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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie

Über das Absurde, die Absurdität der menschlichen Existenz, über Glaube, Halt, Trost, selbstschonenden Selbstbetrug, über Leidenschaft, Stärke, Schwäche, Authentizität ...

 
Alle menschliche Existenz ist nicht nur (nach u.a. Camus) absurd, sondern gleichermaßen (bzw. eben deshalb) grotesk und überdies (mit Pessoa) schamlos - bis zum Auslösen von Ekel (Sartre).
 
YES!
 
... und diesen Begriff verwende ich ausgesprochen selten.
(Mensch (in) der Verneinung - wie u.a. Cioran, Améry)
 
Nicht Glaube, nicht Religion spenden "Trost", "Halt" - sondern die Gewissheit (!) der unbehaglichen Scharfsichtigkeit, des Erkennens, Erkannthabens (des - eigenen und fremden - Leids, der Absurdität) anderer (Denkender, Sehender, Erkennender), die (mitunter lange schon) vorausgingen - und: deren gleiche Verzweiflung darüber, deren Schmerz, Nüchternheit, Zynismus, Realismus - deren Verurteilen und Verachten des selbstschonenden Selbstbetrugs - das Ertragen bzw. das Verweigern all dessen, all der (Selbst-) Lügen und Selbstschonung (diese: aus Gründen der Schwäche, der Feigheit und der Bequemlichkeit).
 
DAS nötigt Respekt ab, bis hin zur Verehrung ... bis hin zum "Trost", zum einzigen "Halt".
 
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Nie je wird auch nur ein einziger "winner" mich anrühren, beeindrucken. Nicht einer. Ihnen gilt meine leidenschaftliche Verachtung. - Mein Interesse, meine Zuneigung, mein "Herz" und meine Revolte - stets und von Kindesbeinen an: für die Versehrten, Gebrochenen, vorgeblich Gescheiterten. Die: Ehrlichen, Authentischen.
 
Nichts lau, nichts halb - ganz oder gar nicht. Und gerade/selbstverständlich im Wissen um den Abgrund, um dessen intime Nähe. - Das: verstehe ich unter Leidenschaft.
 
Leidenschaftlich lieben - leidenschaftlich hassen? ... jedenfalls: empfinden - leben. Die Grenzüberschreitung bewusst, absichtsvoll vollziehen.
 
Ja, manchem ist das zu "radikal", zu "krank" ... - zu: gefährlich. ;) Ihm fehlt: Leidenschaft.
Er will kein Risiko eingehen - er wird niemals ohne Netz über den Abrund balancieren - es könnte ihn nichts weniger als der Tod ereilen. - Er bleibt lieber lau, mittelmäßig. Er "gewinnt", weil er gerade nicht wagt. Er schont sich - um was zu erreichen? Bequemlichkeit. Das Verlängern seiner Existenz. Zum Preis der Schalheit, der Fadheit, der Farblosigkeit. Ich möchte nicht mit ihm tauschen. Er ist kein Rebell, er ist ein Hund.
 
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Die Dauer des Seins - nur ein schwacher Luftzug, das spärliche Glimmen eines längst vergangenen Sterns - noch nicht einmal das.
 
Die Verluste, die sich mehrenden, versterbenden Nahestehenden - sie verursachen nicht nur das Gefühl von Vereinzelung, Zurückbleiben, Verlorensein. Sie ermöglichen viel mehr kein Ausweichen (mehr) vor der Tatsache der Nichtigkeit allen Seins - der Verschwendung, Vergeudung, sinnlos, grundlos.
 
Der Lebenszwang durch den Lebenstrieb, der den sich seiner Vergänglichkeit und Geringfügigkeit bewussten Menschen zum willenlosen Sklaven seines je eigenen Existierens macht.
 
Die Erkenntnis all der Vergeblichkeit, all der Erbärmlichkeit - all der Absurdität.
 
Die Erkenntnis der Sinnlosigkeit des Schmerzes, des Leidens, des Mühens - des Hoffens, Wollens, Strebens.
 
Und dem nichts gegenhalten zu können.
Außer dem einzig tatsächlichen Akt der Befreiung, der Selbst-Überwindung: den Freitod.
 
Und wer nun sagt, es könne der "Sinn" "des" Lebens (menschlichen Seins nur - oder jeglichen Seins, auch also jenes, das sich seiner Existenz und Sterblichkeit nicht bewusst ist? ;) ) nicht sein, sich selbst zu vernichten, dem sei gesagt:
Sterben wirst du so oder so - früher oder später.

