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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie

Über den Selbstbetrug, die Selbsttäuschung, die Selbstschonung

"[...] Die Beispiele zeigen: „Wir täuschen uns bei Dingen, die wirklich wichtig für uns sind", wie die Philosophin Kathi Beier von der Universität Wien feststellt.
 
Ob der Selbstbetrug wirklich nützt, ist umstritten. Viele Psychologen betrachten ihn als eine Art Immunsystem der Seele: Er soll vor den täglichen Gefahren schützen, die unsere Psyche bedrohen. Somit, propagieren jene Psychologen, trägt Selbsttäuschung zu unserem Wohlbefinden bei. Als Beleg für ihre These verweisen sie darauf, dass depressive Menschen ehrlicher zu sich selbst seien. Im Umkehrschluss lügen sich zufriedene oder glückliche Leute öfters in die Tasche: Sie sehen weg, lenken sich ab, prüfen nicht nach. „Sie deuten die Fakten so um, dass sie ihrem Selbstbild in den Kram passen", erklärt Albert Newen. [...]
 
Das Maß an Selbsttäuschung sei meist nicht kontrollierbar, sodass sie „dem Einzelnen häufig schadet", findet er. Dass sie Menschen glücklich mache, hält er durch Studien in keiner Weise für belegt.
Van Leeuwen verweist auf ein Experiment des renommierten US-Psychologen Roy Baumeister. Demnach werden Menschen, die stark zur Selbsttäuschung neigen, vielfach als innerlich unruhig und unentspannt wahrgenommen. Die Selbsttäuschung verführe Menschen dazu, unglücklich zu bleiben, statt sich mit der Ursache ihres Missbefindens auseinanderzusetzen – und es möglichst aus der Welt zu schaffen. [...]
 
Trivers' These lautet: „Wir belügen uns selbst, um unsere Mitmenschen besser belügen zu können." Denn wer in wichtigen Dingen lügt, ohne erwischt zu werden, „hat Vorteile, die sich auch evolutionär widerspiegeln", meint der Biologe – bemessen an der Zahl der Nachkommen. [...]
 
Brutstätte der Selbsttäuschung ist laut Trivers das Unbewusste – was seiner Ansicht nach auch erklärt, warum sie überhaupt funktioniert. Das klingt nach Sigmund Freud, dem Übervater der Psychoanalyse, ist aber vor allem eine Frucht der modernen Neurowissenschaft. Nach deren Erkenntnissen hat man bewusste wie unbewusste Erinnerungen, Meinungen, Gedanken und Haltungen, deren Inhalte keineswegs immer übereinstimmen – auch wenn es um ein und dasselbe Thema geht, beispielsweise Rassismus. [...]"
 
Quelle: Bild der Wissenschaft - "Lug und Selbstbetrug"; (farbliche) Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
"[...] Neurosen gelten als mißglückte Versuche des Menschen, mit den immer neuen Konflikten, vor die die Triebentwicklung das Kind angesichts elterlicher oder gesellschaftlicher Verbote stellt, fertigzuwerden. Ein mehr oder minder schwaches Ich fügt sieh dabei entweder den Verboten oder erkämpft sich ein gewisses Maß an Freiheit, oder es rettet sich in die Geheimsprache seiner Symptome, in denen es Lust und Gehorsam mühsam zu verbinden versucht.
 
Im günstigen Falle fühlt es dabei in der aktuellen Szene seine Konflikte und darf seine Gefühle auch ausdrücken: Wut, Haß, Trauer, Freude, Lust, Triumph oder den Schmerz der Niederlage. Wo nicht gefühlt oder gehandelt werden darf, kommt das reichhaltige Arsenal der Abwehrmechanismen zu Hilfe, und im Keller lobt fortan der Hexenkessel des Unzulässigen.

Wie aber, wenn eine Instanz, die das Fühlen erst möglich macht und die heim Konfliktmodell der klassischen Psychoanalyse im Ich fast selbstverständlich vorausgesetzt war als aktives Zentrum aller Abwehrvorgänge, schon im Anfangsstadium verkümmert oder austrocknet: das Selbst. Woraus es sich nährt, ist durch Heinz Kohuts Formulierung fast sprichwörtlich geworden: aus dem Glanz im Mutterauge.

