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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Über Täter, Opfer, das Vergeben, über Verzeihenkönnen bzw. -sollen - ohne Heilung ...

 
update 25. Oktober 2020
 
Sicher müsste, sollte man als erwachsener Mensch Verantwortung für sein Tun tragen, aber wer stark selbst beschädigt worden ist, benötigt zunächst Therapie, u m nicht weiterhin andere seinerseits zu schädigen.
Hier fehlt es zumeist an entsprechendem niedrigschwelligen (!) Angebot (für Unterstützung, Therapie) und an zuvor der Schuldeinsicht und Therapiebedürftigkeit (-seinsicht) der Täter, außerdem völlig an angemessener Prävention.
 
So lange der jeweilige Täter keine Schuldeinsicht hat, keine Reue empfindet, also: echtes Mitgefühl mit dem Opfer - somit eigenen (!) Schmerz über seine Tat - wird, kann er keine tatsächliche Verantwortung für selbige übernehmen.
 
Erst, nur dann, wenn der Täter selbst nicht nur rational erkennt, sondern emotional (nach-) f ü h l t, dass und "welchen" Schmerz er dem Opfer womit wie zugefügt hat, wird er selbst das Bedürfnis nach Wiedergutmachung und Verzeihung (-gewährtbekommen) haben: können.
 
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Aktualisierung am 26. Januar 2020
 
Zur Frage, ob Vergebung, Verzeihen auch bei schwersten Verbrechen, Gewalttaten, wie bspw. Mord, Folter, Vergewaltigung, "Missbrauch" von Kindern, Kindesmisshandlung und systematischer, somit vorsätzlicher Vernichtung, siehe auch Genozid, möglich ist:
 
Mir ist nicht nachvollziehbar, was die Frage evozieren will?
Dass jede/r persönlich sich damit intensiv auseiandersetzt? Ok, einverstanden. Fragt sich nur, mit welchem Ergebnis - bei welchen Menschen mit welchem Menschenbild jeweils? Stichworte Konservatismus, Biologismus, Autoritarismus.
 
Denn:
Was wäre die Alternative (für wiederum wen, auf welcher Begründungsbasis) zum Verzeihen - Rache, Vergeltung, Hass?
 
Dass und warum das generell keine Alternative sein kann, ist unmittelbar erkenntlich. Sollte man meinen. Es handelt sich dabei um die bekannte Gewaltspirale, einhergehend außerdem mit Groll, Verbitterung - also ausschließlich negativen, destruktiven Gefühlen und oft auch entsprechenden Verhaltensweisen. Wer kann das ernstlich wollen, der kein Sadist oder Psychopath ist. Rhetorische Frage.
 
Meiner tiefen Überzeugung nach kann es allerdings kein Verzeihen ohne direkte Auseinandersetzung mit den jeweiligen Tätern geben, d.h. nicht ohne deren Schuldeinsicht - die immer auf Mitgefühl basiert, wenn sie echt ist - und Bitte um Verzeihung sowie Verantwortungsübernahme und Bereitschaft zur (jeweils angemessenen) Wiedergutmachung.
 
Hierfür, für gewaltfreie Konfliktbewältigung, bei der Begegnung, Konfrontation von Opfer und Täter, bedarf es zumeist der umsichtigen, feinfühligen Mediation, Begleitung durch neutrale Dritte.
 
Es gibt kein bedingungsloses Verzeihen - das ist religiöser Aberglaube, Selbstbetrug, zur vermeintlichen, keineswegs tatsächlichen Selbstentlastung.
 
Wo Wiedergutmachung und Auseinandersetzung, "Begegnung", Konfliktbewältigung mit dem jeweiligen Täter oder den Tätern nicht (mehr) möglich ist, wird es auch kein Verzeihen geben: können.
 
Die meisten Menschen differenzieren überdies nach wie vor nicht zwischen der natürlichen, gesunden Wut, Aggression als Reaktion auf erlittenen Schmerz, auf insbesondere das Überschreiten ihrer Schmerzgrenze.
Jedes Tier reagiert in dieser Weise (knurrt, beißt ...), wenn es intensiv verletzt wird und sich noch wehren kann, dies zumindest gegenüber dem Aggressor/Schädigenden versucht.
So auch Mensch (als Primat unter anderen).
 
Ich verweise diesbezüglich abermals auf Joachim Bauers hervorragendes Buch "Schmerzgrenze - Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt", in welchem er (Neurobiologe, Arzt) dies verständlich wissenschaftlich dargelegt und begründet hat.
 
Eine Sache ist also die spontane Reaktion in Form der Aggression und bei Überschreiten der Schmerzgrenze, als F o l g e dessen, auch Gewalt.
 
Eine ganz andere Sache ist der niedere Wunsch nach Rache, Vergeltung, der stets und ausschließlich destruktiv, nicht selten auch sadistisch in Motivation und Ausführung/Vollzug durch entsprechende Taten ist.
 
Und ja: Wir Menschen können uns überdies intrinsisch motiviert moralisch verhalten (siehe Mitgefühl, Integrität, Gewissenhaftigkeit, Verantwortungsbewusstsein) und zusätzlich unser Denken, Fühlen, Verhalten mental, intellektuell reflektieren. Ethik, Vernunft.
 
Der dritte Aspekt, der bei Vergebung relevant ist, ist der erlittene bzw. vorsätzlich zugefügte Schmerz, das Leid.
 
Dieses Leid, diesen Schmerz kann dem jeweiligen Opfer niemand abnehmen, dies nicht ungeschehen machen.
Die erforderliche psychisch-emotionale Heilung, d.h. der Heilungsprozess wird durch Rache, Hass, Gewalt nicht ermöglicht, sondern verhindert.
 
Aber auch Verzeihen nimmt diesen Schmerz n i c h t. Er wurde erlitten, er lässt ggf. mit der Zeit nach, kann aber durch n i c h t s je ausgelöscht werden, denn er hinterlässt immer tiefe Spuren in der Persönlichkeit, oft auch im Körper des jeweiligen beschädigten Menschen - diese bleiben, auch dann, wenn er vergisst.
 
Deshalb ist angemessene, tatsächliche Prävention so wichtig, die immer schon in der Kindheit ansetzen muss - überall auf der Welt.
Gerade hier (Kindheit, Prävention, Schutz, Resilienz) liegt jedoch bekanntlich vieles im Argen - aus politischen, gesellschaftlichen, sozialen, ideologischen, religiösen Gründen, auf Basis global bestehender, gravierender Missstände.
 
Es handelt sich also um drei verschiedene Aspekte beim Verzeihen:
 
1. Die spontane Reaktion in Form von bspw. Aggression oder auch Schock, Angst, Erstarren, Flucht ... .
 
2. Das Bedürfnis nach Schuldeinsicht (auf Basis von Mitgefühl), Verantwortung und Wiedergutmachung (Ausgleich) vom Täter, durch diesen geleistet, gegeben.
 
Idealerweise geht damit früher oder später auch Versöhnung einher, um mit- oder nebeneinander wieder "in derselben Welt leben zu können" - ohne Angst, ohne Groll, ohne Hass, ohne Rachewünsche oder -taten.
 
3. Die erforderliche Heilung des Beschädigtwordenseins, auch der Hilflosigkeit, Ohmachtsgefühle (Ausgeliefertsein, Haltlosigkeit), des zerstörten Vertrauens (in andere Menschen), inklusive Rehabilitierung des Opfers.
 
Erst dann ist echtes, tatsächliches, wahrhaftiges Verzeihen möglich.
 
Wo es nicht möglich ist, bleibt nur, zumindest doch ggf. Heilung und Resilienz anzustreben, zu erfahren. Dafür bedarf es zumeist vielfältiger bedürfnisorientierter, respektvoller, oft langandauernder Unterstützung.
 
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Zweifelsohne ist jeder Täter selbst Opfer.

Zugleich ist er als Täter jedoch Verletzungen, Beschädigungen, Leid anderer, somit weitere Opfer verursachend und dafür zur Verantwortung zu ziehen - mittels Um-Verzeihung-Bittens (auf Basis von Schuldeinsicht, von Mitgefühl), Wiedergutmachung, idealerweise sich anschließender Versöhnung mit jeweiligem/-n Opfer/n, nicht: durch Strafe, nicht durch Gewalt. Nicht auf Basis von Hass, Rache, Vergeltung.
 
Nur durch Mitgefühl und Wiedergutmachung sowie Versöhnung kann der Kreislauf der Gewalt, der Vergeltung, die Destruktionsspirale durchbrochen, d.h. bewältigt werden.
 
Die einzige Art der gewaltlosen, somit der gebotenen Konfliktbewältigung ist dialogische Kommunikation, falls erforderlich mit Unterstützung durch je angemessene, passende, versierte Mediation (unabhängiger, neutraler Mediatoren) oder aber unter Umständen/situationsbedingt auch nonverbal: eine direkte menschliche, zugewandte, gebende, versöhnliche, mitfühlende Geste, entsprechende Tat.
 
Wem es jedoch um Macht, Kontrolle, Unterwerfung (zumeist auch Ausbeutung) geht, wird zu solcher Konfliktbewältigung weder willens noch fähig sein. Narzissmus.
 
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Worum es grundsätzlich und eigentlich geht bzw. gehen sollte:

Es kann, es sollte letztlich nicht darum gehen, Genugtuung darin zu finden, dass ein Täter verurteilt und - auf welche Weise auch immer - bestraft wird. Strafe wird grundsätzlich bei Tätern selten bis nie eine tatsächliche, dauerhafte Änderung ihres Verhaltens bewirken können.
 
Eine Verurteilung soll - als eine Art Erschütterung, Krise - viel mehr bewirken, auslösen, dass dem Täter bewusst (gemacht) wird, dass und warum sein Verhalten inakzeptabel, falsch, unangemessen, verletzend, schädigend ist und dass und warum er es folglich ändern soll.

Es geht grundlegend darum, beim Täter Einsicht, Einsehen zu erwirken und auf eine Zunahme von Empathie bzw. Mitgefühl bei ihm hinzuwirken, dies bei ihm zu fördern, zu stärken bzw. wiederzubeleben.
 
Strafe/Bestrafung wird diese Einsicht und echtes empathisches, mitfühlendes Denken, Eingestelltsein und vor allem Fühlen sowie - erst daraus resultierend - ein entsprechend geändertes Verhalten, nicht bewirken können; so lange es beim Täter diese erforderliche, vorausgehen müssende Einsicht, dieses emotionale Erleben, das Mit-, Nachfühlenkönnen und somit im Grunde Reue, d.h. seinen eigenen Wunsch nach Verzeihung und nach Wiedergutmachung nicht gibt, bleibt Strafe nur vorübergehende, langfristig gesehen wirkungslose, vergebliche "Symptombehandlung" - führt sie also nicht zu Heilung, kann diese nicht sein.
 
