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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie

Über Tote darf man nicht schlecht sprechen?

 
"Über Tote soll man nicht schlecht sprechen" - ist ja nicht korrekt (aus dem Lateinischen) übersetzt (siehe unten verlinkten, lesenswerten SZ-Artikel "Die Gewissensfrage", von Dr. Rainer Erlinger).
 
Und auch zwischen "Im Tod hört die Feindschaft auf" und "Mit dem Tod hört die Feindschaft auf" besteht ein gravierender Unterschied:
 
Natürlich hört "im" Tod die Feindschaft auf - zumindest für den Verstorbenen in jedem Falle, da er eben tot "ist", folglich keine Feindschaft mehr fühlen/leben kann.

Aus demselben Grunde hört sie insofern auch für den noch lebenden Feind/die Feinde auf, als diese kein Gegenüber mehr haben, die Feindschaft spätestens jetzt - wenn - nur noch mit/in sich selbst - emotional und gedanklich - austragen: können.
 
Dass die Feindschaft mit dem Tod - eines der beiden Feinde oder feindlichen Lager - aufhört, ist damit widerlegt, eben da sie bei den noch Lebenden in deren Gedanken und Gefühlen durchaus also vorhanden bleiben kann (aber nicht muss).
 
Was die "üble Nachrede" in Bezug auf Verstorbene betrifft, halte ich es wie Dr. Rainer Erlinger (siehe SZ-Text):

Natürlich verbietet es sich (aus Gründen der Pietät, des Anstands, des Mitgefühls), den Hinterbliebenen gegenüber Respektlosigkeit(en) an den Tag zu legen.
Und natürlich kann ein Toter sich nicht mehr zur Wehr setzen, verteidigen, erklären, mitteilen - schon deshalb ist es unlauter bis feige, ihn anzugreifen.
 
Entscheidend ist jedoch generell tatsächlich weniger, was über den Toten gesagt wird als viel mehr wie über ihn gesprochen wird.
Respektvolle Kritik ist demzufolge selbstverständlich moralisch erlaubt, angemessen. Auf das Wie kommt es an.
 
Noch ein weiterer Aspekt ist mir persönlich allerdings unverständlich:
 
Zu Lebzeiten einer Person scheint es nicht nur allgemeinhin akzeptiert zu sein, sich über diese und gerade auch direkt ihr gegenüber respektlos äußern und zeigen/verhalten zu können, es ist gewissermaßen (moralisch) "erlaubt" - es wird der Person dabei zwangsläufig zugemutet, das erdulden, aushalten, erleiden zu müssen.
Wenn die Person dann allerdings tot ist, ist dies verpönt - plötzlich wird "das Gute" auf Teufel komm´ `raus gesucht und gefunden sowie verlautbart und sachliche, faktenbezogene Kritik wird bereits als unangemessen, als "Regelverstoß", als Pietätlosigkeit, gar als Amoralität verstanden, d.h. diffamiert.
 
Sollte es sich nicht eigentlich umgekehrt verhalten?
 
Was hat der Verstorbene davon, dass er nun - als Toter - plötzlich geachtet, gar geehrt, jedenfalls ihm - geheuchelt oder ehrlich - Respekt und ggf. auch Anerkennung, Wertschätzung entgegengebracht wird?
 
Es geht folglich nicht im Mindesten um ihn p e r s ö n l i c h - es geht um die Hinterbliebenen, Zurückbleibenden, Angehörigen.

Es geht also um den "Club der Lebenden". Denn der Tote ist diesem nicht mehr zugehörig - ihm "kann es völlig gleichgültig sein", ihn betrifft, tangiert es nicht mehr, was über ihn ausgesagt wird.
Und das finde ich so abstoßend daran: Man kann einen Menschen zu dessen Lebzeiten beschweren, belasten, beschädigen - auf vielerlei Weise, wie wir wissen - wenn er dann tot "ist", wird geheuchelt und gespeichelt.
 
Es ist ein bisschen wie mit dem "Schutz den ungeborenen Lebens" - dieses wird überhöht, dieser "Schutz" wird übertrieben; um das dann geborene Leben, dessen Not, Leid, Elend: schert sich gerade von diesen "Schützenden" kaum mehr einer - denn: das wäre unbequem, anstrengend, es würde wiederum eigenes Geben, Fürsorglichkeit, Mitgefühl, eigenes Verzichten, Sich-Zurücknehmen und noch einiges andere mehr bedeuten.

Taten, statt leerer, leichter Worte.
 
Wir können im Grunde über Tote äußern, was wir wollen - es kratzt diese nicht mehr. Wir hätten zu ihren Lebzeiten mit ihnen - und sie mit uns - angemessen, d.h. respektvoll, mitfühlend, offen, zugewandt, je persönlich um Verstehen, Austausch, Horizontweitung bemüht, umgehen sollen.
 
Amen.
 
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