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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Isolierte Auflösung

 
Isolierte Auflösung
 
Es spielt keine Rolle, ob du bist, ob du warst.
Die Welt dreht sich weiter ohne dich.
Du bist, warst nicht unentbehrlich.
Niemand wird leiden, wenn, weil du nicht (mehr) bist.
Vielleicht werden Menschen nicht mehr leiden, weil, wenn du nicht mehr bist.
 
Alles, woran dein Herz hängt, ist dir längst nicht mehr zugänglich - Menschen, Orte, Tätigkeiten ... .
Du kannst keine Ziele, Wünsche (mehr) verwirklichen, konntest es kaum je.
Dir fehlten von jeher die materiellen, finanziellen Mittel, die Sozialkontakte, Vernetzung, Unterstützung, Begleitung, Förderung, die Räume, Gelegenheiten, die Mobilität und längst auch schon fehlt dir die physische Kraft, Energie, Vitalität.
Es gibt keine Heilung, insbesondere keine physische.
 
Auch als Mutter hast du versagt, kannst deinen beiden Kindern nicht Halt, sichere Basis, Unterstützung, Begleitung in ihr eigenes Leben, für ihren eigenen Weg sein.
Sämtliche Türen, an denen du seit so vielen Jahren immer wieder vergeblich gekratzt, um Einlass gebettelt hast, blieben, bleiben dir verschlossen.
 
Alle Kämpfe sind verloren. Die gegen körperliche Krankheit, Armut, Ausgrenzung und für Existenzsicherung, Lebensraum, Selbstbestimmung gleichermaßen wie jene gegen den Staat, die Justiz und das Altern, den physischen Verfall.
Es bliebe nur noch das Aushalten. Sinnloses Leiden. Für nichts.
 
Im Sterben schrumpft der Mensch zur bloßen Kreatur, die nur mehr aus nachlassenden, versagenden Vitalfunktionen, Schmerz, Qual, Ausgeliefertsein besteht und so vorübergeht, endet. Im Nichts. Für nichts. Ohne Sinn, ohne für jemanden oder etwas gut, wohltuend, bewegend, berührend, anregend gewesen zu sein.
Die Absurdität menschlichen Seins, Bewusstseins (seiner Vergänglichkeit, Vergeblichkeit). Mit freundlichen Grüßen von Camus.
 
Alles Kämpfen, Ertragen, Durchleiden, Mühen, Bewältigen, Fragen, Bitten, Warten, Sehnen, Hoffen, Verzweifeln und auch alle gelegentlich erfahrene Freude war, ist, bleibt vergeblich, sinnlos, redundant. Bis zum letzten, bewussten oder schon nicht mehr bewussten, Atemzug.
 
Es gab keinen Abschied von Verstorbenen (Eltern - den biologischen wie den sozialen, Freunden, die vor Jahren schon "vorausgegangen" sind).
Es gab und gibt kein Wiedersehen.
Es gab nicht einmal ein Kennenlernen (mit unbekanntem biologischen Elternteil).
Es gibt keine Heimat (mehr). Nirgendwo.
 
Es gab keine Versöhnung. Trotz allem intensiven Bemühen darum.
 
Für deine Kinder gab es keine Leichtigkeit, Geselligkeit, Geborgenheit, keine Vorfreude auf Reisen, Urlaube, keine neuen, fremden, aufregenden, lebenslang prägenden, unvergesslichen, schönen, überwältigenden (Natur-, Landschafts-) Eindrücke, Erlebnisse, Erfahrungen, Freuden in deren Kindheit. Du konntest ihnen den Zugang hierzu nicht ermöglichen und niemand anderes unterstützte dich dabei, darin.
 
Deine eigenen Orte der Kindheit sahst du vor drei Jahrzehnten zuletzt - in deiner Kindheit. Du wirst sie nie je wiedersehen, -erleben, (neu) erfahren können und auch keine anderen Orte dieser Welt, dieses Landes, dieser Stadt.
 
Deine Welt ist so lange schon winzig klein, nicht bunt, nur schwarz-weiß; wie sie es so für alle Menschen in materieller Armut lebenslang ist. Unausweichlich, unüberwindlich. Ohne eigenes Verschulden.
Wie alle Menschen in Armut um das einzige Leben, das sie nur hier, jetzt ein Mal "haben", betrogen werden, wie es all diesen ungezählten Menschen mit all ihrer Individualität, Persönlichkeit, ihrem Potenzial, ihren Träumen, Wünschen, Bedürfnissen, Sorgen, Nöten ... genommen wird und so lange, schon immer genommen wurde.
 
Es gibt keine Gerechtigkeit.
 
Es gibt nur das Geworfensein. Widerfahrnisse. Der Rest ist Schein, Show, Selbstbetrug - zur Selbstentlastung, zum "Trost". Zu Lasten anderer. Und der Kreis schließt sich ... .
 
