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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie

Gerechtigkeit braucht Liebe, Martha Nussbaum - und Urgrund von Liebe(n) ist die Fähigkeit, die Möglichkeit zu und Praxis von Mitgefühl - nicht oktroyiert, sondern aus ureigenem, natürlichen Bedürfnis; Verletzlichkeit, Bedürftigkeit respektieren, anerkennen, nicht als Schwächen interpretieren

 
Und daher noch ein Mal:
 
Wem es tatsächlich um soziale Gerechtigkeit geht, wer möglicherweise doch einsieht, dass Neoliberalismus Untergang bedeutet - weil einige vergleichsweise wenige Menschen im dekadenten, ignoranten, egomanen Luxus leben und DESHALB die Mehrheit der Menschen auf diesem Globus in Not, Leid, Armut lebenslang vegetieren muss, überdies der Planet damit zugrunde gerichtet wird (Stichwort "Wirtschaftswachstum", Klimawandel, Rohstoffverbrauch/Ressourcenmissbrauch, Bodenerosion, Vernichtung der Artenvielfalt, Biodiversität ...), der:
 
kann nur  LINKS DENKEN, FÜHLEN und folglich WÄHLEN.
 
Und ja: das global - nicht nur in Deutschland.
 
Nein, das hat nichts, aber auch gar nichts mit "Kommunismus" zu tun, sondern mit eben genau diesem: GEMEINWOHL, soziale und Verteilungsgerechtigkeit, MENSCHENWÜRDE.
 
Immaterielle (!) Bedürfnisse: nicht länger durch Konsum, Gier, Völlerei, Sucht kompensatorisch zu "befriedigen" versuchen. - Denn: es kann dies niemals gelingen - Hedonismus, Eskapismus, Selbstsucht, Knechtschaft, Gewalt, Ausbeutung, Unterwerfung: machen niemanden "glücklich". Ganz gleich, wo er lebt, welche ethnische Herkunft er hat, welcher Kultur, Tradition, Religion er angehört oder sie praktiziert.
 
Ja: "Moral" - ist häufig anstrengend, unbequem. Aber: Nur auf diesem Weg findet man zum Seelenfrieden - durch Fairness, Respekt, Wertschätzung, Besonnenheit, Selbstreflexion, Kooperation, durch Teilen und Geben - durch also: M I T G E F Ü H L.
 
-
 
"[...] Das Buch beginnt mit der Analyse einer Oper. 'Ich behandele die Oper wie einen philosophischen Text', merkt Nussbaum zu diesem unorthodoxen Einstieg in ein moralphilosophisches Werk an. Es handelt sich dabei um Mozarts "Die Hochzeit des Figaro". Ein Höhepunkt dieses Werkes ist die Szene, in der Graf Almaviva, der eben selbst noch jede Gnade für andere abgelehnt hat, von der Gräfin Vergebung für seine Untreue gewährt wird. Symbolisch dankt hier nicht nur ein Feudalherr ab, die Feministin Nussbaum versteht Mozarts Oper auch als Abschied von einer spezifischen Männerwelt, die nur an Ehre, Rache und dem Erhalt ihrer Macht interessiert ist. Ihr gegenüber stehe die Welt der Frauen, in der es Spiel, Verkleidung, List, Capricen, Komik und vor allem Großmut gebe.
 
"Am Ende der Oper (...) stellt die Gräfin die Weichen für die neue Ordnung, indem sie auf eine Bitte um Mitgefühl sagt: Ich bin gelehriger und sage: ja. Eine mitfühlende und großherzige Einstellung zu den Schwächen der Menschen (...) ist ein Angelpunkt der öffentlichen Kultur, für die ich hier plädiere..."
 
Die Herrschaft des Feudalherrn wird nach der Französischen Revolution durch den säkularen Staat abgelöst und mit diesem Wandel entsteht die Frage, auf welcher Grundlage das Eigeninteresse des Einzelnen und das Gemeinwohl zu vereinbaren sind. Die Leerstelle in einer Theorie der politischen Gefühlswelt füllt nun das Konzept der "zivilen Religion", wie in Rousseaus Gesellschaftsvertrag oder in Auguste Comtes Vorstellung einer Religion der Menschlichkeit. Beide spiegeln zwar das Ideal einer befriedeten Gesellschaft, sind für Nussbaum jedoch noch mit Unfreiheit und Unterdrückung behaftet. Die Autorin schließt sich John Stuart Mill an, der in seiner Kritik an Comte die Freiheit des Widerspruchs im Rahmen gemeinsamer Kernwerte befürwortete.
 