Überdies ist jeder Täter zumeist selbst zuvor (irgendwann einmal) Opfer, Beschädigter gewesen/geworden, hat selbst Verletzungen, Beschädigungen erlitten. - Kein Mensch kommt "böse" oder "schlecht" zur Welt. Kein Mensch wird als Täter geboren.
 
Dies ist keine Rechtfertigung, Legitimation für sein Tun, durchaus aber eine Erklärung - eine wichtige, unverzichtbare, die hilft, erkennen und möglicherweise also auch erreichen zu können, dass ein Täter sich nicht mehr in bisheriger, unerwünschter, schädigender Weise verhält, verhalten "muss", sondern sein Verhalten ändern kann; erst und nur dann wird eine dauerhafte Verhaltensänderung bei ihm, durch ihn selbst möglich sein: wenn und weil er selbst es will.

Hierfür ist allerdings häufig je individuell wirklich angemessene Unterstützung und Möglichkeit hierzu (zu "Veränderung", Persönlichkeitsentwicklung, Reifung, Heilung ...) erforderlich, die dem Täter verfügbar sein bzw. gemacht werden muss.
 
Wir sind zivilisierte Menschen, wir verfolgen nicht mehr die alttestamentarische, barbarische, reflexhafte, unbesonnene, unreflektierte Vergeltungspraxis, bei der es nur um Rache, Hass, Verachtung, Selbstgerechtigkeit, somit Selbstbetrug und Kompensationsbedürfnisse geht - nicht jedoch darum, die Bedingungen und Möglichkeiten dafür zu schaffen und zu pflegen, dass Menschen friedlich und respektvoll mit- und nebeneinander existieren können.

Verzeihen und um Verzeihung-bitten-Können ist daher von entscheidender Bedeutung.
 
Für dieses Verzeihen bedarf es allerdings sehr wohl bestimmter Voraussetzungen, Gegebenheiten, Umstände - es gibt kein bedingungsloses authentisches Verzeihen, ein solches wäre auch eine Form von Selbstbetrug (aus Selbstschonungsgründen).
 
Gerade und allein dieses echte, wahrhaftige, einsichtige, empathische bzw. mitfühlende Um-Verzeihung-Bitten (-Wollen und -Können) des Täters beim Opfer könnte, kann das Opfer nur rehabilitieren, und natürlich einhergehend, dass der Täter sein schädigendes Verhalten einstellt.

Tatsächlich nur das kann auf beiden Seiten Heilung - in der Tiefe - bewirken, Heilung ermöglichen, Heilung sein.
Alles andere bleibt Oberflächenbehandlung.
 
Leicht ist das nicht. Es erfordert sehr viel Selbstreflexion, Schmerz zulassen und ertragen zu können, je eigene Schwächen, Unzulänglichkeiten, "dunkle Flecken" zu sehen, anzusehen, sich selbst und anderen gegenüber zuzugeben und zuzugestehen, statt sie zu verstecken, zu überdecken, zu leugnen. Und daran arbeiten, d.h. reifen zu wollen.

Möglich kann es durch letztlich und vor allem nur eines sein: das Mitfühlen, das Mitgefühl.
 
Es geht nicht darum, Täter ihrer Verantwortung zu entheben oder ihnen solche gar gänzlich abzusprechen - eben deshalb ist der Täter-Opfer-Ausgleich (wann immer möglich) so immens wichtig; es geht darum, zu erkennen, dass und warum Strafe(n), also Schwarze Pädagogik (Druck, Zwang, Kontrolle, Härte, Strenge, emotionale Kälte, Strafe, Schikane, Dressur - Gewalt), grundsätzlich - für alle - schädigend und gerade nicht konstruktiv, positiv, wohltuend, Gutes bewirkend ist.

Sehr häufig wäre stattdessen Therapie angebracht - je individuell tatsächlich angemessene; hierfür erforderlich ist allerdings, dass beim jeweiligen Täter die Einsicht in seine Therapiebedürftigkeit bzw. in seine Verhaltensänderung gegeben ist bzw. erwirkt wird, dass er letztlich also aus eigener Erkenntnis dahin gelangt, dass er aus eigenem Wunsch sein Verhalten ändern möchte und hierfür angemessene Unterstützung, falls erforderlich, in Anspruch nimmt (und nehmen kann): freiwillig.

Dem geht jedoch zumeist eine Krise voraus bzw. ein Leidensdruck.
 
Letztlich ist erforderlich, dass bei Tätern das Mitgefühl gestärkt wird - denn auf Basis eines ausgeprägten Mitgefühls ist es Menschen nur schwer bis gar nicht möglich, zu Tätern zu werden, jedenfalls so lange nicht, als nicht ihre eigene Schmerzgrenze massiv und/oder wiederholt oder dauerhaft überschritten wird.
 
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update 09. November 2020
 
Zwischenmenschliches, prosoziales, solidarisches, friedliches Miteinander gründet sich basal auf den Umgang mit zugefügten Beschädigungen - Verzeihen, Wiedergutmachung, Ausgleich auf Basis von Mitgefühl, Reflexion, Reife, statt Strafe, Rache, Gewalt.
 
Das Problem bei pathologischen Narzissten (und Psychopathen, Soziopathen, siehe anti-, dissoziale PKST) ist, dass sie all das nicht als Reife und Stärke, sondern als Schwäche, Demütigung, Unterwerfung empfinden, interpretieren.
 
Es ist ja niemandem wirklich damit geholfen, zu sagen, er oder sie oder dieses und jenes Verhalten sei "böse". Die Frage sollte ja sein, warum verhält jemand sich schädigend, wie kann womit angemessen Abhilfe geschaffen werden und welche Prävention ist erforderlich.
 
Gerade hinsichtlich der Prävention wäre m.E. anzusetzen - und das müsste bei tatsächlich jedem einzelnen Menschen in dessen Kindheit passieren - davon sind wir (auch global) teilweise echt Lichtjahre entfernt, siehe "Erziehung", Autoritarismus, Indoktrierung, psychische Gewalt ... .
 
Verbreitetes Problem ist, dass wohl viele Menschen das nicht reflektieren (können) - siehe Internalisierung, Introjektion, Identifikation mit dem Aggressor. Sie kopieren dann mehr oder weniger unbewusst das Verhalten ihrer Peiniger (oft der eigenen Eltern). Autoritarismus ...
 
Und oft kopieren sie es nicht nur, sondern heißen es sogar gut, finden es richtig. Im Jugendalter gibt es da ggf. noch eine Art Ausbruchsversuch, Opposition, aber je älter solche Beschädigten werden, umso mehr rechtfertigen sie den Autoritarismus ihrer Eltern rückblickend.
 
Sehr gut, verständlich dargelegt haben das bspw. Erich Fromm, Wilhelm Reich, Arno Gruen und Alice Miller, aber auch Sandor Ferenczi (Trauma) und Gabor Maté (Sucht ...).
 
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Aktualisierung am 29. September 2019
 
Was ist die Grundlage für Rache, für Rachegedanken, Rachewünsche?
 
Es gibt sicher auch sadistische, nicht wenige persönlichkeits- und leider zahlreiche bindungsgestörte Menschen weltweit - mit entsprechenden Folgen. Auch die persönlichkeitsgestörten Menschen allerdings kommen nicht als pathologische Narzissten oder Psychopathen, nicht als Gewalttäter zur Welt.
 
Für die meisten Menschen dürfte es sich folgendermaßen verhalten, siehe Schmerzgrenze, Aggression, Ausgrenzung, fehlende Kommunikation, fehlende Mediation, Gewalt:
 
Wenn ein Individuum für erlittenen (intensiven) Schmerz, erlittenes, d.h. durch andere zugefügtes (!), beschädigendes Leid nicht Ausgleich, Wiedergutmachung - auf Basis des ehrlichen, wahrhaftigen, authentischen Mitgefühls, der Reue des Täters - erfährt, erhält, kommt es auch beim jeweiligen Opfer zu Aggression: in Folge des erlittenen Schmerzes, Leids und der "ausbleibenden", nicht geleisteten Wiedergutmachung des Täters, des Beschädigenden. Daraus (!) resultiert beim Opfer der Rache-, Vergeltungswunsch.
 
Dieser Rachewunsch oder gar eine Rachetat kann nur abgewendet bzw. ihm/ihr zeitnah (!) vorgebeugt werden, wenn der Beschädigende, der Täter, d.h. der Schmerz-, Leidzufügende - sei dies eine Einzelperson oder auch bspw. ein Staat, eine staatliche Institution wie Polizei, Justiz, Behörden ... - eine angemessene, bedürfnisorientierte, respektvolle Wiedergutmachung zeitnah (!) leistet.
 
"(...) Wenn die Schmerzgrenze eines Lebewesens tangiert wird, kommt es zur Aktivierung des Aggressionsapparates und zu aggressivem Verhalten. (...)
 
Demütigung und Ausgrenzung werden vom menschlichen Gehirn wie körperlicher Schmerz erlebt, sie tangieren die Schmerzgrenze. (...)
 
Jeder Tat geht eine langsame, konsequente Entwicklung voraus. (...) Jede aggressive Tat, und sei sie noch so unmenschlich, folgt einer verborgenen Logik. (...)
 
Schwere physische Gewalt tritt vor allem dort auf, wo die verbale Kommunikation zwischen dem (späteren) Täter und seiner Umgebung zum Erliegen gekommen ist. (...)

Erfolgreich kommunizierte Aggression ist konstruktiv. Aggression, die ihre kommunikative Funktion verloren hat, ist destruktiv. (...)
 
Menschliche Aggression ist ein kommunikatives Signal, welches der Umwelt anzeigt, dass ein Individuum nicht in der Lage oder nicht bereit ist, einen ihm zugefügten physischen oder seelischen Schmerz oder eine entsprechende Bedrohung hinzunehmen. (...)
 
Dort, wo Kontrahenten nicht mehr miteinander sprechen, verliert die Aggression ihre kommunikative Funktion. Sie wird dann zu einem rein physichen und in der Regel ausschließlich destruktiven Geschehen. Eine letzte Rettungschance in einer solchen Situation ist die Mediation, d.h. die vermittelnde Einschaltung Dritter, die versuchen, zwischen den jeweiligen Kontrahenten zu vermitteln. (...)"
 
Quelle der zitierten Passagen: Joachim Bauer - "Schmerzgrenze - Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt"
 
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Aktualisierung am 11. Januar 2019
 
Zum Verzeihen, Versöhnen, Wiedergutmachung - nachfolgend genannte Einstellung scheint eine leider noch immer weit verbreitete zu sein:
 
Ja, wenn der Mensch, der einen psychisch- emotional oder auch physisch verletzt, beschädigt hat und Reue zeigt, um Verzeihung bittet und ggf. auch Wiedergutmachung anbietet, dann könne man möglicherweise verzeihen, aber erneuter Kontakt, Freundschaft, Beziehung sei deshalb nicht "wieder denkbar".
 
