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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus

Über den Mythos vom "großen Austausch" - siehe die "Identitäre Bewegung", die "Neue Rechte", die AfD, deren Gesinnung und Ziel(e) und ihr Verbreiten von fake news, ihre Agitation, DEMAGOGIE

 
Weil ich das unsägliche Geseiere vom "großen Austausch" nicht mehr ertragen kann, Folgendes dazu - Tacheles, ausdrückliche Leseempfehlung (in Kurzfassung: Es geht, wie schon so häufig gesagt, um Neid und Kompensation):
 
"[...] Ihrem Selbstverständnis als sowohl elitär-avantgardistische wie aktionistische Vorhut der kommenden völkischen Revolution und ihren Vordenkern von der ‚Neuen Rechten‘ folgend, bedienen sie sich dabei gekonnt aus der Mottenkiste linker Aktionsformen. Mittels Flashmobs in Fußgängerzonen, der Besetzung von Straßen und Parteizentralen, der Erstürmung von Theaterbühnen etc. wollen die selbsternannten ‚Conquistadores‘ auf die ‚Einzelfälle‘ aufmerksam machen, die als Teil der großen Verschwörung, des großen Austauschs, entlarvt werden.
 
Die Identitären fühlen sich als „letzte deutsche Mehrheitsgeneration“, die „Bevölkerungsaustausch und Islamisierung Deutschlands“ noch aufhalten und die „Traditionslinie von Arminius bis Bismarck, von Walther von der Vogelweide bis Goethe, von Leibniz bis Heidegger“ retten könne. Der Volkstod werde durch zwei gegenläufige Prozesse herbeigeführt: Auf der einen Seite sorgten Feminismus, Niedergang der Männlichkeit und der traditionellen Familie für schwindenden Reproduktionswillen des Volkes. Auf der anderen Seite würde Europa von kulturfremden Invasoren überrannt, die durch Überfremdung und Geburtendschihad die ethnokulturelle Identität Europas zersetzten. „Die importierten Einwanderermassen“ seien dabei allerdings „selbst nur Schachfiguren in diesem Prozess“. Die wahren Schuldigen seien, man ahnt es, „[i]nternationale Konzerne, fremde geopolitische Mächte, Multikulti-Parteien und eine vom Selbsthass zerfressene Medien und Kulturszene“. Am Ende stehe statt gewachsener Völker eine „amorphe Masse aus Konsumenten und Arbeitern“, „reif für eine neue Weltordnung und einen Weltstaat“. Obwohl die zitierten Untergangsphantasien klingen, als seien sie aus den Protokollen der Weisen von Zion abgeschrieben, gehört allzu offener Antisemitismus bislang nicht zur Rhetorik. Zwar böten Antisemitismus und Verschwörungsideologien einen passablen Einstieg ins ‚kritische Denken‘. Jedoch – und hier setzt auch die Kritik am Nationalsozialismus an – sei mit der Vernichtung der Juden die verhasste Moderne eben noch nicht abgeschafft. Die Bekämpfung der Moderne einzig im Juden habe es den Antisemiten erlaubt, sich dieser umso mehr zu bedienen. In diesem Sinne sei der Nationalsozialismus gar zu humanistisch gewesen und der Kampf viel umfassender und radikaler zu führen. [...]
 
In der Tat spielt das Bedrohungsszenario der Islamisierung im identitären und neurechten Denken eine zentrale Rolle. Der Islam erfüllt hier Horror- und Wunschvorstellungen in einem: Zunächst tritt er in seiner Opfergabe eines loyaleren und lebensmüderen Menschenmaterials in Konkurrenz zum bisher lediglich nationalkulturalistisch, und damit im Vergleich zur religiösen Überhöhung des Islams ideologisch defizitär bestimmten deutschen Volkskörper. Umso größer die Panik, denn Ideologie kann auch ohne rassistisch identifizierbare Flüchtlinge einwandern (so sehr deren Diffamierung auch vorangetrieben wird): sie lauert überall, bereit, den nichtsahnenden Deutschen beim Bulgurgenuss hinterrücks zu überfallen, zu blenden und seiner nationalen Identität zu berauben. Ohne negatives Leitbild substanzlos arbeiten die Neurechten sich deswegen am beneideten Feind ab. Alles, was den Deutschen und Europäern abhanden gekommen sei, zeichne die islamische Umma geradezu aus: Ein Aufmarsch der vom Kapital überflüssig gemachten und potentiell Überflüssigen zum autark-produktiven Kollektiv, das in repressiver Egalität gegen die Zumutungen kapitaler Verwertung verschweißt ist. Dass der politische Islam das momentan erfolgreichere faschistische Projekt ist, versetzt den autoritären Charakter in einen Zustand der Abwehr und Bewunderung zugleich. Die Opferbereitschaft, mit der die Islamisten weltweit den Kampf gegen jeden Emanzipationsversuch aufnehmen, dient dem identitären Wahn als Vorbild. Gerade die „Weigerung der Muslime“, sich „zum westlichen Einheitsmenschen machen zu lassen“ sei ihre Stärke. Was die Identitäre Bewegung gerne hätte, die unmittelbare Identität von Individuum und Gemeinschaft, wird der islamischen Kultur als Erfolg unterstellt und dem einzelnen tatsächlichen oder vermeintlichen Moslem als bloßem Exemplar seiner Gattung projektiv geneidet.
 
