug aus dem Wikipedia-Eintrag zu "Identität" verlinkt - einer der wesentlichen Faktoren der Identitätsbildung ist die Identifikation und natürlich spielt hier gerade und gerade im Kindes- und Jugendalter die Identifikationsmöglichkeit des Kindes mit seinen - sozialen - Eltern eine Rolle.
Wenn das Kind sich aus verschiedenen Gründen mit den sozialen Eltern nicht oder nicht ausreichend identifizieren kann, spielen die biologischen Eltern eine herausragende Rolle für das betroffene Kind.
 
Darüberhinaus sind die biologischen Wurzeln eben aufgrund der rein faktisch vorhandenen Biologie, in diesem Fall der biologischen Herkunft, genauer: den Folgen derselben, ihren Auswirkungen auf vererbtes Aussehen, Verhalten, Persönlichkeitsmerkmale und Erkrankungen (Dispositionen zu solchen) von Bedeutung für das jeweilige Individuum.
 
Und noch einmal: Wenn Väter oder auch Mütter sich nachweislich Kindeswohl schädigend verhalten, ändert das nichts an oben mehrfach wiederholten Tatsachen:
Jeder Mensch hat eine biologische Herkunft, d.h. eine biologische Mutter, einen biologischen Vater - von beiden (!) erbt das Kind diverse Anlagen in Bezug auf Aussehen, Verhalten, Persönlichkeitsmerkmale und ggf. auch Erkrankungen bzw. Dispositionen hierzu.
 
Und gerade Aussehen und Verhalten des Kindes lassen ein Kind, das seine biologischen Eltern - also auch den Vater - nicht kennt, nach eben dieser "Ursache", dem "Auslöser", also der Herkunft fragen - eben weil kein Kind als "unbeschriebenes Blatt" zur Welt kommt, sondern all seine Erbanlagen bereits mitbringt.
Und an genau dieser Stelle spielt der Aspekt der Identifikation die zentrale Rolle für die je individuelle Persönlichkeit, für ihre ganz basale Identitätsbildung und Persönlichkeitsentwicklung.
 
Zunächst geht es dabei also um Fragen wie:
Warum sehe ich so aus (Hautfarbe, Augen- und Haarfarbe bspw., die ggf. von jenen der biologischen Mutter oder sozialen Eltern abweicht, sofern diese nicht die biologischen Eltern sind)?
Von wem habe ich das Temperament ... (also Persönlichkeitsmerkmale, Verhalten - siehe Verhaltensgenetik)?
Und erst später kommt die Gruppe, Kultur etc. im Zusammenhang mit der Identitätsbildung zum Tragen.
 
Mit anderen Worten: Die Gruppe, Ethnie, Kultur, Nation(alität), ggf. Religion etc. spielen erst im Folgenden eine Rolle - wenn die ganz basalen Fragen (siehe soeben/oben aufgeführt) geklärt sind.
 
Insofern ist die Kenntnis der biologischen Herkunft, d.h. mindestens also die Kenntnis der direkten Vorfahren, somit der biologischen Eltern (Mutter und Vater), absolut unabdingbar für die Identitätsbildung eines Kindes, eines Menschen.
 
Ein Kind allerdings wird darüber noch anders denken, andere Fragen stellen (Erwachsenen oder auch ggf. nur sich selbst), sie anders formulieren als ein erwachsener Mensch, der nicht mehr in Abhängigkeit zu sozialen Eltern, steht, der nicht mehr auf deren Fürsorglichkeit angewiesen ist, der außerdem mit zunehmender Reife (Hirnentwicklung etc.) andere Zusammenhänge, Gegebenheiten, Ungereimtheiten etc. erkennen kann als ein Kind.
 
Insbesondere in der Pubertät spielt die Identitätsbildung, d.h. das Erkennen, Ausbilden einer je individuellen Persönlichkeit eine bekanntermaßen zentrale Rolle. Keineswegs ist die Persönlichkeitsentwicklung bzw. die Fragen nach dem eigenen Selbst (Wer bin ich? Was macht mich aus - als Individuum? Was ist, bedeutet meine Identität? Womit identifiziere ich mich seit wann aus welchen Gründen auf welcher Basis mit welchen Folgen für mein Fühlen, Denken, Verhalten, meine Überzeugungen, mein Selbstbild, Selbstverständnis, mein Menschen- und Weltbild? usw.) nach der Pubertät oder Adoleszenz abgeschlossen/in Stein gemeißelt.
 
Insbesondere neues Wissen, Erkenntnisse - gerade über die eigene Herkunft - können das eigene Selbstverständnis, das "Identitätsgefühl" erheblich ins Wanken bringen - bspw. dann, wenn ein Mensch erst im Jugend- oder Erwachsenenalter erfährt, dass er adoptiert wurde, dass seine sozialen nicht seine biologischen Eltern sind.
 
Bitte einfach mal mit den Fragen und Nöten, Belastungen von sogenannten "Spenderkindern" (anonyme Samenspende) befassen oder eben auch mit jenen von Menschen, die in geschlossener Adoption oder auch solchen, die in Pflegefamilien aufwuchsen.
 
Nein, ich widerspreche mir nicht selbst, wenn ich einem Neugeborenen Identität abspreche, nicht aber vorhandene, vererbte Persönlichkeitsmerkmale. Denn Identität bildet sich auf bestimmter Basis erst aus - Voraussetzung dafür ist eine entsprechende Gehirn- und Bewusstseinsentwicklung, die das Neugeborene noch nicht durchlaufen hat (ich hatte oben bereits als ein Beispiel das autobiographische Gedächtnis angeführt).
Zur Erläuterung dessen, das Identität ist, hatte ich auch den entsprechenden Wikipedia-Eintrag verlinkt.
Das eine sind die Erbanlagen, die bereits beim Neugeborenen vorhanden sind, das andere ist die Identität, die sich erst im Verlauf der kindlichen bzw. menschlichen Entwicklung ausbildet.
 
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Zum oben verlinkten Text "Vaterschaft ist mehr als Sex gehabt haben" von Antje Schrupp nachfolgend eine Stellungnahme von mir:

Hier werden verschiedene Bereiche, Aspekte und Bedürfnisse vermischt bzw. verwechselt:

Ich persönlich spreche mich an keiner Stelle für eine Gleichsetzung von biologischer mit sozialer Vaterschaft aus, setze beides auch nicht gleich.

Ebensowenig befürworte ich ein automatisch geltendes Sorgerecht für biologische Väter (die nicht zugleich die sozialen Väter sind).

Wiederum kann ich zum Artikel von Antje Schrupp nur konstatieren: Hier geht es um vorrangig bis ausschließlich die Interessen der Erwachsenen - der Mütter, der Väter, der Frauen und Männer - nicht um die Bedürfnisse und Wünsche oder "Interessen" der Kinder.

Ein Kind kann einen biologischen Vater haben, der nicht zugleich sein sozialer Vater ist. Worum es mir in diesem Fall geht - wie übrigens auch dann, wenn die biologische Mutter nicht die soziale Mutter ist - ist das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung und auf seine Möglichkeit, Kontakt zu seinen biologischen Eltern (-teilen) haben zu können, dass ihm dies nicht nur erlaubt ist, sondern aktiv ermöglicht, es darin unterstützt wird, wenn es diesen Wunsch hat und dass ihm dieser Wunsch auch nicht durch Beeinflussung, Manipulation, Indoktrination ausgeredet wird.

Dieser Aspekt der Identitätsbildung und Persönlichkeitsentwicklung bei Nichtkenntnis der biologischen Wurzeln, der biologischen Herkunft, d.h. der zwischen beidem bestehende Zusammenhang und die Auswirkungen dessen, bleibt in all diesen Texten (bspw. dem von Gabriele Uhlmann wie auch dem von Antje Schrupp) zur Gänze unberücksichtigt, übergangen. - Warum wohl ... ? ;)
 
Wenn also eingeworfen wird, eine, Zitat "gesellschaftliche, patriarchale Biologisierung von Vaterschaft" löse den Wunsch nach Kenntnis der eigenen biologischen Herkunft erst aus (übrigens: hier offenbar nur auf nicht bekannte, biologische Väter bezogen, d.h. wenn der Wunsch nach Kenntnis der unbekannten, biologischen Mutter besteht, gilt dieser in bestimmten Kreisen, d.h. nach bestimmter Ideologie, offenbar als legitim, dies jedoch also nicht gleichermaßen in Bezug auf den unbekannten biologischen Vater), so ist hierzu Folgendes zu beachten und zu bedenken, das ich an u.a. auch meinem persönlichen Beispiel zu veranschaulichen, zu erläutern versuche:
 
Wenn du siehst, dass deine Mutter völlig anders aussieht als du selbst und das von klein auf und über Jahre so wahrnimmst - nur, um der Einfachheit und Anschaulichkeit wegen mal bei den Äußerlichkeiten zu bleiben, da diese außerdem besonders, d.h. unmittelbar auffällig und auch bedeutsam sind - hast du zuvorderst schon mal ein Identifikationsproblem. Die Identifikation hat jedoch entscheidend mit Identitätsbildung, mit Selbstbild, Selbstkonzept und Selbstwertgefühl zu tun.

Das setzt sich dann fort, wenn das Kind, der Jugendliche, Adoleszente, der Erwachsene feststellt, dass es auch in Bezug auf Verhaltensmerkmale, Gestik, Mimik ... u.U. wenige Gemeinsamkeiten gibt. Unweigerlich fragst du dich dann: Warum ist das so und woher habe ich dies und jenes dann (wenn nicht von der - biologischen und/oder sozialen - Mutter)?

Weiter geht es mit konstitutionellen Hintergründen: Gesundheit, Disposition für bestimmte Erkrankungen (physische wie psychische), außerdem u.U. auch in Bezug auf den differenten ethnischen und/oder kulturellen Hintergrund (wie so bspw. auch bei mir der Fall).


