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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Über den Holocaust und "das Böse", über Willensfreiheit, Verantwortung, Schuld, Psychopathie, Kindheit, Menschenbild - Hannah Arendt und "die Banalität des Bösen"

Über den Holocaust und "das Böse" - Hannah Arendt und "die Banalität des Bösen"
 
Tja, ich kann ihr bzgl. ihrer Ausführungen zum Machtgefühl (siehe am Anfang des Gesprächs mit Joachim Fest in oben verlinktem Video) nur widersprechen - dieses Machtgefühl ist keineswegs "neutral", wie sie sagt, und es ist noch weniger, Zitat "allgemein menschlich".
 
Nein, es ist das Streben nach Macht ein stets kompensatorisches, narzisstisches.
 
Was Hannah Arendt jedoch wohl statt Macht gemeint haben dürfte, ist das Gefühl des Zusammenhalts, der Solidarität, des Zusammenwirkens in der/als Gemeinschaft und der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, das Nicht-Ausgeschlossen-, Nicht-Ausgegrenztsein, sondern das Teilhaben, das Bestandteilsein einer Gemeinschaft, der man sich zugehörig fühlen möchte - und durch dieses Zusammenwirken etwas erwirken, verändern, auslösen, hervorbringen, gestalten zu können. Ja, d a s ist ein natürlich menschliches Bedürfnis.
 
Das stets kompensatorische Streben nach Macht, Kontrolle und Unterwerfung hingegen ist ein pathologisches, es ist bereits deutlicher Ausdruck intensiven persönlichen, psychisch-emotionalen Beschädigtseins.
 
Und wer auf Basis von Gehorsam funktioniert und funktionieren w i l l (oder: nur kann), unterwirft sich, lässt sich instrumentalisieren, fremdbestimmen, verknechtet sich selbst, weil er lange Zeit zuvor, üblicherweise in der Kindheit, exakt hierauf bereits indoktriniert, konditioniert wurde: durch Dressur, durch Schwarze Pädagogik: Lob, Anerkennung, Zuneigung, Zuwendung wurde durch Gehorsam, Gefügigkeit erlangt, bei Widersetzen wurde Strafe, Schmerz, Leid, Entzug von Anerkennung, Zuwendung etc. erlitten.

Und so wird dieses Muster - das von Mangel an Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen und Urvertrauen zeugt sowie auch von der Unfähigkeit zu lieben und dem Leid, nicht (von den ersten Bezugspersonen) geliebt worden zu sein - im Erwachsenenalter zumeist unbewusst fortgesetzt.
 
Und weil dieser Mechanismus global aus bekannten Gründen (falscher, nicht bedürfnisorientierter Umgang mit Kindern weltweit und noch immer) so verbreitet ist, ist "das Böse" eben deshalb so verbreitet, so "banal", so "normal".
 
Und insbesondere sind es weltweit nach wie vor patriarchal-autoritäre Ideologien, Religionen, die Schwarze Pädagogik (Druck, Zwang, Kontrolle, Härte, emotionale Kälte, Strenge, Paternalismus, Dressur, psychisch-emotionale und auch physische Gewalt, n i c h t bedürfnisorientierten Umgang, fehlendes Mitgefühl, Feinfühligkeit, bedürfnisorientierte Fürsorglichkeit, Respekt, Nähe, Wärme, Berührung, Beziehung ...) beinhalten, einfordern, auferlegen, durchsetzen und anwenden. Mit entsprechenden, bekannten Folgen.
 
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Das sogenannte "Böse" zeigt sich generell darin, dass und dann, wenn
 
das einem jeden Menschen angeborene, genetisch angelegte Mitgefühl mit dem anderen, mit anderen Lebewesen (nicht nur Menschen) taub, blind, stumm geworden ist. 
 
Keine Überzeugung, keine Ideologie und kein Befehlsgehorsam kann ein intaktes Mitgefühl, dessen natürliche Vehemenz, Intensität, ignorieren, übergehen.

