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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus

(Eine Art) Trauerrede (aus aktuellem Anlass)

 
Vor ca. einer Stunde erreichte mich unerwartet eine e-mail - eine frühere Schulkameradin ist kürzlich verstorben, es wird mitgeteilt, wann und wo die Beerdigung stattfindet.
 
... Und ich kann mich nicht einmal an sie erinnern.
 
Es ist alles so lange her, ihr seid alle so weit weg ... . Es liegt so viel "Leben" dazwischen.
 
Man kann einige bei facebook "finden" - ihre Profile sehen. Viele von euch sind in der alten Heimat oder deren Nähe geblieben, dennoch weiß ich nichts von euch, über euer Leben - seit der Schulzeit.
Ich war damals nicht bis zum Schluss dabei ..., vielleicht deshalb.
 
Vielleicht würde ich viele von euch deshalb heute nicht mehr erkennen, kämt ihr mir auf der Straße entgegen.
Ich lese eure Namen, die mir bekannt vorkommen und finde in meinem Gedächtnis keine Gesichter dazu. Ich erinnere sogar noch Geschichten, die man sich damals über einige von euch erzählte oder auch nur Bruchteile davon, aber ich habe nichts mehr mit euch "zu tun".
 
Selbst wenn ich in eurer räumlichen Nähe noch oder wieder wohnte (wie es bis kürzlich so ja vorübergehend war), trennten uns Welten - unsere je unterschiedlichen Leben(sweisen).
 
Ihr führt offenbar mehrheitlich ein völlig anderes Leben als ich. Ihr habt andere Interessen, Geschmäcker, Einstellungen ... .
Die meisten von euch sind verheiratet, haben ein "geregeltes" (Erwerbs- und Familien-) Leben, einige haben Kinder, manche ein Haus, einige noch andere Verwandte, Eltern ... .
Ihr habt mehrheitlich wohl keine ausgefallenen Berufe, Hobbies, Interessen, hattet keine Berührung mit "Subkulturen", kennt keine Existenzsorgen.

Vielleicht waren oder sind manche von euch (chronisch) krank, vielleicht hatten einige sogenannte Schicksalsschläge zu bewältigen - ich weiß es nicht, aber: wenn ja, was hat das mit euch gemacht - hat es euch verändert und falls ja, wie? Habt ihr seither e t w a s in eurem Leben verändert, führt ihr andere Beziehungen oder Beziehungen anders, worüber denkt ihr nach, habt ihr Fragen, Zweifel - lasst ihr sie zu, tauscht ihr euch darüber aus - mit wem? Und geht all das über Alltägliches hinaus?

Nein, ich will eigentlich gar nicht werten, auch wenn es so klingt.
Wie wäre ich heute eingestellt, wäre ich damals "bei euch" geblieben ... ? So müßig solche Fragen sind, man stellt sie (sich) gelegentlich doch.
Wie, warum sind wir die geworden, die wir heute sind? Und wie sehr unterscheiden wir uns heute jeweils von den Kindern, die wir damals waren?
 
Ja, ein Mal mehr/wieder überkommt mich im Zuge dieses "Anlasses" Nostalgie, Sentimentalität - Heimweh.
Nach einer Heimat, die es nicht mehr gibt, die sie nicht mehr ist. Es bleiben nur die mir vertrauten Orte - nicht aber: die Menschen.
 
Wir würden uns heute kaum etwas zu sagen haben, wir würden sehr sicher schnell Antipathie, wenigstens Desinteresse, vielleicht auch handfeste Abneigung feststellen, könnten wohl allenfalls aus Höflichkeit noch oberflächlichen Smalltalk bewältigen.
 
Ja, mich macht das traurig.
Nicht, dass ich "Eine von euch" sein wollte (was immer das genau wäre), nicht, dass ich mit euch tauschen wollte.
Es ist eher das immer wieder aufbrechende Gefühl des Entwurzelt(worden)seins - in Kindertagen, das ich nach wie vor mit mir herumtrage, das wohl nie ganz "verschwinden" (können) wird.
Die vielen Brüche ..., die Suche nach der eigenen Identität, der Verlust der "Heimat", des Zuhauses, der "Eltern" - vor der Zeit. Und all das, das danach kam und von dem nichts so wirklich zueinanderpasst, wie es mir so zumindest vorkommt.
Ganz anders: bei euch. Wie es (mir) scheint.
 
Vielleicht ist es die Trauer über diesen Verlust - über den Verlust der einstigen, scheinbar heilen Kinderwelt, in der alles (noch) so geordnet, sicher, vertraut, so regelmäßig, so überschaubar war.
 
Schon meine Kinder sind so nicht aufgewachsen, kennen eine solche, vielleicht spießige Sicherheit, Geborgenheit, Kontinuität nicht - am wenigsten meine Tochter.
Es tut mir dies sehr leid. ...
Ich hätte ihnen das gerne gegeben. Geben können. Dafür hätte es jedoch unter anderem m e h r e r e r verlässlicher, langjährig verfügbarer Bezugspersonen für die Kinder bedurft. Diese konnte ich ihnen nicht zaubern. Und auch nicht die materielle Sicherheit, Stabilität, die ebenfalls erforderlich ist.
 
Nun ist "eine von euch", von uns? gestorben. - Ich weiß nicht, wer (sie genau war), ich weiß nicht wie und warum.
Ich weiß nun, wann und wo die Beerdigung stattfinden soll, kenne den Ort, sehe ihn vor meinem inneren Auge - kann nicht anwesend sein, würde es auch nicht ertragen, euch dort zu sehen - und so deutlich zu spüren, dass uns letztlich a l l e wohl kaum mehr etwas verbindet (außer jene, die ggf. noch miteinander befreundet sind).
 
Einige von euch trauern um sie. Es tut mir leid für diese.
Es tut mir leid um euren Verlustschmerz.
Und um meinen eigenen, wenngleich ich etwas anderes verloren habe und betrauere als ihr.
 
Viele von uns werden in näherer oder fernerer Zukunft sterben - ohne, dass "die anderen" etwas davon erfahren werden, ohne, dass es sie tangiert. Es wird sein, als wären sie nie (für uns, in unserem Leben) gewesen. Wir haben sie längst vergessen.
 
Wisst ihr, als wir noch Kinder waren ... ... ... ?
 
Ich trauere - um diese Zeit.
Und all das, das seither geschah und von dem nichts zueinanderpasst - am wenigsten: zu euch, zu uns: damals ... als wir noch Kinder waren.
 
Es ist so lange her ... . Ihr seid so weit weg ... .
Es gibt keine Anknüpfungspunkte - nicht einmal die Erinnerungen, die sich unterscheiden ... .
Nicht einmal der Tod - einer der "Unseren".
 
Es tut mir leid.
 
-
 
... Ob es damals die zwei grauenvollen Jahre in Niederbayern waren oder jetzt die vielen Jahre in Hamburg - es fühlt sich immer an wie Exil. All die vielen Jahre ... .

Meine Heimat: ist und bleibt der Ort meiner Kindheit. An dem ich nicht leben kann. An dem ich nicht sterben werde.
 
-
 
 

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