Du kannst dich mit deiner biologischen und/oder sozialen Mutter auch bestens verstehen, verbunden fühlen, vielleicht auch noch mit Schwestern, Großmüttern und nicht blutsverwandten Freundinnen, es ändert nichts daran, dass du die Erbanlagen von einer biologischen Mutter und einem biologischen Vater hast (inklusive epigenetischer Einflüsse) und diese in jedem Individuum zum Tragen kommen.
 
Je weniger du dich mit den dich umgebenden Menschen identifizieren kannst - je nachdem, wie groß und wie wahrnehmbar, erkennbar die Unterschiede, Abweichungen sind - umso eher wirst du nach dem Warum und Woher fragen.
Selbst wenn es keine solch augenfälligen Unterschiede, Abweichungen gibt, wirst du früher oder später nach deinem "anderen Teil", d.h. dem anderen, zweiten Teil deiner direkten genetischen Herkunft fragen - eben weil dies ein unabspaltbarer Teil von dir ist - rein aufgrund von Biologie schon.

Du hast als Mensch de facto, wie ich oben schon schrieb, diese beiden Ursprungsquellen (mütterliche und väterliche Herkunft, Abstammungslinie) rein biologisch in dir.
 
Mit welcher du dich aus welchen Gründen eher identifizierst oder verbunden fühlst, hat diverse Gründe, unterliegt verschiedenen Einflüssen - also gerade auch sozialen - aber du kannst das generell überhaupt erst und nur dann feststellen und dich "frei entscheiden", wenn du beide "Ursprungsquellen" kennst, kennen kannst und also darfst - wenn du die Möglichkeit hierzu hast, weil beide "verfügbar" sind.
 
Was wissen wir aus welchen Quellen über die Identitätsbildung, Persönlichkeitsentwicklung, über die Lebensverläufe, die Belastungen, ggf. Leiden der Menschen aus welchen Zeiten in welchen Kulturen, die ihre biologischen Eltern nicht kannten - welche Folgen, Auswirkungen hatte dieser Umstand auf ihr Leben, auf ihre Identität, ihre Persönlichkeit, ihre Gedanken, Gefühle, Einstellungen und Verhaltensweisen?

Welche seriösen Quellen gibt es hierzu?


Und warum soll nur die Kenntnis der biologischen Mutter für ein Individuum von Bedeutung sein, nicht aber die des biologischen Vaters?
 
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Ich kann es auch deutlicher und kürzer ausdrücken:

Es macht mich sehr wütend, wenn/dass (biologische) "Väter" ihre Kinder im Stich lassen, sich n i c h t angemessen, d.h. bedürfnisorientiert (oder auch einfach gar nicht) um sie kümmern: w o l l e n - aus zumeist rein selbstsüchtigen Gründen, Bequemlichkeit, Ignoranz, Gleichgültigkeit, Gefühllosigkeit, Verantwortungslosigkeit, Egomanie

und nicht minder wütend macht es mich, wenn:

Mütter ihren Kindern den biologischen Vater aus ideologischen (!) Gründen vorenthalten, entziehen - und auf die Bedürfnisse, Wünsche, Fragen, Nöte der Kinder völlig ignorant, gleichgültig, selbstsüchtig, gefühllos kacken.

Es ist eine Sache, ob Mütter den Kontakt zum biologischen Vater "verweigern", nicht wünschen, nicht unterstützen, wenn/weil dieser "Vater" sich nicht angemessen dem Kind gegenüber verhält, also nicht bedürfnisorientiert (!) mit ihm umgeht (sondern sogar gewalttätig ist - oder dies auch "nur" gegen die Mutter), selbstverständlich ist ein solcher Mann kein Vater, sondern stellt eine Kindeswohlgefährdung oder auch -schädigung dar.

Gleiches gilt jedoch auch für Mütter, die sich in schädigender Weise dem Kind gegenüber verhalten.

Aber wenn Frauen aus ideologischen Gründen Väter für überflüssig erklären, dann habe ich dafür nicht das geringste Verständnis - aus oben bereits ausführlich dargelegten Gründen: Identitätsbildung und Persönlichkeitsentwicklung des Kindes werden damit aktiv unterlaufen, gestört, behindert.

Und wenn Frauen, Mütter, genau das nicht wahrhaben wollen, es deshalb nicht akzeptieren, sondern ignorieren, übergehen, leugnen, legt das wiederum nur ihre eigene Verbohrtheit und/oder Ignoranz offen - und dass sie ebenfalls gerade nicht im Sinne des Kindes (-wohls) handeln.

Und nein: an keiner Stelle ist aus dieser meiner Position und Überzeugung auch nur ansatzweise eine Ode an das Patriarchat, ein Befürworten desselben herauszulesen bzw. hineinzuinterpretieren. Wer das dennoch tut, wird seine ureigenen Gründe haben ... .

Ich bin es einfach leid: diese ganze selbstbezogene, selbstsüchtige Ignoranz und ideologische Verblendung - ganz gleich, aus welcher Ecke sie kommt, wo sie beheimatet ist.
 
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Zu Gabriele Uhlmanns Ausführungen der female choice - auch diese widerlegt nicht die genetischen Grundsätze.

Ich kann überdies nicht im Mindesten folgende zitierte Passage bestätigen:

"[...] Schon heute leben sog. alleinerziehende Mütter vor, dass es die natürlichste Sache der Welt ist, nicht von einem Mann abhängig zu sein. Sie erleben den Rückhalt ihrer Mütter und Schwestern, sind also gar nicht allein, und werden es nie wieder sein. [...]"

Welcher Rückhalt welcher Mütter und Schwestern? Etliche Alleinerziehende kennen, haben solchen Rückhalt nicht.

Es gibt btw auch ungeeignete Mütter, solche, die sich nicht am Kindeswohl orientieren und sich entsprechend verhalten.

Und all das ändert nichts daran, dass es hier um die Interessen der Erwachsenen - Frauen und Männer - nicht um die der Kinder geht, denn wer hat die Kinder gefragt: was sie wie wollen, wie es ihnen jeweils geht, ob es ihnen gefällt, so, wie sie leben, aufwachsen - vor allem: wenn sie nichts anderes je kennengelernt haben?

Selbstredend muss es auch um die Interessen der Eltern gehen, denn wenn es Eltern schlechtgeht, wird es infolgedessen früher oder später auch den Kindern schlechtgehen, aber nicht grundsätzlich, nicht immer stimmen die Interessen der Eltern mit denen - und den Bedürfnissen - der Kinder überein. Oft stülpen Erwachsene Kindern aber ihre, der Erwachsenen, Meinungen, Interessen, Wünsche über, projizieren sie auf sie oder instrumentalisieren Kinder für eigene Zwecke, Ziele.

Dass ich btw keine Freundin der Kleinfamilie bin, ist ggf. auch bekannt. Das ändert aber nichts daran, dass ich es für erforderlich und richtig halte, dass jeder Mensch ein Recht auf Kenntnis seiner direkten, elterlichen Abstammung hat und auch ein Recht auf Kontakt zu/Umgang mit den biologischen Eltern (und ggf. auch weiteren Verwandten), so er es wünscht und es möglich ist.
 
Das Grundproblem bleibt, dass die gesamte Verantwortung für das Wohl des Kindes in der heutigen, unsäglichen Kleinfamilie auf den Schultern der Eltern - Mutter und Vater, mehrheitlich leider nach wie vor auf den Schultern vor allem der Mütter - lastet und so niemals zu "stemmen", ihr gerechtzuwerden ist/sein kann.
 
Wir wissen eigentlich längst: "Es braucht ein ganzes Dorf ..." - das heißt nichts anderes, als dass es eine (familiäre, überschaubare) Gemeinschaft braucht, eine solidarische, gemeinwohlorientierte Sorge-Gemeinschaft - bedürfnisorientierter (!), n i c h t patriarchalischer, paternalistischer, autoritärer Umgang miteinander, mit nicht nur, aber insbesondere natürlich gerade auch den Kindern.

Und in dieser Gemeinschaft leben Menschen unterschiedlichen Geschlechts und Alters miteinander und haben die Kinder Kenntnis ihrer direkten biologischen Abstammung und die Möglichkeit, bedürfnisorientierten Umgang mit gerade auch ihren biologischen Eltern zu haben.
 
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Wir schaffen uns Moralsysteme, Ethik - selbst und diese sind modifizierbar und müssen dies auch bleiben (können), denn sie beruhen auf unseren Erfahrungen (im Rahmen von eben Zeit, Ort, Kultur, Traditionen, Herausforderungen, Widerständen, Schwierigkeiten etc.).

Und genau darauf ziele ich ab: auf Verantwortung, letztlich also auf "Moral", Ethik - die letztendlich mit all unserem Tun, Verhalten einhergeht (jedenfalls sollte).

Jeder Moral und Ethik (als "rationalem Überbau") liegt jedoch basal und fundamental von jeher eines zugrunde: Mitgefühl.
Und dieses Mitgefühl ist angeboren - allen Menschen, wie wir heute wissen: auch anderen Primaten.

Mein Punkt ist der, der wohl all jenen, die davon nicht betroffen sind (von Nichtkenntnis der eigenen biologischen Wurzeln), kaum verständlich zu machen ist: jener der Identitätsbildung und mit ihr einhergehenden Persönlichkeitsentwicklung.
Und genau hier ist die direkte, nächste, die elterliche biologische Grundlage/Herkunft eben faktisch von Bedeutung: in unseren heutigen Gesellschaften, d.h. vor dem Hintergrund unseres heutigen Wissens (siehe Natur-, Geistes-, Sozialwissenschaften ...) und unserer heutigen Haltung gegenüber und Achtung des Individuums, der Individualität, der je individuellen Persönlichkeit.

