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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie

Über "Asoziale" und "Ballastexistenzen", über deren Marginalisierung, Stigmatisierung, über noch heute gängig verbreitete, wirkende Klischees und Ressentiments

"[...] Wer genau als "asozial" galt, dafür gab es im Dritten Reich keine genaue Definition. Die Kategorie galt für jene, die eben nicht in die nationalsozialistische Weltsicht passten und wandelte sich ganz nach den Bedürfnissen des Regimes.
"Man hat ab 1933 mehrere sogenannte Bettlerrazzien gemacht, das heißt zum einen, der größte Teil wahrscheinlich der sogenannten Asozialen setzt sich aus einem Kreis von Wohlfahrtsempfängern, Alkoholikern auch, Menschen, die am Rande der Gesellschaft sozial leben, zusammen, und das ist der Beginn der Asozialenverfolgung 1933. Das verändert sich aber sehr stark."
 
Später kamen Menschen hinzu, die gegen das Gesetz verstoßen hatten. Gelegenheitsverbrecher, Zuhälter oder auch Frauen, denen man Prostitution vorwarf. Dazu kamen Wanderarbeiter, Sinti und Roma und Erwerbslose, die man als arbeitsscheu bezeichnete.
"Das heißt, wir haben einen sehr großen und breiten Begriff, den die Nationalsozialisten verfolgen."
 
Wie viele Menschen im Nationalsozialismus unter dem schwammigen Begriff des "Asozialen" verfolgt, geknechtet und getötet wurden, ist bis heute unklar. Die wenigsten der Opfer sind überhaupt bekannt, eine seriöse Schätzung ihrer Zahl gibt es nicht. Die Opfergruppe selbst ist bis heute nicht als solche anerkannt. Dies mag auch daran liegen, dass wohl keiner derer, die als asozial verfolgt wurden, sich selbst so bezeichnet hätte. Asozialität war eine Fremdzuschreibung durch die Nationalsozialisten. Eine, die auch die Forschung zwangsläufig wieder aufgreifen muss, will sie den Opfern ein Gesicht geben. [...]
 
Zur NS-Zeit wurde Rummelsburg ein Arbeits- und Bewahrungshaus und damit einer der wichtigsten Orte für die Unterbringung sogenannter Asozialer in Berlin. Verantwortlich hierfür vor allem: Karl Eduard Spiewok, Leiter des Berliner Landeswohlfahrts- und Jugendamtes. Aus der Sicht von Rainer Klemke ein klassischer Beamter der NS-Zeit:
"Der wollte hier so eine Musteranstalt aufbauen und hat immer noch einen Zahn schärfer, als es die Gesetzgebung zuließ, diese Anstalt geführt. Auch mit dem Ziel, wenn ich möglichst viele Leute hier in meinem Herrschaftsbereich habe, dann werte ich auch meine Position auf."
1936 verfasste Spiewok einen Entwurf für ein Bewahrungsgesetz.
 
Darin heißt es:
"Der Bewahrte ist nach seinen Kräften zu nützlicher Arbeit anzuhalten und nach Möglichkeit zur zuchtvollen Einordnung in die Volksgemeinschaft zu erziehen."
Faktisch hieß das nichts anderes, als dass die Insassen Zwangsarbeit leisten mussten [...]"
 
Was sofort auffällt: das Wort JUGENDAMT - und seine Funktion als Kontroll-/Machtinstanz - so auch heute. Denn ums Kindeswohl geht es dort: nicht minimalst.
Was ebenfalls sofort auffällt, ist der direkte Bezug zu Hartz 4: ZWANGSARBEIT. Faschismus.
 
"[...] "Im Jahre 1941 wurden zum Beispiel von hier 30 jüdische Inhaftierte zur Vergasung gebracht, und im folgenden Jahr 1942 hat hier eine Ärztekommission die 1.500 Insassen begutachtet, daraufhin, welche davon dem Euthanasietod zugeführt werden sollten, und das waren immerhin 314. Und zwischendurch gab es eben noch die Zwangssterilisierung, ausgehend von dem Gedanken, das man verhindern wollte, dass Menschen, die sich asozial im Sinne des Systems verhalten, auch Kinder zeugen konnten."
Hinweise für diese Verbrechen finden sich im Berliner Landesarchiv. Hier lagern die Akten des NS-Erbgesundheitsgerichtes der Stadt. Darin sucht der Medizinhistoriker Bernhard Bremberger nach Opfern aus Rummelsburg. [...]"
 
