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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Über den Sexualtrieb, sexuelle Lust, sexuelles Begehren und Geschlecht, Biologie und Biologismus, über Sexismus, Misogynie, das Patriarchat

 
Aktualisierung 08. November 2018
 
Sexualtrieb und Begehren sind nicht gleichbedeutend, kongruent.
Worin besteht der grundlegende Unterschied zwischen Sexualtrieb und Begehren?
 
Er besteht darin, dass der Trieb relativ beliebig, wahllos, nicht besonders wählerisch, nicht personalisiert ist, während das Begehren sich auf bestimmte Person(en), individuelle Persönlichkeit(en) bezieht, auf diese ausgerichtet, an sie gebunden ist.
 
Man begehrt also (einen) bestimmte(n) Menschen - sexuell, emotional, gedanklich, physisch.
 
Dort, wo gegenseitiges Begehren aufeinandertrifft und erfüllt wird, wird sowohl intensive Leidenschaft als auch tief berührende physich-sexuelle sowie psychisch-emotionale Erfüllung erlebt, erfahren - das Gefühl von "Verschmelzung, Einswerdung".
 
Wer dies, wer "solchen", d.h. echten, tatsächlichen, intensiven, erfüllenden Sex kennengelernt, erlebt hat, wird es nicht vergessen und sich mit nichts "Geringerem" mehr zufriedengeben.
 
Das ist im Übrigen, was man allgemeinhin als Erotik bezeichnet, die sich im Unterschied zu plakativem, ordinären, oberflächlich-mechanischen, nicht-intimen, egomanen, selbstbezogenen Porno vor allem darin unterscheidet, dass sie sich intensiv in den Köpfen, den Gedanken und Gefühlen der Beteiligten, der Interagierenden, abspielt.
 
Die Erfüllung wird dort/dann erlebt, wenn das sogen. Kopfkino der Beteiligten zueinander passt und sich in körperlichem und einhergendem emotionalen Tun und Empfinden entsprechend ausdrückt, "vollzogen" wird und wenn dies sich nicht in Routine erschöpft, sondern Raum für bedürfnisorientierte, je persönliche, gemeinsam erlebte, erkundete Veränderungen, Variationen bleibt.

Das setzt gerade voraus, dass es nicht um bloß oberflächlich mechanisches Tun, um reine Triebbefriedigung geht, sondern um das Interagieren von Persönlichkeiten, Individuen - die sich ihrerseits verändern ... .
 
Eben darin besteht der Unterschied zwischen Masturbation - auch erweiterter Masturbation mit fleischlichem Erfüllungsgehilfen, wie so in Pornographie üblich - und Sex, den man nur gemeinsam m i t anderer Persönlichkeit erleben kann.
 
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Über den Sexualtrieb, sexuelle Lust, sexuelles Begehren und Geschlecht, Biologie und Biologismus und die Bedeutung von "Wer ficken will, muss freundlich sein"
 
Immer wieder hört und liest man immer noch von mehrheitlich (gerade auch "biodeutschen") Männern, die das so äußern, mitteilen, folgende Überzeugungen, Glaubenssätze, Behauptungen - Irrtümer, Mythen:

1. Männer hätten einen stärkeren Sexualtrieb als Frauen.
 
2. Es gebe (drei) unterschiedliche Arten von Sex:
Sex im Rahmen von Beziehung bzw. zwischen Liebenden, Sex als reine "Geilheit", die schnell und unkompliziert befriedigt werden will und Sex in Form von sexueller Gewalt, Vergewaltigung.
 
3. Frauen seien "von Natur aus", d.h. aufgrund ihres biologischen Geschlechts, grundsätzlich masochistisch, devot, submissiv "veranlagt" (jedenfalls in Bezug auf Sex), mindestens aber seien sie "hingabebereiter" als Männer.
Deshalb würden Frauen häufig "insgeheim" von Vergewaltigung träumen, phantasieren, eigentlich auch tatsächlich gerne (nicht nur, aber vor allem physisch, sexuell) vom Mann unterworfen und vergewaltigt werden.

4. Es müsse Prostitution, Frauenkauf, Freiertum geben, damit Männer ihren vorgeblich hormonell bedingt stärkeren Sexualtrieb unkompliziert, schnell, bequem, verlässlich, ohne Umstände, jederzeit, zeitnah befriedigen (lassen) können, anderenfalls gäbe es mehr Vergewaltigungen.
Außerdem sei Prostitution "das älteste Gewerbe der Welt" und es würde sie daher auch bis in alle Ewigkeit geben.
Überdies gäbe es auch Frauen, die sich freiwillig, gerne prostituieren - auch bspw. als (Laien-) Pornodarstellerinnen und die das so auch selbst äußern.
 
5. Pornographie und Frauenkauf, Freiertum, Prostitution sei Sex - nicht sexuelle und psychisch-emotionale Gewalt, Missbrauch.
 
6. Prostitution könne auch eine Form von sexueller Fürsorglichkeit, von "Sorge-Arbeit" sein.
 
7. Prostitution sei eine Dienstleistung "wie jede andere", Frauen seien aber nicht die Ware, sondern der "Sex", den sie "anbieten" - als gäbe es diesen von ihrem Körper und ihrer Persönlichkeit sowie von ihren Gefühlen, eigenen Bedürfnissen, Befindlichkeiten und Grenzen völlig losgelöst, abspaltbar konsumier- und praktizierbar.
 
8. Der Mann sei qua Natur/Biologie der Aktive(re), Dominante, der geborene Jäger und Eroberer, die Frau die passive Beute, die "genommen", gerissen, unterworfen wird bzw. werden will und daher muss
 
9. Die Frau neige aufgrund ihrer Biologie, ihres biologischen Geschlechts eher zu Monogamie, der Mann eher zu Promiskuität.

