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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Anarchismus - Basisdemokratie, bedürfnisorientiertes Gemeinwohl, Autonomie, soziale Gerechtigkeit, Kooperation, Solidarität

David Graeber - Bist du ein Anarchist?

 
Voraussetzung:

Selbsterkenntnis, Reflexionsfähigkeit, Selbstkritik, Vernunft, Verantwortungsübernahme, Integrität, Mitgefühl, Persönlichkeitsreife, Liebesfähigkeit.
 
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Siehe zu Selbstwirksamkeit, Autonomie, Vitalität und den Folgen von Repression, Strafe, Autoritarismus, Ausgrenzung - auch durch Armut - Depression und Sucht die Selbstbestimmungstheorie (SDT).
 
Daran ist erkennbar, dass und warum Strafe, Zwang, Dressur nicht, insbesondere nicht dauerhaft, langfristig, "funktionieren" können, stattdessen schaden.
 
Siehe auch Jobcenter, "Edukation", Sanktionen, Hartz IV.
 
 
Aktualisierung am 14. September 2019
 
Liest du bspw. bei Zwitscher die tweets zu Sozialismus, siehst du, wie welche Leute den Begriff immer noch, immer wieder verunglimpfen, absichtsvoll oder auf Basis mangelnder kognitiver, intellektueller Fähigkeiten als Staatssozialismus, als Totalitarismus missverstehen: wollen, nur können?

Leute sagen, es habe den "echten" Sozialismus - in seiner genuinen (Wort-) Bedeutung - nie gegeben; das ist nachweislich falsch:

Gelebter Sozialismus findet sich bspw. in sämtlichen sogenannten Matriarchaten, außerdem in anarchistisch lebenden Gemeinschaften (siehe bspw. im spanischen Bürgerkrieg in Katalonien, Barcelona ...) und auch gegenwärtig in alternativen Wohnprojekten, siehe cohousing, Selbstverwatlung, Soziokratie (Konsentprinzip), siehe bedürfnisorientierte, ethisch fundierte Gemeinwohlökonomie und Solidarwirtschaft ... .
 
Das Problem ist also immer der verengte Horizont, das (persönliche wie kollektive) Indoktriniertsein aufgrund bestimmter Ideologien, aufgrund bestimmter, erlittener, schädigender Sozialisation in (Klein-) Familie, patriarchaler Institution Ehe, in Gesellschaft, in Staaten, unter patriarchal-konservativ-autoritären Ideologien und Religionen.
 
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Aktualisierung am 10. Mai 2019
 
Es ist tatsächlich ganz einfach, unmittelbar erkenntlich:
 
Entweder man unterwirft sich (mehr oder weniger freiwillig) einem "Gott", einem "Herrn", einem Staat, einem Führer, einem (Sexual-) Partner (siehe BDSM) ... oder man unterwirft sich nicht.
 
Entweder man hat eine Untertanenmentalität, i s t gehorsamer Untertan, Knecht, oder man ist es - grundsätzlich - nicht.
 
Entweder man hat - aus Gründen - massive Kompensations"bedürfnisse" und gibt sich dem - vordergründig sanften, selbstschonenden - Selbstbetrug (wiederum devot, sklavisch, bequem, behaglich, feige, schwach) hin oder: man tut dies nicht.
 
Es gibt kein Dazwischen.
 
Mensch, Persönlichkeit, reflektiert, couragiert, selbstbestimmt, integer sein, denken, handeln, leben - reifen.
 
Und randläufig, prophylaktisch sei angemerkt:

Bedürftig sein (als Mensch, als Lebewesen) ist nicht gleichbedeutend mit abhängig, süchtig, ausgeliefert oder gar devot, unterwürfig, versklavt und/oder opportunistisch sein.
 
Selbstredend macht (religiöse, ideologische) Indoktrinierung in der Kindheit, von Kindern, d.h. von Erwachsenen an Kindern getätigt, dieses Reifen (-können) nahezu unmöglich.
Exakt das ist bekanntlich Sinn, Zweck und Ziel jeglicher Indoktrinierung: Instrumentalisierung, Unterwerfung, "Missbrauch", Ausbeutung - das Verhindern von Autonomie, Selbstbestimmtheit, Unabhängigkeit, Entwicklung, Entfaltung, (Selbst-) Erkenntnis, Persönlichkeitsreifung.
 
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srf Kultur, Sternstunde Philosophie - im Gespräch mit DAVID GRAEBER: Wir bürokratisieren uns zu Tode

zdf aspekte - David Graeber - #bullshitjobs, "Manager-Feudalismus" ...

David Graeber über Arbeit, Wert (Wertschätzung, Wertkritik), Bürokratie, BGE (bedingungsloses Grundeinkommen), Sorge-Arbeit ...

 
Daniel Loick im Gespräch (Podcast, Future Histories, siehe unten verlinkt) über Anarchismus, Soziokratie (Konsentprinzip) Autoritarismus vs. Autorität, über Freiheit und Selbstbestimmung als sozialer Prozess, über Recht, Zwang, Strafe, das staatliche Gewaltmonopol, über das Versagen der Nationalstaaten (bspw. bzgl. Klimawandel, Geflüchteten), Arbeit, Sorge-Arbeit, Kapitalismus u.v.a.m.
 
Würde mich freuen, wenn bzgl. Recht, Zwang und Gewalt (Exekutivgewalt, Strafjustiz, Gefängnis, Repression ...), gewaltfreier Konfliktlösung, Gewaltprävention auch psychoanalytische und entwicklungspsychologische (E. Fromm, A. Gruen, Mitgefühl, Bindung ...) sowie "Matriarchats-" Aspekte, d.h. Erfahrungen, Strukturen, Verhaltensweisen matrifokal, matrilinear und offenbar völlig gewaltfrei lebender Gesellschaften (bspw. Khasi, Mosuo, Minangkabau ...) einbezogen würden. Hierzu vlt. ein eigener podcast?
 
Auch die Differenzierung zwischen religiös/ideologisch oktroyierter Moral und intrinsisch motivierter, auf Mitgefühl basierender, gelebter "Moral" - Prosozialität, Solidarität, Kooperation, Hilfsbereitschaft, bedürfnisorientierte (nicht-paternalistische) Fürsorge, Verantwortungsübernahme - wünsche ich mir etwas umfassender dargelegt sowie auch den Unterschied zwischen Moral und Ethik(en) - der "rationalen Metaebene", die ohne die Urbasis des Mitgefühls missbrauchsanfällig bis destruktiv wäre.
 
Hinsichtlich der "Säulen der Moral" - Mitgefühl und Fairness - sei auch auf Primatologen und Verhaltensforscher wie Frans de Waal verwiesen ("Der gute Affe" ...).
 
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"[...] Eine weniger ideologische Definition liefert der Linguist und politische Intellektuelle Noam Chomsky auf die Frage, wie denn sein persönlicher Anarchismus aussähe: „Es ist in meinen Augen vollkommen richtig, in jedem Aspekt des Lebens die jeweiligen autoritären, hierarchischen und herrschaftsbestimmenden Strukturen ausfindig zu machen und klar zu umreißen, und dann zu fragen, ob sie notwendig sind […] Das habe ich immer als die Essenz des Anarchismus verstanden“.[1] [...]
 
Für Graeber ist Anarchismus nicht nur schlichte Utopie, sondern existiert bereits seit Menschengedenken. Ähnlich wie seinerzeit Kropotkin, durchforstet er die Gegenwart auf der Suche nach Beispielen von Zusammenschlüssen, deren Basis die Abwesenheit von Hierarchie darstellt. Anders als Barclay interessiert er sich also nicht nur für die politische Ebene, sondern fordert unter anderem die Untersuchung von Wirtschaftssystemen, Literatur oder der Organisation von Freiwilligendiensten nach hierarchielosen Strukturen. [...]
 
Unsere Einleitung soll eine kleine Vorstellung davon geben, wie Netzwerke der gegenseitigen Hilfe unseren Alltag durchziehen, entgegen der wissenschaftlichen Überzeugung, dass in Zukunft Individualisierung und Entfremdung weiter zunehmen.
 
Werden die Ausgegrenzten der Moderne, wie sie Zygmunt Bauman in seinem Buch „Verworfenes Leben“[16] beschreibt, sich zu wehren wissen? Graeber würde dies wohl teilweise bejahen und die Menschen, die im System der Globalisierung zu den Verlierern gehören, als den Keim der Auflösung unserer bestehenden Ordnung betrachten. Massenmigration, Terrorismus, Aufstände und Widerstand gegen die fragwürdigen Praktiken weltweit agierender Konzerne wären als Beispiele zu nennen. Als „counterpower“ bezeichnet er das Phänomen, dass jede Gesellschaft in sich selbst im Widerspruch lebt und somit ihre eigene Auflösung in sich trägt. Gleichzeitig schafft die counterpower Institutionen, um sich selbst gegen Herrschaft und Macht zu schützen. [...]
 
Keine Scheu zeigt Graeber davor, klar Stellung zu beziehen, für die, wie er sie nennt „little guys“.[18] Eine klare politische Theorie fordert er ein, hütet sich aber davor, sich mit anarchistischen Klassikern wie Bakunin oder Proudhon zu identifizieren. Anstelle dieser lässt er durchblicken, dass die asambleas barreales, die 2002 nach dem Zusammenbruch der nationalen Wirtschaft in Argentinien gebildet wurden, einen weitaus höheren Anteil Mitbestimmung des Einzelnen in sich trugen, als parlamentarische Demokratien, da sie auf Konsensbeschluss aufgebaut waren. [...]
 
Die Anthropologie sei besonders geeignet für die Offenlegung alternativer Strukturen, da sie die einzige und letzte Wissenschaft ist, die sich mit staatenlosen Gesellschaften beschäftigt und gezeigt hat, dass der Staat nur in einer sehr kurzen Spanne der Menschheitsgeschichte in Erscheinung getreten ist.[20] Die feste Überzeugung westlicher Wissenschaften, die nicht nur davon ausgehen, dass der Staat die höchste Form der politischen Organisation darstellt, sondern schlichtweg ein Leben ohne Staat nicht möglich ist, da dies in Mord, Totschlag und Chaos enden müsste, sieht Graeber also als schlichtweg falsch an. Des Weiteren sollte die Ethnologie nicht müde werden, zu betonen, dass der Staat und die Nation eine „imaginary totality par excellence“[21] sei, wie sie auch schon Benedict Anderson 1983 beschrieben hat, also eine gemeinschaftliche Vorstellung der Zusammengehörigkeit, die zwar Auswirkungen auf die Realität hat, jedoch selbst nur in den Köpfen der Menschen existiert.[22] Von Natur aus gibt es keine Staatsbürgerschaften oder staatlichen Grenzen. Diese Kategorien existieren nur in den menschlichen Köpfen und treten in Symbolen und Ritualen zutage. Erst der feste Glaube an die „Imagined Community“ lässt uns zu der Überzeugung kommen als „Deutsche“ geboren zu sein und dazu zu gehören. So stellt sich Graeber — ähnlich wie damals Kropotkin gegen den Sozialdarwinismus — gegen die Staatlichkeit als unumstößliches Dogma.
 
Obwohl die Menschen im Paläolithikum bessere Zähne gehabt hätten, als der durchschnittliche US-Amerikaner heute, lehnt er jeden Primitivismus ab, da ein Weg „zurück“ schlichtweg nicht nachzuvollziehen sei und wir die reale Welt so annehmen müssten, wie sie ist.[23]
 
Ähnlich wie die Aktionsethnologie, die im folgenden Kapitel noch genauer umrissen wird, sieht Graeber ein weiteres Forschungsgebiet in der Aufdeckung von Hierarchien und deren anschließender Kritik, sowie der Kritik am Staat allgemein und Gegenentwürfe zu diesem. In der Lohnarbeit sieht er beispielsweise eine moderne Form der Sklaverei und schlägt ihre Abschaffung vor. Eine Alternative lässt er durchblicken, vermeidet jedoch sich festzulegen, indem er den im Anarchismus klassischen Vorschlag der gleichmäßigen Aufteilung von Aufgaben zu gleichen Vergütungen andeutet und waghalsige Prognosen zur Übernahme der „dreckigen“ Arbeit durch die Technik voraussieht. [...]"
 
Quelle: anarchismus.at - "Anarchistische Anthropologie - Wer hat unsere Macht?", farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 

Peter Kropotkin und die Ethik der sozialen Verantwortung - von Rolf Cantzen

arte - "Kein Gott, kein Herr! Eine kleine Geschichte der Anarchie", Teil 2

"[...] Anarchismus (von Griechisch an und archos, Gegenteil von Herrschaft), Bezeichnung eines Prinzips oder einer Theorie des Lebens und Verhaltens, dem zufolge die Gesellschaft ohne Regierung gedacht wird. Harmonie wird in solch einer Gesellschaft nicht durch Unterwerfung unter das Gesetz oder durch Gehorsam vor irgendeiner Autorität erreicht, sondern durch freie Vereinbarungen, die zwischen verschiedenen Gruppen getroffen werden. Diese Gruppen würden nach territorialen und beruflichen Unterteilungen frei eingesetzt, zum einen um Produktion und Verbrauch zu regeln, zum anderen um die Befriedigung der unendlichen Vielfalt von Bedürfnissen und Wünschen des zivilisierten Menschen zu sichern. In einer Gesellschaft, die nach diesen Prinzipien entwickelt wurde, würden die freiwilligen Vereinigungen, die schon jetzt anfangen, alle menschlichen Tätigkeitsgebiete abzudecken, eine noch größere Ausdehnung annehmen, um so den Staat in allen seinen Funktionen zu ersetzen. Sie würden ein eng verknüpftes Netzwerk bilden, zusammengesetzt aus einer endlosen Vielzahl von Gruppen und Vereinigungen aller Größen und Grade; lokal, regional, national und international; kurzzeitig oder mehr oder weniger dauerhaft. Mit allen möglichen Zwecken: Produktion, Verbrauch und Austausch, Kommunikation, gesundheitliche Einrichtungen, Ausbildung, gegenseitiger Schutz, Verteidigung des Gebiets usw.; andererseits zur Befriedigung einer ständig steigenden Anzahl von wissenschaftlichen, künstlerischen, literarischen und gesellschaftlichen Bedürfnissen. Zudem würde solch eine Gesellschaft nichts Unabänderliches darstellen. Im Gegenteil würde sich Harmonie entwickeln aus einer sich ständig wandelnden Anpassung und Neuanpassung des Gleichgewichts zwischen der Vielzahl der Kräfte und Einflüsse - wie auch im organischen Leben immer wieder zu sehen ist. Diese Anpassungen würden um so einfacher zu erreichen sein, weil keine der Kräfte einen besonderen Schutz durch den Staat genießen würde.

