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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Loslassen - was ist das und wie geht es?

 
Loslassen - was ist das und wie geht es?
 
Loslassen - das bedeutet, in Bezug auf etwas (bspw. ein "Projekt") oder jemanden kein Interesse, keine Erwartungen, keine Wünsche, keine Hoffnungen mehr zu haben; sich abzuwenden und bisherig in Bezug auf das Projekt oder die Person bestanden habende Vorstellungen, Erwartungen und Wünsche als nicht mehr von Belang zu erleben, sie möglicherweise als Illusionen, als eigenes Idealisierthaben, als Irrweg, Irrtum zu erkennen - zu erkennen, dass man selbst Diverses auf das Projekt oder die Person projiziert, hineininterpretiert hat, dass man etwas darin sah, sehen wollte, das eigentlich gar nicht real existierte, sondern vor allem oder sogar auch ausschließlich auf bestimmte Weise vor allem im je eigenen, persönlichen, subjektiven Denken und Fühlen vorhanden war und man sich genau daran orientiert und gehalten hat - an die Vorstellung, die Illusion, das selbst gemachte Bild von etwas oder jemandem.

Die Dinge haben immer nur die Bedeutung und Wichtigkeit, die wir ihnen - aus verschiedenen, aus bestimmten Gründen - geben.
 
Sobald wir erkennen (können), dass und warum sie nicht tatsächlich von Bedeutung oder für uns persönlich nicht von tatsächlicher Wichtigkeit, Unentbehrlichkeit sind, sondern dass und warum wir ihnen diese nur selbst (aus diversen Gründen) zugemessen haben, sind wir in der Lage, loszulassen bzw. vollziehen das Loslassen bereits.
 
Loslassen bedeutet also auch und vor allem, an etwas oder jemandem nicht mehr emotional zu hängen, das Interesse daran zu "verlieren", eine gewisse Gleichgültigkeit, jedenfalls Gelassenheit demgegenüber zu erleben.
 
Häufig ist hierfür Enttäuschung und Desillusionierung, Erkenntnis (von Hintergründen, Zusammenhängen und eigenen Interessen, Motiven, ggf. Ängsten und "Hoffnungen" ...) sowohl vorausgehend und erforderlich als auch hilfreich, wenn auch meist schmerzhaft in dieser Phase.
 
Loslassen heißt auch, sich nicht mehr um etwas oder jemanden zu bemühen, nichts mehr dahinein zu investieren, dem nichts mehr zu geben, sich nicht mehr verpflichtet, verantwortlich, zuständig zu fühlen, keinen Bezug, keine Beziehung mehr dazu zu haben, sich in gewisser Weise zu entledigen, zu entlasten, zu entziehen, zu entbinden - sich das selbst ohne schlechtes Gewissen zu erlauben, zuzugestehen.
 
Loslassen bedeutet letztlich also Befreiung - von etwas, jemandem, von eigenen Gedanken, von Pflicht-, Verantwortungsgefühl, ggf. auch Ängsten, Befürchtungen und Erwartungen, die belasteten, überlasteten, beschädigten.

Somit hat das Loslassen nicht ausschließlich, nicht vorrangig, vor allem nicht dauerhaft mit Verlust zu tun, sondern kann - insbesondere auf längere Sicht und rückblickend - durchaus bereichernd, erleichternd, heilsam sein.
 
Es kann nicht erzwungen und nicht beschleunigt werden - es braucht die je individuelle Zeit und das persönliche Erleben, Erfahren, Einsehen, Erkennen und Fühlen, um wirklich und dauerhaft loslassen zu wollen und es dann auch zu können.
Es gibt folglich kaum einen weniger hilfreichen, ignoranteren, mitgefühlloseren Rat, als jemandem vermeintlich zu "empfehlen", Vergangenes ruhen, hinter sich zu lassen.

Wir alle sind in der jeweiligen Gegenwart Ergebnis unserer je persönlichen Vergangenheit, d.h. all dessen, das wir erlebt, erfahren (somit auch erlitten) und wie wir es interpretiert, bewertet, beurteilt haben - in Verbindung mit außerdem unseren Erbanlagen, genetischen und epigenetischen Einflüssen sowie Umweltfaktoren.
 
Wir sind dieses "Ergebnis" sowohl psychisch-emotional und mental als auch physisch - alles zusammengefasst kann man von Leiblichkeit sprechen, denn unser Leib ist nicht bloß unser Körper, sondern immer auch unsere Psyche, unser "Geist", d.h.: unser Denken, Fühlen, Empfinden und auch Aussehen und Selbstbild.

Schon aus diesem Grund kann niemand "das Vergangene hinter sich lassen", denn es wirkt zwangsläufig auf unsere Gegenwart und Zukunft, da wir nicht "aus dem Nichts" plötzlich existent und das bzw. diejenigen Persönlichkeiten sind, die wir nun aktuell sind - wir sind zu dieser je individuellen Persönlichkeit stets geworden.