Genau darum aber geht es ja bei Verzeihen und Versöhnung: ein wieder mögliches Miteinander zu finden, auf üblicherweise beiden Seiten vorhandene Wunden zu heilen - das geht nicht durch Abwehr, Verweigerung (bspw. des Dialogs), sondern durch Aussprache, Wiedergutmachung, Beziehung.
Was selbstredend ein langwieriger und mühsamer Prozess sein kann.
 
Das Geschehene ist ja nicht "ausgelöscht"/ungeschehen gemacht, nur weil es verdrängt und der andere abgewehrt wird, es bleibt im Verletzten vorhanden und schwelt in der Tiefe - mehr oder weniger bewusst und wirkt sich auf seine weiteren Gefühle, Einstellungen, Verhaltensweisen aus, siehe bspw. Vertrauenkönnen, Verbitterung ... .
 
Ohne Brücken und Handreichungen wird es keine Heilung geben (können). Bloß Selbstbetrug.
 
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Aktualisierung am 27. April 2019
 
Warum Verzeihen nicht ausreicht, warum es mit Verzeihen nicht getan, nicht (wieder) g u t (gemacht) ist, warum Versöhnen erforderlich ist
 
Viele Menschen sind bekanntlich nicht einmal in der Lage, tatsächlich zu verzeihen: anderen Menschen, die ihnen mehr oder weniger nahestehen, durch die sie Verletzungen, mehr oder weniger intensive, bisweilen auch "irreparable", irreversible Beschdigungen erlitten haben.
 
Keineswegs ist Verzeihenkönnen bedingungs-, voraussetzungslos und insbesondere kann es niemals echtes Verzeihen sein, wenn es sich dabei um ein einseitiges Tun, Geschehen handelt.
 
Voraussetzung für echtes Verzeihenkönnen und vorausgehend Verzeihenwollen ist die Schuldeinsicht, die Reue, d.h. das ehrliche, wahrhaftige, intrinsische (nicht aufgezwungene, nicht andressierte, nicht vorgegaukelte) Mitgefühl des Täters für das Opfer und dessen, des Täters, ebenso echte, selbstmotivierte Bereitschaft, dessen eigener Wunsch nach Wiedergutmachung. An anderer Stelle im blog habe ich dies ausführlicher dargelegt, siehe bei Interesse bitte dort ("Über Strafe ...", unten verlinkt).
 
Selbst wenn Menschen jedoch verzeihen, ist auch dies oft kein echtes Verzeihen, denn sie meinen damit häufig nicht Versöhnung, wollen diese nicht, sondern möchten alles Geschehene, Er- und Durchlittene - teils verständlicherweise - hinter sich lassen, damit abschließen, "neu anfangen" oder ihr Leben "einfach fortsetzen".

Was auf den ersten Blick wie gesagt verständlich erscheinen mag, zeigt sich bei näherer Betrachtung als trügerisch, als Selbstbetrug.
Denn man vergisst üblicherweise nicht, was geschehen ist, insbesondere dann nicht, je intensiver, folgenreicher, bleibender die erlittenen Verletzungen, Beschädigungen waren bzw. es nach wie vor sind und bleiben.

Eben deshalb ist Versöhnen gerade dann umso wichtiger, je intensiver, tiefgehender die Verletzungen, Beschädigungen sind, da nur hierdurch das (tatsächliche, echte) Verzeihen vollständig erfolgt, vollzogen, vollendet ist. Warum es sich so verhält, erläutere ich im Folgenden noch genauer.

Das Gegenteil finden wir jedoch zumeist beobachtbar:
 
Je harmloser, oberflächlicher, bagatellartiger die jeweilige erfahrene Beschädigung ist, um so eher sind viele (die meisten?) Menschen bereit, "großzügig, nachsichtig darüberhinwegzusehen", die Angelegenheit, den Zwischenfall zu "vergessen" - "Schwamm drüber".
Das liegt daran, dass ein kleiner, reparabler Schaden häufig leicht(er) behebbar, ausgleichbar ist.

Je umfassender, tiefgehender, je intensiver verletzend, gar beschädigend die erlittene physische, psychisch-emotionale und/oder auch materielle, existenzielle Beschädigung ist, umso schwerer fällt es, sie zu "vergessen", denn umso schwerer ist es auch, sie zu beheben, auszugleichen - sie wiedergutzumachen.
Manchmal scheint oder ist dies sogar nahezu bis völlig unmöglich, bspw. im Falle von Mord, Tötung oder totaler materieller Existenzgrundlagenvernichtung oder auch gravierender bleibender physischer und/oder psychisch-emotionaler Schäden, Traumata ... .

Gerade dann aber, wenn die Beschädigung, der Schmerz, das Leid besonders stark ausgeprägt, sehr umfassend, weitreichend und tiefgehend ist, ist (so weit als jeweils mögliche) Wiedergutmachung - für beide: Opfer und Täter - geradezu essentiell.

Denn ohne diese Wiedergutmachung bleibt auch eine möglicherweise irgendwann oberflächlich verdeckte Wunde tatsächlich und dauerhaft offen - sie vernarbt nicht, sondern blutet, schmerzt immer wieder aufs Neue (wenn mir diese Metaphorik zur Veranschaulichung gestattet sei).
 
Um die Wunde wenigstens vernarben zu lassen - denn je tiefgreifender die Beschädigung, das Leid war bzw. ist, umso weniger kann es je vergessen, allenfalls und mit viel Mühe, zehrendem Anstrengungsaufwand, nur oberflächlich verdrängt werden - ist Wiedergutmachung unabdingbar:
Der erlittene Schaden muss so weit, so umfassend als möglich behoben werden, es muss einen Ausgleich geben, damit die Sache wieder ins Lot kommt. Und es handelt sich bei dieser "Sache" um eben die jeweilige zwischenmenschliche (oberflächliche oder intensive) Beziehung zwischen den beiden beteiligten Parteien: Opfer und Täter.

Durch jedenfalls die jeweilige Tat und den daraus resultierenden Schaden (die Beschädigung, Verletzung) - der übrigens dann auf beiden Seiten zwangsläufig besteht, denn der Täter schädigt sich mit seiner Tat stets auch selbst und war bzw. ist selbst meist schon lange zuvor Opfer, Beschädigtwordenseiener - sind die Beteiligten miteinander (spätestens bzw. jedenfalls dann - durch die Tat, seit der Tat) "in Kontakt geraten": Dieses Geschehnis ist und bleibt vorhanden - erlebt, erfahren, erlitten. Es ist ab dann nicht mehr ungeschehen zu machen, es bleibt Bestandteil der "Lebenserfahrung" der jeweils Beteiligten - aller jeweils beteiligt Gewesenseienden. Daran ändern auch alle Verdrängungsversuche nichts.
 
Um diese nicht selbst verschuldete Belastung des Opfers zu beheben, um sie wenigstens auszugleichen, d a m i t danach hinsichtlich wenigstens dieser Angelegenheit ein möglichst, ein weitgehend wieder schmerz-, leidfreies (Weiter-) Leben möglich ist, bedarf es genau hierfür des unentbehrlichen Ausgleichs, der Wiedergutmachung des Täters, die schließlich echtes, tatsächliches, wahrhaftiges Verzeihen, Vergeben (-wollen und -können) des Opfers erst möglich macht.
Und erst hierdurch ist auch der Täter rehabilitiert.
 
Alles bestens, könnte man nun sagen - die Sache ist damit ein für alle Mal erledigt und jeder geht fortan seiner Wege, auf Nimmerwiedersehen!

Warum dies nicht der Fall, warum es mit (tatsächlicher) Wiedergutmachung - so es so weit im jeweiligen Einzelfall überhaupt kommt, was aus Gründen leider mehrheitlich nicht der Fall ist, siehe unsere nach wie vor übliche Strafjustiz, der niedere Wunsch nach Rache, Vergeltung, Macht, Unterwerfung, absichtsvollem Schmerzzufügen, Sadismus, Gewalt also - keineswegs erledigt, getan, g u t, warum es nicht vollendet ist, erläutere ich im Folgenden:
 
Menschen sind bekanntlich soziale Wesen. Kein Mensch ist eine Insel. Das meint:
Nur die wenigsten Menschen schaffen, bewältigen ein Überleben, gar ein zufriedenes, erfülltes Leben in langfristiger, dauerhafter völliger Einsamkeit, Abgeschiedenheit, in sozialer Isolation, in beständiger Eremitage.
Eben weil Menschen soziale Wesen sind, somit nicht dafür geeignet, nicht dazu in der Lage, dauerhaft, gar lebenslang völlig alleine zu leben, ohne jeglichen Kontakt zu anderen Menschen, ohne Kommunikation, Austausch, Zugehörigkeit, Eingebundensein, Beziehung, Berührung mit ihnen.

Üblicherweise werden Menschen unter solchen Umständen psychisch, früher oder später zumeist auch physisch krank.
Siehe bspw. die Bedeutsamkeit von wohltuender Berührung für Menschen lebenslang, nicht nur für Neugeborene und Kinder und die Heilwirkung von Beziehung und Berührung
Gerade Säuglinge, Kinder, (schwer) kranke, (schwer) behinderte und alte Menschen bedürfen der angemessenen, bedürfnisorientierten, respektvollen Pflege und Fürsorge anderer Menschen - aber eben nicht nur sie, sondern alle (auch weitgehend "gesunden") Menschen sind, bleiben lebenslang Bedürftige.
 
Und da Menschen folglich je persönlich, regional, aber auch global miteinander in mehr oder weniger intensivem, mehr oder weniger direkten Kontakt und Austausch, in Verbindung miteinander, zueinander stehen (wollen, können, müssen) - nicht nur in Bezug auf Wirtschaft, Warenhandel, sondern auch hinsichtlich des Transfers von Wissen, Kenntnissen, hinsichtlich des globalen Vernetztseins, schon weil alle Menschen denselben Planeten "bewohnen", weil sie alle Menschen und damit auf diverse Grundvoraussetzungen für ihr Überleben angewiesen sind und weil sie idealerweise mehrheitlich weltweit miteinander in Frieden leben (wollen?) - eben deshalb kommen wir alle nicht aneinander vorbei.