Und an dieser Stelle verschlägt es mir ganz kurz mal den Atem, denn: exakt solche bzw. sehr ähnliche Formulierungen/Diskreditierungen/psychische Pathologisierungen finden sich IN DEN ÄRZTLICHEN GUTACHTEN DER AGENTUR FÜR ARBEIT - diese Gutachten bilden die Grundlage für das weitere Vorgehen der Jobcentermitarbeiter, liefern also die "Rechtfertigung" für Schikane, für all das Malträtieren, bis in die Existenzvernichtung (durch mehrmalige Sanktionen bis zu 100%-Sanktionen: auch und gerade bei Haushalten mit Kindern! - oder aber: durch Suizid der Opfer der Weissen Folter Hartz 4):
 
"[...] "Der Sinn der NS-Politik war, als asozial definierte auszurotten. Und da hat man dieses Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses als Mittel genutzt. Es gab lange Diskussionen darüber, ob Asozialität erblich sei."
 
Doch auch wenn zahlreiche NS-Funktionäre von der Erblichkeit der Asozialität überzeugt waren – ein schlüssiger Grund im Sinne des Erbgesundheitsgesetzes war diese Diagnose nicht. Die Mediziner griffen deshalb zu anderen Diagnosen, um ihre Anträge zu rechtfertigen. Die häufigste Wahl: angeborener Schwachsinn. Die Art der Diagnosestellung: perfide.
 
"Ich hab hier ein schönes Beispiel aus einer Akte, die ich gerade eben unten vor mir hatte, wo eine Intelligenzprüfung stattfinden sollte. Da wurde eine Frau gefragt, was so ein Spruch bedeutet wie 'Hunger ist der beste Koch', oder warum man die Häuser in der Stadt höher als auf dem Lande baut. Das Gesamturteil des Arztes war, 'sie nimmt Anteil an der Unterhaltung, ist zugänglich, antwortet meistens prompt. Wenn sie die Frage nicht beantworten kann, wird sie widerspenstig und patzig.' Und so was wie 'am Ende wird sie widerspenstig und patzig', das finden wir oft, und das ist sozusagen der direkte Schlüssel zur Diagnose angeborener Schwachsinn." [...]"
 
Wahnsinn. - Es ist so offensichtlich, worin Hartz 4 seine "Wurzeln" hat, wie ausgeprägt und augenfällig die Übereinstimmungen sind - wie es Christoph Butterwegge bereits offenlegte: Es ist Faschismus.

Und dann natürlich auch die Täter - wie bspw. die KRIMINALPOLIZEI:

"[...]
Die ursprüngliche Hoffnung der beiden Forscher, im Archiv auf Lebensgeschichten von Betroffenen zu stoßen und vielleicht Zeitzeugen von damals zu finden, hat sich nicht erfüllt. Darin liegt ein grundsätzliches Problem der Forschung: Über die Opfer der Asozialenverfolgung wissen wir nur sehr wenig - die meisten Informationen stammen aus Sicht und Feder der Täter, etwa aus Berichten der Kriminalpolizei. [...]"
 
Und schließlich haben wir in Folgendem den direkten Bezug zur heutigen Situation/Bewertung/Verurteilung/Diskreditierung der Geflüchteten (insbesondere, wenn es sich dabei um Muslime handelt) vonseiten der Rechten - es hat sich offenbar nur wenig geändert, es ist auch in Deutschland alles wieder möglich - seit Pegida, m i t AfD und IB und dem aktuell gewollten Polizei-/Überwachungsstaat (von wegen "Sicherheit für die Bevölkerung" - wie strunzendblöde kann man eigentlich sein?!) :
 
"[...] Die Verfolgung "Asozialer" erfolgte im Rahmen von Verfügungen und Verordnungen, die lokal ganz unterschiedlich umgesetzt wurden. Federführend waren dabei die Wohlfahrtsämter und die Polizei, die die Verfolgung praktisch übernahm. Ab 1937 konnten Asoziale in die sogenannte Vorbeugungshaft genommen werden. Asozialität stand ab sofort offiziell in Zusammenhang mit Verbrechen. Dieser Entwicklung ging laut Anne Allex die Vorstellung voraus ...
 