Doch dieser Glanz kann vergiftet sein, und um die Art dieses Gifts kreist Alice Millers Buch. Vieles von dem, was sie schreibt, ist von Pionieren der Psychoanalyse der letzten zwei Jahrzehnte in manchmal schwieriger Begriffssprache bereits formuliert worden, und sie nennt selbst die Namen, hei denen sie Anhalt und Rückendeckung gefunden hat: Spitz, Mahler, Winnicott, Kohut und andere. [...]
 
Kein Mensch hat ein angeborenes Selbst, das aus eigener Kraft zur Entfaltung käme. (Goethes Entelechie der Persönlichkeit wäre eine Behauptung von etwas rein Hypothetischem, wäre es ihm nicht absolut geläufig gewesen, daß es dazu des mütterlichen und väterlichen Nährbodens bedarf.) Aber es gibt ein angeborenes Bedürfnis nach der Entwicklung eines Selbst. Nur: Wer es nähren will, muß guten Boden in sich haben. Er muß sich so verhalten können, als hätte schon das Neugeborene eine Persönlichkeit, deren selbständiges Wachstum Freude bereitet. Und er muß ein selbständiger, mit sich weitgehend einverstandener Mensch sein, wenn er die neu sich bildende Selbständigkeit bejahen und mit Freude fördern will. [...]
 
Viele Mütter brauchen gefügige Kinder, an denen das eigene innere Chaos gerade noch in Schach gehalten werden kann. Oder sie brauchen sie, um überhaupt ein Echo auf ihr sonst leeres Leben zu haben. Oder sie brauchen sie, um ihre geheime Selbstverachtung durch grandiose Zukunftsphantasien für das Kind zu heilen. Das Gefühlsleben des Kindes kippt dann um wie ein überdüngter See, der sich nicht mehr selbst regenerieren kann. [...]
 
Es wird kaum einen Analytiker geben, der nicht das eigene Verstanden-Werden oder Selbst sein-Dürfen an wichtigen Stellen entbehrt hätte. Die Gefahr- ist nur, daß die Patienten dann für ihn etwas leisten müssen, was Mutter und Vater nur unzureichend geben könnten: totale Autmerksamkeit, Beachtung, Bewunderung und die endliche Respektierung der eigenen Meinung.

Folgerichtig handelt das erste Kapitel des Buches nicht nur vorn "Drama des begabten Kindes", sondern auch von der "narzißtischen Störung des Analytikers", der sicher sein kann, daß das, was er hinter der Couch zu sagen hat, eine Art von Aufmerksamkeit findet, die sonst nur Menschen in Starsituationen zuteil wird, selbst dort, wo er vom Patienten bekämpft wird.

Die "Ermordung des Gefühls" (mit der Folge von leere, Verzweiflung, Scham und Depression) ist Alice Millers Thema, das Drama der Wiederbelebung des Fühlens die therapeutische Kehrseite. Man spürt, daß sie den Schmerz der Selbstverlorenheit an eigener Seele durchlitten hat und bereit ist, mit jedem Patienten anzunehmen, daß "seine Gefühle eine Geschichte erzählen, die noch niemand kennt". Oft genug ist es eine Geschichte mit sieh wiederholenden Szenen. in denen gerade die Kreativität des Kindes, seine Begabungen, seine selbständige Sensibilität oder seine eigene Entdeckung der Welt das Gleichgewicht der Mutter oder der Familie bedrohten.
 
