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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Anmerkungen zu "Unterwerfung" von Michel Houellebecq

 
Anmerkungen zu "Unterwerfung" von Michel Houellebecq - Was sehen wir in u.a. auch diesem Roman von Houellebecq dargestellt:

Wir sehen einen alternden Mann, der sich mit dem abstoßenden, dekadenten Lebensüberdruss eines Bessergestellten, eines Gutsituierten, Privilegierten plagt, der von eben jenem Überdruss, Verdruss selbstzersetzend gepeinigt wird.

Wir sehen im Literaturprofessor Francois einen Mann, der es sich in seinem ordinären Hedonismus, seiner trägen Bequemlichkeit, seiner ihm als selbstverständlich geltenden und in dieser Weise vermeintlich auch zustehenden Behaglichkeit privilegierten, weitgehend gefahrlosen Lebens gemütlich, bieder eingerichtet hat, der sich überdies unzweifelhaft kompensatorisch dem Alkoholismus, der Substanzsucht hingegeben hat und der Sex grundsätzlich als ausschließlich Pornographie erlebt, erfährt, folglich Sex, Erotik, sexuelle Erfüllung, sexuelle Fürsorglichkeit, physisches und psychisch-emotionales Geben nicht ansatzweise kennt, offenbar nie je wenigstens kennengelernt hat.

Wir sehen einen Mann, der Angst vor Altern, Verfall, Einsamkeit, vor seiner persönlichen, totalen Redundanz hat, der sich im Zuge dessen banalerweise mit der Sinnfrage und der Rechtfertigung seiner Existenz konfrontiert sieht, der er nicht länger ausweichen kann, der sich vorzugsweise mit jüngeren Frauen zum Zwecke der Selbstbestätigung, vermeintlichen Selbstvergewisserung, jedenfalls zum Zwecke der Ablenkung, des Ausweichens, der Realitäts- und Selbstflucht umgibt.
 
Wir sehen folglich in aller demonstrativen wie abstoßenden Deutlichkeit einen Mann, eine Person, einen Charakter gezeichnet, der an seinem Wohlstand, seinem privilegierten Status, seiner quälenden inneren emotionalen Leere, seinem beschämenden Opportunismus, seiner mangelnden Integrität, seinem augenfällig pathologischen Narzissmus, Hedonismus, seiner kompensatorischen Sucht, Völlerei, Maßlosigkeit, ergo seiner Selbstsucht, Selbstgerechtigkeit, Oberflächlichkeit, somit an seiner völligen Beziehungs-, Liebesunfähigkeit ekelerregend exhibitionistisch krankt. Dem es sogar am Scham-, Anstandsgefühl und der Rücksichtnahme fehlt, sein vulgäres Selbstmitleid nicht zelebrierend zu Markte zu tragen.
 
Mehr Egomanie geht tatsächlich kaum.
 
Wir sehen im Roman eine plumpe Dystopie aus ausschließlich der - nach wie vor üblichen, gängig verbreiteten - Perspektive eines patriarchalen, androzentrischen, weißen, alten, privilegierten, primitiven, narzisstischen Mannes präsentiert, in welcher vorgeblich ein Verfall, eine Erosion "westlicher Werte, Kultur" thematisiert sein soll, in der es faktisch jedoch um vor allem, wenn nicht ausnahmslos, die Erosion patriarchaler "Kultur" im "westlichen, christlichen Abendland" durch die vorgebliche Gefahr scheinbar erdrückender Konkurrenz einer gleichfalls patriarchal geprägten Religion in Form einer zunächst schleichenden Infiltrierung, letztlich scheinbar unausweichlichen totalen Macht-, Herrschaftsübernahme geht.

Das Alpha-Männchen also, das sich durch andere(n) Silberrücken verdrängt, überrannt wähnt und das folglich panisch-hysterisiert um den Bestand seiner ihm so selbstverständlichen Privilegien urplötzlich fürchten zu müssen meint, das zugleich dem fremden Silberrücken genau all das unverhüllt neidet, das unser westliches Alpha-Männchen auszuleben sich seit geraumer Zeit - siehe Gleichberechtigung, Emanzipation der Frau, Feminismus, freiheitlich-offene Gesellschaft, Humanismus, Säkularisierung, Demokratisierung - gehindert, beschnitten, beraubt sieht, das es daher frustrierenderweise nicht mehr - wie einst - im öffentlichen Raum, stattdessen "nur noch" im vermeintlich privaten Raum und dort insbesondere, traditionell auf sexuellem Terrain auszuagieren möglich sieht und es deshalb ebendort inbrünstig, um nicht zu sagen sadistisch vollzieht: Pornographie, Sexualgewalt, Vergewaltigung, Missbrauch - die hässliche, kompensatorische Unterwerfung der vorgeblich qua Natur/Biologie hingebungsvollen Frau - und/oder all jener Menschen, die nicht-privilegiert, die gezielt marginalisiert, unterdrückt, ausgebeutet, abhängig, auf diverse, oft vielfache Weise unterlegen, wehrlos, schutzlos und somit benutz-, misshandelbar sind.