"dass Asozial in der Kombination mit arbeitsscheu immer bedeutet hatte, nach der Definition der Nazis, diesen Personen würde der Hang zum Verbrechen inne wohnen. Und die haben sozusagen mit diesem Label 'asozial und arbeitsscheu' damit für die Zukunft sozusagen prophezeit, dass diese Art der Überbevölkerung in Zukunft ohnehin irgendwann man kriminell werden würde und dann in anderer Form ihrem Staat zur Last fallen würde."
 
Im großen Stil fand die Verhaftung Asozialer im Rahmen der sogenannten Aktion Arbeitsscheu Reich statt, deren zweite Welle heute vor 77 Jahren begann. Mehr als 10.000 arbeitsfähige Männer wurden in dieser Verhaftungsaktion zwischen dem 13. und 18. Juni 1938 gefangen genommen und in Konzentrationslager verschleppt. 6.000 von ihnen nach Sachsenhausen. Prof. Günther Morsch:
 
"Das bedeutet, der allergrößte Anteil der so genannten Aktion Arbeitsscheu Reich-Inhaftierten kommt nach Sachsenhausen."
Die Aktion traf Landstreicher, Bettler, sogenannte Zigeuner, Zuhälter und Leute, die sich "nicht in die Ordnung der Volksgemeinschaft einfügen wollten". Außerdem wurden straffällig gewordene Juden festgenommen.
Auch hier zeigt sich die willkürliche Definition des Begriffs "asozial".
Mit dem schwarzen Winkel wurden zum Teil völlig unterschiedliche Personengruppen gekennzeichnet, deren einzige Gemeinsamkeit war, dass die Nazis sie als asozial bestimmt hatten. Diese Heterogenität mag auch dazu beigetragen haben, dass die Stellung der Asozialen in den Lagern eher schlecht war, meint Morsch. [...]"

So, hier nun der letzte, eindeutige Beweis dafür, dass Hartz 4-Erhaltende auch heute noch als Asoziale gesehen, diffamiert werden: wollen, s o l l e n, und das durch die Bundesregierung, nicht nur die AfD - bitteschön:

"[...] Und diese Stigmatisierung hat über die Zeit des Nationalsozialismus hinaus gewirkt – und damit auch die Aufarbeitung des Verbrechens an den sogenannten Asozialen beeinflusst, ist Günther Morsch überzeugt.
"Das Dominierende ist erst einmal, dass ja viele Täterorganisationen, die diese Menschen in die Lager gebracht haben, einfach weiter existierten. Dass auch das dahinter stehende Weltbild oder Menschenbild weiter existierte, das gilt sowohl für sogenannte Berufsverbrecher, als auch für sogenannte Asoziale. Und man erkannte ja bekanntermaßen dies nicht als Verfolgungsgrund an, das heißt weder asozial noch Berufsverbrecher noch Homosexuelle noch sogenannte Zigeuner haben je, also, in der damaligen Zeit, eine Entschädigung erhalten."
 
Seit den 70er-Jahren hat sich aus der Sicht von Morsch zwar einiges getan, was einst randständige Opfergruppen angeht – allen voran die Sinti und Roma und die Homosexuellen. Für die sogenannten Asozialen und die Berufsverbrecher gilt dies jedoch nicht in gleichem Maß.
"Beide Gruppen werden also nach wie vor aus dem Gedenken ausgeschlossen."
 
Dies zeigt sich auch Jahr für Jahr am 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Die Opfergruppe der sogenannten Asozialen wird im Gedenken meist nicht eigens benannt. So auch in der diesjährigen Rede von Bundestagspräsident Norbert Lammert, obwohl er sich mit der Liste doch einige Mühe gegeben hatte:
 
"Wir erinnern der Entrechteten, der Gequälten und Ermordeten. Der europäischen Juden, der Sinti und Roma, der Zeugen Jehovas, den Millionen verschleppter Slaven,.... der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, der Homosexuellen, der politischen Gefangenen, der Kranken und Behinderten, all derer, die die nationalsozialistische Ideologie zu Feinden erklärt und verfolgt hatte."
 