Die subtilen Strafen der Beschämung und der Demütigung dringen bei diesem unterirdisch geführten Kampf gegen die Selbstentfaltung des Kindes tiefer ein als grobe Verbote. Alles, was an Verachtung hat geschluckt werden müssen, muß in der Behandlung dann vorübergehend der Therapeut schlucken. Für viele Analytiker ist dies die am schwersten zu bestehende Herausforderung, und die Erkenntnisarbeit, warum ein Patient ihn verachtet, braucht ein längeres Stück Weg bis zu ihrer fruchtbaren Erhellung: Sie führt unweigerlich zu den Klippen des Selbstwertzweifels, die jeder in sich trägt. Schaut man sich aber um und spürt zunehmend deutlich, wie subtil Verachtung in vielen sozialen Bereichen ein wichtiges Mittel der Selbsterhaltung ist, dann wird der Vorstoß zu den Quellen von Verachtung und Selbstverachtung ein mutiges und dringliches Unterfangen.
 
Alice Millers Buch ist von einem Ton des "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" getragen, der noch erkennen läßt, wie weit der Weg zur befreienden Erkenntnis war. [...]"
 
Quelle: Der Spiegel (29/1979) - "Suche nach dem verlorenen Selbst"; (farbliche) Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
Ein wichtiger, wirklich: gehaltvoller Artikel, der trotz seines Alters in nichts an Aktualität, an Bedeutung verloren hat. Aus einer Zeit, da der "Spiegel" noch lesenswert war. ;) Keine Ahnung, warum so relativ viele (Rechtschreib-) Fehler enthalten sind?

In die Tiefe gehen, authentisch und wahrhaftig sein - mit: sich selbst (zuerst und vor allem). Auch bzw. gerade, wenn/wo es schmerzt. - Kaum etwas ist so schädlich (für das eigene Selbst wie für Andere) und aufhaltend, die Entwicklung, Reifung hemmend wie der Selbstbetrug.
 
Und wer jetzt sagt "Na also, es sind eben doch die bösen Mütter schuld!" ;D, dem sei gesagt: Die Mütter waren und sind oftmals aus (bekannten) Gründen schlicht überfordert und wurden selbst (als Kinder) - meist auf ähnliche Weise ;) - geschädigt. - Was Mütter überfordert, ist bspw. das Folgende: existenzielle Not/Sorgen/Ängste, Druck/Zwang, der auf sie ausgeübt wird (auch Kontrolle gehört dazu), belastende Lebensumstände also, wozu auch (chronische) Erkankungen gehören (können) und ganz besonders auch: das Mit-allem-Alleingelassensein, keine regelmäßigen, erforderlichen Regenerationsphasen haben zu können, sozial isoliert zu sein ... . Vielen Müttern von insbesondere kleinen Kindern (die also "noch" nicht fremdbetreut werden) geht es so, insbesondere alleinerziehenden und umso mehr dann, wenn sie also nicht in eine Gemeinschaft eingebunden, eingebettet sind, die die Mütter stärkt, "nährt", Sorge trägt, dass Mütter "gut Mutter sein" können - dazu gehören neben dem Vater noch weitere Bezugspersonen - für sowohl die Mütter als auch unbedingt die Kinder! Und je länger eine Mutter in diesem Überforderungszustand bleibt (weil sie keine Entlastung, Unterstützung findet - weil dies stets immens mit gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun hat, nicht nur heutzutage, aber eben auch/noch immer: heute), umso schlechter wird es der Mutter physisch und psychsich und früher oder später auch - zwangsläufig - ihrem Kind gehen. - Sie hat dann keine "Kapazitäten" mehr: zu GEBEN - wenn ihre eigene "Batterie" aufgebraucht, leer ist.
 
Der oben stehende Beitrag im Deutschlandradio ("Kinder - Wie die Idee Gott in den Kopf kommt"), veranschaulicht Folgendes in aller Deutlichkeit:
 
