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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Über mediale rechte Selbstinszenierung, deren Überbewertung, dadurch Unterstützung - am Beispiel der Identitären Bewegung, die keine Bewegung ist

 
"Identitäre Bewegung" - Sowas kommt dabei heraus, wenn man von Identitätsbildung und Persönlichkeitsentwicklung nicht den Dunst einer Ahnung hat und auch den Begriff "Identität" vorsätzlich missbräuchlich verwendet, ihn zu annektieren versucht - zur Manipulation, zur Agitation, auf Basis von Rassismus, Hass, je persönlicher psychischer Pathologie, charakterlichen Defizitärseins - zur Kompensation ureigener Niederheiten, Unreife, Hässlichkeit also.

Denn nein:
Identität generiert sich gerade nicht ausschließlich oder auch nur vorrangig über vermeintliche oder tatsächliche, überdies sich wandelnde, wechselhafte, historisch bekanntlich/belegterweise veränderliche nationale oder kulturelle Zugehörigkeit, sondern erheblich und basal über kindliche Identifikation (mit vor allem den Hauptbezugspersonen), sodann über Konstruktion und das Integrieren, Aushalten von je persönlichen Widerprüchlichkeiten, Ambivalenzen sowie über äußere soziale, gesellschaftliche und biographische Einflussfaktoren.

Identität ist daher nie starr, nie endgütlig, sondern muss aus Gründen psychischer Integrität (Unversehrtheit) veränderlich bleiben.
 
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"[...] Vor dem Bücherregal aber wurde klar: Das hier ist eine Show und zwar von vorne bis hinten. Unklar war hingegen: Welche Fallen gab es? Und in welche Fallen war ich schon gegangen?
 
Erste Falle: Die Inszenierung
Nachdem also klar war, dass Sellner – und im Hintergrund vermutlich Götz Kubitschek, Sellners Mentor – sich eine Strategie überlegt hatten, wie Sellner sich präsentieren sollte, war die Frage, wie damit umzugehen sei.
Nun sind Reporter ein furchtbar eitles Volk, angetrieben von großem Ehrgeiz, die noch bessere, krassere, wildere Geschichte zu erzählen. Und damit bei den „Identitären“ an der richtigen Stelle, denn Sellner und seine kleine Truppe bieten eindrucksvolle Abenteuergeschichten an – Geschichten von Seefahrten übers Mittelmeer und dem bestiegenen Brandenburger Tor. Dazu ein paar wenige Zitate von Carl Schmitt, schon staunt der journalistische Besuch über so viel Verwegenheit und, Überraschung, Klugheit.
 
Natürlich ist eine derartige Inszenierung journalistisch erst einmal erfreulich. „Zwei Klischees sind lächerlich, hundert Klischees ergreifend“, hat Umberto Eco einmal gesagt. Sellner und Kubitschek sind solche Hunderterklischees, sie sind unzweideutig und befriedigen das große Bedürfnis nach Klarheit. Wer aber die Inszenierung beobachtet, jedoch nicht als solche benennt, macht sich zum Medium der Inszenierung. Dabei ist es gar nicht so schwer, diese Falle zu umgehen. Oft reicht es einfach zu sagen, dass die Inszenierung eine Inszenierung ist.
 
Zweite Falle: Die Unsachlichkeit
Mit etwas Distanz könnte man aber genauso gut sagen: Die „Identitären“ kopieren die Aktionen von Greenpeace von vor 20 Jahren. Und zumindest Martin Sellner konnte beispielsweise zum Islam, der ja angeblich eines der großen Sorgenthemen der neuen Rechtsradikalen sein soll, zu seiner Geschichte und seinen Ausprägungen tatsächlich gar nichts Nennenswertes beitragen, was über dünnstes Allgemeinwissen hinausgegangen wäre. Diese inhaltliche Dünnbrettbohrerei fällt nur nie auf, weil im Grunde niemand mit Sellner über Politik spricht – alle sprechen mit ihm immer nur über ihn selbst und über die „Identitären“. [...]
 
„Zeit Online“ hat in einem hervorragend recherchierten Artikel im Frühjahr zeigen können, dass die „Identitären“ mit ihren dutzenden Ortsgruppen und vielen Twitter- und Facebook-Accounts in ganz Deutschland über kaum mehr als hundert aktive Mitglieder gekommen sind – und selbst die stammen fast ausnahmslos aus neonazistischen Strukturen.
Die „Identitären“ sind also – Stand heute – vor allen Dingen ein mediales Phänomen und eine gar nicht so schwer zu durchschauende PR-Nummer. [...]
 