Nicht im Mindesten ist in Francois ein Mann dargestellt, der sich, seine Persönlichkeit, sein Denken, Fühlen, Handeln, seine Selbstgewissheit und Selbstgerechtigkeit, seine privilegierte Stellung, den Zufall der Geburt, den Zufall des eigenen Wohlstands und des Leids anderer auch nur annähernd hinterfragt.

Nicht im Ansatz geht es im Roman um das Ergründen, Erfassen, Erfahren von Spiritualität, Persönlichkeitsentwicklung, Introspektion, um das Erlangen von Reife, um das Erhalten von Würde und Integrität - und dabei gerade nicht der nur eigenen - um das Anstreben von Selbsterkenntnis, um das Erleben von Erfülltsein, Freude, Dankbarkeit durch Geben, Lieben - denn all das kennt unser pathologisch narzisstischer, opportunistischer, gierig-süchtiger, emotional verarmter, verstümmelter, pseudo-intellektueller Protagonist ja gerade nicht und eben dies ist die eigentliche, die tatsächliche Ursache seines Verdrusses, seines Lebensüberdrusses, seines Ekels vor sich selbst.

Er vermag sich selbst nicht länger zu ertragen und es gelingt ihm zugleich auch nicht (mehr), vor sich selbst, vor der Wahrheit über sich selbst, vor seiner Scham und seinem Schmerz hierüber, vor seinem Selbstekel wenigstens noch zu fliehen. Auch nicht mittels Alkohol, jedenfalls nicht dauerhaft, nicht effektiv.

Nicht einmal in einem Kloster findet er eine Insel, ein Asyl; nicht einmal hier gelingt es ihm, den Eskapismus zu zelebrieren, noch weniger: den Verzicht - denn er ist als gieriger, egozentrischer, selbstsüchtiger Narzisst gerade kein Asket, kein sich bescheiden, sich selbst disziplinieren, sich zurücknehmen könnender Mensch. Ganz im Gegenteil hat sich die Welt nur um ihn zu drehen, zu kümmern, ihn zu hofieren, zu bewundern, zu umsorgen, für nur ihn zu existieren - er möchte permanenter Mittelpunkt, er möchte Machthaber, Herrscher und Gebieter sein. Patriarchale Omnipotenzphantasien.
 
Es geht in diesem Roman nicht vorrangig, nicht zentral um "den" Islam und/oder das Christentum, um religiösen Glauben - das ist lediglich ein Aufhänger, es geht nicht um einen "Kampf der Kulturen", nicht um vermeintlichen oder drohenden "Werteverfall", nicht um Kulturpessimismus, nicht um Rechtspopulismus und dessen kennzeichnendes Ängsteschüren und Spalten, es geht nicht um elitären Universitäts- oder Politikbetrieb, um Kritik an Religion, religiösem Glauben, an Humanismus oder "atheistischem Materialismus", Säkularismus, es geht nicht um vermeintlich menschliche, vorgebliche Hybris und auch nicht um Kapitalismuskritik - es geht ganz banal um die ordinäre Lebens-, Sinnkrise und Angst vor Verlust von Macht, Deutungshoheit, Privilegien alternder, weißer, privilegierter, opportunistischer, patriarchaler, pathologisch narzisstischer, liebesunfähiger (heterosexueller) Männer.

Es geht um deren Ringen mit sich selbst, mit ihren ureigenen psychisch-emotionalen und sozialen Defiziten, Unzulänglichkeiten, Inkompetenzen, um deren Furcht vor totaler Einsamkeit, deren Unfähigkeit, emotional, sozial und intellektuell zu reifen und deren entsprechend kompensatorisches, dilettantisches, missbräuchliches, letztlich selbstzerstörerisches Verhalten - um ihren Mangel an Mitgefühl, ihre Unfähigkeit, zu lieben.
 
Und augenfällig geht es in seinen Romanen immer auch und gerade um ihn persönlich, den Autor.
Sein (vordergründiges) Skandalisieren und Provozierenwollen ist indes wiederum deutlichster Ausdruck, Bestätigung hierfür.
 
Er trägt das Scheitern und das Kranken an, durch und mit sich selbst sowie seinen ureigenen pathologischen Narzissmus geradezu vulgär-exhibitionistisch zur Schau - und all jene, die sich damit je persönlich identifizieren können, die sich darin selbst wiederfinden, tun dies, weil sie ähnlichen eigenen Defiziten und Unzulänglichkeiten unterliegen. So offenkundig, so banal.
 
Bei jedem seiner (mir bisher bekannten) Romane ist sofort ersichtlich, dass ihn keine Frau geschrieben hat. Mehr gibt es zu Houellebecq im Grunde nicht zu sagen, schon gar nicht rechtfertigen seine Romane einen hype um selbige und/oder um seine Person.
Er ist ein Missglückter, Fehlgeschlagener, eher Nihilist als Moralist. Schlicht pathologischer, patriarchaler Narzisst. Derer es bekanntlich weltweit lange schon so zahlreiche gibt. Eben drum ... .
 
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