10. Frauen würden sexuelle Erfüllung, gerade auch physische, also Orgasmen, nicht so häufig und intensiv "brauchen" oder wollen wie Männer, Frauen würden mehr als Männer Sex auch ohne eigenen Orgasmus, ohne eigene physische Befriedigung genießen ("können") - weshalb der weibliche Orgasmus, die sexuelle physische Erfüllung der Frau vernachlässigbar bis verzichtbar, entbehrlich bis überflüssig sei, mann sich darum also nicht wirklich kümmern, bemühen müsse.
 
So lässt sich auch die weibliche Genitalverstümmelung vermeintlich erklären und rechtfertigen. Denn im Grunde ist die weibliche Lusterzeugung und -erfüllung, somit gerade auch der weibliche Orgasmus, für die Fortpflanzung vorgeblich unbedeutend, nicht erforderlich und häufig seien Frauen mit starkem Sexualtrieb eigentlich krank, hysterisch, Nymphomaninnen, vermännlicht, unweiblich, sexuelle Lust sei für sie daher eher eine Belastung, die man(n) ihr nimmt, indem man der Frau die Lustorgane auf grausame, lebenslang schädigende, traumatisierende Weise entfernt, verstümmelt.

Im Folgenden werde ich zu den genannten Behauptungen, selbige widerlegend, Stellung nehmen. Dabei beziehe ich mich auf aktuelle, wissenschaftlich fundierte Fakten und seriöse Quellen sowie auf diverse, bereits vorhandene blog-Einträge zum Thema, die deshalb nachfolgend verlinkt sind.
 
Zu Punkt 1: Männer hätten vorgeblich einen stärkeren, ausgeprägteren Sexualtrieb als Frauen

Das ist nachweislich falsch. Der Sexualtrieb, auch als Libido bezeichnet, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich, unabhängig von ihrem Geschlecht.

Bei Männern spielt bekanntlich nicht nur, aber besonders das Hormon Testosteron (dessen Produktion bzw. der Testosteronspiegel) eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit dem Sexualtrieb.
 
Bei Frauen ist die Libido abhängig von nicht nur, aber u.a. auch ihrem Zyklus.
Nicht nur, aber bspw. auch um den Eisprung herum haben viele (jedoch nicht alle) Frauen häufig ein intensiveres sexuelles Verlangen, sexuelle Lust, dies variiert jedoch auch von Zyklus zu Zyklus.
Auch einige Tage vor/um den Menstruationsbeginn herum haben einige Frauen mehr sexuelle Lust.
Daneben gibt es jedoch noch diverse weitere Faktoren - psychisch-emotionale, physische, gesundheitliche, hormonelle, möglicherweise wirken sich auch Tages- und Jahreszeiten darauf aus.
 
Einen erheblichen Einfluss haben außerdem bekannterweise Prägung, Erziehung, Sozialisation, Kultur, Gesellschaft und bisherige, je persönliche gemachte Erfahrungen mit Sex sowie mit Masturbation.

Wer den eigenen Körper aus verschiedenen Gründen nicht gut kennt, wahrnehmen, körperliche Signale spüren kann oder will, wer mit Sex überwiegend negative, unangenehme, langweilige, nicht erfüllende oder gar schmerzhafte, beschämende, verletzende, missbräuchliche Erfahrungen gemacht hat, wird weniger Lust darauf (und auf weitere sexuelle Erfahrungen) haben, als jemand, der seinen Körper kennt, sich auch selbst sexuelle Befriedigung "gut", wohltuend verschaffen kann, weiß, was ihm wie wohltut, offen mit Sexualität umgeht, sich auch traut, sexuelle Erfüllung von Sexualpartnern zu erwarten und "einzufordern", statt diese nur zu geben oder aber nur zu nehmen.
 
Es gibt daher Männer mit vergleichsweise schwacher Libido und Frauen mit starkem sexuellen Verlangen - ohne das dies jeweils in irgendeiner Weise "krankhaft" sein müsste. Menschen sind schlicht verschieden, auch hinsichtlich ihres sexuellen Verlangens und überdies im Lebensverlauf.
 
Siehe zur sexuellen Lust von Frauen bspw. unten verlinkten Artikel des Tageseinzeiger - "Von wegen weniger Lust", außerdem den blog-Eintrag "Über die Lust der Frau (...)".
 
Zu Punkt 2: Es gebe vorgeblich unterschiedliche Arten von Sex

Auch das ist eine falsche Annahme bzw. Behauptung. Es gibt sexuelles Verlangen, den Sexualtrieb, sexuelles Begehren, siehe, was ich unter Punkt 1 hierzu ausführte. Dieses hängt von verschiedenen Faktoren ab und unterscheidet sich somit nicht nur von Mensch zu Mensch, unabhängig von seinem Geschlecht, sondern es variiert auch bei ein und demselben Menschen (von Tag zu Tag, im Verlauf von Monaten, Jahren, abhängig von diversen inneren wie äußeren Einflussfaktoren, von phyischer wie psychischer Befindlichkeit, von Belastungen, Einschränkungen, Erkrankungen, Erlebnissen, Erfahrungen, hormonellen Einflüssen usw.).

Dieses sexuelle Verlangen ist mit der erwähnten "Geilheit" gemeint.
Um diesen Sexualtrieb zu stillen, ist Masturbation vollkommen ausreichend, mittels dieser lässt sich der biologische Sexualtrieb üblicherweise problemlos alleine, selbständig, unabhängig von anderen Personen (deren Anwesenheit oder Aktivität ...) befriedigen.

Etwas völlig anderes ist das gezielte Verlangen oder Begehren, das sich auf eine bestimmte Person bezieht, die sexuell begehrt wird. Hier ist das sexuelle Verlangen kein wahlloses, sondern ein zielgerichtetes, das auf einen anderen Menschen bezogen, ausgerichtet, möglicherweise auch (vorübergehend oder längerfristig) auf ihn fixiert ist.