Vorausgesetzt, dass die Gesellschaft nach diesen Prinzipien organisiert würde, wäre der Mensch in der freien Ausübung seiner Kräfte in produktiver Arbeit nicht begrenzt durch ein kapitalistisches Monopol, das vom Staat aufrecht erhalten wird. Auch wäre er in der Ausübung seines Willens nicht durch die Furcht vor Bestrafung oder durch Gehorsam gegenüber Personen oder metaphysischen Wesen beschränkt, die beide zur Senkung der Eigeninitiative und zur Unterwürfigkeit des Verstandes führen. Er würde in seinen Tätigkeiten durch sein eigenes Verständnis geführt, das notwendigerweise den Eindrücken einer freien Aktion und Reaktion zwischen seinem eigenen Selbst und den ethischen Auffassungen seiner Umgebung entsprechen würde. Damit wäre der Mensch in der Lage, die volle Entwicklung aller seiner geistigen, künstlerischen und moralischen Fähigkeiten zu erreichen, ohne durch Überarbeitung für die Monopolisten behindert zu werden oder durch die Unterwürfigkeit und Trägheit der Meinungen der Masse. Er würde daher eine vollständige Individualisierung erlangen können, die weder unter dem heutigen System des Individualismus möglich noch unter irgendeinem System von Staatssozialismus im so genannten Volkstaat zu erreichen ist. [...]
 
Hinsichtlich ihrer ökonomischen Auffassungen betonen die Anarchisten, gemeinsam mit allen Sozialisten, von denen sie den linken Flügel bilden, dass das jetzt vorherrschende System des privaten Landbesitzes und der auf Profite ausgerichteten kapitalistischen Produktion ein Monopol darstellt, das den Prinzipien der Gerechtigkeit und den Geboten der Nützlichkeit widerspricht. Sie sind das Haupthindernis dagegen, dass die Erfolge der modernen Technik in den Dienst aller gestellt werden, um allgemeines Wohlergeben zu bringen. Die Anarchisten halten das Lohnsystem und die kapitalistische Produktion überhaupt für ein Hindernis für den Fortschritt. Aber sie unterstreichen auch, dass der Staat immer schon und nach wie vor das Hauptinstrument ist, das es wenigen ermöglicht, das Land zu monopolisieren, und den Kapitalisten, sich selbst einen völlig unverhältnismäßigen Anteil des jährlichen akkumulierten Überschusses der Produktion anzueignen. In Folge dessen bekämpfen die Anarchisten nicht nur die derzeitige Monopolisierung des Landes und den Kapitalismus überhaupt, sondern mit der gleichen Entschlossenheit auch den Staat, die wichtigste Stütze dieses Systems. Nicht nur diese oder jene besondere Regierungsform, sondern den Staat überhaupt, ganz gleich ob er eine Monarchie ist oder aber eine Republik, die mittels Volksentscheid regiert wird.

Die Staatorganisation ist immer schon, im Altertum wie auch in der modernen Geschichte (Makedonisches Reich, Römisches Reich, die modernen europäischen Staaten, entstanden aus den Ruinen der selbstständigen Städte) ein Werkzeug zur Erzeugung von Monopolen zu Gunsten der herrschenden Minderheiten gewesen. Sie kann deshalb nicht zur Zerstörung dieser Monopole genutzt werden. Daher sind die Anarchisten der Ansicht, dass ein neues Instrument der Tyrannei entstehen würde, wenn alle Hauptquellen des Wirtschaftslebens - das Land, die Bergwerke, die Eisenbahnen, das Bankwesen, das Versicherungswesen usw. - dem Staat übergeben würden. Ebenso, wenn ihm die Leitung der wichtigsten Industriezweige übergeben würde, zusätzlich zu all den Funktionen, die bereits in seinen Händen versammelt sind (Ausbildung, staatlich unterstützte Religionen, Verteidigung des Gebiets etc.). Der Staatskapitalismus würde nur die Stärke der Bürokratie und des Kapitalismus erhöhen. Wirklicher Fortschritt liegt in der Richtung der Dezentralisierung, sowohl in territorialer wie auch in funktionaler Hinsicht; in der Entwicklung eines Geists der lokalen und persönlichen Initiative und des freien Zusammenschlusses vom Einfachen zum Verbundenen; in der Peripherie an Stelle der derzeitigen zentralisieren Hierarchien.

Wie die meisten Sozialisten erkennen die Anarchisten, dass - wie alle Entwicklung in der Natur - die langsame Entwicklung der Gesellschaft von Zeit zu Zeit von Perioden stark beschleunigter Entwicklung abgelöst wird, die Revolutionen genannt werden; und sie denken, dass die Ära der Revolutionen noch nicht vorbei ist. Zeiten der schnellen Veränderungen werden den Zeiten der langsamen Entwicklung folgen, und diese Zeiten müssen genutzt werden - nicht um die Macht des Staates zu erhöhen und auszuweiten, sondern um sie zu verringern; durch die Bildung lokaler Gruppen von Erzeugern und Verbrauchern in jeder Stadt oder Gemeinde wie auch durch regionale und schließlich internationale Vereinigungen dieser Gruppen.

Auf Grund der oben genannten Prinzipien lehnen es die Anarchisten ab, sich an der gegenwärtigen Organisation des Staates zu beteiligen und sie durch frisches Blut zu unterstützen. Sie wollen keine politischen Partei in den Parlamenten bilden, und raten den Arbeitern davon ab. Dementsprechend sind sie seit der Gründung der Internationalen Arbeiter-Assoziation in den Jahren 1864-1866 darum bemüht, ihre Ideen unmittelbar unter den Arbeiterorganisationen voran zu bringen und diese Gewerkschaften zu einem direkten Kampf gegen das Kapital zu bewegen, ohne auf die parlamentarische Gesetzgebung zu hoffen. [...]
 
Der herausragendste Vertreter einer anarchistischen Philosophie im altem Griechenland war Zenon (342 bis 267 oder 270 v.Chr.) aus Kreta, der Gründer der stoischen Philosophie. Er setzte seine Auffassung einer freien Gemeinschaft ohne Regierung deutlich der Staatsutopie Platons entgegen. Die Allmacht des Staates, seine Eingriffe und Reglementierungen lehnte er ab und erklärte die Souveränität des moralischen Rechts des Individuums. Dabei bemerkte er bereits, dass, während der notwendige Selbsterhaltungstrieb den Menschen zum Egoismus führt, die Natur dies durch einen anderen Instinkt ausgleicht - den Trieb zur Geselligkeit. Wenn Menschen vernünftig genug sind, ihren natürlichen Instinkten zu folgen, werden sie sich über alle Grenzen hinweg vereinen und den Kosmos bilden. Sie werden keinen Bedarf nach Gerichtshöfen oder Polizei, keine Tempel und keine allgemeine Gottesverehrung haben und kein Geld benutzen - an die Stelle des Austausches werden freie Geschenke treten. Leider sind die Schreiben Zenons nicht überliefert; sie sind uns nur in fragmentarischen Zitaten bekannt. Jedoch zeigt die Tatsache, dass seine Formulierungen den heutigen Formulierungen ähnlich sind, wie tief der Tendenz, die er vertrat, in der menschlichen Natur verwurzelt ist. [...]
 
Die Föderationen und Sektionen der Internationalen Arbeiter-Assoziation aus dem Jura-Gebirge, Spanien und Italien, wie auch die französischen, deutschen und amerikanischen anarchistischen Gruppen waren in den folgenden Jahren die wichtigsten Zentren anarchistischer Gedanken und Propaganda. Sie lehnten jede Teilnahme an der parlamentarischen Politik ab und hielten immer engen Kontakt zu den Arbeiterorganisationen. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre und in den frühen neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts - als der Einfluss der Anarchisten anfing, in Streiks und Erster-Mai-Demonstrationen fühlbar zu werden, wo sie die Idee eines Generalstreiks für einen Acht-Stunden-Tag förderten und die anti-militaristische Propaganda in der Armee - gab es jedoch heftige Verfolgungen gegen sie, besonders in den romanischen Ländern (einschließlich körperlicher Folterungen im Schloss von Barcelona) und in den Vereinigten Staaten (Hinrichtung von fünf Anarchisten aus Chicago 1887). Auf diese Verfolgungen reagierten die Anarchisten mit Gewalttaten, denen wiederum von oben weitere Hinrichtungen folgten, und neue Rachetaten von unten. Dieses schuf in der Öffentlichkeit den Eindruck, dass Gewalttätigkeit der Kern des Anarchismus ist. Diese Ansicht wurde von seinen Verfechter zurückgewiesen, die meinen, dass Gewalttätigkeit in Wirklichkeit der letzte Ausweg für alle Gruppen ist, denen offene Aktivitäten durch Unterdrückung versperrt werden und die durch Ausnahmegesetze zu Gesetzlosen gemacht werden. [...]"
 
Quelle: www.anarchismus.at - "Peter Kropotkin - Anarchismus (aus der Encyclopaedia Britannica von 1910)", farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
Das ist (mir) zwar alles unmittelbar einleuchtend, nach wie vor sehe ich das Problem jedoch darin, dass sich nirgendwo (?) weltweit solche "Staatsfreiheit", Freiheit vom Staat, Autonomie abzeichnet, etabliert und "auf dem Weg dahin, in der Zwischenzeit" jedoch unzählige Menschen intensiv leiden und krepieren. - Wie, womit begegnen Anarchisten diesem "Missstand": theoretisch und praktisch, d.h. tatkräftig angemessen, d.h. für diese Menschen nicht nur in Einzelfällen, nicht nur für einige Wenige hilfreich, sie entlastend, unterstützend und/sondern das überdies dauerhaft, langfristig, verlässlich?
Und wenn solche Unterstützung nicht anarchistisch zu leisten, zu geben, zu gewährleisten ist, bedarf es dann nicht doch unabdingbar einer Alternative für all die ausgebeuteten, ausgegrenzten, belasteten, beschädigten Menschen - um wenigstens Leid von ihnen abzuwenden?
 

George Orwell - Der Ruf nach Freiheit, Dokumentation des Südwestrundfunks

"Unter der schwarzen Fahne - Anarchisten in Spanien", ein Film von Reinhold Behm, Hessischer Rundfunk 1984

Emma Goldman über Anarchismus, Religion, Staat, Arbeit, Eigentum, Armut, Kriminalität, Strafe, Gesetze, Polizei ...
 
"[...] Der Anarchismus ist die einzige Philosophie, die dem Menschen das Bewußtsein seiner selbst bringt; die davon überzeugt ist, daß Gott, der Staat und die Gesellschaft nicht existieren, daß ihre Versprechungen null und nichtig sind, da sie nur durch die Unterordnung des Menschen erfüllt werden können. Der Anarchismus vertritt deshalb die Lehre von der Einheit des Lebens, nicht bloß in der Natur, sondern auch im Menschen. [...]
 
Die Religion, die Herrschaft über den menschlichen Geist, das Eigentum, die Herrschaft über die menschlichen Bedürfnisse, der Staat, die Herrschaft über die menschliche Lebensweise repräsentieren die Hochburgen der menschlichen Versklavung und all der Schrecken, die sie zur Folge hat. Religion! Wie sie den menschlichen Geist beherrscht; wie sie seine Seele demütigt und entwürdigt. Gott ist alles, der Mensch ist nichts, sagt die Religion. Aber aus diesem Nichts hat Gott ein Reich erschaffen, so despotisch, so tyrannisch, so grausam, so furchtbar rigide, daß nichts als Trübsinn, Tränen und Blut die Erde beherrschen, seit es Götter gibt. Der Anarchismus ermutigt die Menschen zum Widerstand gegen dieses schwarze Ungeheuer. Sprenge deine geistigen Fesseln, sagt der Anarchismus zum Menschen, denn bevor du nicht anfängst, für dich selber zu denken und zu urteilen, wirst du die Herrschaft der Finsternis nicht abschütteln.
 
Das Eigentum, der Herrscher über die menschlichen Bedürfnisse, ist die Verneinung des Rechts, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Es gab eine Zeit, in der das Eigentum ein göttliches Recht beanspruchte, als es zu den Menschen mit demselben Refrain wie die Religion sprach: Opfere! Entsage! Unterwerfe dich! [...]
 
„Eigentum ist Diebstahl“, sagte der große französische Anarchist Pierre J. Proudhon. Ja, aber ohne Risiko und Gefahr für den Räuber. Indem das Eigentum die gesamten Anstrengungen des Menschen für sich vereinnahmt, beraubt es ihn seines Geburtsrechtes und macht ihn zu einem Almosenempfänger und Ausgestoßenen. Das Eigentum führt noch nicht einmal die abgenutzte Entschuldigung an, der Mensch produziere nicht genug, um alle seine Bedürfnisse zu befriedigen. Selbst der Anfänger in den Wirtschaftswissenschaften weiß, daß die Produktivität der Arbeit in den letzten Jahrzehnten weit über die normale Nachfrage hinausgegangen ist. Aber was bedeutet normale Nachfrage für eine abnorme Einrichtung.
 
Die einzige Nachfrage, die das Eigentum wahrnimmt, ist ihr eigener, unersättlicher Appetit auf noch größeren Reichtum, denn Reichtum bedeutet Macht: die Macht zu unterwerfen, zu erniedrigen und auszubeuten, die Macht zu versklaven, zu vernichten und zu entwürdigen.
Amerika ist besonders eingebildet auf seine große Macht, auf seinen enormen Nationalreichtum. Armes Amerika, was nützt sein ganzer Reichtum, wenn die Einzelnen, die die Nation ausmachen, erbärmlich arm sind. Wenn sie in Verkommenheit, Schmutz und Verbrechen leben, ohne Hoffnung und Freude, eine heimatlose, entwurzelte Armee menschlicher Opfer. [...]
 
Der Anarchismus kann eine solche Produktionsweise nur ablehnen: sein Ziel ist der freiestmögliche Ausdruck aller latenten Kräfte des Individuums. Oscar Wilde definiert eine vollendete Persönlichkeit als „eine, die sich unter vollkommenen Bedingungen entwickelt, die nicht verletzt, verstümmelt oder in Gefahr ist.“ Eine vollendete Persönlichkeit ist daher nur in einem Stadium der Gesellschaft möglich, in dem der Mensch die Freiheit hat, die Arbeitsweise, die Arbeitsbedingungen und die Freiheit zum Arbeiten zu wählen. Eine Persönlichkeit, der das Herstellen eines Tisches, das Bauen eines Hauses oder die Bodenbearbeitung das bedeutet, was das Malen dem Künstler und die Entdeckung dem Wissenschaftler ist – das Ergebnis von Inspiration, intensivem Verlangen und tiefem Interesse an der Arbeit als einer schöpferischen Kraft. Da dies das Ideal des Anarchismus ist, müssen seine wirtschaftlichen Einrichtungen aus freiwilligen Produktions-, Handels- und Verbrauchergemeinschaften bestehen, die sich nach und nach zum freien Kommunismus, als der besten Produktionsweise mit der geringsten Vergeudung menschlicher Energie, hinentwickeln. Der Anarchismus anerkennt jedoch das Recht des Einzelnen oder einer Anzahl von Individuen, jederzeit andere Arbeitsformen, die in Übereinstimmung mit ihrem Geschmack und ihren Wünschen stehen, zu vereinbaren.
 
