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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie

Über Moral - über Werte, Konservatismus, Mitgefühl, religiösen Glauben, Ethik ...

 
Es ist halt so, auch wenn es vielen Zeitgenossen nicht bewusst ist oder nicht gefällt und/oder sie von dem Begriff beklagenswerterweise eine gänzlich falsche, zumindest erheblich verkürzte Vorstellung haben:
 
Letztlich geht es bei/in allem (mehr oder weniger) um "Moral". Exakt. Denn ohne diese ist auch so "etwas Basales" wie Menschenwürde und Menschenrechte nicht definierbar. Es geht also um Werte und in der Folge um nach diesen Werten ausgerichtete Verhaltensweisen, Handlungen, die wiederum (mehr oder weniger "entsprechende", keineswegs aber stets "vorraussehbare") Folgen nach sich ziehen.

"Moral", Ethik - und deren basalste Grundlage, deren Ursprung: Empathie bzw. Mitgefühl - durchflicht unser gesamtes Leben - so lange wir mit einem oder mehreren anderen Menschen bzw. Lebewesen interagieren ... (wollen oder auch müssen).

Deshalb führt letztlich eben gerade kein Weg an ihr vorbei. ;)
 
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"[...] Welche Probleme es in unserer Gesellschaft auch immer geben mag , die Autoren solcher Jeremiaden müssen sie stets besonders drastisch ausmalen. Aus jeder demografischen Delle muss gleich der Untergang des Abendlandes werden, aus Wertepluralismus verderblicher Nihilismus. War der klassische Konservatismus in aller Regel noch von moderater Mittelwegsphraseologie geprägt, so liebt es der neue Konservative gerne schneidiger. Der klassische Konservative sah in der Modernisierung und in allzu radikalen Reformen eine Gefahr, für den neuen Konservativen ist die Katastrophe längst eingetreten: allgemeiner Verfall der Moral, Pille und Kondome kursieren in den Realschulen, Frauen ziehen ihre Kinder alleine groß, in multikultureller Blauäugigkeit gestattet man den Muslimen, bei uns ihre Moscheen zu bauen. Die Arbeitsmoral verfällt, von Tischsitten haben die jungen Leute keine Ahnung mehr. Roter Faden dieser überhitzten Untergangsphantasien: Alles ist fürchterlich.
 
Um Konsistenz kümmert man sich dabei nicht immer. So wird der Werteverfall beklagt, aber eingefordert, Migranten müssten sich zu "unseren" Werten bekennen. Nur bitteschön, wie soll das gehen? "Sie" sollen sich zu etwas bekennen, was "wir" verloren zu haben glauben? Da wird das Emanzipationsbestreben der Frauen als Ausweis des Werteverfalls gesehen, dann aber wird die Gleichberechtigung der Frau als einer jener Werte angepriesen, den Einwanderer aus patriarchaleren Kulturen unbedingt akzeptieren müssen. Man könnte die Liste solcher Kuriositäten endlos fortsetzen. Innere Inkonsistenz ist, anders als bei philosophischen Theorien oder mathematischen Abstraktionen, im Bereich des Politischen nämlich nicht unbedingt ein Nachteil. Politische Großströmungen sind ja nicht dann erfolgreich, wenn sie von glasklarer Logik sind, sondern wenn sie widersprüchliche Haltungen und Sehnsüchte zu bündeln verstehen. Im besten Falle, also dann, wenn sie erfolgreich, also wirkmächtig scheinen, sind sie einerseits mit der Realität verwoben, andererseits Korrektiv der Realität. So schrieb unlängst der italienische Psychoanalytiker Sergio Benvenuto gerade in Hinblick auf die Widersprüchlichkeiten des Konservatismus: [...]
 