Die "Idee Gott" wird Kindern aktiv in den Kopf und ins Gefühl gesetzt - Kinder haben sie nicht von sich aus, es bedarf der Indoktrination; und diese ist grundsätzlich (hinsichtlich jeglicher Ideologie) bekannterweise bei Kindern angewandt/eingesetzt am erfolgreichsten. Denn was einmal wirklich eingeprägt wurde, worauf das Kind geprägt wurde, das verliert es selbst mit intensiver Willensanstrengung zumeist lebenslang nicht mehr; von möglichen Phasen der Opposition und Distanzierung - meist in der Zeit der Pubertät und Adoleszenz - abgesehen; später kommt der religiös, d.h. auf religiösen Glauben geprägte Mensch darauf fast ausnahmslos doch immer zurück - er kann nicht anders - es ist ihm gewissermaßen eingraviert, einprogrammiert: worden. Und das ist eben all jenen (Ideologen) durchaus bekannt, weshalb sie es sich also zunutze machen - in jeder Religion geht genau das - das Prägen, das Indoktrinieren von Kindern (mittels einer Ideologie) - daher seit Jahrtausenden genau so vonstatten, wie wir wissen.
Im dradiokultur-Beitrag geht das aus folgender Passage abermals hervor:
 
"[...] Aber man kann religiös erzogene Menschen nach ihren frühesten Erinnerungen an Religion fragen. In meinem Religionsunterricht habe ich Schülerinnen und Schüler ihre Erinnerungen aufschreiben lassen. Das Ergebnis ist interessant: Viele erinnern sich an den Baum an Weihnachten, an den Gottesdienst mit der Oma, an Kerzen und Bilder, den Duft bestimmter Räume, an das Tischgebet, das Abendgebet, den Nikolaus, an Lieder und an die feierliche Stimmung, die von Liedern ausging. Kaum jemand erinnert sich an dogmatische Sätze. In das Gedächtnis kommen Räume, Figuren, Gestalten, Melodien, Atmosphärisches, Gegenstände und Dinge, die in der Vorstellung des Kindes etwas ganz Besonderes waren, mehr waren als nur ein Ding. (...)
 
Die Frage ist, warum gerade diese Personen und Dinge, diese Gesten und Rituale im Gedächtnis sind. Die Antwort: Weil sie für das Kind Bedeutung hatten [...]
 
So entsteht das Weltbild des Kindes. Und so werden Gegenstände zu Bedeutungsträgern. Sie lösen Gefühle aus, stellen Verbindung her, sie schaffen Geborgenheit, Nähe und Gemeinschaft, sie umhüllen ein Geheimnis, sie halten manchmal die Angst vor der Nacht in Schach, kurz: sie wirken. Der Theologe Paul Tillich hat genau diese Eigenschaften dem religiösen Symbol zugesprochen. Diese Fähigkeit zum "Symbolischen" in seiner physisch greifbaren Form ist also bereits im frühen Kindesalter da. Auf sie greifen Kinder zurück, wenn sie spielen und Dingen Bedeutung zusprechen. Nichts anderes geschieht in der Religion, wenn wir Religion als eine Weise verstehen, der Welt deutend zu begegnen.In den Jahren zwischen vier und sechs, also bis etwa zu Beginn der Grundschulzeit, verändert sich die kindliche Wahrnehmung und Deutung der Welt. Nachdem das Kind längst weiß, dass es Dinge gibt, die man nicht sehen kann und doch da sind, entwickelt es nun genauere Vorstellungen vom Unsichtbaren. Es entwickelt eine Vorstellung für mythisches Denken. [...]"
 
Man benutzt, missbraucht also eben dieses kindlich-mythische Denken, diese Entwicklungsphase von Kindern, ihre Offenheit und Schutzlosigkeit (!), ihre natürliche Naivität und ihr Vertrauen, um genau an dieser sensiblen Stelle seine Ideologie einzupflanzen, einsickern zu lassen - konsequent, beharrlich.
 
"[...] Die weitere Entwicklung verläuft dann häufig so, dass aus dieser Gestalt über den Wolken eine Gestalt im Menschen wird. Der Gottesort verlagert sich in den Menschen. Gott ist im Herzen, und man spürt ihn im Innern. Von da aus ist es nur ein kleiner Schritt zur Psychologisierung der Gottesvorstellung, wie sie ab dem Jugendalter typisch wird. Hier wie dort haben wir Orte des Unsichtbaren. Ins Herz eines Menschen kann man nicht sehen und in die Seele des Menschen auch nicht. Die Konzepte des Unsichtbaren ändern sich, im Kern aber bleibt es dieselbe Aussage. [...]"
 
