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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Jens Söring - zurück im Leben

update 18. Juli 2022
 
Viele werden das nicht verstehen oder es für übertrieben, unpassend halten, aber immer noch und immer wieder und seit Jahren schon sehe ich so viele Parallelen zwischen Knast und Armut - die auch ein Gefängnis ist: oft lebenslang.
 
Habe mir mittlerweile zahlreiche der Videos, Gespräche von/mit Jens Söring angehört - ja, Parallelen sehe ich auch persönlich:
Keine Perspektive, keine Zukunft zu haben, Jahre, Jahrzehnte "verlorenen", entzogenen Lebens, der Selbstbestimmung, Vitalität, Würde, die Isolation ... .
 
Jens sagt immer wieder, es sei wichtig, für etwas zu kämpfen, um durchhalten zu können, nicht zu verzweifeln, nicht zu resignieren, (sich) nicht aufzugeben - bei mir waren das knapp 30 Jahre meine beiden Kinder.
Irgendwann fehlt dir einfach die rein p h y s i s ch e Kraft fürs Kämpfen.
 
Krankheit, Armut, fehlende Mobilität, gesellschaftliche, kulturelle Teilhabe, das Vegetieren in der eigenen Wohnung - immerhin keine Knastzelle! - das Verwaltet- und Beschädigtwerden durch staatliche Institutionen, Jobcenter, Gerichte, der stets vergebliche Kampf dagegen ... die Folge des sozial Isoliertseins, der sozialen und emotionalen Deprivation, der fehlenden "Kontakte in die Außenwelt", der fehlenden Bindungen, Beziehungen (seit Kindheit), das BESTRAFTWERDEN fürs Unbemitteltsein, für das Verweigern des Gehorsams ...
 
Das alles ist natürlich nicht gleichsetzbar mit all dem, das Jens Söring durchlitten hat - und: wie lange ... ! - aber immer noch, immer wieder ist mir vieles, das er sagt, sehr "bekannt" aus nicht gleicher, aber doch ähnlicher eigener Erfahrung.
 
Immer ums Existierendürfen kämpfen müssen, seit frühester Jugend (mit 18 das erste Mal schwanger, mit 19 das erste Mal Mutter, alleinerziehend, kein familiärer Rückhalt, Beistand, kein Geld ...), nie Wertschätzung erhalten, immer selbstverständlich Geben, Sorgen (Kinder) - dabei Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt verbraucht, zermürbt werden, durch all den Verwaltungs-, Behörden-, Gerichtsdreck, der nur Nerven, Zeit, Geld kostet, NIE wohltut. Immer als Ballastexistenz gemieden werden.
 
Ich frage mich durchaus: Wozu?
 
Warum um jeden Preis, unter allen Umständen existieren, vegetieren, kämpfen, leiden, aushalten, weitermachen - denn mit "leben" hat das nichts zu tun.
Weil die meisten von uns nicht die Stärke zum Schlussmachen haben? Weil man sich dafür selbst Gewalt antun, leiden muss.
 
Jens Söring im unten verlinkten Video: "Niemand überlebt sowas alleine."
 
Soziale Isolation ist sukzessive vernichtende Schmerzerfahrung, siehe dazu abermals Joachim Bauer "Schmerzgrenze". Isolationshaft: ist Folter.
 
"Wenn man nur auf dem Planeten Knast wohnt," (sozial isoliert) "dann ist das Leben die reine Hölle und es gibt eigentlich keinen Grund mehr zu leben, meiner Meinung nach."
Jens Söring
 
So sehe, "erlebe" ich das auch.
 
Trotzdem, vielleicht umso mehr ist es schön, zwei "Ex-Inhaftierte" - Jens, Maximilian - miteinander und sogar über die Haft ... l a c h e n zu sehen. Und zu sehen, dass Jens trotz eines halben Lebens hinter Gittern, im us-amerikanischen! Strafvollzug, Mensch geblieben ist.
 
Jens spricht auch über seinen Selbsthass, dass er Fehler gemacht hat. Ja, die machen wir alle, Konsequenzen: ja, Strafe, Gewalt: nein.
 
Ich hasse mich nicht selbst, ich habe mir mein Muttersein nicht vorzuwerfen, meine materielle Armut nicht selbst verschuldet. Bestraft werde, bin ich trotzdem - wie a l l e Menschen in Armut. Ich bereue nicht, Kinder bekommen zu haben, mich nicht in Ehe, Kleinfamilie von einem Mann als "Versorger" abhängig gemacht zu haben - fassungslos bin ich über das System: Staat, Arbeit, Kapitalismus, Ausbeutung: Gewalt.
 
Ich bin nicht "gescheitert", ich habe nicht "versagt" - ich werde, wie unzählige! andere materiell arme Menschen auf dieser Erde, s y s t e m a t i s c h (auf Raten) vernichtet. Und mit all diesen unbemittelten Eltern auch deren Kinder. Zwangsläufig.
 