Wir können einzelnen Menschen vorübergehend oder vielleicht sogar dauerhaft aus dem Weg gehen, je mehr Raum, Platz, Ausweichmöglichkeit wir zur Verfügung haben. Letztlich aber hilft uns dieses Ausweichen, d.h. die Flucht vor anderen und/oder damit zugleich letztlich und faktisch vor uns selbst - vor unseren ureigenen Defiziten, Unzulänglichkeiten, Schwächen - nicht im Geringsten, im Gegenteil. Die Selbstflucht wie auch die Weltflucht, der Eskapismus und auch der Hedonismus behindern intensiv unsere Selbsterkenntnis, unsere Persönlichkeitsreifung und damit (je persönliche) Sinnfindung und Erfüllung.

Wenn wir uns jenen, die uns verletzt, beschädigt haben, also ausweichen, wenn wir (auch nach erfolgter Wiedergutmachung) vor ihnen flüchten, sie und uns selbst fliehen, ist das nur eine weitere Form des Selbstbetrugs - wie stets: zum Zwecke der mehr oder weniger behaglichen, der vordergründig bequemen Selbstschonung, die fast immer zu Lasten anderer geschieht, die fast immer die mehr oder weniger bewusste Belastung oder auch sogar Beschädigung anderer, gerade auch bisher Unbeteiligter, nach sich zieht.
Wir machen uns damit folglich selbst (auch) schuldig: an anderen. Allzu gerne, allzu schnell leugnen wir jedoch gerade dies. Wiederum aus Gründen der Selbstschonung, im Zuge des Selbstbetrugs.
 
Um es verständlich, anschaulich zu machen:

Keine zwischenmenschliche Beziehung - auch und gerade keine diplomatische, politische, inter-, transnationale, aber auch keine "private", persönliche - kann fortbestehen, kann erhalten oder wiederbelebt werden ohne Versöhnung.

Wiedergutmachung reicht nicht aus, vollendet nicht, schüttet den aufgerissenen Graben nicht zu, taugt alleinig nicht als erforderliche Brücke über den Graben.

Nur die Versöhnung - nach erfolgter Wiedergutmachung - schafft das erforderliche Fundament für das unentbehrliche, essentielle (Wieder-) Vertrauenkönnen.
 
Nur die Versöhnung legt die Basis, den Grundstein für das darauf zu errichtende Haus der solidarischen, kooperativen Gemeinschaft, des Gemeinsam-in-derselben-Welt-Seinkönnens, für das Neben- und ohnehin für das Miteinander mit fremden und/oder vertrauten Menschen.

Seinen Ausdruck findet dies bspw. in Redewendungen wie "Man sieht sich im Leben immer zweimal.", die selbstredend nicht wörtlich zu verstehen ist, denn "man" sieht nicht jeden Menschen genau zweimal im Leben - manchen begegnet man tatsächlich nur einmalig, anderen mehrmals oder auch immer wieder usw..

Gemeint ist damit eben dieses gemeinsame, unvermeidliche "In-derselben-Welt-Sein", das nicht einmal mit dem, durch den Tod aufhört, denn es bleibt die jeweilige immaterielle, materielle, persönliche Hinterlassenschaft jedes Einzelnen von uns, jedes am Leben, existent gewesen seienden Menschen. Mal ist dieses je persönliche Erbe umfassender, weitreichender, einflussreicher bzw. längerfristig wirksam, mal weniger.
Jeder hinterlässt irgendwo, auf (s)eine Weise in der Welt und bei anderen Menschen (s)eine Spur - ob er will oder nicht. Wir können nicht nicht-gewesen-sein, selbst wenn wir es woll(t)en.

Wir alle tragen mehr oder weniger möglich und mehr oder weniger gut, sorgfältig, umsichtig, bewusst Verantwortung für unser Tun und Unterlassen - jedoch nicht zwangsläufig, nicht generell Schuld.
 
Kein Mensch ist eine Insel. Ob er (es) will oder nicht. ;)
 
Was wir brauchen, was uns gut-, wohltut, was für lebenswerte zwischenmenschliche Verhältnisse wichtig, unentbehrlich ist, ist nicht Strafe, Rache, Gewalt, sondern Wiedergutmachung, Verzeihen und Versöhnen sowie angemessene Prävention, die immer in der Kindheit anfängt, die immer mit Gesellschaft, Politik, Lebensverhältnissen ... zu tun hat und mit der Reflektiertheit, Bewusstheit, Reife und Feinfühligkeit, der Empathie, dem Mitgefühl der jeweiligen Eltern bzw. Bezugspersonen dieser Kinder.

Wenn wir dies im vermeintlich "Kleinen", auf sogenannt privater, auf persönlicher Ebene, in unser aller je persönlichen Beziehungen (Eltern, Kinder, Freunde, Partner, Bekannte, Arbeitskollegen ...) schon nicht schaffen, dann kann und wird dies erst recht nicht auf politischer (transnationaler, siehe "Völkerverständigung", internationale Beziehungen, Grundlage für Weltfrieden ...) Ebene gelingen.
Die Verhältnisse, die Missstände im "Großen", auf politischer Ebene, spiegeln jene im "Kleinen" nur wider.
 
Es fängt alles mit dem je persönlichen Charakter, mit der persönlichen psychisch-emotionalen Verfasstheit, mit der je persönlichen Reife und einhergehender Integrität, entsprechendem Verhalten und Interaktion, an. Überall auf der Welt, in jeder kleinen oder großen Gemeinschaft, Gesellschaft.
 
Es kommt immer auf das Individuum an. - Kein Mensch ist eine Insel.
 
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update 21. Februar 2021
 
Hier, siehe verlinkten und daraus zitierten bpb-Text, finde ich nun endlich all das genannt, beschrieben, bestätigt, das ich selbst zu Konfliktbewältigung, Verzeihen, Wiedergutmachung und Versöhnung, Friedenschließen denke, empfinde und auf Basis persönlicher Erfahrung und Erkenntnis, Reflexion schrieb.
 
"[...] Andere Kulturen, Religionen und Sprachen setzen andere Akzente. Das altgriechische Wort für Versöhnung katallage bedeutet umfassende Veränderung bzw. Erneuerung. Die Erneuerung soll eine neue Beziehung des Menschen sowohl zu Gott als auch zu sich selbst und zu den Mitmenschen ermöglichen, mit denen ein Konflikt oder ein Zerwürfnis besteht.[2] Der lateinische Begriff reconciliare ist von conciliare (zusammenbringen, verbinden, zum Freund gewinnen) abgeleitet. Diese Bedeutung wurde mit dem Verb reconcile/réconcilier und dem Substantiv reconciliation auch ins Englische bzw. ins Französische übernommen.

Im Buddhismus liegt das Schwergewicht auf der Wahrung der Harmonie zwischen Menschen und der Wiederherstellung (Heilung) der von durch Streit und Gewalt verletzten Beziehung, Gruppe oder Gemeinschaft. Der Schlüssel dafür ist eine durch Selbstreflexion und achtsames Handeln veränderte Lebensweise und Interaktion mit den Mitmenschen. Dies gelingt durch ständige Selbstbefragung: Ist das, was ich tue, gut für mich und die anderen? Oder schadet es jemandem? Hintergrund ist auch hier wiederum das Verständnis, teil eines sozialen Ganzen zu sein, das durch das eigene Handeln aus dem Gleichgewicht geraten kann.

Dass der Einzelne zu etwas "viel Größerem" gehört (Tutu 2000: 134), ist auch die Leitidee von "Ubuntu" – eines Versöhnungsverständnisses, das in allen Bantu-Sprachen verbreitet ist. Ubuntu, das zur ethischen Referenz für den Wahrheits- und Versöhnungsprozess in Südafrika geworden ist, steht für das Bewusstsein, zu einer gemeinsamen Menschheit zu gehören und als Einzelne/-r nur mit und durch die Anderen leben zu können. Vor diesem Hintergrund bedeutet "Ubuntu" die Einsicht und Bereitschaft aller Mitglieder, etwas für die Lebensfähigkeit und die Heilung der Gemeinschaft zu tun, wenn diese durch die Taten Einzelner verletzt wurde (Junod/Rutayisire 2016: 68 f.). [...]
 
Lederach versteht Versöhnung in erster Linie als "Beziehungsarbeit". Eine verletzte oder gar zerstörte Beziehung kann nur wiederhergestellt und geheilt werden, wenn die (ehemaligen) Konfliktparteien aufeinander zugehen. Deshalb sollten sie nicht dem Impuls folgen, die Kontakte und Beziehungen untereinander zu verringern oder abzubrechen. Vielmehr rät Lederach, Mechanismen zu schaffen, "die die Konfliktseiten miteinander zu einer mitmenschlichen Beziehung verpflichten" (Lederach 1997: 77 ff.).

Folglich ist Versöhnung ein Prozess der Begegnung und des Austausches. Lederach benennt vier Elemente, die dabei zusammenkommen und in einer ausgewogenen Balance zueinanderstehen sollten: Wahrheit, Vergebung, Gerechtigkeit und Frieden. Wahrheit wird verstanden als die gemeinsame Klärung dessen, was in der Vergangenheit geschehen ist. Mit Vergebung ist die Bereitschaft gemeint, die Vergangenheit und die eigene Verantwortung zu akzeptieren sowie loszulassen und neu zu beginnen. Gerechtigkeit bedeutet insbesondere die Entschädigung der Opfer, die Wiederherstellung der individuellen und Gruppenrechte sowie der (Wieder-)Aufbau gerechter sozialer Beziehungen. Frieden schließlich meint die Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung sowie von gleichberechtigten Sozialstrukturen und respektvollen wechselseitigen Beziehungen (ebd.).
 
Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung hat den aus dem polynesischen Kulturkreis stammenden Ho’oponopono-Ansatz für die praktische Versöhnungsarbeit wiederentdeckt und aktualisiert. Das Verfahren richtet sich an die gesamte betroffene Gruppe bzw. Gemeinschaft, die von einem Konflikt, einer Gewalttat oder einer sonstigen Verfehlung betroffen ist. Im Zentrum steht auch hier die Heilung der durch die jeweilige Verfehlung bzw. Gewalttat verletzten sozialen Beziehungen.

Die Zusammenkünfte werden von einem Vermittler/Moderator geleitet. In einem ersten Schritt bekennen sich alle Anwesenden zu ihrem Teil der Verantwortung und Schuld. Darunter fallen auch Unterlassungen, die zu dem Konflikt bzw. der Straftat beigetragen haben. Zum Geist und zur Dynamik des Verfahrens gehört, dass jeder dabei etwas mehr an (Mit-)Schuld einräumt, als er tatsächlich zu verantworten hat. Dadurch entsteht ein Überschuss an positiver Energie in der Gruppe und eine größere Bereitschaft aller Beteiligten, sich zur eigenen Verantwortung zu bekennen.