Wer seinen Beitrag über Sellner und seine Gruppe nämlich über die Gefährlichkeit anpreist, muss am Ende auch feststellen, dass es eine vielleicht kleine, aber ernstzunehmende Gefahr gibt – es wäre ebenso inkonsequent wie peinlich, am Anfang des Textes die große Gefahr zu beschwören um Ende zum Fazit zu kommen, dass es sich bei den „Identitären“ um eine medial vollkommen überbewertete Gurkentruppe mäßig nachdenklicher Ex-Nazis handelt. [...]
 
Sellner und Kubitschek haben nämlich eine erstaunlich schlichte, aber erfolgreiche Zwickmühle der Begrifflichkeit errichtet: Nennt man sie Nazis oder Neonazis, ziehen sie sich auf die Position „Lügenpresse“ zurück und unterstellen tendenziöse Berichterstattung und punkten damit im für sie relevanten politischen Bereich rechts der Mitte. Nennt man sie aber„Neue Rechte“, gewinnen sie an Berechtigung und Selbstverständlichkeit, weil ihre Radikalität unsichtbar wird. [...]
 
Natürlich ist es manchmal eine Übung in großer Gelassenheit, all diese Fallen zu umgehen. Schließlich steckt dahinter Kalkül. Auch wenn es für liberal denkende Journalisten, denen Toleranz und Pluralismus ebenso wichtig sind wie eine wehrhafte Demokratie, erst einmal kontraintuitiv erscheint: Ein Eklat wie jüngst auf der Frankfurter Buchmesse schadet den neuen Rechtsradikalen um Martin Sellner und Götz Kubischek nicht, im Gegenteil.
 
Einerseits, weil sie jeder Eklat größer und wichtiger erscheinen lässt, als sie es tatsächlich sind. Andererseits, und das ist noch wichtiger, weil Sellner und Kubitschek so bequem die ganze Zeit über sich selbst, ihre vermeintliche Opferrolle und ihre Wichtigkeit sprechen können. Und nicht über konkrete Politik sprechen müssen. Und vor allem nicht über das, was ihre radikale, aber inhaltliche dürftige Vorstellung von einem anderen, intoleranten, abgeschotteten und reinrassigen Deutschland eigentlich ausmacht.
 
Statt schlicht über die Anwesenheit von Kubitscheks Verlag auf der Messe zu berichten, hätte man ja auch die Bücher und Hefte seines Kleinstverlages zur Hand nehmen können, um festzustellen: Vieles davon ist recht öde, schlecht geschrieben oder vollkommen an den Haaren herbeigezogener Unsinn."
 
Quelle: uebermedien.de - "Über `Identitäre´ berichten, ohne ihnen auf den Leim zu gehen"
 
"[...] Bilder ihrer Aktionen vermarkten sie im Internet als Symbole des Widerstandes gegen die Flüchtlingspolitik. So erzeugt die Gruppe seit Monaten einen erstaunlichen Medienhype. Hip, frech und gewaltfrei wollen sie sein. Ein neues Greenpeace, nur eben für Patrioten. Kein bisschen rechtsextrem. Das ist die Eigen-PR.
 
Doch Recherchen von ZEIT ONLINE widerlegen diese Selbstinszenierung. Die Identitären sind keine "Bewegung", ihre Distanzierung von der rechten Szene ist Taktik. Ihre Führungsfiguren kommen aus der NPD-Jugend, aus radikalen Burschenschaften und sogar aus der verbotenen Neonaziorganisation Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ). Die Identitären bieten ihnen eine neue Heimat und eine frische Corporate Identity, unter der sie alte Ziele weiterverfolgen können. In Thüringen beispielsweise hätten zwei Drittel der Identitären einen "rechtsextremistischen Vorlauf", sagt Marcus Lutterbeck, Leiter Rechtsextremismus vom Landesamt für Verfassungsschutz. Auch das Bundesamt in Köln hält die Gruppe für rechtsextremistisch und beobachtet sie.
 
Wer sind "die Identitären"?
In den vergangenen Monaten hat ZEIT ONLINE öffentlich verfügbares Bildmaterial der wichtigsten Identitären-Aktionen ausgewertet und mit den Ermittlungen von Sicherheitsbehörden abgeglichen. Die Recherche führte über Erlangen nach Rostock, wo der Identitären-Funktionär Daniel Fiß ein Zentrum der jungen Organisation schaffen will, und weiter nach Sachsen-Anhalt und ins österreichische Linz zu Auftritten des einflussreichen Identitären-Vordenkers Götz Kubitschek. Geleakte interne Kommunikation, Informationen von Aussteigern, geheime Handlungsleitfäden und Archivrecherchen machen es möglich, die politischen Wurzeln führender Aktivisten und die Strategien ihrer Gruppe zu verstehen.
 