Was den neuen Konservatismus vom klassischen unterscheidet, ist gerade sein Umgang mit der Widersprüchlichkeit. Der alte Konservatismus war vergleichsweise aus einem Guss: Er wurzelte eher im Feudalismus und im Kleingewerbetum und stand dem Kapitalismus skeptisch gegenüber, er war mit den traditionellen Mächten verbunden, hielt zu Kaiser, König, Fürsten und war ein Gegner der Demokratie. Er setzte in allen Lebensbereichen eher auf die Kräfte des Beharrens als des Wandels, und wenn er die Parole "Freiheit" hörte, dann versetzte er seine Kanoniere in Alarmzustand. Er war elitär und verachtete die Plebejer, und ebenso auch die Geschäftemacher. Der neue Konservatismus dagegen ist von ganz anderer Art. In Wirtschaftsdingen sind die neuen Konservativen von Neoliberalen oft kaum zu unterscheiden.
Der Neokonservatismus hat sich mit dem Kapitalismus nicht nur abgefunden, er preist vielmehr die Freiheitskultur des liberalen Kapitalismus und beklagt, dass der moderne Wohlfahrtsstaat diese "Kultur der Freiheit" untergräbt, weil er aus eigenverantwortlichen Wirtschaftsbürgern alimentierte Bezieher staatlicher Transferleistungen macht. Nicht selten schmeichelt er den Instinkten der "einfachen Leute" und trommelt gegen die linksliberalen Eliten. Er hat auch die liberale Massendemokratie des Westens nicht einfach nur murrend akzeptiert, sie hat im Neokonservatismus vielmehr ihren engagierten Fürsprecher gefunden - was so weit geht, dass er für den Export dieser Regierungsform, wenn nötig mit militärischen Mitteln, eintritt.
 
Mit einem Wort: Der Neokonservatismus preist die schöpferische Zerstörung, für die das freie Unternehmertum sorgt, er ist für einen schlanken Staat und für die Ausdehnung des Marktprinzips auf immer mehr Lebensbereiche. Gleichzeitig beklagt er die Resultate, die der avancierte Kapitalismus zeitigt. Er preist das freie Unternehmertum, verdammt aber den Hedonismus des postmodernen Konsumbürgers, verteidigt die liberale Kultur der Freiheit, sieht aber im Pluralismus der Werte eine Gefahr. Diese Aufspaltung ist das "Neo" am Neokonservatismus - er ist konservativ in Wertefragen, aber radikal liberal in allen anderen. [...]
 
Auf der einen Seite wird "weniger Staat, mehr Privat" durchgesetzt, Marktkonkurrenz in allen Lebensbereichen. Und wenn es dann neunundsiebzig Privatfernsehkanäle gibt und das Publikum nur mehr die Brüllshows schaut, wird der Verfall von Sitte und Moral beklagt. Aber aus der Perspektive des Neokonservatismus stellt sich die Sache eine Nuance anders dar: Er hält den liberalen Kapitalismus mit wenig Staat und viel Privat für die beste aller Ordnungen, und er weiß durchaus, dass diese durch Kräfte gefährdet ist, die sie selbst entfesselt. Diese liberale Ordnung könne also nur weiter ihre produktiven Potenziale entfalten, wenn sie von tugendhaften Kräften gestützt wird. [...]
 
"Der Feind des liberalen Kapitalismus ist heute weniger der Sozialismus als der Nihilismus. Bloß erkennt der liberale Kapitalismus den Nihilismus nicht als seinen Feind, sondern sieht ihn als eine zusätzliche schöne Geschäftsmöglichkeit."
 
Einstmals, als der Kapitalismus noch von den Kräften der protestantischen Ethik zehrte, war er im Bündnis mit Tugenden gewesen, aber zunehmend werde er zu Verbündeten des Lasters. Denn wer rund um die Uhr Pornos schauen, sich eine private Flugzeugflotte zulegen oder tonnenweise Fastfood in sich hineinstopfen will, der werde von einem Markt versorgt, der noch in jeder Perversion, wenn sie nur von genügend Menschen geteilt wird, eine Zielgruppe und eine Marktlücke sieht. Den neokonservativen Denkern, allesamt brillante Köpfe, blieb natürlich nicht verborgen, dass es der von ihnen so geschätzte liberale Kapitalismus war, der die Gier der Konsumenten nach immer mehr und immer Neuem brauchte, und daher jedes Laster noch anstachelte, weil es sich, aus Unternehmerperspektive, als Tugend ausnahm - "Nachfrage" genannt.
 