Da eine solch freie Entfaltung menschlicher Energie nur unter völliger individueller und sozialer Freiheit möglich ist, richtet der Anarchismus seine Kräfte gegen den dritten und größten Feind jeder sozialen Gleichheit, nämlich gegen den Staat, die etablierte Obrigkeit oder das gesetzliche Recht – die Herrschaft über die menschliche Lebensweise. Ebenso wie die Religion den menschlichen Verstand gefesselt hat, und ebenso wie das Eigentum oder die Vorherrschaft der Dinge die menschlichen Bedürfnisse unterdrückt und erstickt hat, so hat der Staat den Geist versklavt, indem er jede Verhaltensweise vorschreibt. „Jede Regierung“, sagt Emerson, „ist ihrem Wesen nach Tyrannei.“ Es kommt nicht darauf an, ob sie sich durch göttliches Recht oder Mehrheitsbeschluß legitimiert. In jedem Fall ist ihr Ziel die völlige Unterordnung des Individuums. [...]
 
In der Tat ist der Grundtenor des Staates die Ungerechtigkeit. Mit der Arroganz und der Selbstherrlichkeit eines Königs, der keine Fehler machen könnte, erlassen Regierungen Anordnungen, sprechen Recht, verurteilen und bestrafen die belanglosesten Vergehen, während sie selbst das größte aller Verbrechen, die Vernichtung der individuellen Freiheit, aufrechterhalten. Deshalb hat Marie Luise Ouida recht, wenn sie behauptet, daß „der Staat nur danach strebt, der Öffentlichkeit solche Eigenschaften einzuimpfen, durch die seine Forderungen befolgt werden und seine Staatskasse gefüllt wird. Seine größte Leistung ist die Reduzierung der Menschheit zu einem Uhrwerk. In einer solchen Atmosphäre trocknen all jene zarten und empfindlichen Freiheiten, die Pflege und Platz brauchen, unvermeidlich aus und gehen zugrunde. Der Staat braucht eine steuerzahlende Maschine, die ohne Störung läuft, eine Staatskasse, in der niemals Defizit herrscht und eine Öffentlichkeit, eintönig, gehorsam, färb- und geistlos, die sich demütig wie eine Schafherde auf einer Straße zwischen zwei Mauern bewegt.“ Doch sogar eine Schafherde würde den Schikanen des Staates Widerstand leisten, wenn es die korrupten, tyrannischen und unterdrückenden Methoden nicht gäbe, derer er sich für seine Zwecke bedient. Deshalb lehnt Michail Bakunin den Staat als gleichbedeutend mit der Aufgabe der Freiheit des Einzelnen oder kleiner Minderheiten ab – die Zerstörung der sozialen Beziehungen, die Einschränkung oder sogar völlige Negation des Lebens selbst zu Zwecken seiner eigenen Machtausdehnung. Der Staat ist der Altar der politischen Freiheit und wird, wie der religiöse Altar, zum Zwecke von Menschenopfern beibehalten.
 
Es gibt in der Tat kaum einen modernen Denker, der nicht ebenfalls der Ansicht ist, daß die Regierung, die etablierte Obrigkeit oder der Staat nur dazu notwendig ist, um Eigentum und Monopole zu erhalten bzw. zu schützen. Er hat sich nur in dieser Funktion als leistungsfähig erwiesen. Sogar George Bernhard Shaw, der sich Wunderdinge vom Staat unter dem Fabianismus erhofft, gesteht dennoch ein, daß „er gegenwärtig eine riesige Maschine zur Beraubung und Sklaventreiberei der Armen durch die brutale Gewalt ist.“ [...]
 
Unglücklicherweise gibt es noch eine große Anzahl von Leuten, die an dem verhängnisvollen Glauben festhalten, daß die Herrschaft auf Naturgesetzen beruht, daß sie die soziale Ordnung und Harmonie aufrechterhält, daß sie die Kriminalität verringert und daß sie den Faulen davon abhält, seine Mitmenschen auszunutzen. Ich werde deshalb diese Behauptungen untersuchen.
 
Ein Naturgesetz ist das Element im Menschen, das sich frei und spontan ohne irgendwelche äußere Gewalt, in Harmonie mit den Erfordernissen der Natur entfalten kann. Das Verlangen nach Nahrung, nach sexueller Befriedigung, nach Licht, Luft und Bewegung ist z.B. ein Naturgesetz. Aber sein Ausdruck benötigt keine Regierungsmaschinerie und benötigt weder Knüppel, Gewehr, Handschellen oder Gefängnis. Um solchen Gesetzen zu gehorchen, wenn wir es Gehorsam nennen wollen, bedarf es nur der Spontaneität und der uneingeschränkten Möglichkeit dazu. Daß sich Regierungen nicht durch solche harmonische Elemente aufrechterhalten, zeigt das schreckliche Maß an Gewalt, Macht und Zwang, das Regierungen zum Überleben brauchen. Deshalb hat Sir William Blackstone recht, wenn er sagt: „Menschliche Gesetze sind“ wertlos, weil sie den Naturgesetzen zuwiderlaufen.“
 
Es fällt schwer, den Regierungen irgendeinen Sinn für Ordnung oder soziale Harmonie zuzugestehen – es sei denn, man meint die Ordnung, die in Warschau nach der Abschlachtung von Tausenden von Menschen herrschte. Ordnung, die durch Unterwerfung geschaffen und durch Terror aufrecht erhalten wird, ist nicht gerade eine verläßliche Gewähr, dennoch ist dies die einzige „Ordnung“, die Regierungen jemals aufrechterhalten haben. Wahre soziale Harmonie erwächst auf natürliche Weise aus einem Zusammengehen der Interessen. In einer Gesellschaft, in der diejenigen, die immerzu arbeiten, niemals etwas besitzen, während diejenigen, die niemals arbeiten, über alles verfügen, ist Interessenübereinstimmung nicht gegeben; daher ist soziale Harmonie dort nichts anderes als ein Mythos. Das einzige Mittel, mit dem die etablierte Obrigkeit dieser ernsten Lage begegnet, ist die Gewährung noch größerer Privilegien für die, die bereits die Welt beherrschen und der weiteren Versklavung der enterbten Massen. Somit ist das gesamte Arsenal der Regierung – Gesetze, Polizei, Soldaten, die Gerichte, Gesetzgeber, Gefängnisse – eifrig mit dem „Harmonisieren“ der antagonistischen Elemente in der Gesellschaft beschäftigt.
 
Die absurdeste Verteidigung von Autorität und Gesetz ist, daß sie dazu dienten, die Kriminalität einzudämmen. Abgesehen von der Tatsache, daß der Staat selbst der größte Verbrecher ist, indem er jedes geschriebene und natürliche Recht bricht, mittels Steuern stiehlt, durch Krieg und Todesstrafe mordet, ist er hinsichtlich der Bewältigung der Kriminalität an einem absoluten Nullpunkt angelangt. Es ist ihm gänzlich mißlungen, die fürchterliche Plage, die er selbst geschaffen hat, auszurotten oder auch nur zu verringern.[...]
 
Verbrechen ist nichts anderes als fehlgeleitete Energie. Solange jede bestehende Institution insgeheim dazu beiträgt, menschlichen Tatendrang wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich und moralisch in falsche Bahnen zu lenken; solange die meisten Menschen am falschen Platz Dinge tun, die sie nicht ausstehen können, ein Leben führen, das sie verabscheuen, werden Verbrechen unvermeidlich sein, und all die Vorschriften in den Gesetzesblättern können die Kriminalität nur erhöhen, sie aber niemals beseitigen. Was weiß die Gesellschaft, so wie sie heute existiert, von dem Prozeß der Verzweiflung, der Leere, der Ängste, der furchtbaren Kämpfe, den die menschliche Seele auf ihrem Weg ins Verbrechen und in die Erniedrigung durchmachen muß. Wer, der diesen Vorgang kennt, empfindet nicht die Wahrheit in diesen Worten Peter Kropotkins:
 
„Diejenigen, die zwischen den Vorteilen abwägen, die Gesetz und Bestrafung zugeschrieben werden und der entwürdigenden Wirkung des letzteren auf das menschliche Wesen; diejenigen, die sich den Sturzbach der Verderbtheit vorstellen können, der sich durch den, selbst vom Richter begünstigten und vom Staat unter dem Vorwand, Verbrechen zu entlarven, mit klingender Münze bezahlten Spitzel in die Gesellschaft ergießen wird; diejenigen, die in die Gefängnisse gehen und dort sehen werden, was aus Menschen wird, wenn ihnen die Freiheit genommen worden ist, wenn sie in der Behandlung durch brutale Aufseher, durch grobe, harte Worte, tausenden von peinigenden, bohrenden Demütigungen unterworfen sind, werden mit uns darin übereinstimmen, daß der gesamte Apparat von Gefängnis und Bestrafung ein Greuel ist, dem ein Ende gemacht werden muß. [...]
 
Um zu einer solchen Ordnung der Dinge zu gelangen, muß der Staat mit seinen ungerechten, willkürlichen, repressiven Maßnahmen abgeschafft werden. Im besten Falle hat er, ohne Rücksicht auf individuelle und soziale Verschiedenheit und Bedürfnisse, allen ein und denselben Lebensstil aufgezwungen. Mit der Vernichtung des Staates und des gesetzlichen Rechts beabsichtigt der Anarchismus, die Selbstachtung und Selbständigkeit des Individuums von aller Beschränkung und allem Eingriff durch die Staatsgewalt zu befreien. Nur in Freiheit kann sich der Mensch zu seiner ganzen Bedeutung entwickeln. Nur in Freiheit wird er lernen zu denken, zu handeln und sein Bestes zu geben. Nur in Freiheit wird er die wahre Bedeutung der gesellschaftlichen Bande erfassen, die die Menschen zusammenhalten und die eigentliche Grundlage jedes normalen Zusammenlebens sind. Aber wie steht es mit der Natur des Menschen? Kann sie verändert werden? Und wenn nicht, wird sie den Anarchismus vertragen?
 
Arme menschliche Natur! Welch schreckliche Verbrechen sind in deinem Namen begangen worden! Jeder Narr, vom König bis zum Polizisten, engstirnigen Pfaffen bis zum phantasielosen Stümper in der Wissenschaft, maßt sich an, aufgrund seiner Autorität über die menschliche Natur zu sprechen. Je berühmter der intellektuelle Quacksalber, desto hartnäckiger sein Bestehen auf der Bosheit und Schwäche der menschlichen Natur. Doch wie kann man heutzutage darüber sprechen, da sich jede Seele gefangen findet, jedes Herz gefesselt, verletzt und verkrüppelt ist.
 
John Burroughs hat dargelegt, daß experimentelle Studien über Tiere in Gefangenschaft vollkommen sinnlos sind. Ihr Wesen, ihre Lebensweise, ihre Triebe unterliegen einer vollständigen Wandlung, wenn sie ihrer natürlichen Umwelt entrissen werden. Wie aber können wir über die Entwicklungschancen der menschlichen Natur reden, wenn die Menschen auf engem Raum zusammengepfercht und täglich in den Gehorsam geprügelt werden? Freiheit sowie Raum und Möglichkeiten zur Selbstentfaltung, vor allem jedoch Frieden und eine entspannte Atmosphäre, sie allein können uns die wesentlichen Merkmale in der Natur des Menschen samt ihrer wunderbaren Fähigkeiten aufzeigen.
 
Anarchismus bedeutet also die Befreiung des Geistes von der Herrschaft der Religion, die Befreiung des Menschen von der Herrschaft des Eigentums, die Befreiung von den Fesseln und dem Zwang des Staates. Anarchismus steht für eine Gesellschaftsordnung, basierend auf dem freiwilligen Zusammenschluß von Individuen zum Zweck, wirklichen sozialen Wohlstand zu schaffen; eine Ordnung, die jedem Menschen freien Zutritt zur Welt und volles Ausleben der Lebensbedürfnisse entsprechend den individuellen Wünschen, Neigungen und Vorlieben gewährleistet. Dies ist keine abenteuerliche Phantasie oder geistige Verwirrung. Es ist das Ergebnis, zu dem eine große Zahl vernünftiger Männer und Frauen in der ganzen Welt gelangt sind; eine Folgerung, die sich aus der scharfen, sorgfältigen Beobachtung der Tendenzen der heutigen Gesellschaft ergibt: individuelle Freiheit und ökonomische Gleichheit; die in dieser Gemeinschaft notwendigen Kräfte für die Geburt des Guten und Wahren im Menschen.
 
Was die Methode anbelangt, so ist der Anarchismus nicht wie manche vermuten eine Theorie der Zukunft, die vermittels göttlicher Eingebung verwirklicht wird. Er ist die lebendige Kraft in den Angelegenheiten unseres täglichen Lebens, das unaufhörlich neue Bedingungen hervorbringt. Die Vorgehensweise des Anarchismus enthält deshalb kein starres Programm, das unter allen Umständen durchgeführt werden müßte. Methoden müssen aus den ökonomischen Erfordernissen jedes Ortes und jeder Region und aus den intellektuellen und anlagebedingten Bedürfnissen des Individuums erwachsen. Das heitere, ruhige Wesen eines Leo Tolstoi wird andere Wege zur sozialen Neuordnung wünschen als die heftige, überschäumende Persönlichkeit Michail Bakunins oder Peter Kropotkins. Ebenso muß es klar sein, daß die wirtschaftlichen und politischen Nöte Rußlands drastischere Maßnahmen gebieten werden als die Englands und Amerikas. Anarchismus steht nicht für militärischen Drill und Uniformität. Er steht jedoch für den Geist der Revolte, in welcher Form auch immer, gegen alles, das der Entwicklung des Menschen hinderlich ist. Darin stimmen alle Anarchisten überein, ebenso wie sie sich in ihrem Widerstand gegen die politische Maschinerie als einem Mittel zur Herbeiführung der großen gesellschaftlichen Veränderung einig sind. [...]
 
Was zeigt die Geschichte des Parlamentarismus? Nichts als Fehlschläge und Niederlagen; nicht eine einzige Reform, die je die ökonomische und soziale Last des Volkes wirklich erleichtert hätte. Zur Verbesserung und zum Schutz der Arbeit sind Gesetze in Kraft gesetzt und Verordnungen erlassen worden. Dennoch hat sich allein im letzten Jahr gezeigt, daß Illinois, mit den strengsten Grubenschutzgesetzen, die größten Minenunglücke hatte. In Staaten, in denen sich Kinderarbeitsschutzgesetze durchsetzten, ist die Ausbeutung der Kinder am größten, und obwohl die Arbeiter bei uns alle politischen Möglichkeiten haben, hat der Kapitalismus das höchste an schamloser Entfaltung erreicht.

