Overblog Folge diesem Blog
Edit post Administration Create my blog
Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus

Über das Selbstmitleid, das Versagen sowie: Vom nachvollziehbaren "Wir können doch eh nichts ändern" zum infamen "Ihr seid doch selbst schuld!"

 
Mal wieder auf manipulative Weise verkürzend und einfach falsch dargestellt: warum Menschen aufgeben - auch: sich selbst.
 
... Was meine ich hiermit:
 
Welche Vergleiche werden im Text bemüht? Diese lahmen schon ja auf allen vier Läufen. Was hilft es uns, Säbelzahntiger heranzuziehen bzw. die Steinzeit zu bemühen - im Hinblick auf unsere aktuellen, globalen Probleme, die sich durchaus und selbstredend "entwickelt" haben - aber keineswegs durch das Tun und Entscheiden des "kleinen Mannes"/Bürgers! Noch nie so btw. Siehe die Geschichte der Menschheit.

Und was das - ewige - Kämpfen angeht: Ja, aber während wir also "kämpfen", leiden wir auch - viele Menschen: rings um den Globus. Sehr viele. Sehr, sehr viele. Und das zumeist gerade o h n e deren eigenes Verschulden. Und anderen geht es (zumindest/mindestens ökonomisch) sehr, sehr gut ... . Und das häufig auch: ohne deren tatsächlich eigenes Verdienst, ihre Leistung - sondern aus ganz anderen Gründen (Reichtum vererbt sich mehrheitlich, wie wir auch längst wissen und nach wie vor beobachten können).

Was will der Text also eigentlich suggerieren?: Welche Einflussnahme, wieviel Gestaltungsspielraum haben wir tatsächlich: je einzeln? Wieviel Mitbestimmungsrecht mit welchen Folgen für wie lange? Wie sieht es aus mit der "Demokratieteilhabe"? Und wie sieht es für all jene aus, die unter noch deutlich "schlechteren" Bedingungen existieren, vegetieren müssen? - Es ist PERFIDE, all diesen Einzelnen dann überdies noch einzureden, sie seien letztlich an ihrem Elend je selbst schuld und könnten es, so sie nur wollten oder diszipliniert oder "stark" genug wären, eigentlich jederzeit ändern. Sorry, aber: Ja, so etwas widert mich an.

Aber klar: Etliche Menschen brauchen ihn: diesen Selbstbetrug, diesen Zwangs- und Zweckoptimismus. Auch: aus Gründen. ;)
 
Und schließlich sind es genau diese verkürzenden, illegitimen, amoralischen, infamen Lügen, die bewirken, dass Menschen sich selbst aufgeben - eben w e i l sie sich ja bemühen, nicht selten über Jahrzehnte, aber auf keinen grünen Zweig kommen: k ö n n e n, dürfen. Und wenn diese Menschen dann lange genug eingetrichtert bekommen, sie seien an ihrer Misere vollständig oder auch "nur" überwiegend selbst schuld, dann erniedrigt, beschämt, zermürbt, dann schwächt sie das - am Ende steht der totale Verlust des SELBSTWERTGEFÜHLS. Sie werden also systematsich/absichtlich/willentlich entwertet. Und das ebenfalls: aus - bekannten - Gründen. Genau so, genau da will man sie haben. Exakt.
 
Ginge es ("der Politik", der Wirtschaft, den Mächtigen, den Entscheidern ...) wirklich um die bzw. um d e n Menschen, sähe unsere Welt längst ganz anders aus oder würde zumindest allmählich auf einen entsprechenden Weg gebracht. - Wir alle wissen, warum genau das gerade n i c h t geschieht (obwohl es für "Alternativen" bereits einige, praktible, realistische, umsetzbare Konzepte gibt).
 
