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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Petition gegen eine schädigende Psychiatrie - für heilsame, humanistische Alternativen

"[...] Die Unterbringung in der Psychiatrie soll eigentlich zu den Segnungen aufgeklärten Rechts zählen: Es will einen psychisch kranken Täter nicht strafen, sondern ihn mit dieser "Maßregel" bessern und die Allgemeinheit während der Besserung schützen. Die Praxis hat daraus einen Fluch gemacht: Die Anzahl derer, die in die Psychiatrie geschickt werden, hat sich binnen zwanzig Jahren mehr als verdoppelt: Mehr als zehntausend sitzen heute in der Psychiatrie oder der Entziehungsanstalt (die Statistik trennt da nicht); jeder Zehnte lebenslang.
 
Was ist passiert? Die Sicherheitserwartung der Gesellschaft ist massiv gestiegen. Im Zweifel wird - von Richtern und Gutachtern, und oft ohne viel Federlesens - gegen den Angeklagten entschieden. Nach seriösen Schätzungen sind fast die Hälfte der Eingangsgutachten falsch, die hohe Gefährlichkeit prognostizieren.
Diese Leute gehören also gar nicht in die Psychiatrie, kommen aber nur ganz schwer wieder heraus, weil die Folgegutachten, die die anhaltende Gefährlichkeit überprüfen sollen, so oft miserabel sind. Es gibt viel zu wenig gute Gutachter. Und die Gutachter sind aus Haftungsgründen immer weniger bereit, ein Risiko einzugehen. Im Zweifel gutachten sie für anhaltende Gefährlichkeit. Es gibt harmlose Exhibitionisten, die daher seit mehr als fünfzehn Jahren im Kuckucksnest sitzen.
 
Schuld an einem Fall wie dem Mollaths ist also nicht nur eine leichtfertige oder rücksichtlose Justiz, sondern auch ein öffentlicher Druck, der von der Justiz die rasche Entsorgung von Gefahrenquellen erwartet. Gute Justiz zeichnet sich aber aus durch penible Rechtsanwendung, nicht durch Erfüllung echter oder vermeintlicher Erwartungen. Eine Justiz, die Menschen ohne gründlichste Prüfung einen Wahn andichtet, ist selber wahnsinnig."
 
"Die Psychiatrie, der dunkle Ort des Rechts", Heribert Prantl, sueddeutsche.de 
 
 
Heilung kann immer nur ganzheitlich gelingen, möglich sein.
 
Es darf nicht einzelnen Ärzten, Psychiatern überlassen werden, über den geistigen, psychischen, emotionalen Zustand eines Menschen alleine zu befinden bzw. darf es Medizinern nicht überlassen bleiben, diverse menschliche Regungen ... immer mehr zu pathologisieren.
 
Dass die Übergänge zwischen "krank" und "gesund" fließend sind, dass eben nicht der Leidensdruck vorrangig ausschlaggebend ist (bei Trauer nach Verlust durch Tod leidet jemand auch immens, ist trotzdem deshalb nicht "krank") und dass, was als "krank" gilt, immer vor dem jeweiligen kulturellen, gesellschaftlichen, geschichtlichen, aber auch politischen Hintergrund gesehen werden muss und abhängt: das gilt es zu respektieren und entsprechend mit Menschen umzugehen: deren Würde zu wahren, deren Selbstbestimmung, deren Persönlichkeitsrechte sowie deren Eigenheiten und vor allem Hintergründe.
 
 
Häusliche Gewalt, Vergewaltigung, Femizid, silencing, victim blaming
 
Und genau d e s h a l b werden Frauen auch und gerade dann durch die Exekutive - Polizei, Staatsanwaltschaften
- aber auch durch Richter (siehe entsprechende Gutachten), durch die Justiz psychisch pathologisiert, damit d i f f a m i e r t - damit sie nicht (noch länger, weiterhin oder ein weiteres Mal) "aufbegehren", Widerstand leisten, also bspw. "ihre" Täter häuslicher, sexueller Gewalt ... anzeigen, nicht Strafanzeige erstatten.
 