Selbst wenn die Arbeiter ihre eigenen (parlamentarischen) Repräsentanten hätten – wie das unsere guten sozialistischen Politiker ständig lauthals fordern – welche Aussichten hätten ihre Ehrlichkeit und ihr guter Glaube? Man muß nur an den Lauf der Politik denken, um zu erkennen, daß sein Weg der guten Vorsätze mit Fußangeln gepflastert ist: Manipulation, Intrigen, Schmeichlertum, Lügen, Betrügereien; Schliche aller Art, mit denen der politische Emporkömmling Erfolg erzielen kann. Hinzu kommt eine völlige Unterminierung der Persönlichkeit und der Überzeugung, bis nichts mehr übrig ist, das einen von solch einem menschlichen Wrack noch etwas erwarten ließe. Immer und immer wieder waren die Menschen dumm genug, strebsamen Politikern zu trauen, ihnen zu glauben und sie mit ihrem letzten Pfennig zu unterstützen, nur um sich letzten Endes verraten und verkauft zu finden.

Man mag einwenden, daß integre Menschen nicht in der politischen Tretmühle korrumpiert werden. Vielleicht nicht; aber solche Menschen wären, wie es sich auch in der Tat in zahlreichen Fällen gezeigt hat, vollkommen unfähig, auch nur die geringste Macht im Namen der Arbeiter auszuüben. Der Staat ist der Finanzier seiner Bediensteten. Gute Menschen, wenn es solche dort gibt, würden entweder ihrem politischen Bekenntnis treu bleiben und ihre finanzielle Stütze verlieren, oder sie würden sich an ihren Geldgeber klammern und absolut unfähig sein, auch nur das geringste an Gutem zu tun. Die politische Arena läßt einem keine Wahl; man muß entweder ein Narr oder ein Schuft sein. [...]
 
Alles Illegale verlangt Integrität, Selbstvertrauen und Mut. Kurz, es erfordert freie, unabhängige Geister, „Menschen, die stark sind und denen man nicht das Rückgrat brechen kann.“ Selbst das allgemeine Wahlrecht verdankt seine Existenz der direkten Aktion. Ohne den Mut zur Auflehnung, zum Widerstand seitens der amerikanischen revolutionären Vorfahren, würden deren Nachkommen noch heute den Königsrock tragen. Ohne die direkte Aktion eines John Brown und seiner Kameraden würde Amerika noch heute mit dem Körper des schwarzen Menschen Handel treiben. Zugegeben, der Handel mit weißen (und schwarzen Lohnarbeitern, d.Hg.) dauert bis heute an, aber auch das wird durch direkte Aktion abgeschafft werden. Die Gewerkschaftsbewegung, die Arena der Lohnkämpfe moderner Gladiatoren, verdankt ihre Existenz der direkten Aktion. Erst kürzlich haben Justiz und Regierung versucht, die Gewerkschaftsbewegung zu zerschlagen, und sie verurteilten die Verteidiger des Versammlungsrechts als „Verschwörer“ zu Gefängnisstrafen. Hätten sie versucht, ihre Sache mit Betteln, Bitten und Kompromissen durchzusetzen, wäre die Gewerkschaftsbewegung heute eine unbedeutende Größe. In Frankreich, in Spanien, in Italien, in Rußland, ja sogar in England (das beweist der wachsende Widerstand der englischen Gewerkschaften) ist die direkte revolutionäre Aktion im Bereich der Wirtschaft eine so starke Kraft im Kampf für die Freiheit der Arbeit geworden, daß die Welt nicht umhin kann, die gewaltige Bedeutung der Arbeitermacht anzuerkennen. Der Generalstreik, der höchste Ausdruck des ökonomischen Bewußtseins der Arbeiter, wurde in Amerika vor nicht all zu langer Zeit lächerlich gemacht. Heute muß jeder große Streik, um Erfolg zu haben, die Bedeutung des solidarischen, umfassenden Protestes begreifen.

Die direkte Aktion, die sich schon auf ökonomischem Gebiet als erfolgreich erwiesen hat, ist im Bereich des Individuums gleichermaßen wirksam. Hunderte von Zwängen beeinträchtigen dort sein Dasein, und nur hartnäckiger Widerstand dagegen wird es endlich befreien. Direkte Aktion gegen die Betriebsführung, direkte Aktion gegen die Autorität des Gesetzes, direkte Aktion gegen den zudringlichen, lästigen Einfluß unseres Moralkodexes ist die folgerichtige, konsequente Vorgehensweise des Anarchismus. [...]"
 
Quelle: www.marxists.org - "Emma Goldman: Der Anarchismus und seine wirkliche Bedeutung", farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
"[...] Und aus diesen Staubkörnchen, diesen unendlich kleinen Teilchen, die den Weltenraum in alle Richtungen mit schwindelerregender Geschwindigkeit durcheilen, die überall und andauernd zusammenstoßen, sich zusammenballen und auseinanderfallen, aus diesen, sage ich, sucht der Astronom heute den Ursprung unseres Systems zu erklären, die Sonne, die Planeten und Satelliten und die seine verschiedenen Teile beseelenden Bewegungen und die Harmonie des Ganzen. Noch ein Schritt weiter, und selbst die universelle Anziehungskraft wird bald nicht mehr denn eine Resultante aller ungeordneten und unzusammenhängenden Bewegungen dieser unendlich kleinen Teilchen sein - der Atomschwingungen in alle möglichen Richtungen.

So ist der einmal von der Erde auf die Sonne verlegte Mittelpunkt, der Ursprung der Kraft, jetzt zersplittert, zerstreut: er ist überall und nirgends. Mit dem Astronomen bemerkt man, daß die Sonnensysteme nur das Werk der unendlich kleinen Teilchen sind, daß die Kraft, die man für die das System beherrschende hielt, vielleicht selbst nur die Resultante der Zusammenstöße dieser unendlich kleinen Teilchen ist; daß die Harmonie der Sternensysteme nur deshalb eine Harmonie ist, weil sie eine Anpassung, eine Resultante aller dieser unzählbaren, sich addierenden, sich vervollständigenden, sich gegenseitig im Gleichgewicht haltenden Bewegungen ist. Das ganze Bild des Universums verwandelt sich mit dieser neuen Vorstellung. Der Gedanke an eine die Welt regierende Kraft, an ein präetabliertes Gesetz, an eine prästabilierte Harmonie, verschwindet, um jener Harmonie Platz zu machen, die Fourier einst geahnt hatte und die nur die Resultante dieser unzählbaren, jeder seinen eigenen Weg gehenden und einander im Gleichgewicht haltenden Schwärme von Materie ist.

Wäre es übrigens nur die Astronomie, die jener Verwandlung unterliegt! Aber nein, die gleiche Veränderung findet ohne Ausnahme in den Philosophien aller Wissenschaften statt, jenen, die die Natur, wie jenen, die die menschlichen Beziehungen behandeln. In der Physik verschwinden die Wesenheiten Wärme, Magnetismus, Elektrizität. Spricht heute ein Physiker von einem erhitzten oder elektrisierten Körper, sieht er keine leblose Masse mehr, der sich eine unbekannte Kraft zugesellt. Er bemüht sich, in diesem Körper und in dem ihn umgebenden / Raum den Gang, die Schwingungen der unendlich kleinen Atome zu erkennen, die in alle Richtungen drängen, schwingen, sich bewegen, leben und durch ihre Schwingungen, ihre Zusammenstöße, ihr Leben die Phänomene Wärme, Licht, Magnetismus oder Elektrizität erzeugen.

In den Wissenschaften, die das organische Leben behandeln, tritt die Vorstellung von der Spezies und ihren Variationen zurück und wird durch die Vorstellung vom Individuum ersetzt. Botaniker und Zoologe studieren das Individuum -sein Leben, seine Anpassung an die Umwelt. Veränderungen, die die Individuen unter der Einwirkung von Trockenheit oder Feuchtigkeit, Wärme oder Kälte, des Überflusses oder des Mangels an Nahrung, ihrer mehr oder minder starken Sensibilität gegenüber den Einflüssen des äußeren Milieus erfahren, gebären die Spezies; und die Variationen der Spezies sind für den Biologen lediglich Resultanten - Summen von Veränderungen, die jedes Individuum separat erfährt. Die Spezies wird sein, was die Individuen sein werden, von denen ein jedes den zahllosen Einflüssen der Umwelt, in der es lebt, ausgesetzt ist und auf die es auf seine Art reagiert. Und wenn der Physiologe von dem Leben einer Pflanze oder eines Tieres spricht, so sieht er dabei eher eine Agglomeration, eine Kolonie von Millionen gesonderter Individuen, als eine einzige und unteilbare Persönlichkeit. Er spricht von einer Föderation von Verdauungs-, Sinnes-, Nervenorganen etc., alle sehr eng miteinander verknüpft, alle den Rückwirkungen des Wohlbefindens oder Unwohlseins jedes anderen ausgesetzt, doch jedes sein eigenes Leben lebend. - Jedes Organ, jeder Teil eines Organs ist wiederum aus unabhängigen Zellen zusammengesetzt, die sich assoziieren, um gegen die für ihre Existenz ungünstigen Bedingungen zu kämpfen. Das Individuum ist eine ganze Welt von Föderationen, es ist ein ganzer Kosmos für sich allein!

Und in dieser Welt sieht der Physiologe die autonomen Zellen des Bluts, der Gewebe, der Nervenzentren; er erkennt die Milliarden weißer Blutkörperchen, die Phagozyten, die zu den von Mikroben infizierten Stellen des Körpers drängen, um den Eindringlingen eine Schlacht zu liefern. Mehr noch: in jeder mikroskopischen Zelle entdeckt er heute eine Welt autonomer Elemente, deren jedes sein eigenes Leben lebt, für sich selbst Wohlbefinden sucht und dieses durch Gruppenbildung, durch Assoziation mit anderen Elementen erreicht. Kurz, jedes Individuum ist ein Kosmos von Organen, jedes Organ ist ein Kosmos von Zellen, jede Zelle ist ein Kosmos unendlich kleiner Teilchen; und in dieser komplexen Welt hängt das Wohlbefinden des Ganzen voll und ganz von der Summe des Wohlbefindens ab, dessen sich jede der geringsten mikroskopischen Parzellen der belebten Materie erfreut. Für die Philosophie des Lebens bedeutet das eine vollständige Revolution.

Vor allem aber in der Psychologie hat diese Revolution Folgen von größter Tragweite. Noch vor kurzem sprach der Psychologe vom Menschen als von einem einzigen und unteilbaren Gesamtwesen. Treu der kirchlichen Tradition beliebte er die Menschen in.gute und schlechte, kluge und dumme, egoistische und altruistische zu klassifizieren. Selbst bei den Materialisten des 18. Jahrhunderts hielt sich noch die Vorstellung von der Seele als einer unteilbaren Einheit aufrecht. Aber was dächte man heute von einem Psychologen, der noch diese Sprache spräche! Der Psychologe unserer Tage sieht im Menschen eine Vielfalt separater Fähigkeiten, autonomer Neigungen, die einander gleichwertig sind, aber unabhängig voneinander funktionieren, sich ausgleichen, einander beständig widersprechen. Als Ganzes genommen ist für ihn der Mensch nichts als eine stets veränderliche Resultante all dieser verschiedenen Fähigkeiten, all dieser autonomen Tendenzen der Gehirnzellen und Nervenzentren. Sie alle sind untereinander soweit verbunden, daß sie alle aufeinander reagieren, aber sie leben ihr eigenes Leben, ohne einem Zentralorgan - einer Seele - untergeordnet zu sein. [...]
 
Was die Harmonie anbetrifft, die der menschliche Geist in der Natur entdeckt, und die im Grunde nur die Bestätigung einer gewissen Stabilität der Phänomene ist, so erkennt der moderne Gelehrte sie heute zweifellos mehr an als je zuvor. Aber er sucht sie nicht mehr aus der Wirkung von nach einem gewissen Plan entworfenen Gesetzen zu erklären, die von einem mit Verstand begabten Willen vorherbestimmt seien.

Was man »Naturgesetz« nannte, ist lediglich eine von uns angenommene Beziehung zwischen gewissen Phänomenen, und jedes »Naturgesetz« nimmt einen konditionellen Kausalitätscharakter an; d. h.: falls ein bestimmtes Phänomen sich unter bestimmten Bedingungen einstellt, wird es ein bestimmtes anderes zur Folge haben. Kein Gesetz mehr jenseits des Phänomens: das Phänomen, nicht das Gesetz, beherrscht das auf es folgende. Es gibt nichts Vorherbestimmtes in dem, was wir die Harmonie der Natur nennen. Die Zufälligkeit der Zusammenstöße und Begegnungen hat genügt, das zu beweisen. Ein bestimmtes Phänomen wird Jahrhunderte Bestand haben, weil die Anpassung, das Gleichgewicht, das es darstellt, Jahrhunderte zu seiner Entstehung benötigt hat, während ein bestimmtes anderes Phänomen nur einen Augenblick bestehen wird, wenn jenes momentane Gleichgewicht in einem Augenblick geboren wird. Wenn die Planeten unseres Sonnensystems nicht täglich zusammenstoßen und einander zerstören, wenn sie Millionen Jahrhunderte wären dann weil sie ein Gleichgewicht darstellen, das als Resultante von Millionen blinder Kräfte Millionen Jahrhunderte zu seiner Entstehung benötigt hat. Wenn die Kontinente nicht andauernd von vulkanischen Stößen vernichtet werden, dann kommt das daher, daß sie Tausende und Abertausende Jahrhunderte gebraucht haben, um Molekül für Molekül erbaut zu werden und ihre jetzige Gestalt anzunehmen. Doch der Blitz dauert nur einen Augenblick, weil er eine momentane Störung des Gleichgewichts, eine plötzliche Neuverteilung der Kräfte darstellt. Die Harmonie erscheint so als ein zwischen allen Kräften etabliertes zeitweiliges Gleichgewicht, als eine provisorische Anpassung; und dieses Gleichgewicht wird nur unter einer Bedingung Dauer haben: daß es sich fortwährend ändert, daß es in jedem Augenblick die Resultante sämtlicher widersprüchlichen Wirkungen darstellt. Ist nur eine einzige dieser Kräfte für einige Zeit in ihrer Wirkung behindert, wird die Harmonie verschwinden. Die Kraft wird ihre Wirkung akkumulieren, sie muß sich Bahn brechen, sie muß ihre Wirkung tun, und wenn andere Gewalten sie hindern, sich zu manifestieren, so wird sie sich deshalb nicht auflösen, sondern am Ende das Gleichgewicht zerstören, die Harmonie zerschlagen, um zu einer neuen Gleichgewichtslage zu finden und auf eine neue Anpassung hinzuarbeiten. So kommt es zum Ausbruch eines Vulkans, dessen eingekerkerte Kraft endlich die versteinerte Lava zerbricht, die ihn hinderte, Gas, Lava und glühende Asche auszuspeien. So entstehen Revolutionen.
 