-
"[...] Besonders prekär - und für die Zukunft unseres Globus von Bedeutung - ist der Zusammenhang zwischen der Ungleichverteilung von Lebenschancen und Aggression, insbesondere zwischen Armut und Gewalt: Armut bedeutet - vor allem für diejenigen, die ihr nicht durch eigenes Verschulden ausgeliefert sind - nicht nur existenzielle Not, sondern ist vor allem eine Ausgrenzungserfahrung. Aus diesem Grunde ist sie auch ein besonders ergiebiger Nährboden für Gewalt. [...]
 
Eine Situation jedoch, in der die einen Not erleiden, während sich andere reichhaltiger Lebenschancen und guter materieller Ressourcen erfreuen, bedeutet Ausgrenzung und tangiert die Schmerzgrenze. Hier ist über kurz oder lang zwingend mit Gewalt zu rechen. [...]
 
Aber auch in Demokratien kann es, z.B. wenn sie ausschließlich repräsentativ funktionieren wie in Deutschland, zu einem Mangel an Partizipation kommen. Besonderes starke Ausgrenzungserfahrungen ergeben sich in einem Land jedoch aus der konkreten Ungleichverteilung von Chancen. Insbesondere Armut im Angesicht von Wohlstand anderer ist eine Ausgrenzungserfahrung ersten Ranges. [...]
 
Aggression ist ein evolutionär entstandenes, neurobiologisch verankertes Verhaltensprogramm, welches den Menschen in die Lage versetzen soll, seine körperliche Unversehrtheit zu bewahren und Schmerz abzuwehren. Die neurobiologischen Schmerzzentren des menschlichen Gehirns reagieren jedoch nicht nur auf körperlichen Schmerz, sondern werden auch dann aktiv, wenn Menschen ausgegrenzt oder gedemütigt werden. Nach dem Gesetz der Schmerzgrenze wird Aggression nicht nur durch willkürlich zugefügten Schmerz, sondern auch durch soziale Ausgrenzung hervorgerufen.
 
Nicht ausgegrenzt zu sein, sondern befriedigende Beziehungen zu anderen zu pflegen, zählt zu den menschlichen Grundmotivationen. Wer Menschen von Beziehungen abschneidet, indem er sie ausgrenzt und demütigt, tangiert die physische und psychische Schmerzgrenze und wird Aggression ernten. Der Aggressionsapparat erweist sich damit als Hilfssystem des neurobiologischen Motivationssystems, welches auf soziale Akzeptanz ausgerichtet ist. Aggression wird erzeugt, wenn wichtige zwischenmenschliche Bindungen fehlen oder bedroht sind. [...]"
 
Quelle: Prof. Dr. med. Joachim Bauer (Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut) - "Schmerzgrenze - Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt", farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
update 12. Oktober 2021
 
Wenn du einmal oder mehrmals, gar dauerhaft oder schon als Kind intensiv, elementar verletzt, getäuscht, manipuliert, benutzt, objektifiziert, ausgebeutet, misshandelt wurdest, fällt es sehr, sehr schwer, je wieder Vertrauen fassen zu können.
 
Leider kennen das viele Menschen.
 
Die sich anschließenden Fragen sollten eigentlich immer die nach effektiver Prävention und Heilung (abseits von Esoterik) sein; Hindernisse liegen global in Politik, Ideologie (inkl. Religion), Gesellschaft, Menschenbild. Immer noch.
 
22. Oktober 2021
 
Nein, es lässt mich der "Fall" von Jens Söring, die Person Jens Söring nach wie vor nicht los.
 
Aus mehreren Gründen: Weil vor vielen Jahren (ca. 2009) auch ich einen kurzen Briefwechsel mit ihm hatte und weil auch ich mich gefangen, bestraft fühle, weil auch ich wie so viele andere Menschen kämpfe - seit Jahrzehnten, letztlich auch: um Existierendürfen, um Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit, Wertschätzung, Teilhabe, sichere Existenzgrundlage - für und mit zwei Kindern: seit 28 Jahren. Alleinerziehend, arm.
 
Nein, man kann das nicht mit 33 Jahren Haft in us-amerikanischen Gefängnissen vergleichen, aber auch in materieller Armut befindliche, davon belastete, beschädigte Menschen sind dies weltweit zumeist nicht selbstverschuldet.
 
Und Armut ist genau das: Gewalt, Gefängnis. Für so viele Menschen rings um den Globus: zumeist lebenslang - ohne eigenes Verschulden und obwohl sie arbeiten, malochen - unter katastrophalen, schädigenden Bedingungen ... .
 
Und dann gibt es auch ein paar biographische "Parallelen", die zusätzlich dazu beitragen, dass mein Interesse am weiteren Weg von Jens Söring, an seiner Art, mit Krisen, Widerfahrnissen, Leid zurandezukommen, bestehen bleibt.
 
