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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus

Alleinerziehend. Arm. In Deutschland. Perspektivlos. - Alternativlos. Noch. Immer?

 
24. September 2016
 
Nur, um mal eine Hausnummer zu nennen:
 
Ich "lebe" mit meinem Kind seit Jahren von monatlich €500,- (nach Abzug aller laufenden Kosten wie Miete, Strom, Telefon, Wasser, Bankgebühren). Von diesen monatlichen €500,- muss alles gezahlt werden - alles. Möbel (secondhand), Kleidung (für uns beide schon immer secondhand), Schuhe, Spielzeug (alles: secondhand!), Fahrrad (fürs Kind, natürlich auch nur secondhand, wenn ich ein bezahlbares finde/fand - ich habe keines, auch keinen Führerschein und kein Auto - konnte ich mir bisher nie leisten - alleinerziehend mit zwei Kindern, jetzt nur noch eines im Haushalt (das andere schon erwachsen), dabei immer in Ausbildung oder jobbend oder eben nun erwerbslos), auch Geburtstagsgeschenke, Weihnachtsgeschenke, Geschenke für andere Kinder (bei Einladung zu Kindergeburtstagen), sowieso natürlich Essen, Kosmetika, Putzmittel, außerdem auch Kopien, Porto, Reparaturen und auch alles, das nach etlichen Jahren einfach mal wieder ersetzt werden muss - wie Töpfe, Geschirr, Bettwäsche, Handtücher ... .
 
Meine Kinder und ich sind nie je gemeinsam verreist, haben nie zusammen Urlaub gemacht. Nicht ein einziges Mal. Mein Sohn ist 23, meine Tochter 10. - Es ist kein Geld da für mal Essengehen oder gar Ausflüge an den Wochenenden oder sonstige Freizeitaktivitäten, Veranstaltungen - also: "kulturelle Teilhabe".
Es reicht nicht einmal für die günstigste Monatsfahrkarte für den hiesigen ÖPNV. So bewegen wir uns so gut wie ausnahmslos im Stadtteil. - Wie gesagt: nicht mal eine Fahrradtour im Sommer ist möglich - ich habe nicht das Geld für ein gebrauchtes Rad (für mich).
 
Ich gehe seit Jahrzehnten einkaufen: zu Fuß, zu jeder Jahreszeit, vollbepackt am Monatsanfang, wenn ich alles Wichtige dann einkaufe - ca. 2km hin und wieder 2km zurück - früher waren es ca. 4km zu Fuß, einfache Strecke - da wohnte ich noch weiter außerhalb: wiederholt, denn nur dort gibt es mit sehr viel GLÜCK (!) noch Wohnungen, die für das Jobcenter eine "angemessene" Miete haben.
 
Ich gehe nie aus. Nie. Seit meine Tochter auf der Welt ist (seit 10 Jahren also) war ich nun ca. sechs Mal (?) abends "weg". Babysitter kann und konnte ich mir nie leisten, Familie ist keine vorhanden - Geld: auch nicht.
Mein eigener letzter Urlaub war in meiner Kindheit - im Alter von 12 Jahren (Österreich) - vor nun also 31 Jahren.
 
Ich bin seit Jahren chronisch krank - auch das erkennt das Jobcenter nicht an - trotz aller vorliegenden, ärztlichen (schulmedizinischen!) Befunde. Auch deshalb (durch die Erkrankung/en) bin ich häufig ans Haus gebunden, eingeschränkt ... .
 
Ich rauche seit über zehn Jahren nicht mehr. Ich trinke nie Alkohol (auch nicht zu besonderen Anlässen wie Silvester etc. - ich mag einfach keinen Alkohol und ich kenne zu viele Menschen, die süchtig sind). Ich nehme auch keine sonstigen Drogen/Substanzen/Tabletten. Ich kiffe nicht. Ich trinke nicht einmal mehr Kaffee (weil ich ihn nicht mehr vertrage).
 
Ich lebe seit meinem 17. Lebensjahr im eigenen Haushalt, seit meinem 19. Lebensjahr bin ich - nonstop/kontinuierlich - alleinerziehende Mutter - erst eines Kindes, dann von zweien, nun nur noch von einem (siehe oben).
 