Hierbei kommt gerade nicht ausschließlich oder vorrangig der reine Sexualtrieb zum Tragen, sondern es spielen andere Faktoren eine gewichtigere Rolle - etwa ein gesamtkörperliches Hingezogensein, ein psychisch-emotionales Sich-hingezogen-Fühlen zu bestimmter Person, diverse Vorlieben in Bezug auf u.a. äußerliche Attraktivität, ein geistiges Hingezogensein zu jemandem, spezifische Neugier auf und Interesse an jemandem (als Person, Persönlichkeit, Individuum), das Gefühl oder der Eindruck körperlicher, geistiger und/oder emotionaler Verbundenheit und/oder Ähnlichkeit und darüberhinaus sind hier sicher auch unbewusste Abläufe wirksam. Man kann nicht immer erklären, formulieren, aus welchen Gründen man bestimmte Personen sexuell begehrt. (Davon abgesehen muss man es m.E. auch nicht.)

"Sex", der tatsächlich sexuelle Gewalt, Vergewaltigung ist, ist kein Sex, kann dies per definitionem nicht sein. Warum es sich so verhält und was Sex als solchen kennzeichnet, ausmacht, d.h. unter welchen Bedingungen, Umständen es sich um tatsächlich Sex handelt, habe ich in u.a. unten stehendem Text (datiert vom 16.03.2018) sowie in den blog-Einträgen "Über den Unterschied zwischen Sex und Ficken (...)", "Wann heißt Ja eigentlich Nein?", "Sex - sie will nicht, macht aber trotzdem, was er will (...)" ausführlich dargelegt, siehe bei Interesse dort.
 
Üblicherweise treffen diese Umstände dann zu, wenn Sex im Rahmen von Liebesbeziehungen erlebt wird, daher handelt es sich bei diesem "sexuellen Kontakt" üblicherweise um tatsächlichen Sex, sofern die in den soeben genannten Texten erläuterten Voraussetzungen erfüllt sind.
 
Zu Punkt 3: Frauen seien vorgeblich qua Natur/Biologie devot, submissiv, jedenfalls "hingabebereiter", ggf. auch "passiver" als Männer.

Dieses Pseudoargument wird insbesondere von solchen Männern angeführt, die es so gerne hätten, die je persönlich - aus Gründen - (sexuell) devote Frauen bevorzugen.
Zumeist handelt es sich bei solchen Männern um Macho-, Paschatypen und/oder um Konservative und/oder um Maskulisten, misogyne und/oder um jedenfalls mindestens sexuell dominante, auch autoritäre Männer, die ggf. auch BDSM präferieren, praktizieren und hierbei die dominante Rolle (des "Top/Dom") innehaben wollen bzw. diese auch ausagieren.

Es wurde und wird dieses Scheinargument - der vorgeblich aufgrund ihrer Biologie, ihres Geschlechts devoten Frau - grundsätzlich und nach wie vor dazu benutzt, Frauen nicht nur, aber gerade auch sexuell konsumieren, missbrauchen, erniedrigen, vergewaltigen zu können, so, als sei diese Behauptung der vorgeblich generell devoten Frau - die nach solcher Vorstellung überdies nur dann eine "echte" Frau ist (wenn sie "hingabebereit", devot, anschmiegsam, fügsam, folgsam, führbar ... ist) - eine Art "natürliche/biologische Rechtfertigung" für den durch mehrheitlich Männer getätigten nicht nur, aber auch sexuellen Missbrauch an/von Frauen. Typisches Merkmal also für patriarchalische Einstellung und Verhaltensweisen, siehe überdies den in diesem Sinne, zu diesem Zwecke von solchen Menschen (häufig Männern) herangezogenen Biologismus.
 
Siehe zur vorgeblich qua Natur/Geschlecht devoten Frau unten verlinkten blog-Eintrag zu BDSM, dort insbesondere die verlinkten Texte von und über Margarete Mitscherlich.
 
Zu Punkt 4: Es müsse vorgeblich Prostitution geben und habe sie immer schon gegeben

Warum auch dies nicht den Tatsachen entspricht, aus Gründen (Instrumentalisierung, Manipulaton, Patriarchat) jedoch nach wie vor so behauptet wird, ist in unten verlinkten blog-Einträgen ausführlich erörtert, siehe insbesondere in "18 Mythen über Prostitution".
 
Zu Punkt 5: Pornographie sei Sex
 
Auch hierzu habe ich in unten verlinkten blog-Einträgen bereits umfassend dargelegt, dass und warum dies nicht zutrifft, bspw. in "Die pornofizierte Gesellschaft (...)", "Warum ich keinen Porno-Sex mag" und anderen.
 
Zu Punkt 6: Prostitution sei unter Umständen Fürsorgetätigkeit, eine Form von Sorge-Arbeit

Dass und warum Prostitution nicht Fürsorge, Care, nicht Sorge-Arbeit sein kann, ist im unten verlinkten blog-Eintrag "Ist sogen. Sex-Arbeit Care-Tätigkeit? (...)" erläutert.

Zu Punkt 7: Prostitution sei eine Arbeit, Dienstleistung wie jede andere

Dass und warum auch dies nicht zutrifft, ist unten verlinktem blog-Eintrag "Warum Prostitution keine Sexarbeit, keine Dienstleistung wie jede andere ist (...)" zu entnehmen.
 
Zu Punkt 8: Der Mann sei qua Biologie/Geschlecht grundsätzlich dominant

Siehe hierzu bspw. den verlinkten blog-Eintrag "Die Mär vom aggressiven Schimpansen (...)", darin auch, was über bspw. auch Bonobos bekannt ist, außerdem den Link zu Biologismus sowie weitere unten verlinkte Artikel über Sexismus, den autoritären Charakter, das Patriarchat ... . 
 
