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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Über Einzelkinder, Geschwister, Familie, Bezugspersonen, Lebensformen, Gesellschaft

 
Meine Replik auf den verlinkten ZEIT-Artikel "Einzelkinder: Wir haben es besser" von Parvin Sadigh (vom 27. Dezember 2020), der mich auch zu diesem blog-Eintrag veranlasste
 
Weil es sich nicht um "Kitsch" handelt, sondern es darum geht, dass jeder Mensch, nicht nur, aber gerade auch Kinder, mehrere Bezugspersonen (nicht: Betreuungspersonal) braucht - für seine gute Persönlichkeitsentwicklung und auf seinem Lebensweg als lebenslang verletzlicher und bedürftiger Mensch sowie soziales Wesen.
 
Diese Bezugspersonen müssen nur nicht notwendiger- oder grundsätzlicherweise Blutsverwandte sein. Abhilfe schüfe cohousing: gemeinschaftliches, partizipatives Wohnen, Miteinanderleben, generationen- und geschlechterübergreifend, selbstverwaltet - sofern dies staatlich umfassend gefördert, unterstützt würde, inkl. entsprechender Architektur, Infrastruktur, Städtebaus ... .
 
Kleinfamilie, patriarchale (Institution) Ehe, soziale Isolation, Einsamkeit (nicht nur, aber auch im Alter), häusliche Gewalt, Kindesmisshandlung u.a.m. (siehe auch Wohnungsnot ...) könnte damit überwunden werden.
 
Was Neid, Rivalität, Eifersucht unter Geschwistern anbetrifft:
Das liegt vor allem daran, wieviel Raum, Zeit, Muße Eltern, Bezugspersonen haben, bedürfnisorientiert mit jedem Kind umgehen zu können und das hat u.a. mit Geld sowie dem Altersabstand der Kinder, Geschwister zu tun - er sollte entwicklungsbedingt mindestens 4 Jahre betragen.
 
Warum der Abstand von vier Jahren:
 
Weil Kinder im Alter unter vier Jahren mehrheitlich noch kaum Zeitverständnis haben, sich verbal noch kaum artikulieren können (ihre Wünsche, Gefühle, Nöte, Befindlichkeiten, Erlebnisse und jeweilige Konfliktsituationen kaum kommunizieren können), weil Kinder ab ca. 4 Jahre also schon verständiger, einsichtsfähiger sind - aufgrund der schon weiteren kognitiven, mentalen wie sozialen und auch körperlichen Entwicklung gegenüber Kindern unter vier Jahre.
 
Und weil Kleinkinder unter 3, 4 Jahren ihre Bezugspersonen sowohl tagsüber als auch oft noch nachts (besonders im Alter bis ca. 2, 3 Jahre, durch Krankheit auch zusätzlich) im Grunde rund um die Uhr beanspruchen, anhänglicher sind (siehe Bindung ...) - also deutlich intensiver als Vierjährige und ältere Kinder, die in diesem Alter zumeist schon selbständiger sind, eigene Bedürfnisse und Wünsche z.T. auch schon besser vorübergehend zurückstellen können, sich mitunter schon besser selbst helfen können.
So kann man deshalb bspw. auch erklären und können sie eher einsehen, dass und warum man nun, als Eltern, Hauptbezugspersonen, dem Säugling oder jüngeren Kind in bestimmten Situationen "den Vorrang gibt", dessen Bedürfnisse zuerst oder auch anders befriedigt usw..
All das können Kinder unter 4, jedenfalls aber unter 3 Jahren noch nicht verstehen und sich dazu nicht artikulieren, weshalb sie dann eben oft weinen, schreien oder resignieren ... .
 
Wie ich aber bereits schrieb, hängt all das entscheidend davon ab, wieviele Bezugspersonen für jedes Kind und auch die Hauptbezugspersonen (meist Eltern) selbst vorhanden sind, ob sie mit jedem der Kinder bedürfnisorientiert (!) umgehen können oder dies aufgrund bestimmter, innerer wie äußerer Umstände gerade nicht - mit entsprechenden Folgen für Kinder und Eltern.
 
Der gesamte Artikel liest sich übrigens, als wolle die Verfasserin sich selbst und ihrer Tochter gegenüber, das/deren Einzelkindsein rechtfertigen. Woher dieses Rechtfertigungsbedürfnis - aufgrund etwaig doch vorhandener Zweifel? ;)
 
Es bräuchte ein anderes "Gesamtgefüge", siehe bspw. von mir angesprochenes cohousing.
Wenn Kinder die Möglichkeit haben, mit anderen Kindern unterschiedlichen Alters und auch solchen Erwachsenen (unterschiedlichen Alters und Geschlechts, unterschiedlicher Einstellungen, Verhaltensweisen ...) regelmäßig Kontakt, Umgang haben zu können, ist es nicht mehr so wichtig, ob und wieviele Geschwister welchen Alters und Altersabstands sie haben.
Es sind also nicht nur oder vorrangig die Geschwister die Spielgefährten, sondern auch neben den Geschwistern oder auch ohne solche brauchen Kinder ab bestimmtem Alter vielfältige Sozialkontakte und eben auch (gleichaltrige) Freunde, Freundschaften - gerade auch unabhängig von den Geschwistern.
Dies bietet immer längere, immer frühere Fremdbetreuung m.E. allerdings nicht wirklich, oft nicht tatsächlich und auch nicht in zufriedenstellender, wohltuender, bedürfnisorientierter und bedarfsgerechter Weise.
 