An dieser Stelle frage ich mich, weshalb man so etwas, eine solche "Idee" oder Vorstellung, überhaupt erst erschaffen muss - wozu? Warum braucht es (für manche Menschen) einen "Gott" - warum können sie nicht einfach Güte ... je selbst "im Herzen tragen"?
 
Menschen sind anlagebedingt empathisch. Und Empathie bzw. Mitgefühl ist der Urgrund jeglicher Moral. - Empathie und insbesondere Mitgefühl kann allerdings im Kindesalter (!) gepflegt, befördert, genährt werden (durch vor allem empathischen, bedürfnisorientierten, liebevollen, feinfühligen Umgang mit dem Kind) oder aber beschränkt, beschnitten, abgeklemmt. - Weshalb das, das im Menschen ohnehin bereits natürlicherweise angelegt ist und zu intrinsischer Moral (d.h. entsprechendem, mitfühlenden, prosozialen, kooperativen Verhalten) führt, nun in ein "Außenwesen", eine "äußere Macht" oder Entität verlegen? - Wozu?!: Um Menschen besser "führen", lenken, manipulieren, instrumentalisieren zu können. - Keine Frage. Es geht um Macht, Unterwerfung, Ausbeutung.
 
"[...] Bisher ist klar geworden: Gottesvorstellungen durchlaufen im Kindesalter eine mehrstufige Entwicklung. Sie setzt an bei spontan-intuitivem Denken, geht über zu einer mythologischen, später zu einer psychologisierenden Gottesvorstellung. Der Religionspädagoge Fritz Oser hat den Prozess religiöser Entwicklung vielfach untersucht, und zwar unter der Frage, wie Menschen Gott und das Geschehen in der Welt miteinander in Verbindung bringen. Herausgekommen ist ein Stufenmodell religiöser Entwicklung. [3]
 
"Ein Kind versteht Gott zunächst als eine Macht, die unbeeinflussbar alles tut und wirkt - wie ein 'Deus ex machina", ein 'Gott aus einer Maschine'. Demnach geschehen die Dinge eben oder sie geschehen nicht, und zwar allein weil Gott es so will. Auf einer zweiten Stufe - im Grundschulalter - erleben Kinder Gott als ein Gegenüber, mit dem man wechselseitig Handel treiben kann, ein Gottesverhältnis auf Gegenseitigkeit: Bin ich gut und lieb zu Gott, ist Gott auch gut und lieb zu mir. Dieses Konzept wird in dem Maße erschüttert, wie das Selbstbewusstsein und das Wissen um die eigenen Möglichkeiten wachsen. Hier beginnt die Stufe 3. Das Kind erlebt sich zusehends als Individuum und sagt sich: Es sind die Menschen, die die Dinge in der Welt machen und bewirken, und nicht Gott. Dies ist eine einschneidende Trennungserfahrung: Gott ist zwar nicht einfach weg, aber man kann sich nicht - oder nicht mehr - vorstellen, dass er in das Weltgeschehen eingreift. Gott tut, und der Mensch tut. Jeder für sich. Gott wird nicht geleugnet, aber welchen Einfluss er auf das Leben der Menschen und auf die Welt hat, das kann man sich nicht mehr so richtig vorstellen. Die alte Mythologie funktioniert nicht mehr. Wer vorher mühelos glauben konnte, gerät nun in eine Glaubenskrise. Diese Krisenerfahrung empfinden viele als das Ende ihrer Kindheit."
 