Zu Punkt 9: Frauen seien aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Biologie generell (eher) monogam, jedenfalls monogamer "veranlagt" als Männer

Dass dies nicht zutrifft, findet sich bspw. im bereits erwähnten Text "Von wegen weniger Lust" des Tagesanzeiger erläutert.
 
Auch hier spielen bekanntermaßen gesellschaftliche, kulturelle Einflüsse, Erziehung, veränderliche moralische Vorstellungen und insbesondere (diesen zugrundeliegende) patriarchalische Interessen eine gravierende Rolle - mit entsprechenden Folgen.
 
Zu Punkt 10: Frauen brauchen oder wollen vorgeblich nicht so oft, regelmäßig eigene Orgasmen, Orgasmen, d.h. die körperliche sexuelle Befriedigung, Erfüllung sei Frauen nicht so wichtig, sie erlebten auch ohne diese intensive sexuelle Erfüllung

Dass und warum auch dies zu manipulativen Zwecken - von mehrheitlich Männern - geäußert wird und warum es de facto falsch ist, findet sich u.a. in den blog-Einträgen "Über die Lust der Frau (...)" und "Die Vulva (...)" erläutert, siehe auch das darin eingebundene Quellenmaterial.
 
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"[...] Egal, wie aufgeschlossen sich eine Gesellschaft gibt – die Ansicht, dass Männer triebgesteuerter seien als Frauen, einen grösseren sexuellen Appetit hätten, mehr Abwechslung im horizontalen Bereich bräuchten, hält sich hartnäckig.
 
Als geläufigste und anerkannte Erklärung für dieses geschlechterspezifische Verhalten musste die «parental investment theory» herhalten: Weil Männer unerschöpfliche Mengen an Samen haben, Frauen aber nur eine beschränkte Anzahl Eier, weil Männer die Folgen des Sex nicht so viel kostet wie die Frauen und sie sich weder dem Risiko einer Schwangerschaft noch dem einer Geburt aussetzen müssen, möchten Männer mit so vielen Partnerinnen wie möglich schlafen, während Frauen sich den besten Genträger aussuchen, der dann für sie und ihre Nachkommen sorgen soll. Kurz: Es liege in der Biologie, dass Männer zur Promiskuität neigten und Frauen zur Monogamie.
 
Der Körper sagt etwas anderes
Die Sexualwissenschaft vermutet seit Jahren, dass diese Ansicht nicht stimmt. In seinem Buch «What Do Women Want?» fasst der «New York Times Magazine»-Autor Daniel Bergner die neuesten Erkenntnisse zusammen, und David Buss, Professor an der Universität Austin und einer der führenden Sexualtheoretiker, bringt es darin auf den Punkt: «Das, was gesellschaftlich gewünscht ist, hat wenig mit den wirklichen Bedürfnissen der Frauen zu tun.» Womit er auch sagt: Die weibliche Lust ist eng mit Moralvorstellungen verknüpft – was eine anständige und ehrbare Frau ist, definiert sich über ihr Sexualleben, und das sollte auf keinen Fall ausschweifend sein.
 
Die Sexualwissenschaft, erst im späten 19. Jahrhundert als Disziplin entstanden, war schon immer männerdominiert. Bis heute sind in der wichtigsten Vereinigung von Fachleuten, der International Academy of Sex Research, nicht mal ein Drittel aller Mitglieder weiblich. Und abgesehen von einem kurzen Aufflackern in den 70er-Jahren interessierte die weibliche Lust bis in die späten 90er-Jahre schlicht nicht. Das hat Folgen bis heute: Das Verlangen der Frauen wurde entweder verteufelt, problematisiert, oder man sprach ihnen ein Begehren des tieferen Testosteronspiegels wegen ganz ab. Letztere Theorie stimmt nicht: Bei den Rhesusaffen etwa ist das Weibchen sexuell dominant. Dabei ist sein Testosterongehalt tiefer als derjenige des Männchens – und dieser Hormonunterschied ist vergleichbar mit jenem bei Menschen.
 
Es gibt weitere Affenarten (und zahlreiche weitere Tiere), bei denen ebenfalls die Weibchen fordernd auftreten und bestimmen, wann und mit wem sie sich paaren. Mittlerweile ist sogar unbestritten, dass Tiere Lust empfinden: Weibliche Ratten beispielsweise verlängern absichtlich den Koitus, und es bereitet ihnen offenkundig Lust, wenn man sie an neuralgischen Stellen streichelt. Neu sind diese Erkenntnisse nicht, bereits in den 40er- und 50er-Jahren berichteten Forscher von solchen Beobachtungen; sie wurden ignoriert, weil sie den gängigen Rollenbildern widersprachen.
 
Mit Experimenten bestätigt
Nicht nur Erkenntnisse über unsere nächsten Verwandten legen den Verdacht nahe, dass die bisherigen Annahmen falsch gewesen sein könnten – zahlreiche Experimente weisen ebenfalls darauf hin. [...]
Das heisst: Es stimmt nicht, dass Frauen als Voraussetzung für Sex emotionale Nähe und Geborgenheit brauchen, Frauen reizt das Neue, das Unbekannte genauso wie Männer. Was wiederum die Frage aufwirft: Kann es angesichts dieser Resultate wirklich stimmen, dass Frauen von Natur aus zur Monogamie neigen? Auch da kamen die Forscherinnen und Forscher unabhängig voneinander zu übereinstimmenden Ergebnissen: Obschon es üblich ist, dass nach längerer Zeit in einer Partnerschaft die Lust aufeinander schwindet, ist dies bei Frauen deutlich schneller und stärker der Fall als bei Männern. Bergner schreibt: «Sexuell gesehen sind die Frauen für die Monogamie offenbar weniger geeignet als die Männer.»
 