-
... Für die Teilnahme an Kriegen und das Fördern und Schonen multinationaler Konzerne sowie andere neoliberalistisch "ausgerichtete" Geschehnisse, Maßnahmen, Abläufe ist "der kleine Mann" kaum verantwortlich zu machen.
Ja, er darf (in D-Land) alle vier Jahre sein Kreuzchen machen. Er darf sich auch in einer Partei selbst aktiv "einbringen" (Mitglied werden ...), so auch bei Gewerkschaften und diversen (kommunalen, regionalen und überregionalen Initiativen, Organisationen, Vereinen ...). Aber wieviel und wie weitreichende Einflussnahme hat er hierbei worauf - hinsichtlich der Innenpolitik, der Europapolitik, der Außenpolitik oder auch nur hinsichtlich seiner Mitbestimmungs-, Mitgestaltungsmöglichkeiten in seiner Kommune? Wieviel Demokratieteilhabe also hat er - bzw. diese gerade nicht und aus welchen Gründen "hat" und "erhält" er sie nicht bzw. "nimmt" sie "sich" nicht?

Ja, für das jeweils selbst gesetzte Kreuzchen ist der einzelne "Wählende" verantwortlich. Aber eben: Warum wählt er welche Partei - auf Basis welcher (Fehl-) Informationen, die er auf welche Weise (Medien) erhält - wie aufbereitet ... ?
 
Welche Einzelnen der "Millionen, die unter Niedriglohn, Hartz IV etc. leiden", wählen überhaupt noch? Und dann: die etablierten Parteien? - Sie wähl(t)en schon vor der "Flüchtlingskrise" nicht (mehr oder noch nie). Sie wählten kleine Splitterparteien ("Protestwahl"), wenn überhaupt oder eben gar nicht. Aus bekannten Gründen.

Wir wissen, dass es gerade mehrheitlich jene sind, denen es noch vergleichsweise gut geht oder auch sehr gut, die überhaupt wählen gehen - regelmäßig, die überdies - aus Gründen - gerade die etablierten Parteien wählen und die (einige von diesen "Bessergestellten" der oberen Etagen) außerdem auf noch und vor allem ganz andere Weise, anderen Wegen massiven Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen können und de facto nehmen (siehe Lobbyismus, siehe Korruption).
 
-
 
Über Selbstmitleid und Versagen
 
Wer entscheidet auf welcher Grundlage, welcher andere "versagt" hat - wer bescheinigt sich dies aus welchen Gründen selbst?
 
Was gilt in welcher Gesellschaft zu welcher Zeit - aus welchen Gründen ;) - als Versagen/Versagthaben - mit welchen Folgen und noch wichtiger: aufgrund welcher Ursachen?
 
Die Frage ist, wer was unter Selbstmitleid versteht - was damit bezweckt wird - den Anderen zu diskreditieren, noch mehr zu schwächen: meist genau das.
 
Denn: Wenn ein Mensch nicht mehr kann und/oder will, wenn er seine missliche Situation "beklagt", sich dazu äußert, statt nur die glänzende Fassade vorzugaukeln (weil das Konvention ist, weil das Gesetz ist), wird er ausgegrenzt, abgewertet - denn er zeigt Fakten auf, die für jene unbequem sind, die die Dinge gerne so beibehalten wollen wie sie sind, weil sie selbst davon profitieren.
 
Dann kommen Sprüche wie "Jeder ist seines Glückes Schmid. - Man muss stets das Beste daraus machen. - Es ist alles eine Frage der Willensstärke, Disziplin und Leistungsbereitschaft." usw..
Hierbei geht es um Manipulation. Aus genanntem Grund.
 
Wenn es Menschen schlecht geht oder sie sich schlecht fühlen, hilft es ihnen jedoch absolut nicht, dann noch zusätzlich beschimpft, erniedrigt, verachtet und ausgegrenzt zu werden - sanktioniert also. Das Gegenteil ist der Fall.
 
Wenn man jedoch zugestände, dass es nicht überwiegend oder überhaupt ihre eigene "Schuld" ist, dass sie in misslicher Lage sind, dass es nicht ihr persönliches Versagen ist, so müsste man die Ursachen in äußeren (gesellschaftlichen, politischen) Gegebenheiten, Verhältnissen verorten - genau das will man - aus oben genanntem Grund - nicht.
 
Man w i l l die Ungleichheit aufrechterhalten, weil/wenn man davon profitiert.
Und wenn es nur das ist, andere abzuwerten, um sich selbst aufwerten, um vorgeblich eigene (überdurchschnittliche) Leistungen herauskehren zu können.
 
Charakterlich ist das die tatsächliche Armut.
 
-
 

Diesen Post teilen

Repost 0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:

Kommentiere diesen Post