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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Verhältnis zur Nachbarschaft - Wer lebt, wohnt wo, wie, neben wem und warum so - mit welchen Folgen?

 
Verhältnis zur Nachbarschaft - Wer lebt, wohnt wo, wie, neben wem und warum so - mit welchen Folgen?
 
Wie ist euer Verhältnis zu, eure Kenntnis von euren Nachbarn?
 
- eher unbekannt, schade
- eher unbekannt, gut so
- distanziert freundlich
- freundschaftlich, herzlich
 
Zu meiner Nachbarschaft:
 
Wir sind ein Haus mit zehn Parteien.
Tochter und ich wohnen hier inzwischen das achte Jahr in einer Zwei-Zimmer-Wohnung.
Es ist ein weit außerhalb des Zentrums gelegener, elitärer Stadtteil - hier gibt es keine günstigen Läden oder "alternative, linke Szene" ... .
 
In diesem Haus wohnt
 
- ein bekennender AfD-Wähler mit seiner Frau und erwachsenem Sohn
 
- eine Familie mit zwei (?) älteren Kindern
 
- ein Mann (mit Partnerin?), die man beide kaum je sieht, deren Wohnung phasenweise offenbar untervermietet ist?
 
- eine Familie mit drei (kleineren) Kindern, in welcher die Mutter seit Jahren wahrnehmbar psychische Gewalt gegen alle drei Kinder tätigt (siehe, was ich dazu kürzlich bereits ausführlich schrieb)
 
- ein älteres Ehepaar
 
- ein weiteres älteres Ehepaar das mit der darunter wohnenden
 
- älteren Dame eng, familiär befreundet ist
beide der Damen sind sehr nett! :)
 
- ein alleinlebender Mann mittleren Alters (schätzungsweise Mitte, Ende 30, ggf. Anfang 40), der noch nicht lange hier wohnt, da in dieser Wohnung die Bewohner über die Jahre bereits häufiger wechselten
 
- eine ältere Dame, verwitwet, wohnt hier nun nicht mehr:
 
Sie verstarb Ende des vergangenen Jahres. Ich kannte und sah sie kaum. Zu Anfang (als wir hier neu eingezogen waren), hat sie oft für alle Nachbarn die Pakete angenommen, man konnte sich mit ihr ein wenig unterhalten.
 
In den vergangenen Jahren stand dann erst ihr Rollator unten im Treppenhaus, später ein zusammenklappbarer Rollstuhl - beides nutzte sie nie, sie konnte nicht mehr. Sie war dement (geworden), manchmal stand ihre Wohnungstür offen, sie redete wirr, verstand einen nicht.
Die beiden älteren befreundeten Damen kümmerten sich wohl gelegentlich ein wenig um sie. Sonst kam Essen auf Rädern und ein Pflegedienst. Angehörige, Familie, Kinder, Freunde hatte sie offenbar schon sehr lange nicht mehr, ihr Mann war vor vielen Jahren schon verstorben.
Zuletzt hatte ich letztes Jahr (November? Dezember?) frühmorgens (ca. 4 oder 5 Uhr) ihr Rufen an zwei unterschiedlichen Tagen gehört, die beiden älteren Damen hatten nach ihr gesehen.
Kurz darauf muss sie verstorben sein.
 
Mitbekommen habe ich das nur dadurch, dass ihr Rollstuhl plötzlich weg war und ich häufiger Renovierarbeiten (Geräusche) in der Wohnung wahrnahm.
Vor ein paar Tagen traute ich mich, einen Nachbarn (Mann einer der beiden älteren, befreundeten Damen) im Treppenhaus nach ihr zu fragen, er sagte, sie sei gestorben.
 
Warum erzähle ich das so ausführlich?
 
Weil, wenn ich mich besinne, es in fast jedem Haus, in dem ich bisher gelebt habe, mindestens eine solche ältere Dame gab, die dort über Jahre alleine zurückgezogen, einsam "lebte", dann verstarb oder ins Pflegeheim kam.
 
Wieviele ältere oder auch junge Menschen "leben" in Deutschland so: vereinsamt, sozial völlig isoliert, oft chronisch krank, alt?
Warum lassen wir das zu?
 
Warum kümmern, sorgen wir uns nicht um die Menschen, die in unserer unmittelbaren Nähe, Wohnung an Wohnung, "leben"?
 
Warum kümmern, sorgen "wir" uns nicht um regelmäßig weinende, schreiende, wimmernde Kinder, wenn wir solches in der Nachbarschaft wahrnehmen? Warum ignorieren, übergehen, verdrängen wir es, meinen, uns nicht "einmischen" zu wollen oder zu dürfen?
 
Warum versuchen wir nicht, mit uns fremden Menschen besser, wohltuender, friedlicher, hilfsbereiter, gemeinschaftlicher zusammenzuleben: gemeinsam etwas miteinander, füreinander aktiv zu tun, zu teilen, zu geben, zusammenzusein, offen, tolerant, verständnisvoll, hilfsbereit?
 
Mit anderen Worten:
Warum nicht endlich flächendeckend cohousing - statt Eigenheim, Ignoranz, Gleichgültigkeit, Abschottung, Egomanie, Angst, Wut, Vorurteile, Zwietracht, Selbstgerechtigkeit, Bequemlichkeit, Neid, Feindseligkeit, Hilflosigkeit?
 
Ja, mich beschäftigt es emotional: dass diese Frau wenige Meter unter mir gestorben ist. Alleine. Möglicherweise leidend. Dass sie so schon Jahre lang "lebte", vegetierte: alleine jeden Tag in ihrer Wohnung, wie in Isolationshaft. Einsam. Und dass wir alle es wussten.
 
Und dass wenige Meter unter mir jeden Tag drei Kinder psychisch misshandelt werden. Und alle anderen Nachbarn es - über die Jahre - auch mitbekommen, wahrgenommen haben. Und niemand etwas unternimmt, sagt, fragt ... .
 
Es gab noch eine ältere Dame, hochgewachsen, aristokratische Gesichtszüge, weißes Haar, immer lächelnd - sie wohnte nicht in unserem Haus, aber Tochter und ich sahen sie oft auf unserem Einkaufsweg, einmal hat sie Tochter auch angesprochen.
 
Ein paar Jahre später sahen wir sie nur noch in Begleitung: jemand schob sie diesen, "ihren" Weg im Rollstuhl. Sie lächelte immer noch.
 
Einige Jahre später fiel uns beiden auf, dass wir sie lange nicht mehr gesehen haben.
Seit dem: nie mehr.
Ich muss immer noch weinen, wenn ich an sie denke.
 
Randläufig sei noch erwähnt, dass mindestens und jedenfalls fünf der zehn hiesigen Mietparteien/Nachbarn "Migrationshintergrund" haben (mich eingeschlossen). Welchen, "woher", weiß ich nicht in jedem Fall, drei dieser Nachbarparteien sind "aus Russland stammend".
 
-
 

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