Die Identitäre-Bewegung entstand zuerst in Frankreich. Österreichische und neuerdings auch deutsche Aktivisten kopieren das Konzept. Nach eigenen Angaben hat der Verein in Deutschland rund 400 "Fördermitglieder", die regelmäßig Geld überweisen. Doch nur ein Bruchteil von ihnen ist aktiv. Am Ende der Recherche kommen kaum mehr als 100 Namen zusammen: fast nur Männer, hauptsächlich Studenten zwischen 20 und 30 Jahren. Sie sind "die Identitären". [...]
 
In Deutschland mache man sich aber sofort verdächtig, wenn man sich mit seiner Heimat identifiziere. "Deutsche Identität wird immer gleich in Verbindung gebracht mit dem Nationalsozialismus."
 
Nicht engagiert?
Altmieks lacht viel, die Hände formen eine Raute. Nur einmal blitzt auf, wie groß seine Wut sein muss. Das Gespräch kommt auf die Flüchtlingsfrage. "Wenn man erst abwartet, bis die deutsche Ethnie eine Minderheit unter vielen ist, dann ist es zu spät, umzukehren!" Kurz braust Altmieks auf, dann bremst er sich wieder. Es sei schlimm, wie Menschen mit seiner Haltung heute angefeindet würden, sagt er. Man müsse Angst haben, mit Steinen und Flaschen beworfen zu werden. "Das erinnert mich an die Frühphase der Judenverfolgung." Ein abenteuerlicher Vergleich, der Identitären-Funktionär zieht ihn ganz selbstverständlich.
 
Harmlos klingt es auch, wenn Altmieks seinen Werdegang schildert: Als Gymnasiast in Paderborn habe er Gleichgesinnte gesucht, aber die CDU sei ihm zu links gewesen und die NPD zu radikal. Erst später, nach zwei Jahren als Zeitsoldat, sei er in neurechten Zeitschriften auf die Identitären gestoßen.
War er selbst nie in der rechtsextremen Szene aktiv? Altmieks lächelt, sucht kurz nach den richtigen Worten und sagt: Er habe sich dort "nicht engagiert". [...]
 
Es gibt jedoch Fotos, die den Identitärenchef in der verbotenen neonazistischen Heimattreuen Deutschen Jugend zeigen. Damit konfrontiert, schwenkt Altmieks um. "Ich bin auf Fahrt und Lager mitgegangen", sagt er knapp. Ein Freund habe ihn zur HDJ eingeladen, ungefähr 17 Jahre alt sei er da gewesen. Zwei Lager habe er mitgemacht. Die HDJ habe damals noch "keine Netzpräsenz" gehabt. Deshalb sei ihm erst langsam klar geworden, dass die Gruppe versucht habe, antidemokratische und "dem Rassismus nahestehende" Ansichten zu verbreiten. Altmieks spricht jetzt gezirkelt: "Folglich war ich für die Betätigung dort in Fahrt- und Lagerleben nicht richtig aufgehoben." Er sei "kein aktives Mitglied" der HDJ geworden.
 
Dokumente aus jener Zeit lassen das fragwürdig erscheinen. Die Heimattreue Deutsche Jugend betrieb sehr wohl eine Website, darauf war Altmieks 2006 sogar selbst abgebildet. Das belegt ein Screenshot, den das Berliner Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum (apabiz) gespeichert hat. Auf dem Foto trägt Altmieks die HDJ-Kluft und hält eine Fahne des elitären Rassistenvereins in der Hand. Auch in einem HDJ-Kalender findet sich ein Foto des Teenagers: Altmieks wandert mit anderen Männern in uniformen, dunklen Oberteilen im Gleichschritt durch eine frühlingsgrüne Landschaft. "Wir marschieren mit festem Schritt voraus", steht darunter. So hieß ein Marschlied der Wehrmacht. Im Herbst 2005 enthielt das HDJ-Vereinsheft einen Erlebnisbericht über eine Fahrradtour der Einheit Hermannsland. Als Autor steht darunter: Nils. [...]
 