Wer den Freitod "praktiziert", nimmt, erlaubt (!) sich jedoch immerhin/wenigstens die Freiheit, über den Zeitpunkt und - idealerweise - auch die Art seines Sterbens, seines Todes, seines Ende(n)s selbstbestimmt zu entscheiden, über den eigenen Tod selbst zu "verfügen", statt wie ein Tier auf das eigene Ende in Ungewissheit und ggf. in zusätzlichem Leid und Siechtum würdelos warten zu müssen. - Ja, es geht um Würde dabei, nicht nur um das "Vermeiden", Abwehren von Leid (dafür sorgt ja vorgeblich die Palliativmedizin, wenngleich auch das so nicht zutrifft: dass sie jeglichen Schmerz nehmen kann).

Es geht um Selbstbestimmung(srecht) - wem gehört das je eigene Leben, wer darf auf Basis welcher ethischen Gründe darüber entscheiden, wann ein Mensch wie zu sterben hat, sterben d a r f ... . (Siehe in meinem blog unter "Freitod" ausführlich dargelegt).
 
Es gibt keine "Pflicht zu leben", nur: weil man geboren wurde/existiert.
Wer sollte einem auf welcher Legitimationsbasis eine solche Pflicht auferlegen können, dürfen? Das ist letztlich nur eine religiös basierte Ausflucht - um: den Lebenstrieb irgendwie rechtfertigen zu können bzw. zu wollen. Denn es fällt Menschen mehrheitlich gerade nicht leicht, ihr eigenes - einziges ;) - Leben selbst zu beenden.
 
Es kostet eine immense Selbst-Überwindung, die Überwindung des "Lebenstriebs", die Überwindung allen eigenen Hoffens-Wollens-Wünschens-Strebens, das LOSLASSEN all dessen, das einen bestimmt, ausmacht, woran das Herz hängt, wofür man sich mühte, litt ... .
 
Statt aber dem Suizidenten dafür Respekt zu erweisen, wird er nach wie vor als schwach und "krank" diffamiert - und es wird über seinen Freitod geschwiegen. Noch immer ist der Freitod ein (nicht nur mediales) Tabu-Thema. - Warum wohl ... ... ... .
 
Nein, es geht nicht um "Dammbruch" - es wird gerade nicht zu einer "Suizidwelle" kommen, gäbe es endlich ein Recht auf würdevollen, selbstbestimmten Tod - auf den Freitod also.
 
Es geht um ganz anderes dabei:
Je selbstbestimmter Menschen sind, je mehr Rechte und Freiheiten (somit auch Verantwortung!) sie - gerade auch je persönlich - haben, umso weniger leicht/gut sind sie lenkbar, steuerbar, manipulierbar, kontrollierbar - ausbeutbar.
Das kann keinesfalls im Sinne diverser Ideologien und bzw. also gerade auch Religionen sein - auch nicht im Sinne des Neoliberalismus, Kapitalismus.
 
 
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"[...] Das Wesentliche ist die Kontingenz. Ich will sagen, dass die Existenz ihrer Definition nach nicht die Notwendigkeit ist. Existieren, das ist dasein, ganz einfach; die Existierenden erscheinen, lassen sich antreffen, aber man kann sie nicht ableiten. Es gibt Leute, glaube ich, die das begriffen haben. Nur haben sie versucht, diese Kontingenz zu überwinden, indem sie ein notwendiges und sich selbst begründendes Sein erfanden. Doch kein notwendiges Sein kann die Existenz erklären: die Kontingenz ist kein Trug, kein Schein, den man vertreiben kann, sie ist das Absolute, folglich die vollkommene Grundlosigkeit. Alles ist grundlos, dieser Park, diese Stadt und ich selbst. [...]
 
Alles Existierende entsteht ohne Grund, setzt sich aus Schwäche fort und stirbt durch Zufall. [...]
Etwas beginnt, um zu enden: das Abenteuer lässt sich nicht verlängern: nur durch seinen Tod hat es einen Sinn. [...]
 
Ich bin frei: ich habe keinen einzigen Grund mehr zu leben, alle, die ich ausprobiert habe, haben versagt, und ich kann mir keine anderen mehr ausdenken. Ich bin noch ziemlich jung, ich habe noch genügend Kräfte, um neu anzufangen. Aber was soll man neu anfangen? Wie sehr ich bei meinen stärksten Schreckens- und Ekelanfällen auf Anny gezählt habe, damit sie mich rettet, begreife ich erst jetzt. Meine Vergangenheit ist tot. (...) Ich bin allein auf dieser weißen Straße, die von Gärten gesäumt ist. Allein und frei. Aber diese Freiheit gleicht ein wenig dem Tod. [...]