Ich bin: erschöpft. An vielen Tagen: zu Tode erschöpft. Physisch. ("Mangelernährt", mit ärztlich nachgewiesenen Vitalstoffmängeln - mehrfachen, u.a. Eisenmangelanämie - seit 2010 diagnostiziert ... .)
 
Ich habe mir früher jede einzelne Ausbildung, jeden einzelnen Job selbst gesucht, beschafft - eigeninitiativ. So auch mein Studium - das ich leider nicht abgeschlossen habe und nie mehr werde abschließen können - dürfen.
Immer mit mindestens einem Kind "dabei". Immer: alleine - ohne Kindesvater, ohne Herkunftsfamilie, ohne finanziellen und/oder sozialen Rückhalt. Immer. Seit nunmehr 23 Jahren.
 
Und ja: Ich habe die Schnauze voll.
... Von all dem Entbehren, all dem Verzicht, all den Ungerechtigkeiten, all der Verachtung, Verhöhnung, Erniedrigung, Entwertung, all dem Benutztwerden ... .
Ich habe die Schnauze voll. Gestrichen. Vor allem: Von dem unerträglichen Gefühl, das das Leiden meines Kindes verursacht - das mein Leiden nach sich zieht - das ewige schlechte Gewissen, das ewige Versagensgefühl, das ewige Erkennenmüssen, Erlebenmüssen, dass - was alles - mein Kind n i c h t erleben, ausprobieren, erfahren ... kann - weil es am erforderlichen Geld fehlt und an den erforderlichen "Sozialkontakten".
 
Und das alles doch so wichtig wäre. Und das "später" eben gerade nicht jemals "nachholbar, nacherlebbar" ist - denn was man in der Kindheit erlebt, erfährt, alle auch vor allem sinnlichen Eindrücke, das erlebt man nur in dieser Lebensphase so: intensiv, zum ersten Mal, so offen, neugierig, so einprägsam.
 
Diese Kindheitserlebnisse sind die späteren, oft lebenslangen, lebenswichtigen Erinnerungen.
 
Insbesondere die Erfahrung von, in, mit Natur, verschiedenen Landschaften, Natureindrücken, dem Überwältigtsein von der Schönheit von Natur ..., muss im Kindesalter "angelegt", erlebt worden (können) sein, damit sie auch später vorhanden ist, erhalten bleibt.
 
Ich hätte meiner Tochter und schon meinem Sohn damals so gerne die Berge gezeigt. Die ich als Kind lieben gelernt hatte ... - die Alpen der Schweiz und Österreichs, die Landschaften dort, das Licht, die Farben, die Gerüche, die Ruhe, den Frieden, das Gefühl von Geborgenheit, Harmonie, das Staunen, die Freude, die Leichtigkeit, Unbeschwertheit in diesen Tagen, an diesen Orten. Die Vorfreude schon auf die Reise, der Umgebungswechsel, die andere (Aus-) Sprache ... ... ... .
 
Ich: zehre noch heute genau davon. Von diesen Erinnerungen.
 
Nichts von all dem haben sie je erlebt, erfahren. Mein Sohn ist bereits erwachsen und auch mit meiner Tochter werde ich das nie je erleben können. Sie ist sehr, sehr traurig darüber. Oft weint sie. In ihrer Klasse in der Schule verreisen die Kinder seit Jahren mehrmals jährlich in den Schulferien - immer ins (europäische) Ausland. Sie ist das einzige Kind in der Klasse, das noch nie verreist ist, dessen Mutter kein Auto hat, das an den Wochenenden keine Ausflüge in wenigstens die Natur der umliegenden Umgebung machen kann (nur spazieren gehen hier im Stadtteil, der immerhin erfreulicherweise "grün" ist, aber irgendwann ist es für ein Kind einfach doch langweilig, es würde auch gerne Neues erleben ...). Sie ist die Einzige in der Klasse, die nach den Ferien nichts erzählen kann, nichts erlebt hat - nur den üblichen Hartz 4-Alltag mit seinen sehr beschränkten "Möglichkeiten".