2008 richtete die Fraktion Die Linke eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung – zur Erinnerung an die Aktion "Arbeitsscheu Reich" von 1938. Anne Allex resümiert die Antwort:
 
"Unter dem Strich kam dabei heraus, dass der deutsche Bundestag und die Bundesrepublik Deutschland keinen Handlungsbedarf darin sehen, in der Rehabilitierung und Entschädigung der Gruppe der sogenannten Asozialen." [...]
 
Weiter heißt es in der Antwort von 2008:
 
"Bundesministerien und nachgeordnete Behörden, so auch das Bundeskriminalamt, haben bei der Aufarbeitung ihrer Geschichte keine Aktivitäten ergriffen oder geplant, die speziell den Umgang mit den sogenannten Asozialen betreffen."
 
Den Asozialen fehlt seit jeher eine Lobby. Die meisten von ihnen standen vor dem Nationalsozialismus am Rande der Gesellschaft – und auch danach, ist Rainer Klemke überzeugt.
 
"Wenn man sich mal anguckt, welche Bürgergruppen sich für solche Themen einsetzen, dann sind es bürgerliche Gruppen. Gutverdiener, Lehrer, Rechtsanwälte, Ärzte, etc. Und die sind meilenweit von der Lebenswirklichkeit der Menschen, die auf der Straße leben und nicht mehr als das Existenzminimum oder sogar noch weniger haben, entfernt. Und auch voller Vorurteile diesen Menschen gegenüber, weil nicht untersucht wird, wie solche Menschen in solche Situationen kommen, sondern sie sind lästig, ums ganz brutal zu sagen. Und das bis heute." [...]"
 
BINGO:
 
"[...] Für die sogenannten Asozialen gibt es kein Denkmal.
Gedenkstättenleiter Morsch geht so weit zu sagen, dass die Ressentiments der Nationalsozialisten bis heute in unseren Köpfen nachwirken.
 
"Wenn man sich die Zahl derjenigen Opfer anguckt, die seit der deutschen Einheit Opfer rechtsextremistischer Exzesse waren, dann stellt man fest, dass von denen die große Mehrheit eben aus diesem Kreis kommt, der von den Nationalsozialisten als Asozial diskriminiert worden sind. Und dies wird nach wie vor nicht in entsprechendem Maße gewürdigt."
 
Ein Beispiel für diese Verbrechen kann der Mord an Dieter Eich sein. Im Mai 2000 wurde der Sozialhilfeempfänger in seiner Wohnung in Berlin zusammengeschlagen, dann erstochen. Die Täter: eine Gruppe junger Erwachsener, darunter ein Nachbar Eichs. Sie alle hatten Kontakte zur rechten Szene. Gegenüber der Polizei gaben sie als Motiv für ihre Tat an, sie wollten "einen Assi klatschen".
 
"Es ist genau diese Gruppe, die von den Nazis früher als Asoziale bezeichnet worden sind. Die auch heute wieder eines der Hauptopfer rassistischer, fremdenfeindlicher, xenophobischer Gewalt sind." [...]"
 
Quelle: deutschlandfunk.de - "Die letzten vergessenen Opfer", farbliche Hervorhebungen (in Blau) habe ich vorgenommen.
 
"[...] Um sie zu stigmatisieren und im Lageralltag gegeneinander auszuspielen, wurden die Häftlinge in den Konzentrationslagern von der SS mit einem farbigen Stoffdreieck auf der linken Brustseite der Häftlingskleidung gekennzeichnet. Die Politischen bekamen den roten Winkel, die Homosexuellen einen rosa, die „Bibelforscher“ (Zeugen Jehovas) einen lila, später die Sinti und Roma einen braunen und schließlich – weniger bekannt – die „Asozialen“ einen schwarzen und die „Berufsverbrecher“ einen grünen Winkel aufgenäht.
 
