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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie

Hedwig Dransfeld

 
In der Fabrik
 
Mit Rad und Riemen, Schaft und Schraube droht
Polypengleich das schwarze Ungeheuer
Und wirft die Schlacken aus wie flüssig Feuer
Und taucht den Mittag in ein falbes Rot.
 
Ein Wutgeheul! Der Riesenkörper bebt ...
Ein hundertarmig Ineinandergreifen,
Ein tückisch Vorwärtsschießen, Rückwärtsschleifen,
Von einer einz'gen großen Kraft belebt!
 
Und um den Herrn der Knechte dunkle Schar
In Ruß und Rauch ... die Riesenhämmer klingen,
Die Funken tanzen, und die Räder singen
Das große Lied der Arbeit und Gefahr.
 
Im Schlund der Esse loht es purpurbraun ...
Und wo die Räder hart und stählern blitzen,
Seh' ich ein Weib mit heißen Augen sitzen
Und fest und saugend mir ins Antlitz schaun.
 
Der nackte Arm wie ein verdorrtes Scheit,
Finster die Stirn und rauchgeschwärzt die Wange ...
Sie neigt sich mir, - sie spricht mit wildem Klange:
»Ich bin die graue Not, ich bin das Leid.
 
Herrin des Weltalls ich - wie keine war!
Sahst du schon je so eifrig die Vasallen
Durch Glut und Rauch für ihre Herrin wallen,
Unsichtbar, stets den Opferkranz im Haar?
 
Ja, ich bin stark, und mein das größte Reich!
Mein Hauch bewegt die tosenden Maschinen,
Mein Blick allein heißt tausend Arme dienen
Und macht die kecksten Männerstirnen bleich.«
 
Sie springt empor, sie bebt - ihr Auge lacht ...
Die Achsen kreischen, und die Hebel krümmen
Sich von der Last, die roten Essen glimmen,
Durch Rad und Riemen tobt die wilde Jagd.
 
Die Menschen keuchen: »Arbeit nur und Brot!«
Und durch das Wutgeheul, Schleifen und Krachen
Hör' ich ein leises, sieggewohntes Lachen:
»Herrin des Weltalls ich - die graue Not!«
 

Hedwig Dransfeld
 
In den Binsen
 
Langsam und zagend folgt ich dir nach
In die rauschenden Binsen ...
Nickende Lilien standen am Bach
Zwischen den Wasserlinsen.
Und so sicher und stark dein Arm,
Rings ein seliges Raunen, -
Und die Sonne lockte so warm:
»Schlaf auf goldenen Daunen.«
 
Näher und näher zum Teich heran,
Immer verstrickter die Loden ...
Und du lachtest mich sonnig an:
»Lug und Trug ist der Boden.
Zitternde Quellchen schon hier und dort
Aus verborgenen Gründen! -
Halte dich fest - gleich sind wir am Ort,
Wo wir die Lilien finden.«
 
Meine Seele war ganz Vertrau'n,
Und mir sprühten die Wangen ...
Ach, ich wäre durch Nacht und Grau'n
Gläubig mit dir gegangen.
Sonder Furcht vor dem schwankenden Rain,
Vor den tückischen Bronnen, -
Immer dir nach in die Binsen hinein
Ganz verträumt und versonnen.
 
Drüben sah ich in silbernem Flor
Sich die Binsen erhellen, -
Eine Natter züngelt empor,
Höher sprühen die Quellen,
Weicher der Grund ... Dir nach, dir nach!
Hielt mich ein Zauber gebunden?
Aber die nickenden Lilien am Bach
Haben wir nicht gefunden.

 
Hedwig Dransfeld
 
Schwüle
 
Kein Ruf kann die Erde wecken,
Sie schläft im Totenreiche,
Sie schläft unter goldenen Decken
Wie eine Königsleiche.
Im Wald die Gräser und Farren
Beben in letzter Pein,
Sie müssen im Lichte erstarren,
Sie tranken vom Todeswein.
 
In tausend Sonnenflüssen
Ergoß der Himmel Verderben,
Von tausend Sonnenküssen
Ein großes Welken und Sterben.
Im Gold verschmachten die Felder,
Im Gold verzehrt sich die Luft ...
Und durch die träumenden Wälder
Ein schwerer Verwesungsduft.
 
Hedwig Dransfeld
 

 

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