Für das 20. Jahrhundert wird der indische Philosoph, Dichter und Nobelpreisträger Rabindranath Tagore  Nussbaums Gewährsmann. Tagores 'Religion des Menschen', seine Schule Schandinikitan mit ihrem Focus auf Tanz, Musik, Dichtung und Lebensfreude, seine Idee, dass man Kinder lehren solle, kritisches Denken zu lieben, gelten Nussbaum als beispielhaft für einen demokratisch-liberalen Erziehungsstil. [...]
 
Nach dieser eigenwilligen Rekonstruktion der Geschichte des Liberalismus fragt die Studie nach den Wurzelnmenschlichen Mitgefühls. Hier folgt sie Donald Winnicott, der die Entstehung des Mitgefühls in der Liebe der Eltern zum Kind und in die frühkindliche Umgebung in der Familie legte. [...]
 
Auf dem Weg zu einer Gesellschaft, in der die Einzelnen den jeweils Anderen respektieren, gilt es auch, negative Gefühle wie Angst und Ekel, die Mitgefühl verhindern und sich als projektiver Abscheu gegenüber dem Fremden äußerten, einzuschränken. Eine erstrebenswerte Weise, mit Angst und Abscheu umzugehen, verkörpere der Geist der griechischen Dramen. Die Tragödien ermöglichen dem Zuschauer, spielerisch am Schicksal Betroffener teilzuhaben und sein Mitgefühl zu stärken, die Komödien – wie bei Aristophanes – führten vor, den Körper in seiner Schwäche anzunehmen und der Sinnenfreude den Vorzug vor falschem Heldentum zu geben. [...]
 
Die Bricolage von Denkansätzen, Meinungen und einer bunten Fülle von Exempeln liest sich dennoch als anregendes Plädoyer dafür, Wertschätzung für diejenigen zu entwickeln, mit denen wir Religion, politische Einstellungen, sexuelle Orientierung, Körperbild oder ethnische Herkunft nicht teilen. Und es wirft Fragen auf, die in bestimmten sozialen Teilbereichen (im Erziehungswesen, in der politischen Bildung, in den Medien und in der Kunst im öffentlichen Raum) stärker konturiert und fruchtbar gemacht werden können."
 
Quelle: deutschlandfunk.de - "Warum Liebe für die Politik wichtig ist"
 
"[...] «Upheavals of Thought» (2001) war ein passioniertes Plädoyer für die Intelligenz der Emotionen und die moralische Dignität des Mitgefühls. Nussbaum schlug sich darin ganz auf die Seite jener, die in Gefühlen nicht blanke körpergesteuerte Affekte sehen, sondern intentionale, auf ein Objekt gerichtete Handlungen. Indem sie den kognitiven Inhalt betonte, machte sie zugleich darauf aufmerksam, dass diese Inhalte geprägt werden durch soziale Normen und Umstände. Gefühle, so wie sie sie begreift, sind damit tief eingelassen in die jeweilige Kultur und Gesellschaft. Sie werden von dieser Gesellschaft gerahmt und gebildet, sind also einem sozialen Prozess individuellen Lernens und Entwickelns unterworfen. Ebendas macht sie für moralphilosophische Interventionistinnen wie Nussbaum interessant. In «Hiding from Humanity» (2004) hat sie auf die soziale Funktion von Gefühlen des Ekels und der Scham verwiesen und davor gewarnt, diese in den Dienst der Rechtsprechung zu stellen. Sowohl Ekel als auch Scham seien eng mit der Leitidee menschlicher Perfektion und Unverletzlichkeit verbunden – eine Leitidee, die der «condition humaine» fremd sei und bleibe. Zum menschlichen Leben gehöre das Bewusstsein von Unvollkommenheit und Verwundbarkeit. Wer darüber Ekel und Scham empfinde bzw. diese Gefühle gegen andere richte und von ihnen einfordere, verfolge ein unrealistisches, letztlich pathologisches und spaltendes Projekt. Gerade das Strafrecht – hier spielte Nussbaum auf die in den USA verbreiteten «shame sanctions» an – müsse sich von solchen Übergriffen fernhalten und die menschliche Würde schützen. [...]
 