Und hierfür, für diese Persönlichkeitsentwicklung wiederum, ist die Identität(sbildung) von grundlegender Bedeutung.
Und dieser Identitätsbildung liegt u.a. entscheidend die biologische Herkunft zugrunde.
Dies hat, wie ich schon schrieb, vor allem mit Identifikation und Selbstkonzept, Selbstbild, Selbstverständnis, somit auch Selbstwertgefühl zu tun.
 
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Das ("Vom Hirtentum und der Überbetonung von Vaterschaft", siehe oben verlinkt) ist ein schöner Text. Mir sind die Entstehungsumstände des Patriarchats durchaus bekannt. Was aber hat er mit den von mir aufgeworfenen Fragen zu tun, inwiefern widerlegt er, was ich hinsichtlich des Wunsches nach Kenntnis des biologischen Vaters formulierte?

Nur weil man vor der neolithischen Revolution den Zusammenhang zwischen biologischer Vaterschaft und Kind(ern) bzw. das direkte Verwandtschaftsverhältnis zwischen den biologischen Vätern und ihren Nachkommen nicht kannte, nicht herstellen konnte, heißt das nicht, dass all diese Kinder nicht Diverses von ihren biologischen Vätern vererbt bekommen haben. Der genetische Einfluss der biologischen Väter (siehe auch Verhaltensgenetik) verschwindet dadurch nicht, wird auch nicht weniger bedeutsam.

Und nach wie vor wissen wir nichts darüber, wie diese Kinder aufwuchsen, womit sie sich aus welchen Gründen wie identifizierten, d.h. nur identifizieren konnten - mit welchen Folgen für ihre Identitätsbildung und Persönlichkeitsentwicklung, ihr Verhalten, ihre Fragen bezüglich ihres Selbst etc..

Es war überdies eine Zeit, in der man vieles andere auch noch nicht ansatzweise wusste und verstand (siehe Wissenschaften, Erkenntnisse).
Damals ging es wahrscheinlich grundsätzlich eher ums Überleben als um Fragen der Selbsterkenntnis, wie ich vermute.

Nun leben wir aber im 21. Jahrhundert und haben eine entsprechende "Vergangenheit" als Menschen wie auch als je nach Region, Kultur, Sprache etc. geprägte Gruppen, Ethnien, Gesellschaften. Es lässt sich doch das Selbstverständnis, das Selbstkonzept, die Biographie, das Denken, Fühlen, Fragen und alles, das dem voraus-, damit einhergeht und sich daraus ergibt nicht mit jenem von Menschen vergleichen oder gar gleichsetzen, die vor ca. 10 000 Jahren lebten.

Wenn zur damaligen Zeit zu vermutenderweise das Individuum als solches kaum im Mittelpunkt des Denkens und des Erkenntnisinteresses stand, so ergibt sich schon aus diesem Umstand, dass nach individuellen Herkunftsfragen, nach Persönlichkeitsentwicklung und Identitätsbildung ebensowenig "gefragt" wurde. Das ist heute zweifelsohne und wie ich finde erfreulicherweise anders.

Dies ändert jedoch nichts an dem Faktum, dass auch damals die Menschen von einer biologischen Mutter und einem biologischen Vater abstammten, also entsprechende genetische Einflüsse von beiden Seiten mitbekommen haben, in sich trugen - mit entsprechenden Auswirkungen, über die man damals ebenfalls noch nichts wusste, mit ebenfalls diversen Folgen.
 
In all diesen (patriarchatskritischen) Texten wird, ich wiederhole mich, beklagenswerterweise stets nur die elterliche Perspektive, d.h. die der Erwachsenen (der biologischen und/oder sozialen Mütter und/oder Väter) eingenommen, es geht ihnen darum, ihre je persönlichen Interessen relativ selbstsüchtig und ignorant mehr oder weniger ideologisch motiviert, begründet bis verblendet durchzusetzen - die Interessen, Wünsche, Bedürfnisse der Kinder bleiben völlig außen vor oder es wird unterstellt, wenn die Dinge im Sinne der Erwachsenen vonstattengingen, sei damit quasi automatisch und zugleich auch den Interessen, Wünschen und Bedürfnissen sämtlicher Kinder vollumfänglich entsprochen, Genüge getan; hierbei werden folglich individuelle Umstände, Besonderheiten, Hintergründe, Gegebenheiten (der Kinder) bzw. Individualität als solche vollständig übergangen. 
 
Es geht zumeist also um Macht - und damit Unterwerfung. Das hat nichts mit Kindeswohl- und Bedürfnisorientiertheit zu tun, auch wenn das viel zitierte Kindeswohl vermeintlich argumentativ gerade für Machtdurchsetzungszwecke instrumentalisiert und massiv missbraucht wird - zu Lasten, zum Schaden insbesondere sämtlicher betroffener Kinder und dies mit zumeist lebenslang wirksamen Folgen.
 
Ein Kind ist nicht der Besitz seiner (biologischen oder sozialen) Eltern, auch nicht anderer Erwachsener oder gar des Staates.
 
Ein Kind ist kein Gegenstand, über den ignorant, selbstsüchtig, verblendet, verbissen verhandelt und bestimmt/verfügt werden darf (dürfte, denn die Realität sieht leider anders aus ...).
 
Jedes Kind (weltweit btw) hat auf Basis von Menschenwürde und universellen Menschenrechten sowie aufgrund seines besonderen Schutzbedürfnisses (als wehrloses, ausgeliefertes Wesen, das überdies in jungen Jahren leicht beeinflussbar, manipulierbar, verletzbar ist) einen Anspruch, das ethisch fundierte Recht auf Fürsorge, auf individuell angemessenen, d.h. tatsächlich bedürfnisorientierten Umgang/Behandeltwerden.
 
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Da ich an anderer Stelle gefragt wurde, Zitat: " (...) wer die Verantwortung und Erziehung für ein Kind übernehmen soll, wenn nicht die Mutter (...)", hier meine Antwort darauf:

Die Verantwortung für Kinder hat grundsätzlich die Gemeinschaft zu tragen, idealerweise besteht diese Gemeinschaft aus mitfühlenden, integren, kooperierenden, reflektierten, besonnenen, engagierten Erwachsenen, d.h. Bezugspersonen (siehe Bindung, Beziehung) verschiedenen Geschlechts und unterschiedlichen Alters - und das verlässlich über viele Jahre, die mit dem Kind bedürfnisorientiert umgehen (können) - sowie aus natürlich weiteren Kindern und eben auch den biologischen Eltern.

Die Gemeinschaft sollte dabei in Form familiärer, intimer Strukturen bestehen, also auf persönlichen, freiwilligen Beziehungen und Bindungen basieren und nicht allzu groß sein (jedenfalls maximal ca. 100 Menschen umfassen, der engere Kreis noch deutlich weniger, soweit ich es nach bisherigem Wissens- und Erfahrungsstand für zuträglich erachte).
 
Heute geht es (in unserer Gesellschaft) zumeist jedoch leider vorrangig um Ideologien, nicht um das tatsächliche Kindeswohl. Das ist mein Hauptkritikpunkt.

Normalerweise erkennt man am Verhalten eines Menschen, ob er eine Gefahr für bspw. das gemeinsame Kind darstellt oder nicht und inwiefern, ob er also kindeswohlschädigend ist oder nicht.

Wer das Verhalten auf welcher Grundlage wie interpretiert, schützt, schont, entschuldigt, rechtfertigt, steht wiederum auf einem ganz anderen Blatt - leider. Wie gesagt: Es geht zumeist nicht wirklich ums Kindeswohl - auch und gerade bei Jugendämtern nicht, die letztlich vor allem einen Staatszugriff/-eingriff in die familiäre Gemeinschaft darstellen, also Kontrollzwecke erfüllen, nicht wirkliche Unterstützung leisten, auch nicht angemessene Unterstützung anbieten. Eigenes Thema.

Nein, die biologischen Eltern sollten kein "Recht am Kind" haben, sondern es sollte um Verantwortung und das Wohl aller Beteiligten gehen - also der biologischen wie sozialen Eltern, der sorgenden Gemeinschaft (wie von mir oben beschrieben), der Gemeinschaft, Gesellschaft grundsätzlich.

Weiterhin sind Persönlichkeitsrechte selbstverständlich von Belang und im Sinne des Kindeswohls sollte das Verhalten der sorgenden Gemeinschaft an eben diesem ausgerichtet sein, weil das Kind als bedürftiges Wesen den Erwachsenen mehr oder weniger ausgeliefert und auf sie angewiesen ist.


Was also aus ideologischen Gründen auf Basis je persönlicher bzw. Gruppeninteressen (siehe bspw. Maskulisten, "Väterrechtler" ...) propagiert, proklamiert und gewährt, d.h. gesetzlich umgesetzt, festgeschrieben wird, ist nicht zwangsläufig gleichbedeutend mit dem, das für das Kindeswohl sowie das tatsächliche Wohl der Sorgenden zuträglich ist und geboten wäre.

Erforderlich ist m.E. vorrangig also ein Umdenken: weg von der Kleinfamilie, sowieso weg von der Ehe, hin zu einer verantwortlichen, sorgenden Gemeinschaft, hin zu deutlich mehr Bedürfnisorientierheit (nicht nur in Bezug auf Kinder, sondern auch Erwachsene), hin zu freiwilligen Wahlverwandtschaften, Bindungen, familiären Strukturen, Beziehung. Das kann nur mit einem anderen arbeiten, wohnen, wirtschaften einhergehen - klar. 

Ich halte es dabei für ausgesprochen wichtig, dass Kinder regelmäßigen Kontakt zu Menschen beiderlei bzw. verschiedenen Geschlechts und Alters haben und dass sie ihre biologische Herkunft kennen sowie zu ihren biologischen Vorfahren Kontakt, mit ihnen "Umgang", idealerweise eine Beziehung zu ihnen haben können.
 