Als „willkommene Krise“ und „einzigartige historische Gelegenheit“ firmiert die sogenannte Flüchtlingskrise als Legitimation zum Losschlagen. Als im Februar 2016 identitäre Aktivisten unter dem Motto ‚Wir sind die Grenze‘ symbolisch die Grenze dicht machten, demonstrierten sie dabei nicht nur, dass sie ihrem Anspruch, „revolutionär“ und „staatstragend“ zugleich zu sein, mehr als gerecht werden. Sie zeigten auch, wo die Reise hingehen soll: Während der Islam ‚in seinen Ländern‘ als identitäres Projekt geheiligt wird, sollen auch seine Opfer in noch größerer Zahl als bisher an den Mauern und Zäunen der Festung Europa verrecken.
 
Das Unvermögen linker und rechter Islamkritik
„Der Islam“, so beginnt Björn Höcke seine Rede auf einer Erfurter AfD-Demonstration, „ist nicht mein Feind, unser größter Feind ist unsere Dekadenz.“ Der Islam habe seine Heimat in einer anderen Welt, nur dort könne er „die uneingeschränkten Entfaltungsmöglichkeiten beanspruchen, die wir ihm gerne zugestehen.“ Nicht der Islam als Herrschaftsideologie sei das Problem, sondern die mit ihm einhergehende Auflösung ethnisch-kultureller Homogenität. Beim Anti-Islam-Kurs der Neuen Rechten handelt es sich nicht um Kritik, sondern um ein Ticket für das eigene ethnopluralistische Ressentiment. So vernünftig das Erschrecken vor einer Religion, die den islamistischen Mörderbanden das ideologische Rüstzeug liefert, so notorisch der rechte Aufschrei als Farce.
 
Der Islamwissenschaftler Hans-Thomas Tillschneider (AfD) gilt als Beispiel dafür, auf welchen ideologischen Denkgebäuden sich das, was früher Völkerkunde hieß, stützt: „Ich kritisiere den Islam nicht an sich und will ihn weder reformieren noch aufklären. Meine Position ist: Die Deutschen haben ihre Kultur, die Muslime haben ihre Kultur, und das passt nicht zusammen.“ Tillschneider sei gerne im Orient und habe „großen Respekt vor dem Islam“, für sein Studium entschied er sich für Damaskus, weil ihm Kairo „zu verwestlicht war.“ Von der multikulturellen Ideologie lässt sich der Ethnopluralismus nur in der Dimension der voneinander abzugrenzenden Kulturen unterscheiden, denn statt von einer kulturellfragmentierten Gesellschaft, träumt der Ethnopluralist von einer „bunte[n] Welt aus vielen verschiedenen Kulturen“ (Tillschneider), denen er ihren jeweils eigenen territorialen, nationalen Bezugsrahmen zuspricht.
 
Kultur (früher nannte man es Volkscharakter) wird zur Unabänderlichkeit naturalisiert. „Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch.“ (Adorno). Der Ethnopluralist schreibt dem Muslim eine fixe Identität zu, um die er ihn insgeheim beneidet – ein hasserfüllter Neid, der sich aus einer Regressionssehnsucht nach der eigenen, in der kapitalistischen Vermittlung verlorengegangenen vermeintlichen Ursprünglichkeit speist. Eine Sehnsucht nach Autorität und Heroismus, das Aufgehen des Individuums in der Umma und ein klares Regelwerk, welches das diesseitige Leben nur als Restriktion zu denken erlaubt. Die mit dem Verwertungsinteresse des Kapitals einhergehende Angst des Einzelnen vor der eigenen Überflüssigkeit drängt zur Hypostasierung der substantiellen Identität mit dem Deutschtum, die sich aus der Attribuierung des Muslims als nicht-identisch Fremdem speist. [...]"
 