Liebe, so die These der Autorin (die sie mit autobiografischen Erfahrungen und Beobachtungen untermauert), ist wichtig, um ein auf Anstand und Respekt gegründetes Gemeinwesen zu gründen und zu stabilisieren. Allgemeine Rechtsnormen, die diesen Respekt sichern, sind zwar unerlässlich, reichen aber nicht aus. Ohne Liebe – gemeint ist die Liebe zu den Mitmenschen und zum Ganzen, vulgo Vaterland – fehle dem Zusammenleben ein zentrales Elixier. Nur Liebe stelle letztlich die Motivation bereit, sich aktiv für den Bestand und das Gedeihen der Gesellschaft einzusetzen und Gerechtigkeitsvorstellungen zum Durchbruch zu verhelfen.
 
Moral und Moralität lassen sich laut Nussbaum nicht aus Normen und Regeln ableiten, sondern brauchen eine emotionale Basis. Das müssten auch liberale Gesellschaften begreifen, die Gefühle und deren politische Instrumentalisierung nicht ihren Gegnern überlassen sollten. Grosse Politiker wie Lincoln, Franklin D. Roosevelt, Churchill, Martin Luther King oder Gandhi hätten dies gewusst und beherzigt. In ihren öffentlichen Reden – deren Wiedergabe und Interpretation Nussbaum viel Raum gibt – hätten sie an die «guten» Emotionen des Publikums appelliert und diese durch eine geschickte Rhetorik hervorzurufen versucht. Allerdings habe die frühe politische Theorie des Liberalismus (Locke, Kant) das Thema ausgespart, aus durchaus berechtigter Sorge um die totalisierenden Folgen einer solchen Gefühlspolitik. Diese Lücke will Nussbaum schliessen: mit einem Plädoyer für eine politische Kultur der Liebe – einer Liebe zu den Menschen und zum Menschsein, einer Liebe, die die Unvollkommenheit und Verletzlichkeit dieses Seins akzeptiert, einer Liebe, die einschliesst, statt auszuschliessen und herabzusetzen. [...]
 
Tagore und Mozart sind ihr verwandte Geister, beide Verfechter eines leidenschaftlichen Freiheitswillens, der ohne Dogmatik und Heroismus auskommt und stattdessen auf Liebe, schöpferisches Spiel und ein bisschen komödiantische Verrücktheit setzt.
Nach diesem Entrée übernimmt es der zweite Teil des Buches, das Mozart-Tagore-Programm in die heutige Zeit zu übersetzen und auf Gesellschaften anzuwenden, die sich dem Ziel politischer Gerechtigkeit verschreiben. Hier entfaltet Nussbaum zunächst das Werte- und Institutionenpanorama einer solchen Gesellschaft, das auf ihren bekannten Ausführungen zum «capability approach» – zum Befähigungskonzept – aufruht. Anschliessend geht sie, gestützt auf entwicklungspsychologische Erkenntnisse, auf «gute» Emotionen wie Mitgefühl und Altruismus ein, vor allem aber auf die Rolle der Liebe als Überwinderin «schlechter» Gefühle wie Narzissmus, Ekel und Scham. Bereits in der frühen Kindheit werde diese Liebe – als Neugier, Dankbarkeit und Vertrauen – erworben und geformt. Solche auf die individuelle Psyche wirkenden Erfahrungen und Lernprozesse gelte es zu vergesellschaften, damit sie das politische Projekt einer gerechten Ordnung unterstützen und asoziale Gefühle wie Egoismus, Gier und angstgetriebene Aggression in Schach halten.
 
Wie diese Vergesellschaftung gelingen kann und welche Massnahmen und Institutionen dafür nötig sind, erkundet der dritte und letzte Teil der «Politischen Emotionen». Wie lässt sich «richtiger» Patriotismus – als altruistisches, «inklusives» Gefühl, das nichts mit solidaritätstrunkener Gemeinschaftsemphase zu tun hat – lehren und lernen? Dass er gelehrt werden muss, steht für Nussbaum ausser Zweifel. Gegen das Habermassche Konzept eines rationalen Verfassungspatriotismus setzt sie die leidenschaftliche Hingabe an die Idee einer «guten» Nation – einer Nation, die Kritik und Zweifel zulässt, die Raum für Verschiedenes hat und diesen Raum für kulturelle Experimente und spielerische Transgression öffnet. Eine solche Hingabe brauche Anreize und Vorbilder: integre Politiker mit einer überzeugenden, Tradition und Vision zusammenbindenden Rhetorik; nationale Erzählungen, Symbole, Feste und Rituale; und eine urbane Architektur, die die Bürger einlädt, sich selber und andere in ihrer verletzlichen Menschlichkeit zu erkennen und zu akzeptieren. [...]
 