Testosteron-These nicht haltbar
Gerade in langjährigen Beziehungen ist das ein Problem. Die Frauen lieben ihre Partner (und ihre Partnerinnen, lesbische Frauen sind genauso davon betroffen), sind glücklich mit ihnen, haben aber keine Lust mehr auf Sex, obschon sie sich diesen wünschen. Weshalb dem so ist, weiss man nicht, bis jetzt konnte keine Studie überzeugende oder eindeutige Resultate liefern. (Man weiss nur eines mit Sicherheit: Die Lust lässt sich wesentlich länger erhalten, wenn Paare nicht zusammenwohnen.)
Dass sexuelles Desinteresse bei Frauen häufiger auftritt als bei Männern, wurde lange mit dem tieferen Testosteronspiegel begründet; diese These ist nicht haltbar, das weiss man mittlerweile. [...]
 
Dass die weibliche Sexualität sich auch 2013 genau in dem Rahmen bewegen soll, den man ihr zugesteht, verwundert Bergner nicht. [...]"
 
Quelle: tagesanzeiger.ch - "Von wegen weniger Lust", farbliche Hervorhebungen (dunkelblau markiert) habe ich vorgenommen.
 
26. Mai 2018

Zur Bedeutung der Phrase "Wer ficken will, muss freundlich sein."

Damit ist keineswegs gemeint, wie so aber allgemeinhin angenommen/verstanden, man müsse sich höflich, zuvorkommend, jedenfalls sozial angepasst, angemessen verhalten, um zum Ziel - zum Sex mit einer anderen Person - zu gelangen, d.h. man müsse und dürfe sich absichtsvoll, vorsätzlich manipulativ verhalten, ein bestimmtes Verhalten (Denken, Fühlen) nur vorspielen, vorgaukeln, dies als Mittel zum Zweck einzusetzen, einzig, um an sexuellen Kontakt bzw. eigene sexuelle Befriedigung mittels Sex mit anderer Person zu gelangen. Auf Basis rein egoistischer, im Grunde narzisstischer Intention also.

In dieser Weise wird der Satz allgemeinhin missverstanden und angewandt. So, als müsse man grundsätzlich oder üblicherweise andere Menschen belügen, betrügen, hintergehen, ihnen etwas vormachen, um zu sexuellem Kontakt zu kommen. - Was für eine katastrophale Einstellung, augenfällig alles andere als von tatsächlicher "Freundlichkeit" geprägt. 
 
Eigentlich ist mit dem Satz gemeint, es müsse, wer Sex m i t einer anderen Person erleben möchte, tatsächlich, authentisch "freundlich", also zugewandt, sich (auch) dieser Person gegenüber prosozial und empathisch verhaltend, sein. Eben weil genau das die eigentliche, angemessene Basis für gemeinsamen sexuellen Kontakt, sexuelles Erleben (auch außerhalb von Beziehung) ist, es zumindest sein sollte, wenn es sich um tatsächlichen Sex - nicht um sexuelles Konsumieren, Benutzen, bloße erweiterte Masturbation oder gar sexuelle Gewalt, Missbrauch - handeln soll, dieser erlebt werden will.

Hier ist folglich unterstellt, es bestehe bei den Beteiligten ein echtes Interesse an gemeinsamem Sex und gerade nicht an bloßem Ficken, Konsumieren, Benutzen oder gar an Vergewaltigung, Missbrauch; siehe hierzu unten verlinkten blog-Eintrag "Über den Unterschied zwischen Sex und Ficken (...)".
 
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13. Mai 2018
 
Was zementiert den nach wie vor offensichtlich bestehenden Geschlechtermissstand, die nach wie vor fehlende Gleichwürdigkeit, Gleichwertigkeit von Frau und Mann, die nach wie vor rings um den Globus von Männern getätigte Unterwerfung, Ausbeutung, Misshandlung, Entwertung, Entmenschlichung der Frau - das nach wie vor bestehende Patriarchat mit all seinen weltweit intensiv negativen, destruktiven Auswirkungen (siehe Kriege, Folter, Vergewaltigung, Neoliberalismus, diverse u.a. religiöse, patriarchalische Ideologien wie das Judentum, Christentum, den Islam, aber auch den Freudianismus, Jungianismus ...) und wie lässt sich dieser weltweit seit nunmehr knapp zehntausend Jahren bestehende "Missstand" beheben, bewältigen?
 
Wie und warum entstand er überhaupt und warum dauert er so lange an? - Nachfolgend meine kleine Stellungnahme hierzu, Ausführlicheres findet sich in der von mir am Ende empfohlenen Lektüre dargelegt.
 
Menschen sind nicht ausschließlich "Produkte ihrer Umstände und Erziehung", sondern sie haben auch eine genetische Anlage (jaja: Biologie! ), es lässt sich nicht a l l e s mittels Erziehung erwirken, aber die äußeren Umstände und die "Erziehung", Prägung, die gemachten Erfahrungen haben ohne jeden Zweifel erhebliche Auswirkung auf das Denken, Fühlen und Verhalten von Menschen.
 
Ich lehne die "These" ab, es müssten "auch die Erzieher erzogen werden", denn das impliziert, es sei der Mensch ohne Erziehung falsch, schlecht, unvollständig, wild oder was immer.
 
Wir wissen heute jedoch, dass Mitgefühl dem Menschen ebenso angeboren ist wie Kooperationsfähigkeit, dass Aggression ein Kommunikationsmittel ist, das dazu dient, andere zu warnen, wenn die Schmerzgrenze eines Individuums (intensiv oder/und wiederholt ...) überschritten wird. Es gibt keinen "Aggressionstrieb", jedenfalls keinen "Todestrieb", keinen Tötungstrieb.
 
Wir wissen, dass schon sehr kleine Kinder spontan hilfsbereit sind, bei denen Erziehungseinflüsse noch nicht gewirkt haben (können - siehe Hirnentwicklung ...). Und gleichermaßen finden wir solches Verhalten auch bei anderen Primaten.
 