Eine analoge Umwandlung findet gleichzeitig in den Wissenschaften statt,die den Menschen behandeln. Hier sehen wir ebenfalls, daß die Geschichte, nachdem sie eine Geschichte der Königreiche gewesen ist, zur Geschichte der Völker und schließlich zum Studium der Individuen zu werden strebt. Der Historiker will wissen, wie die Glieder einer bestimmten Nation in einer bestimmten Epoche lebten, welche Glaubenssätze und Existenzmittel sie besaßen, welches gesellschaftliche Ideal ihnen vorschwebte, und über welche Mittel sie verfügten, sich diesem Ideal zu nähern. Und aus dem Wirken all dieser früher vernachlässigten Kräfte wird er die großen geschichtlichen Phänomene erklären. Ebenso begnügt sich der Gelehrte, der die Rechtswissenschaften studiert, nicht mehr mit der Untersuchung dieses oder jenes Gesetzbuchs. Wie der Ethnologe will er die Genesis der einander ablösenden Einrichtungen kennenlernen; er verfolgt ihre Entwicklung durch die Zeitalter und hält sich bei diesem Studium weniger an das geschriebene Gesetz als an die lokalen Gebräuche, das »Gewohnheitsrecht«, in dem der konstruktive Geist der unbekannten Massen in jeder Epoche seinen Ausdruck gefunden hat. Eine ganz neue Wissenschaft entsteht diesermaßen und verspricht, die etablierten Vorstellungen, die wir in der Schule gelernt haben, umzuwälzen und dahin zu gelangen, die Geschichte in derselben Weise zu interpretieren wie die Naturwissenschaften die Phänomene der Natur. [...]

In der Tat ist es gewiß, daß - in dem Maße, wie das menschliche Gehirn von den Ideen, die ihm von den Minoritäten der Priester, der militärischen Anführer, der Richter eingeimpft worden sind, um darauf ihre Herrschaft zu gründen, und von den für ihre Verbreitung bezahlten Gelehrten sich befreit - eine Vorstellung von der Gesellschaft entsteht, in der für diese herrschenden Minderheiten kein Platz bleibt. Diese das ganze durch die Arbeit der vorangegangenen Generationen akkumulierte gesellschaftliche Kapital wieder in Besitz nehmende Gesellschaft organisiert sich, um dieses Kapital im Interesse aller arbeiten zu lassen, und konstituiert sich, ohne die Macht der Minderheiten wiederherzustellen. In ihrem Schoß versammelt sie Fähigkeiten, Temperamente und individuelle Energien' von unendlicher Vielfalt, und niemand wird von ihr ausgeschlossen. Kampf und Konflikt fordert sie sogar heraus, da sie weiß, daß Epochen frei ausgetragener Konflikte, in denen keine konstituierte Autorität ihr Gewicht auf eine Schale der Waage legte, stets Epochen höchster geistiger Entwicklung waren. Ausgehend von der Voraussetzung, daß sämtliche Gesellschaftsangehörigen de facto gleiche Rechtsansprüche auf sämtliche in der Vergangenheit akkumulierten Schätze besitzen, unterscheidet die Gesellschaft nicht mehr zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern, Beherrschten und Herrschenden, Regierten und Regierenden und bemüht sich, eine harmonische Ausgewogenheit zu schaffen, nicht indem sie all ihre Mitglieder einer Autorität unterwirft, die kraft Einbildung für eine Repräsentantin der Gesellschaft gehalten wird, nicht indem sie Gleichförmigkeit herzustellen sucht, sondern indem sie alle Menschen zur freien Entfaltung, zur freien Initiative, zur freien Betätigung und freien Assoziation aufruft. [...]
 
In der Tat wissen wir heute sehr wohl, daß es leichtfertig ist, von Freiheit zu sprechen, solange es ökonomische Sklaven gibt. »Sprich nicht von Freiheit - Armut ist Sklaverei!« Das ist keine leere Redensart mehr: sie hat die Gedanken der großen Arbeitermassen durchdrungen, sie infiltriert die gesamte Literatur der Epoche, sie reißt selbst jene hin, die von der Armut der anderen leben, und benimmt ihnen die Arroganz, mit der sie ehemals ihr Recht auf Ausbeutung behaupteten. Daß die jetzige Form der Aneignung des gesellschaftlichen Kapitals nicht mehr fortdauern kann, darüber sind sich Millionen Sozialisten in der alten und neuen Welt einig. Selbst die Kapitalisten fühlen, daß sie dahingeht, und wagen sie nicht mehr mit der früheren Zuversicht zu verteidigen. Ihre einzige Verteidigung beschränkt sich im Grunde darauf, uns zu sagen: »Ihr habt nichts Besseres erfunden!« Die unheilvollen Konsequenzen der gegenwärtigen Formen des Eigentums zu leugnen, ihr Recht auf Eigentum zu rechtfertigen, das vermögen sie nicht. Sie üben dieses Recht aus, solange man ihnen dazu noch Spielraum läßt, aber ohne zu versuchen, es auf eine Idee zu gründen. Das ist verständlich.

Betrachten Sie zum Beispiel diese Stadt Paris - eine Schöpfung so vieler Jahrhunderte, Produkt des Genius einer ganzen Nation, Resultat der Arbeit von 20 oder 30 Generationen. Wie verteidigt man vor dem Einwohner dieser Stadt, der Tag für Tag arbeitet, um sie zu verschönern, sie gesünder zu machen, sie zu ernähren, sie mit den Meisterwerken des menschlichen Genies auszustatten, sie zu einem Zentrum des Geists und der Kunst zu machen, wie verteidigt man vor ihm, der all dies schafft, daß die Palais, die die Straßen von Paris zieren, mit vollem Recht denjenigen gehören, die heute deren legale Eigentümer sind, wenn wir alle doch diese Werte schaffen, weil es ohne uns keine Werte gäbe. Eine solche Fiktion kann sich einige Zeit lang dank der Verschlagenheit der Volkserzieher erhalten. Ganze Arbeiterbataillone mögen darüber nicht einmal nachdenken. Aber von dem Moment, an dem eine Minorität denkender Menschen diese Frage aufgreift und sie allen stellt, kann es über die Antwort keinen Zweifel mehr geben. Der Volksgeist erwidert: »Durch Raub haben sie die Reichtümer in Besitz!« Desgleichen: wie kann man einen Bauern glauben machen, daß das grundherrliche oder bürgerliche Land dem Eigentümer nach Recht und Gesetz gehört, wenn der Bauer uns die Geschichte von jedem Stück Land im Umkreis von 10 Meilen erzählen kann? Wie kann man ihn vor allem glauben machen, es sei für die Nation nützlich, daß Herr Soundso dieses Land als Park behält, während so viele Bauern in der Umgebung nichts anderes begehren, als es zu bestellen? Wie kann man den Arbeiter in einer Fabrik oder den Knappen in einer Zeche denn noch glauben machen, daß Fabrik und Zeche rechtmäßig ihren gegenwärtigen Eigentümern gehören, wenn Fabrik- und Bergarbeiter den Panamaschwindel, die Bestechungsaffären, die Schiebungen mit französischen oder türkischen Eisenbahnaktien, die Ausplünderung des Staats und den legalen Diebstahl, woraus die großen kaufmännischen und industriellen Besitztümer entstehen, zu durchschauen beginnen? [...]
 
Haben die Massen eigentlich jemals die Sophismen geglaubt,die die Nationalökonomen gelehrt haben, mehr um die Ausbeuter in ihren Rechten zu bestärken, als um die Ausgebeuteten zu bekehren? Vom Elend erdrückt, in den wohlhabenden Klassen keine Unterstützung findend, haben Bauer und Arbeiter einfach alles geschehen lassen, doch stets sind sie bereit gewesen, von Zeit zu Zeit ihre Rechtsansprüche durch Jacquerien anzumelden. Und wenn ein städtischer Arbeiter einen Augenblick hat glauben können, daß der Tag sich näherte, an dem die persönliche Aneignung des Kapitals allen zugute käme, indem ein Fond von Reichtümern gebildet würde, an deren Verteilung teilzunehmen alle Welt aufgerufen wäre, so vergeht diese Illusion wie so viele andere auch. Der Arbeiter wird gewahr, daß er enterbt war und bleibt; daß er, um seinen Herren den geringsten Teil der durch seine Mühen erworbenen Reichtümer zu entreißen, Rekurs auf Revolte oder Streik nehmen, d. h. die Schrecken des Hungers auf sich nehmen und der Verhaftung die Stirn bieten, wenn nicht gar den kaiserlichen, königlichen oder republikanischen Erschießungen sich aussetzen muß. Aber ein anderes Übel des jetzigen Systems schält sich mehr und mehr heraus. Ist erst einmal auf dem Weg privater Aneignung alles, was zum Leben und zur Produktion dient - der Boden, die Wohnung, die Nahrung und die Arbeitsgeräte - in die Hände Weniger übergegangen, so verhindern diese dauerhaft, das zum Wohlbefinden eines jeden Notwendige zu produzieren. Der Arbeiter fühlt unbestimmt, daß unser heutiges technisches Vermögen allen einen üppigen Wohlstand vermitteln könnte, aber er bemerkt auch, wie das kapitalistische System und der Staat es in jeder Hinsicht verhindern, diesen Wohlstand zu erringen. [...]
 
Das eigentliche Wesen des gegenwärtigen Wirtschaftssystems ist, daß der Arbeiter niemals den von ihm erzeugten Wohlstand genießen kann und die Anzahl der auf seine Kosten Lebenden sich ständig vermehrt. Je fortgeschrittener ein Land in der Industrie, desto größer ist deren Zahl. Erzwungenermaßen richtet sich die Industrie deshalb weder jetzt noch fürderhin nach dem, was zur Befriedigung der Bedürfnisse aller erforderlich ist, sondern nach dem, was in einem gegebenen Moment einigen Wenigen die größten zeitweiligen Vorteile einträgt. Mit unumgänglicher Notwendigkeit bedingt der Überfluß der einen die Armut der anderen, und die Not der großen Menge muß um jeden Preis aufrechterhalten werden, damit es Arme gibt, die sich für einen Teil dessen verkaufen, was sie zu produzieren fähig sind; ohne sie gäbe es keine private Kapitalakkumulation! Diese charakteristischen Züge unseres Wirtschaftssystems machen im Grunde sein eigentliches Wesen aus. Ohne sie kann es nicht bestehen; denn wer verkaufte wohl seine Arbeitskraft für weniger, als sie einzubringen imstande wäre, würde er nicht durch drohenden Hunger dazu gezwungen? Und diese wesentlichen Züge des Systems sind auch seine vernichtendste Verdammung. [...]
Verschiedene Ursachen haben bisher den Ausbruch dieser unvermeidlichen Revolution aufgehalten. Die Ungewißheit der internationalen Beziehungen trägt sicher dazu bei. Aber es gibt, wie mir scheint, eine andere, tiefere Ursache, auf die ich Ihre ganze Aufmerksamkeit lenken möchte. Zahlreiche Anzeichen lassen uns vermuten, daß unter den Sozialisten selbst eine tiefgehende Umwandlung der Ideen stattfindet, ähnlich derjenigen, die ich zu Beginn dieses Vertrags skizziert habe, als ich von den Wissenschaften im allgemeinen sprach. Und die Unsicherheit der Sozialisten in Hinsicht auf die Organisation der Gesellschaft, die sie herbeiwünschen, lahmt bis zu einem gewissen Grad ihre Energie. In seinen Anfängen, in den 4oer Jahren, war der Sozialismus als Kommunismus aufgetreten, als eine und unteilbare Republik, als Diktatur im ökonomischen Bereich und als staatlicher Jakobinismus. Das war das Ideal der Epoche. Ob religiöser Mensch oder Freidenker, der damalige Sozialist war bereit, sich einer gleichgültig wie starken Regierung zu unterwerfen, sogar dem Kaiserreich, vorausgesetzt, daß diese Regierung die ökonomischen Verhältnisse zum Vorteil der Arbeiter umgestaltete. Eine tiefgehende Revolution hat seither stattgefunden, insbesondere bei den lateinischen Völkern und in England. Staatlicher wie theokratischer Kommunismus erfüllen den Arbeiter mit Widerwillen. Und dieser Widerwille ließ in der Internationalen eine neue Vorstellung oder Doktrin entstehen, den Kollektivismus. Diese Doktrin bedeutete anfangs: Kollektivbesitz der Arbeitsgeräte (ohne das für das Leben Notwendige einzubegreifen) und das Recht jeder Gruppe, für ihre Mitglieder einen ihr genehmen kommunistischen oder individuellen Modus der Entlohnung anzunehmen. Indessen hat sich dieses System nach und nach in eine Art Kompromiß zwischen Kommunismus und individueller Lohnzahlung verwandelt. Heute verlangt der Kollektivist, daß alles, was der Produktion dient, Gemeineigentum werde, daß aber trotzdem individuell mit Arbeitsgutscheinen entlohnt werde, entsprechend der Anzahl Stunden, die er für die Produktion aufgewendet hat. Diese Gutscheine sollen dazu dienen, in den Sozialwarenhäusern alle Waren zum Herstellungspreis zu kaufen, der ebenfalls nach Arbeitsstunden berechnet wird:

Wenn Sie diesen Gedanken jedoch genau analysieren; werden Sie zugeben, daß sein Wesen, wie es einer unserer Freunde zusammenfaßt, auf dies hinausläuft: partieller Kommunismus hinsichtlich des Besitzes der Arbeitsgeräte und der Erziehung; Konkurrenz zwischen den Individuen und Gruppen um das Brot, die Wohnung, die Kleidung; Individualismus für die Werke des Geists und der Kunst und gesellschaftliche Hilfe für die Kinder, die Kranken, die Alten.

Mit einem Wort - Kampf um die Existenzmittel, gemildert durch Nächstenliebe. Immer noch der christliche Grundsatz: »Schlagt Wunden, um sie später zu heilen!« Und immer noch der Inquisition die Tür geöffnet, um herauszufinden, ob Sie ein Mensch sind, der kämpfen soll, oder wohl ein Mensch, dem der Herr Staat Beistand schuldet. Der Gedanke ist, wie Sie wissen, alt. Er stammt von Robert Owen. Proudhon verkündete ihn im Jahre 1848. Heute ist daraus der »wissenschaftliche Sozialismus« geworden. Man muß indessen sagen, daß dieses System auf den Geist der Massen wenig Eindruck zu machen scheint; man möchte meinen, sie ahnten seine Nachteile, um nicht zu sagen, seine Unmöglichkeiten voraus.