Obgleich beklagenswerterweise die Rolle, d.h. die Funktion der Frau in rechter Ideologie gänzlich unerwähnt bleibt, ist auch Nachfolgendes so lesenswert wie/weil scharfsichtig:
 
"[...] Defizitäre Liebe in der Gemeinschaft der Tüchtigen
Während die Wutbürger von der AfD sich als Verteidiger freiheitlicher Werte gegen den Islam inszenieren, zeigt sich an der Frage nach dem Umgang mit Homosexualität, wohin die Reise geht. Der Freiburger Nachwuchsagitator Andreas Schuhmacher von der Jungen Alternative lässt vielerorts vor johlenden Eltern verkünden, dass die „grünversifften Homo-Linken“ nicht „unsere Kinder“ kriegen. Doch nicht nur dadurch, dass die AfD in ihren Reihen solche versammelt, welche die Wiedereinführung einer gesetzlichen Verfolgung homosexueller Handlungen herbeisehnen, wird deutlich, dass die Feindschaft gegen Homosexuelle wieder zum mehrheitsgesellschaftlichen Projekt zu werden droht. Der Anteil der Menschen, die angeben, es ‚eklig‘ zu finden, wenn sich zwei Männer in der Öffentlichkeit küssen, verdoppelte sich in den letzten zwei Jahren von 20 auf über 40 Prozent.
Während im Islamischen Staat reihenweise homosexuelle Männer von Hochhäusern geworfen werden und im Iran schwule Teenager an deutschen Kränen gehängt werden, entdeckt man hierzulande zeitgleich seine Abscheu vor Islamisten wie vor deren schwulen Opfern und schielt neidisch nach Russland, wo Homosexualität gänzlich aus der öffentlichen Wahrnehmung getilgt wird. Die Abneigung gegen den Islam ist Erscheinungsform eines projektiven Neids: die Frechdachse vom Orient lassen jenen autoritären Verlockungen freien Lauf, die im postnazistischen Deutschland mal mehr, mal weniger erfolgreich zu Ordnungs- und Produktivitätswahn sublimiert werden: Ausmerzung individueller Lust zugunsten von kollektivistischen Produktivitätsimperativen, Wunsch nach patriarchaler Familienorganisation, projektive Bekämpfung der Moderne im Juden, Bereitschaft zur Vernichtung. Welch ein Affront für das Original! Da die wiedergutgewordenen Deutschen sich noch nicht recht entscheiden können, ob sie nun selbst zu dieser politischen Ökonomie des Wahns zurückkehren oder sie vom souveräneren Standpunkt der Liberalität bekämpfen sollen, tun sie einfach beides. Das Toleranzgeschwafel von der „ökologischen, offenen, antimilitaristischen Post-Auschwitz-Haltung“ (Zeit Online) ist Beweis genug, dass dieser Standpunkt in deutschen Gefilden nie ernsthaft verinnerlicht wurde, impliziert die Duldung der toleranten Mehrheit doch die Möglichkeit, dass ihr wieder die Hutschnur reißt.
 
Hinter dem rhetorischen Gewand der „Verteidigung freiheitlicher Werte“ verbirgt sich meist das genaue Gegenteil, der Wunsch nach Angleichung an die autoritäre Repression des vermeintlichen Feindes durch den Rückgriff auf Vorstellungen einer traditionellen Familie, welche die legitimen Bahnen der Ausübung von Sexualität wieder volksgemeinschaftlich statt marktförmig-individualistisch bestimmen soll. Dies zeigt sich nicht zuletzt an der Renaissance des Volkskörpers: der „große Austausch“, der gerne auch als schleichender Genozid am deutschen Volk bezeichnet wird, sei einzig durch ein Wiedererstarken der vermehrungsfreudigen deutschen Familie aufzuhalten, nicht zeugungsfähige, „defizitäre“ Liebesbeziehungen (Matthias Matussek) seien bis zur Unkenntlichkeit rechtlich schlechter zu stellen, wenn nicht gleich aus dem Volkskörper zu tilgen – unter dem wahnwitzigen Motto einer „Willkommenskultur für deutsche Kinder“ (Schuhmacher).
 