Ähnlich wie die Identitären gab sich die HDJ nach außen harmlos: als Pfadfindergruppe, die Zeltlager und Wanderungen für Kinder und Jugendliche organisiert. Doch der Verein schuf eine abgeschottete, neonazistische Parallelwelt mit Fahnenappellen in Uniform, Treueschwüren und Kreuzworträtseln, die nach dem "Führer des letzten Deutschen Reichs" fragten oder nach einem "Verbrechen an den Deutschen 1945". Seit 2009 ist die HDJ verboten. Das Bundesverwaltungsgericht bescheinigte dem Verein eine "Wesensverwandtschaft" mit der Hitlerjugend.
 
Traditionelle Parolen oder Kennzeichen der Neonaziszene sind bei den Identitären unerwünscht. Sie vermarkten ihre Ideologie mit neuen Slogans und Symbolen. Das Lambda, ein schwarzer Winkel in einem Kreis auf gelbem Grund prangt als Erkennungszeichen auf Fahnen und Flyern. Auf bunten T-Shirts beschwören sie die Heimat und eine nicht näher definierte nationale Identität. Nicht jedem wird sofort klar, was Identitäre mit "Remigration", "Ethnopluralismus" oder "Großer Austausch" meinen. Sie suchen sich Schlachtrufe, die weniger eindeutig klingen als "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus". Doch ihre Programmatik läuft genau darauf hinaus. Die Strategie hinter dieser Wortwahl legt ein interner Leitfaden offen: Die Kommunikation der Identitären solle "knapp an der Grenze bleiben", heißt es darin, man wolle so "den Rahmen des im Mainstream Sagbaren" langsam erweitern.
 
Verwirrspiele
So lässig die Identitären daher kommen wollen, ihr Führungszirkel agiert im Verborgenen. Die Öffentlichkeit soll nicht erfahren, wer genau dieser Führungsriege angehört. Nachfragen von ZEIT ONLINE bleiben unbeantwortet. [...]
 
Fiß sagt, er habe mit seiner Vergangenheit gebrochen. "Ich habe Hannah Arendt und Mein Kampf parallel gelesen." So habe er verstanden: Der "krude Biologismus" der Neonazis sei ein Irrweg. Dass einflussreiche Identitären-Kader ebenfalls aus der Neonaziszene oder extrem rechten Burschenschaften kommen, scheint ihn nicht zu stören.
Der Student hat dazu beigetragen, dass Rostock als ein Zentrum der Identitären in Deutschland gilt. [...]
 
Simulierte Masse
Hartnäckig vermarktet die Gruppe ihre Arbeit als etwas völlig Neues und setzt sich als breite politische Bewegung in Szene. Doch tatsächlich ist es mit den Identitären wie mit dem Scheinriesen Tur Tur aus dem Kinderbuch Jim Knopf: Je näher man ihnen kommt, desto mehr schrumpfen sie.
In Videos und Facebookpostings fallen immer wieder einige besonders aktive Identitäre auf. Ein kleiner Zirkel sehr mobiler Mitglieder reist kreuz und quer durchs Land, ist bei fast jeder größeren, öffentlichen Aktion dabei und erzeugt so den Eindruck, es sei etwas Bedeutsames im Gange. Für normale Beobachter erschließt sich nicht, dass oft dieselben Leute aktiv sind. Es sieht aus, als wäre eben eine "Bewegung" am Werk. 
 
Die Reisekader bilden wechselnde Protestteams, klettern auf prominente Bauwerke wie das Brandenburger Tor in Berlin oder den Balkon der Grünen-Parteizentrale, zünden Bengalfackeln, filmen das Spektakel. Meist bekommt zunächst kaum jemand etwas davon mit. Die Resonanz entsteht erst, wenn die Bilder unter Hashtags wie #DefendEurope oder #Reconquista im Internet vermarktet werden.[...]
 
Entwicklungshilfe aus Österreich
Die deutsche Identitären-Szene ist so klein, dass sie häufig sogar Unterstützung aus Österreich braucht. Als die Organisation im Dezember 2016 zur Sitzblockade vor der CDU-Zentrale in Berlin mobilisierte, reiste fast ein Drittel der knapp 50 Teilnehmer aus dem Nachbarland an, darunter mehrere Regionalleiter und der österreichische Vorsitzende Martin Sellner.
Wie ein Entwicklungshelfer kümmert sich der Wiener Identitären-Chef um den Ableger in Deutschland. Seine Videoauftritte haben den 28 Jahre Sellner in der rechten Szene zum Star gemacht. Mehr als 15.000 Menschen abonnieren seinen YouTube-Kanal. Pausenlos lädt er neue Bilder hoch. Eine gnadenlose Selbstvermarktung. Sellner sagt, er wolle damit am "Abbau des multikulturellen Meinungsdogmas" arbeiten. Seine Clips sollen "Bildwaffen gegen die Lügen von Multikulti" sein. [...]
 