Wo Angst regiert – in den «gated communities» der «weissen Stadt» oder von Delhi –, kann keine Liebe keimen. Vertrauen, Mitgefühl und Liebe, die Grundgefühle einer liberaldemokratischen Gesellschaft nach Nussbaums Geschmack, gedeihen nur dort, wo der Andere nicht als Gefahr und Bedrohung wahrgenommen wird.
 
Well spoken. Man legt das Buch mit einer Mischung aus erhabener Bewunderung und nagender Skepsis aus der Hand. Die mit missionarischem Eifer und persönlicher Verve vorgebrachten Argumente leuchten ein – aber sind sie alltagstauglich? Wie passen sie zu den täglichen Nachrichten von Bürger- und Religionskriegen , imperialen Übergriffen, fanatischem Fundamentalismus und der überall wachsenden Schere zwischen Arm und Reich? Trifft ein auf die Nation bezogener Patriotismusbegriff die Realitäten in Europa oder im Mittleren Osten? Wo sind die Akteure jenseits von Schriftstellern, Opernkomponisten und Philosophen, die sich die Religion der Liebe zu eigen machen? Wer lässt sich inspirieren von dieser leidenschaftlichen Vision einer gerechten Welt ohne Angst und Gewalt, voll Empathie, Liebe und Grosszügigkeit? Wer baut die Institutionen, die eine solche Welt hervorbringen? [...]"
 
Quelle: nzz.ch - "Die soziale Macht der Liebe"
 
Mal davon abgesehen, dass "Macht der Liebe" ein Widerspruch in sich ist - denn wo Macht herrscht, fehlt es gerade erheblich an Liebe, an Mitgefühl (in christlicher, religiös geprägter Formulierung nennt sich das übrigens Nächstenliebe, Güte, dabei bedarf es der Religion(en) keineswegs, im Gegenteil ...) und wo Liebe besteht, wirkt, gelebt, d.h. gegeben wird, bedarf es keiner Macht (-verhältnisse, -strukturen) - kann die Antwort auf die am Artikelende gestellte Frage nur lauten: Wir. Alle. So banal, so essentiell. So eigentlich tatsächlich unausweichlich - sofern es um Moral, Ethik, Gerechtigkeit geht und gehen will bzw. soll. ;)
 
Hierfür unabdingbar sind Herzens- und Charakterbildung - Herzens- und Horizontweite, statt -enge, und die Urbasis dessen wiederum liegt - überall auf der Welt/grundsätzlich - in der (frühen) Kindheit, wird in dieser hochsensiblen, lebenslang prägenden, wirkenden Lebensphase angelegt, gefördert oder aber beschnitten, beschädigt. - Mit jeweils bekannten Folgen: Mitgefühl, Sensibilität/Feinfühligkeit/Empfindsamkeit, Altruismus, Offenheit, Reflektiertheit, Selbstkritik(fähigkeit), je eigene Liebesfähigkeit ... oder aber emotionale Verpanzerung, Härte, Kälte, Strenge, Hass, Ausgrenzung, Abschottung, Verweigerung, Trotz, Gier, Selbstbetrug, Minderwertigkeitsgefühle, Scham, Kompensationsbedürfnisse, Narzissmus, Sucht und diverse weitere psychische Erkrankungen bzw. Persönlichkeitsstörungen.
 
"[...] Hinter Nussbaums "Fähigkeitenansatz" steht eine Konzeption der Kooperation, "die davon ausgeht, dass die Bindungen zwischen den Menschen sich ebenso dem Altruismus wie dem gegenseitigen Vorteil verdanken".
 
Sich für das Wohl anderer einzusetzen sei also nicht mehr nur eine Sache individueller Konzeptionen des Guten, wie bei Rawls, sondern vielmehr Teil einer gemeinsamen öffentlichen Konzeption der Person - einer Person, die nicht nur zu ihrem eigenen Vorteil eine Übereinkunft mit anderen trifft, sondern weil sie sich nicht vorstellen kann, ein gutes Leben zu führen, ohne ihre Zwecke und ihr Leben mit anderen zu teilen. Einer Person, die ein Wesen mit Bedürfnissen ist und die vom Säuglingsalter bis zum Lebensende vielfältige Formen der Angewiesenheit erlebt, dauerhaft oder vorübergehend, als leichte Einschränkung oder schwere Behinderung.
Bedürfnisse haben aber auch die, die für andere sorgen - darum ist es für Nussbaum eine politische Aufgabe, "durch gute öffentliche Strukturen und eine anständige öffentliche Kultur" jene Menschen zu unterstützen, die auf sie angewiesene ältere oder behinderte Menschen versorgen. Für pflegende Familienmitglieder - zumeist Frauen - müsse es eine echte Entscheidung sein, einen auf Fürsorge angewiesenen Menschen zu pflegen, nicht eine aufgezwungene Belastung, die der Gleichgültigkeit der Gesellschaft geschuldet ist. [...]"
 
