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Sabeth schreibt

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Poesie Melancholie Philosophie

Zur Geschichte von Thordis Elva und Tom Stranger - Vergewaltigung und Verzeihen, Versöhnen ...

 
Zur Geschichte von Thordis Elva und Tom Stranger – Vergewaltigung und Verzeihen, Versöhnen
 
Bewegend. Sehr.
 
Auch wenn ich zu Anfang und eigentlich bis zum Ende des TED-Videos den Eindruck hatte, es sei leider doch "gespielt".
 
Vielleicht liegt es daran, wie die beiden darüber sprechen, es hat ihrer beider Mimik und Gestik so furchtbar viel Missionarisches, Aufgesetztes; es wirkt auf mich ein bisschen wie NLP oder als würde ein Erwachsener einem Kind ins Gewissen reden - es wirkt auf mich persönlich einfach leider nicht authentisch.
Vielleicht liegt das auch daran, dass sie es schon so oft erzählt haben (?) oder daran, dass sie auf einer Bühne/vor einer Kamera zu einem Publikum sprechen – zu also einer Menge von unbekannten Menschen, mit entsprechender (emotionaler) Distanz.
Dennoch: Sollte es "echt sein", sollte es tatsächlich so passiert sein, lässt sich nur feststellen:
 
Ja. Das ist der richtige Weg. Immer.
 
Nicht nur in Bezug auf sexuelle Gewalt, sondern in Bezug auf jegliche "Täterschaft" und jegliches "Opfersein", auf jegliche absichtsvoll getätigte Gewalt, verbale und/oder physische Verletzung - ganz gleich zwischen wem und wo auf dem Globus.
 
Und selbst wenn es nicht "echt" sein sollte, sich nicht wie von beiden dargelegt verhalten, nicht so oder überhaupt geschehen sein sollte, so bleibt es dennoch "richtig" und ist genau das genau so der Weg zu Heilung und Frieden - ist Ausdruck von MENSCHsein:
 
Kommunikation, Austausch, das Offenlegen von je eigener Verletzlichkeit, das Zugebenkönnen und -wollen von selbst gemachten "Fehlern", das Sich-Öffnen, das GEBEN von Wertschätzung (!), das Empfinden von MITGEFÜHL und das Bitten (-können) um Verzeihung bzw. das Bemühen um "Wiedergutmachung" - der intensive Wunsch nach "Aussöhnung", nach Friedenschließen – nach Respekt, Angenommensein, d.h. nach Gesehen- und Gehörtwerden von und Verständnis für den je eigenen Schmerz und eigene Bedürfnisse. Letztlich: nach Liebe (statt Hass und Vergeltung).
 
Das geht tatsächlich nur, wenn man Nähe zulassen kann: die Nähe zu jemandem, der einen verletzt hat und den man sich kaum weiter weg wünschen kann, dessen Verhalten einen fassungslos macht(e), durch das man selbst auf vielfältige, vielfache Weise so sehr verletzt, e n t w e r t e t, wurde, dass man es nicht ertragen kann und will.
 
All das: erleben, erfahren, erleiden Menschen nicht "nur" durch sexuelle Gewalt, sondern bspw. auch als Kinder - durch den physisch oder psychisch gewaltvollen, verletzenden Umgang ihrer Eltern mit ihnen - und diese Kinder s i n d und bleiben davon lebenslang geprägt, auch dann, wenn es ihnen "gelungen" ist, damit umgehen "gelernt zu haben" (falls dem tatsächlich so ist ;) ).
 
Das erfahren Menschen auch in diversen anderen Situationen (siehe bspw. mobbing in der Schule, am Arbeitsplatz, siehe Sexismus, siehe diverse verbale, psychisch-emotionale Verletzungen in Paar-Beziehungen, auch in Freundschaften ...).
 
Voraussetzung für gute, echte, ehrliche, innige zwischenmenschliche Beziehungen kann – so schwer es ist – nur sein, dass beide sich verletzlich zeigen, sich öffnen können bzw. wollen, dass alle Beteiligten einander als wertzuschätzende Persönlichkeiten, Individuen betrachten: wollen und es dann auch können.
 
Voraussetzung ist, den Schmerz des Anderen erkennen und "nachfühlen" zu können – dies zuzulassen, denn: es ist immer der e i g e n e Schmerz, der dabei gefühlt wird und ja, das ist häufig nicht leicht, sondern "unangenhem" bis hin zu erschütternd … .

Voraussetzung ist Ehrlichkeit – statt Show, Verstellung, Lügen, Verdrängen, Verschweigen, Ignorieren, Verweigern.