Als „asozial“ bezeichneten die Nazis hauptsächlich bei Razzien in den Obdachlosenhäusern aufgespürte Bettler, Wanderarbeiter, Alkoholiker oder „Landstreicher“, Menschen, die in ihren Augen für die arische Gesellschaft reine „Ballastexistenzen“ waren und deshalb weggesperrt und möglichst „durch Arbeit vernichtet“ werden sollten. Das „Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher“ vom 24. November 1933 richtete sich gegen Menschen, die dreimal oder öfter wegen einer aus „Gewinnsucht“ begangenen Straftat zu Haftstrafen von mindestens sechs Monaten verurteilt worden waren. Die Taten, derentwegen diese Menschen ihre Haftstrafen abgesessen hatten, waren in der Regel mehrfacher Diebstahl, Einbruch oder Zuhälterei, bei Frauen auch Prostitution oder Beihilfe zur Abtreibung. Diese Menschen wurden von der Kriminalpolizei (!) nach Verbüßung ihrer Haft erneut festgenommen, ohne weiteres Verfahren der SS überstellt und in die Konzentrationslager überführt. Für die Nazis galten solche Menschen als nicht resozialisierbar; ihnen wurde eine genetische Veranlagung zur Kriminalität unterstellt, so dass Verbrechen zu begehen quasi zu ihrem „Beruf“ wurde. In der Ansehenshierarchie der Häftlingsgesellschaft waren die „Asozialen“ und die „Berufsverbrecher“ am untersten Rand angesiedelt, und zwar nicht nur bei der SS, sondern häufig auch unter den Häftlingen selbst. [...]
 
Die Forschung hat sie jahrzehntelang ignoriert. Gründe für das Beschweigen liegen insbesondere darin, dass die „Asozialen“ und „Berufsverbrecher“ die ihnen anhaftende Bezeichnung nach der Befreiung zum Teil selbst verinnerlicht hatten. Sich des Unverständnisses ihrer Mitmenschen bewusst, haben sie in der Regel das Bedürfnis nach Mitteilung ihres Schicksals unterdrückt. Sie haben weder Opferverbände gebildet, noch entstand eine Lobbygruppe, die sich um ihre Interessen hätte kümmern wollen. Sie haben meist selbst im familiären Rahmen geschwiegen. Sie haben keine schriftlichen Berichte verfasst, zum Teil auch deshalb, weil sie das Schreiben nicht gewohnt waren. [...]
 
Lieske fragt ausführlich nach Kontinuitätslinien und zeigt, wie die anhaltende Stigmatisierung ihre Spuren im kollektiven Gedächtnis hinterließ und bis heute Wirkungsmacht hat, etwa durch die „fortdauernde Akzeptanz bestimmter Kriminalitätsbilder und Tätertypologien durch Kriminalpolizei und Justiz“. Wie dramatisch die jahrzehntelange Forschungsabstinenz sich auf die Forschungsvoraussetzungen und die Datenlage auswirkt, zeigt die Arbeit von Sylvia Köchl. Ihr Interesse gilt österreichischen „Berufsverbrecherinnen“. Sie fand in Archiven die Namen von mindestens 42 Frauen, von denen nachweislich elf im KZ ermordet wurden, bei 22 bleibt bis heute unklar, ob sie überlebt haben oder nicht, nur neun Frauen überlebten nachweislich. Keine von diesen lebte noch, als Köchl ihre Recherche aufnahm. Ohne authentische biografische Quellen war Sylvia Köchl fast ausschließlich auf polizeiliche Haftbücher, Dokumente aus den Gedenkstätten und Gerichtsakten angewiesen, um die Lebensgeschichten der österreichischen „Berufsverbrecherinnen“ zu rekonstruieren. Immerhin acht ließen sich anhand dieser Datengrundlage gut belegen.
 
Sie alle hatten mehrere Vorstrafen, entweder wegen Bettelei, Veruntreuung oder Diebstahl (meist geringe Geldbeträge, Kleidung oder Lebensmittel) oder wegen an anderen Frauen vorgenommenen Abtreibungen. Auffallend sind in den beschriebenen Fällen die sich ähnelnden sozialen Hintergründe: Die Frauen kommen aus krisenhaften Familien, sind außereheliche oder von den Eltern ignorierte Kinder, haben eine geringe Schulbildung bis hin zum faktischen Analphabetismus, sind Produkt einer frühen Schwangerschaft, haben selbst Abtreibungserfahrungen, leben in katastrophalen Wohnverhältnissen; Armut, Krankheiten und Alkoholismus sind verbreitet. Kinderarbeit ist die Regel, kriminelle Laufbahnen beginnen früh mit der als Überlebensstrategie notwendig erscheinenden Selbstverständlichkeit des Stehlens. Nach Verbüßung ihrer Haftstrafen kommen sie als „Grünwinklige“ in das Frauen-KZ Ravensbrück. [...]
 