Ein weiterer Grund dafür, dass der genannte Rat ein unsinniger ist, liegt darin, dass ein Mensch, der (noch) nicht loslassen kann, dies deshalb nicht kann, nicht weil er es nicht will und sich so gerne in Selbstmitleid ergeht, sondern weil es ihn nach wie vor, d.h. in seiner Gegenwart, mehr oder weniger bewusst beeinträchtigt, bewegt, umtreibt, zumeist auch belastet.

Diese Belastung wird man nicht los, indem man ihr Vorhandensein leugnet oder verdrängt, auch nicht, indem man aktiv versucht, sie zu ignorieren oder irgendwie "positiv umzudeuten", zu übertünchen, zu überlagern (siehe sogenanntes "positives Denken" und Ähnliches).
All das ist letztlich nur ein mehr oder minder verzweifelter Versuch der Symptombehandlung, des Selbstbetrugs; was dieser allerdings gerade nicht evoziert, ist tatsächliches Verarbeiten, Loslassen, Reifen, Heilen - denn dies ist immer ein umfassender, zumeist länger andauernder Prozess - je individuell und je nach Umständen und Außenfaktoren unterschiedlich möglich und Zeit beanspruchend.

Man kann das, das sich im Körper und/oder dem Fühlen abspielt nicht mittels (Wunsch-) Denkens, Autosuggestion, vermeintlichem Willensakt oder Disziplin überdecken, übergehen - letztlich ist das tatsächlich eine Form von Gewalt gegen sich selbst, verletzt einen also noch zusätzlich, statt hilfreich, wohltuend, heilend zu wirken.

Erforderlich ist stattdessen, sich die Zeit zu geben, die man je individuell für diesen Prozess braucht und je nach Umständen, Lebensverhältnissen, Situation, Umgebung, Möglichkeiten so für sich selbst zu sorgen (Fürsorglichkeit), dass dieser Prozess unterstützt wird - oft ist genau dies aufgrund der genannten Bedingungen und Faktoren jedoch mehr oder weniger schwierig, denn wir unterliegen diversen Faktoren, bspw. Verpflichtungen, Einschränkungen, Entbehrungen und auch Zwängen.
 
Um es überspitzt, aber des besseren Verständnisses wegen anschaulich an einem Beispiel zu verdeutlichen:
 
Wenn ein (kleines) Kind - aufgrund übrigens nicht eigenen Verschuldens - gerade verhungert, wird es kaum bis keine Möglichkeiten der Selbstwirksamkeit haben, seine (lebensbedrohliche, jedenfalls intensiv belastende, leidvolle) Situation zu verändern, zu verbessern.
Es ist viel mehr dringend, zeitnah auf intensive, angemessene Hilfe von außen, von anderen Menschen angewiesen.
Es muss zunächst also mittels bedürfnisorientierter, tatsächlich wohltuender, stärkender Unterstützung, Behandlung, solchen Umgangs in die physische und psychische Lage versetzt werden, überhaupt wieder oder erstmals selbstwirksam, eigenständig, d.h. aus eigener Kraft und eigenem Antrieb leben, denken, einschätzen, abwägen, überblicken, beurteilen und handeln zu können.

Die Umstände spielen daher durchaus eine gewichtige Rolle, ob und auf welche Weise wie wirksam ein Mensch "sich selbst helfen", d.h. mit sich selbst wohltuend, fürsorglich, respektvoll umgehen kann.
Viel hat dies auch mit seiner Erziehung, Prägung, mit Kultur, Ideologien (bspw. Religion), ggf. Indoktrination (daraus resultierenden Glaubenssätzen) und bisherig gemachten Erfahrungen zu tun, d.h. dem hieraus entstandenen Selbstbild, Selbstkonzept sowie persönlichen Menschen- und Weltbild.
 
Denn wie diesem verhungernden Kind geht es auch solchen Menschen (Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen), die aufgrund physischer und/oder psychisch-emotionaler Belastung(en), Beschädigungen, Verletzungen, Erschütterungen, Krisen eben dies sind: schwach, kraftlos, haltlos, schutzbedürftig, ausgezehrt, ermattet, überlastet, erschöpft.
Sie brauchen zunächst eine für ihre Bedürfnisse passende "Tankstation", an der/durch die sie Kraft, Energie, Vitalität, Regeneration, Freude, Sicherheit und Vertrauen (oder auch Nahrung, Obdach ...) tanken können.

Viel hat das bekannterweise grundsätzlich mit Gesundheit, Wohlbefinden, mit vor allem Ernährung, Bewegung, Entspannung, positiven Eindrücken, Erlebnissen, Kontakten, mit insbesondere Beziehung und ganz basal einem stabilen, sicheren, friedlichen, gewaltfreien Lebensumfeld zu tun, in dem das Individuum sich frei bewegen und entfalten, entwickeln kann bzw. darf und auf dieser Basis an Herausforderungen und Widerständen dann auch wachsen kann - sofern es nicht solche sind, die das Individuum wiederum massiv überfordern. Die Dosis macht das Gift. So auch die Intensität und die Dauer oder Regelmäßigkeit der Belastung.