Quelle: faz.net - "Gelingen kann das Leben nur gemeinsam"
 
"Auch liberale Demokratien brauchen politische Emotionen. Davon ist die US-amerikanische Philosophin Martha Nussbaum fest überzeugt. Liebe sei nicht nur in persönlichen Beziehungen wichtig, sondern auch um eine Gesellschaft zu stabilisieren und Gerechtigkeit durchzusetzen. In ihrem neuen Buch führt die Moralphilosophin aus, warum ein funktionierendes Gemeinwesen nicht nur Normen und Regeln braucht, sondern auch eine emotionale Basis. [...]
 
"Mitunter gibt es die Auffassung, nur faschistische oder aggressive Gesellschaften seien von starken Gefühlen beherrscht, und nur solche Gesellschaften hätten es nötig, sich auf die Förderung und Pflege von Gefühlen zu konzentrieren. Derartige Ansichten sind so falsch wie gefährlich. Sie sind falsch, weil alle Gesellschaften über die langfristige Stabilität ihrer politischen Kultur und die Sicherheit der ihnen teuren Werte in Krisenzeiten nachdenken müssen. Alle Gesellschaften müssen folglich über Mitgefühl bei Verlusten, Zorn über Ungerechtigkeit, die Eindämmung von Neid und Scham zugunsten eines umfassenden Mitgefühls nachdenken. Überlässt man die Prägung von Gefühlen antiliberalen Kräften, erlangen diese einen gewaltigen Vorsprung bei der Gewinnung der Herzen der Menschen, und dann besteht die Gefahr, dass Menschen liberale Werte für lasch und langweilig halten." [...]
 
"Wo werden öffentlich wirksame Emotionen erzeugt? Man denkt sofort an die Rhetorik von Politikern, und sie ist in der Tat ein sehr wichtiger "Ort" der Kultivierung von Emotionen. Aber Politiker führen auf vielerlei Weise. Sie führen mit ihrem Körper, ihrer Kleidung, ihren Gesten. Und ein Staat erzeugt Emotionen im öffentlichen Raum mithilfe vieler Strategien: durch öffentliche Kunstwerke, Denkmäler, Parks, durch die Ausrichtung von Festen und Gedenktagen, durch Lieder, Symbole, Filme und Fotografien im staatlichen Auftrag, durch die Struktur des staatlichen Bildungswesens, durch öffentliche Debatten, durch den öffentlichen Einsatz von Humor und Komödie, ja sogar durch die öffentliche Rolle des Sports." [...]"
 
Quelle: deutschlandfunk.de - "Gerechtigkeit braucht Liebe"
 
"[...] Aus dem Selbsthaß wächst der Haß. Woher aber kommt der Selbsthaß?
 
Geläufig ist die Einfühlung des Opfers in den Täter, die beflissene Anpassung an den Unterdrücker - als "Identifikation mit dem Aggressor" einer der klassischen "Abwehrmechanismen", mit denen nach der Lehre der Psychoanalyse das bedrohte Ich eine unerträgliche Situation zu meistern sucht.
 
Die meisten Menschen haben diese Anpassung geleistet, als Erziehungsdruck sie lehrte, daß Liebe (oder was dafür ausgegeben wird) nur um den Preis der Fügsamkeit zu haben ist, daß es also nicht ratsam ist, ein eigenes Selbst zu sein. Wer sich so akzeptabel macht für eine lebensängstliche Umwelt, zahlt mit dem Verzicht auf die eigene Lebendigkeit, die er hinfort fürchten und hassen muß, ohne es selber zu wissen.
 
Nur der Machtbesitz, im großen wie im kleinen, kann nun die innere Leere verdecken, die Angst betäuben, die heimliche Selbstverachtung beschwichtigen. Machtstreben durchwirkt dann verfälschend alle menschlichen Beziehungen und knüpft immer verstrickender das Netz einer entfremdeten "Realität", die immer neue Anpassung erzwingt. Der Haß der Betrogenen, der damit genährt wird, bleibt gewöhnlich latent. Grausamkeit und Mord sind die Extremfälle einer pathologischen "Normalität".
Gewöhnlich bieten die alltäglichen Beziehungsspiele genügend Möglichkeiten zu sublimer Manipulation und verschleierter Rache durch Selbstzerstörung. Sozialpsychologen aber haben auch reichlich Stoff zum Nachdenken über messianische Räusche, die Ekstasen des Gehorsams bis zum Untergang, die Erlösungshoffnungen, die sich auf menschenverachtende Führergestalten richten. [...]
 