Interne Schulungsunterlagen und Kommunikationen belegen, welche Energie die Führung der Identitären auf eine professionelle Inszenierung verwendet. Sie plant Rhetoriktrainings für Funktionäre und legt Wert auf hochwertige Grafiken. In einem Leitfaden heißt es, das Bild einer Besetzung müsse "Macht, Kraft und Sieg symbolisieren". [...]
 
Auf Fragen von ZEIT ONLINE reagiert Wiebke M. nicht. Es wäre spannend zu erfahren, was Erlebnisse aus Wiebke M.s Kindheit mit ihrem Engagement für die Identitären zu tun haben. Fotos und interne Kommunikation legen nahe, dass Wiebke M. genau wie der Identitären-Chef Altmieks als Schülerin zu Lagern der Heimattreuen Deutschen Jugend fuhren. Ein früheres HDJ-Mitglied, das als Kind selbst an Freizeiten des Neonazivereins teilnahm, erinnert sich an sie.
Die Identitären haben noch weitere Mitstreiter aus dem HDJ-Milieu angelockt. Auch Friedrich Sch., einer der Reisekader der Organisation, kommt aus einer HDJ-Familie. [...]
 
Bis heute dienen Strukturen und Aktionsformen der französischen Identitären als Schablone für die Ableger in Österreich und Deutschland. Einflussreiche deutsche Identitäre wie Nils Altmieks haben Trainingscamps in Frankreich durchlaufen, die sogenannten Sommeruniversitäten. [...]
 
Um die Identitären Bewegung zu verstehen, lohnt deshalb auch ein Blick nach Frankreich. Dort hat sich ein junger Soziologe schon 2010 zu Forschungszwecken in eine Pariser Regionalgruppe der Identitären eingeschleust. Heute ist Samuel Bouron 31 Jahre alt und lehrt an der Universität Dauphine in Paris. Ein drahtiger, lockerer Typ.
 
Die Identitären, erzählt Bouron, hätten ihn schnell akzeptiert, wohl auch, weil er in seiner Freizeit Thaiboxen trainierte. Gemeinsamer Kampfsport gehört stets zum Rahmenprogramm der Organisation. Demokratische Strukturen suchte der Student bei den Identitären vergeblich. Der französische Führungsclan habe aus vielleicht zehn Personen bestanden, schätzt Bouron. Er habe keine Frau getroffen, die eine Regionalgruppe leiten durfte. Bouron sieht die Organisation in einer "faschistischen Tradition", er hält sie für zweifelsfrei rechtsextrem.
 
Innovativ findet der Soziologe nur deren Kommunikationsstrategie. Die Identitären wollten niemals laienhaft erscheinen, sagt er: "Ihre symbolischen Aktionen sind gedacht als mediale Inszenierungen für Journalisten." Der Organisation gehe es vor allem um eins: Buzz zu erzeugen, also Aufmerksamkeit zu generieren.
 
Faszination der Gewalt
Bouron nahm auch an einem Trainingscamp der Identitären in der Bretagne teil. Der Soziologe war erschrocken, in welchen militärischen Drill politische Vorträge und Praxisworkshops für Aktivisten eingebettet waren: uniforme Kleidung, strenge Hierarchien, gemeinsames Box- und Selbstverteidigungstraining.
 
Identitären-Kader hingegen schwärmen von eben diesem militärischen Geist der Trainingslager. Für sie harmoniert auch Kampfsporttraining mit Zahnschutz im Mund mit der gewaltfreien Strategie, die sie propagieren.
Die Aktivisten sehen sich als Teil einer Schicksalsgemeinschaft, die es zu verteidigen gilt. Die Faszination für Gewalt, die allen extrem rechten Gruppen eigen ist, findet sich auch bei den Identitären. Sie verbreiten martialische Videos, in denen harte Jungs anderen über die Bäuche laufen. Eine Hamburger Gruppe lud zu Wehrsportübungen, deren Teilnehmer von einem ehemaligen Personenschützer Ronald Schills mit rechtsextremer Vergangenheit gedrillt wurden. Bernhard Weidinger, Rechtsextremismusforscher in Wien, warnt: Im selbstgeschaffenen Identitären-Mythos, die letzte Generation zu sein, die das eigene Volk noch retten könne, schlummere ein gefährliches Gewaltpotenzial. [...]
 