Das war natürlich eine zusätzliche Herausforderung für das neokonservative Denken, da ihre Verehrung des privaten Unternehmertums ja im Anschluss an Adam Smith davon ausgehen musste, dass sich individuelle Laster wie etwa das Gewinnstreben und der Eigennutz durch das Wirken der sagenumwobenen unsichtbaren Hand in öffentliche Tugenden verwandeln würden. Aber darauf war nun offenkundig kein Verlass mehr, wie Irving Kristol erkannte:
 
"Die entscheidende Frage, der wir nun gegenüberstehen, ist, dass private Laster sich keineswegs mehr in öffentlichen Nutzen für eine bürgerliche Ordnung verwandeln. Vielleicht müssen wir anerkennen, dass die freiheitliche Tradition des Kapitalismus einfach zu wenig Vorstellungskraft hatte, um das Laster wirklich zu begreifen. Sie hat einfach nicht sehen wollen, dass das Laster, wenn sie von Religion, Moralität oder Gesetz nicht eingedämmt werden, einfach nur lasterhafte Resultate zur Folge haben würden. Sie war blind für die Gefahr des selbstzerstörerischen Nihilismus, gegen den sich jede Gesellschaft verteidigen muss."
 
Den auflösenden, zersetzenden Kräften, die dem liberalen Kapitalismus inne wohnen, müsse also durch eine neue Werteoffensive begegnet werden, so das Credo. Dem Stil der amerikanischen Politik entsprechend wähnten sich die Neokonservativen stets mit dem Rücken zur Wand und schlugen, auch als sie längst obenauf waren, alarmistische Töne an: Überall wurde Laster ausgemacht. Nicht nur die Gegenkultur und die Spaßgesellschaft mit ihrem Anything-goes-Prinzip, auch der Wohlfahrtsstaat wurde als mächtige Kraft der Lasterhaftigkeit interpretiert, weil er die Arbeitsmoral untergrabe und die Familien zerstöre. Öffentliche Sozialprogramme wurden nicht etwa als notwendige Unterstützung bedürftiger Familien - von Frauen, von Kindern, von Männern - angesehen, sondern als Hilfe zur Amoralität kritisiert: Frauen könnten sich ein ausschweifendes Sexualleben leisten, weil sie notfalls ihre Kinder auch selbst mit Hilfe staatlicher Alimentierung groß ziehen können, den Männern würde ihre wichtige Rolle als ökonomischer Erhalter der Familien genommen, die Kinder würden in einer Kultur der Vaterlosigkeit erzogen. Schon vor dreißig Jahren schrieb Irving Kristol:
 
"Väter müssen arbeiten - in dem Sinn, als es die 'väterlichste' Sache ist, die ein Vater tun kann. Wohlfahrtsprogramme kippen den Vater aus seiner Rolle als Brotverdiener."
 
Heute liest man das fast wortgleich bei Norbert Bolz:
"Wohlfahrtsstaatliche Leistungen verringern die Kosten unehelicher Kinder und ermutigen die Frauen, auf einen Haushalt mit dem Vater ihrer Kinder zu verzichten. Und umgekehrt fühlen sich Väter weniger verantwortlich für ihre Kinder."
 
Für viele Neokonservative produziert die große Differenzierungsmaschine des liberalen Kapitalismus im Bündnis mit der Gegenkultur und den Achtundsechzigern letztendlich nur eine Differenz: die zwischen Moral und Amoral. Und während die Amoral in jede Pore der Gesellschaft eindringt, wird die Moral nur mehr von wenigen beherzten Uneinverstandenen hochgehalten. So ähnlich wie in Asterix:
"Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf ..."
 