Wenn von Autonomie die Rede ist, denkt man gewöhnlich an Selbstbehauptung und Durchsetzungskraft. Autonom bin ich, wenn Erfolg im Daseinskampf mich unangreifbar macht, doch dies ist für Gruen das genaue Gegenteil wahrer Autonomie: nämlich Hingabe an die herrschende Ideologie von Leistung und Macht, bestenfalls also eine geglückte Kompensation für den Verlust der ursprünglichen Autonomie. Diese ist für Gruen "derjenige Zustand der Integration, in dem ein Mensch in voller Übereinstimmung mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen ist".
Wer so in Freuden und Schmerzen seine eigene Lebendigkeit erfährt, braucht sich nicht durch die Ersatzbefriedigung vermeintlicher Überlegenheit zu beweisen, daß er etwas ist - er ruht in sich selbst. Die Fähigkeit dazu kann er erwerben, wenn er in früher Kindheit erfahren hat, daß er um seiner selbst willen geliebt wird und Liebe nicht verdienen muß durch das Selbstopfer der Unterwerfung. Wer dies nicht erfährt, der lernt, sich selber zu verachten und seinen Gefühlen zu mißtrauen, und sucht sein Heil hinfort in manipulierender Anpassung.
 
Dieser Mensch verrät sein Selbst, wird Untertan und Komplize einer Machtwelt, deren Gesetze er als auftrumpfender Erfolgsmensch oder als sich selbst bestrafender Versager, als williger Funktionär oder als aggressiver Rebell bestätigt. Es sei denn, er geht den paradoxen Weg des "Geisteskranken", der im lebendigen Tod des isolierenden Rückzugs sein Selbst zu wahren sucht. Zerstörerisch aber sind beide Fluchten. Denn der Haß, entstanden aus pervertiertem Liebesbedürfnis, schafft sich Ventile.
Es sind gewöhnlich die Mütter, die die erste Entscheidung für oder gegen die Machtlust vorbereiten - durch emphatische Zuwendung oder durch wohlmeinenden Mißbrauch des Kindes für eigene neurotische Bedürfnisse. Doch Gruen klagt nicht die Mütter an. In einer von Männern geprägten Welt ist ihnen die ungebrochene Lebensbejahung schwergemacht, aus der allein die nicht durch Besitzanspruch verfälschte Liebe wachsen kann. Weniger geschädigt als die Männer, die im Wahn männlicher Unerschütterbarkeit nicht einmal ihre Selbstzweifel gestehen dürfen, können Frauen ihren Gefühlen näher bleiben.
Doch Selbstwert daraus zu schöpfen, gelingt den Frauen selten, denn was ihre Stärke ist, verachtet die erfolgsbewußte Umwelt als Schwäche. So retten sie sich in Zweideutigkeiten und stürzen damit die Söhne in eine innere Spaltung, die ihren eigenen Widerspruch spiegelt und fortsetzt. Ein Teufelskreis hat sich geschlossen [...]
 
Diese Deutung scheint eine Gesellschaft zu unterstellen, die nur aus Opfern besteht. Doch die Opfer sind Täter zugleich. Die anpassende Unterwerfung unter die Macht ist, wie erzwungen auch immer, nicht nur passives Erdulden, sondern aktive Leistung. In der Unterwerfung wird die Macht anerkannt und verinnerlicht, somit auch unbewußt ausgeübt. Der Unterdrücker sitzt fortan nicht mehr draußen, sondern drinnen, und drinnen muß er überwunden werden. Dies ist ein dorniger Weg, für den es keine einfachen Rezepte geben kann. Ob mit therapeutischer Hilfe oder ohne sie - dieser Weg führt durch Angst und Schrecken.
 
Denn eben, weil es Angst macht, ein eigenes Selbst zu sein, wurde das Selbst ja verraten. Es wiederzugewinnen heißt zunächst, die Gefühle von Hilflosigkeit, Schmerz und Wut zu durchleiden, die einmal so überwältigend waren, daß es ratsam schien, das Selbst zu opfern, um nichts mehr von ihm zu spüren. Anders als jene Reagans, die überall "Fenster der Verwundbarkeit" abzudichten suchen und auf diese Weise den Angstgrund ihres Machtgebarens verraten, findet der zur Autonomie Ermutigte Freiheit im Akzeptieren seiner Verwundbarkeit.
 