Erst dann, wenn das Mitgefühl, die basale, intrinsische Moral, die auf emotionellem, affektiven Mitfühlen beruht, erheblich betäubt, beschädigt ist - und das zumeist seit der Kindheit bereits - kann "das Böse" wirken; und keine religiös, keine ideologisch oktroyierte Moral, auch keine ausschließlich vernunftbasierte Ethik vermag dem dann noch vollständig oder angemessen Einhalt zu gebieten.

Die intrinsische Moral, das angeborene Mitgefühl ist essentielle Voraussetzung, ist basale Grundlage jeglicher rationalen Ethik.
Einer Ethik ohne Mitgefühl sind inhärenterweise Tür und Tor zu Missbrauch und Pervertierung geöffnet.
 
Kein Mensch wird ohne Mitgefühl, kein Mensch wird "böse" geboren.
 
Aber ein Täter, auch wenn er "bloßer" Befehlsempfänger, Vollstrecker ist, weiß immer, dass er ein Täter ist - auch wenn er dies vor sich selbst und/oder gegenüber anderen zu leugnen versucht (siehe selbstschonender, kompensatorischer Selbstbetrug), es sei denn, er ist ein Psychopath. Doch auch als Psychopath wird ein Mensch nicht geboren.
 
Mehrheitlich werden Menschen "böse", antisozial, gewalttätig ..., wenn, d.h. nachdem sie zuvor selbst intensiv, langandauernd und/oder wiederholt psychisch-emotional, sozial, physisch, existenziell beschädigt wurden. Siehe hierzu die neurobiologischen Hintergründe und Erkenntnisse zu Aggression und Gewalt (auch Radikalisierung) - das Überschreiten der Schmerzgrenze eines Individuums und dessen Folgen.

Sozialisation, "Erziehung", Schwarze Pädagogik (Druck, Zwang, Kontrolle, Härte, Strenge, emotionale Kälte, Entzug von Zuwendung und Zuneigung, Strafe, Dressur, absichtsvolles Schmerzzufügen, also psychisch-emotionale und/oder physische Gewalt) sowie diverse Ideologien, Indoktrinierung verstärken, befördern dies.

Das rechtfertigt oder entschuldigt "böse" (Gewalt-) Taten nicht, es erklärt jedoch, wie und warum es zu diesen kommt und es zeigt die Wichtigkeit, die Unverzichtbarkeit von angemessener Prävention auf.
 
Diese Prävention beginnt allerdings nicht erst mit und besteht nicht in sogenannter "Resozialisierung" und/oder diversen Therapien, "Integrations-, Wiedereingliederungsmaßnahmen" (inklusive bürokratischer und/oder finanzieller Vorgänge, Hürden).
 
Erforderlich ist stattdessen grundsätzlich der bedürfnisorientierte, respektvolle, prosoziale, mitfühlende, nicht-paternalistisch fürsorgliche, wertschätzende Umgang mit Menschen, insbesondere mit Kindern.
Voraussetzung hierfür wiederum sind entsprechend angemessene, diesen Umgang ermöglichende und unterstützende Lebensverhältnisse von/für Menschen, Eltern, Familien, Bezugspersonen, Gemeinschaften, folglich entsprechende Politik.
 
Hiervon sind wir augenfällig noch immer viel zu weit entfernt - je national, ohnehin global. Im Kapitalismus sind solche erforderlichen, zuträglichen, gemeinwohlförderlichen, Gemeinwohl schaffenden und erhaltenden Verhältnisse offensichtlich nicht zu erwirken und nicht zu erhalten - das Gegenteil ist, weltweit täglich wahrnehmbar, der Fall.
 
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Zu oben verlinktem Text, Sendung ndr, das Erste, Panorama "Holocaust - Die Lüge von den ahnungslosen Deutschen"
 
"[...] Das ehemalige KZ heute: ein Teil Gedenkstätte, der Rest weiter genutzt als Gefängnis. [...]"
 
D a s - ehemaliges KZ als heutiges Gefängnis - ist wohl mit das Widerwärtigste, das es geben kann. Nichts begriffen, siehe Strafe ... .
 