Diese neokonservative Erzählung ist ein Narrativ in das sich alles fügt. In ihm ist die Gegenwart ein Reich kultureller und sittlicher Finsternis, beherrscht von einer zügellosen Zersetzung, einer schrankenlosen Habgier, dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, dem Kult des Trivialen. Die Jetztzeit, ein Dekadenzphänomen. Alles fügt sich ein in ein einheitliches Signum des Verfalls. Dieser neue Konservatismus hat einen unübersehbaren Drall ins Schrille. Freilich gibt es gewissermaßen parallel zu diesen überdrehten Jeremiaden noch andere Argumentationsreihen, andere Spielarten in einer verwandten Tonlage, die von realistischeren Bildern ausgehen. Demnach sorgt die liberale Differenzierungsmaschine nicht nur für eine Spaltung von Moral und Amoral, sondern auch für eine Relativierung verbindlicher Moralvorstellungen. Zunächst wachse nicht notwendigerweise die Amoral, aber die Moral trete gewissermaßen im Plural auf. [...]
 
Nihilismus ist, so gesehen, also nicht einfach die Verwerfung aller Werte - also die Lasterhaftigkeit -, sondern der Respekt vor der Gleichrangigkeit konkurrierender Wertvorstellungen. Das erinnert natürlich frappant an den mittlerweile legendären Satz, den Kardinal Joseph Ratzinger zum Eingang jenes Konklave formuliert hat, das er als Papst verlassen musste:
"Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten lässt."
 
Ratzinger ist, verglichen mit Verfallspropheten wie Kristol, Bolz oder Eva Herman, richtiggehend entspannt. Er sieht nicht notwendigerweise eine allgemeine Tendenz zu Gier, Gemeinheit, Eigensucht und Lasterhaftigkeit. Er hat immer wieder in den vergangenen zwanzig Jahren die Frage diskutiert, ob der Relativismus - und damit der Pluralismus der Werturteile - nicht unlöslich verbunden ist mit der Demokratie. Er hat auch immer wieder eingeräumt, dass die Menschen heute keineswegs gewissenloser seien als früher. Nur seien sie der verbindlichen gesellschaftlichen Normen verlustig gegangen. Der moderne Individualismus, formulierte Ratzinger Anfang der neunziger Jahre, habe die allgemeine Überzeugung verbreitet, dass das Gewissen des Einzelnen das letzte Wort haben müsste, dass man nicht auf die Predigten irgendwelche Autoritäten hören solle, sondern auf die Stimme der Wahrheit im Subjekt selbst. Freilich, so Ratzinger, handele man sich damit ein Problem ein, denn:
"Gewissensurteile widersprechen sich."
 
Genau das ist es, was Ratzinger unter Relativismus versteht - nicht Amoral, sondern eine Ausdifferenzierung in viele Moralitäten und den weit verbreiteten Konsens - "das Diktat" -, dass jeder Gewissensentscheidung Respekt gebührt. Doch dieses Postulat wirft zwei Fragen auf. Erstens: Ist das wirklich ein Problem? Und zweitens: Ist das überhaupt wahr?
 
Der Werterelativismus macht den Menschen das Leben gewiss nicht leichter. Sie haben kein verbindliches Sittengesetz mehr zur Hand, das genaue Regelungen für alle denkbaren Anlässe bereitstellt. Sie müssen oft schwierige Entscheidungen nach dem eigenen moralischen Empfinden treffen - sicherlich eine große Herausforderung. Aber gerade deshalb ist dieser viel gescholtene Werterelativismus nach einem Wort des italienischen Philosophen Paolo Flores d'Arcais die Basis für einen ethischen Pluralismus, ohne den demokratische Gesellschaften nicht existieren können. Es könnte also durchaus sein, dass der Werterelativismus gar kein Problem darstellt. Oder besser: Wenn es ihn nicht gäbe, wäre das ein noch viel größeres Problem.
 