Wenn Pegida-Apologet Prof. Werner Patzelt schwärmt, der Patriot könne in einer „Gemeinschaft der Tüchtigen“ aufgehen, und der antiliberale Liberale Lucke fordert, prominente Homosexuelle sollten ihr Outing bitteschön mit dem Bekenntnis zur Ehe zwischen Mann und Frau als der eigentlich erstrebenswerten Lebensform verbinden, fällt hin und wieder ein Schlaglicht auf diesen Volkskörper, der sich unter dem zur Sicherstellung des Marktgeschehens, wie zur Selbstvergewisserung, dass man mit Auschwitz nichts zu tun habe, notwendigen westlich-demokratischen Schleier zusammenrottet.
 
Der teilemanzipierte Homosexuelle steht diesem Volkskörper als Ersatzjude bereit: Dem durch Heirats- und Adoptionsverbot vom Aufgehen im verwurzelten Kleinfamilienkollektiv Abgehaltenen wird ebendies als Flexibilitätsvorsprung auf dem Arbeitsmarkt angekreidet und das Glück der nicht an den Zweck der Volksreproduktion gebundenen Sexualität geneidet. So zeigt sich, warum linke Deutsche den Islamismus entweder pathologisieren oder gar als antiimperialistischen Befreiungskampf affirmieren und rechte Deutsche ihn eher wie ein neidischer Bruder bekämpfen: weil „die Tabuisierung der Sexualität, die Zivilisationsmüdigkeit und die Verachtung des Individuums - auch hierzulande Konjunktur haben“ (Ahmad Mansour)."
 
Quelle: ca-ira.net - "Die Avantgarde des staatstragenden Widerstands", farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
 
Es kann einem bei all dem nur noch der Ekel überkommen, denn noch offensichtlicher, noch deutlicher geht es tatsächlich gar nicht mehr - aber die "Lämmer" sind blöde blökende, ängstliche, rechts"konservative", emotional verpanzerte/verkrüppelte, engherzige, kleingeistige, indoktrinierte Egomanen, die ihrem SELBSTBETRUG vollumfänglich erliegen und sich nur mittels Hass, Abwehr, Rassismus kompensatorisch ausagieren, ihre Scham über ihren Neid zu verbergen suchen, sich bequem in Verschwörungstheorien flüchten oder in die "innere Emigration", also in Verweigerung zur Selbstschonung (!).

Es ist dies als charakterlich, menschlich, emotional, sozial und intellektuell maximales, demonstratives Armutszeugnis sowohl zu erkennen als auch zu benennen: erforderlich.
 
Feindbild ist die offene Gesellschaft - und damit die individuelle Selbstbestimmung, auch die von "Minderheiten", auch und gerade die von Frauen, die Folge ist: Angriff auf diese Selbstbestimmung, auf Offenheit, Veränderung.
Ursache dessen ist das Überfordertsein von/mit Komplexität, das eigene emotionale Verpanzert-/Verkrüppeltsein/emotionaler Autismus (siehe individuelle Kindheit, Prägung, Sozialisation, Indoktrinierung/"Erziehung" und auch je persönliche Anlage), die daraus resultierende eigene Egomanie/Selbstsucht, die Angst, übervorteilt zu werden, die Wut über eigenen Privilegienverlust (gerade wiederum aufseiten zahlreicher Männer), die Wut und Scham über eigene Unterlegenheits- und Neidgefühle und das Kompensierenwollen all dessen als Folge.
Wie es dann theoretisch als jeweilige Ideologie angepriesen, mittels dieser vermeintlich gerechtfertigt und intellektualisiert wird, ist nur das Nebenprodukt bzw. der nachgeordnete Schauplatz, das Symptom. Die Ursache liegt, wie bereits wiederholt gesagt, nicht im Denken, sondern im Fühlen der Leute. Immer und überall. Eben deshalb sind sie nicht mittels noch so stichhaltiger Argumente und noch so unabweisbarer Fakten zu überzeugen.
 