Die deutschen Identitären können auf einflussreiche Förderer setzen. Einer lebt in einem historischen Anwesen im Weiler Schnellroda südwestlich von Halle: Götz Kubitschek, 46 Jahre, neurechter Verleger aus Sachsen-Anhalt und eine graue Eminenz im Spektrum rechts der CDU.
Die Kubitscheks bewegen sich selbst in der unübersichtlichen völkisch-bündischen Szene, aus der auch die verbotene Heimattreue Deutsche Jugend stammte. Ihre Sympathien gelten allerdings einer anderen, moderater auftretenden Gruppe, die ebenfalls bei den Identitären vertreten ist. Einige bezeichnen sich als Wandervögel, andere verwenden den Pfadfindergruß "Horrido!" in YouTube-Videos und interner Kommunikation. Bei den wenigen Aktivistinnen sind Frisuren angesagt, wie sie Frauen in der völkisch-bündischen Szene häufig tragen: lange Haare, zu Zöpfen geflochten.
 
Götz Kubitschek hatte vor Jahren selbst schon einmal vergeblich versucht, eine neurechte Spaßguerilla aufzubauen. Heute unterstützt er die Identitären. Eine Tochter der Familie hat im Dezember gemeinsam mit Aktivisten aus Deutschland und Österreich die CDU-Zentrale blockiert. Auf eine Nachfrage dazu reagierte der Verleger nicht.
 
Um die deutschen Identitären zu stärken, entwarf Kubitschek eine zusätzliche Dachstruktur. Einprozent heißt der Verein, wird von AfD-Politikern unterstützt und geleitet von einem rechtsradikalen Burschenschafter. Die Organisation wirbt damit, den teuren "Rechtsschutz" für strafbare Protestaktionen der Identitären zu übernehmen. Identitären-Gruppen bewerben ihre "Kooperation" mit Einprozent. So knüpft Kubitschek das Netzwerk weiter. Ehemalige Neonazikader und völkische Familien, der rechte Flügel der AfD und besonders radikale Burschenschaften: Sie alle will Kubitschek zusammenführen.
 
Vermessene Selbstinszenierung
Regelmäßig trifft sich diese Mischszene während der "Akademien" seines "Institut für Staatspolitik" in Schnellroda. An einem verregneten Februarwochenende reisen auch Identitären-Kader von überall her in die Dorfgaststätte. Der Wiener Martin Sellner darf einen Vortrag halten, der Rostocker Daniel Fiß hört zu. Schnellroda, sagt Fiß während einer Zigarettenpause, sei für ihn ein "theoretisch-politisches Zentrum". Das klingt eine Nummer zu großspurig, so wie vieles, was mit den Identitären und Kubitschek zu tun hat. Der Kleinverleger gibt seinen Projekten gerne so staatstragende Namen, dass man ihn für einen übergeschnappten Dorffürsten halten könnte. Doch bei Kubitschek laufen viele Fäden zusammen. Inzwischen hat er sich über die deutschen Grenzen hinaus bekannt gemacht.
 
Im vergangenen Herbst durfte der Verleger in Linz auf dem Kongress Verteidiger Europas reden, wie der Generalsekretär der FPÖ. Während Kubitschek in den prunkvollen, spätbarocken Linzer Redoutensälen über den "angeblichen Flüchtling" und vom Liberalismus glatt geschliffene Menschen herzog, präsentierte sein Verlag seine Bücher im Foyer. Auch die Identitären vermarkteten ihre bunten T-Shirts, ein Verlag legte Militärzeitschriften über Waffensysteme der deutschen Wehrmacht aus und es gab Werke des deutschnationalen Malers Odin Wiesinger zu sehen. Österreich sei ein "Tal der Glückseligen", schwärmte Kubitschek. "Man kann hier Dinge tun, die im öffentlichen Raum in Deutschland unmöglich geworden sind."
 
Genau das wollen sie ändern, der bestens vernetzte Verleger aus Schnellroda, der HDJ-erfahrene Bauingenieur Nils Altmieks, der Politikstudent Daniel Fiß aus Rostock und ihre kaum sichtbaren Helfer im Hintergrund. Sie sind wenige und vielfältig in die rechte Szene verstrickt. Aber ihre Selbstinszenierung wirkt."
 