Darüber hinaus ist durchaus fraglich, in welchem Sinn die Relativitätsdiagnose überhaupt zutreffend ist. Gewiss haben unterschiedliche Menschen ihre unterschiedlichen moralischen Präferenzen. Aber das heißt nicht, dass es keine Regeln, keine moralischen Normen gäbe, die weitgehend anerkannt sind - die gibt es nämlich, und man spürt sie schnell, wenn man gegen sie verstößt. Fairnessregeln, Gleichheitsregeln sind heute viel weitgehender akzeptiert als vor hundert Jahren und auch die Norm, dass man Konflikte eher gewaltfrei regeln solle, ist heute beinahe Konsens. Die modernen Gesellschaften werden moralischer, auch wenn das die Bürger nicht so empfinden mögen. Ja, gerade dieses subjektive Empfinden ist ein Hinweis darauf, dass die Toleranzschwelle gegenüber Normenverstößen eher sinkt: Je sensibilisierter für Normen, umso drastischer empfindet man Verstöße.
 
Gegen das Diktum vom Werterelativismus hat der deutsche Sozialwissenschaftler Detlef Horster deshalb eingewandt:
"Es ist oft die Rede davon, dass heute jeder ‚seine eigene Moral' habe. Das ist aber nicht der Fall. Moralische Regeln sind objektiv und nicht jeder ist frei darin, sich eine Präferenzskala moralischer Regeln zu bilden." [...]
 
Die These vom Werteverlust ist also reichlich fragwürdig. Eher ist von einem Basisset gesellschaftlich verbindlicher Normen auszugehen, oberhalb dessen sich ein Pluralismus differenter Wertvorstellungen erhebt. Oft stoßen widerstreitende Wertvorstellungen gerade in jenen gesellschaftlichen Fragen aufeinander, in denen es um komplizierte moralische Abwägungen geht - denn gerade in komplexen Gesellschaften steht man immer wieder Problemen gegenüber, wo man einer moralischen Norm nur folgen kann, indem man eine andere bricht.
 
Es ist eine ebenso kuriose wie unbestreitbare Eigenschaft, dass "Werte" im öffentlichen Diskurs oft mit konservativen Werten identifiziert werden. Gern werden diese Werte dann als "wahre Werte" bezeichnet, in Opposition zu den falschen Werten der Moderne. Es wird insinuiert, es ginge um innere Werte mit einer gewissen Resistenz gegen die äußere Welt. Dabei sind gerade diese "wahren Werte" meist mit äußeren Riten verbunden - das Weihnachtsfest im Familienkreis, Anstand, Benehmen, Sekundärtugenden. Schier unschlagbar ist der Konservativismus am Feld des Moralischen, bedenkt man sein "realistisches" Verhältnis zu Werten: eine gewisse Lässigkeit, die nicht etwa als mangelnde Ernsthaftigkeit ausgelegt werden darf, sondern im Gegenteil vom Bewusstsein über die ernste Tragik der menschlichen Existenz zeugt. [...]
 
Wenn von "Werten" die Rede ist, werden fast automatisch "die guten alten Werte" assoziiert. Dabei ist natürlich der Konservatismus nicht immer gegen jede Art von Wandel. Das allgemeine Wahlrecht und die Gleichberechtigung der Frauen wurden in früheren Zeiten als Symptom des Werteverfalls angesehen, heute sind sie selbst Teil des Sets an Werten, die auch von vielen Konservativen anerkannt werden. Gerade der Neokonservatismus wurde in den vergangenen Jahren berühmt und berüchtigt, weil er für den Export der Demokratie mit militärischen Mitteln eintritt, wenn man so will: für Wertewandel in Arabien. Es ist also keineswegs so, dass der Konservatismus Werte allein deshalb hochhält, weil sie "ewig" existieren, aber es ist nötig, dass sie ausreichend lange existieren. Das Vertrackte daran ist freilich, dass manches, was heute ausreichend lange existiert, irgendwann einmal mit Sicherheit neu gewesen ist, so dass der kanadisch-britische Philosoph Ted Honderich spitzzüngig anmerkt:
"Es ließe sich fragen, wie lange etwas eigentlich schon existiert haben muss, bevor es aufhört, etwas Neues zu sein."
 
