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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Gedanken über das Ende, das Sterben, den Tod

 
Jeden Tag denken wir und verhalten uns, als währte unser Leben ewig.
 
Als reihte sich bis in alle Ewigkeit ein Tag an den nächsten. Als erlebten wir gewiss weiterhin Jahr um Jahr.
Als hätten wir endlos Zeit.
 
Zeit, unsere Angelegenheiten zu regeln, bestimmte Unternehmungen aufzuschieben, erforderliche Taten hinauszuzögern, gebotene Verhaltensweisen zu verdrängen, zu vertagen, zu unterlassen.
 
Zeit: bewusstes Leben, Denken, Fühlen, Sich-Verhalten auf später zu verschieben, auf irgendwann - in einer Zukunft, die wir möglicherweise nicht (mehr) erleben werden.
 
Wir wissen um all das und "leben" dennoch Tag um Tag, Alltag - unbewusst. Selbstverständlich.
 
Als währte unsere Existenz ewig.
 
Als wären wir nicht sterblich. Als wüssten wir nicht um unsere begrenzte Zeit, um die Kontingenz, um die Unvorhersehbarkeit, um die Ungewissheit über die uns noch verbleibende Lebenszeit.
 
Als gäbe es, wenn nicht gegenwärtig, so doch gewiss zukünftig endlose, zumindest weitere, neue, andere Möglichkeiten.
Als gälte es nur, daran zu glauben, darauf "hinzuleben" oder dies geduldig abzuwarten.
 
Als hätten wir uns mit allen Gegebenheiten, Umständen und Widerfahrnissen schlicht abzufinden, alles anzunehmen, auszuhalten, zu "bewältigen", zu ertragen, zu erdulden, zu durchleiden.
Gerade so, als hätten wir keinen Verstand, keine Vernunft, keine Gefühle - keine Nöte, Ängste, Schmerzen. Als kennten wir keine Verluste, Trauer, Verzweiflung.
 
Als wären wir Kreaturen ohne Bewusstsein, ohne Reflexionsfähigkeit, ohne Gedächtnis, Erinnerung, Zeitverständnis - ohne Reife.
 
Bis die, "unsere" Zeit schließlich allmählich oder abrupt, unerwartet verbraucht ist. Abgelaufen. Abgerissen. Irreversibel.
 
Jeden Tag denken wir und verhalten wir uns, als wüssten wir nicht um all das. Als gäbe es immer wieder ein Morgen, einen weiteren Tag, ein weiteres Jahr. Gedankenlos. Verschwenderisch. Bequem. Unbewusst. Feige. Einfältig.
 
Wir sind sterblich.
Alle.
Jeden Tag. Zu jeder Zeit. Lebenslang.
Gewiss.
 
-
Conditio humana
 
Als sterblich, einhergehend dann zumeist auch sterbewillig, erfährt, empfindet Mensch sich vor allem in Situationen und Phasen leidvoller Krankheit, intensiven, insbesondere langanhaltenden physischen und/oder psychischen Schmerzes und spürbaren Alterns, im "Erleben", Erleiden von existenzbedrohender bis eben tatsächlich existenzvernichtender Belastung, Gefahr, Beschädigung, absoluter Ausweglosigkeit, Unabänderlichkeit, Unentrinnbarkeit - somit im Zustand fehlender oder nicht mehr erkennbarer, nicht mehr erfahrbarer Selbstwirksamkeit.
 
Mensch ist mit seinem Leib, seiner Leiblichkeit untrennbar verbunden, d.h. ein Mensch, ein Individuum i s t dieser, sein je persönlicher Leib, durch, mit, in dem er alle (!) sinnlichen, mentalen, psychisch-emotionalen Erfahrungen macht, Erlebnisse, Empfindungen, Gefühle, Eindrücke, Erinnerungen hat und auf dieser materiellen, "stofflichen" Basis - in, mit seinem Gehirn (stets in Verbindung mit dem gesamten Körper, Nerven, Nervenverbindungen ...), durch selbiges - all diese Eindrücke, Wahrnehmungen, Empfindungen, Gefühle, Erlebnisse, Gedanken, Denkprozesse (bewusst, unbewusst, vorbewusst) "verarbeitet", ein-, zuordnet, bewertet, beurteilt, abspeichert, kombiniert, analysiert, erinnert, verändert und auch: vergisst.
 
Daran ändert auch Drogenkonsum, Medikamenteneinfluss oder Meditation nur wenig:
Kein Mensch kann ohne seinen Leib, seine Leiblichkeit - als Mensch - existieren, existent sein, mag er sich - aus bekannten Gründen - noch so oft einen "übergeordneten" oder irgendwie vermeintlich von seiner Physis, seiner Leiblichkeit unabhängigen "Geist" herbeiwünschen und zusammenphantasieren.