Wenn Kinder - wie zu früheren Zeiten lange üblich und nicht anders möglich - länger als bspw. ein halbes oder ein Jahr gestillt wurden, war das zumeist eine Art "natürliche Empfängnisverhütung", auch deshalb waren die Abstände zwischen den Schwangerschaften größer als heute.
Zum Lernen, Spielen, Sozialisieren gab es andere Kinder in der Gemeinschaft, es mussten also nicht vorrangig blutsverwandte Geschwister hierfür da sein.
 
Wenn mehrere Bezugspersonen vorhanden und zeitlich deutlich flexibler wären (als bisher: es Erwerbstätigkeit nicht zulässt, daher Fremdbetreuung erforderlich macht), hinge das nicht an nur einer Person.
 
Zu berücksichtigen ist allerdings, dass gerade kleine Kinder - Säuglinge, Kleinkinder - Hauptbezugspersonen für ihre gute, sichere, stabile Bindung brauchen, siehe auch Prägung, Urvertrauen, Selbstvertrauen, Beziehung (-sfähigkeit) ... .
 
Ja, zumeist ist das die leibliche Mutter. Das Kind ist ja bereits vorgeburtlich mit ihr verbunden, d.h. schon die Schwangerschaft wirkt sich auf das noch Ungeborene, später auf das geborene Kind aus, siehe außerdem auch epigenetische Einflussfaktoren.
Dann ist es zumeist auch die biologische Mutter, die das Kind stillt, wodurch ebenfalls eine emotionale Bindung entsteht bzw. gefestigt wird (Oxytocin).
 
Bedürfnisorientierter Umgang hat gerade nichts mit "Verwöhnen und Verziehen" zu tun.
Je nach Alter bzw. Entwicklungsstand, -phase geht es durchaus auch darum, dass Kinder lernen, auch auf andere Menschen Rücksicht zu nehmen, das können sie aber eben erst ab bestimmter durchlaufener physischer und psychisch-emotionaler sowie mentaler Entwicklung.
 
Und eben deshalb schrieb ich bereits, dass es mehrerer Bezugsprsonen für auch die Eltern bedarf, denn anderenfalls ist es ihnen nicht möglich, diesen bedürfnisorientierten Umgang mit Kind/ern alltäglich über viele Jahre leisten zu können - auch die Eltern brauchen regelmäßige Regenerationsphasen, Zeit für sich und soziale Kontakte zu auch anderen Erwachsenen.
 
Unsere Gesellschaft und Arbeitsweise erlaubt, bietet, ermöglicht solches - siehe bspw. schon genanntes cohousing - jedoch nicht, üblich ist nach wie vor die Kleinfamilie und Fremdbetreuung aufgrund von Erwerbstätigkeit.
 
Abhilfe schüfe hier außerdem ein existenzsicherndes Sorge-Gehalt und ein emanzipatorisches Grundeinkommen.
 
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Anmerken möchte ich nochmal, dass auch ich - alleinerziehende - Mutter zweier Kinder (heute 27 Jahre alt, Sohn, und 15 Jahre alt, Tochter) bin und sehr wohl weiß, wie anstrengend gerade Kleinkinder sein können, eben weil es nahezu unmöglich ist, mindestens und jedenfalls die ersten drei Lebensjahre eines Kindes als alleinige Bezugsperson deren Bedürfnisse vollständig gut zu befriedigen, einfach deshalb schon, weil du auch noch andere Dinge (des Lebens) zu bewältigen hast, wie bspw. materielle Armut, Behördenstress, Umzüge, eigene physische (chronische) Erkrankungen, Job ... .
 
Und gerade die ersten drei Jahre sind so immens wichtig für das gesamte weitere Leben, man trägt als Eltern, insbesondere als Alleinerziehende eine immense Verantwortung - Prägung, frühkindliche Bindung, Urvertrauen, Resilienz, Persönlichkeitsentwicklung, Beziehungsfähigkeit (des späteren Erwachsenen) ...
 
Kleinkinder beanspruchen einen einfach intensiv: täglich und die ersten Jahre zumeist auch nächtlich, so dass man eigene Bedürfnisse hintanstellen muss - mehr oder weniger permanent, alleine solche nach Schlaf, Essen/Nahrungsaufnahme oder eben andere wichtige, zu erledigende Dinge (eigene Körperpflege, Lebensmitteleinkauf, Behördenangelegenheiten etc.).
Wenn man mehrere Kleinkinder (im Alter bis zu drei Jahren) zu umsorgen hat, ist das kaum gut, wohltuend, bedürfnisorientiert zu schaffen, zu leisten, insbesondere nicht völlig alleine, ohne weitere Bezugspersonen.
 
Es hilft Fremdbetreuung hier jedoch gerade nicht, weder den Kleinkindern (bis zum Alter von ca. 4 Jahren) noch den Eltern.
Erforderlich wäre vielmehr, wie es lange Zeit in der Menschheitsgeschichte so war, im Verbund mit anderen Kindern und Erwachsenen zu leben - unterschiedlichen Alters und Geschlechts, generationenübergreifend zusammenzuleben. Keine Kleinfamilie, keine Stätten, an die nur Kinder und nur derselben Alterstufe zum Aufenthalt ... gebracht wurden.
 
Sowohl Kinder als auch Eltern/Erwachsene brauchen mehrere vertraute Bezugspersonen - idealerweise unterschiedlichen Alters und Geschlechts, insbesondere aber Kinder: für deren gute Entwicklung.
cohousing würde genau das ermöglichen, so es flächendeckend verfügbar wäre, auch für all jene, die nicht privilegiert, vermögend sind.
 
Deshalb ist der Altersabstand zwischen Geschwisterkindern von nur ein oder zwei Jahren gerade nicht "ideal", auch für die Kinder nicht. Hier nochmal als Hinweis und gegen einen verbreiteten Mythos.
 
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