"[...] Dreißig KZs und Vernichtungslager gab es in Deutschland, dazu 1.300 Außenlager. Weitere 2.300 Lager, etwa Arbeitserziehungslager und Vernichtungslager für Behinderte. Nicht auf dieser Karte sind die Lager für Zwangsarbeiter: weitere 20.000. Insgesamt fast 24.000 Lager. Viele Deutsche waren also Nachbarn und sagen heute: Wir wussten von nichts.
Der amerikanische Professor Prof. Robert Gellately hat jetzt die Lüge von den ahnungslosen Deutschen widerlegt. Nach jahrelanger Forschung in deutschen Archiven hat er ein Buch veröffentlicht: "Backing Hitler", auf Deutsch etwa: Unterstützung für Hitler. Der Buchautor: "Die Deutschen sollten von den KZs wissen. Das Regime erhoffte sich Zustimmung nicht trotz der KZs, sondern gerade wegen der KZs." [...]
 
Und immer wieder damals: Berichte über Konzentrationslager. Sie waren äußerst populär - zur Bekämpfung angeblicher Verbrecher. Massentötungen haben die Nazis in den dreißiger Jahren keineswegs verheimlicht. Oft fanden Hinrichtungen sogar mitten im Ort statt wie in Köln, damit mehr Leute zusehen konnten. Und manche Deutsche verlangten nach noch mehr Toten - egal aus welchen Gründen.
Gellately weiß: "Es gab Forderungen nach der Todesstrafe. Einige boten sich sogar als ehrenamtliche Henker an. Im Krieg etwa ging es oft darum: Was tun mit Frauen, die Sex mit Polen hatten? Die Einheimischen wollten sie gleich mit hängen. Aber Hitler und Himmler wollten davon nichts hören."
 
Auch die Judenverfolgung wurde nicht nur von oben angeordnet. Henny Brenner, eine Holocaust-Überlebende, wuchs in Dresden auf und musste damals den Judenstern tragen. Ihr Albtraum waren nicht nur die Nazis, sondern ganz normale Deutsche: "Es sind hinterhergelaufen ganze Schulklassen: Judenschwein, Judensau, guckt mal. Es hat eine Frau in der Bosbergstraße - ich kann Ihnen die Ecke zeigen - immer auf mich gewartet, regelmäßig, und mich angespuckt: Runter vom Bürgersteig." Wie ihr ging es vielen anderen. Die meisten überlebten die Niedertracht ihrer Mitbürger nicht. [...]
 
Gellately hat viele Mitschuldige gefunden: zahllose Denunzianten aus der Bevölkerung. Angestellte denunzierten ihre Chefs, Ehemänner ihre Frauen. Und Nachbarn denunzierten alle, die nicht spießig genug waren. Nur zwölf Prozent ihrer Opfer hat die Gestapo selbst ermittelt.
Schott: "Die Gestapo hatte relativ wenige Mitarbeiter und keine informellen Mitarbeiter wie die Stasi später in der DDR, das heißt: ohne Zuträger von außen wäre sie völlig machtlos gewesen, hätte sie nichts machen können." [...]
 
Gellately: "Manchmal war die Bevölkerung radikaler als die Nazis. Es gab so viele Denunziationen, dass die Gestapo am Ende nicht mehr hinterherkam."
 
Hitlers willige Helfer handelten nicht nur aus politischen Motiven. Viele Deutsche förderten die Vernichtung der Juden aus selbstsüchtigen Interessen. So auch in Hamburg. Tag für Tag liefen hier Schiffe mit sogenannten "Judenkisten" ein, dem geraubten Hausrat der deportierten Juden. Am Hafen brach ein wahrer Kaufrausch aus. Über 100.000 Hamburger beteiligten sich so an dem Raubmord. Jeder hatte Angst, bei der Schnäppchenjagd zu kurz zu kommen. Ein Hamburger schreibt nach einer Deportationswelle an die Gestapo: "Ich möchte hiermit anfragen, ob man von den Möbeln einige Stücke käuflich erwerben kann."
Gertrud Seydelmann, eine Zeitzeugin erinnert sich: "Wenn ich sie etwas besser kannte und wusste, welche Gesinnung sie hatten, habe ich Ihnen gesagt: Hören Sie mal, ich gehe da nicht hin. ‚Das ist Blutgeld, das ist Hausrat von abtransportierten Juden, das ist blanker Diebstahl, unter Gewaltanwendung.' [...]
 