In einem zweiten Schritt verpflichten sich dann alle Beteiligten, einen konkreten Beitrag zur Beilegung des Konflikts, zur Überwindung der Ursachen und zur Wiedergutmachung des Schadens zu leisten. Auch hier besteht das leitende Prinzip darin, über das Maß der eigenen Verantwortung/Schuld hinauszugehen und sich großzügig am Prozess der Wiedergutmachung und Heilung zu beteiligen. Anliegen dieses sehr ritualisierten Verfahrens ist es, zu einer gemeinschaftlichen Katharsis im Kreis aller direkt und indirekt Beteiligten an einem Konflikt oder einer schädigenden/verletzenden Tat zu gelangen und so die Beziehungen zwischen den Mitgliedern wieder zu heilen. [...]
 
Auf der individuellen Ebene setzt Versöhnung die Bereitschaft bei Tätern und Opfern voraus, aufeinander zuzugehen, sich über die Vergangenheit auszutauschen und Frieden zu schließen. In erster Linie stehen dabei die Täter in der Pflicht, ihre Schuld einzugestehen und um Vergebung bitten. Versöhnung kann aber nur dann nachhaltig gelingen, wenn auch die Opfer bereit sind, ihre eigene Verantwortung und eigenen Unterlassungen (selbst-)kritisch zu reflektieren und anzuerkennen. Dies gilt umso mehr, wenn sie selbst auch "Gewalt ausgeübt, verantwortet oder unterstützt haben – viele sind also gleichermaßen Opfer und Täter" (Fischer 2008: 3).

Auf der gesellschaftlichen Seite steht die Gruppe, die Gemeinschaft und/oder der Staat in der Pflicht, den Opfern eine Stimme zu geben, ihre Situation und ihr Schicksal anzuerkennen und durch geeignete politische und symbolische Handlungen öffentlich zu machen. Dies sind notwendige Schritte, um den Opfern ihre Würde zurückzugeben und ihr Vertrauen in ihre Mitmenschen und in die öffentlichen Institutionen schrittweise wiederherzustellen. Im Zentrum steht dabei die vorbehaltlose Suche nach der Wahrheit über die Vergangenheit und die juristische Verfolgung der Täter. Schließlich müssen glaubwürdige Vorkehrungen getroffen werden, damit sich die Gewaltereignisse und Verbrechen nicht wiederholen. [...]
 
Versöhnung ist vielmehr ein integrales Element des gesamten Zyklus‘– von der Prävention über die Friedenssicherung bis hin zum Aufbau nachhaltig friedlicher Gesellschaften.

Die Grundsätze der Versöhnung – insbesondere aus der buddhistischen Tradition – ernst zu nehmen, würde bedeuten, Konflikte gar nicht erst eskalieren zu lassen und schwerwiegende seelische Verletzungen und soziale Verwerfungen möglichst zu vermeiden. Sind die ersten Gewalttaten geschehen, sollten im Idealfall auch unmittelbar danach Versöhnungsbemühungen beginnen, um ein Aufschaukeln des Konflikts zu verhindern. Denn Versöhnungsprozesse gestalten sich umso schwieriger, je stärker ein Konflikt eskaliert und je größer die Zahl menschlicher Opfer, seelischer Verletzungen und sozio-ökonomischer Kosten und Verwerfungen ist. [...]
 
Außerdem waren in das Projekt Maßnahmen zur Traumaheilung integriert. Das Beispiel zeigt auch, dass es keine allgemein anwendbaren Modelle gibt. Jede Strategie, jede Maßnahme muss auf die Bedingungen und Anforderungen vor Ort zugeschnitten sein. [...]"
 
 
update 23. Februar 2021
 
Es ist eigentlich eine Binse: Zum aktiven Versöhnen, Friedenschliessen und -erhalten gehören immer mindestens Zwei. Das ist keine einseitige Sache.
 
Das bedeutet, dass der gesamte Versöhnungsprozess nicht allein/nur vom Täter, Schädigenden ausgehen kann oder muss, dass zumeist Unterstützung, Begleitung durch bspw. Mediatoren erforderlich ist und dass dieser Prozess Zeit beansprucht.
 
Leider ist in unserer Gesellschaft und Justiz, Strafjustiz solche angemessene, effektive Mediation, Deeskalation, Konfliktbewältigung, Wiedergutmachung, Versöhnung, das Fördern und Stärken guter Beziehung schon durch Prävention nicht stattfindend.
 
Es gibt keine niedrigschwellige, unbürokratische, für bestimmte Menschen auch kostenfrei zugängliche Anlaufstelle, die im Konfliktfall und zur Vermeidung von Eskalation, Gewalt vermittelnd, begleitend, präventiv hilfreich auffindbar, erreichbar, involvierbar ist.
 
Könnten, sollten wir hinsichtlich Versöhnung, Friedenschliessen, Friedenserhalt, also dem Prozess des Entwickelns und Erhaltens solch gewaltfreier, wohltuender Beziehungen in/für Gesellschaft und frühzeitiger effektiver Prävention nicht mehr von anderen Kulturen lernen?
 
Müsste all das nicht vor allem integraler Bestandteil jeder Juristenausbildung, also des Jura-Studiums und dies insbesondere für (angehende) Richter_innen sein?
Müsste solches nicht bereits in Schule vermittelt werden?
 
Was man sich jedoch bewusst machen muss: Mit anti-, dissozial persönlichkeitsgestörten Menschen (pathologischen Narzissten, Psychopathen) kann es keine Versöhnung geben - ihnen fehlt das dafür erforderliche Mitgefühl und Selbstkritikfähigkeit, Selbsterkenntnis. Deshalb haben sie keine Schuldeinsicht.
 
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Ein Mensch, der zu Verzeihen, Wiedergutmachung, Versöhnung nicht einmal dann bereit ist, wenn der andere, der (vermeintliche oder tatsächliche) "Gegner", der (vermeintliche) "Feind" ihm entgegenkommt, ihm seinerseits initiativ und auf Basis von Mitgefühl Wiedergutmachung und Versöhnung anbietet, ein Mensch, der das missachtet, ausschlägt, ablehnt, hierauf nicht einzugehen bereit ist, dies nicht zu würdigen weiß, kann nur entweder ein Sadist oder ein Feigling sein - zumeist: beides.
 
Es ist schwer mit der Feindesliebe, wenn der Feind ein echter ist, der einen tatsächlich existenziell (!) vernichten w i l l - nur, um sich weiterhin seinem Selbstbetrug hingeben, unterwerfen zu können, nur, um weiterhin vor sich selbst flüchten zu können, nur, um nicht länger mit Kritik, mit der Wahrheit, den Tatsachen über sich selbst - durch "den Feind" - konfrontiert zu werden, nur, um sich seiner eigenen Schwäche, Kleinheit, Hässlichkeit, Schäbigkeit nicht stellen zu müssen.
 
Ursachen, Hintergründe:
 
Pathologischer Narzissmus, antisoziale Persönlichkeitsstörung, autoritärer Charakte,  Autoritarismus, Trotz, Verweigerung, Hass (stets auf Basis von Selbsthass), Nekrophilie, Verbitterung - Kompensation (-sverhalten). Charakterschwäche, Unreife.
 
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Brücken bauen ...
 
... statt Mauern.
 
Es gibt Menschen - pathologische Narzissten (siehe anti-, dissoziale Persönlichkeitsstörung), mit denen ist Frieden, Versöhnung, Gemeinschaft nicht möglich. Sie klammern sich lieber mit aller Gewalt (!) an den Abgrund, den sie selbst geschaffen haben, sie führen lieber Kriege, als eigene Schwächen, Fehler, Bedürftigkeit, Verletzlichkeit, Minderwertigkeitsgefühle ... zuzugeben.
 
Und sie zerstören andere Menschen damit. Wissentlich. Absichtsvoll.
 
Diese Menschen kämpfen lebenslang nicht nur gewaltvoll gegen andere, sondern vor allem gegen sich selbst - gegen ihre Unfähigkeit, zu lieben.
 
Alle, die ihnen auf ihrem Weg begegnen oder sich gar widerständig in selbigen stellen, die sie dazu herausfordern, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, sich ihren ureigenen, persönlichen Defiziten, Unzulänglichkeiten zu stellen (statt davor davonzulaufen und sich dem selbstschonenden Selbstbetrug, der Kompensation hinzugeben), reißen sie mit in ihren Abgrund.
Sie sehen in ihnen grundsätzlich den Feind - den es t o t a l zu vernichten gilt.
 
Und sie erkennen nicht, wie sie mit jedem Opfer auf ihrem Weg sich selbst zerstören.
Das ist tragisch. Es ist grausam. - Für alle Beteiligten.
 
Es gibt keine Möglichkeit, sie zum Innehalten, zum Reflektieren, zur Selbsterkenntnis, zu Verhaltensänderung - zu einem anderen, einem angemessenen Menschen-, Welt- und Selbstbild zu bewegen.

Es gibt keine Brücke zu und keinen Weg mit ihnen.
Sie sind nicht zu erreichen, sie sind nicht in der Lage, zu reifen - zu geben, zu lieben.
 
Es gibt kein Mittel, keine Methode, das/die daran etwas zu ändern vermag - nicht einmal: Liebe.
 
Sie "leben" und sterben: im Kellerloch des Selbstbetrugs.
Sie klammern sich v e r z w e i f e l t an die Dunkelheit, die Hässlichkeit, an Morbidität, Destruktivität, Hass, Gewalt, Vernichtung, Tod - Nekrophilie.
 
Keine Chance.
 
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" Das mißhandelte und verwahrloste Kind ist vollkommen allein, im Dunkel der Verwirrung und Angst, umgeben von Arroganz und Haß, seiner Rechte und seiner Sprache beraubt, um seine Liebe und sein Vertrauen betrogen, mißachtet, gedemütigt, in seinem Schmerz verhöhnt, ohne Orientierung, ohne jeden Halt, blind, gnadenlos der Macht des ignoranten Erwachsenen ausgeliefert, vollkommen wehrlos.

Sein ganzes Wesen möchte den Zorn herausschreien, die Empörung ausdrücken und nach Hilfe rufen. Aber genau das darf es nicht. All die normalen, von der Natur zur eigenen Rettung vorgesehenen Reaktionen bleiben ihm verwehrt. Wenn ihm nämlich kein Zeuge zu Hilfe kommt, würden diese natürlichen Reaktionen die Qualen des Kindes noch vergrößern, verlängern, und es könnte schließlich auch umgebracht werden.

So muß die gesunde Regung, gegen Unmenschlichkeit zu protestieren, unterdrückt werden. Das Kind versucht, alles, was geschehen ist, aus dem Gedächtnis zu löschen, auszuradieren, um die brennende Empörung, die Wut und die Angst, um den unerträglichen Schmerz aus dem Bewußtsein zu verbannen – wie es hofft, für immer. Was bleibt, ist ein Gefühl der eigenen schweren Schuld – auch dann, wenn es nicht gezwungen wurde, die Hand, die es schlug, zu küssen und um Verzeihung zu bitten. Leider geschieht dies häufiger, als man gemeinhin annimmt.

