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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

"Heimat ist kein Schicksal" - Über selbstgerechte, scheubeklappte Ignoranz, über das Märchen vom selbsttätigen, "eigenverantwortlichen" Glückschmieden ...

 
Es ist einfach abstoßend, was hiermit durch den Autor transportiert wird und suggeriert werden soll: "Jeder ist seines Glückes Schmid."
 
"Heimat ist kein Schicksal" - das klingt fast wie "Herkunft ist kein Schicksal". Und wir alle wissen, aus nicht nur je persönlicher Erfahrung, dass beides der Fall de facto i s t.

Denn: Was mit Menschen passiert, die "mal eben" ihre Heimat ganz unfatalistisch verlassen (möchten, so sie dazu finanziell, physisch, gesundheitlich und auch "psychisch", sozial, organisatorisch und moralisch überhaupt in der Lage sind), sehen wir am "Schicksal" der, am Umgang mit den ungezählten Geflüchteten, nicht nur, aber gerade auch den auf der Flucht, durch die Flucht mitunter lebenslang physisch und/oder psychisch Versehrten, Geschädigten, Verstorbenen, Getöteten - die sogar nach all den traumatischen, traumatisierenden Erfahrungen auch noch weiterhin drangsaliert, abgewiesen, beschädigt und zurückgeschickt werden.

Wie ignorant, wie arrogant, wie selbstgerecht muss ein Mensch folglich angesichts all dieser Fakten (!) sein, der sein eigenes "Schicksal", seine vermeintliche "Leistung" derart herauskehrt, sie anderen als nachahmens-, empfehlenswertes Erfolgsmodell anpreisend - als sei es lediglich eine Frage der Willenskraft, der Disziplin oder Charakterstärke, die Heimat eben dann (rechtzeitig) zu verlassen, wenn sie, d.h. politische Verhältnisse, Missstände in selbiger (und nicht nur in ihr), dem jeweiligen Individuum schadet, nachhaltigen Schaden zufügt.

Vielleicht hätte Zafer Senocak in seinem Text stattdessen beschreiben sollen, welche Umstände i  h m genau das Verlassen seiner Heimat zur damaligen Zeit möglich gemacht haben - welche Menschen ihn wie und wie lange auf welche Weise möglicherweise unterstützt haben, wen alles er zurückgelassen hat und ob er in einer anderen finanziellen, familiären Position/Situation damals auch "gegangen" wäre, wenn er bspw. eine Frau mit Kindern gewesen wäre - wäre er mit (Klein-) Kindern "gegangen"?
Und welche Art von Flucht hätte er sich zugetraut, sich und seinen Kindern zugemutet - oder dies also gerade nicht? Welche Fluchtrouten, welche Entfernungen, welche Fluchtumstände hätte er "in Kauf genommen" - oder dies: gerade nicht?!

Über all das erfahren wir nichts. Wir lesen nur: Wenn deine Heimat - und er bezieht sich ja gerade nicht auf ausschließlich die Türkei - dir Schaden zufügt, musst du "dein Glück", dein "Schicksal" selbst in die Hand nehmen und "einfach" flüchten, "gehen". Fragt sich nur: wohin.
 
Wer ist wo aus welchen Gründen willkommen und wer ist es aus welchen Gründen nicht. Kein Fragezeichen.

Wie gesagt: Ich habe derartige, selbstgefällige, selbstgerechte, ignorante, selbstbeweihräuchernde Geschichten, Selbstdarstellerei maßlos über. Interessanterweise kommen sie mehrheitlich von Männern. 
 
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Wenn seit drei, fast vier Jahrzehnten niemand mehr da ist, mit dem du Erinnerungen aus deiner Kindheit austauschen, besprechen, dich gemeinsam erinnern und das Erlebte, Erfahrene damit "verifizieren" kannst.
 
Wenn es von Anfang an schon keine Wurzeln, keinen Halt gab und alles Folgende nur Aneinanderreihungen bloß zusammenhangloser Lebensabschnitte, Ereignisse sind, denen ein gemeinsames, tragendes Fundament, ein Identitätsfaden fehlt.
 
Wenn all die Menschen, mit denen du emotional verbunden warst, auf dem Weg verlorengingen - wegzogen oder du selbst häufig Orte (mal mehr, mal weniger freiwillig) wechseltest oder sie verstarben (auch durch eigene Hand schon in jungen Jahren oder alt, krank und ohne, dass jeweils ein Abschiednehmen erfolgte, möglich war).
 
Wenn du so häufig an unterschiedlichen Orten, in unterschiedlichen Bereichen, Tätigkeiten immer wieder neu angefangen, immer wieder ums Existierendürfen gekämpft hast - mit zwei Kindern, für deine Kinder und dich - und es dabei kaum je Beistand, Rückhalt, Unterstützung, Wertschätzung und nie je gemeinsames Verantwortungtragen, -teilen gab.
 
Wenn du auf diesem "Weg" physisch krank, arm, verbraucht, mager, alt geworden bist.
 
Wenn es keine Freude, keine Wärme, kein Licht, keine Perspektive, keine offene Tür, kaum Selbstbestimmung, keine Selbstwirksamkeit, kein Selbst- und kein Urvertrauen (mehr) gibt.
 
Wenn seit Jahren täglich dich der Gedanke an das, dein Sterben, deinen Tod "begleiten".
 
Wenn du anämisch physisch ausgelaugt, ausgezehrt, blutleer, kraftlos, ohne Vitalität in Armut und sozialer Isolation vegetierst - nurmehr aus Verantwortungsbewusstsein deinem (noch minderjährigen) Kind gegenüber - um es nicht im Stich zu lassen, wie du als Kind im Stich gelassen, verlassen, mehrfach herumgereicht, entsorgt wurdest.
 
Wenn da keine Menschen (Familie, Eltern, Freunde) mehr sind und keine "neuen gefunden werden" können.
 
... Dann bleiben dir nurmehr die Orte deiner Kindheit, deiner Erinnerungen. Orte, die du mit Licht, Wärme, Unbeschwertheit, Vitalität, Geborgenheit und Freude verbindest, erinnerst.
 
Orte, die du niemals je wiedersehen wirst.
 
Heimat.
 
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