Glaubenswissen muss an Lebenserfahrungen anknüpfen können
In Osers Theorie gilt die "Stufe 3" als kritischer Punkt in der religiösen Entwicklung. Behauptet diese Stufe nicht im Grunde eine natürliche Weichenstellung hin zum Atheismus? Kritiker wenden hier gerne ein, das Stufenmodell sei dem Phänomen des Glaubens nicht angemessen. Beim Glauben gehe es nicht um Psychologie, sondern um Inhalte, um Bekenntnis und Tradition. Ich halte diese Einwände für nicht stichhaltig. Die Erfahrungen aus Religionsunterricht und Seelsorge zeigen: Glauben ist nicht die allgemeine Übernahme vorgegebener Wahrheiten. Glaubenswissen muss an bestimmte Lebenserfahrungen anknüpfen können. Und genau dahin führen auch die Ergebnisse des Stufenmodells. Auf der vierten Stufe nämlich, in der Regel nicht vor dem Erwachsenenalter, komme es - so stellt Oser fest - zu einer neuen dialogischen Beziehung zwischen Gott und Mensch: Gott wirke nun durch das Tun des Menschen. Der Mensch handele, weil es für ihn einen letztgültigen Grund gebe. Die Krise führt zur Entdeckung einer neuen Selbstständigkeit. Das Ergebnis ist ein Leben aus einem selbstbestimmten Glauben. [...]"
 
Alles sehr richtig - bis zum Punkt am Ende:
Die vierte Stufe - der erwachsene, selbständig denkende Mensch erkennt. Und: zweifelt. - An der Existenz "Gottes" wie auch an diversen Glaubensinhalten, an Überlieferungen, an Dogmen ... . Zurecht. Wie sollte er auch nicht?: Als eben denkender, denkfähiger, mit Verstand, d.h. Erkenntnis- und Urteilsfähigkeit begabter, belegter und als mitfühlender Mensch.
 
Und dann beginnt folglich der bewusste Selbstbetrug - der absichtsvolle. Der sogenannte "Sprung" in den Glauben: mit dem der glauben wollende (bzw. müssende - siehe die in der Kindheit erlebte/erlittene Indoktrination) Mensch sich über seine (eigentlich) nicht ignorierbare Erkenntnis, sein schmerzvolles (!) Mitfühlen und seine drängenden, nagenden Zweifel hinwegzuretten versucht.
 
Man kann sich also "nicht mehr so richtig vorstellen, welchen Einfluss Gott auf das Leben der Menschen und auf die Welt hat" - so heißt es im Beitrag, s.o. - "die alte Mythologie funktioniert nicht mehr". Aha?!
 
Und diese "Krisenerfahrung" werde als "das Ende der Kindheit" empfunden. Als viel mehr: das Ende des Kindseins. - Ach nein?! - Das bedeutet im Umkehrschluss allerdings nichts anderes, als das Festhaltenwollen an eben der Kindheit, an kindlich-naiven Vorstellungen, wenn: man diese Krise nicht überschreitet, bewältigt, sondern einfach an den Punkt vor ihr Eintreten zurückkehrt, wenn man sich also über seinen Verstand hinwegsetzt und Zuflucht beim kindlichen Gefühl von Geborgensein sucht, sich in diese Phase zurückversetzt und dort verharren möchte - mittels des religiösen Glaubens, an den man dieses Geborgenheits-/Sicherheitsgefühl geknüpft wähnt - eben weil es einem exakt so (damals, in Kindertagen) ja - aus eben diesem Grunde/zu auch disesem Zwecke! - vermittelt, eingepflanzt wurde. ... Und das Gift entfaltet folglich und augenfällig erst jetzt, in fortgeschrittenem Alter, mit vorangeschrittener Entfaltung des Verstandes, seine Wirkung:
Der Verstand wird nicht für voll genommen, wird angezweifelt, wird übergangen, herabgesetzt, wird unter den Glauben/das Glaubenwollen geknechtet. - Das ist das Resultat der erfolgreichen Indoktrination des Kindes. Die Saat ist aufgegangen.

Und das gelingt vor allem auch deshalb so gut, weil der Glaube außerdem vermeintlich Halt und Trost "gibt", das jedoch nur auf Basis eben des Glaubens, des Selbstbetrugs. Man kann ein gutes Stück Verantwortung, also auch Last, Schwere, auf diese Weise abgeben und überdies Zufälliges, Absurdes, Unerklärliches, Zweifel, Ungewisses als (vermeintlich, vorgeblich) "sinnhaft" interpretieren.
 