In Überlebenden solcher Folter, die mit totaler Verdrängung endeten, lebt das gefolterte Kind trotzdem weiter: im Dunkel der Angst, der Unterdrückung, der Bedrohung. Wenn all seine Versuche, den Erwachsenen zu bewegen, die Geschichte des Kindes anzuhören, erfolglos bleiben, versucht es sich mit der Sprache der Symptome Gehör zu verschaffen, mit Hilfe der Sucht, der Psychose, der Kriminalität. Wenn im Erwachsenen dann doch eine Ahnung aufkommt, weshalb er leidet, und er Fachleuten die Frage stellt, ob seine Leiden mit der Kindheit in Zusammenhang stehen könnten, wird ihm in den meisten Fällen versichert, dies sei wohl kaum der Fall, und falls doch, dann müsse er verzeihen lernen, denn es sei eben seine nachtragende Haltung, die ihn krank mache.

Ich habe in den letzten Jahren viele Bücher über unterschiedliche Therapieansätze aus den USA zugeschickt bekommen, von mir unbekannten Autoren. Ohne eine einzige Ausnahme setzen all diese Autoren als selbstverständlich voraus, daß das Verzeihen eine Bedingung für den “Erfolg” der Therapie sei. Diese Annahme scheint allen so selbstverständlich, daß sie nirgends hinterfragt wird – und gerade das wäre dringend notwendig. Denn Verzeihung löst den latenten Haß und Selbsthaß nicht auf, sondern überdeckt ihn in einer sehr gefährlichen Weise. [...]
 
Da aber die selbstdestruktiven Muster durch dieses Wissen noch nicht aufgelöst waren, suchte sie eine Therapeutin auf, die sie bei dieser Entdeckungsreise weiter begleiten sollte. Ungeachtet der offenkundigen Fakten, sagte ihr die Therapeutin eines Tages: “Wenn Sie Ihrer Mutter nicht verzeihen, werden Sie sich selbst nie verzeihen können.” Statt der Patientin zu helfen, die Schuldgefühle, die man ihr aufgeladen hatte, aufzulösen, was ja die Aufgabe der Therapie gewesen wäre, wurde ihr eine zusätzliche Forderung aufgebürdet, die diese Schuldgefühle zementieren dürfte. Doch mit einem religiösen Akt der Verzeihung werden selbstdestruktive Muster nicht aufgelöst. [...]
 
Als die Tochter über die Vergewaltigung durch den Stiefvater mit ihr reden wollte, schrieb ihr die Mutter, sie wolle sie nie mehr sehen. Es ist unfaßbar, daß sogar in einem so krassen Fall nicht offenkundig wird, daß durch die Forderung nach Verzeihung ein eventueller Therapieerfolg zwangsläufig verhindert wird. Was wird damit erreicht außer der Beruhigung der Therapeutin?
Dieses Beispiel zeigt, wieviel mit einem einzigen grundfalschen, verwirrenden, aber in der Tradition gut verankerten Satz zerstört werden kann – gerade weil er uns seit den frühesten Jahren so gut bekannt ist. Der Patient ist überzeugt, daß der Therapeut eine solche Aussage aufgrund einer gesicherten Erfahrung macht, und glaubt der Autorität. Er weiß nicht und kann auch kaum herausfinden, daß diese Behauptung lediglich die Angst eines mißhandelten Kindes, des Therapeuten, vor dessen Eltern ausdrückt. Er kann es um so weniger, als gerade diese Aufforderung zum Verzeihen bei ihm selber ebenfalls alte Ängste mobilisiert, die ihn dazu zwingen, der Autorität zu glauben. Wie kann der Patient unter diesen Umständen seine Schuldgefühle auflösen? Er wird ja ausdrücklich in ihnen festgehalten. [...]
 
Eine wirksame Therapie ist nicht die Fortsetzung der Erziehung, sondern die Aufklärung über die Verletzungen der Erziehung, deren Folgen sie auflösen kann. Sie muß dem Patienten den Zugang zu seinen Gefühlen vermitteln, und dies für die Dauer seines ganzen Lebens, weil nur dieser Zugang ihm helfen kann, sich zu orientieren und wirklich bei sich zu bleiben. Moralisierende Appelle können diesen Zugang nur versperren.

Die Forderung nach Verzeihung, der ich überall begegne, ist daher eine Gefährdung der Therapie. Sie ist Ausdruck unserer Kultur, in der Kindesmißhandlungen an der Tagesordnung sind und aus diesem Grund von den meisten Erwachsenen bagatellisiert werden. Die Möglichkeit der Wende hängt davon ab, ob es genügend “wissende Zeugen” gibt, die ein “Auffangnetz” für das wachsende Bewußtsein der mißhandelten Kinder bilden können, damit diese nicht in die Dunkelheit des Vergessens fallen, aus der sie später als Kranke oder Verbrecher wieder hochkommen. Aufgefangen im “Netz” der wissenden Zeugen, können diese Kinder zu bewußten Menschen aufwachsen, die mit und nicht gegen ihre Vergangenheit leben und die sich deshalb für eine humanere Zukunft werden einsetzen können.

Es ist bereits bekannt, daß das Beweinen von Schmerz, Trauer und Angst nicht nur Tränen fließen läßt, sondern daß gleichzeitig auch Streßhormone ausgeschieden werden, die eine allgemeine Entspannung im Organismus bewirken. Dies ist noch keineswegs mit Therapie gleichzusetzen. Immerhin wäre es jedoch eine wichtige Erkenntnis, die in die Behandlungen der Praktiker Eingang finden müßte. Doch das Gegenteil ist bisher der Fall. Dem Patienten werden Beruhigungstabletten verschrieben, damit er ja keinen Zugang zu den Ursachen seiner Symptome finde. Das Problem der Gesundheitspädagogik sehe ich vor allem in der Tatsache, daß die meisten Beteiligten, Institutionen und Fachleute auf keinen Fall wissen wollen, weshalb Menschen erkranken oder in Gefängnissen landen. Diese Weigerung führt dazu, daß unzählige chronisch kranke Menschen jahrzehntelang Kliniken und Gefängnisse “bewohnen”, daß Milliarden vom Staat bezahlt werden, um Geheimnisse zu hüten. Die Betroffenen dürfen auf keinen Fall erfahren, daß man ihnen helfen könnte, die Sprache ihrer Körper zu verstehen, um ihr Leiden wirklich zu lindern oder sogar aufzulösen. [...]
 
Es ist doch bereits erwiesen, daß die Verdrängung, so sehr sie für das Kind notwendig war, nicht das Schicksal des Erwachsenen sein muß. Die Abhängigkeit des kleinen Kindes von seinen Eltern, sein Vertrauen zu ihnen, seine Sehnsucht nach Liebendürfen und Geliebtwerden kennen keine Grenzen. Diese Abhängigkeit auszubeuten, das Vertrauen zu mißbrauchen, die Sehnsucht zu betrügen und zu verwirren und dies alles als Erziehung zu verkaufen ist ein zerstörerisches Tun, das täglich und stündlich aus Trägheit, Ignoranz und aus der Weigerung, diese aufzugeben begangen wird.
 
Die Tatsache, daß die meisten Verbrechen unbewußt begangen werden, mildert leider nicht die verhängnisvollen Folgen, die darin bestehen, daß der Körper des mißhandelten Kindes die Wahrheit registriert hat, sein Bewußtsein sich aber weigert, davon Kenntnis zu nehmen. Mit der Verdrängung der Schmerzen und der begleitenden Umstände rettet sich der kindliche Organismus vor dem Tod, den er durch das bewußte Erlebnis des Traumas erleiden müßte. Was bleibt, ist der Teufelskreis der Verdrängung: Die im Körper gespeicherte wahre Geschichte produziert Symptome, um endlich erkannt und ernstgenommen zu werden. Doch das Bewußtsein weigert sich, wie in der Kindheit, darauf einzugehen, weil es dort die lebensrettende Funktion der Verdrängung gelernt hat und weil ihm heute niemand sagt, daß der erwachsene Mensch nicht am Wissen sterben müßte; daß es im Gegenteil zur Gesundheit verhelfen würde, die Wahrheit zu kennen. [...]
 
So spielen wir miteinander das Blinde-Kuh-Spiel, Patienten, Ärzte, Behörden, weil bisher nur wenige die Erfahrung gemacht haben, daß das emotionale Zulassen der Wahrheit die unabdingbare Voraussetzung der Heilung ist. Der Mensch kann auf Dauer, auch körperlich, nur im Bewußtsein seiner Wahrheit funktionieren. Die traditionelle Moral, die destruktiven Interpretationen von Religionen, die Demütigungen in der Erziehung erschweren diese Erfahrung und verhindern das Wagnis. Die pharmazeutische Industrie profitiert zudem zweifellos von unserer Verzagtheit und Blindheit. Aber uns wurde nur ein einziges Leben geschenkt und ein einziger Körper, der sich nicht zum Narren halten läßt und der unbedingt darauf besteht, nicht von uns betrogen zu werden."
 
Quelle: https://www.alice-miller.com/de/die-befreiende-erfahrung-der-schmerzhaften-wahrheit/
 
Farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
Aktualisierung am 28. September 2019
 
Was ist unverzeihlich? Welche Taten sind - wenn - aus welchen Gründen, für wen, unter welchen Umständen absolut unverzeihlich?
 
Unverzeihlich ist eine Tat, sind Taten, Umstände "üblicherweise" (für wohl die meisten Menschen) dann, wenn:
 
es an Schuldeinsicht, Reue, also echtem (nicht geheuchelten) Mitgefühl (des Täters mit dem Opfer) fehlt und wenn tatsächlich und je individuell angemessene (!) Wiedergutmachung nicht geleistet werden will und/oder absolut nicht mehr geleistet werden kann und das Opfer existenzielle soziale, psychische und/oder physische Schäden (auch Langzeitschäden also) davonträgt.
 
Insofern schädigt gerade auch der strafende Staat, die Strafjustiz, da bspw. erlittene Gefängnishaft, Freiheitsentzug, Fremdbestimmung, aber eben auch Existenzvernichtung durch Strafgelder, die nicht gezahlt werden können (somit Schulden und Zwangsvollstreckung, Unterschreiten des Existenzminimums die Folge sind ...) genommene/entzogene Möglichkeiten, Perspektiven, Lebensentwürfe und -gestaltung zumeist irreversibel sind, dabei aber Langzeitfolgen/-schäden für Betroffene/Beschädigte - und deren Angehörige, folglich auch Kinder! - nach sich ziehen.
Siehe globale materielle Armut, Hartz 4, Niedriglöhne, Kinderarmut, Mütterarmut, Altersarmut ... .
 