Rassenwahn und Massenmord. Viele beteuern noch heute: Wir wussten von nichts. Die Wahrheit ist eine andere weiß Gellately: "Die Deutschen wussten sehr viel, die wussten es sehr früh, und die haben sehr viel mehr erfahren können, als wir vielleicht manchmal denken."
 
Es gibt also kein Ausweichen mehr - eine für manche schmerzvolle Erkenntnis. [...]"
 
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Was mir grundsätzlich nicht nachvollziehbar ist: Dass man den Begriff oder das Phänomen des "Bösen" vorgeblich braucht, um mittels dessen Gemeinschaft zu konstituieren oder gar zu konsolidieren.
 
Grundsätzlich stört mich, dass permanent vom Bösen gesprochen wird im Zusammenhang mit moralisch, ethisch als unerwünscht, verurteilenswert, jedenfalls inakzeptabel geltenden Verhalten, Taten.

Selbstredend ist der Referenzpunkt immer die je nach Zeit, Kultur, Gesellschaft geltende Moral, die gerade gängigen Normen, Regeln, Gesetze, die bekanntlich veränderlich sind und es auch bleiben müssen. (Noch etwas anders verhält es sich mit Ethik, die zwar auch wandelbar ist, aber die Metaebene bedient und für den "Alltagsgebrauch" und das "Alltagsverständis" wohl der meisten Menschen eher weniger greifbar ist, auch weniger bekannt - welche unterschiedlichen ethischen Ansätze, Richtungen etc. es gibt, was diese besagen, was sich daraus ableiten lässt usw..)
 
Schon diese Bezeichung "böse" ist m.E. problematisch, eben weil sie doch stark auf religiöse Moralvorstellungen, religiöses Verständnis und Interpretation rekurriert und ja, das halte ich in einem eigentlich aufgeklärten, säkularen Staat und einer ebensolchen ("freiheitlich-demokratisch" aufgeklärten) Gesellschaft (jedenfalls einer solchen, die den Anspruch hat, dem zu entsprechen) für problematisch.

Daher fände ich es hilfreicher, von moralisch unangemessenen, "verwerflichen", zu verurteilenden Taten zu sprechen.
"Das Böse" kann es, wie auch aus diesem Vortrag hervorgeht, nicht geben, denn es ist stets der Mensch, der nur Werte setzt, der sich und anderen Moral "gibt", der für das zwischenmenschliche, gesellschaftliche Zusammenleben, Interagieren Regeln und Gesetze hervorbringt, dieses Zusammenleben auf u.a. auch diese Weise gestaltet, formt.
 
Wir würden Tieren, die andere Tiere jagen, töten, bei auch lebendigem Leibe fressen nicht als "böse" bezeichnen, weil wir ihnen kein höheres Bewusstsein, kein Reflexionsvermögen, keine Fähigkeit/Möglichkeit zu bewusstem Willensentschluss und einhergehender Verantwortung für ihr Tun, ihr Verhalten zusprechen (jedenfalls nach heutigem Kenntnisstand und auf bestimmte Tiere wie bspw. Insekten bezogen).
 
Ich würde mir daher wünschen, generell nicht von "dem Bösen" zu sprechen, eher vom "Schlechten", vielleicht auch Hässlichen, Unerwünschten, Inakzeptablen - in Bezug auf das Verhalten, vielleicht aber auch das Denken und Fühlen von Menschen, das selbstverständlich nicht strafrechtlich verfolgt werden darf (Freiheit der Gedanken ...), das jedoch einem Verhalten und Taten voraus- und mit diesen auch einhergeht, daher nicht völlig unberücksichtigt sein darf/sollte.
 