Ja: ich war in "Krabbelgruppen", im Kinderturnen usw. - mit beiden Kindern. Ja, mein Sohn war ganztags betreut - jahrelang: zwangsläufig (ich in Ausbildung und jobbend ...) - es war EIN GRAUEN - für ihn, als er noch so klein war ... und musste ... und nicht wollte ... und (noch) nicht verstehen konnte ... .
Und für mich, die ich heulend beim Job saß, weil mein Kind litt ... .

Ja, ich habe mittels Aushängen (in Supermärkten und Kindergärten ...) nach anderen alleinerziehenden Müttern gesucht - vergeblich.
Ja, ich habe uns für das Paten-Großelternprojekt angemeldet - vergeblich.
 
ICH HABE DIE SCHNAUZE VOLL!
 
Ich habe jahrzehntelang SORGE-ARBEIT geleistet. Und nebenbei: passierte (m)ein Leben ... Widerfahrnisse, "Schicksalsschläge" - Verluste von Menschen (die starben ...) - Freunde. Die gelitten haben. Die es abgekürzt haben.
 
Und immer ist alles noch nicht gut genug, immer noch wird man gescholten, mit Ratschlägen überzogen - statt: dass man einfach mal ANERKENNUNG für all das GELEISTETE, ERTRAGENE, ERLITTENE, BEWÄLTIGTE erhält (auch all die Umzüge ... - allein, mit Kind/ern, mit massivem Behördendruck, Zeitdruck ...).
Wertschätzung. Oder gar: Honorierung - für die geleistete ARBEIT. Als Mutter. Alleinerziehend. Mit Hartz 4. Krank. - Und inzwischen: alt.
 
Ich
habe
die
Schnauze
voll
.
 
Und nein: Ich will nicht bemitleidet werden. - Ich bin einfach nur eine winzige Existenz - von all den vielen: LEIDENDEN, ARMEN - und insbesondere dabei/darunter: KINDER ! ! !
 
Kinder, die NICHTS dafür können, die keinerlei Schuld trifft - die einfach nur PECH hatten.
 
Aber ja: Wir haben eine Wohnung, die im Winter beheizt werden kann, wir haben Zugang zu Schulbildung und "ärztlicher Versorgung", wir haben fließend warmes und kaltes Wasser, sauberes Trinkwasser und Strom.
Wer weiß, wie lange noch ... .
 
-
 
 
Und btw: Natürlich gehe ich nicht - wie andere Frauen - zur Kosmetikerin, Wellness, Shoppen (Schuhe, Handtaschen, Schminkzeug, Unterhaltungselektronik - what so ever), Kaffee trinken. Und ich kann mich auch weder kleiden, noch einrichten, wie ich es gerne möchte/würde - das konnte ich noch nie.

Ich habe es noch nicht einmal in die Stadt meines - mir unbekannten - Vaters geschafft - und ich glaube, alle, die ich kenne, waren schon mal dort: BARCELONA.
Und ich werde weder die Stadt noch meinen Vater in diesem Leben je ein Mal (lebendig) sehen, kennenlernen. Und ich werde auch mit meiner Tochter niemals zusammen "in Urlaub fahren". Und sie ist sehr, sehr, sehr traurig darüber. (Und ich nicht minder.) ... ... ... - Und sie ist eines VON UNGEZÄHLTEN KINDERN, denen es im reichen Deutschland so ergeht.
 
Aber den meisten geht es wohl doch schlicht noch viel, viel, viel zu gut. - Warum sonst wählen sie CDU, SPD, FDP, AfD?
 
Und zu meinen Jobs - ich habe unter anderem:
im Kindergarten gearbeitet, im Altenpflegeheim (ja, mit Füttern, Waschen, Nachttöpfe leeren und Erbrochenes aufwischen ...), im Blumenladen, im Bioladen, in Cafés, Kneipen, Bistros, beim Bäcker, in der Konditorei, im Sonnenstudio, am Softeisstand (Eisverkauf auf der Straße), im Fotolabor - ich habe geputzt, Akten kopiert, Nachhilfe gegeben, Baby gesittet und drei Ausbildungen gemacht sowie ein Hochschulstudium (nicht beendet). Zwischendurch noch Abi auf dem Zweiten Bildungsweg versucht und zwei Kinder "gekriegt" ... .

