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Sabeth schreibt

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Poesie Melancholie Philosophie Feminismus

"Ich, Daniel Blake" - Ken Loach

"[...] Der 59-jährige Daniel Blake lebt im englischen Newcastle, hat jahrzehntelang als Tischler geschuftet, ist Witwer und kann nach einem Herzinfarkt nicht mehr arbeiten. Was sein Arzt ihm attestiert hat, ist der Sozialstaatsbürokratie aber völlig egal. Sie verweigert ihm die Sozialhilfe. Darum soll er sich trotz seiner lebensbedrohlichen Erkrankung dem Erwerbsarbeitszwang der Jobcenter beugen.
 
Fast zehn Minuten nimmt sich Loach Zeit, um in einer Szene zu Beginn tragikomisch den Irrsinn eines den Menschen zum Kostenfaktor reduzierenden Systems darzustellen. Ernüchtert sitzt Daniel Blake beim Arbeitsamt unter den Wartenden, als er aus dem Areal der Schreibtischtäter einen anschwellenden Streit bemerkt. Die alleinerziehende Mutter Katie Morgan bekommt kein Geld mehr, weil sie einen Termin versäumt hat. Sie erklärt den plausiblen Grund, bittet um Nachsicht, protestiert, und das »Sicherheitspersonal« schmeißt sie einfach raus. Daniel realisiert sofort das Unrecht, steht auf, ergreift Partei für die junge Frau - und landet dafür gleich mit auf der Straße.
 
Es entwickelt sich eine Freundschaft, die zwei Menschen aufgrund ihrer gemeinsamen Erfahrung und dem verzweifelten Kampf gegen die behördliche Brutalität zusammenschweißt - wegen der staatlicherseits entzogenen Würde aber auch konfliktbeladen ist und schließlich zu zerbrechen droht. Eine simple, eingängige und nachvollziehbare Geschichte. Dass sie sich dennoch eignet, die Folgen einer unmenschlichen Sozialpolitik aufzuzeigen, das liegt auch an dem hervorragend komponierten Drehbuch von Paul Laverty.
 
Monatelang recherchierte er, traf sich mit Sozialleistungsbeziehern und sammelte Beispiele für die Erbarmungslosigkeit, mit der die herrschende Politik hilfsbedürftige Menschen psychisch erniedrigt und materiell zerstört. Da wäre dieser Mann, bei dessen schwangerer Frau die Wehen frühzeitig einsetzten: Er fuhr mit ihr ins Krankenhaus, und während das Baby zur Welt kam, verpasste er einen Termin beim Jobcenter. Dort interessierte sich niemand für die Begründung, er erhielt kein Geld mehr. Oder die Story von der nach einem Suizidversuch in stationärer Behandlung befindlichen Frau, deren Sachbearbeiter sie am Tag nach dem gescheiterten Selbstmord in der Klinik anrief, um ihr mitzuteilen, ihr stehe keine Unterstützung mehr zu, weil sie sich ins Krankenhaus begeben habe, ohne bei ihm Urlaub zu beantragen. Oder der Fall des Mannes, der Daniel Blake am nächsten kommt: Ihn ereilte während des Gesprächs beim Jobcenter ein Herzinfarkt. Weil er den Termin abbrechen musste, strich ihm das Amt sämtliche Leistungen.
 
Dieses Thema fiktional aufzuarbeiten, birgt einen leicht ersichtlichen Nachteil. Für Menschen, die noch nie einzig und allein dem Sozialstaat ausgeliefert waren - und dazu dürfte ein erheblicher Teil des Ken-Loach-Publikums zählen - ist das Thema so abstrakt, dass ihnen manche der dramatischen Sequenzen in diesem Film unrealistisch erscheinen könnten. Andererseits wäre ein schonungsloser Dokumentarfilm über die kapitalistische Bürokratie wohl nie ins Kino gelangt und wäre vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen als propagandistisch abgelehnt worden.
 
Ken Loach setzt diesem Problem die subversive Kraft der Phantasie entgegen. Klar, dieser Film wird »JSA« (so heißt »Hartz IV« in Großbritannien) nicht durch ein humanes System ersetzen können. Wenn Katie sich entkräftet bei der Armenspeisung anstellen muss, im unbeobachteten Moment eine Konservendose öffnet, den Inhalt vor unbändigem Hunger in sich hineinschaufelt und nach dem Ertapptwerden zusammenbricht, dann sagen diese drei Minuten aber so viel mehr über Würde, Mitgefühl und Kapitalismus aus, als es zehn Regalmeter akademischer Abhandlungen jemals könnten.
 
Ken Loach und Paul Laverty schaffen es, Menschen mit skandalösen Zuständen zu konfrontieren, ohne in Kitsch und Larmoyanz zu verfallen. Sie schämen sich nicht ihres altmodischen, aber in diesen postmodernen Zeiten so bitter nötigen Gestus’ als sozialistische Klassenkämpfer. Darin mag (neben nationalistischen Motiven) auch der wichtigste Grund dafür liegen, dass insbesondere deutsche Kritiker bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes gegen die Entscheidung der Jury wüteten, diesen Film mit der »Goldenen Palme« auszuzeichnen, anstatt »Toni Erdmann« von Maren Ade zu ehren.
 
Dieser deutsche Blockbuster ist zweifellos großartig und nicht minder entlarvend. »Toni Erdmann« legt jene hinterhältige List des Neoliberalismus offen, die Abstiegsbedrohte zu Komplizen seiner verborgenen Machtmechanismen degradiert. »Ich, Daniel Blake« wendet sich dagegen denen zu, die nichts zu verlieren haben als ihre Ketten. Man könnte es auch so ausdrücken: Maren Ade kritisiert den Zeitgeist mit dem hippen Michel Foucault und Ken Loach greift zum verstaubt anmutenden Karl Marx.
 
Er wirft die Frage auf, warum ein reicher Staat wie der britische eine vom Mann verlassene Mutter als Mittellose direkt ins Bodenlose stürzen lässt und ihr im harten Ringen um Teilhabe keine helfende Hand reicht, sondern sie mit Hohnlachen in den Abgrund stößt. Es geht Loach um den Konflikt zwischen Arm und Reich. Ein Konflikt, dessen auch hierzulande allzu bekannte Auswüchse umso perverser daherkommen angesichts der gerade durch den Bundespräsidentschaftskandidaten Butterwegge hervorgehobenen Nachricht, dass allein das reichste deutsche Geschwisterpaar Klatten/Quandt in diesem Sommer aus BMW-Aktien 994,7 Millionen Euro an Dividende erlöst hat. [...]"
 
Quelle: neues-deutschland.de - "Die subversive Kraft der Phantasie"
 
 
Und ich warte auf auch hierzulande sowas wie Theaterregisseure (und -intendanten?), auf "Kulturschaffende" (von Rang und Namen), die das Thema Hartz 4-Faschismus, Ausgrenzung, Armut, Ausbeutung (Niegriglöhne, Leiharbeit, Armutsrenten ...), davon beschädigt aufwachsen müssende, gezeichnete Kinder auf die Bühne und die Straße bringen. - Es müsste eine Art flashmob der UNTERSCHICHT geben - irgendwelche Aktionen, die aufrütteln, die auch emotionalisieren - um Menschen zum Hinsehen und -hören zu bringen, um sie zum Nachdenken und zum HANDELN zu bewegen.
 
CHRISTOPH, du fehlst! =´(
 

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