Auch würde ich mir wünschen, dass noch stärker der Fokus auf den Zusammenhang zwischen Ursachen, Hintergründen (sozialen, gesellschaftlichen, biographischen) und Taten, auch Straf-, Gewalttaten, gelegt wird sowie auf das Verhältnis von Schuld bzw. Verantwortung und Willensfreiheit - hierzu empfehle ich den wunderbaren Essay von Michael Schmidt-Salomon "Können wir wollen, was wir wollen?" (unten verlinkt) als Anregung bzw. zum besseren Verständnis dessen, worum es mir geht. Das hier auszuführen, würde zu viel Raum beanspruchen, es sei daher auf den genannten Essay verwiesen.
Nur so viel: Nein, Schmidt-Salomon spricht dem Menschen Willensfreiheit nicht generell ab und er äußert sich am Ende des Essays explizit auch zum Verhältnis von Verantwortung und Strafe - vor dem Hintergrund der Willensfreiheit.
 
Was mir außerdem nicht nachvollziehbar ist, ist dass wir ein Problem hätten, wie der letzte Fragende (der Herr, der ganz vorne saß) äußerte, wenn es keine bösen Taten bzw. keine Täter mehr gäbe, weil wir "das Böse" bzw. die bösen Taten für die Gemeinschaft, den gesellschaftlichen Zusammenhalt bräuchten - siehe, was ich eingangs hierzu schrieb.
Mir ist es tatsächlich völlig unverständlich, wie man auf einen solchen Gedanken bzw. eine solche Behauptung, ein solches Postulat überhaupt kommt?

Es besagt ja, es müsse immer diese Polarität geben, diesen Dualismus von "Gut und Böse". Selbst wenn dem so sein sollte, bedeutet das eigentlich "nur", dass feststellbar sein muss, was aus welchen Gründen (vor welchem gesellschaftlich jeweils geltenden moralischen, ethischen und rechtlichen Konsens) "gutes", wünschenswertes, faires, prosoziales Verhalten ist und was aus welchen Gründen unerwünschtes, "schlechtes", schädigendes.
Aber daraus lässt sich nicht ableiten, dass es "Täter" geben muss, schon gar nicht "das Böse" oder "böse" Täter oder Taten, sondern eben schlechte, unerwünschte - es muss also nicht immer etwas extrem Grausames, massiv Schädigendes geben, um erkennen zu können, was "gut, richtig, angemessen" ist.
 
Hierzu möchte ich anmerken, dass dem Menschen das Mitgefühl nachweislich/wissenschaftlich belegt angeboren ist - jedem Menschen sowie auch anderen Primaten. (Was übrigens sowohl Nietzsche als auch Kant allenfalls gegebenenfalls vermuten, aber damals noch nicht wissen konnten. )
 
Wenn wir also davon ausgehen, dass kein Mensch "böse, schlecht", als (Gewalt- oder Straf-) Täter geboren wird, dass Menschen sich hingegen schon als Kleinkinder (vor Wirksamwerden von Erziehung!) prosozial, kooperativ, jedenfalls mitfühlend und hilfsbereit verhalten (hierzu gibt es wissenschaftliche Belege), bedeutet das, dass der Mensch eigentlich keiner oktroyierten Moral (keiner religiösen oder anderweitig ideologischen Dogmen bspw.) bedarf, sondern ihm intrinsische Moral (faires, kooperatives, prosoziales, hilfsbereites ... Verhalten) tatsächlich genetisch angelegt, angeboren ist - und eben auf Basis des Mitgefühls wirksam wird, gelebt wird - weil bei intaktem (!) Mitgefühl (nicht gleichbedeutend mit Empathie btw) das Leid des Anderen einem selbst unerträglich ist, man ihm daher nicht absichtsvoll Leid, Schmerz zufügen möchte bzw. k a n n, da man anderenfalls selbst litte, man deshalb sein (des Anderen) Leid (das man wahrnimmt) sogar mildern oder gänzlich abwenden möchte. Das ist die ganz basale Ebene intrinsisch moralischen Verhaltens und m.E. ist Moral dauerhaft gerade und eigentlich nur auf Basis solcher intrinsischen Moral lebbar - eben weil das Verhalten auf eigener, tiefer Überzeugung beruht, von innen heraus an den Tag gelegt wird und gerade nicht deshalb, weil Regeln befolgt werden, um entweder Lob zu erhalten oder Strafe, Tadel, Ausgrenzung zu vermeiden. Es ist also ein völlig anderer Ansatz als der oktroyierter Moral.
 