Quelle: zeit.de - "Die Scheinriesen"
 
 
Es ist so abstoßend, dass es schon fast Mitleid erweckt - diese Menschen legen letztlich nur Zeugnis ab von ihrer Persönlichkeitsunreife, ihrem autoritären Charakter (siehe Erich Fromms Beschreibung desselben), ihren ureigenen, charakterlichen Defiziten, ihrer emotionalen Verpanzerung aufgrund zumeist ganz "klassisch" (früh-) kindlichen Beschädigtwordenseins, über also ihre Kompensationsbedürfnisse und -handlungen auf Basis/in Folge ihrer tief eingravierten Minderwertigkeitskomplexe, denen sie mit eben der typisch rechten, nicht selten auch narzisstischen Einstellung, entsprechenden Verhaltensweisen in Form des selbstschonenden Selbstbetrugs zu "begegnen" versuchen.

Ihre Gesinnung, ihre "Weltanschauung", ihr Eingestelltsein ist erst Folge all dieser G e f ü h l e - diese sind das eigentliche Problem, die eigentliche Ursache.
Und an genau dieser Stelle sind sie daher massiv verwundbar.
 
Ja: Man kann, man darf sie infolgedessen zwar nicht verharmlosen, aber eben auch nicht für voll nehmen - ihr Gebaren ist demonstrativer Ausdruck ihrer ausgeprägten je persönlichen, je individuellen Charakterschwäche und fehlenden Herzensbildung.
 
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"[...] Wie immer man das Phänomen nennen will, für das die Namen Trump, Le Pen oder AfD stehen – es ist nicht bloß eine Denkweise, sondern eine Gefühlswelt. Wird sie beschrieben, dann fallen Vokabeln wie Hass, Wut, Frust, Sorgen und Nöte. Und so viel steht fest: "Man kann diese Gefühle nicht einfach als zufällig oder den Menschen eingeredet abtun; sie gehören zum Grundbestand der modernen Gesellschaft. Misstrauen, Abhängigkeit, Sich-ausgeschlossen-fühlen, Angst und Desillusionierung fließen in eins zusammen und ergeben einen grundlegenden Zustand des Menschen im heutigen Dasein: das große Unbehagen." Kluge Worte, sie wurden vor 70 Jahren geschrieben.
So lange ist es schon her, dass die beiden Emigranten Leo Löwenthal, ein Deutscher, und Norbert Gutermann, ein Pole, ihre Untersuchung über die Reden rechtsextremer Führer in den USA veröffentlichten (Agitation und Ohnmacht). Ein Jahr später wurde auch ein zweites Buch fertig, das Theodor W. Adorno berühmt machen sollte: die sozialpsychologischen Studien zum autoritären Charakter. Die beiden Werke ergeben ein Bild protofaschistischer Verhetzung, das beklemmend aktuell wirkt. Und das eine Erklärung dafür anbietet, warum Menschen für Hetze so empfänglich sind. [...]

Adorno und seine Mitautoren wenden sich gegen die vulgärmarxistische Vorstellung, rechtsradikale Stimmungen seien einfach der Ausdruck sozialer Missstände. Sie vermuten stattdessen, dass "lange bestehende Sehnsüchte und Erwartungen, Ängste und Unruhen die Menschen für bestimmte Überzeugungen empfänglich und anderen gegenüber resistent machen". Zu diesen Sehnsüchten zählte schon damals, dass der permanente Veränderungsstress endlich aufhören möge. Das ist verständlich, aber doch regressiv: die Verweigerung eines erwachsenen Umgangs mit der Welt. [...]
 
Sie zeigen, dass sich Vorurteile gegen Minderheiten durchaus unabhängig von sozialen Lagen herausbilden. Ein weiterer Befund ist der "Bruch zwischen angeblichem und wirklichem Denken". Etliche Befragte hatten ihre Fragebögen so ausgefüllt, wie sie es für erwünscht hielten ("politisch korrekt", würde man heute sagen) – erst im Gespräch zeigten sie ihre wahren Ansichten, oft in Form neurotischer Fixierungen. Das waren beispielsweise pathologische Überlegenheitsfantasien ("Ich kenne alle Hintergründe") oder auch sexuelle Triebe, die man sich nicht gern eingesteht, sie vielmehr anderen – namentlich den Fremden – zuschreibt, um diese sodann zu verurteilen.
 
Um Verborgenes geht es also. Theodor W. Adorno schreibt in seiner Analyse der Rundfunkreden von Martin Luther Thomas, einem faschistischen Prediger der dreißiger Jahre: "Unter der Maske christlicher Ekstase versteckt sich die Ermutigung zu Heidentum, orgiastischer Entfesselung der eigenen emotionalen Triebe, zur Regression auf die unartikulierte Natur." Der Autor sieht darin einen "Gefühls-Befreiungs-Trick".
 