In Deutschland sind die ehemaligen Häftlinge mit dem schwarzen und dem grünen Winkel bis heute nicht als Opfer des nationalsozialistischen Unrechtsregimes anerkannt, da sie nicht aus politischen, rassischen, weltanschaulichen oder religiösen Gründen verfolgt worden seien. Sylvia Köchl stellt lapidar fest: „Dabei wäre es doch ganz einfach: Menschen, die wegen Verbrechen oder Vergehen strafgerichtlich verurteilt wurden und ihre Gefängnisstrafen zur Gänze abgebüßt hatten, wurden anschließend auf Betreiben der Kriminalpolizei als ‚Vorbeugungshäftlinge‘ in KZs interniert, um die ‚Volksgemeinschaft‘ von diesen ‚Gemeinschaftsfremden‘ und ‚Volksschädlingen‘ zu schützen. Das ist typisch nationalsozialistisches Unrecht.“
 
Um materielle Entschädigung geht es inzwischen nicht mehr. Die Betroffenen sind vermutlich alle tot. Wohl aber geht es um unsere Erinnerungskultur, die immer noch eine zahlenmäßig durchaus bedeutende Opfergruppe ausschließt, Schätzungen sprechen von mindestens 70.000. Für den „demokratischen und sozialen Bundesstaat“ (Art. 20 GG), in dem die „zur Befreiung des deutschen Volkes von Nationalsozialismus und Militarismus“ erlassenen Rechtsvorschriften fortgelten sollen (Art. 139 GG), ist es ein Armutszeugnis, wenn immer noch faschistische Kriterien herhalten müssen, um eine ohnehin sehr späte Anerkennung zu verhindern. Es gibt Kinder und Enkel, die bis heute nur hinter vorgehaltener Hand von Vater, Großvater, Onkel oder Großonkel sprechen, der als „Berufsverbrecher“ im KZ war. Ihnen würde es etwas bedeuten, wenn nach jahrzehntelangem Schweigen Folgendes endlich offiziell klargestellt werden könnte:
 
Auch die von den Nazis „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ genannten Männer und Frauen mit dem schwarzen und dem grünen Winkel waren zu Unrecht in den KZz. Ohne rechtsstaatliche Verfahren, aufgrund von menschenrechtswidrigen NS-Erlassen waren sie in den Arbeitslagern ebenso wie Häftlinge mit anderen Winkelfarben der Willkür der SS ausgesetzt. Viele wurden ermordet. Sie sind Opfer des Nationalsozialismus und werden als solche anerkannt.
 
Wer kann eine solche Erklärung abgeben? Im Juli 2016 wurde Norbert Lammert als Vorsitzender der „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ gebeten, dass diese sich mit der Opfergruppe der „Schwarzen“ und „Grünen“ befasst und Konsequenzen aus den inzwischen vorgelegten Forschungsergebnissen zieht. In der Satzung heißt es: „Zweck der Stiftung ist die Erinnerung an den nationalsozialistischen Völkermord an den Juden Europas. Die Stiftung trägt dazu bei, die Erinnerung an alle Opfer des Nationalsozialismus und ihre Würdigung in geeigneter Weise sicherzustellen.“ Der Appell hat jetzt dazu geführt, dass der Beirat der Stiftung am 12. Dezember 2016 auf Lammerts Wunsch die Problematik der bis heute ausgebliebenen Anerkennung intensiv diskutiert hat. Ergebnis ist ein Aufruf, wonach sich – im ersten Schritt -– der Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestags mit der Problematik befasst. Eine interfraktionelle Vereinbarung des Deutschen Bundestags könnte folgen. Das wäre eine Geste, die für eine angemessene Erinnerungskultur auch nach über 70 Jahren nicht zu spät käme. Eine formal-juristische Anerkennung der „Grünwinkligen“ als Opfer des Nationalsozialismus ist eine Voraussetzung für adäquate Formen des Erinnerns."
 
Quelle: der Freitag - "Winkelzüge der NS"; farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
... und gerade auch Anerkennung als Opfer, als massiv, "nachhaltig" Geschädigte und bis heute/nach wie vor gesellschaftlich Geächtete: der "Schwarzwinkligen"!
 