Gruen findet darum die therapeutische Arbeit gerade mit solchen Patienten am hoffnungsvollsten, die als besonders schwer gestört gelten: Ihre "Krankheit" ist Ausdruck der Unfähigkeit, mit der Spaltung zu leben; sie sind ihrem Selbst weniger entfremdet als der anpassungswillige Normalneurotiker, dessen Sehnsucht danach geht, reibungsloser zu funktionieren.
 
Gruens "Verrat" ist auch ein politisches Buch. Es ist politisch in seiner Analyse des Geschlechterkampfes, in dem verschwiegene Selbstverachtung zur gefährlich stumpfen Waffe eines trügerischen Zusammenspiels wird: einer des anderen Krücke und Pfahl im Fleisch.
Es half zum faulen Frieden mit den Verhältnissen, nicht zum Frieden des Menschen mit sich selbst.
Dieser Friede aber fordert nicht den Triumph rigoroser Vernunft (Freud: "Wo Es war, soll Ich sein"), sondern eher etwas, das sich mit so altmodischen, fast unaussprechbar gewordenen Vokabeln wie "Barmherzigkeit", "Liebe", "Herz" umschreiben läßt. [...]"
 
Quelle: spiegel.de - "Nur der verwundbare Mensch ist stark", Spiegel 32/1985
 
Dieser Artikel ist - den letzten Satz ausgenommen, in welchem es wohl eigentlich hätte heißen sollen "(...) welche die Verwundbarkeit der Menschen nicht als ihre Schwäche deutet" oder "(...) welche die Verwundbarkeit der Menschen als ihre Stärke deutet" - ein Kleinod.
 
"[...] In einer Gesellschaft, die durch äußerst ungleiche Verteilungs- und Wohlstandspositionen geprägt ist, wird viel Mühe darauf verwandt, Privilegien zu begründen und Ungleichheiten duldbar zu machen. Das Schlüsselwort heißt „Leistungsgerechtigkeit“. Es vollbringt das Kuriosum, Leistung zur moralischen Größe zu erheben: Wer etwas leistet, verdient eine Belohnung. Die Solidargemeinschaft ist eine Gemeinschaft von Leistungserbringern. Wer hingegen nichts leistet, schließt sich selbst aus. Unverhohlen wertend sprechen wir von „Leistungswilligen“, „Leistungsträgern“ oder „Leistungsverweigerern“. Wer guten (Leistungs-)Willens ist, bekommt sogar sozialen Schutz und Rente – allerdings nur nach seiner Leistung und nach seinen ( Versicherungs- )Beiträgen. Für unsere Neoliberalen ist diese Ungleichheit enorm bedeutsam. Für sie ist materielle Ungleichheit nicht nur gut, sondern zwingend notwendig. Erst die materielle Ungleichheit sorge dafür, dass sich Menschen anstrengen. Materielle Ungleichheit sei das Ergebnis von mehr oder weniger Anstrengung. Reichtum motiviere, sporne an, Armut schrecke ab, schütze vor Faulheit und die gesamte Gesellschaft vor Taugenichtsen, die nur auf ihre Kosten leben wollen.
 
Fatal ist nur, dass wir uns mit dem Leistungsbegriff gleich doppelt belügen. Denn sagen wir Leistung, meinen wir eigentlich Erfolg. Und sagen wir Erfolg, meinen wir in Wirklichkeit Geld. Das wiederum führt zu dem eigentümlichen Zirkelschluss, dass Geld als Ergebnis und Ausdruck erbrachter Leistung sich selbst begründet.
 
Der Leistungsbegriff bleibt, was die Legitimation von Ungleichheit anbelangt, deshalb immer nur eine Krücke. Auch er kann den Neoliberalismus letztlich nicht mit unserem Gerechtigkeitsempfinden versöhnen, wie abgestumpft und abgeschliffen es auch bereits sei. Es bleibt einfach zu viel Unerklärbares, zu viel nicht entschuldbare Ungleichheit und zu viel offensichtliche Leistungslüge, in einer Gesellschaft, in der die Herkunft wieder immer wichtiger wird.
Die Anerkenntnis, dass alle Menschen bei aller Ungleichheit auch irgendwie gleich sind, ist eine der großen Errungenschaften der Aufklärung: gleich in ihren Rechten, gleich in ihrer Würde. Die Anerkenntnis der Gleichheit des Anderen ist Voraussetzung einer jeden demokratischen Gesellschaft. Die Anerkennung des Anderen als Seinesgleichen ist in einer aufgeklärten und demokratischen Gesellschaft auch für den Gleichheitsbegriff zwingend. Es geht darum, „dass die Mitglieder einer egalitären Gesellschaft sich wechselseitig das gleiche Recht zugestehen, als Gleiche anerkannt und behandelt zu werden“, wie der renommierte frühere Leiter des Nell-Breuning-Instituts, der Jesuit und Wirtschaftsethiker Friedhelm Hengsbach, unlängst formulierte.
 