Auf solche Selbstwidersprüche stößt man auf Schritt und Tritt, wenn man sich den konservativen Wertediskursen widmet. Da wird, wenn es gerade passt, die "Kultur der Freiheit" hochgehalten, dann aber streng verkündet, dies dürfe doch wohl nicht heißen, dass jeder tun könne, was er wolle; da wird menschenfreundlich die emotionale Wärme im Familienkreis beschworen, im nächsten Atemzug aber angemerkt, dass die Menschen, eingeschmiegt im Wattebausch des Wohlfahrtsstaates, den Sinn für Tragik verloren hätten und man deshalb mehr Härte ins Leben bringen müsse. Die Frage ist: Ist das alles nur disparat und eklektisch? Oder gibt es einen gemeinsamen Horizont, eine Welthaltung, die diese kurios widersprüchlichen Meinungen zusammen hält?
 
Die gibt es, meint der amerikanische Linguist George Lakoff. Weltanschauungen sind moralische Systeme, die wie Metaphern funktionieren, so die These des führenden Vertreters der "Cognitive Linguistics". Und die Metapher, die dem Konservatismus zu Grunde liegt, ist die des "strengen Vaters". Der strenge Vater hat eine Erziehungsaufgabe. Er muss den Sohn oder die Tochter (vor allem aber den Sohn) fit machen für den Dschungel der Freiheit. Der Sohn darf nicht verzärtelt werden (wie es der Wohlfahrtsstaat täte, der, so Lakoff, am Modell des "sorgenden Elternteils" modelliert ist). Härte ist gesund für das Kind. Der Sohn soll der Freiheit gewachsen sein, also den Überlebenskampf am freien Markt. Entwickelt er sich zu einem solchen selbstverantwortlichen Subjekt, dann ist ihm Respekt sicher, denn die Konservativen bewundern diejenigen, die ihren Weg machen, die sich durchsetzen. Wer das nicht schafft, der hat auch moralisch versagt. Dem winkt der Konservativismus nicht mehr mit der "Kultur der Freiheit", dem kommt er mit der Strafeslust des strengen Vaters. Legt man eine solche metaphorische Deutung zu Grunde, dann klärt sich alles auf, dann hellt sich das Bild. Plötzlich wird einsichtig, warum die neuen Konservativen die seltsame Kombination von liberalistischer Freiheitsrhetorik und moralisch-sittlichem Verbotsjargon selbst überhaupt nicht als widersprüchlich empfinden, wie sie einerseits den ökonomischen Wirbelwind des globalen Turbokapitalismus erfrischend finden, anderseits die zersetzenden Wirkungen von Konsumismus und Hedonismus verteufeln können.
 
Sanftheit ist aus dieser Perspektive kontraproduktiv. Der Konservative ist ein politischer Tragiker, sein Ideal ist das einer "Männlichkeit", mit der man Härten erträgt. "Freiheit" ist nur zu den Terms of Trade des strengen Vaters zu haben.
Wie heißt es bei Udo di Fabio?
"Freiheit darf nicht allein als inhaltlich ungewichtetes Abwehrrecht, sondern muss zugleich als individuelle Freiheit zur nützlichen sozialen Bindung verstanden werden."
Deshalb hat es immer auch etwas Drohendes, Herrisches, Autoritäres, wenn Konservative von Werten reden, so wie das Glück, zu dem man ein uneinsichtiges Mündel zwingen muss. Schon vor mehr als zweihundert Jahren konnte man bei Edmund Burke, dem großen Säulenheiligen aller konservativer Denker, folgenden Satz lesen:
"Die Menschen dürfen die bürgerliche Freiheit genau in dem Maße genießen, wie sie in der Lage sind, ihren eigenen Gelüsten moralische Zügel anzulegen; genau in dem Maße, wie sie dazu geneigt sind, ihr Ohr dem Ratschlag der Weisen und Guten zu leihen statt den Schmeicheleien irgendwelcher Lumpen."
 