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Auch ich kenne mehrere Menschen, die als Kinder adoptiert wurden, viele sagen, sie möchten nicht wissen, wer ihre leiblichen Eltern sind, weil sie anderenfalls mit Schmerz, mit unangenehmen Gefühlen (Verlassenwordensein, Abgelehntwordensein, Wut, Haltslosigkeit ...) konfrontiert würden, was sie gerade vermeiden möchten.
Je nach Lebensverhältnissen und -situation geht das auch über Jahre und Jahrzehnte "gut", wenn es dann im Leben zu Krisen kommt, gelangen all diese Gefühle zumeist dann doch an die Oberfläche.

Letztlich ist das vorgebliche Nichtkennenlernenwollen der leiblichen Eltern der Versuch, die Kontrolle zu haben, sich nicht (emotional) ausgeliefert zu fühlen.

Oder es ist schlicht Verweigerung aus Trotz, aus Wut, eine Art "Revanche" - um sich wie gesagt nicht unterlegen, nicht ausgeliefert, nicht abhängig zu fühlen, sondern die Illusion eigener Kontrolle aufrechterhalten zu können und sich nicht mit all den Hintergründen und Zusammenhängen konfrontieren zu müssen - man müsste dann nämlich als "Kind" die Perspektive der leiblichen Eltern einnehmen (können/wollen), also bspw. auch und gerade Verständnis für ihre Entscheidung aufbringen, was lange Zeit von vielen Adoptierten gerade verweigert wird bzw. ihnen nicht möglich ist, eben weil das Weggegebenwerden, Verlassenworden-, Abgelehntwordensein eine so immense Verletzung darstellt.

Diese Menschen suchen und entwickeln dann diverse Kompensationsstrategien.

Es gibt aber eben auch jene Adoptierten, die schon sehr früh in die Auseinandersetzung mit dem Thema, d.h. mit ihrer Herkunft gehen; es hängt auch viel davon ab, wie alt sie waren, als sie davon erfuhren und entscheidend hängt es natürlich vom Verhalten der Adoptivfamilie ab, wie diese damit umgeht. Da kann vordergründig Unterstützung signalisiert werden, aber subtil schwingt doch deutlich mit, dass sie das eigentlich gar nicht wollen - das macht die Situation für Adoptierte dann nur umso schwerer.
 
Die Wurzelsuche (der Wunsch, die Motivation hierzu) ergibt sich aus dem grundsätzlichen Problem der erschwerten Identitätsbildung bei unbekannten bzw. nicht vorhandenen Wurzeln.

Insbesondere dann, wenn man mit bspw. der Mutter kaum bis keine Gemeinsamkeiten hat - schon äußerlich nicht. Da fragt sich mehr oder weniger schon das Kind nach dem "Woher" (woher habe ich das, warum sehe ich anders aus ...).

Es ist wie gesagt wahrscheinlich nur jenen wirklich nachvollziehbar, die ihre (biologischen) Wurzeln selbst nicht kennen (können) - also bspw. Adoptierten (mit geschlossener Adoption, wie sie früher üblich war) ... .
 
Es spielt, wie wir längst wissen, die Genetik eine erhebliche Rolle - es ist nicht alles Sache von Prägung und Sozialisation: wie ein Mensch sich entwickelt, siehe Persönlichkeitsentwicklung. Auch epigenetische Einflüsse spielen, wie wir heute wissen, eine enorme Rolle.

Mir ist nicht nachvollziehbar, wie es anderen nicht nachvollziehbar sein kann, dass man sich fragt, woher man bestimmte äußerliche und oder charakterliche Merkmale hat, wenn man diese bei bspw. der Mutter oder der "Sippe" nicht findet, dass man sich also deutlich unterscheidet und es infolgedessen eigentlich völlig natürlich ist, sich früher oder später (hat mit der Gehirnentwicklung sowie den Umständen und Verhältnissen zu tun, in denen man aufwächst) zu fragen, warum das so ist und woher man selbst dies und jenes möglicherweise hat.

Es gibt darüberhinaus auch von Großeltern Vererbtes und eben auch epigenetische Einflüsse.


Natürlich sind die unmittelbar nächsten, direkten Vorfahren die biologischen Wurzeln - was auch sonst? Wir kommen nicht aus dem Nichts und nicht als unbeschriebene Blätter zur Welt, die sich beliebig durch Prägung, Erziehung/Sozialisation und Umwelteinflüsse formen lassen.
 
Die Erfahrungen, die Umwelt, die Lebensbedingungen spielen eine fraglos gewichtige Rolle (siehe bspw. Traumatisierung und eben Prägung ...), aber sie nicht alleine, sondern auch das, das unzweifelhaft durch Erbanlagen weitergegeben wird.

Und gerade dann, wenn man unbekannte biologische Eltern mit differentem ethnischen Hintergrund hat, spielt das sicher eine noch bedeutendere Rolle - schon allein eben des Aussehens wegen.
Persönlichkeitsentwicklung und Identitätsbildung hat immer mit Vergangenheit zu tun, folglich auch mit der eigenen Geschichte - somit auch jener des je eigenen biologischen (bspw. auch ethnischen, kulturellen ...) Hintergrunds.

Übrigens zeigen nicht zuletzt die Zwillingsstudien (Zwillinge, die von frühester Kindheit an in unterschiedlichen Familien aufwuchsen und dennoch etliche Gemeinsamkeiten in Vorlieben, Abneigungen, Interessen, Verhaltensweisen etc. aufweisen) wie intensiv Erbanlagen, erbliche Dispositionen nachweislich wirken.
 
Es geht im Übrigen nicht darum, sich "irgendwem" "aufzuzwängen" (wie es eine Kommentierende an anderer Stelle in dieser Weise formulierte), sondern viel mehr um das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung und das Recht des Kindes auf Fürsorge von den (eigentlich leiblichen) Eltern sowie um deren Verantwortung gegenüber dem gezeugten und geborenen Kind - soweit ihnen je nach eigenen Hintergründen, Einschränkungen Beschädigungen ... möglich.

Es geht darum, seine eigenen Wurzeln kennen (-lernen) zu wollen, zu dürfen, die Möglichkeit hierzu zu haben und erst auf dieser Basis eine Entscheidungs-, Wahlfreiheit haben zu können.
 
Ja, es geht folglich auch um biologische Vaterschaft, wenn es um Herkunft, um Wurzeln geht.

Deshalb halte ich nichts von "Kuckuckskindern" , d.h. von Müttern, die Vätern ohne deren Wissen Kinder unterschieben, deren leibliche Väter diese Männer nicht sind, und die den biologischen Vätern die Information über die Existenz des Kindes vorenthalten - denn es geht bei all dem grundsätzlich nicht um das Wohl des Kindes, sondern um eigene Interessen der Erwachsenen. Das ist es, das mich massiv "stört".


Ein Kind hat aus guten Gründen das Recht auf Kenntnis seiner Abstammung, seiner biologischen (somit auch ethnischen ...) Wurzeln.

Da ein Kind - zumindest heute noch - biologisch direkt von vor allem den zwei es gezeugt habenden Menschen abstammt, also der biologischen Mutter und dem biologischen Vater, hat es entsprechende Erbanlagen aus diesen zwei Quellen (und deren Vorfahren). Folglich ergibt sich der Wunsch nach Kenntnis eben vor allem dieser, d.h. zumindest der beiden direkten Quellen, wenn es um Wurzelsuche geht.
 
-
 
30. Januar 2018
 
Ich kenne den Text - "Das neue alte Recht der Väter" von Mira Sigel - längst. Auch er liefert keine Faktenbasis/Quellen für die vorgebliche Unwichtigkeit biologischer Väter für die Identitätsbildung und Persönlichkeitsentwicklung von Kindern. Genau dieser Aspekt wird auch in Mira Sigels Text leider vollständig übergangen - wiederum aus ideologischen Gründen und nicht, weil frau sich am Kind und dessen tatsächlichem Wohl orientiert, sondern dieses ideologisch verblendet übergeht. Leider.
 
Es wird die ganze Sache letztlich damit einfach nur umgedreht - biologische Väter als vollständig unwichtig proklamiert. Und alle Gegenargumente und Gegenbeispiele (von Personen, Betroffenen) werden vollständig total übergangen. - Sorry, aber nochmal: das: geht gar nicht und hat im Übrigen mit bedürfnisorientiertem Umgang und/oder Feminismus nicht das Geringste zu tun - es ist blinde, ignorante Selbstgerechtigkeit, Scheubeklapptheit.
 
Ich teile die Patriarchatskritik - gerade die von Mira Sigel, ich schätze ihre Texte, aber an dieser Stelle irrt (auch) sie.
 
Leider vermischen Frauen, die dieser Ideologie (vom unwichtigen biologischen Vater) folgen, ständig, was sich aus der Bedeutung des biologischen Vaters für das Zusammenleben ergibt oder ergeben soll - mitnichten das oktroyierte Wechselmodell, mitnichten eine Herrschaft der Väter.
 
Diese Frauen können oder wollen leider nicht von Ideologien abstrahieren und das Kind in den Mittelpunkt stellen. Denn keineswegs geht es dem Kind immer dann selbst zwangsläufig gut, wenn es der Mutter gut geht, aber selbstverständlich geht es dem Kind früher oder später schlecht, wenn es der (sozialen) Mutter schlecht geht.
 
Genau das aber wird hier letztlich postuliert: Wenn die Dinge im Sinne der Mütter (besser) liefen, ginge es damit auch allen Kindern automatisch gut und sie vermissten keine biologischen Väter. Warum das eine Fehlannahme ist, habe ich nun hinreichend wiederholt zu erläutern versucht.
 