"[...] Bei der größten Gruppe der Arbeitslosen, nämlich denjenigen, die Leistungen aus der Grundsicherung für Arbeitsuchende (Hartz IV) beziehen, ist die ökonomische Deprivation besonders ausgeprägt; ihre Armutsquote liegt bei 84 Prozent.1 
 
Im Vergleich mit anderen EU-Ländern sind Arbeitslose hierzulande überproportional häufig mit Armut konfrontiert. Deutschland führt die europaweite Statistik im negativen Sinne an. Selbst in den wirtschaftlich durch die Finanzkrise stark geschwächten südeuropäischen Ländern ist das Armutsrisiko von Erwerbslosen weitaus geringer.2
 
Dass Arbeitslosigkeit mit Armut einhergeht, ist ein hausgemachtes Problem. Ursächlich dafür ist die Ausgestaltung sozialer Sicherung bei Arbeitslosigkeit. Die Arbeitsmarktreformen der sog. Hartz-Gesetze zielten auf eine „aktivierende Arbeitsmarktpolitik“. Die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I und die Leistungen der Grundsicherung für Arbeitssuchende wurden danach ausgerichtet, dass für Arbeitslose ein möglichst großer finanzieller Anreiz – oder anders gesagt – Druck besteht, eine Arbeitsstelle auch (weit) unterhalb ihrer bisherigen Verdienstmöglichkeiten, Qualifikation und berufsbezogenem Status anzunehmen. Während im Jahr 2005 der Anteil der Arbeitslosen in der Arbeitslosenversicherung noch bei 43 Prozent lag, ist er im Oktober 2016 auf nur noch 30 Prozent geschrumpft.3 Im Ergebnis befindet sich heute die weit überwiegende Mehrheit – 2/3 der Arbeitslosen – im Hartz-System und muss mit Leistungen auskommen, die nicht ausreichen, um Armut vollständig zu überwinden. Experten haben mehrfach darauf hingewiesen, dass die Regelbedarfe in der Grundsicherung für Arbeitsuchende zu niedrig bemessen sind, um das soziokulturelle Existenzminimum abzudecken und der Regelsatz mindestens 520 Euro statt derzeit 409 Euro betragen müsste.
Ihre prekäre materielle Situation wirkt sich in vielerlei Hinsicht belastend und einschränkend auf das Leben arbeitsloser Menschen und ihrer Familien aus. Das gilt vor allem für Arbeitslose, die mit Hartz-IV-Leistungen auskommen müssen. Nach Befragungen unter Hartz-IV-Beziehern geben nahezu alle Betroffenen an, dass ihr derzeitiges Leben durch finanziellen und materiellen Mangel belastet ist.4 Schon die Grundversorgung (Essen, Kleiden, Wohnen) ist nicht sicher abgedeckt. Bestimmte Dinge können nicht angeschafft werden, die in unserer Gesellschaft für einen angemessenen Lebensstandard als besonders wichtig einschätzt werden.5 40 Prozent der Hartz-IV-Bezieher können sich z.B. zuzahlungspflichtige medizinische Behandlungen, wie den Zahnersatz oder eine Brille, nicht leisten.6 Regelmäßig treten Versorgungslücken bei Winterbekleidung für Familien auf, die nicht in ausreichendem Maße angeschafft werden kann.7 Es kommt immer wieder vor, dass die Menschen Einschränkungen bei ihrer Ernährung machen müssen, und z. B. Ende eines Monats die Menge oder Qualität ihrer Nahrung reduzieren.8 Nicht ohne Schamgefühle weichen dann manche auf das Angebot der Tafeln aus. Unerwartete Ausgaben (z.B. eine defekte Waschmaschine) führen in der Mehrheit der Familien mangels finanzieller Auffangmöglichkeiten zu sofortigen Problemen. Die stärksten Einschränkungen gibt es bei all den Aktivitäten, die soziale und kulturelle Teilhabe, also ein halbwegs normales Leben in der Gemeinschaft, erlauben würde. In vielen Familien fehlt ein Computer.9
 