"[...] Rechte Intellektuelle führten in Deutschland seit 1945 ein Schattendasein. Mit Blick auf fremdenfeindliche Stimmungen und jüngere AfD-Wahlerfolge sieht die Szene nun aber eine Gelegenheit, ihren Einfluss auf den Mehrheitsdiskurs auszubauen.
„Ich bin kein großer Denker“, sagt der Publizist Werner Mäder zu Beginn seiner Buchvorstellung und zumindest damit soll er Recht behalten. Es ist Ende März, Mäders 80 Seiten schmales Werk Die Zerstörung des Nationalstaates aus dem Geist des Multikulturalismus ist vor einigen Monaten im Grazer Ares Verlag erschienen, jetzt stellt er es in der neurechten Bibliothek des Konservatismus in der Berliner City-West vor. Im Vortrag reiht er Passagen von Carl Schmitt, Oswald Spengler und Arnold Gehlen aneinander, rechten Denkern, deren Ideen bis vor Kurzem kaum jemanden interessierten, die aber mit dem Aufstieg von Pegida, AfD & Co wieder an Bedeutung gewinnen.
 
Freie Assoziation
Auf den Vortrag folgt eine recht emotional geführte Diskussion. Der Redner wird teils gelobt, teils scharf kritisiert, andere Gäste erzählen scheinbar zusammenhangslos etwas, worüber sie sich gerade aufregen. Doch trotz aller Streitpunkte und Missverständnisse scheint unter den Anwesenden zumindest eine Vorstellung Konsens zu sein: globale Eliten wollen den deutschen Staat durch Masseneinwanderung zerstören. Ein Mann im Trachtenjanker fragt, welche Kräfte denn nun hinter all dem stecken. Der pensionierte Justitiar Mäder äußert sich dazu eher vage und empfiehlt dann einige Bücher antiamerikanischer Autoren sowie die Protokolle der Weisen von Zion.
 
Das antisemitische Machwerk mag in der übrigen Welt als Fälschung bekannt und berüchtigt sein, hier hingegen wundert sich niemand über diesen Tipp. Vermutlich glauben nicht alle Anwesenden tatsächlich an eine jüdische Weltverschwörung, der Lektürehinweis löst keine besondere Begeisterung aus. Womöglich haben manche auch gar nicht verstanden, worum es ging. Es ist aber auch keine Ablehnung zu erkennen oder auch nur Irritation. Die implizite Behauptung eines jüdischen Komplotts bleibt einfach als eine Ansicht von vielen im Raum stehen, die offenbar in diesem Milieu herumspuken und von denen einige im Stil der freien Assoziation zum Besten gegeben wurden.
 
Die aktuelle Flüchtlingspolitik verstieße gegen das Grundgesetz, weil sich durch sie die Bevölkerung verändere, sagt nun der im Publikum sitzende Staatsrechtslehrer Karl-Albrecht Schachtschneider und hält zur allgemeinen Freude ein Koreferat. Er bemängelt, das Bundesverfassungsgericht habe seine jüngste Verfassungsbeschwerde abgewiesen. Wirklich enttäuscht sei  er jedoch, dass die Zeitung Junge Freiheit nicht über diesen Akt des „Widerstands“ berichtet habe. Schachtschneider, unten zu sehen am Rande einer Tagung des Instituts für Staatspolitik (IfS), ist einer der Köpfe der Initiative Einprozent, in der auch Jürgen Elsässer und Götz Kubitschek aktiv sind.
 
Kubitschek und seine Frau Ellen Kositza leiten die Denkfabrik IfS auf dem Rittergut Schnellroda in Sachsen-Anhalt und beliefern mit ihrem Verlag Antaios und diversen Medienprojekten den gesamten deutschsprachigen Raum mit rechten Ideen und Mythen. Einem breiteren Publikum sind sie durch Homestories bei 3sat und in der FAZ bekannt. In Schnellroda hielt der AfD-Politiker Bernd Höcke seine berüchtigte Rede, in der er „den asylpolitischen Amoklauf“ der Kanzlerin beklagte und das „Reproduktionsverhalten der Afrikaner“ zur Ursache von Flucht und Migration erklärte. Solche Aussagen können auch als Positionierungen in Konflikten innerhalb der AfD gesehen werden.
 