Was mich an diesen Diskussionen tatsächlich nervt, ist das Folgende:

Es ist ja verständlich, dass Frauen das mittlerweile ca. 10 000 Jahre andauernde Patriarchat mit all seinen katastrophalen Erscheinungen mehr als über haben, dass sie häufig auch ganz persönlich (im öffentlichen Raum, beim Job, in der Familie, in Beziehungen, Partnerschaften ...) darunter leiden, dass sie auch darunter leiden, dass ihre Kinder unter narzisstischen "Vätern" leiden, denen es nicht um das Kindeswohl, sondern um ihren, der Väter/Männer, Machterhalt geht, dass diese Väter sich gerade aktuell wieder in "Väter- und Maskulistenbewegungen" zusammentun - nicht, weil sie bedürfnisorientiert mit ihren Kindern Umgang haben wollen, sondern weil das Kind als Macht- und Kontrollmittel missbraucht wird, weil es um Rache, Unterwerfung und nicht um das Kindeswohl geht und solche Väter offenbar gar nicht selten leider auch vor/von Jugendämtern und Gerichten Unterstützung, "Recht" erhalten - tatsächlich damit aber nicht nur ihren Ex-Partnerinnen bzw. Kindesmüttern, sondern gerade und vor allem ihren "eigenen" Kindern Schaden zufügen.
 
Ich bin gewiss die Letzte, die all das befördern wollte und ja, auch ich weiß um narzisstische (Ex-) Partner, Männer, um sexuelle Übergriffe, Misshandlung, Gewalt, Objektifizierung, Ausbeutung und um die Verantwortungslosigkeit, Gleichgültigkeit, Ignoranz und Egomanie von Kindesvätern sowie um perfide Taktiken von Männern gegenüber Frauen, denen sie sich unterlegen, von denen sie sich "übervorteilt, bedroht" fühlen (siehe pathologische Narzissten und Psychopathen - die anti-, dissoziale Persönlichkeitsstörung).
Auch ich weiß um die Gewalttätigkeit, Grausamkeit von Männern - die keineswegs "nur" physische Gewalt, sondern damit immer (!) einhergehend auch psychisch-emotionale tätigen.
Auch ich weiß um die Ungerechtigkeit, die Frauen, also auch Müttern, aber nicht nur Müttern vor und von Polizei, Staatsanwaltschaften, Richtern "widerfährt" - ich habe eigene Erfahrungen mit all dem.
 
ABER: Das ändert nichts daran, dass ich ebenso aus nicht nur, aber gerade auch meiner eigenen Erfahrung weiß, dass und wie wichtig auch biologische (nicht nur soziale) Väter für die Identitätsbildung und Persönlichkeitsentwicklung von Kindern sind. Und darum wissen wie gesagt auch etliche andere Menschen - bspw. sogenannte "Spenderkinder", Kinder die adoptiert wurden (geschlossene Adoption) oder bei Pflegeeltern aufwuchsen oder in Babyklappen gelegt wurden ("Findelkinder") ... .
 
Und es ist maximal ignorant und respektlos diesen Menschen gegenüber zu behaupten, sie litten gewissermaßen an einem Wahn, sie mäßen die Bedeutung des leiblichen Vaters für ihr Leben (ihre Identitätsbildung und Persönlichkeitsentwicklung) nur auf Basis eines gesellschaftlich, d.h. patriarchalisch indoktrinierten "Vaterkonstruktes", eines Hirngespinstes zu.
 
Denn letztendlich geht es auch hierbei nur um eine Ideologie - diesmal der/solcher Frauen, Mütter. Letztlich geht es auch ihnen also gerade n i c h t um die Kinder, um das tatsächliche Kindeswohl, denn dieses übergehen sie total und rechtfertigen das mit der Behauptung, in der Zeit vor Beginn des Patriarchats seien Väter für Kinder, Menschen, irrelevant gewesen und das sei kein Problem für sie (die Kinder) gewesen - ich habe mich hierzu an anderer Stelle im blog bereits ausführlich geäußert (warum diese Behauptung unsinnig ist und womit sie widerlegt werden kann), siehe bei Interesse dort.

Diese auf solche Weise gleichermaßen (wie die Männer, die sie kritisieren) ideologisch verblendeten Frauen behaupten letztlich einfach, die Verhältnisse, die sie für sich selbst (!) für die besten halten, wären damit zwangsläufig/automatisch auch für die Kinder die besten. Das ist alles andere als bedürfnisorientiert - das ist eben dies: verblendet, selbstgerecht, ignorant und gleichermaßen schädigend.
 
Noch einmal Grundsätzliches:
An keiner Stelle habe ich mich je für die Ehe und/oder die Kleinfamilie ausgesprochen. An keiner Stelle behaupte ich, der Mann oder Vater sei das Maß aller Dinge. An keiner Stelle befürworte oder begrüße ich, was in Sorge- oder Umgangsrechtsstreits an Negativem, Belastenden, Schädigenden oft vor sich geht und an keiner Stelle spreche ich mich für ein generelles, oktroyiertes (!) "Wechselmodell" aus (nein, auch nicht für das "Doppelresidenzmodell", das vielfach gar nicht realisierbar, praktizierbar ist - bspw. aus finanziellen Gründen nicht).
 
Aber nur, weil aktuell, d.h. nach wie vor hier einiges im Argen liegt, ist daraus nicht schlusszufolgern, die biologischen und/oder sozialen Väter seien per se unwichtig für die kindliche Entwicklung bzw. für Identitätsbildung, Identifikation, Persönlichkeitsentwicklung. Wer so "argumentiert", dreht die ganze Sache letztlich einfach nur um.
 
Natürlich ist die biologische Mutter üblicherweise die erste und wohl wichtigste Bezugs- und Betreuungsperson eines jeden Kindes - ebenfalls: aufgrund von biologischen Gegebenheiten (sie hat es getragen, geboren und kann es stillen, sie ist seit der Schwangerschaft mit dem Kind auf verschiedene Weise verbunden und das Kind mit ihr und von ihr abhängig, siehe vorgeburtliche wie auch epigenetische Einflüsse ...).

Aber das Kind trägt nun einmal rein faktisch auch die Erbanlagen des biologischen (!) Vaters/"Erzeugers" in sich und damit: Erbanlagen in Bezug auf sein Aussehen, aber auch seine Persönlichkeitsmerkmale (siehe Verhaltensgenetik) und ggf. Erkrankungen.
 
Kein Kind kommt als "unbeschriebenes Blatt" zur Welt - es trägt von b e i d e n biologischen Eltern (Mutter und Vater) die Erbanlagen in sich - und eben nicht nur die der Mutter.

Und bei der Identitätsbildung geht es entscheidend auch um Identifikation. - Nun wiederhole ich mich nicht zum x-ten Mal, denn hierzu hatte ich mich ausführlich wie gesagt bereits im blog geäußert und umfangreiche seriöse Quellen zu meiner Argumentation und den nachweislich bestehenden Fakten angeführt.

Und ich habe auch bereits dargelegt, welche Form des Zusammenlebens ich für Kinder, für Menschen grundsätzlich für geeignet, d.h. wohltuend halte
 
-
 

Deutscher Ethikrat - Das Problem der anonymen Kindesabgabe - Stellungnahme

ethikrat.org

"[…] Um personale Identität ausbilden zu können, benötigt der
Mensch eine sich über seine gesamte Lebenszeit erstreckende
Entwicklung, Bezogenheit auf andere und Verarbeitung seiner
sozialen Erfahrungen. Er muss eine Zukunft vor sich und eine
Geschichte hinter sich wissen. Er braucht Erwartungen und er
benötigt Erinnerung wenigstens an einen Teil der von ihm er-
lebten Zeit. Dabei genügt es nicht, dass die Erinnerung an seine
eigenen Erfahrungen mit umgebenden Ereignissen verbunden
ist. Jedes Individuum, das im Bewusstsein der Zeit auch von
seiner Endlichkeit weiß, braucht einen Ausgangspunkt für sei-
ne eigene Geschichte. Darin liegt der Wert der Lebensdaten, in
Sonderheit des Tages seiner Geburt und der Umstände seiner
Herkunft. Wer nicht weiß, wer seine Mutter und sein Vater ist,
ist über den Beginn seiner Existenz und die Umstände, unter
denen er abgegeben wurde, im Ungewissen. Er hat es ungleich
schwerer, Identität und Selbstbewusstsein auszubilden. Vor
diesem Hintergrund gehört es heute auch zum Standard der
Erziehung von Kindern in Pflegefamilien, dass die leiblichen
Eltern nach Möglichkeit mit einbezogen werden.
 
Eine menschliche Gemeinschaft, der es um die Entfaltung
der in ihr lebenden Individuen geht, muss die Voraussetzun-
gen dafür schaffen, dass sich jeder Mensch zu einer selbstbe-
wussten und selbstbestimmten Person entwickeln kann. Dieser
Anspruch erhöht sich in einem Staat, der nach seinem eigenen
Selbstverständnis dem Schutz der Menschenwürde verpflich-
tet ist. Es muss daher als elementarer ethischer Grundsatz und
zugleich als wesentliche rechtspolitische Aufgabe für einen
solchen Staat gelten zu gewährleisten, dass Menschen nicht
der Gefahr ausgesetzt werden, ohne Wissen um ihre Herkunft
zu bleiben.
 
VIII.2.2
Die gefährdete Identität
 
Aus den entwicklungspsychologischen und anthropologischen
Überlegungen folgt, dass die institutionellen Angebote zum
anonymen Vollzug einer Geburt sowie die Einrichtung einer
Anonymität garantierenden Abgabestelle für Neugeborene
einen elementaren Anspruch des neugeborenen Menschen
verletzen. Einem Kind wird durch das Entschwinden seiner
Eltern in die Anonymität ein schwerer Schaden zugefügt. Und
eben dieser Verlust wird mit dem verharmlosenden Begriff der
Anonymität angezeigt.
 