Es hilft nichts - Mensch ist und bleibt lebenslang, bis zu seinem Tod, eben dies: auf vielerlei Weise bedürftig und verletzlich.
Ob es ihm gefällt, ob er das zu akzeptieren befähigt ist oder nicht.
 
Es ist allerdings so hilfreich und entlastend wie empfehlenswert, diesen Umstand, diese unumstößliche, evidente Tatsache so früh als möglich im je persönlichen Leben zu erkennen und zu akzeptieren, da dies sowohl dem jeweiligen Individuum selbst als auch es umgebenden und mit ihm interagierenden anderen viel unnötiges Leid erspart.
 
Es gibt kein "Heraus" aus der Conditio humana, jedenfalls nicht, so lange Mensch Mensch ist (und nicht etwa Cyborg oder Androide).
Weder mittels Drogen, (Aber-) Glaube, Esoterik, Okkultem, Mystik, Meditation, Selbst- und Weltflucht, Selbstbetrug oder irgendetwas anderem.
 
So lange Mensch Mensch ist, erlebt, erfährt, empfindet, fühlt er Schmerz, Leid, Begehren, Bedürftigkeit, Verletzlichkeit, Sehnsucht, Freude, Trauer, Angst, aber auch ggf. Erkenntnis, Zugehörigkeit, Wertschätzung, Neugier, Entwicklung, Persönlichkeitsreifung, Mitgefühl, Verbundenheit, Solidarität, Erfülltsein, Dankbarkeit, Liebe - so er liebesfähig ist.
 
-
 
Gedanken über das Ende, das Sterben, den Tod
 
Was am Ende schmerzt, sind die Erinnerungen - sind sie "Segen oder Fluch"?
 
Ohne sie wärst du nicht die Person, die du bist. Denn wir sind alle Gewordene.
Es sind die Erinnerungen dessen, das wir bewusst erlebt, erfahren, auch erlitten haben, das uns Persönlichkeiten werden lässt.
 
Mit ihnen ist es eben dies: dein Leben.
Dein bis zu diesem Moment gelebtes, erinnertes Leben, das du im Erinnern wiederholt verändert erinnerst, färbst und fühlst.
 
Dabei sind es nicht die Erinnerungen an Belastendes, an Beschädigtwordensein, die intensiv schmerzen, denn das Belastende erleidet man vor allem jeweils gegenwärtig.
 
Was schmerzt, sind jene Erinnerungen an gute, leichte, schöne Stunden, Tage, Zeiten.
Diese haben stets mit erlebter Wärme, Nähe, Freude, Fülle, Glücksgefühl, Getragen-, Erfülltsein und Verbundensein zu tun; zumeist also mit erinnerten Erlebnissen, die du mit anderen Menschen erfahren, geteilt hast, Menschen, die dir nahestanden und denen du wert und wichtig warst.
 
Was schmerzt, ist die Gewissheit darüber, dass all diese Momente, Eindrücke, Erlebnisse der Freude, Wärme, Leichtigkeit, des Erfüllt- und Verbundenseins (mit anderen, bestimmten Menschen oder auch mit Natur) für immer vorbei, vergangen, so (wie damals) nie wieder erlebbar sind, nie wieder erlebt werden.
 
Es ist diese ungnädige, strikte Absolutheit des Endlichen, Vergänglichen, die vernichtend schmerzt.
 
Dann am dir bewussten, gewissen Ende deines Lebens hast du die gleichfalls absolute, endgültige Gewissheit, dass es keine Zukunft, somit keine Freude, Wärme, Fülle, Verbundenheit mehr für dich geben wird - nie mehr. - Deine Welt geht unter, hört auf zu sein. Für immer.
 
Und damit all deine Erfahrungen, Mühen, Leiden, Freuden - alles, wonach du strebtest, das du erschaffen, erlitten, ertragen, erhalten, gegeben, geteilt, gewünscht, erhofft, ersehnt, erkämpft hast. - Deine Welt: geht unter. Gänzlich, allumfassend.
 
Das Absurde, die Absurdität der menschlichen Existenz, präziser des menschlichen Bewusstseins, der "conditio humana", das dir zu Lebzeiten möglicherweise schon annähernd bewusst, jedoch nicht permanent präsent war - es holt dich vollständig ein, überwältigt dich in der Phase deines bewussten Sterbens, in jener, in der du noch wach, aufmerksam, geistig anwesend, urteilsfähig bist.
 
Und häufig ist es dann nicht mehr möglich, von jenen Menschen, die dir wert waren, die du liebtest, Abschied zu nehmen - ihnen zu danken: für all die bedeutsamen, reichen Momente, Erfahrungen, für all ihr Tun und Sein, das dich geprägt, verändert, geformt hat.
 
Am Ende betrauerst du den größten, ärgsten Verlust: den Verlust all der bunten Farben, vielgestaltigen Bilder, Eindrücke, Erfahrungen deines Lebens, vor allem aber den Verlust all der wichtigen, werten, geliebten Menschen auf deinem kurzen langen Weg.
 