Zunächst gibt die für irgendeine Arbeit aufgewendete Zeit nicht das Maß für die gesellschaftliche Nützlichkeit der vollendeten Arbeit an, und die Werttheorien, die man von Adam Smith bis Marx allein auf die in Arbeit berechneten Produktionskosten hat basieren wollen, haben das Problem des Werts nicht zu lösen vermocht. Sobald ein Austausch stattfindet, wird der Wert eines Gegenstands zu einer komplexen Quantität, der vor allem vom Grad der Befriedigung abhängt, den er den Bedürfnissen verschafft - nicht denen des Individuums, wie das früher gewisse Nationalökonomen behaupteten, sondern denen der als Einheit aufgefaßten ganzen Gesellschaft. Der Wert ist eine soziale Tatsache. Als Ergebnis eines Tauschs hat er einen Doppelaspekt: den Aspekt der Mühe und den der Befriedigung, beide unter sozialen und nicht unter individuellen Gesichtspunkten verstanden.

Wenn man andererseits die Übelstände des jetzigen ökonomischen Systems analysiert, bemerkt man - und das weiß der Arbeiter sehr gut-, daß sie im Wesentlichen in der dem Arbeiter auf gezwungenen Notwendigkeit bestehen, seine Arbeitskraft zu verkaufen. Ohne auch nur für 14 Tage genügend zum Leben zu besitzen, vom Staat der Möglichkeit beraubt, seine Kräfte zu nutzen, ohne sie an irgendwen zu verkaufen, verkauft sich der Arbeiter dem, der ihm Arbeit zu geben verspricht. Er verzichtet auf den Nutzen, den ihm seine Arbeit eintragen könnte, er überläßt dem Arbeitgeber den Löwenanteil der von ihm erzeugten Produkte, er entsagt sogar seiner Freiheit, er begibt sich des Rechts, seine Meinung über die Nützlichkeit dessen geltend zu machen, was er produzieren soll und auf welche Weise.

Die Akkumulation des Kapitals resultiert also nicht aus seiner Fähigkeit, den Mehrwert zu verzehren, sondern aus der Notwendigkeit des Arbeiters, seine Arbeitskraft zu verkaufen - er verkauft sie von vornherein in der Gewißheit, nicht alles zu erhalten, was diese Kraft produziert, in seinen Interessen geschädigt und der Untergebene des Käufers zu werden. Wäre dies nicht so, hätte der Kapitalist sie niemals zu kaufen gesucht. Deswegen muß man dieses System, um es zu ändern, in seinem Wesen angreifen, an seiner Triebfeder: dem Kauf und Verkauf, nicht in seinen Auswirkungen: dem Kapitalismus.

Die Arbeiter haben davon wohl eine vage Ahnung, und immer häufiger hört man sie sagen, daß die Sozialrevolution nichts bewirken wird, wenn sie nicht mit der Verteilung der Produkte beginnt, wenn sie nicht allen das fürs Leben Notwendige, d. h. Wohnung, Nahrung, Kleidung, garantiert. Und man weiß, daß das mit den gewaltigen Produktionsmitteln, über die wir verfügen, durchaus möglich ist. Als Lohnarbeiter bleibt der Arbeiter Sklave dessen,dem er seine Kräfte zu verkaufen genötigt ist, sei dieser Käufer ein Privatmann oder der Staat.

Im Volksgeist - dieser Summe von Meinungen aus Tausenden menschlichen Gehirnen - spürt man auch, daß, wenn der Staat an die Stelle des Arbeitgebers in dessen Rolle als Käufer und Aufseher der Arbeitskraft träte, dies ebenfalls eine widerwärtige Tyrannei bedeutete. Der Mann aus dem Volk denkt nicht über Abstraktionen nach, er denkt in konkreten Begriffen, und deshalb spürt er, daß die Abstraktion »Staat« für ihn die Gestalt zahlreicher, aus der Mitte seiner Kameraden in Fabrik oder Werkstatt gewählter Beamter annehmen würde, und er weiß, woran er bei ihren Tugenden wäre: heute vortreffliche Kameraden, würden sie morgen zu unerträglichen Vorgesetzten. Er ist aber auf der Suche nach einer Gesellschaftsverfassung, die die gegenwärtigen Übel eliminiert, ohne neue zu schaffen. [...]
 
Der Sozialist, scheint mir, wird durch die Kraft der Umstände zu akzeptieren gezwungen, daß die materielle Garantie der Existenz aller Mitglieder der Gemeinschaft der erste Akt der Sozialrevolution sein muß. Aber er muß noch einen Schritt weiter gehen. Er muß begreifen, daß diese Garantie nicht vom Staat, sondern vollständig außerhalb des Staats und ohne seine Vermittlung gegeben werden muß.

Daß eine Gesellschaft, die alle in ihrer Mitte akkumulieren Reichtümer wieder in den Besitz genommen hat, allen als Gegenleistung für täglich 4 oder 5 Stunden effektiver Handarbeit in der Produktion ein reichliches Auskommen zusichern könne - dazu haben wir bereits einmütige Zustimmung von denen erlangt, die über diese Frage nachgedacht haben. Wenn jeder von Kindheit an erführe, woher das Brot kommt, das er ißt, das Haus, das er bewohnt, das Buch, das er studiert usw., und wenn jeder sich daran gewöhnte, die Kopfarbeit durch Handarbeit in irgendeinem manuellen Produktionszweig zu ergänzen, dann könnte die Gesellschaft diese Aufgabe leicht bewältigen, ohne sogar mit den Vereinfachungen der Produktion zu rechnen, die eine mehr oder weniger nahe Zukunft für uns bereit hält. Es genügt tatsächlich, einen Augenblick an die heute stattfindende unerhörte, unvorstellbare Verschwendung menschlicher Kräfte zu denken, um zu begreifen, was eine zivilisierte Gesellschaft mit welch geringer Menge Arbeit jedes Einzelnen produzieren könnte, welch großartige Werke sie in Angriff nehmen könnte, die heute außer Frage stehen. Unglücklicherweise hat sich die Metaphysik, die man politische Ökonomie nennt, niemals mit dem beschäftigt, was ihr Wesen ausmacht - mit der Ökonomie der Kräfte. Über die Möglichkeit des Reichtums in einer kommunistischen Gesellschaft, die wie die unsrige mit Werkzeugen ausgerüstet ist, besteht kein Zweifel mehr. Zweifel ergeben sich nur hinsichtlich der Frage, ob eine solche Gesellschaft existieren kann, ohne daß der Mensch in allen seinen Handlungen der Kontrolle des Staats unterworfen werde; ob es nicht, um zu Wohlstand zu gelangen, erforderlich ist, daß die europäischen Gesellschaften das bißchen persönliche Freiheit opfern, das sie während dieses Jahrhunderts um den Preis so vieler Opfer wiedererobert haben?

Ein Teil der Sozialisten behauptet, daß es unmöglich ist, zu einem solchen Ergebnis zu gelangen, ohne seine Freiheit auf dem Altar des Staats zu opfern. Der andere Teil, zu dem wir gehören, behauptet im Gegenteil, daß wir nur durch Abschaffung des Staats, durch Eroberung der völligen Freiheit des Individuums, durch freie Vereinbarung, absolut freie Assoziation und Föderation zum Kommunismus gelangen können - zum gemeinsamen Besitz unseres gesellschaftlichen Erbes und zur gemeinsamen Produktion aller Reichtümer.

Das ist die Frage, die in diesem Moment vor allen anderen Vorrang hat und die der Sozialismus auf die Gefahr hin entscheiden muß, alle seine Anstrengungen kompromittiert, seine ganze spätere Entwicklung paralysiert zu sehen. Analysieren wir sie also mit aller gebotenen Aufmerksamkeit. Würde jeder Sozialist sich in seiner Erinnerung die Vergangenheit vergegenwärtigen, würde er sich zweifellos der Menge von Vorurteilen erinnern, die in ihm laut wurden, als er zum ersten Mal auf den Gedanken kam, daß die Abschaffung des kapitalistischen Systems, der privaten Aneignung des Bodens und der Kapitalien zur historischen Notwendigkeit wird.

Das Gleiche geschieht heute demjenigen, der zum ersten Mal davon reden hört, daß die Abschaffung des Staats, seiner Gesetze, seines gesamten Verwaltungssystems, des Gouvernementalismus und der Zentralisadon ebenfalls zur historischen Notwendigkeit wird; daß die Abschaffung des einen ohne die des anderen materiell unmöglich ist. Unsere ganze Erziehung - die, wohlgemerkt, von Kirche und Staat in beider Interesse betrieben wird - empört sich gegen diese Vorstellung. Ist diese aber deswegen weniger richtig? Und soll bei der Massenvernichtung von Vorurteilen, die wir für unsere Emanzipation bereits getätigt haben, das Vorurteil vom Staat überleben ?
 
Ich will hier nicht auf eine schon so viele Male unternommene und wieder neu unternommene Kritik des Staats eingehen und bin gezwungen, die Analyse der historischen Rolle des Staats auf einen anderen Vortrag zu verschieben". Einige Betrachtungen allgemeiner Art werden uns genügen. Zunächst: wenngleich der Mensch seit seinen Anfängen immer in Gesellschaften gelebt hat, ist der Staat doch lediglich eine Form des gesellschaftlichen Lebens, für unsere europäischen Gesellschaften zudem noch eine ganz neue. Der Mensch lebte schon Tausende von Jahren, ehe die ersten Staaten gebildet wurden; Griechenland und Rom existierten jahrhundertelang, ehe sie bei den mazedonischen und römischen Imperien anlangten, und für uns moderne Europäer datieren die Staaten erst aus dem 16. Jahrhundert. Damals fand der Niedergang der freien Gemeinden seinen Abschluß, und es kam zur Konstitution jener Versicherung auf Gegenseitigkeit zwischen der militärischen, richterlichen, grundherrlichen und kapitalistischen Autorität, die den Namen »Staat« trägt.

Erst im 16. Jahrhundert wurde den Gedanken der lokalen Unabhängigkeit, der freien Vereinigung und Organisation, der auf allen Stufen stattfindenden Föderation souveräner Gruppen, die im Besitz all der Funktionen waren, die heute der Staat an sich gerissen hat, ein tödlicher Hieb versetzt. Erst in dieser Epoche setzte die Allianz zwischen der Kirche und der beginnenden Macht des Königtums jener auf das föderative Prinzip gegründeten Organisation ein Ende, die vom 9. bis zum 15. Jahrhundert bestanden hätte und in Europa die große Periode der freien Städte des Mittelalters hervorbrachte, deren Charakter Sismondi und Augustin Thierry, die in unseren Tagen leider wenig gelesen werden, so genau enträtselt hatten.

Man kennt die Mittel, durch die diese Assoziation zwischen Grundherr, Priester, Kaufmann, Richter, Soldat und König ihre Herrschaft begründete. Es geschah vermöge der Abschaffung aller freien Verträge: der Dorfgemeinschaften, der Gilden, der Gesellenverbindungen, der Bruderschaften, der mittelalterlichen Schwurbündnisse. Es geschah vermittels Konfiskation der Gemeindeländereien und Gildenschätze, kraft des absoluten und grausamen Verbots jeder Art von freier Vereinbarung zwischen Menschen; durch Massaker, Rad, Galgen, Schwert und Feuer errichteten Kirche und Staat ihre Herrschaft und konnten von nun an über zusammenhanglose Mengen von Untertanen regieren, die keine unmittelbare Verbindung untereinander mehr besaßen. [...]
 
Der gebildete Mensch - »der Zivilisierte«, wie Fourier voll Verachtung sagte - schaudert bei dem Gedanken, die Gesellschaft könnte eines Tages ohne Richter, ohne Polizisten, ohne Kerkermeister sein. Aber ganz offen - haben Sie diese Leute wirklich so nötig, wie alte Schmöker es Ihnen einreden? Schmöker, von Gelehrten verfaßt, die, wie man ja weiß, generell sich ganz gut in dem auskennen, was andere Gelehrte vor ihnen geschrieben haben, die in ihrer Mehrzahl das Volk und dessen Alltagsleben jedoch völlig ignorieren.

Wenn wir nicht bloß in den von Polizisten wimmelnden Straßen von Paris spazieren gehen können, ohne Angst haben zu müssen, sondern auch auf Landstraßen, auf denen man nur selten einem Passanten begegnet - verdanken wir diese Sicherheit etwa der Polizei oder nicht vielmehr der Tatsache, daß da gar keine Leute sind, die uns totschlagen oder ausrauben wollen? Ich spreche selbstredend nicht von demjenigen, der Millionen mit sich herumträgt. Dieser - ein kürzlicher Vorfall lehrt uns das - ist schnell ausgeraubt, mit Vorliebe an Orten, wo es ebenso viele Polizisten wie Laternen gibt. Nein, ich spreche von dem Menschen, der für sein Leben und nicht für seine Börse fürchtet, die mit unrecht erworbenem Geld gefüllt ist. Sind seine Ängste begründet? [...]
 
Und glauben Sie, daß die Richter, Kerkermeister und Gendarmen es wirklich verhindern, daß sich in unseren alltäglichen Beziehungen zu unseren Mitbürgern antisoziale Handlungen vermehren? Der stets grimmige, oft gesetzeswütige Richter, der Denunziant, der Spitzel, der Polizist, all diese Leute von zweideutigem Ruf, die rund um die wie zum Hohn Paläste der Gerechtigkeit genannten Gebäude ihr erbärmliches Leben fristen, gießen sie nicht einen großen Schwall Demoralisierung über die Gesellschaft? Lesen Sie die Prozeßakten, werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen, stoßen Sie mit Ihrer Analyse weit hinter die äußere Fassade vor, und Sie werden sich angeekelt abwenden. Ist das Gefängnis, das im Menschen jeden Willen und alle Charakterstärke tötet, das in seinen Mauern mehr Verbrechen einschließt, ais man an irgendeinem anderen Punkt des Erdballs antrifft, nicht von jeher die Hochschule des Verbrechens gewesen? Ist der Gerichtshof nicht eine Schule der Grausamkeit? Usw.

Wenn wir die Abschaffung des Staats und aller seiner Organe fordern, sagt man uns, daß wir eine Gesellschaft erträumen, die aus besseren Menschen bestünde, als es sie in Wirklichkeit gibt. Nein, tausendmal nein! Alles, was wir fordern, ist, daß man die Menschen durch derartige Institutionen nicht schlechter macht, als sie sind! Eines Tages wollte Ihering, ein deutscher Rechtsgelehrter von großem Ruf, die wissenschaftliche Arbeit seines Lebens zusammenfassen und eine Abhandlung schreiben, in der er sich, vornahm, die Faktoren zu analysieren, die in der Gesellschaft das gesellschaftliche Leben bestimmen. Der Zweck im Recht ist der Titel dieses Werks, das wohlverdientes Ansehen genießt. Er machte einen Arbeitsplan für seine Abhandlung und diskutierte mit großer Gelehrsamkeit die beiden Zwangsfaktoren: den Lohn und die übrigen in Gesetze gefaßten Formen des Zwangs. Am Ende seines Werks widmete er zwei Paragraphen den beiden nicht zwangshaften Faktoren, denen er, wie es bei einem Juristen recht und billig ist, eine bloß mittelmäßige Bedeutung zumaß: dem Pflichtgefühl und dem Gefühl der Sympathie.