Für das Kind gehen durch Anonymität auch die leiblichen
Eltern verloren, es sei denn, sie bekennen sich nachträglich
noch zu ihm. Verstecken sich der leibliche Vater oder die leib-
liche Mutter jedoch dauerhaft hinter der Anonymität, sind die
hinterbliebenen Kinder für ihr Leben benachteiligt. Eine Ge-
sellschaft, die eine so eingreifende Erschwerung von Entwick-
lungsmöglichkeiten – und sei es auch nur durch die Gewäh-
rung rechtlicher Schutzräume – fördert, muss starke Gründe
dafür haben. Doch solche Gründe gibt es nicht – ausgenom-
men das Notrecht der unmittelbaren Sicherung von Leib und
Leben von Mutter und Kind.
 
Der Mensch ist auf den vertrauensvollen Umgang mit
seinesgleichen angewiesen. Die kindliche Entwicklung zum
selbstbewussten Individuum ist wesentlich auf das geborgene
Zusammensein, auf Halt gebende und zuverlässige Beziehun-
gen, aber auch auf die Ermöglichung von Eigenständigkeit
und Unabhängigkeit angewiesen, was die leiblichen Eltern
durch ihre primäre Bindung meist am besten gewährleisten.
Hier reicht die Natur in besonders auffälliger Weise in den
gesellschaftlichen Zusammenhang hinein. Die Eltern, die das
Kind gezeugt haben, vor allem die Mutter, die es ausgetragen
hat, sind die ersten sozialen Instanzen für die Sorge um einen
Menschen.
 
Fallen die familiären Bemühungen der Sorge um einen
Menschen sowie seine Pflege und Erziehung aus, muss Ersatz
geschaffen werden, wenn das Kind nicht sterben oder schwe-
ren physischen Schaden nehmen soll. Bemühungen um Er-
satz der natürlichen Eltern können für die betroffenen Kinder
glückliche und förderliche Verhältnisse schaffen, die Frage
nach der Herkunft können sie aber nicht überflüssig machen.
Im Gegenteil: Sie müssen mit einem offenen Umgang mit der
Information über die leiblichen Eltern und die frühere Wegga-
be des Kindes positiv verbunden werden.
 
Die emotionalen Bindungen der Eltern an ihr Kind sowie
der Kinder zu Mutter und Vater gehören zu den stärksten, die
es im Gefühlshaushalt des Menschen gibt. Es sind also nicht
allein die moralischen Verbindlichkeiten, die durch die Ano-
nymisierung der Herkunft eines Menschen aufgehoben wer--
den; den ausgesetzten Kindern wird diese emotionale Umwelt
geraubt. Wenn sie Glück haben, wachsen sie bei liebevollen
Pflege- oder Adoptiveltern auf, denen sie sich wie leibliche
Kinder emotional verbunden fühlen. […]
 
Der moralischen Pflicht der El-
tern, Verantwortung für das gemeinsame Kind zu überneh-
men und ihm Liebe, Geborgenheit und Schutz zu schenken,
entspricht auf der Seite des Kindes das Recht auf Pflege und
Erziehung durch die Eltern. Sofern die leiblichen Eltern dieser
Pflicht nicht genügen können, kann es verantwortungsvollem
Handeln entsprechen, dem Kind durch Freigabe zur Adoption
ein Aufwachsen in einer anderen Familienbeziehung zu er-
möglichen, ohne selbst in die Anonymität zu entschwinden. […]
 
Die Eltern haben die moralische Pflicht, Verantwor-
tung für das gemeinsam gezeugte Kind zu übernehmen und
ihm Zuwendung, Geborgenheit und Schutz zu schenken. Und
das Kind hat ein Recht auf Einbindung in seine Familie und
die Kenntnis des eigenen Ursprungs. […]"
 
Quelle: Deutscher Ethikrat/ethikrat.org -  "Das Problem der anonymen Kindesabgabe – Stellungnahme" aus dem Jahr 2009, zitierte Passagen der Seiten 74, 75, 76, 77, 82; farbliche Hervorhebungen (dunkelblau markiert) habe ich vorgenommen.
 
"[...] 10. Gründe für Wunsch nach Kontakt zum Spender
 
Die meisten Spenderkinder äußern als Grund für den Wunsch nach Kontakt zum Spender, dass sie mehr über ihn erfahren möchten, insbesondere über sein Aussehen.39 Sie erwarten dass dies ihnen helfen wird, auch mehr über sich zu erfahren. Wissen über das Aussehen des Spenders ermöglicht es ihnen, sich selbst mit einem tatsächlich existierenden Menschen zu vergleichen und auch die Vorstellung des unbekannten biologischen Elternteils mit der Realität abzugleichen.40
 
Weitere Gründe sind der Wunsch nach Informationen über die Abstammung und die Gesundheitsgeschichte. Hierhinter steht vermutlich, dass Spenderkinder bei jeder Frage nach familiären Vorbelastungen an die Bedeutung der Gene erinnert werden.41 Für Spenderkinder, die selbst bereits eigene Kinder haben, ist die Suche eine Möglichkeit, auch für ihre Kinder die Abstammung zu klären, denen ebenfalls einen Teil ihres genetischen Hintergrundes fehlt.42
 
Spät aufgeklärte Spenderkinder suchen eher nach Halbgeschwistern und aus medizinischen Gründen nach dem Spender. Früh aufgeklärte Spenderkinder suchen dagegen eher aus Neugier nach dem Spender und weil sie ihn treffen möchten. [...]
 
Der Spender übt jedoch trotzdem eine gewisse Faszination aus und sie erkennen ihn in Eigenarten und Aussehen ihrer Kinder, die"nicht über die Seite der Mutter erklärt werden können.76 Insbesondere der anonyme Spender kann sich mangels Informationen über ihn aber nicht als Person manifestieren. [...]"

Quelle: spenderkinder.de - "Psychologische Studien", farbliche Hervorhebungen (dunkelblau) habe ich vorgenommen.
 
 
Lange nicht mehr etwas so unerträglich Seichtes gelesen - und sowas bei der ZEIT (Artikel "Geliebtes Halbwesen").
 
Genau, klar: Sex ohne Fortpflanzung. Sicher - gibt ja auch schon längst Sex ohne Liebe.
Das ist nicht mein Problem (die vom Sex getrennte, abgekoppelte Fortpflanzung). - Aber liebe Frau Korek: Ihre Tochter ist jetzt zwei Jahre jung. Was antworten Sie ihr, wenn sie mal 6 oder 9 oder 12 oder 14 ... ist - und fragt, wie ihr Papa aussieht, ob er auch nie Rosenkohl mochte, als Kind, ob er lieber Schoko- oder Vanilleeis isst und ob er Deutsch oder Mathe besser konnte? Was antworten Sie, wenn Ihre Tochter fragt ob sie diese oder jene Mimik, das Gestikulieren, das Lachen ... vielleicht von ihrem Vater (da ja nicht von der Mutter) habe und ob sie eigentlich noch (Halb-)Geschwister habe - wie die wohl so seien und ob sie sie mal kennenlernen könnte? Was, wenn sie fragt, warum sie NIEMALS ihren leiblichen, biologischen "Vater" kennenlernen darf, kann!?
 
Und wenn sie sagt, dass er aber Teil ihrer Wurzeln, ihrer Identität ist - ein Teil, den sie niemals sehen, mit dem sie niemals sprechen, den sie niemals kennen (können) wird - mit dem sie niemals Zeit verbringen können wird, den sie niemals lachen hören wird ... .
? ? ?
Ja: ich kann genauso seicht wie Sie, Frau Korek.

Ich verstehe Ihren Kinderwunsch und Ihre Enttäuschung, vielleicht auch Wut, Trauer und Verzweiflung (über die Unerfüllbarkeit desselben). - Aber nein:
Es ist nicht in Ordnung, "Samenurlaub" mittels dating-Plattformen zu machen.
Es ist nicht in Ordnung, irgendwo irgendwie von einem Unbekannten schwanger zu werden ... .Und es ist auch nicht in Ordnung, einem Mann ein Kuckucksei ins Nest zu legen und also: einem Kind seine wahre Herkunft zu verschweigen, es darüber zu belügen und ihm den biologischen "Vater" vorzuenthalten: absichtlich, bewusst, willentlich.

Das alles ist ethisch, moralisch: nicht "in Ordnung". - Warum nicht? Weil niemand die Kinder fragt, weil niemand an deren (spätere) Fragen, Nöte denkt, weil die Kinder damit lebenslang zurechtkommen müssen und weil sie ein Recht auf Kenntnis ihrer biologischen Herkunft, ihrer "Eltern" haben (dürfen müssen).

Weil Sie einfach heute nicht wissen können, ob Ihre heute zweijährige (!) Tochter in zehn Jahren (oder auch erst in 20) über ihre "Situation" und den unbekannten, fernen, unerreichbaren Vater nicht doch vielleicht todunglücklich (ohne Übertreibung, ja) sein wird!
 
Es kann dies der Weg einfach nicht sein! - Ansetzen müsste man bei den Männern: Die keine Kinder (mehr?) wollen!
 
Es geht vor allem also um Identitätsbidlung - der Kinder. Und daher darf es nicht nur um die Selbstverwirklichungsinteressen der Eltern gehen. Und nein: Es ist aus genau diesem Grund auch nicht in Ordnung, wenn/dass Männer ihren Samen anonym "spenden" dürfen, dafür sogar noch Geld erhalten und die daraus entstehenden Kinder diese biologischen Väter niemals kennenlernen können. - Falls sich daran etwas geändert haben sollte, kläre man mich bitte gerne auf.