Die ‚Konservative Revolution‘ und der Märtyrer
„Konservativ ist, Dinge zu schaffen, die zu erhalten sich lohnt“
pointierte der nationalistische Publizist Arthur Moeller van den Bruck – einer der Protagonisten der ‚Konservativen Revolution‘ – in seinem 1923 erstmals erschienen Hauptwerk Das dritte Reich. Ein Konservativer müsse demnach nicht nur bewahren, sondern auch Neues errichten und dazu, wenn nötig, Widerstände überwinden. Dieser Grundgedanke findet sich allerdings auch schon bei früheren Vertretern, schreibt der Historiker Axel Schildt in Konservatismus in Deutschland (1998). Gerade in der von Zäsuren geprägten deutschen Geschichte hätten Konservative immer wieder erhebliche „Anpassungsleistungen“ erbringen müssen, um der Marginalisierung zu entgehen.
 
Die sogenannten Jungkonservativen um Autoren wie Moeller van den Bruck oder Hans Zehrer, den Herausgeber der Zeitschrift Die Tat halfen aktiv mit, die Weimarer Republik zu beseitigen. Sie verbanden einen preußisch geprägten Nationalismus mit sozialistischen und antiimperialistischen, im Wesentlichen antidemokratischen Ideologiefragmenten. Im Nationalsozialismus wurden die Jungkonservativen jedoch bald an den Rand gedrängt. Manche arrangierten sich nach 1945 mit der transatlantisch orientierten Adenauer-BRD, Hans Zehrer etwa wurde eine Art Mentor für den Verleger Axel Springer. Für andere, wie Ernst Jünger, blieben nur ambivalente Nebenrollen.
 
Der Staatsrechtler Carl Schmitt wurde wegen seiner Verstrickung in das NS-Regime vom akademischen Leben ausgeschlossen. Die Politikwissenschaft der frühen Bundesrepublik störte sich vor allem an der 1932 in Der Begriff des Politischen postulierten Behauptung, die Grundlage aller Politik sei die Unterscheidung zwischen Freund und Feind – und begründete ihr eigenes Selbstverständnis aus ihrer Abgrenzung zu Schmitt (was natürlich nicht einer gewissen Ironie entbehrt). Gleichzeitig stilisierte sich Schmitt zum aufrechten Märtyrer, ausgestoßen von einem selbstgefälligen und undankbaren juste milieu, und scharte ein Netzwerk von Anhängern um sich. [...]
 
Heute ist der russische Rechtsesoteriker Alexander Dugin ein wichtiger Vertreter, ebenso wie der Franzose Renaud Camus, der als Vordenker sowohl des Front National als auch der aktivistischen Identitären Bewegung gilt. In seinem Buch Der Große Austausch behauptet Camus, die Eliten Europas würden die einheimischen Bevölkerungen systematisch durch Einwanderer ersetzen. Camus bezeichnet diesen Vorgang, für dessen Existenz er keinen Beweis anführt, auch als „Kolonisation“ Europas durch Afrika und den Nahen Osten. Als Gegenentwurf wird ein ‚Ethnopluralismus‘ vorgeschlagen, ein ‚Europa der Vaterländer‘, wie es auch die Identitären fordern. [...]
 
Der Große Austausch ist in einer deutschen Übersetzung von Martin Lichtmesz bei Antaios erschienen, ebenso wie jüngst eine Neuauflage von Jean Raspails Roman Das Heerlager der Heiligen (1975). Raspail beschreibt eine „Invasion“ Frankreichs durch Millionen indischer Flüchtlinge. Die auf Schiffen anrückende Masse wird vom Autor konsequent im Zusammenhang mit Gestank, Fäkalien und „Missgeburten“ genannt. In den von ihnen kontrollierten Gebieten richten die Einwanderer Bordelle ein, in denen die letzten weißen Französinnen als Sexsklaven gehalten werden. Raspail attackiert jedoch vor allem einen illusionären Humanismus der Eliten als Gefahr für das Abendland.
 
Zu den zahlreichen Widersprüchen des heutigen neurechten Spektrums gehört es, dass ausgerechnet der ehemalige Katzenbuchautor Akif Pirinçci – mit Sicherheit kein Intellektueller, weder rechts noch anderswie, aber doch inzwischen beim Antaios-Verlag unter Vertrag – sein aktuelles Buch Umvolkung genannt hat. Der selbst als Kind aus der Türkei eingewanderte Provokateur verschärft die Idee des Bevölkerungsaustausches ins offen Völkische, indem er einen Begriff aus der rassistischen NS-Volkstumspolitik verwendet und in einen Vorwurf gegen jede offene Einwanderungspolitik verdreht. So haben in den 1990ern schon einige FPÖ-Politiker gestichelt, die NPD benutzt die Parole ebenfalls.
 