Vielleicht ist es also eher so, dass durch "Erziehung" genau diese angelegte Kooperationsfähigkeit häufig eher zunichte gemacht, denn gefördert wird - und das nicht nur durch Schwarze Pädagogik, sondern auch durch "subtilere" Formen von "Erziehung".
 
Wer davon ausgeht, jeder Mensch müsse erst zum prosozialen, fairen, kooperativen, friedlichen Subjekt erzogen werden, blendet diese angeborenen Anlagen (aus Gründen ...) vollständig aus - oder wusste schlicht noch nichts davon (weil entsprechende, erforderliche wissenschaftliche Erkenntnisse - siehe bspw. jene der Neurobiologie/Hirnforschung/Neurowissenschaften - damals noch nicht zur Verfügung standen).
 
Leider wird Erziehung mehrheitlich als Dressur verstanden - mit verheerenden Folgen, denn letztlich geht es dabei vor allem ums Gefügig-, Funktionalisier- und Instrumentalisierbarmachen, um Indoktrinierung zum Zwecke der Nutzbarmachung - von Menschenmaterial. Und aus eben diesem Grund indoktriniert man weltweit gerade Kinder (bspw. mittels religiöser Ideologien), weil es sich bei ihnen gewissermaßen, fast immer mit lebenslang irreversibler Wirkung, ins Gehirn einbrennt, letztlich in Leib und Seele - mit ebenfalls verheerenden Folgen für unzählige dieser Menschen (man denke nur, was alles in welcher Religion als "Todsünde" galt oder noch gilt, an all die Dogmen und wie intensiv sie Menschen, Individuen zerstören und wieviel, wie intensive, destruktive Gewalt gegen sich selbst und/oder andere das zur Folge hatte und hat).
 
Das ist ein Irrweg und es ist ein Irrglaube: dass es erforderlich sei, Menschen dressieren zu müssen.
 
Ich gehe stattdessen davon aus, es müssten dem Menschen zuträgliche Umstände (Lebensverhältnisse) vorhanden sein bzw. geschaffen werden bzw. wiederhergestellt werden, damit er sich seiner je persönlichen, individuellen genetischen Anlage entsprechend (!) entfalten, entwickeln, reifen kann: durch vor allem Erfahrung und Interaktion mit anderen Menschen, mit "der Außenwelt", mit dem Anderen, dem Du (siehe Emmanuel Lévinas, Arno Gruen, Erich Fromm ...).
 
Auf die Geschlechterproblematik bezogen bedeutet das, dass v o r der neolithischen Revolution sehr wahrscheinlich (nach heutigem Kenntnisstand) Geschlechterparität bestand.
 
Überdies wissen wir von auch anderen Primaten, bspw. den Bonobos sowie auch den wenigen noch heute bestehenden sogen. Matriarchaten (Khasi, Mosuo, Minangkabau bspw.), dass es Männern keineswegs "angeboren" ist, Frauen zu verachten, zu entwerten, sie unterwerfen, missbrauchen, misshandeln zu wollen oder gar zu müssen - das: ist Folge von äußeren Umständen, von Entwicklungen - im und durch das global mittlerweile Jahrtausende bestehende Patriarchat. Dieses ist dem Menschen, auch dem Mann, nicht "angeboren", nicht genetisch angelegt - er hat es aus Gründen selbst eingesetzt und er leidet weltweit massiv selbst darunter, verhindert jedoch durch selbiges dessen Bewältigung.
Es ist folglich nicht die Frau, die es beheben muss, es sind Männer, die s i c h vom Patriarchat emanzipieren müss(t)en. Und das auf Basis von Mitgefühl, Erkenntnis, Reife, Charakterstärke, Selbstreflexion, Authentizität und Courage.
 
Zur erhellenden Lektüre empfehle ich nach wie vor Simone de Beauvoir - "Das andere Geschlecht", Jack Holland - "Misogynie. Die Geschichte des Frauenhasses" und Doris Wolf - "Der Kampf gegen die Weisheit und Macht der matriarchalen Urkultur Ägyptens".
 
Ja, ich bin der Meinung, es sollten gerade bei diesem Thema - der von Männern gegen Frauen getätigten Unterdrückung, Entwertung, Misshandlung, Entmenschlichung - nicht wiederum ausschließlich oder überwiegend Männer (deren Lektüre) herangezogen werden, sondern selbstredend Frauen gehört und gelesen werden.

Aber was passiert?: Mann fährt wiederum mit männlichen Autoren auf. - Es ist nicht nur ermüdend, es ist maximal frustrierend. K ö n n t ihr es nicht begreifen oder wollt ihr es nicht?
 
Am Ende bleibt stets dieselbe Erkenntnis - wenn sie denn erlangt wird: Es können diese Missstände nicht Frauen für Männer beheben, sondern es müssen die Männer selbst diese Verhältnisse ändern. Dass sie das noch immer mehrheitlich rings um den Globus und auch in Deutschland jedoch nicht tun, hat zuletzt in aller Deutlichkeit noch einmal #metoo aufgezeigt.

Es reicht halt nicht, sich in Theorie zu vergraben, es kommt stattdessen auf das alltägliche V e r h a l t e n an, dem entsprechende Selbstreflexion, Selbstkritik, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Integrität vorausgehen muss - statt des Zelebrierens des selbstschonenden Selbstbetrugs.
 
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Der Unterschied zwischen Sexismus und Frauenfeindlichkeit - hier von Kate Manne wunderbar prägnant erläutert, und was sie im Folgenden beschreibt, ist nichts weiter als Mitgefühl und Fürsorglichkeit, wie es Frauen mehrheitlich gerade auch gegenüber Männern g e b e n, leisten - deutlich seltener jedoch umgekehrt.