Doch was geschah? In dem Maße, wie er die Zwangsfaktoren analysierte, stellte er ihre Unzulänglichkeit fest. Er widmete ihnen einen ganzen Band gedrängter Analyse, und das Resultat reduzierte ihre Bedeutung. Als er die beiden letzten Paragraphen begann und über die nicht zwangshaften Faktoren der Gesellschaft zu reflektieren sich anschickte, gewahrte er ihre ungeheure, überragende Bedeutung; er sah sich gezwungen, einen zweiten Band - doppelt so dick wie der erste - über diese beiden Faktoren, die freiwillige Beschränkung und die gegenseitige Hilfe, zu schreiben, und dennoch analysierte er nur einen winzigen Teil der letzteren - den aus persönlichen Sympathien resultierenden Teil - und berührte die aus den gesellschaftlichen Institutionen resultierende freie Vereinbarung so gut wie gar nicht. Hören Sie also auf, die in der Schule gelernten Formeln zu repetieren, denken Sie an diese Ideen, und es wird Ihnen ebenso ergehen wie Ihering: Sie werden die, verglichen mit den Faktoren der freiwilligen Vereinbarung, minimale Bedeutung des Zwangs in der Gesellschaft erkennen.

Wenn Sie andererseits, einem sehr alten Rat Benthams folgend, sich damit beschäftigen, über die verderblichen direkten und indirekten Folgen des gesetzlichen Zwangs nachzudenken, so werden Sie, wie Tolstoj und wie wir, Widerwillen gegen die Anwendung von Gewalt hegen und dahin gelangen, sich zu sagen, daß die Gesellschaft tausend andere weit wirksamere Mittel besitzt, antisoziale Handlungen zu verhindern. Wenn die Gesellschaft sie heute vernachlässigt, dann weil die Erziehung durch Kirche und Staat und weil Feigheit und Denkfaulheit sie hindern, in diesen Fragen klar zu sehen. Hat ein Kind einen dummen Streich begangen, ist es sehr bequem, es zu bestrafen: jede Diskussion ist damit abgeschnitten! Es ist so leicht, nicht wahr, einen Menschen zu guillotinieren? Besonders wenn man einen Deibler fürs ganze Jahr bezahlt hat. Das entbindet uns vom Nachdenken über die Ursachen der Verbrechen. [...]
 
Man sagt häufig, daß die Anarchisten in einer Welt von Zukunftsträumen leben und die gegenwärtigen Verhältnisse nicht sehen. Vielleicht sehen wir sie nur zu gut in ihren wahren Farben und legen deshalb die Axt an diesen Wald der uns belastenden autoritären Vorurteile. Weit davon entfernt, in einer Welt von Hirngespinsten zu leben und die Menschen für besser zu halten, als sie sind, sehen wir sie so, wie sie sind, und behaupten darum, daß der beste aller Menschen durch die Ausübung von Autorität entschieden verdorben wird und daß die Theorie vom »Gleichgewicht der Kräfte« und von der »Kontrolle der Autoritäten« eine heuchlerische Formel ist, die die Inhaber der Macht fabriziert haben, um das »souveräne Volk«, das sie verachten, glauben zu machen, es regiere selbst. Weil wir die Menschen kennen, sagen wir jenen, die sich einbilden, ohne sie würden die Menschen einander auffressen: Ihr denkt wie jener König, der, als er über die Grenze abgeschoben wurde, ausrief: »Wie wird es meinen armen Untertanen ohne mich ergehen!« [...]
 
Was machte Sklaverei gefährlich, wenn tugendhafte Herren sie betrieben? Erinnern Sie sich noch an die Geschichte von dem Sklavenhalter, die vor rund 30 Jahren erzählt wurde? Hieß es nicht, daß er väterlich für seine Sklaven sorgte? Er allein vermochte es zu verhindern, daß diese faulen, gleichgültigen, unvorsichtigen Kinder verhungerten. Und er hätte seine Sklaven mit der Last der Arbeit erdrücken oder sie durch Schläge verstümmeln sollen? Wie hätte er das tun können, da es doch in seinem unmittelbaren Interesse lag, sie gut zu ernähren, gut für sie zu sorgen, sie wie seine Kinder zu behandeln! Und wachte nicht überdies »das Gesetz«, um die geringsten Verirrungen eines Herrn, der seine Pflichten vergäße, zu bestrafen. Oh, wie oft hat man uns das erzählt! Aber in Wirklichkeit war es so, daß Darwin, nachdem er von seiner Reise nach Brasilien zurückgekommen war, sein Leben lang die Angstschreie verstümmelter 'Sklaven quälten und das Schluchzen stöhnender Frauen, deren Finger Daumenschrauben zerquetscht hatten.

Wenn die an der Macht befindlichen Herren wirklich solche intelligenten und der Allgemeinheit ergebenen Geschöpfe wären, wie es die Lobredner der Autorität uns einzureden belieben, welch artige Regienmgs- und Schutzherrenutopie könnte man doch errichten! Der Arbeitgeber wäre niemals der Tyrann des Arbeiters, sondern sein Vater. Die Fabrik wäre ein Paradies, und niemals wäre die arbeitende Bevölkerung dem physischen Verfall geweiht. Der Staat vergiftete seine Arbeiter nicht durch die Fabrikation von Streichhölzern mit weißem Phosphor, der so leicht durch roten Phosphor zu ersetzen wäre. Der Richter besäße nicht die Grausamkeit, die Frau und die Kinder des von ihm ins Gefängnis Gesteckten zu verdammen, jahrelang Hunger und Elend zu erleiden und eines Tages an Blutarmut zu sterben. Niemals forderte ein Staatsanwalt den Kopf eines Angeklagten, einzig um des Vergnügens willen, seine Rednergabe ins rechte Licht zu setzen, und nirgends fände sich ein Gefängniswärter oder ein Deibler, die Urteile zu vollstrecken, die selbst zu vollstrecken die Richter nicht den Mut haben. Was sage ich! Es gäbe nicht genügend Plutarchs, von den Tugenden der Deputierten zu künden, die einen Horror vor Bankanweisungen haben! [...]
 
Oh, schöne Utopie, oh, schöner Weihnachtstraum, den man träumt, sobald man annimmt, daß die Herrschenden eine höhere Kaste darstellen, die von den Schwächen der einfachen Sterblichen weitgehend oder völlig frei ist! Es genügte dann, daß die einen die anderen hierarchisch kontrollierten, daß man den verschiedenen Verwaltern erlaubte, allenfalls Schriftstücke untereinander zu wechseln, wenn der Wind auf einer Nationalstraße einen Baum umwirft. Oder man läßt sie notfalls von den gleichen Massen der Sterblichen beurteilen, die, obschon in ihren gegenseitigen Beziehungen mit allen Schwächen behaftet, zur Weisheit selbst werden, wenn es sich darum handelt, ihre Herren zu wählen. Die ganze von den Herrschenden selbst ersonnene Wissenschaft von der Herrschaft ist voll von derartigen Utopien. Aber wir kennen die Menschen zu gut, um dergleichen zu träumen. Wir haben nicht zweierlei Gewicht und zweierlei Maß für die Tugenden der Beherrschten und die der Herrschenden; wir wissen, daß wir selbst nicht ohne Fehler sind und daß die besten unter uns durch Machtausübung schnell korrumpiert wären. Wir nehmen die Menschen als das, was sie sind, und darum hassen wir die Herrschaft von Menschen über Menschen und arbeiten, vielleicht nicht genug, mit allen unseren Kräften daran, ihr ein Ende zu setzen.

Aber es genügt nicht, zu zerstören. Man muß auch aufzubauen wissen, und weil man das nicht genügend bedacht hatte, wurde das Volk in all seinen Revolutionen stets betrogen. Nachdem es zerstört hatte, überließ es die Sorge des Wiederaufbaus den Bürgern, die ihrerseits eine mehr oder minder klare Vorstellung von dem besaßen, was sie verwirklichen wollten, und die dann die Autorität zu ihren Gunsten wiedererrichteten.

Wenn der Anarchismus deswegen daraufhin arbeitet, die Autorität in sämtlichen Aspekten zu vernichten, und die Abschaffung der Gesetze und der Mechanismen zu ihrer Durchsetzung fordert, wenn er jede hierarchische Organisation ablehnt und die freie Vereinbarung predigt, dann arbeitet er gleichzeitig an der Erhaltung und Ausbreitung des wertvollen Kerns der geselligen Bräuche, ohne die keine menschliche oder tierische Gesellschaft zu existieren vermag. Anstatt zu verlangen, daß Einzelne diese geselligen Bräuche kraft ihrer Autorität bewahren, fordert er, daß alle an ihrer Erhaltung mitwirken, indem sie sie ständig praktizieren. Die kommunistischen Institutionen und Sitten drängen sich der Gesellschaft nicht nur zur Lösung der ökonomischen Schwierigkeiten auf, sondern auch zur Erhaltung und Entwicklung der geselligen Bräuche, die die Menschen miteinander in Kontakt bringen, indem sie unter ihnen Beziehungen herstellen, die aus dem Interesse des Einzelnen das Interesse alier machen und sie vereinigen, anstatt sie zu trennen.

Wenn wir uns fragen, durch welche Mittel ein gewisses moralisches Niveau in einer menschlichen oder tierischen Gesellschaft tatsächlich aufrechterhalten werden kann, so entdecken wir nur drei: die Unterdrückung der antisozialen Handlungen, die Morallehre und die wirkliche Praxis der gegenseitigen Hilfe. Und da alle drei praktiziert worden sind, können wir sie nach ihren Leistungen beurteilen. Die Ohnmacht der Unterdrückung wird durch die Unordnung in der bestehenden Gesellschaft hinlänglich bewiesen, und eben deswegen halten wir die Revolution für ebenso unausbleiblich wie notwendig. Im ökonomischen Sektor hat uns der Zwang in ein industrielles Bagno geführt, im politischen Sektor zum Staat, d. h. zur Zerstörung jeglicher Bindungen, die ehemals unter Bürgern bestanden (die Jakobiner von 1793 zerbrachen selbst jene, die dem monarchischen Staat widerstanden hatten), damit die Nation eine zusammenhanglose, in sämtlichen Beziehungen einer zentralen Autorität unterworfene Masse von Untertanen werde. [...]
Fern sei uns der Gedanke, die Bedeutung des zweiten Faktors, der Morallehre, zu verkennen, insbesondere derjenigen, die sich unbewußt in der Gesellschaft fortpflanzt und aus der Gesamtheit der Ideen und Werturteile resultiert, die jeder von uns über die Taten und Ereignisse des Alltags äußert. Aber diese Kraft kann auf die Gesellschaft nur unter einer Bedingung einwirken: daß sie nämlich nicht von einer anderen Summe unmoralischer, aus der Praxis der Institutionen resultierender Lehren contrecarriert wird. In diesem Fall ist ihr Einfluß nichtig oder gar unheilvoll. Nehmen wir die christliche Moral: welche andere Lehre hätte die Geister stärker ergreifen können als jene, die im Namen eines gekreuzigten Gottes sprach und mit ihrer ganzen mystischen Kraft, der ganzen Poesie des Martyriums, der ganzen Erhabenheit der Vergebung für die Peiniger wirken konnte? Und dennoch war die Institution stärker als die Religion: das Christentum - die Empörung gegen das kaiserliche Rom - wurde bald durch dasselbe Rom besiegt: es nahm dessen Maximen, Sitten und Sprache an. Die christliche Kirche wurde römisches Recht und als solches, verbündet mit dem Staat, in der Geschichte zum erbittertsten Feind der halbkommunistischen Institutionen, auf die sich das Christentum in seinen Anfängen berufen hatte. Können wir auch nur einen Augenblick glauben, daß die von Zirkularen der Minister des Unterrichtswesens patronisierte Morallehre die schöpferische Kraft besäße, die das Christentum nicht besessen hat? Und was kann die Lehre vom wahrhaft sozialen Menschen gegen die aus antisozialen Sitten abgeleiteten Lehren ausrichten?

Bleibt das dritte Element - nämlich die Institution, die auf eine Weise wirkt, daß die sozialen Handlungen in einen Zustand der Gewohnheit und des Instinkts übersetzt werden. Sie - die Geschichte beweist es uns - hat nie ihr Ziel verfehlt, nie als zweischneidige "Waffe gewirkt, und ist sie schwach geworden, dann nur, weil sie kraft der Gewohnheit, die zur Unbeweglichkeit und Kristallisierung drängt und selbst unangreifbare Religion werden möchte, das Individuum absorbierte, es um jeglichen Handlungsspielraum brachte und es dergestalt zwang, gegen das, was seinen Fortschritt hemmte, zu revoltieren.

Alles, was in der Vergangenheit ein Element des Fortschritts oder ein Instrument zur moralischen und intellektuellen Vervollkommnung der menschlichen Rasse gewesen ist, verdanken wir tatsächlich der Praxis der gegenseitigen Hilfe, den die Gleichheit der Menschen bestätigenden Sitten, die sie veranlaßt haben, sich zu verbünden, sich zum Zweck des Produzierens und Konsumierens zu assoziieren, Verteidigungsbündnisse miteinander zu schließen, sich zu föderieren und zur Schlichtung ihrer Streitigkeiten keine anderen Richter als die aus ihren eigenen Reihen gewählten Schiedsmänner zu akzeptieren.

Jedesmal, wenn diese Institutionen, die dem Volksgeist entsprangen, sobald das Volk für einen Augenblick seine Freiheit wiedergewonnen hatte, in der Geschichte eine neue Entwicklung nahmen, traten das moralische Niveau der Gesellschaft, ihr materieller Wohlstand, ihre Freiheit, ihr geistiger Fortschritt und die Behauptung der individuellen Eigentümlichkeit in eine aufsteigende Phase. Und konträr dazu, jedesmal, wenn im Lauf der Geschichte die Menschen, sei es infolge einer fremden Eroberung, sei es auf Grund der Entwicklung autoritärer Vorurteile, mehr und mehr in Herrschende und Beherrschte, in Ausbeuter und Ausgebeutete geschieden wurden, sank das moralische Niveau und der Wohlstand der großen Menge nahm ab, um Einzelne zu Reichtum gelangen zu lassen, und der Geist des Jahrhunderts verdunkelte sich. Das lehrt uns die Geschichte, und aus ihr schöpfen wir unser Vertrauen zu den Institutionen des freien Kommunismus, um das durch die Praxis der Autorität herabgedrückte moralische Niveau der Gesellschaft wiederanzuheben.