Und wenn es im Beitrag heißt, "Gott wirke durch das Tun der Menschen" - so frage ich mich: wer oder was "wirkt" da? Und wo im Menschen - auf welche Weise? - Mit anderen Worten: Warum soll das "Gott" sein - warum ist es nicht einfach: der Mensch selbst: sein ganz und gar eigenes, persönliches Denken, Fühlen, Wollen? - Eben. ;) Genau das: ist es.
 
Schließlich ist im Beitrag zu lesen "Der Mensch handele, weil es für ihn einen letztgültigen Grund gebe.". - Welchen "letztgültigen Grund"?: Den von ihm, dem Mensch, selbst konstruierten, kreierten, phantasierten: die vermeintliche Existenz (eines) "Gottes" also?
 
Und warum ist dieser "Gott" ein männlicher (Vater, Sohn, Heiliger Geist), warum ist er doch immer wieder/nach wie vor so anthropomorph? ;) - Wir wissen (!) - siehe Wissenschaften, dass der Monotheismus zeitlich, historisch mit dem Beginn des Patriarchats zusammenfällt.
 
Und wozu braucht "der" Mensch einen solchen "letzten Grund"? - Das bedeutet doch nichts anderes, als dass der religiös gläubige Mensch eine Art "Vater", "höhere Macht" - oder wie immer man es nennen will - braucht, jedenfalls will, wünscht - um existieren zu dürfen und: zu können
 
Haben wir hier nicht wieder das kleine Kind von einst ... ? Das sich also gerade nicht geistig selbständig, unabhängig gemacht, selbst entwickelt, entfaltet hat: zu geistiger Eigentsändigkeit und Freiheit. - Es braucht dieses "erwachsen", jedenfalls groß gewordene Kind noch immer einen Beschützer, einen "Ansager", ein Wesen, das vermeintlich über es wacht, das alles "lenkt", das schlauer und "besser" und mächtiger ist als es selbst. Es ist ein solcher Mensch folglich geistig bzw. emotional Kind geblieben: in diesem Bereich seiner Persönlichkeitsentwicklung, seines Selbst. Deshalb der gewünschte, gewollte Paternalismus.
 
Es genügt solchen Menschen nicht, all das, das um sie ist, als das zu nehmen, das es ist, das sie so - als Mensch - wahrnehmen, beobachten, erleben, bestaunen, sich daran erfreuen oder aber über manches empört, auch erschüttert, wütend und traurig und auch verzweifelt sein können. - Sie brauchen das Gefühl, es habe alles (s)eine "Orndnung" - es sei alles letztlich "gut und richtig": so, wie es ist - weil es ein "Wesen" oder eine "Macht" gibt, die "es besser weiß als sie selbst", die alles lenkt und richtet.
 
Diese Menschen möchten: Verantwortung abgeben - wenigstens einen Teil. ;) Sie ertragen den Zufall, das Ungewisse, den Zweifel, das Absurde und den Schmerz (!) nicht, den Gedanken, dass alles, folglich auch "der Mensch" und somit gerade auch sie selbst, ihr persönliches (Da-) Sein, ihre Existenz, ihr gesamtes Leben, Tun, Mühen, Ertragen, kontingent ist. Sie wollen das nicht wahrhaben (müssen).
 
Und sie möchten sich beschützt und geborgen fühlen: wie als Kind. - Nur: sind sie eben keine Kinder mehr ... . Sie verweigern den Schritt zur Reife, zum wirklichen Erwachsenwerden, zur geistigen und emotionalen Eigenständigkeit und: Verantwortung.
Sie schaffen sich einen ihr Selbst - bzw. viel mehr ihr Ich/Ego - schonenden Raum: der Glaube als Selbstbetrug, als Selbstschonung, als Zufluchts"stätte": vor sich selbst, vor dem eigenen Ich, dem Menschsein, vor der je eigenen, menschlichen Freiheit und - damit stets einhergehend: vor der Verantwortung. Somit auch: vor dem Schmerz.
 