Und ebensowenig "in Ordnung" ist daher die Eizellspende und die Leihmutterschaft. Denn ein Kind, das zwei, drei oder vier unterschiedliche, biologische "Eltern" hat und dann auch noch möglicherweise von diesen abweichend: soziale Eltern - ein solches Kind wird früher oder später in seinem Leben in eine Identitätskrise gestürzt werden - und sich dann mit etlichen psychisch-emotionalen wie u.U. auch physischen Problemen (auch bspw. Krankheiten - siehe Erbrkankheiten, aber auch "nur" genetische Disposition zu bestimmten Krankheiten ...) zu plagen haben. Und daraus wiederum kann Folgendes resultieren:
Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen, Substanzabhängigkeit, selbstverletzendes Verhalten, Depression, diverse andere psychische "Störungen" und Erkrankungen und auch: Suizidalität bzw. vollzogener Suizid.

Nein, darüber sind all die Eizell- und Samenspender und all die Reproduktionsmediziner und sozialen Eltern sich nicht im Klaren bzw. verdrängen es - aus Egoismus und Ignoranz.

Wer ist hier "Anwalt der (entstehenden, dann auch geborenen) Kinder"? 
 
-
 
"[...] Leibliche Angehörige zu kennen, gibt vielen Menschen ein Stück innere Sicherheit. Viele möchten ergründen und wissen, warum sie fortgegeben wurden. Sie wollen die damit verbundene Kränkung überwinden. Und sie wollen sich selbst komplettieren. Besonders die Suche nach Geschwistern hilft bei der Identitätsfindung. Sie möchten Informationen über ihre konstitutionellen, charakterlichen, gesundheitlichen Bausteine. Wenn es gelingt, die leiblichen Eltern ausfindig zu machen und ihnen zu begegnen, so tritt für viele Adoptierte ein Stück Beruhigung und Entlastung ein. Viele können ihr Schicksal nach einer Begegnung mit Elternteilen oder Geschwistern besser annehmen.
 
Schon junge Kinder, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen können, fragen sich: Wer bin ich? Wem gleiche ich? Warum wollte meine Mutter mich nicht? Bin ich selbst schuld daran? Sie wollen zwei Lebensthemen ergründen: Warum musste ich von meiner Familie fort? Und wer und wie bin ich als Teil dieser Herkunftsfamilie? Hier geht es um die Ich-Identität, das Selbstkonzept, das sich für jeden Menschen zusammensetzt aus dem, was die Umwelt spiegelt und aus dem, was man an genetischen oder biografischen Bausteinen mitbekommen hat. [...]
 
Wer mit Vater und Mutter aufgewachsen ist, kann sich oft nicht vorstellen, welchen Leidensweg Menschen durchleben, die ohne einen oder beide leiblichen Elternteile groß werden. Der Schmerz, von der Mutter, vom Vater getrennt, verlassen, verstoßen worden zu sein, verbindet sich mit dem fehlenden Wissen um Aussehen, charakterliche Bausteine usw. Wer in Adoptiv-, Eineltern- oder Stieffamilien aufwächst, hat oft weit bis ins Erwachsenenalter an dieser tiefen Lücke zu tragen.  »Ich habe beim ersten bewussten Blick in den Spiegel keine vertrauten Züge meiner Eltern gesehen«, sagt eine heute erwachsene Adoptierte. Susanne Bongartz, ebenfalls adoptiert, schreibt in ihrem autobiografischen Roman »Der Tote von Passy«: »Ich habe, seit ich denken kann, immer ein Geschehen hinter den Fassaden vermutet. Die Faszination der Rätsel. Der Zwang, aus allem eine doppelte Bedeutung zu lesen, war überall.« In ihrem Buch »Niemandstochter, auf der Suche nach dem Vater«, beschreibt Sibylle Plogstedt, wie unerträglich es für sie ist, einen Niemand zum Vater zu haben. [...]"
 
Quelle: irmelawiemann.de - "Adoption, Pflegekinder, Biografiearbeit (...)", farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 

"Mein erstes Leben - Adoptierte Menschen ergründen ihre Wurzeln" 3sat srf

 
Einiges, das in dieser Dokumentation - "Mein erstes Leben - Adoptierte Menschen ergründen ihre Wurzeln" (srf, 3sat) - geäußert wird, macht mich sehr wütend:
 
Da ist die Schweizer Behörde, die Rebekka mitteilt, sie dürfe ihr - nachdem die leibliche Mutter der Behörde mitteilte, keinen Kontakt zu ihrer Tochter zu wünschen - auch keine Auskunft darüber geben, ob sie Geschwister habe. - Ist das zu fassen?: Ein Kind wird ungefragt geboren, in die Welt gesetzt, wird von den leiblichen Eltern weggegeben (aus welchen Gründen auch immer - so berechtigt oder nachvollziehbar sie auch sein mögen). Dieses Kind hat Fragen. Fragen nach seinen Wurzeln, es sucht nach seiner biologischen Herkunft, auch also seiner genetischen, es sucht nach Zugehörigkeit, etwaigen Gemeinsamkeiten - nach sich selbst, nach: Identität.
 
Und einem solchen Kind bzw. inzwischen Erwachsenen wird genau dies verwehrt - mit der Begründung, die etwaig vorhandenen Geschwister wüssten unter Umständen nichts von seiner Existenz, man müsse sie also vor dieser unangenehmen Wahrheit gewissermaßen schützen, man dürfe sie mit so etwas also nicht belasten. - Dabei weiß niemand, ob diese Geschwister sich nicht vielleicht freuen würden und haben sie nicht auch ein Recht auf Wahrheit - darüber also, dass es noch eine Schwester gibt (die weggegeben wurde) ... ?
 
Und wie steht es eigentlich um die Rechte dieser adoptierten Kinder - was ist mit ihren berechtigten Fragen, Wünschen nach Auskunft und auch Kontakt, dem Wunsch, die leiblichen/biologischen Eltern kennenlernen zu wollen, ihnen Fragen stellen zu wollen ... ?
Mit welchem - moralischen - Recht wird ihnen das verwehrt?
Warum respektiert man die Wünsche der leiblichen Eltern, nicht aber die der Kinder?
 
Dann der "Fall" von Nicolas: Ihm wird von seiner Großmutter (bei seinem Besuch, beim Zusammentreffen nach vielen Jahren, Jahrzehnten) gesagt, sie habe ihn weggegeben/weggeschickt, weil er selbst unbedingt habe gehen wollen - ein damals vierjähriges Kind. Er habe es immer wieder gesagt, dass er das wolle, sie selbst sei dagegen gewesen (seine Eltern waren verstorben), aber sie habe seinem Wunsch dann quasi nachgegeben. - Er selbst hingegen erinnert sich an ganz andere Szenen und Gefühle. - Da wird dann im Film gefragt, ob man der eigenen Erinnerung trauen könne ... . - Ist es zu fassen?!: Einem vierjährigen Kind kann wohl "kaum" zugeschrieben, zugemutet werden, es hätte bereits die Weitsicht über so etwas wie eine Adoption, überdies ins weit entfernte Ausland und obendrein in eine völlig andere Kultur. - Es ist einfach billig, wie sich hier jemand (die Großmutter) aus der Affäre zu ziehen versuchte - weil sie zu feige war, ihm die Wahrheit direkt ins Gesicht zu sagen, als er sie mit seinem Besuch, seiner Anwesenheit, seinen Fragen konfrontierte.
Später wurde ihm deutlich bewusst, dass man ihn tatsächlich loswerden wollte, dass die Familie keineswegs arm war, wie er bisher immer angenommen hatte ... .
 
Und schließlich ist da Nicolas´ Frau, die sagt, sie hoffe, dass er nach der Reise "mit dem Thema dann auch abschließen" könne. - Wie naiv, wie unempathisch, wie selbstsüchtig kann man sein?!: Mit einer solchen Sache schließt ein Mensch niemals ab. Selbst wenn er also Antworten erhalten hat. !
 
Und es wird an anderer Stelle gefragt, wie lange es dauere, "bis Kindertränen trocknen". - Nie.
Denn:
Das Kind in uns (allen btw) bleibt. Für immer. Erhalten, "vorhanden". - Es sei denn, wir sind dement oder anderweitig erheblich geistig beeinträchtigt.
 
Eine solche Verletzung - und das ist es - kann niemals verschmerzt werden - man versucht es: rational, aber emotional wird das niemals gelingen, weil es schlicht nicht möglich ist.
 
Das Gefühl, nicht gewollt gewesen zu sein. Das Gefühl, das Wissen, weggegeben worden zu sein. Die Suche nach den Wurzeln, nach der eigenen Herkunft, nach Identität, nach Zugehörigkeit (auch kultureller bspw.), nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit - dieser Bruch in der eigenen Geschichte, dieser Schnitt: der lässt sich nicht verschmerzen, durch Positives überdecken oder gar "heilen". Dieser "Hintergrund", ganz gleich, wie viel oder wenig man herausfinden kann/wird, er bleibt einem selbst stets als "existent", als vorhanden erhalten.
 
Nicht deshalb etwa, weil man sich selbst zum Opfer machen will, nicht, weil man sich so gerne selbst bemitleidet oder weil man sich gar als "speziell" fühlt, sondern weil es ein Schmerz ist, der so tief verankert ist: im Bewusstsein des Kindes, das man einst war und das (je nach Alter) all das bereits bewusst erlebt hat und ggf. auch erinnert (Trennung, Verlust) und später im Bewusstsein des Erwachsenen, für den es wie ein Schlag ins Gesicht ist (auch und gerade dann, wenn er erst im Erwachsenenalter vom eigenen Adoptiertsein erfährt) - als sei alles irgendwie auf einer Art Lüge, Betrug aufgebaut: die gesamte eigene Existenz, das eigene Sein, das eigene Selbstverständnis, die eigene "Identität" ... .
 