Fundamentalisten gegen Islam und Abtreibung
Rechte Scharfmacher in der AfD, wie Beatrix von Storch oder Alexander Gauland, setzen indessen zunehmend auf die Religion als Kriterium der Freund-Feind-Unterscheidung. Entgegen der eigenen Untergangsrhetorik glauben sie offenbar nicht, dass die ‚Flüchtlingskrise‘ unlösbar ist und richten sich bereits neu aus. Der Islam wird stark verkürzt als „politische Ideologie“ bezeichnet und über Symbole des ‚Orientalischen‘ (Minarette, der „Ruf des Muezzin“ usw.) als radikal Anderer markiert. Das eigentliche Ziel solcher Angriffsstrategien, das zeigen die Publizisten Liane Bednarz und Christoph Giesa in ihrem Langessay Gefährliche Bürger auf zugespitzte Weise, ist die offene Gesellschaft.
 
Die AfD warnt zwar vor Islamismus, steht aber gleichzeitig selbst dem Fundamentalismus nahe, behauptet der Politologe und Historiker Michael Lühmann. Ähnlich der amerikanischen Tea-Party sei die Partei „aufs engste verwoben mit evangelikalen Organisationen und Netzwerken“.  Lühmann hebt hervor, dass bestimmte Regionen in Sachsen und Baden-Württemberg, in denen die AfD kürzlich Erfolge feierte, Hochburgen bibeltreuer Christen und der so genannten Lebensschutz-Bewegung seien. Auch der Soziologe Andreas Kemper meint, Evangelikale würden Positionierungen gegen Abtreibung, angebliche ‚Frühsexualisierung‘ und Gleichberechtigung in der AfD forcieren.
 
Eine doppelbödige Zukunftsvision
Der Romancier Michel Houellebecq lässt in seiner Dystopie Unterwerfung (2015) den Konflikt zwischen der katholischen Rechten Frankreichs und dem Salafismus eskalieren. Das liberale Establishment nimmt das leise Verschwinden der Republik passiv hin. Zu sehr hat man sich an das Schlummern in Behaglichkeit gewöhnt, um den Ernst der Lage zu erkennen. Letztlich weiß sich das juste milieu nicht anders zu behelfen, als eine Machtübernahme des Front National durch die Flucht in einen vergleichsweise moderaten islamischen Gottesstaat zu verhindern. Der Autor greift diverse neurechte Topoi auf und provoziert so politische Kritik. (Die literarische Qualität steht wohl außer Frage).
 
Houellebecqs islamischer Präsident Mohamed Ben Abbès regiert autoritär aber sanftmütig, er macht Frankreich wieder stark. Als Funktionäre und Profiteure des neuen Systems treten interessanterweise ausgerechnet ehemalige Identitäre auf, die die Zeichen der Zeit erkannt haben – und die Vorzüge dieser patriarchalen Ordnung auf einmal sehr gut mit ihrer Identität in Einklang zu bringen verstehen. Ein düsterer Roman über eine fiktive Präsidentschaft der autoritären Katholikin Marine Le Pen hätte wohl kaum Kontroversen ausgelöst. Doch die Erzählung würde sich am Ende gar nicht so sehr unterscheiden. Leider ist dieses implizierte Gedankenspiel vielen Lesern entgangen.
 
Das Eigene und das Fremde
Das neurechte Denken ist ein Spektrum unterschiedlicher Vorstellungen, die durch bestimmte Grundsätze wie die Befürwortung autoritärer Ordnungen und ein Streben nach homogenen Gemeinschaften verbunden sind. Ein wiederkehrender Topos ist der eines drohenden oder sogar unabwendbaren Niedergangs des ‚Eigenen‘. Jenes gilt es zu bewahren und gegen das ‚Fremde‘ zu verteidigen, wobei unklar bleibt, was die Begriffe tatsächlich bedeuten. Die Rechtsintellektuellen können auf Ideen aus diversen Traditionslinien zurückgreifen, um sich in aktuellen Diskursen zu positionieren, und formieren letztlich einen postmodernen Angriff auf die Postmoderne."

Quelle: leverage-magazine.com - " `Widerstand´ gegen den `Großen Austausch´? Vordenker der Neuen Rechten"
 

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