Ich meine, es wäre wichtig, genau diese intrinsische Moral, d.h. das Mitgefühl zu stärken, statt es - wie in u.a. unserer neoliberal-kapitalistischen, auf Konkurrenz und Kampf sowie Ausbeutung, Macht und Unterwerfung basierenden, somit nach wie vor patriarchalischen, auch autoritären Gesellschaft (inklusive Repressionen, struktureller Gewalt, Exekutivgewalt, schlagseitiger Machtverhältnisse ...) zu beschädigen - und das tatsächlich bereits bei Kindern, siehe schon das Konkurrieren, der Wettbewerb und Leistungsdruck in Schulen, inzwischen sogar schon in Kindergärten, siehe die wirtschaftliche Verwertbarkeit, Funktionalisierbarkeit von Menschen(material), um die es vorrangig in einem solchen System geht - und gerade nicht um den Primat des Sozialen, sondern den der Wirtschaft.
 
Es wäre folglich unabdingbar, den Fokus weit mehr auf eben das Soziale, auf Bedürfnisorientiertheit und Kooperation (statt Konkurrenz und Kampf sowie Macht und Unterwerfung) zu legen - eigentlich längst überfällig.

Dass es möglich ist, lässt sich in kleinerem Rahmen beobachten, außerdem auch in den wenigen noch heute bestehenden sogenannten "Matriarchaten", die offenbar tatsächlich eines sind: gewaltfrei.
 
Daher würde ich mir auch einen feministischen Ansatz wünschen, der in auch die Justiz einfließen sollte, siehe bspw. die Feministische Kriminologie.
 
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Entsetzt bin ich über die Sätze der psychologischen, psychiatrischen (?) Gutachterin, Nahlah Saimeh (in oben verlinkter arte-Dokumentation über "das Böse"), die einen straffällig Gewordenen, der in der Kindheit massive Gewalt erfahren, erlitten hat, tatsächlich fragt, Zitat:

"Aber eine Konsequenz daraus, zu sagen, jetzt halte ich mich an Regeln, weil ich damit (mit "Fehlverhalten") auch die Eltern verletze, haben Sie auch nicht?"

Als sei es "normal", gesund, richtig, angemessen, wünschenswert oder gar moralisch, sozial geboten, ein Kind mittels Strafe, mittels psychischer und/oder physischer Gewalt, mittels wissentlichem, absichtsvollen Schmerzzufügen dazu zu bringen, dass es sich vermeintlich "angemessen", prosozial verhält, es also zu Gehorsam zu zwingen, es zu unterwerfen, zu demütigen, zu verletzen, es intensiv und "nachhaltig" psychisch-emotional und physisch zu beschädigen.

Als sei es nicht vielmehr gerade natürlich, gesund, dass/wenn ein Kind sich solcher Misshandlung widersetzt, hiergegen Widerstand leistet, so lange es ihm je individuell und auf je seine persönliche Weise (noch) möglich ist.
 
Und auf solchen Gutachten beruht dann die Verurteilung und das (weitere) Strafmaß - also erneute, weitere Strafe, Gewalt, Beschädigung. - Statt Prävention und Heilung (nicht: bloße Symptombehandlung) - wo und soweit jeweils (noch) möglich.

Unfassbar. Unfassbar, wie einfältig, unreif, unwissend, unreflektiert und/oder ideologiegeschädigt offenbar vermeintliche "Experten" je persönlich selbst sind - mit welch katastrophalen Folgen für andere, für von ihnen "begutachtete" Menschen, Stichwort Verantwortung.
 
Zum in der Dokumentation genannten "Killermodus" oder "Jagdrausch" - das ist absurd und ein weiteres Mal kann ich kaum glauben, dass "Experten" solches denken, annehmen, unterstellen, äußern und davon offenbar sogar überzeugt sind.
 