Man kann das wie gesagt rationalisieren, auf diese Weite zu händeln versuchen und genau das tun wohl auch alle Betroffenen letztlich (was sonst bleibt ihnen als Alternative?), man kann es auch verdrängen (auch das tun wohl einige), aber so sehr man es auch möglicherweise versuchen mag: Es wird einem nicht gelingen, sich selbst zu betrügen. - Der Schmerz ist eingegraben und er kommt immer wieder an die Oberfläche. Er bleibt. Ganz gleich, wie gut, angenehm, "positiv" das Leben sonst auch verlaufen mag.
 
Und natürlich ist dieser Schmerz umso heftiger, wenn die leiblichen Eltern jeglichen Kontakt, jegliches Kennenlernen ablehnen und sämtliche Auseinandersetzung und Antworten verweigern. - Das ist vielleicht nachvollziehbar, aber es ist charakterlich dennoch arm - feige und egoistisch.
 
Zu oben stehendem Link/Artikel im Freitag "Drei Eltern - und das Baby ist gesund":
 
Wer denkt hierbei über all die epigenetischen (dann zumeist noch unbekannteren (als mehrheitlich ohnehin schon)) Einflüsse/Faktoren nach?
Wer denkt hierbei über die durchaus erheblichen vorgeburtlichen Einflüsse auf den Embryo und Fetus - der ihn "tragenden", der also schwangeren "Mutter" bzw. Frau - nach?

Wer denkt über all die genetischen - dann ebenfalls noch unbekannteren (?) - Einflüsse sämtlicher "Beteiligter" nach?

Und vor allem: Wer denkt über die Schwierigkeiten der Identitätsbildung solcher Kinder nach - die tatsächlich (eigentlich) ihre "biologischen Wurzeln" sämtlich kennen können/dürfen müss(t)en und nicht nur die groben Daten (der biologischen "Eltern"), sondern erforderlich wäre für diese Identitätsbildung tatsächlich gerade auch der Kontakt zu, der Umgang mit ihnen - sie also tatsächlich "erleben", kennen zu können, zu dürfen.

Reichen die - zahlreichen negativen - Erfahrungen von so vielen Adoptierten und Kindern von anonymen Samenspendern ... noch nicht aus?
Steht also das "Recht auf Elternschaft" (??) über den Persönlichkeitsrechten des (hervorgehenden, dann geborenen) Kindes - und späteren Jugendlichen, Erwachsenen? Auf welcher Legitimationsgrundlage?

Wie begründet man - wer auf welcher Basis, mit welchen Interessen - das ethisch?
 
-
 
Könnte meine Geschichte sein - fast ... . - Tausend Fragen ... nie eine Antwort darauf. Nie. Eine Leerstelle - im eigenen Selbst. Lebenslang. - Danke: Mutter und Vater. Für eure Verantwortungsübernahme und euer Mitgefühl.
Nein, es wird mit zunehmendem Alter nicht besser, nicht leichter - das Gegenteil ist der Fall. Und dann sind da noch die eigenen Kinder ... denen gleichermaßen die Herkunft, die Basis, das Fundament fehlt. Vererbt sich - wie die Armut.
 
"[...] Aber in Sandras Erinnerung verschwinden die Details dieser ersten Begegnung in einem Loch, zu übermächtig sind die Aufregung, die vorsichtige Freude und der Zweifel, dass sie nun am Ziel sein könnte – oder auch nicht. Sie kann kaum etwas sagen, weil er kein Deutsch spricht und sie kaum Französisch. Beim Abendessen im Restaurant weint sie, überwältigt von ihren Gefühlen. Da legt ihr der Unbekannte den Arm auf den Rücken. Sie spürt, wie sympathisch und nah ihr diese arglose Zugewandtheit ist.
 
Sie beschließen, einen DNS-Test zu machen. »Wir brauchen diese Gewissheit, um uns aufeinander einlassen zu können. Es ist so viel Zeit verstrichen. Wenn wir immer im Hinterkopf haben, vielleicht ist alles nur ein schöner Wunsch, stünde das zwischen uns«, sagt Sandra. Die Mutter und ihr Vielleicht-Vater einigen sich darauf, dass er die 700 Schweizer Franken für den Gentest übernimmt, wenn Sandra seine Tochter ist. Wenn nicht, kommt ihre Mutter dafür auf.
 
Viele Begegnungen, in denen eine Tochter oder ein Sohn den Vater finden, enden an diesem Punkt der genetischen Klarheit. Hier ist die biologische Nähe und dort die Leere der Beziehung ohne gemeinsame Vergangenheit. Zwei Leben, vielleicht zwei Familien, treffen aufeinander wie Flüssigkeiten verschiedener Dichte, die sich nicht ohne Zutun mischen können. Sandra und Philippe sprechen ja nicht einmal dieselbe Sprache. [...]
 
Und dann, an diesem Tag im Juni 2010, er ist 68, kommt Sandra mit ihrem fast schwarzem Haar, ähnlich wie seins, als er jung war, auf dem Parkplatz auf ihn zu und ist vielleicht seine einzige leibliche Tochter. Zu 99,9999 Prozent besteht eine verwandtschaftliche Beziehung, schreibt das DNS-Untersuchungslabor.
-
März 2014. Sandra schaut auf die Fotos an der Wand. Da ist er Arm in Arm mit ihr in einem Boot auf dem Rhein und auf einer Almhütte. »Er ist schon älter geworden in dieser Zeit. Das geht schnell jetzt.« In ihrer Stimme liegt Sorge um den Vater, der vor vier Jahren erst in ihr Leben kam, jetzt ist er 72. [...]
 
Er hat eine Serie mit Fotos ihrer Gesichter gemacht und gestaunt, wie sie einander ähneln, besonders die Augen.
Sie sind spontan und offen, beide, sie berühren gern andere Menschen, einfach so. »Je besser ich ihn kennenlerne, desto mehr finde ich Anteile von mir, das Liebevolle, das Warme, das Herzliche, das Offene. Das ist alles auch in mir, aber es hat nie einen Widerhall in meiner Familie gefunden«, sagt Sandra.
 
Sie wäre andere Wege gegangen, glaubt sie, wäre mutiger gewesen, wenn sie ihn schon als Kind gehabt hätte. Viele Jahre hat sie sich so klein und auf sich allein gestellt gefühlt, an sich gezweifelt. Und wenn sie heute die selbstbewussten jungen Mädchen sieht, die mit 16 lauthals sagen, was sie denken, und tun, was sie für richtig halten, dann ist sie sich sicher, dass ein Kind, das den Rückhalt beider Eltern hat, anders ins Leben hinausgeht. Aber seit sie ihn gefunden hat, ist sie ruhiger geworden. Sie fühlt sich stärker.
 
»Es fehlen uns fast fünfzig Jahre. Das ist speziell«, sagt Philippe. Diese Zeit kann man nicht einfangen. Nie hat er ein Baby auf seinen Schultern getragen, nie die ersten wackeligen Schritte eines Kleinkinds an der Hand gefühlt. Er war nicht da, als Sandra verkleidet zum Fasching ging und als Jugendliche ihren ersten Freund nach Hause brachte. [...]"
 
Quelle: sueddeutsche.de - "Im Namen der Tochter", farbliche Hervorhebungen (dunkelblau markiert) habe ich vorgenommen.
 
 
Ich hatte übrigens einen sehr verantwortungsvollen, gutmütigen, fürsorglichen, guten Pflegevater - das ändert jedoch nicht das Geringste an meinem Wunsch, meinen leiblichen/biologischen Vater kennenzulernen.
Und auch dessen Desinteresse an seiner leiblichen Tochter vermag bis heute nichts an diesem Wunsch zu ändern. - Grund: Identitätsbildung, Identifikation, Persönlichkeitsentwicklung.

Und vor genau diesem - persönlichen - (Erfahrungs-) Hintergrund habe ich nicht das mindeste Verständnis für Ideologien, die den biologischen Vater für unwichtig erklären oder für Mütter, die ihre Kinder über deren biologische Väter im Unklaren lassen oder belügen.

Keineswegs "befördere" oder befürworte ich damit das Patriachat - die Herrschaft/Macht der "Väter" (die im Übrigen zumeist gerade keine Väter sind!) - mir geht es um das Recht der Kinder auf Kenntnis ihrer biologischen Herkunft (Eltern) und auf den Umgang mit u.a. auch diesen biologischen Eltern sowie um die Verantwortung der diese Kinder gezeugt habenden, biologischen Eltern gegenüber ihren Kindern.
 
Und aus genau diesen Gründen habe ich sowohl meine beiden Kinder als auch deren biologische Väter hinsichtlich ihrer biologischen Verwandtschaft nie belogen, wäre ich im Traum nicht einmal auf die Idee hierzu gekommen - waren die Umstände auch noch so misslich, schwierig, anstrengend ... . Im Gegenteil: Ich habe mich wiederholt um Kontakt zwischen Kindern und leiblichen Vätern bemüht, aber die Möglichkeit und Qualität dieses Kontakts lag und liegt eben nicht in ausschließlich meiner Verantwortung ... .

Und daher wäre jederzeit ein DNA-Test möglich, würde ich einen solchen nie je scheuen oder fürchten.

Wenn die biologischen Eltern - gleich ob Mutter oder Vater - das Kindeswohl gefährden oder gar schädigen, ist der Umgang wahrscheinlich nur erschwert oder auch gar nicht möglich - auch das aber ändert nichts an der Tatsache, dass die biologischen Eltern eben jene sind und dass das Kind Erbanlagen (in Bezug auf Aussehen, Persönlichkeitsmerkmale - siehe Verhaltensgenetik - und Erkrankungen oder Dispositionen hierzu) in sich trägt. Die Kinder können dann andere soziale Eltern haben, ihre unmittelbaren biologischen Wurzeln sollten sie aus moralischen wie psychologischen Gründen dennoch kennen dürfen können.
 
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arte-Dokumentation "Mein genetisches Ich" - Fünf-Faktoren-Modell (NEOCA) ... und genetische "Basis" ...

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