Wieder ein Beispiel:
 
Wer sich lange Zeit physisch sehr intensiver Hitze oder Kälte aussetzt, wird daran irgendwann voraussichtlich sterben. So wie der Körper solchen extremen Belastungen nicht dauerhaft gewachsen ist, nicht standhalten kann, sondern daran zugrundegeht, verhält es sich auch mit dem gesamten Leib (siehe oben erläutert) eines Menschen - wird die "Herausforderung", die Belastung zu groß, zu intensiv, wiederholt sie sich in bestimmten Zeitabständen zu häufig oder dauert sie zu lange an, zerbricht der Mensch daran - da hilft dann auch kein Selbstbetrug mehr.

Wer über ein Urvertrauen und infolgedessen Selbst- und Weltvertrauen (Zuversicht, nicht zu verwechseln mit selbstbetrügerischem, oberflächlichen Zweckoptimismus) verfügt, weil er insbesondere in der Kindheit und Jugend entsprechend wohltuende, tragende Erfahrungen machen konnte, hat bereits von vornherein andere Ressourcen, Kapazitäten als ein Mensch, der nicht über solches Vertrauen verfügt, verfügen kann. Siehe auch Resilienz.

Wer langfristig, dauerhaft oder wiederholt intensiv belastende, beschädigende Erfahrungen gemacht hat, wird diese auch nicht durch "positives Denken" umdeuten können - er sollte dies auch nicht, denn er würde sich auf diese Weise, durch solchen Selbstbetrug, wie schon dargelegt langfristig nur selbst noch zusätzlich beschädigen.

Ein solcher Mensch braucht zunächst erst einmal dringend die Erfahrung (!) guter, d.h. ihm persönlich wohltuender Erlebnisse, Widerfahrnisse, Begebenheiten, Umstände und Begegnungen - damit er überhaupt allmählich wieder Vertrauen fassen kann.

Wer wie lange, wie intensive oder wiederholte "gute Erfahrungen" benötigt, um wieder vertrauen und aus eigener Kraft "stehen und gehen" zu können, ist wiederum, aus bereits genannten Gründen, individuell verschieden.

Erst dann, wenn ein Mensch wieder oder überhaupt erstmals eine solche Basis, Boden unter den Füßen, also (wieder) Halt und Vertrauen erlangt hat, erst dann ist er wirklich in der Lage, loszulassen und "nach vorne zu schauen". Und dann wird er es eigeninitiativ, aus eigener Motivation auch tun, sich entsprechend verhalten: können.

Wer einem Menschen, der auf welche Weise auch immer überlastet, erschöpft, beschädigt, verletzt, versehrt, krank, traurig, aggressiv, verzweifelt - haltlos - ist, tatsächlich helfen, wohltun möchte, tut dies spontan, zeitnah, direkt am besten, indem er ihn aufmerksam, einfühlsam, zugewandt fragt, was er ihm Gutes, wie er ihm tatkräftig, aktiv Wohl tun kann (soweit möglich, umsetzbar) oder ob und auf welche Weise er dabei möglicherweise zumindest unterstützend sein kann. Ganz besonders wichtig ist hier das Zuhören, Verständnis, Mitgefühl, Anteilnahme - nicht zu verwechseln mit herablassendem, überheblichen Mitleid, mit blindem Aktionisus, bevormundendem Paternalismus oder geheuchelter Betroffenheit.
 
In einer solchen Situation kann tatsächlich vom Betroffenen, Haltlosen, Hilflosen wenig bis nichts gefordert oder erwartet werden, sondern muss ihm zunächst gegeben werden (siehe oben erwähnte "Tankstation"), bis er wieder ausreichend Kraft, Stand, Sicherheit, Verankerung, Vertrauen hat - durch bspw. veränderte Lebensverhältnisse, wohltuende Erlebnisse, Erfahrungen.

Selbst dann aber, wenn die "Krise" überwunden ist, überwunden werden konnte, bleibt das (gerade auch negative) Vergangene stets integraler Bestandteil der eigenen Biographie, der jeweiligen Persönlichkeit und Leiblichkeit - nur dann eben nicht mehr als belastend, hinderlich oder gar vernichtend empfunden, sondern als bewältigt.

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Siehe zu Selbstwirksamkeit, Autonomie, Vitalität und den Folgen von Repression, Strafe, Autoritarismus, Ausgrenzung - auch durch Armut - Depression und Sucht die Selbstbestimmungstheorie (SDT).
 
Daran ist erkennbar, dass und warum Druck, Kontrolle, Härte, Strafe, Zwang, Dressur, also psychische und/oder physische Gewalt nicht, insbesondere nicht dauerhaft, langfristig, "funktionieren" können, stattdessen schaden.
 
Siehe auch Jobcenter, "Edukation", Sanktionen, Hartz IV.
 

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