Die materiellen Begrenzungen führen dazu, dass die allermeisten Arbeitslosen ihre gesellschaftlichen Aktivitäten einschränken müssen – von der ausbleibenden Kommunikation mangels Internetzugang und Computer über die Unmöglichkeit, einen Kinoabend oder einen Besuch im Restaurant zu bezahlen. Viele Kommunen legen die von ihnen geforderte Übernahme der Mietkosten so eng und unangepasst an die aktuelle Lage auf dem Wohnungsmarkt aus, dass die Leistungsberechtigten große Mühe haben, überhaupt eine Mietwohnung zu finden und sich letztlich mit schwierigen Wohnverhältnissen zurecht finden müssen. Mehr als drei Viertel aller Kinder im Hartz-IV-Bezug leben in Haushalten, die sich keine einwöchige Urlaubsreise leisten können. In nicht unerheblichem Maße drücken Sanktionen Leistungsberechtigte weiter unter das Existenzminimum. Im Jahr 2015 wurden rund 416.000 erwerbsfähige Leistungsberechtigte mit mindestens einer neu festgestellten Sanktion bestraft.10 Infolge der Sanktionen werden die Leistungen mitunter vollständig eingestellt. In der niedrigsten Sanktionsstufte wird der Regelbedarf um mindestens 10 Prozent gekürzt. [...]
 
Arbeitslosigkeit grenzt aus
In dieser Leistungs- und Arbeitsgesellschaft ist Erwerbsarbeit essentiell für den gesellschaftlichen Status und die gesellschaftliche Teilhabe. Arbeitslose werden, insbesondere dann, wenn sie von Fürsorgeleistungen abhängig sind, häufig gesellschaftlich abgewertet. Ein erschreckendes Beispiel hierfür liefert der „Thüringen Monitor“, eine jährlich veröffentlichte Studie13 über die politischen Einstellungen der Bürgerinnen und Bürger im Bundesland Thüringen. Die von der Landesregierung in Thüringen beauftragte wissenschaftliche Studie legte im Jahr 2014 offen, dass die Durchschnittsbevölkerung Langzeitarbeitslose mehrheitlich ablehnt. Mit einer Ablehnungsquote von 53 Prozent werden sie von der Bevölkerung noch häufiger abgelehnt als etwa Muslime oder Asylsuchende. Die negative Haltung wird häufig mit der irrigen Annahme begründet, dass sich „Arbeitslose ein schönes Leben machen“. Arbeitslosigkeit wirkt auch ausgrenzend, weil Betroffene infolge eines Jobverlusts aus sozialen Beziehungen, die die Arbeit vermittelt hat, herausgerissen werden. Beziehungen zu ehemaligen Arbeitskollegen oder über die Arbeit vermittelte Beziehungen gehen verloren. Scham, Selbstvorwürfe und materielle Knappheit begünstigen einen weiteren Rückzug. Am ehesten bleiben noch die Kontakte zu dem engsten Umfeld, etwa der Familie erhalten.14 Allerdings leben Arbeitslose häufig alleine. Nur jede/jeder fünfte Arbeitslose im SGB II lebt in einer Paarbeziehung.15 Schon lange ist bekannt, dass sich Menschen umso stärker ehrenamtlich oder politisch engagieren, je besser ihre gesellschaftliche Stellung, ihr Bildungshintergrund und Einkommen sind. Unter den Hartz-IV-Beziehern ist nur etwa ein Viertel in Vereinen, Gewerkschaften, Kirchengemeinden, Parteien oder sonstigen Organisationen aktiv. Demgegenüber engagiert sich jede/jeder zweite Erwerbstätige in solchen Organisationen.16 Nach den Untersuchungen von Klaus Dörre ist Arbeitslosigkeit jedoch nicht mit einem kompletten Verlust sozialer Beziehungen, sondern eher mit einem Wandel der sozialen Netzwerke verbunden. Man trifft sich eher mit Gleichgesinnten und -gestellten, mit denen man sozial mithalten kann und auf deren Verständnis man trifft. Ein erheblicher Teil der Arbeitslosen ist trotz oder wegen widriger Umstände bürgerschaftlich, gesellschaftlich aktiv, helfend, sorgend und pflegend in der Familie engagiert.17 Allerdings erfahren diese jenseits der Erwerbsarbeit liegenden Formen der Betätigung, wie z.B. die Betreuung und Unterstützung von Angehörigen oder ein ehrenamtliches Engagement fast immer weniger Anerkennung als Erwerbsarbeit. [...]"
 
Quelle: der-paritaetische.de - "Arbeitslosigkeit macht arm"; farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
MATERIELLE ARMUT macht: alt, hässlich, einsam und krank. Nachweislich und grundsätzlich. Und das ist genau so gewollt. Global im Übrigen - ebenfalls: augenfällig.
 

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