Aber wer, lieber Herr Burke, entscheidet, wer ein Weiser ist und wer ein Lump?"
 
Quelle: Deutschlandfunk - "Moral und Amoral", von Robert Misik.
 
"[...] Was ist Glaubwürdigkeit – und wie stark bedarf sie der Fakten? Das ist eine schwierige Frage. Denn was als „Fakt“ gilt, ist so klar nicht immer zu bestimmen. Der ungläubige Thomas legte den Finger in die Wunde des auferstandenen Christus, um sich zu überzeugen, wen er da vor sich hatte. Was auch als Prüfstein zählt, Glaubwürdigkeit setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: dem Glauben und einer von ihm unterschiedenen Basis, aufgrund derer wir jemanden, etwas oder uns selbst des Vertrauens „wert“ oder würdig erachten. Wie die Wahrheit, so ist auch die Glaubwürdigkeit nicht aus einem Stück gegossen, sondern ein hybrides Gebilde, eine Konstellation, in der sich verschiedene Momente zu einer Ganzheit fügen. Das Motto „Selig, die nicht sehen und doch glauben“ gilt vielleicht fürs Paradies. Auf Erden jedenfalls hat auch Jesus erst ein paar handfeste Wunder vollbringen müssen, um die Menschen zu überzeugen.
 
Vielleicht war die Glaubwürdigkeit immer schon in der Krise, heute aber ist sie es in besonderer Weise. Denn der mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert entstandene Anspruch, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, ist ins nahezu Absurde gekippt. Niemand ist mehr in der Lage, die für eine Entscheidung relevanten Fakten gänzlich zu überprüfen, genügend Spezialwissen zu erwerben, sich wirklich allumfassend zu informieren. Die Werkzeuge wären da, nur hat der Einzelne wenig Zeit, sie sich anzueigenen – und zudem tendieren Sachverhalte dazu, komplexer und damit widersprüchlicher zu werden, je mehr man über sie weiß.
„Vertrauen“ ist also ist das Zauberwort der Epoche, und alle werben damit oder dafür, Parteien, Produktmarken, Banken, Ärzte, Dienstleister.
Vertrauen sollen und müssen wir zum Beispiel, dass VW bei den Abgaswerten nicht mehr schummelt, dass der Arzt die Laborergebnisse richtig deutet und dass hoffentlich nichts Schlimmes in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Softwaredownloads steht, die man da gerade per Mausklick als gelesen bestätigt hat. Oft möchte man vor lauter Überforderung den Kopf in den Sand stecken.
 
Ein herausragendes Kriterium für die moderne Auffassung von Glaubwürdigkeit ist sogenannte Authentizität. Authentisch, das meint „echt“, „original“, aber auch „wahrhaftig“, im Sinne es Selbst-Seins. Martin Heidegger nannte das seinerzeit dramatisch „Eigentlichkeit“. Auch das ist ein Erbe der Aufklärung, und es hängt eng zusammen mit der Idee der Autonomie. Ein Individuum und im vollen Sinn verantwortlich bin ich erst, wenn ich mir das Gesetz meines Handelns selbst gebe, beziehungsweise wenn ich die Regeln meines Handelns frei übernehme, aus eigener Entscheidung. Diesen schönen Gedanken gibt es nicht erst seit der Aufklärung, aber hier hat er sich demokratisiert und zu einem Anspruch erhoben, den die Romantik weiter ausbaute: Wahrhaftig ist, wer sich selbst ausdrückt, unmittelbar. Wichtig ist die Übereinstimmung mit sich, eine beständige Homogenität des Ich als einer Einheit. Wer tut, was er für richtig hält, wie Luther mit seinem „Hier stehe ich und kann nicht anders“, wirkt glaubwürdig. Helden verkörpern dieses Prinzip auf besondere Weise, weil sie mit ihrer ganzen Person für eine Sache bürgen.
 