Denn: Ist es diesen sogenannten Fachleuten tatsächlich nicht unmittelbar augenfällig was diesen vermeintlichen "Killermodus" hervorruft und dass er, d.h. ein "Killermodus" gerade n i c h t in jedem Menschen (mehr oder weniger stark ausgeprägt) "angelegt" ist (wohl aber mehrheitlich der Drang zum Selbsterhalt)?
 
Ist ihnen nicht ersichtlich, dass diese "Killer", wie es im Video jedoch mehrmals sogar gesagt wird, selbst Opfer von intensiver psychischer und/oder physischer Gewalt geworden sind, dass sie kaum eine Wahl haben, sich zu widersetzen und ihre Integrität zu bewahren sowie Resilienz zu entwickeln und Mitgefühl zu zeigen - dass das ihren je persönlichen Tod binnen kürzester Zeit zur Folge hätte: als "Kindersoldaten" bspw., als Kinder (die eben noch nicht über Reife und diverse Erfahrungen und Kenntnisse verfügen, die gerade auch deshalb so relativ leicht manipulierbar, dressierbar, instrumentalisierbar, unterwerfbar sind!)?

Ist es nicht offensichtlich, dass die vermeintliche "Lust" am Töten und/oder am Quälen stets eine kompensatorische ist, eine, die aus dem Selbsterhalt resultiert, dass der Selbstbetrug aufrechterhalten werden muss, um wenigstens physisch weiterexistieren zu können - und wohl auch psychisch-emotional unter den gegebenen Umständen, unter dem erfahrenen Druck, Zwang, der Kontrolle, der Fremdbestimmung, der gesamten Gewalterfahrung, dem Abgerichtetwerden, dem Abtrainieren jeglichen Mitgefühls und dem Dressiertwerden zu Gehorsam? Dass es den sicheren, gewissen Tod bedeutet, sich dem zu widersetzen und dass es deshalb keine "Alternative" in dieser Situation geben kann (außer vielleicht den Suizid, denn Flucht wird zumeist scheitern, wird tödlich enden).

Es ist demzufolge tatsächlich nichts als Notwehr, als Überlebensdrang, Selbsterhaltversuch, dass in solcher Weise, solcher Intensität und solchem Ausmaß beschädigte Menschen, insbesondere Kinder und Jugendliche, sich in die widrigen, gewaltvollen Verhältnisse "ergeben", fügen - um überleben zu können, aus Angst, Not, Ohnmacht, Verzweiflung, aus Haltlosigkeit und weil sie keinen Ausweg sehen - weil es einen solchen in diesen Situationen, Verhältnissen üblicherweise nicht gibt.
 
Die "Alternative" wäre eben: selbst zu sterben, bspw., indem sie selbst getötet werden oder aufgrund der "widrigen Umstände" früher oder später "zu Tode kommen".
 
Die durch und durch biologistischen, keineswegs biologischen Äußerungen von Thomas Elbert (Neuropsychologe) sind geradezu unterirdisch. Er begründet alles mit "der Evolution", die den Menschen, nach seiner Theorie insbesondere den Mann, zum "Jäger" gemacht hätte - und was sei das denn für ein Mensch bzw. Mann, wenn er nicht, Zitat "seinen Status verbessern" wolle. Das ist derart patriarchal, primitiv und reduktionisitsch dass es wiederum kaum zu ertragen ist, dass solche Menschen sich Wissenschaftler nennen und als solche arbeiten dürfen.