Es geht letztlich um die „Gleichwürdigkeit“ der Menschen, um einen Begriff Jesper Juuls aufzugreifen. „Menschenwürde“ geht uns als Begriff ziemlich schnell über die Lippen. Immerhin sei die Würde des Menschen doch unantastbar. Ganz praktisch jedoch geht es fast immer um irgendwelche Mindeststandards, wenn wir von Menschenwürde sprechen, das absolut Notwendigste an gesundheitlicher Versorgung etwa, die wir einem Flüchtling zukommen lassen müssen, oder den Wohnraum, den wir einem Bewohner eines Pflegeheims mindestens zubilligen. Bei Hartz IV haben wir es sogar geschafft, die Menschenwürde zu beziffern: 409 Euro plus Wohnkosten. Die meisten Menschen leben nach dieser verqueren Logik weit über ihrer Würde.
 
Der Begriff der Gleichwürdigkeit meint dagegen deutlich mehr; er meint vielleicht sogar etwas völlig anderes. Er unterstellt zu recht, dass wir bei der Würde mit mindestens zweierlei Maß messen. Was dem einen recht ist, ist dem anderen längst nicht billig. Bei einem Obdachlosen oder bei Menschen, die sich ohne gebilligten Aufenthaltsstatus in Deutschland befinden, ist die Menschenwürde offensichtlich sehr viel geringer als bei unsereins.
Wenn ein „modernes“ egalitäres Menschen- und Gesellschaftsbild Gleichwertigkeit und Gleichwürdigkeit jedoch zum Maßstab der Gerechtigkeit machen, bedarf dieser Umstand der besonderen Rechtfertigung. Es geht um das „Recht auf Rechtfertigung“ (Hengsbach), und zwar für diejenigen, die unterprivilegiert sind, denen weniger zuteil wird, die ausgegrenzt sind. Die einfache Feststellung „Ist halt schon immer so“ reicht dann nicht mehr aus. Zu rechtfertigen haben sich die Privilegierten, die, die mehr haben, denen alles offensteht. Sie haben zu begründen, weshalb dies so ist, obwohl doch alle die gleiche Würde haben und alle das gleiche Anrecht.
 
Es geht dann plötzlich nicht mehr darum, dass hilfebedürftige Personen und Unterprivilegierte sich bedanken müssen für das, was wir ihnen zukommen lassen. Es geht plötzlich darum, dass wir uns zu rechtfertigen haben, wenn und weshalb es uns besser geht. Es ist die Mehrheitsgesellschaft, die zu begründen hat, wenn sie Menschen mit Behinderung ein System der Inklusion vorenthält. Es ist die Mehrheitsgesellschaft der nicht Unterprivilegierten, die sich zu rechtfertigen hat, wenn sie 1,7 Millionen Kinder und Jugendliche in Hartz IV belässt und sie ihrer Bildungschancen beraubt, weil sie nicht genug für sie tut. Es ist die Mehrheitsgesellschaft, die sich zu erklären hat, wenn sie langzeitarbeitslosen Menschen Beschäftigung vorenthält oder pflegebedürftigen Menschen Personalschlüssel, bei denen man tatsächlich von gleicher Würde unter Gleichen sprechen kann. Und es sind die Reichen, die ihren Reichtum begründen müssen, es sind die Topmanager, die sich – auch moralisch – zu rechtfertigen haben für ihre Supergehälter gegenüber ihren Arbeitern, die mit einem kleinen Bruchteil deren Gehalts nach Hause gehen müssen. Es sind die Erben, die sich rechtfertigen müssen dafür, dass sie das Privileg des Erbes genießen, und dafür nicht einmal ernsthaft Steuern zahlen müssen. Gerechtigkeit ist das Recht auf Rechtfertigung."
 
Quelle: NachDenkSeiten - "Wohlstand für alle? Mit dem Leistungsbegriff belügen wir uns gleich doppelt"
 

hr, Der Krieg Reich gegen Arm - Prof. Michael Hartmann

Mozart, Hochzeit des Figaro - "Contessa perdono". - Die Kraft, die Stärke der Liebe: um Verzeihung b i t t e n können, wollen und Verzeihung gewähren können, wollen.

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