Lieber Jens,
 
es reicht nicht, ein Ziel, ein "Warum" zu haben, den Sinn des je persönlichen Existierens sich selbst zu geben. Es braucht immer auch das Du, andere, Begleitende - Beziehung, Wertschätzung und Möglichkeit zu Regeneration. Man kann nicht endlos kämpfen und geben.
 
Und aus verschiedenen Gründen haben unterschiedliche Menschen: mit je eigenen biographischen Vorbelastungen, aktuellen Einschränkungen, Belastungen ... die Möglichkeit, den Zugang zu wohltuenden, stabilen Beziehungen nicht.
 
Aber letztlich ist es immer vor allem Beziehung, die Heilung ermöglicht, durch die Heilung vollzogen wird. Abseits jeglicher Esoterik und/oder religiösen Glaubens. Tatsächlich.
Mit Liebe und Beziehung meine ich btw nicht romantische, monogame Paarbeziehung.
 
Vielleicht ist es d e i n Weg, der d i r geholfen hat, mit deiner Situation, deinen Erfahrungen, deinem Leid zurandezukommen, es "zu bewältigen". Aber es gibt möglicherweise - Resilienz-Ratgeber hin oder her - nicht den einen Weg, der für alle "passt".
 
Und ja, doch: Auch der Suizid i s t eine "Option", ist eine Entscheidung, ist zu respektieren - statt ewig nur zu pathologisieren, tabuisieren, abzuwerten.
 
Und wer nun ggf. den Kalenderspruch anführt "Der Weg ist das Ziel.", dem sei gesagt: Auch den ganzen, gesamten "Weg" d a r f Mensch ablehnen, zurückweisen. Selbstbestimmt. Statt sich dem - zumeist sehr ausgeprägten - LebensTRIEB zu versklaven.
 
update 13. Oktober 2021
 
Was ich Jens gerne fragen würde:
 
Was, wenn du nicht diese Unterstützer, Freunde gehabt hättest? Was, wenn du keinen Zugang hierzu gehabt, keine Resonanz auf deine Bemühungen erhalten hättest?
Was, wenn du über Jahre soziale, emotionale Isolation, Einsamkeit erfahren hättest?
 
Siehe dazu seine Äußerungen - zur Wichtigkeit von Freunden - in oben verlinktem Gespräch ("Management inside, Podcast", medientraining-hamburg.de).
 
Was, wenn nach den drei Monaten des "Wartens", Ausharrens (im Juli 2009) k e i n neuer "Lichtblick", Option (die DNA-Ergebnisse) erschienen wäre?
 
Und: Kennst du das Gefühl e x i s t e n z i e l l e r Einsamkeit?
Was ich damit meine, siehe nachfolgend verlinkten blog-Eintrag.
 
Und ist Hoffnung, ohnehin Glaube nicht immer, letztlich basal, eine Form des Selbstbetrugs - zum Zwecke der Selbstschonung, Selbstentlastung, Selbsterhaltung - weil der Lebenstrieb so übermächtig ist, aller "Widrigkeiten" zum Trotz?
 
Was Prof. Christoph Safferling in oben verlinktem Video (Jens Söring - Der lange Weg zur Freiheit, New Hour Film, vom 20.07.2013, youtube) ab ca. Minute 18:28 zu richterlicher Voreingenommenheit - siehe auch erforderliche Neutralität, Unparteilichkeit - äußert, ist eine Farce, wissen wir doch alle, dass jeder entscheidende, urteilende (Einzel-) Richter an auch deutschen (Fach-) Gerichten eben dies ist: befangen - einfach schon deshalb, weil er ein Mensch ist und infolgedessen niemals tatsächlich neutral, absolut objektiv sein kann.
 
Wissen wir doch, dass jeder Richter in jeder auch zivilrechtlichen Sache von Anfang an ein bestimmtes Bild bereits hat, sei ihm dies selbst in vollem Umfange bewusst oder auch nicht, gestehe er (sich) das offen zu oder auch nicht. - Es ist absurd, von richterlicher "Unparteilichkeit, Neutralität" auszugehen, es ist naiv und realitätsfern.
 
Siehe dazu in nachfolgend verlinktem blog-Eintrag "Was im Rechtsstaat Deutschland möglich ist ..." die darin eingebundenen zahlreichen seriösen Quellen, Artikel, Links.
 
Gegen Ende des Videos, ab ca. Minute 41:00 äußert Jens folgende Sätze:

"Das wirklich Erdrückende am Gefängnis ist, dass sich nichts verändert von Tag zu Tag. Jeder Tag ist genauso wie der Tag davor und genauso wie der morgige. (...)
Das Wichtigste, was man braucht im Gefängnis, um das halbwegs zu überstehen ohne wahnsinnig zu werden, ist irgendeine Perspektive, irgendeine Hoffnung, dass das irgendwann einmal endet."
 
Und exakt so verhält es sich auch in dauerhafter, langjähriger materieller Armut, in - zumeist zwangsläufig früher oder später einhergehender - sozialer Isolation.
 

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