Mein ganzes Leben liegt hinter mir. (...) Es gibt wenig darüber zu sagen: eine verlorene Partie, das ist alles. Drei Jahre ist es her, dass ich feierlich in Bouville eingezogen bin. Ich hatte die erste Runde verloren. Ich habe die zweite Runde verloren. Zugleich habe ich erfahren, dass man immer verliert. Da sind nur die Schweine, die zu gewinnen glauben. [...]"
 
Jean-Paul Sartre - "Der Ekel"
 
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"[...] Nicht das Vergnügen, nicht der Ruhm, nicht die Macht: die Freiheit, einzig die Freiheit. [...]
 
... eine von Ekel erfüllte Verachtung für jene, die nicht erkennen, dass die einzige Wirklichkeit die eigene Seele ist und alles übrige - die Außenwelt und die anderen Menschen - ein unästhetischer Alp, hervorgerufen durch eine Verdauungsstörung des Geistes [...]
Mein Widerwille gegen jede Anstrengung wird angesichts jeglicher Form unmäßiger Anstrengung zu einem fast gestikulierenden Entsetzen. Der Krieg, die produktive, entschlossene Arbeit, die Unterstützung anderer ... all das scheint mir nur mehr das Produkt einer Schamlosigkeit zu sein, [...]
 
Nicht die schäbigen Wände meines gemieteten Zimmers (...) - nicht sie sind die Ursache für den geistigen Ekel, der mich angesichts der Schäbigkeit des Alltagslebens so häufig befällt. Die Menschen, die mich gewöhnlich umgeben, die Seelen, die mich durch tagtägliches Zusammensein und Gespräche kennen, ohne mich zu kennen, sie verursachen jenen Speichelkloß physischen Ekels in meinem Hals. Die schäbige Monotonie ihres Lebens, dem äußeren Ablauf des meinen parallel, ihre feste Überzeugung, meinesgleichen zu sein, sie stecken mich in die Zwangsjacke, in die Zuchthauszelle, machen mich apokryph und zum Bettler. [...]
 
Dann frage ich mich, wie ich es fertigbringe, weiterzuleben, woher ich die Feigheit nehme, hier, zwischen all diesen Leuten zu bleiben, zu sein, wie sie, mich tatsächlich abzufinden mit ihren Schrott-Illusionen. [...]
 
Ich begreife mein Verharren in diesem immer gleichen Leben, diesem Staub, diesem Schmutz an der Oberfläche des Nie-Veränderns einzig als ein Fehlen persönlicher Hygiene. [...]
 
Bei vielen Menschen ist dieser Mangel an Hygiene nicht etwa als bewusst gewollt zu verstehen, sondern vielmehr als ein Achselzucken ihres Intellekts. Und bei vielen ist ein immer gleiches stumpfsinniges Leben nicht auf eine freie Entscheidung zurückzuführen oder auf ein natürliches Sich-Schicken in eine ungewollte Existenz, sondern auf eine getrübte Wahrnehmung ihrer selbst, auf einen ironischen Automatisums ihres Intellekts. [...]
 
So führe ich mein Schicksal spazieren, das seinen Lauf nimmt, da ich stehenbleibe; und meine Zeit vergeht, da ich stillstehe. Nichts rettet mich vor dieser Monotonie, nichts, bis auf meine kurzen Kommentare zu ihr. [...]
 
Es ist eine Last des Bewusstseins von der Welt, ein Nicht-mit-der-Seele-atmen-Können.
Dann zerreißen wie Wolken im Wind alle Vorstellungen, in denen wir das Leben gespürt haben, und aller Ehrgeiz, alle Pläne, in die wir unsere Erwartungen an die Zukunft gesetzt haben, verwehen wie Asche und Nebel, Fetzen dessen, was nie war noch je sein könnte.
Und mit der Nachhut dieser Niederlage erscheint rein die schwarze, unversöhnliche Einsamkeit des leergefegten, bestirnten Firmaments. [...]"
 
Fernando Pessoa - "Das Buch der Unruhe"
 
 
 
Immer wieder kursieren in den Medien, im Internet die "beeindruckenden", erstaunlichen Geschichten, Dartellungen, Videos von körperlich eingeschränkten, versehrten und/oder betagten Menschen oder anderen, die irgendwie trotz "Widerständen" ganz großartige Leistungen, Taten vollbringen:
 
Was genau will man mit diesen Geschichten eigentlich bewirken?
 
Dass alle anderen, die das so nicht "schaffen", leisten, nicht so "willensstark", "diszipliniert" oder "weise" sind, sich noch schäbiger, versagt habender, minderwertiger, überflüssiger (als ohnehin häufig - aus Gründen ... - bereits) fühlen: s o l l e n?
Was will man damit erreichen?