Und dein Weinen gilt sowohl deinem als auch all ihrem Schmerz, Leid, all ihrer Verzweiflung, Not, ihrem Elend, ihrer Ausweglosigkeit, ihrer Qual, Trauer, Hoffnungs-, Aussichtslosigkeit - all dieser totalen Vergeblichkeit.
All der unerträglichen Lebensqual der Waisen, Zurückgelassenen, Vereinsamten, Gefolterten, Geschundenen, Ausgebeuteten, die ohne Schuld all das Leid trifft - oft vernichtend. Und jede Hilfe bleibt allenfalls ein Tropfen in der Wüste.
 
Wie sollte, wie könnte das für auch nur einen einzigen (auch selbst nicht betroffenen) Menschen, der darum weiß, ertragbar sein.
 
Aber vor all diesem bleiernen Tatsachenhintergrund darf man - als bewusster Mensch - nicht einmal wenigstens menschenwürdig, schmerzfrei, sicher, selbstbestimmt sterben. Man soll, muss enden wie eine verstandlose, vernunftlose Kreatur, wie ein unbewusstes Tier. Man soll, muss auch im Sterben unbedingt noch leiden.
Sie verhindern, tabuisieren, pathologisieren die Selbsttötung mit allen perfiden, infamen, abstoßenden Mitteln, voll Heuchelei, Ignoranz, Härte, Kälte, Selbstgerechtigkeit, Sadismus - bar jeglichen Mitgefühls und jeglicher Menschenvernunft.
 
Gegen das Leiden zu Lebzeiten, gegen all das unfreiwillige qualvolle Sterben (in, wegen Armut, Krieg, Gewalt ...) tun sie nichts. Jene, die sterben, ihrer Existenz ein Ende setzen wollen, quälen sie selbst dann und deshalb noch zusätzlich.
 
Es bleibt nichts mehr. Nichts mehr zu erwarten, zu hoffen. Keine Entlastung, keine Verbesserung, keine Freude.
Es bleibt nur das permanente Entbehren, das Leiden, der Verfall. Bis zum einsamen Ende.
 
Es kommt niemand, dich zu halten, dich zu wärmen, dich zu entlasten, dir wohlzutun - dich zu lieben.
Dein Flehen, durchaus vernommen, geht ins Leere. Kein Widerhall. Keine Antwort. Kein Beistand.
Isolierte Auflösung.
 
Es spielt keine Rolle, ob du bist, dass du warst. Für niemanden.
Es wird sein, als wärst du nie gewesen. Wie gerne wärst du nie gewesen, frei von der Bürde, geboren zu sein.
 
Fünfzehn Jahre Hartz-Vollzug.
Fünfzehn Jahre soziale Isolation, entzogene Mobilität, Teilhabe, Zugehörigkeit, Kultur, Mitgestaltung, Wertschätzung, Perspektive, Selbstwirksamkeit, Würde.
 
Fünfzehn Jahre irreversibel geraubte Lebenszeit - bei mir meine 30er und 40er Jahre. Unwiederbringlich "verloren", vergangen, entzogen, genommen. Wissentlich, absichtsvoll. Hartz IV.
 
Die Strafe für 27 Jahre allein Alleinerziehendsein, geleistete Sorge-Arbeit, allein getragene Verantwortung seit frühester Jugend, für überzeugt Ledigsein, für seit vielen Jahren chronisch physisch krank sein (ohne Zugang zu hilfreicher, schulmedizinischer Behandlung).
Die Strafe schon für einen weniger günstigen Start ins Leben ... . Wie üblich, wie bei so vielen anderen ähnlich.
Es gibt keine Gerechtigkeit. Es gibt keinen Ausgleich. Es gibt keine Wiedergutmachung - keinen: Frieden.
 
Sinnlos. Vergeblich. Absurd.
Sofern man weder Märtyrer noch Masochist ist.
 
Endlich nicht mehr ums Überleben, bloße Existieren (-dürfen), nackte Vegetieren (-müssen) ringen (wollen, sollen).
 
Auflösung. Isoliert.
 
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Es gibt Menschen, die stehen dem Leid anderer, gerade auch ihnen nahestehender Menschen gleichgültig, ignorant gegenüber.
 
Es gibt Menschen, denen das Leid anderer tiefe Befriedigung, auch Lust bereitet.
 
Und es gibt Menschen, die das Leid anderer, auch gerade ihnen nahestehender, anekelt. Es ekelt sie an.
 
Die wenigsten Menschen reagieren - augenfällig - auf das Leiden anderer, schmerzfähiger Lebewesen mit Mitgefühl und entsprechendem Verhalten.
 
Aus Gründen.
Mit bekannten, wahrnehmbaren Folgen.
 
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