Und besonders vor der Erkenntnis des Alleinseins. Denn letztendlich sind wir alle genau das: allein. In uns, mit uns: selbst. In tatsächlich allem, das wir erleben, denken, fühlen. - Nicht zuletzt, aber ganz besonders: im Leid(en) und im Sterben.
 
Davor fürchtet sich der gläubige Mensch; und um seine Furcht (für) sich selbst erträglich(er) zu machen, konstruiert er einen "Gott" - "den letzten Grund", den "Sinn- und Bedeutung-Geber". Ein vermeintlich übergeordnetes Wesen oder eine solche Instanz. Damit er sich vorstellen/vormachen kann, sein diesseitiges Leben sei mit seinem Tod nicht "in alle Ewigkeit" zu Ende und alles sei letztlich doch nicht ;) "vergeblich" gewesen (siehe Sisyphos).
 
Letztendlich sucht er Trost. - Der Glaube bietet Halt und Trost. Man kann sich damit selbst/für sich selbst Erleichterung verschaffen. - Zu einem nicht geringen Preis:
 
dem Selbstbetrug. Nichts weniger als das.
 
Denn: Spiritualität ist nicht das Gleiche wie (religiöser) Glaube.
 
Wer seine ebenfalls "angelegte" Spiritualität leben, ihr Raum geben möchte, benötigt hierfür keinen religiösen Glauben, aber auch keinen anderen - keinen Aberglauben ... . Keine: Religion, keine Ideologie, d.h. keine Ge- und Verbote, Dogmen, (Handlungs-/Verhaltens-) Anweisungen. Diese dienen nicht zur moralischen Orientierung - wie so aber behauptet wird, wie sie so angepriesen werden - sondern dafür, Menschen gefügig, lenkbar, manipulierbar und letztlich instrumentalisierbar, ausbeutbar zu machen.
 
Zur moralischen Orientierung haben wir auf basaler, emotionaler Ebene die allen Menschen ursprünglich innewohnende Empathie bzw. das Mitgefühl (siehe, wie oben bereits erwähnt und in den verschiedenen Links erläutert) und auf "theoretischer", intellektueller, auf der Metaebene: die Ethik - welche ein Teilgebiet akademischer Philosophie ist.
 
Und was das "Wort" anbelangt, das angeblich (von "Gott"?) "jedem von uns zugesprochen" wird (in aller Gnade also ;D ) - nun, ich habe nichts gegen Poesie einzuwenden und auch romantisch kann man bisweilen gerne sein, aber realistisch betrachtet: ist das dem Bereich der Phantasie zuzuordnen.
In dieser darf auch ein "Gott" (was oder wie immer das sein soll) einen Platz, eine Existenzberechtigung haben - es sollte einem dies jedoch stets bewusst sein und bleiben: dass "Gott" der eigenen Phantasie, dem eigenen wie zum Teil kollektiven, kindlichen Wünschen entspringt - aus oben genannten Gründen.
 
Amen. ;)
 
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... Es ist immer das gleiche Spiel: Wenn du Menschen - um ihnen ihre Selbstgerechtigkeit, Selbstgefälligkeit, Selbstlügen vor Augen zu führen - an ihren je persönlich wundesten Punkten triffst, blocken sie ab - ergreifen sie die Flucht (meist, nachdem sie es zuvor mit "Angriff" erfolglos versucht haben).
 
Die wenigsten Menschen sind (so) erwachsen, reif, selbstreflektiert, stark und couragiert, dass sie zulassen können, sich über diese (je eigenen) wunden Punkte offen/ehrlich und selbstkritisch auseinderzusetzen - sie überhaupt zunächst einmal zuzugeben (sich und anderen einzugestehen). Sie verorten die "Schuld", die Ursachen allen Übels ;) grundsätzlich lieber in/im Anderen - um eben: genau nicht auf sich selbst blicken zu müssen - und gar in Folge: etwas verändern zu müssen (an eigenen Einstellungen, Überzeugungen, Verhaltensweisen).
 
Das Karussell der (Selbst-) Lügen dreht sich daher unaufhörlich weiter: im Kreis.
 
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