Nicht du lässt sie zurück - das Leben, die Welt lässt dich zurück. Du gehst unter - nicht als seist du nie gewesen, sondern mit all dem, das du warst, weil du (bewusst existent) warst.
 
Es ist am Ende des Lebens nicht das Nicht(s) der für dich nicht (mehr) vorhandenen Zukunft und auch nicht das Nicht(s) des Nie-Gewesenen, sondern das Nicht-Mehr des Gewesenen, das unerträglich, das untragbar ist.
 
Mit deinem Tod verlierst du dich - und alles, das du warst, das dich umgab, alle Menschen, die Teil von dir (geworden) waren, alle Liebe, alles Verbundensein - deine gesamte kleine große Welt.
 
So lange andere noch weiterleben, an dich denken, sich - auf ihre je persönliche Weise - an dich, an deine Persönlichkeit erinnern, bist du für sie, in ihrer Welt, noch irgendwie "da", ist es ihnen bspw. auch möglich, dich trotz deiner physischen Abwesenheit weiterhin zu lieben; für dich jedoch endet mit deinem Tod: alles. Total. Absolut. Für immer. - Unwiderruflich, unabänderlich.
 
Und es ist diese Gewissheit vor dem Tod, die dein gesamtes bisheriges Sein, deine gesamte, ganz persönliche Welt so schmerzhaft, so absurd macht - nicht unbedingt "sinnlos", aber für dich im Moment der Gewissheit, im Moment des bewussten Sterbens - auch und gerade des Suizids - unerträglich.

Für den Suizidenten hat eben diese Gewissheit zugleich bzw. zuletzt jedoch auch einen Befreiungsmoment, Freiheitsaspekt, er erlebt, empfindet seinen selbstbestimmten Tod als Akt der Befreiung, der Freiheit, Erleichterung, Entlastung, Selbstermächtigung, Selbstwirksamkeit, unter (idealen) Umständen auch als würdevoll.
 
Nicht so hingegen der unfreiwillig Sterbende, der bis zuletzt auf den Schnitter Wartende, ihm üblicherweise Ausweichende, ihn Fliehende, der kreatürlich hingerafft, abgeschnitten wird von seiner Welt, seinem Sein, seinem Selbst, der deshalb über keinerlei Selbstbestimmtheit, häufig auch über keine Würde und ohnehin über keinerlei Selbstwirksamkeit mehr verfügen, sich stattdessen nur noch vollumfänglich wie ein unbewusstes, getriebenes Tier fügen, ergeben kann, muss - gleich, ob er (schon) bereit dazu ist oder (noch) nicht oder es niemals je sein/werden würde.
 
Am Ende steht immer der Totalverlust.
 
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Mala 03/09/2019 07:10

Hmmmm!
"Mit deinem Tod verlierst du dich" wird erst dann zum Problem, wenn man an den Erfahrungen hängt (seien sie angenehm oder unangenehm). Die "Befreiung" im Suizid ist ein "los-werden" und gründet in einer Ablehung (von dem, was meist als unangenehm empfunden wird und nicht mehr tragbar ist oder scheint). Entweder als Akt der Rebellion, oder totaler Verweigerung ....ooooder (und das hat David Foster Wallace ganz toll formuliert) einem Schaffen von Fakten in einem schon als formal anzusehendem Akt: "Wenn sie "Selbstmord begehen", schaffen sie nur noch Ordnung. Es ist eine reine Formsache, einen Sachverhalt herzustellen, dessen Substanz schon längst in ihnen existierte." (DFW in: "Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache" "). Und dann ist das kein Akt der Befreiung, sondern der Versuch der Herstellung von Ruhe, Erfahungslosigkeit. Daran ist dann nichts Selbstbestimmtes. Es ist eher etwas "zur allerletzten Konsequenz Getriebenes".

Gruß, Mala

Sabeth 03/09/2019 16:09

Nun, das sehen unterschiedliche Menschen offenbar verschieden. Ich verweise bspw. auf Wilhelm Kamlah ("Meditatio mortis") oder auch besonders auf Jean Améry ("Hand an sich legen"), siehe in meinem Freitod-Text (im blog) verlinkt.
Es schließt sich "Rebellion", Verweigerung und Freiheitsaspekt keineswegs aus. Erfahrungslosigkeit ist zwangsläufige Folge des/jeden Todes. Es ist durchaus selbstbestimmt, nicht auf den Tod zu warten, der ohnehin gewiss eintritt - früher oder später - sondern selbst zu entscheiden, wann man (aus welchen Gründen auch immer - eigenes Thema) "genug hat". Ich kann mir kaum etwas Selbstbestimmteres vorstellen, als über seinen Tod selbst zu verfügen, zu bestimmen - wenn man schon nicht entscheiden durfte, ob, wo und wie man leben will/kann/darf.