Und nein, unter Fürsorglichkeit ist nicht der männliche "Beschützer" oder "Versorger/Ernährer" zu verstehen, auch nicht der "väterliche Freund" sondern gemeint ist damit, das eigene Handeln nach auch den Bedürfnissen des anderen - hier also der Frau - auszurichten und sich entsprechend bedürfnisorientiert zu verhalten, was Paternalismus implizit ausschließt. Denn es geht bei echter, tatsächlicher Fürsorge gerade darum, die weitestgehend mögliche Unabhängigkeit, Selbstbestimmtheit des anderen zu wahren, zu erhalten, nicht, sie zu untergraben oder gar zu beseitigen.
 
"[...] ZEIT ONLINE: Sie differenzieren in Ihrem Buch deutlich zwischen Sexismus und Frauenfeindlichkeit – was ist der Unterschied?
Manne: Sexismus ist diejenige Abteilung des Patriarchats, die für die Rechtfertigung der sozialen Ordnung verantwortlich ist: Es handelt sich um eine Ideologie, die Männer und Frauen aufgrund der ihrem Geschlecht zugesprochenen Fähigkeiten diskriminiert, obwohl die wissenschaftlich nicht belegt sind. Frauenfeindlichkeit oder Misogynie unterscheidet zwischen guten und schlechten Frauen. Sexismus ist eine Theorie; Frauenfeindlichkeit schwingt die Keule.
 
ZEIT ONLINE: Wie weit ist denn der Feminismus gegen die Frauenfeindlichkeit angekommen?
Manne: Wir sprechen immer wieder über sogenannte Wellen des Feminismus, im Unterschied zu anderen politischen Bewegungen. Dadurch entsteht der Eindruck, als sei feministisches Denken zur schnellen Veralterung verurteilt, als handele es sich nur um kurzlebige Theorien, die bald von der Realität eingeholt werden. Tatsächlich können wir zwar keinen linearen Fortschritt verzeichnen, aber vor 50 Jahren wäre es in meiner Disziplin noch undenkbar gewesen, über das Phänomen Frauenfeindlichkeit offen zu schreiben. Das stellt eine wirkliche Verbesserung in gesellschaftlicher Hinsicht dar, von der aber nur privilegierte Frauen wie ich profitieren. Unter frauenfeindlichen Rückfällen leiden meist die leichter verwundbaren Frauen.
 
ZEIT ONLINE: Sie schreiben, dass Frauen oft Schuldgefühle plagen, wenn Männern traditionelle Privilegien entzogen werden. Haben Sie ein Beispiel?
Manne: Ich selbst habe gemerkt, wie groß meine Schuldgefühle beim Schreiben dieses Buches waren. Ich habe es dann zur Methode erhoben und immer dorthin den Finger gelegt, wo es schmerzte: Wenn sich zum Beispiel der Gedanke einstellte, dass ich mehr Sympathie für die entrechteten, gekränkten weißen Männer aufbringen sollte. Rational hielt ich es für falsch und unproduktiv, mich um diesen männlichen Schmerz zu kümmern – ich wollte mich ja vielmehr auf die Mädchen und Frauen konzentrieren, die Opfer dieser Männer geworden waren. Ironischerweise standen mir zwei ungemein hilfreiche heterosexuelle Männer bei – mein Mann und mein Lektor.
 
ZEIT ONLINE: Das heißt, es geht nicht um Männer gegen Frauen und umgekehrt?
Manne: Nein. Wir müssen viel mehr Männer zur Unterstützung von Frauen heranziehen. Umgekehrt ist es ja selbstverständlich. [...]"
 
Quelle des zitierten Textes: zeit.de - "`Frauenfeindlichkeit hat eine soziale Funktion´"
 
"[...] Es wäre wichtig, genauer anzuschauen, was eigentlich das Innenleben von pubertierenden Jungen ausmacht, was deren typische Krisen und Konfliktlagen sind. Welche "Lösungen" dieser Konflikte wählen sie, um sich eine "männliche" Identität zu kreieren? In unserer Gesellschaft ist Männlichkeit nach wie vor stark mit Gewalt verknüpft. Und daher müssen wir an die Wurzeln der Männlichkeitsproblematik: nämlich den Wunsch, lebensgeschichtliche Krisen durch Etablierung eines Männlichkeitsbildes zu lösen, das Gewalt, Dominanz und Heldentum beinhaltet. Um das zu ändern, müssen wir an die gängige Konstruktion von Männlichkeit heran. Und das bedeutet, dass wir zweierlei hinterfragen müssen: Welche Bilder von Männlichkeit haben Jungen, welche haben sie von Weiblichkeit? Welche inneren Einstellungen und unbewussten Bewertungen stehen dahinter? Wenn diese Fragen ausgeblendet und nicht systematisch mit einbezogen werden, sind alle pädagogischen Ansätze halbherzig.
 
In unserer Gesellschaft ist Männlichkeit stark mit Gewalt verknüpft
 
Ein Ort, wo diese Bilder mit geprägt werden, sind Computerspiele, die gewalttätige Männer und verfügbare Frauen zeigen. 
An diesen Spielen zeigt sich, wie stark Gewaltfantasien mit einer feindseligen Abwertung von Weiblichkeit verknüpft sind. Aber sie erzeugen diese Bilder nicht. Sondern: Sie satteln nur auf diesen inneren Einstellungen auf. Bei dafür anfälligen Jugendlichen werden diese Bilder eingebrannt, eingeschliffen und habitualisieren sich als Haltung. Wenn es diese Spiele nicht gäbe, dann würden sich die bereits vorgeprägten Jungen für ihre frauenfeindliche Haltung und ihre Verherrlichung von Männlichkeit andere Bilder suchen. Die Medien bieten hier ja genug an.
 