Vielleicht sind noch immer viele Menschen hierfür nicht "reflektiert" genug, nicht "bewusst" genug. Es scheint zumindest so.
Und auch das: liegt stets und überall auf der Welt vor allem in ihrer Kindheit (ihrer Prägung, Sozialisation und leider häufig auch Indoktrination) begründet. Denn in dieser Zeit wird eingeschrieben, was sich lebenslang nie zur Gänze "überschreiben" lässt – übrigens gerade das, das später nicht mehr erinnert werden kanngerade deshalb, so denke ich, ist es "eingeschrieben", nicht "überschreibbar". (Siehe frühkindliche Erfahrungen, die sich dem autobiographischen Gedächtnis entziehen. Aber es geht generell um die Erfahrungen, Prägungen und eben auch Verletzungen, die in der gesamten Kindheit und auch Jugend stattgefunden haben, erlebt und also auch erlitten wurden – ohne, dass Abwehr, Schutz, Verstehen möglich war: als Kind, für das Kind.)

Mir geht es nicht um einen Vergleich oder ein "Gewichten/Messen von Verletzungen", auch geht es mir keinesfalls um ein Relativieren von Verletzungen, Beschädigungen, Taten. Es geht mir nicht darum, Taten oder Schmerzen zu verharmlosen oder Opfer zu beschämen.

Es geht eigentlich tatsächlich um nichts weniger als darum, sich bewusst zu machen, was uns – neben einigem anderen – ganz basal und dabei ganz spezifisch zu Menschen macht: mitfühlen zu können – über uns selbst, unser Denken, Fühlen, Handeln, Sein (über unsere Existenz und Persönlichkeit und die anderer Menschen) reflektieren zu können, uns s e l b s t "Regeln" geben, selbst freiwillig/überzeugt Moral auferlegen zu können bzw. es zu wollen: intrinsisch, nicht durch Zwang von außen uns "gut" verhalten zu wollen, d.h. so, dass wir nicht bewusst, willentlich, absichtsvoll anderen Schaden, Verletzung, Schmerz zufügen.

Wir können nie einen anderen Menschen völlig verstehen, erfassen, erkennen – somit auch nicht, was in ihm wann aus welchen Gründen wie vorgeht, was ihn an- und umtreibt, warum er sich verhält, wie er es tut, warum er will, was er will, warum er denkt und fühlt, wie er es tut.
Selbst wenn man einander nahesteht, viele Jahre kennt, lange Zeit miteinander verbracht, gelebt hat, ist das nur bis zu einem gewissen Grade möglich bzw. geschieht es immer nur auf Basis der je eigenen Perspektive, der je eigenen Möglichkeit und Fähigkeit, den Anderen sehen, erkennen, "verstehen" zu können, zu wollen – es zu versuchen. Wir bleiben in unserem Selbst, in unserer eigenen Persönlichkeit, in unserer jeweiligen Subjektivität immer "gefangen" – zwangsläufig.
 
Was wir aber tun können, ist: uns jeweils selbst dem Anderen zu öffnen und als Gegenüber wiederum zu versuchen, zuzuhören, uns einzufühlen und zu respektieren, auch, wenn wir nicht "einer Meinung sind" … .
 
Die Grundlage ist bzw. kann nur sein: sich darüber bewusst zu sein, dass der Andere "seine Gründe hat", dass er vielleicht also auch einfach nicht anders kann, vor allem aber müssen "beide Parteien" sich darüber absolut einig sein, dass sie einander nicht absichtsvoll verletzen und dass sie, sollte es zu unbeabsichtigten Verletzungen (bspw. Reaktionen aufgrund eigenen Schmerzes) kommen, für beide selbstverständlich ist, dass sie sich um "Wiedergutmachung", um Austausch, um das Aufeinanderzugehen und das Sich-miteinander-Aussöhnen ehrlich und aktiv bemühen – dass bzw. weil sie es beide wollen, beide erkannt haben, dass sie nur so in sich selbst Frieden – eigentlich: Liebe (grundsätzlich) - spüren können/werden.

Und ganz besonders wichtig ist dies, wenn uns jemand gegenüber steht (sitzt, liegt), der offensichtlich verletzt ist, der "Schmerz hat"/fühlt, der sich uns gegenüber (!) verletzlich zeigt/öffnet.
 
Dieses Öffnen, diese Einladung, diese Selbstreflexion und das Zulassen der Scham und Schuldgefühle über die eigene Tat (!), das Erkennen, dass man trotz allen sonstigen "Unbescholtenseins" auch "Dunkles", Hässliches, Niederes in sich trägt und es "herausgelassen" hat – durch Worte und/oder Taten – und damit andere/einen Anderen verletzt, beschädigt hat – das ist die Voraussetzung dafür, sich auf Augenhöhe, auf einer Ebene begegnen zu können – die Voraussetzung für das Verzeihen, das Loslassen, das Friedenschließen. Ohne irgendein weiteres Ziel, ohne Taktik, Berechnung, ohne Opportunismus, ohne "Profitstreben".
 
Einfach nur aus der Erkenntnis heraus, dass der Andere, sei er mir und verhalte er sich für mich noch so fremd, ein Mensch ist, der wie ich das Recht hat, von niemandem absichtsvoll verletzt, beschädigt - unterdrückt, erniedrigt, benutzt, ausgebeutet, versklavt, geknechtet, instrumentalisiert, misshandelt, entwertet … - zu werden.
 
Der geliebt werden möchte – und möglicher-/idealerweise auch selbst lieben (=geben) möchte – es kann.
 
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