Er äußert im Weiteren, es sei die Sozialisation, die Erziehung, die Menschen dazu bringe, nicht andere Menschen zu jagen, zu töten. - Ihm ist offenbar nicht einen Moment lang der Gedanke, die Erkenntnis gekommen, dass es das dem/jedem Menschen tatsächlich, nachweislich angeborene Mitgefühl gibt und dass der Mensch auf Basis dieses Mitgefühls lange v o r jeglicher erfahrenen Sozialisation, Erziehung mitfühlend ist, empfindet, sich verhält, was eben deshalb zur Folge hat, dass Menschen gerade auch Mitgefühl mit Schmerz leidenden Tieren empfinden und ihnen das "Jagen" und/oder Töten von Tieren auf Basis dieses empfundenen Mitgefühls durchaus keine Lust oder Freude bereitet, sie Tiere aber gejagt und getötet haben, um nicht selbst Beute zu sein (was Menschen lange Zeit in der Menschheitsgeschichte faktisch waren) und weil sie - je nach Region etc. - zum Überleben auf diese Tiere (ihr Fleisch, ihre Felle usw.) angewiesen waren. Sie töteten Tiere also nicht aufgrund von Sadismus und nicht, um ihren je persönlichen "Status", insbesondere als Mann, zu "verbessern". All das ist erst später in der Menschheitsgeschichte das Ergebnis patriarchaler Ideologien, Religionen, patriarchalen, kompensatorischen Denkens, Fühlens, Sich-Verhaltens.

Aber selbstverständlich war es zum erforderlichen Jagen und Töten von Tieren erforderlich, seine Angst und in diesen Momenten auch sein Mitgfühl, zu "überwinden", zu übergehen, zu unterdrücken, nur lässt sich daraus gerade nicht (automatisch oder gar zwangsläufig) schlussfolgern, es gebe generell eine in jedem Menschen genetisch, eine "evolutionär" angelegte "Lust am Töten" und/oder gar am Quälen.
 
Man fühlt sich hier doch sehr an Freuds sogenannten "Todestrieb" erinnert.
Psychoanalytisch betrachtet, legt Elbert mit seinen Aussagen also vor allem Zeugnis über seine ganz persönlichen psychischen Hintergründe und Niederungen, jedenfalls über seine wissenschaftliche Unreife und Unpofessionalität, über sein ureigenes Menschen- und Weltbild ab - das ein offenkundig patriarchales, biologistisches ist und das nicht im Entferntesten mit Wissenschaftlichkeit, mit wissenschaftlicher Sorgfalt, Differenzierungsfähigkeit, Umsicht, Präzision und Seriosität irgendwie zu begründen oder zu rechtfertigen ist. Das Gegenteil dessen ist der Fall.
 
Immerhin ist den Äußerungen Harald Welzers am Ende der Dokumentation entnehmbar, dass es keineswegs eine "evolutionär bedingte Lust am Töten" ist, die Menschen dazu bringt, es ihnen ermöglicht, andere Menschen, andere Lebewesen zu töten, sondern dass es hierfür bestimmten Glaubenssätzen, Ideolgien, (Selbst-) Manipulationen bedarf, also wiederum des Selbstbetrugs:
Das jeweilige Lebewesen, folglich auch andere Menschen, wird als minderwertig und/oder als Feind dargestellt, hierzu gemacht, umgedeutet; der andere Mensch wird abgewertet, entmenschlicht, objektifiziert und/oder dämonisiert, damit es eine vermeintlich moralische Legitimation für den Mord an ihm gibt, die als Tötung aus Notwehr oder aus vorgeblichem "Erfordernis" nicht nur vermeintlich erforderlich, sondern als in dieser Weise sogar zwingend geboten erscheinen soll/muss: um den anderen töten, d.h. ermorden zu können und dabei vor sich selbst und anderen weiterhin als vermeintlich moralisch integer gelten zu können.

D a s ist perfide, ist unmenschlich, ist pathologisch und das umso mehr, je intensiver es verinnerlicht und für "normal", für selbstverständlich gehalten und propagiert wird.

Doch nichts davon ist "dem Menschen angeboren, angelegt". Es ist all das viel mehr Folge von patriarchaler Ideologie, Indoktrinierung und je persönlicher, zumeist in bereits der Kindheit erlittener psychisch-emotionaler, ggf. auch physischer Gewalterfahrung, Beschädgigung.
 
Denn, wie wir wissen, kennzeichnet sämtliche sogenannten "Matriarchate" (auch die wenigen noch heute bestehenden) eines spezifisch: Gewaltlosigkeit. Aus Gründen.
 
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