Der Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen, Präsident der FU Berlin, sieht eine Ursache für Amokläufe im deutschen Bildungssystem, dass Jungen "massiv benachteiligt". Außerdem hätten die Jungen, weil sie überwiegend von Lehrerinnen unterrichtet würden, "oftmals gar nicht die Chance, eine ausgereifte Geschlechtsidentität zu bilden".
Ich halte diesen Zusammenhang für konstruiert. Hinter diesem Ruf nach mehr männlichen Vorbildern wird ein negatives Bild von Frauen reproduziert, die als Mütter, Erzieherinnen und Lehrerinnen pauschal für das Versagen der späteren Männer verantwortlich gemacht werden. Da wird suggeriert: Wenn Männer die ersten 15 bis 20 Jahre von Frauen umgeben sind, dann könnten sie keine ordentliche männliche Identität ausbilden. Das ist Unsinn.
 
Und was halten Sie für die Ursachen?
Ich möchte sogar die gegenläufige These aufstellen: Wenn es darum geht, Weiblichkeitsbilder einzuüben, die nicht feindselig getönt sind, können Jungen gerade von Erzieherinnen und Lehrerinnen eine ganze Menge lernen. Außerdem sind beliebige männliche Vorbilder noch keine Garantie für eine positive Entwicklung von Jungen. Die Männer, an denen sich die vorherigen Generationen orientiert haben, das waren überwiegend die autoritären Väter. Und die haben uns, sehr verkürzt gesagt, auch im Zeichen von Männlichkeitswahn in zwei Weltkriege geführt. Von daher reicht es nicht, zu fordern: Wir brauchen mehr männliche Erzieher und Lehrer. Das macht nur dann Sinn, wenn das Pädagogen sind, die kritisch über ihre eigenen Männlichkeitsvorstellungen und auch über eigene ambivalente oder feindselige Einstellungen zu Weiblichkeit reflektieren.
 
Verwandeln die Jungen ihre Schwierigkeiten in der Schule und die Tatsache, dass die Mädchen sie leistungsmäßig abgehängt haben, in Hass- und Gewaltfantasien gegen Mädchen und Frauen?
Das ist sicher eine Gefahr, weil für die Misere ein Schuldiger gesucht wird und es sich in einer männlich bestimmten Kultur anbietet, das an Mädchen und Lehrerinnen festzumachen. In den Schulen ist in den letzten Jahren die Schere zwischen dem immer höheren Leistungsdruck und der wachsenden Perspektivlosigkeit größer geworden. Und so klafft bei Jungen in der Pubertät auch eine gewaltige Lücke zwischen realer Kleinheit und Größenphantasien von Macht, Stärke und Gewalt als Kompensation von Schwäche, die man sich nicht eingestehen will. Manche Jungen versuchen dann, den Leistungsdruck zu erfüllen, indem sie ein hypermaskulines Selbstbild entwickeln und damit eine Form von Stärke demonstrieren, die sie in der Schule nicht erreichen.
 
Eine ganz andere Erklärung für den Amoklauf gab der Psychologe Franz Joseph Freisleder im Spiegel. Er sagte: "Wir Männer sind eher gefährdet, weil uns das Testosteron aggressiver macht."
Na ja, diese Art von Biologismus ist der beschönigende Versuch, sich um die Suche nach den wahren Gründen und den gesellschaftlichen Ursachen dieser Geschlechterungleichheiten und der vorherrschenden Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder zu drücken. Dass es unterschiedliche Hormonverteilungen gibt, die vielleicht  etwas am Aggressionspegel ändern, sagt doch überhaupt nichts darüber aus, wie diese Aggressionen ausgelebt werden und wer als Objekt und als Feindbild in den Mittelpunkt der männlichen Aggressionen rückt, nämlich Frauen. Der Gipfel dieses Biologismus wurde durch zwei amerikanische Forscher erreicht, die behaupteten, Vergewaltigung läge in den Genen der Männer, weil es ein evolutionärer Vorteil sei, seine Gene in die nächste Generation zu schleudern – notfalls eben auch mit Gewalt. Typischerweise kam das natürlich sofort auf die Titelseite des Spiegel.
 
Lieber Herr Pohl, was ist denn nun eigentlich ein Mann?
Männlichkeit ist ein kulturelles und soziales Konstrukt, das bis in das Körpergefühl des heranwachsenden Jungen eingeschrieben wird. Das jeweils vorherrschende Modell von Männlichkeit verändert sich, je nach Epoche und Region. Aber neben hierarchischen Unterschieden zwischen Männern gibt es eine Tatsache, die alle Männer vereint und die in männlich bestimmten Gesellschaften besonders betont wird: männlich sein heißt nicht-weiblich sein. Jungen erwerben ihre Geschlechtsidentität vor allem über die Abgrenzung von Frauen und die Abwertung von Weiblichkeit. Sie unterliegen dabei dem Druck, sich nicht nur als das andere, sondern auch als das überlegene und wichtigere Geschlecht zu definieren und dies "notfalls" auch zu beweisen. Die damit verbundene Unsicherheit und Angst ist eine der wichtigsten Quellen für männliche Gewaltbereitschaft, vor allem für die Gewalt gegen Mädchen und Frauen. Das Ergebnis: Weltweit wird mindestens jede dritte Frau einmal in ihrem Leben von Männern geschlagen, vergewaltigt oder auf andere Weise misshandelt.
Es müsste mehr gemischt-geschlechtliche Projekte geben
 
Was müsste denn passieren, damit die Jungen nicht abdriften?
Die inneren Einstellungen der Jugendlichen zum eigenen und zum "anderen" Geschlecht müssten genauer untersucht werden: Wie und warum findet eine Abwertung von Weiblichkeit statt? Welche seelischen und sozialen Mechanismen wirken hier? Dann wären wir schon ein Stück weiter und hätten einen wichtigen Hebel, an dem wir ansetzen können. Auf dieser Basis müssen wir alles unternehmen, um zu verhindern, dass die Jungen Unsicherheit und Angst in Gewalt transformieren. [...]"
 
Quelle: emma.de - "Was Männlichkeit heute bedeutet"
 

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