Es ist gerade die Staatsgewalt, die Menschen intensiv , überdies absichtsvoll, vorsätzlich (!) existenziell v e n i c h t e n kann.
 
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Aktualisierung am 29. April 2019
 
Eine der zentralen Herausforderungen, die sich im Zusammenhang mit Wiedergutmachung und Versöhnung stellt, dürfte die beim Täter zu erwirkende, echte "Reue", d.h. dessen Schuldeinsicht und authentisches, wahrhaftiges Mitgefühl mit dem Opfer sein sowie im Zuge dessen das Überwinden seiner Scham über seine Tat.

Schuldeinsicht und Mitgefühl können inhärenterweise grundsätzlich nicht echt, d.h. authentisch, wahrhaftig sein, wenn sie durch Gewalt, durch Strafe, Manipulation, Indoktrination aufgezwungen, abverlangt, eingefordert, wenn sie nur "antrainiert", andressiert werden.
 
Das echte Mitleiden mit dem Opfer und infolgedessen das tatsächliche Bereuen der eigenen Tat, durch die dem Opfer Schmerz, Leid, Verletzung, Beschädigung zugefügt wurde, kann nur ein intrinsisches sein bzw. muss beim jeweiligen Täter, dem es an diesem Mitgefühl zumeist mangelt, erwirkt werden - ohne Zwang, ohne Druck, ohne Gewalt, siehe Strafe, Dressur.
 
Der Täter spielt anderenfalls nur etwas vor, heuchelt Schuldeinsicht und Reue, f ü h l t sie jedoch nicht tatsächlich und wird sein schädigendes Verhalten infolgedessen auch zukünftig nicht ändern (können), nicht einstellen, denn er hat nicht verinnerlicht, warum es wie schädigend ist und w i e sich solche Schädigung, Verletzung - für, bei ihm selbst - anfühlt, welchen Schmerz, welches Leid es auslöst, was die verletzte, geschädigte Person (das Opfer) empfindet.

Der Täter möchte, bewusst oder unbewusst, gerade diesen, seinen e i g e n e n tatsächlich selbst erlittenen, erinnerten Schmerz verdrängen, auslagern, "stummschalten", er versucht ihn daher auf diverse destruktive (fremd- und/oder selbstschädigende) Weise zu kompensieren.
 
Es ist beim Mitgefühl stets der jeweils "nur" eigene, erinnerte Schmerz, den wir fühlen, der uns leiden macht. Wir können nicht den Schmerz eines anderen Menschen - so wie dieser ihn fühlt, erlebt - fühlen, "erleben", da wir nicht dieser andere Mensch, inklusive all seiner Anlagen, Prägungen, Sozialisation, Erfahrungen, seines Gewordenseins ..., sind (siehe vergleichbar auch die Qualia in der Philosophie).
Wir fühlen immer nur unseren jeweils eigenen erfahrenen, erlittenen, erinnerten alten, früheren oder auch aktuellen Schmerz beim Mitfühlen, beim Mitleiden mit anderen leidenden Menschen.
 
Es geht in der Täterarbeit also entscheidend um dieses - beim Täter nicht mehr intakte - Mitgefühl, das jedem Menschen, wie auch einigen anderen Primaten, angeboren ist, das es beim Täter wiederzubeleben, zu reaktivieren gilt - und das ohne Zwang, Druck, Gewalt, siehe oben genannte Gründe.

Jedoch ist es nicht möglich, ohne Schmerz-, Leiderfahrung.
 
Eben da das Mitgefühl auf dieser eigenen, erlebten, erfahrenen, erlittenen, erinnerten Schmerzerfahrung basiert, durch diese eigene Schmerzerfahrung bzw. Schmerzerinnerung unmittelbar, unwillkürlich "abgerufen", aktiviert wird, wenn es intakt ist und ein in dieser Weise "gesund" mitfühlender Mensch andere Lebewesen leiden sieht/erlebt.
Der Täter muss folglich ohne Gewalt "dazu gebracht werden" können, sich dieser, seiner eigenen Leiderfahrung zu stellen, zuzuwenden, sich mit ihr bewusst, zumeist also schmerzhaft,  auseinanderzusetzen, bspw. im Rahmen von jeweils angemessener Therapie.  
Diese Auseinandersetzung, Aufarbeitung ist zweifelsohne auch anstrengend, unbequem, unangenehm bis schmerzhaft, unter Umständen auch verstörend, verunsichernd - eben deshalb wird sie häufig vermieden, gescheut.
 
Auf diese Weise, indem seine "Schmerzfähigkeit", d.h. das Zulassenkönnen der Erinnerung eigenen erlittenen Schmerzes - einhergehend zumeist eigener Gefühle von Hilf- und Haltlosigkeit, oft also von existenziellen, sehr belastenden Gefühlen und Krisensituationen (bis hin zu Traumata) - reaktiviert, "reanimiert" wird, wird zugleich sein Mitgefühl wiederbelebt, reaktiviert.

Die (therapeutische) Kunst besteht darin, solche sehr schmerzhaften, vom jeweiligen Individuum als erheblich belastend, bedrohlich bis sogar vernichtend erfahrenen, erlebten Gefühls-, auch Körperzustände (siehe Leiblichkeit - der Leib ist mehr als der Körper, der Leib umfasst immer auch psychisch-emotionale und geistig-intellektuelle Vorgänge) gewissermaßen zu evozieren, ohne das Individuum (den Täter in diesem Falle) hierdurch erneut bzw. noch zusätzlich zu beschädigen. Es geht dabei schließlich nicht um Sadismus, sondern um das Gegenteil: um Heilung - gerade des Täters, der selbst Opfer war, es nach wie vor ist. 

Der Täter kommt um die Erinnerung der, seiner persönlichen Schmerz-, Leiderfahrung nicht herum: im Zuge des Wiederherstellens seiner psychisch-emotionalen "Schmerz-, Leidfähigkeit", d.h. seiner (angeborenen) Grundlage für das Mitfühlenkönnen.
 
Um diese Grundlage wiederzubeleben, wiederherzustellen, ist das Reaktivieren der persönlichen Schmerzfähigkeit unerlässlich, unausweichlich.
Erst wenn der Täter aufgrund (s)eines intakten, wiederhergestellten Mitgefühls s e l b s t leidet: immer dann, wenn er anderen Menschen, Lebewesen wissentlich, absichtsvoll psychisch-emotionalen und/oder physischen Schmerz, Leid, Schaden zufügt, erst dann wird er dies unterlassen, es selbstmotiviert unterlassen wollen - eben da er anderenfalls selbst litte. Kein psychisch gesunder Mensch will gerne (intensiv, wiederholt, regelmäßig, langandauernd) leiden, wenn er kein Masochist ist.

Indem der mitfühlende Mensch vermeidbares (!) Leid nach je individueller und situativer Möglichkeit von anderen abwendet, es von ihnen fernhält oder deren Leid zumindest mindert, hält er Leid, Schmerz von sich selbst fern.
 
Der mitfühlende Mensch erträgt das Leiden anderer Menschen, anderer schmerzfähiger Lebewesen nicht, weil es ihn selbst (in unerträglicher Weise, Intensität) schmerzt.
 
In der "Täterarbeit", d.h. grundsätzlich beim Reaktivieren dieses angeborenen, jedoch bei nicht wenigen (bspw. anti-, dissozial persönlichkeitsgestörten) Menschen betäubten, beschädigten Mitgefühls, hat die sinnliche, insbesondere die taktile Erfahrung eine herausragende Bedeutung, die es in der "Täterarbeit" bzw. in Therapie unbedingt angemessen zu berücksichtigen, die es zu involvieren gilt, ausschließliche Gesprächstherapie kann hier nicht ausreichen, ist nicht effektiv. Denn:
 
Heilung, gerade auch psychisch-emotionale, geschieht vor allem über Beziehung und wohltuende (als angenehm, wohltuend empfundene, empfunden werden könnende) Berührung.
 
Menschen mit beschädigtem Mitgefühl, so u.a. auch Gewalttäter, haben ein beschädigtes "Berührungsgedächtnis", haben - zumeist in Kindheit und/oder Jugend bereits - angenehme, wohltuende, liebevolle Berührung nur unzureichend erlebt, erhalten, erfahren oder aber Berührung als unangenehm bis abstoßend, verletzend, schädigend erfahren, erlitten.
 
Heilungsgeschehen, Heilbehandlung muss daher grundsätzlich Berührung einbeziehen, also ermöglichen, wohltuende Berührung wieder zulassen, als angenehm empfinden zu können und die geschädigte Person (wieder) in die Lage versetzen, solche bedürfnisorientierte, respektvolle, fürsorgliche, zugewandte, gebende, nicht-sexuelle wohltuende Berührung ihrerseits nicht nur empfangen, sondern sie auch anderen geben zu können.
 
Zum tieferen Verständnis dessen seien bspw. Maurice Merleau-Ponty (über Leib, Leiblichkeit ...) sowie Gabor Maté (über Leib,  Krankheit, Sucht ...) und Arno Gruen (Empathie, Mitgefühl, Verrat am Selbst ...) empfohlen.
Und "idealerweise" kommt auch die je persönliche (Lebens-) Erfahrung, Reflexion, das je persönliche Mitgefühl, die eigene Feinfühligkeit, Empfindsamkeit, Sensibilität und Sensitivität, Schmerz- und Liebesfähigkeit zum Tragen.
 
Dies ist der eine der beiden zu Anfang genannten, zentralen Aspekte - Mitgefühl, Schmerzfähigkeit, Berührung, Beziehung, Heilung - der andere ist die Scham des Täters, die ihn zumeist hindert, sich mit seiner Tat und sich selbst näher, d.h. tatsächlich und intensiv, wahrhaftig, analytisch, reflektiert, selbstkritisch auseinanderzusetzen.
 
Weil die Scham zuzulassen, zu "erleben" wiederum schmerzhaft ist, wird sie zumeist verdrängt, zu kompensieren versucht, flüchtet sich die betreffende Person in den vordergründig bequemen, behaglichen Selbstbetrug - um die Scham, d.h. wiederum den Schmerz, nicht fühlen, nicht ertragen, um sich mit sich selbst, mit je persönlichen Schwächen, Defiziten, Unzulänglichkeiten, Minderwertigkeits-, Unterlegenheitsgefühlen und eigener (lebenslanger) Bedürftigkeit nicht auseinandersetzen, sich dem nicht stellen zu müssen.
Man weicht also aus, man flieht, flüchtet sich - in den schonenden, vermeintlich sanften, erleichternden Selbstbetrug.
 
Nicht selten findet im Zuge dessen auch die Täter-Opfer-Umkehr statt: Der Täter stellt sich vor und für sich selbst sowie vor anderen als das Opfer und das tatsächliche Opfer als Täter dar.
 