Das Ideal der Authentizität nahm im 20. Jahrhundert erst richtig Fahrt auf. Natürlich gibt es berechtigte Kritik an der Vorstellung eines „wahren“ Kerns des Selbst und seiner Unmittelbarkeit. Und verflixterweise verwickelt sich das Ideal leicht ins Paradox, denn auf authentische Weise authentisch sein oder wirken wollen, das funktioniert nicht recht. Man kann sich Authentizität nicht als Projekt „vornehmen“. Auf den Hund gekommen ist das Konzept auch durch zu viel Abnutzung. Jede Werbung zielt heutzutage ins „Authentische“, selbst dort noch, wo sie ironisch das Künstliche bis zur Unmäßigkeit steigert – Gucci als Marke ist „echt“, selbst wenn (oder gerade weil) die Models posieren wie Aliens. Köstlich in dieser Hinsicht ist auch die staged authenticity, die „inszenierte Authentizität“, ein Verfahren des Ethno-Tourismus, das zahlenden Besuchern die Natur, Kultur und Bevölkerung eines Landes vorführen will. Einheimische tanzen und singen, als seien sie ganz unter sich. [...]
 
Staged authenticity kann sich das Individuum im Spätkapitalismus auch auf die eigenen Fahnen schreiben. Längst ist klar, dass der Arbeitsmarkt uns als Rohstoff ganz und gar will, mit Haut und Haaren, als Persönlichkeit, die authentisch rüberkommt und an sich arbeitet, um ihre employability, den Marktwert, zu erhalten. Die Paradoxien dieser Situation haben Otto Penz und Birgit Sauer in ihrem Buch Affektives Kapital (Campus 2016) gut zusammengefasst. Unter dem hegemonialen Verdikt der Verkaufbarkeit korrumpiert sich der letzte Rest von Authentizität. Selbstgesetzgebung? Autonomie? Freiheit? All das verlangt eine gewisse materielle und geistige Unversehrtheit. Und eben auch: Unabhängigkeit.
 
Der Politikwissenschaftler Hartmut Rosa markierte schon 2010 eine „institutionelle Entankerung von Autonomie und Authentizität“ – will heißen, dass die Basis für Authentizität, nämlich die Kontrolle über den eigenen Lebenslauf und gesicherte Verhältnisse, für viele Menschen längst zerbröckeln. Rosa illustriert das mit einem Bild, das er bei dem Psychologen Kenneth Gergen borgt: Wir sind nicht mehr Schwimmer im Meer, sondern Surfer. Da lenkt man vielleicht noch, aber die Richtung gibt die Welle vor. Das ist die Schwundstufe der Selbstgesetzgebung. Rosa vermutet, dass unter solchen Lebensbedingungen vor allem zwei Charaktertypen entstehen: Der „Depressive“, der sich erschöpft und verzweifelt zurückzieht, und der „religiöse und politische Fundamentalist“, der ganz auf Autonomie verzichtet. [...]
 
Kommt Donald Trump authentisch rüber? Ja. Man nimmt ihm ab, dass er meint, was er sagt – auch wenn man weiß, dass er bewusst lügt. Warum aber glauben Menschen jemandem, der nicht glaubwürdig ist? Weil es hier nicht um Lüge oder Wahrheit geht, sondern um die Unaufrichtigkeit der Sucht – die immer versucht, Umwege zu sparen und direkt ans Ziel der Träume zu kommen. Die Droge ist ein Surrogat für etwas, das nicht existiert. Sie spielt mit einem unerfüllbaren Versprechen und wir kaufen es um den Preis einer Klarsicht, die möglich wäre, aber eben nicht ganz so schön. Frei nach Sartre: „Ich weiß, dass es nicht stimmt, aber es ist mir egal.“ Der spätere, kommunistische Sartre würde ergänzen, dass dies nicht nur eine individuelle, sondern auch eine gesellschaftliche Haltung sei. Unter totalitären Bedingungen kann es nur Verzweiflung oder blinden Glauben geben, aber keine Glaubwürdigkeit."
 
Quelle: freitag.de (der Freitag) - "Glaube, Lüge, Hoffnung"
 

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