Namentlich der Faschismus lebe "von dem Mangel an emotionaler Befriedigung in der Industriegesellschaft" und davon, "dass er den Menschen jene irrationale Genugtuung verschafft, die ihnen durch die heutigen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse vorenthalten wird". Der faschistische Führer gebe "ein Modell für das Verhalten, das seine Zuhörer nachahmen und annehmen sollen. Sie sollen sich nicht zivilisiert benehmen, sie sollen schreien, gestikulieren, ihren Gefühlen freien Lauf lassen." So erklärt sich, warum die Anhänger Trumps oder ihre hiesigen Pendants dann besonders jubeln, wenn ihre Idole ein Tabu brechen: Das löst die Spannung zwischen dem, was man sagen darf, und dem, was man sagen will. Entzivilisierung macht glücklich.
 
"Bezeichnend für den Faschistenführer ist ein Hang zu geschwätzigen Erklärungen über die eigene Person", erklärt Adorno weiter. Das sei nicht bloß Narzissmus, "es ist ein Teil des Geheimnisses totalitärer Führung, der Gefolgschaft das Bild eines autonomen Charakters vor Augen zu stellen, der zu sein ihr in Wahrheit verwehrt wird". [...]
 
"Der Agitator", so nennen Löwenthal und Gutermann diesen Typus des Volksverhetzers, "ist sehr besorgt, weil alle Informationsmittel in die Hände der Feinde des Vaterlandes gefallen sind" – Mainstream-Medien, Lügenpresse, man kennt das. Er "spielt mit dem Misstrauen, das seine Zuhörer grundsätzlich gegen alle sozialen Erscheinungen hegen, die in ihr Leben eingreifen, ohne dass sie verstünden, wie das eigentlich geschieht". Zu diesen Erscheinungen rechnen die Autoren ausdrücklich die Immigration.
 
"Der Agitator", fahren sie fort, "kann offenbar voraussetzen, es mit Menschen zu tun zu haben, die unter dem Gefühl ihrer Hilflosigkeit und Passivität leiden. Er kann sich der Zwiespältigkeit dieses Komplexes bedienen, der einerseits einen Protest gegen jede Bevormundung enthält, auf der anderen Seite den Wunsch, beschützt zu werden (...), von einem starken Mann geführt zu werden."
 
Fazit: Das Phänomen, für das die Namen Trump, Le Pen oder AfD stehen, lässt sich nicht allein auf heutige Umstände zurückführen. Nicht nur auf demografische Umbrüche, die Globalisierung oder das Internet. Vor dem "großen Unbehagen" in Überlegenheitsfantasien zu flüchten ist eine dauerhafte Option. Manchmal genügt eine Unwucht im Parteiensystem oder die offenkundige Abnutzung einer Führungsschicht, und es beginnt eine Dynamik, die sich ihren Brennstoff sucht – sei dieser auch "postfaktisch", also herbeifantasiert und zusammengelogen. Er zündet dennoch.
 
Fragt sich nur, was aus alledem zu lernen ist.
Die Studien beschreiben Leute, die längst gegen Erfahrungen immun sind, welche ihre Vorurteile infrage stellen könnten. So stellt sich nach der Lektüre ein Gefühl der Hilflosigkeit ein; zu den Kennzeichen der Frankfurter Schule, der die Autoren angehörten, zählte es, analytisch stark zu sein, aber politisch resignativ. Rückzug ins bessere Wissen.
Politisch lernen lässt sich daraus dennoch einiges:
Überzeugte sind für Argumente unerreichbar, auch wer sich auf ihre Emotionen einlässt, belohnt diese nur. Die Leute leben jedoch inmitten einer Mehrheit, die anders denkt als sie. Daher hängt alles davon ab, wohin diese Mehrheit insgesamt tendiert. Gewinnt der rechte Rand ideologische und emotionale Energie aus seinem Nahfeld, oder verliert er sie daran? Als politische Aufgabe formuliert: Die Radikalen sollen sich nicht wie der Fisch im Wasser fühlen, sondern wie der Fisch an Land. [...]

Nicht die Verhetzten muss die Politik gewinnen, sondern jene, die das "große Unbehagen" empfinden, ohne deswegen schon den Anstand verloren zu haben."
 
Quelle: zeit.de - "Theodor W. Adorno: Der Trick mit der Gefühlsbefreiung", farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 

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