Durch die psychische Pathologisierung werden die Frauen als eben "irre, wahnhaft, psychisch gestört", somit als unglaubwürdig, unseriös, nicht ernstnehmbar diskreditiert.
 
Das ist aktiver Täterschutz vonseiten der Exekutivorgane und durch sie getätigte (!) sekundäre Viktimisierung der Opfer.
 
Und Ähnliches erleben Frauen bekannterweise auch in Bezug auf das "Wechselmodell", gerichtliche Sorgerechts"streits" ... .
 
Nach wie vor also: strukturelle Gewalt, symbolische Gewalt - Patriarchat. Mit den immer gleichen, uralten Methoden.
 
"[...] “Wahnsinn” kann ein Unterdrückungsmittel sein und zugleich ein Fluchtort aus der Enge der gesellschaftlichen Rollen. [...]
Eine Frau kann eigentlich im Patriarchat nur verrückt werden, so lautet eine der Hauptthesen feministischer Psychologie und auch dieses Buches. Entweder die Frau erträgt stumm all die Unterträglichkeiten – dann ist sie “normal” (besser: normal verrückt), leidet höchstens an “Weiblichkeitswahn”, an einer unerklärlichen Leere und Sinnlosigkeit. Oder sie wird “manifest verrückt”, d.h. sie zeigt eine eigentlich gesunde Reaktion, lässt sich Unerträgliches nicht gefallen und rebelliert – dann gilt sie aber im Patriarchat unweigerlich als gestört im Vergleich zu der “normal friedfertigen” Frau: ab in die Klapsmühle bzw. hinter Schloss und Riegel. [...]"
 
Quelle der zitierten Passage: diestoerenfriedas.de - " `Wahnsinnsfrauen´ – Psychische Krankheit als Mittel zur Diskriminierung von Frauen, die sich der gesellschaftlich vorgesehenen Rolle verwehren"
 
Hierzu (Deutschlandfunk Kultur, "Wenn man sich selbst verliert") möchte ich nur nochmal kurz anmerken:
 
Was, wenn man keine (wohlhabenden) Eltern/Angehörige hat, die einen in solchen Fällen aus der Psychiatrie herausholen?

Was ist mit all den Menschen, die über Jahre in der Psychiatrie "fehlbehandelt", um nicht zu sagen: misshandelt ... werden?
Warum darf das möglich sein, warum ist es - heute noch - möglich? Aus welchen tatsächlichen Gründen?

Nein, ich denke nicht, dass es hier "nur" um Kostengründe geht - ich meine, es hat viel mehr damit zu tun, dass man nicht weiß, was man sonst mit all jenen machen soll, die in und an einer neoliberalen, inhumanen Leistungs-, Verwertungsgesellschaft mit all ihren Zwängen, Beschädigungen und "Anforderungen" zu weniger bis keinem Mitgefühl, zu wenig bis keiner Empfindsamkeit, zu wenig bis keinem kritischen Bewusstsein oder gar Aufbegehren und "Aussteigen"(wollen) zugrundegehen, die nicht stromlinienförmig funktional, verfügbar, widerstandslos, mühelos mitlaufen, die daher als "unbrauchbar", als Ballast (NS-Ideologie) bewertet werden, wenngleich sie heute so öffentlich nicht mehr benannt werden - was es nur um so perfider macht ... .

Und es hat eine Menge auch damit zu tun, dass Psychiater (wie auch andere Ärzte) sich nicht selten für unfehlbar halten, jedenfalls Fehler kaum je zugeben, am wenigsten: eigeninitiativ, sondern diese zumeist hartnäckig leugnen - mit schwerwiegenden Folgen für unzählige Betroffene und deren Angehörige ... . Und: die Gesellschaft, die an gerade all dem eigentlich tatsächlich krankt.
 
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