Der Sich-Schämende fühlt sich - je nach Tat und geltenden Normen, Moralsystem, auch religiösen Dogmen sowie seiner individuellen Persönlichkeit - unterschiedlich intensiv gedemütigt, erniedrigt, vorgeführt, klein, schäbig, schlecht ... . - Niemand möchte sich so fühlen, schon gar nicht längerfristig.
Die Scham, einhergend ggf. auch Selbsthass wird folglich abzuwehren, zu unterdrücken, zu verdrängen, zu kontrollieren (zu "beherrschen") versucht, durch diverse Kompensationshandlungen, siehe bspw. Täter-Opfer-Umkehr, Sucht, Machtstreben, Gewalt, auch Autoaggression ... - durch Verweigerung, Abwehr, Selbstbetrug, Selbstflucht.
 
All dies gilt es zu vermeiden, dem vorzubeugen bzw. es zu bewältigen.
Die Herausforderung in Täterarbeit und Therapie besteht folglich zunächst und zentral darin, beim Täter ohne Druck, Zwang, Strafe, Dressur, Gewalt dessen echte Reue (siehe oben: Mitgefühl, Schmerzfähigkeit ...) und das Überwinden seiner Scham zu erwirken, letztlich dessen Selbstreflexion, Selbsterkenntnis und Heilung:
 
Das Selbstwertgefühl, das Selbstvertrauen, das "Urvertrauen", die Schmerz- und Liebesfähigkeit, das Mitgefühl, die Sensibilität und die "Berührungsfähigkeit", d.h. das Empfangen und Geben wohltuender Berührung und Beziehung müssen beim Täter bzw. beim Geschädigten gestärkt, wiederhergestellt oder sogar erstmalig aufgebaut werden.
Erst und nur auf dieser Basis ist Wiedergutmachung, Verzeihen und Versöhnen möglich, zugleich ist dies die beste, tatsächlich wirkungsvolle, effektive Prävention.
 
Das Fundament hierfür legen wir - nicht nur Eltern, Hauptbezugspesonen, sondern die gesamte Gesellschaft - grundsätzlich und global bei den Kindern.
 
Wenn wir Kinder angemessen, d.h. tatsächlich liebe-, respektvoll, bedürfnisorientiert-fürsorglich, wertschätzend behandeln, in dieser Weise mit ihnen umgehen, leben, ihnen entsprechendes eigenes Verhalten "vorleben", ihnen Ur- und Selbstvertrauen, somit Selbstwertgefühl geben, ihr angeborenes Mitgefühl nicht beschädigen, sondern es stärken und fördern, beugen wir zahlreichen Störungen, Erkrankungen und Gewalttaten wirkungsvoll vor.
 
Möglich ist dies jedoch nur, wenn Menschen, insbesondere Eltern/Hauptbezugspersonen, grundsätzlich dazu in der Lage sind, wenn sie entsprechende Lebensverhältnisse haben, die es ihnen ermöglichen, sich in dieser Weise langfristig verhalten zu können, wenn sie also über ausreichend eigene physische und psychisch-emotionale Kapazitäten verfügen können. Dafür sind Zeit, Muße, angemessene Unterstützung, Freiheit, eine gesicherte Existenzgrundlage, Lebensqualität, Frieden/Gewaltlosigkeit unerlässliche Mindestvoraussetzungen.
 
Opfer werden häufig zu Tätern, Täter bringen neue Opfer hervor, die zu Tätern werden (können) und so weiter. Ein circulus vitiosus.
 
Kein Mensch wird als (Gewalt-) Täter, wird "böse, schlecht" geboren.
 
Prävention, statt Strafe.
Wiedergutmachung, Verzeihen, Versöhnen, statt Strafe, Rache, Gewalt - statt weiteren Produzierens von Opfern, von beschädigten, versehrten Menschen - von Tätern ... .
 
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Es geht nicht darum, sich überlegen zu fühlen.
 
Es geht bei Umkehr nicht um Gesichtsverlust, Blöße, Schwäche - sondern um das genaue Gegenteil dessen: Stärke, Charakter, Rückgrat, Souveränität, Integrität.

Es geht nicht um Macht und Unterwerfung - sondern um Waffen zum Schweigen und Taten zum Sprechen zu bringen, um das Überwinden von Angst, Scham, Minderwertigkeitsgefühlen und Kompensationshandlungen.

Es geht darum, zu bitten, zu verzeihen, zu geben, zuzulassen, auszuhalten - gerade die eigenen Schwächen, "Abgründe".

Es geht um Vertrauen und Frieden. Nicht nur, aber auch mit, in sich selbst - nur dann auch mit anderen.

Das ist LiebeN.
 
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13. Dezember 2018
 
Warum können so viele Menschen ihr Fehlverhalten nicht einfach zugeben, kommunizieren, in Dialog miteinander kommen - wo erforderlich: mit Mediator - sich entschuldigen, um Verzeihung bitten und Wiedergutmachung leisten, anbieten?!
 
Sind sie a l l e narzisstisch persönlichkeitsgestört?
 
Warum immer bloß Strafe, Rache, Gewalt? D a s ist Armut. Es ist maximal unreif, klein, schwach, hässlich, dumm. Krank. ?
 
Warum werden ausgerechnet zumeist jene Menschen zu unseren ärgsten "Feinden", Widersachern, Peinigern, die uns intensiv nahegestanden haben, mit denen wir emotional so innig verbunden waren/sind ... . - Wie kann es sein, dass man sich gegenseitig dermaßen schädigt, bekämpft, bekriegt, einander Schmerz, Leid zufügt, wo es so viel heilsamer wäre, mitzufühlen, aufeinander zuzugehen, Hände zu reichen, Brücken zu bauen - auch, wenn es mühsam, anstrengend ist.
 
Verzeihen, Wiedergutmachung, Versöhnung, Liebe
 
Ist es die Unerträglichkeit der eigenen Scham in Anbetracht eigenen Fehlverhaltens, eigener (sozialer, emotionaler, intellektueller, moralischer, charakterlicher) Unzulänglichkeiten, Defizite?

Ist es der pathologische Narzissmus inklusive (stets) kompensatorischen Strebens nach Machterhalt (Macht, Kontrolle, Unterwerfung) - der Selbstreflexion, Selbstkritik bzw. das Bittenkönnen um Verzeihung hindert?

Ist es die Angst vor neuerlichem Verletztwerden, also Abwehr, Verpanzerung, Mangel an Vertrauen (-können)?

Oder ist es doch bloße, banale Selbstgerechtigkeit, Hybris - maximaler Selbstbetrug?

?
 
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Was kritisieren wir am
Begriff „Opfer“ bzw. am Umgang damit?

netzwerkB

Noch ein Mal Grundsätzliches zu Sanktionen:
 
Was verbirgt sich denn hinter der Ansicht, gar der Überzeugung, Menschen mittels bspw. und besonders der Hartz 4-Sanktionen, welche ihre Existenz gefährden, welche diese Existenz sowie auch die Menschen direkt beschädigen (sowohl physisch als auch psychisch) - und das überdies langandauernd, wiederholt, mehrheitlich unabwendbar (k e i n e aufschiebende Wirkung von Rechtsbehelfen wie Widersprüche und Klagen) sowie außerdem in Form einer permanenten Drohkulisse, Ängstigung, Dauerstresssituation, da die Sanktionen stets wie ein Damoklesschwert über den Menschen im Hartz-Vollzug hängen?
 
Es ist diese Ansicht und Vorgehensweise nichts als Schwarze Pädagogik: Man, in diesem Fall die Legislative und Exekutive, die Staatsgewalt also, will die Betroffenen auf diese Weise schlicht gefügig machen, zu Gehorsam zwingen.
 
Denn mitnichten geht es darum, moralisch gebotenes, also prosoziales, kooperatives, verantwortungsvolles Verhalten erwirken oder befördern zu wollen; solches Verhalten kann niemals oktroyiert, d.h. durch Zwang, Schikane, Druck, Kontrolle, Strafe, Gewalt - bewirkt werden; durch all solches wird nur Schmerz, Leid, Not, Angst und infolgedessen Gehorsam generiert oder aber auch: Trotz, Abwehr, Verweigerung, natürliche Aggression (siehe durch das Überschreiten der Schmerzgrenze) und schließlich Gegengewalt oder Selbstzerstörung/Selbstvernichtung (bspw. auf Raten oder auch durch Suizid).
 
Letzteres wird sodann mit neuerlicher Sanktion/Gewalt geahndet, belegt, verfolgt.
 
Moralisch wünschenswertes, gebotenes, prosoziales, kooperatives Verhalten kann nur durch Einsicht, Erkenntnis, Zustimmung, Mitbestimmung, Einbezogensein, Anerkennung, Wertschätzung, Mitgefühl intrinsisch erzielt bzw. gelebt werden, insbesondere langfristig/dauerhaft nur auf diese Weise.
 
Genau darum geht es Regierungspolitik offensichtlich jedoch gerade n i c h t.
 
Ziel ist nicht, dass Menschen sich prosozial, kooperativ, solidarisch, loyal, mitfühlend, verantwortungsvoll, gemeinwohlorientiert, friedlich, freundlich und sogar freudig (!) unter- und miteinander verhalten k ö n n e n (und es dann auch wollen), sondern das Gegenteil dessen will erreicht werden: durch Spaltung, durch Diskreditierung, Herabwürdigung, Diskriminierung, Ausgrenzung bis hin zur Ächtung und Existenz(grundlagen)vernichtung. - Beschädigung von Menschen auf allen Ebenen also: psychisch-emotional, physisch, geistig.

Und das: durch Staatsgewalt, legal(isiert).
 
Zu dem einzigen Zweck, diese Menschen mittels dieser Gewalt unterwerfen, instrumentalisieren, ausbeuten zu können - wie Gegenstände, Objekte. Verheizbares Menschenmaterial. "Idealerweise": widerstandslos.
 
D a r u m geht es tatsächlich bei den Sanktionen.

Und aus eben diesem Grunde sollen sie mit allen Mitteln erhalten werden und aus eben diesem Grunde d a r f es aus staatlicher Sicht kein BGE, d.h. keine tatsächlich menschenwürdige Existenzsicherung geben. Denn diese würde die Sklaverei zunichte machen, sie würde damit überwunden werden können. - Zum Nachteil all jener, die von den bestehenden Verhältnissen maximal profitieren und um ihre "Privilegien", ihre Macht mit allen - noch so unlauteren, unmoralischen, n i e d e r e n, abscheulichen, menschenverachtenden und menschenvernichtenden - Mitteln kämpfen.
 
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Erich Fromm - Humanismus und Psychoanalyse - über das Menschsein, den Anderen/den Fremden, die Feindesliebe, Toleranz, Bewusstsein ...

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