Heute leben wir Seite an Seite, ohne einander überhaupt zu kennen. An einem Wahltag treffen wir einander bei den Wahlveranstahungen; dort hören wir. das lügenhafte oder phantastische Wahlprogramm eines Kandidaten an und gehen wieder nach Hause. Der Staat hat die Aufsicht über alle Fragen von öffentlichem Interesse; er allein hat die Aufgabe, darüber zu wachen, daß wir nicht das Interesse unseres Nächsten verletzen, und gegebenenfalls den Schaden wiedergutzumachen, indem er uns bestraft.

Ihr Nachbar kann Hungers sterben oder seine Kinder totschlagen, das geht Sie nichts an, das ist Sache der Polizei. Sie kennen einander kaum, nichts verbindet Sie, alles tendiert dahin, Sie einander zu entfremden; nichts Besseres findend, bitten Sie den Allmächtigen (ehemals war es ein Gott, heute ist es der Staat), sein Mögliches zu tun, um zu verhindern, daß die antisozialen Leidenschaften ihre äußersten Grenzen erreichen.

In einer kommunistischen Gesellschaft ändert sich das notwendigerweise. Die Organisation des Kommunismus kann nicht gesetzgebenden Körperschaften anvertraut werden, mögen sie Parlamente, Stadträte oder Gemeinderäte heißen. Sie muß das Werk aller sein, ein Produkt des konstruktiven Geists der großen Masse; der Kommunismus kann nicht aufgezwungen werden, er wäre lebensunfähig ohne den täglchen wettstreit aller. In einer Atmosphäre der Autorität erstickt er. Folglich kann er nicht existieren, ohne zwischen allen einen ständigen Kontakt für die tausend und abertausend gemeinsamen Angelegenheiten zu schaffen; er kann nicht leben, ohne ein lokales, in kleinsten Einheiten - der Straße, dem Häuserblock, dem Viertel, der Gemeinde - unabhängiges Leben zu schaffen. Er erreichte sein Ziel nicht, wenn er die Gesellschaft nicht mit einem Netz von Tausenden von Assoziationen überzöge, um die tausend Bedürfnisse des Luxus, des Studiums, des Genusses, der Vergnügungen zu befriedigen, die nicht länger lokal blieben, sondern notwendigerweise (wie es heute bereits bei den wissenschaftlichen Gesellschaften, den Radfahrvereinen, den Rettungsgesellschaften usw. der Fall) international zu werden strebten. Und die geselligen Sitten, die der Kommunismus - wäre es anfangs auch nur partiell - gezwungenermaßen ins Leben rufen muß, wären schon eine unvergleichlich mächtigere Kraft als jeder Unterdrückungsapparat, den Kern der geselligen Sitten zu erhalten und zu entwickeln. [...]
 
Die mächtigste Entfaltung der Individualität, der individuellen Eigentümlichkeit - wie einer unserer Kameraden so richtig bemerkt hat -, kann nur stattfinden, wenn die primären Bedürfnisse nach Ernährung und Obdach befriedigt worden sind, wenn der Kampf ums Dasein gegen die Kräfte der Natur vereinfacht worden ist und, da die Zeit nicht mehr mit kleinlichen Sorgen um den täglichen Unterhalt verloren geht, die Intelligenz, der künstlerische Geschmack, der erfinderische Geist und das umfassende Genie sich nach Belieben entfalten können. [...]
 
Indessen weist man uns häufig auf Etappen hin, die durchlaufen werden müßten, und man empfiehlt uns, auf das Erreichen der sogenannten ersten Etappe hinzuwirken, auch auf die Gefahr hin, daß wir uns am Schluß wieder auf der alten Heerstraße befinden.

Aber so denken heißt, scheint mir, den wahren Charakter des menschlichen Fortschritts verkennen und einen sehr schlecht gewählten militärischen Vergleich ziehen. Die Menschheit ist weder eine rollende Kugel noch eine Marschkolonne. Sie ist vielmehr ein Ganzes, das sich in der Vielfalt der Millionen entfaltet, aus denen sie sich zusammensetzt, und wenn man einen Vergleich will, muß man ihn eher zu den Gesetzen der Evolution ziehen als zu denen eines in Bewegung befindlichen anorganischen Körpers. [...]
 
Wie daher auch die Entwicklungsphase sein mag, die das 20 jahrhundert für uns bereit hält, sie wird das Siegel des in diesem Augenblick stattfindenden Erwachens der libertären Ideen tragen. Und die Tiefe dieser Bewegung wird von der Zahl der Köpfe abhängen, die mit den autoritären Vorurteilen gebrochen haben, von der Energie, die sie beim Angriff auf die alten Institutionen entfalten, von dem Eindruck, den sie auf die Masse hinterlassen, von der Klarheit, mit der eine befreite Gesellschaft sich in den Köpfen der Massen abzeichnet. Doch schon heute kann man sagen, daß in Frankreich das Erwachen der libertären Ideen der Gesellschaft bereits einen Impuls vermittelt hat, und daß die nächste Revolution nicht mehr eine jakobinische sein wird, wie sie es gewesen wäre, wenn sie vor 20 Jahren ausgebrochen wäre.

Da diese Ideen weder die Erfindung eines einzelnen Menschen noch einer Gruppe sind, sondern aus der Gesamtheit der Ideenbewegung der Epoche resultieren, so können wir sicher sein, daß, was auch das Ergebnis der nächsten Revolution, es weder der zentralisierende und diktatorische Kommunismus der 4oer Jahre sein wird noch der autoritäre Kollektivismus, dem sich anzuschließen man uns erst allerjüngst wieder einlud und den man jetzt bloß noch schwach zu verteidigen wagt. Die »erste Etappe« wird also nicht - soviel ist gewiß - das sein, was man vor kaum 20 Jahren mit diesem Namen bezeichnete.

Ich habe schon angemerkt, soweit wir das durch Beobachtung beurteilen können, ist die große Frage für die gesamte sozialistische Partei in diesem Augenblick die, ihr Gesellschaftsideal mit der libertären Bewegung abzustimmen, die im Geist der Massen keimt. Das heißt zudem, ja das heißt vor allem, in ihr den Geist der Volksinitiative zu wecken, der in den vorangegangenen Revolutionen gefehlt hat. In der Tat war die Klippe, an welcher alle vergangenen Revolutionen gescheitert sind, das Fehlen der organisatorischen Initiative in den Volksmassen. Von bewunderungswürdiger Intelligenz beim Angriff, mangelte es dem Volk an Initiative bei der Konstruktion des neuen Gebäudes. Gezwungenermaßen überließ es sie der gebildeten Klasse, der Bourgeoisie, die ein Gesellschaftsideal besaß und mehr oder weniger wußte,was sie zu ihrem Vorteil aus dem Aufruhr auftauchen lassen wollte. Das Zerstören ist in einer Revolution nur ein Teil der Aufgabe des Revolutionärs. Er muß wiederaufbauen und entweder wird der Wiederaufbau nach den aus Büchern gelernten Formeln der Vergangenheit erfolgen, und man wird ihn dem Volk aufzuzwingen versuchen, oder aber nach dem Volksgeist, der spontan in jedem kleinen Dorf und in jedem Stadtzentrum sich ans Werk begeben wird, um die sozialistische Gesellschaft zu errichten. Aber dazu bedarf das Volk eines Ideals. Dazu muß es vor allem mit Initiative begabte Menschen in seiner Mitte haben.

Doch gerade die Initiative der Arbeiter und Bauern haben alle Parteien - die autoritär-sozialistische einbegriffen - wissentlich oder unwissentlich durch Parteidisziplin erstickt. Da Komitees und Zentrale alles anordneten, hatten die örtlichen Organe lediglich zu gehorchen, um nicht die Einheit der Organisation zu gefährden. Eine ganze Lehre, eine ganze falsche Geschichte und eine ganze unverständliche Wissenschaft wurden zu diesem Zweck ausgearbeitet. Die Menschen, die auf den Bruch mit dieser veralteten Taktik hinwirken, die in Individuen und Gruppen einen Sinn für Initiative zu wecken wissen und denen es gelingt, in ihren Beziehungen zueinander auf diesen Grundsätzen basierende Aktivitäten in Gang zu bringen, die begreifen, daß das Leben aus Vielfältigkeit, ja sogar ans Konflikten besteht und Einförmigkeit den Tod bedeutet, diese Menschen sind nicht für kommende Jahrhunderte tätig, sondern für die nächste Revolution.

Wir brauchen »die Gefahren und Verirrungen der Freiheit« nicht zu befürchten. Nur wer nichts tut, begeht keine Fehler. Was jene anbelangt, die bloß zu gehorchen verstehen, so begehen sie ebenso viele und mehr Fehler als jene, die ihren Weg selber suchen, indem sie sich bemühen, zu handeln, wie Verstand und gesellschaftliche Erziehung es ihnen suggerieren. Schlecht begriffen und vor allem schlecht angewandt, können die Ideen von der Freiheit des Individuums - in einer Umwelt, in der das Solidaritätsgefühl durch die Institutionen nicht genügend betont wird - sicherlich zu Handlungen führen, die dem sozialen Empfinden der Menschheit widersprechen, kommt das zugegebenermaßen auch vor, ist das ein Grund ,das Prinzip der Freiheit über Bord zu werfen? Ist es ein Grund, die Schlußfolgerungen jener Herren zu akzeptieren, die die Zensur wiedereinrichten, um »die Ausschweifungen« einer freien Presse zu unterbinden, und die die fortgeschrittenen Parteien guillotinieren, um Uniformität und Disziplin aufrechtzuerhalten - was letzten Endes, wie man 1793 erlebt hat, das beste Mittel ist, der Reaktion den Sieg zu sichern?

Wenn man sieht, daß antisoziale Taten im Namen der Freiheit des Individuums begangen werden, ist das einzige, was man tun kann, das Prinzip des »Jeder für sich selbst und der Staat für alle« zurückzuweisen und den Mut zu besitzen, laut und offen zu sagen, was man von diesen Taten hält. Das kann zweifellos einen Konflikt heraufbeschwören, aber aus Konflikten besteht das ganze Leben. Und aus dem Konflikt geht eine sehr viel richtigere Beurteilung dieser Handlungen hervor als all jene Urteile, die unter dem alleinigen Einfluß der erlernten Vorstellungen hätten entstehen können. Wenn das moralische Niveau einer Gesellschaft so tief sinkt, wie es heute der Fall ist, dann erwarten wir von vornherein, daß der Aufstand gegen diese Gesellschaft bisweilen Formen annimmt, die uns erbeben lassen; doch wir verurteilen deshalb den Aufstand nicht im voraus! Ohne Zweifel stoßen uns die Köpfe ab, die aufgespießt herumspazieren; doch sind die großen und kleinen Galgen des Ancien regime und die eisernen Käfige, von denen uns Victor Hugo berichtet hat, nicht die Ursache des blutigen Spaziergangs gewesen? Hoffen wir, daß das Massaker von 35 000 Parisern im Jahre 1871 und die Beschießung von Paris durch Thiers über die französische Nation hinweggegangen sind, ohne in ihr eine allzu große Blutgier erregt zu haben. Hoffen wir, daß die Verderbtheit der großen Gauner, die in so vielen neueren Prozessen nackt zu Tage getreten ist, nicht schon das Herz der Nation angefressen hat. Ja, hoffen wir es, tragen wir dazu bei! Werden unsere Hoffnungen aber enttäuscht, werdet Ihr, junge Sozialisten, dann dem aufständischen Volk den Rücken kehren, weil die Grausamkeit der heutigen Machthaber ihre Spuren im Volksgeist hinterlassen hat? Weil der von oben herabfallende Dreck in weitem Umkreis alles beschmutzt hat?

Ganz offensichtlich kann eine derart tiefgreifende, dem Geistigen entspringende Revolution nicht auf den Bereich der Ideen beschränkt sein, sie muß vielmehr in Taten umgesetzt werden. Wie es der junge, viel zu früh aus dem Leben gerissene Philosoph Marc Guyau in einem der schönsten Bücher der letzten 30 Jahre29 so gut ausgedrückt hat: es gibt keine Kluft zwischen dem Denken und der Tat, wenigstens nicht für jene, die nicht der modernen Sophistik verfallen sind. Die Konzeption ist bereits der Beginn der Tat. Auch haben die neuen Ideen in allen Ländern und unter allen möglichen Aspekten eine Vielzahl von Empörungsakten provoziert: zunächst die individuelle Empörung gegen Kapital und Staat, dann die kollektive Revolte, den Streik und den Arbeiteraufstand, die beide wiederum in Gedanken und Tat die Massenrevolte, die Revolution, vorbereiten. Soweit sind Sozialismus und Anarchismus nur der Entwicklung gefolgt, die noch stets beim Herannahen großer Volkserhebungen von der Vorstellungskraft bestimmt worden ist. Es wäre deshalb unrichtig, dem Anarchismus ein Monopol auf Empörungsakte zuzuschreiben. Wenn wir die Empörungsakte im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts Revue passieren lassen, sehen wir, daß sie tatsächlich von allen Parteien ausgegangen sind. [...]
 
Außerhalb Europas schlachtet man die kanadischen Indianer ab und stranguliert man Riel34, rottet man die Matabelen aus, beschließt man Alexandrien, zu schweigen von den als Krieg bezeichneten Schlächtereien in Madagaskar und anderwärts. Und endlich teilt man alljährlich den revoltierenden Arbeitern beider Welten Hunderte und manchmal Tausende Jahre Gefängnis zu und gibt ihre Frauen und Kinder, die man so dazu verurteilt, für die angeblichen Verbrechen ihrer Väter zu büßen, dem schwärzesten Elend preis. Man verschickt die Aufrührer nach Sibirien, nach Isola Tremiti, nach den Liparischen und Pantellarischen Inseln, nach Biribi, Noumea und Guyana, und in diesen Verbannungsorten erschießt man die Verurteilten schon beim geringsten Akt des Ungehorsams. [...]
 
Nein, Bürgerinnen und Bürger, solange die Gesellschaft das Jus talionis fordert, solange Religion und Gesetz, Kaserne und Gerichtshof, Gefängnis und industrielles Bagno, Presse und Schule fortfahren, die größte Mißachtung des Lebens des Individuums zu ienren, verlangen Sie nicht, daß die Rebellen gegen diese Gesellschaft es achten! Das hieße, von ihnen einen unendlich höheren Grad an Milde und Großherzigkeit verlangen als von der ganzen übrigen Gesellschaft. Wenn Sie mit uns wollen, daß die völlige Freiheit des Individuums und damit auch sein Leben respektiert werde, dann müssen Sie notwendigerweise die Herrschaft von Menschen über Menschen, egal in welcher Gestalt, ablehnen und die so lange verhöhnten Grundsätze des Anarchismus akzeptieren. Sie müssen mit uns nach Gesellschaftsformen suchen, durch die dieses Ideal am besten verwirklicht und jeglichen Sie empörenden Gewaltakten ein Ende bereitet werden kann. "

Quelle: www.anrarchismus.at - "Peter Kropotkin - Der Anarchismus: Philosophie und Ideale", farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 

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