Denn: Es ist ein Märchen, eine Lüge - solche Erzählungen. Viel zu wenig weiß man über die tatsächlichen je individuellen Hintergründe solcher Menschen - wie sie geprägt wurden, welche Erfahrungen sie auf welche Weise wie lange machten, welche Unterstützung, Mentoren ... sie hatten/haben, vor allem aber auch: wer durch ihr Tun auf welche Weise wie lange oder intensiv ggf. auch beschädigt wurde - damit sie selbst "so weit" kamen, ihre Ziele "verwirklichen", durchsetzen, "erreichen" konnten ... .
Und ja, es hat nicht nur mit der Lebensweise zu tun, sondern auch mit der genetischen Anlage - die ist bei Menschen ebenfalls unterschiedlich.
 
Solche Geschichten wollen doch stets nur eines vermitteln: Wenn du dich nur zusammenreißt, wenn du nur dizipliniert, willensstark, "positiv"/optimistisch/zuversichtlich g e n u g bist, dann kannst bzw. könntest/würdest auch du so etwas Großartiges (was immer es jeweils ist) schaffen, erreichen, erleben - leisten, darstellen, "sein".
Als wäre es nicht natürlich, sich unter bestimmten Umständen schwach zu fühlen, auch anderweitig schlecht, niedergeschlagen usw. - denn: das hat Gründe, einen Vorlauf. Und dieser liegt stets in der je individuellen Biographie - wer ist wo auf der Welt unter welchen Umständen wie aufgewachsen.

Michael Schmidt-Salomon spricht in seinem grandiosen Essay "Können wir wollen, was wir wollen?" von "strukturellen Kopplungen"; er erläutert sehr verständlich umfassend, was es mit der "Willensfreiheit" und "Willensstärke" auf sich hat, somit auch mit Verantwortung, Entscheidungen (auch inneren Glaubenssätzen) etc.. (siehe Persönlichkeitsentwicklung, Einflussfaktoren ...) - Und er zieht ein nicht minder großartiges Fazit. - Leseempfehlung (abermals).
 
Es geht nicht darum, Menschen Anerkennung für Gelebtes zu verweigern oder ihnen "Leistungen" ... absprechen zu wollen; es geht - mir - tatsächlich um die Botschaft solcher Geschichten, um die manipulative Botschaft, die durch das wiederholte, regelmäßige Verbreiten solcher Geschichten transportiert wird.
 
Ja, es gibt unzweifelhaft Menschen, die sich von solchen Geschichten beeindrucken lassen - das ist ja genau so auch gewollt, siehe abermals, was ich oben bereits ausführlich dazu schrieb (man will, dass Menschen nicht "jammern", sich nicht beklagen, stets "das Beste" aus ihren Umständen machen oder mindestens zu machen versuchen - man übergeht dabei vollständig die je unterschiedlichen individuellen Hintergründe). Auch das ist in Michael Schmidt-Salomons Text, den ich unten verlinkt habe, sehr anschaulich dargelegt.

Der Unterschied zwischen Märchen und anderen Erzählungen und den via Medien (also auch und gerade dem Internet) immer wieder verbreiteten "Erfolgsgeschichten" von "Lebenskünstlern" und anderen Alltagshelden, ist eben der - gravierende - dass es sich bei Ersteren um als Märchen, als erfundene Geschichten ausgewiesene Erzählungen handelt, bei Letzteren hingegen um "Menschen aus Fleisch und Blut im Hier und Jetzt" - um sogenannte Vorbilder, Menschen, an deren "Mut, Willensstärke, Disziplin und Leistung" man sich bitte gerne orientieren "darf" (soll) - statt also äußere Umstände zu beklagen oder "sich aufzugeben" oder "Pessimist zu sein" etc..

Es verkennt dies, dass viele dieser als so negativ eingeordneten Menschen tatsächlich eines sind: Realisten. Und dass nicht wenige, die an das Märchen von der Willensstärke und ihren (grundsätzlichen!) Folgen (nämlich positiven - immer: wenn man nur wirklich will/wollte, wenn man sich nur wirklich anstrengte, zusammenrisse, aufraffte, überwinde etc.) glauben, dem Selbstbetrug unterliegen - ebenfalls: aus Gründen. ;)

Ich empfehle, sich einfach (ein wenig mehr) mit Philosophie zu befassen, insbesondere mit "den" Existenzialisten, hierbei wiederum vor allem mit Camus. Wer jedoch das Grundlegende nicht selbst bereits erkannt hat (zu erkennen in der Lage ist - ebenfalls: aus Gründen), wird mit solcher Lektüre, dem darin Ausgesagten nichts anfangen können - er wird es nicht einmal verstehen (können bzw. wollen).
 
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