Auszeit, Erholung, Urlaub, Regeneration, Auftanken: gab es nicht. Gibt es nicht.
 
Aber ja: Ich hatte/habe Glück: dass ich nicht (als Frau, als arme Frau) in Afrika, Indien, Afghanistan, China oder usa geboren wurde. - Ich muss also dankbar sein. - Nicht wahr?
 
Und nein: Ich schäme mich n i c h t, das hier öffentlich zu benennen. - DIE SCHAM IST VORBEI. Und das ist nicht nur gut so, sondern wichtig. - Wenn sie doch nur alle sprechen würden ... - statt sich zu verkriechen und zu schämen ... !
 
Es ist dies gerade kein "sich zum Opfer Stilisieren/in der Opferrolle larmoyant/selbstmitleidvoll Verharren", sondern das Gegenteil dessen:
Indem man sich der Strukturen, der eigentlichen, tatsächlichen Ursachen bewusst wird und sie öffentlich benennt - statt sich je individuell/isoliert im Verborgenen zu schämen, sich zu verstecken, zu verkriechen und sich zum Versager machen zu lassen - gewinnt man die erforderliche wie gebührende Stärke zurück, überhaupt erst wieder selbstwirksam sein, werden, handeln zu können, statt in der Sündenbock-/Fußabtreterrolle verharren zu sollen.
 
Was wir alle brauchen, ist eben dies: Respekt, Anerkennung, Wertschätzung und Angenommensein. - Statt Verachtung oder Mitleid.
Manchmal brauchen wir auch Unterstützung - von nahe stehenden Menschen, idealerweise.
 
Vor allem brauchen "wir" veränderte politische Verhältnisse, die Menschen ermöglichen, sich gesellschaftlich nach je eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten einbringen zu können - durch verschiedene Tätigkeiten, Arbeit, Ideen, Anregungen ... . Damit wir alle "leistungsfähig" nicht nur sind, bleiben oder wieder werden können, sondern es auch sein wollen und dürfen: mit Freude, Motivation, Engagement, Interesse ... - ohne beschädigt zu werden (physisch und/oder psychisch).
 
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Eine eigentliche PN hier mal öffentlich - zu Informationszwecken (ein weiteres Mal):
 
Mal nacheinander: Ich bin nicht generell gegen Fremdbetreuung, nur eben gegen frühe Fremdbetreuung - für also Kinder unter drei bzw. vier Jahren. Und ich bin gegen solche Fremdbetreuung, die dann auch noch ganztägig stattfindet - das überfordert die Kleinsten. Gibt dazu auch valide Daten/Studien (finden sich auch in meinem blog).
Aber es werden Eltern eben geködert mit der angeblich erforderlichen "Frühförderung" - jeder Hirnwissenschaftler und Entwicklungspsychologe kann dazu nur den Kopf schütteln. Es sind einfach Lügen, weil es nicht um die Kinder geht, sondern darum, die Mütter in die Erwerbstätigkeit zu drücken - um jeden Preis (ja, nach wie vor - obwohl es bereits zu wenige "angemessen" bezahlte Arbeit gibt, überdies "sinnstiftende", mit der man tatsächlich einen "gesellschaftlichen Beitrag" leistet - das aber tut man: wenn/indem man Kinder umsorgt - sie "sozialisiert" ... .)
 
Aber wir wissen ja, dass mehrheitlich gerade Frauen eben in prekären Beschäftigungsverhältnissen hängen - eben das: will man offensichtlich. Auch: ihre Dreifachbelastung (Kind/Familie, Job, Haushalt), das Mütter-Burnout und "regretting motherhood". - Es gäbe wie gesagt Alternativen ... .
 
Zum Hänseln: Kinder sind nur dann "grausam", wenn es ihnen bereits an Empathie, an Mitgefühl, an Sensibilität/Empfindsamkeit fehlt. Dass das der Fall bei nicht wenigen ;) Kindern ist, hat die bekannten Gründe.
Und genau/gerade in diesem Alter wäre es so wichtig: das zu verstärken, statt es zu beschädigen: das in jedem Menschen angelegte Mitgefühl (siehe auch dazu einiges in meinem blog - unter "Mitgefühl", "Empathie" bzw. "Verletzlichkeit", vor allem unter "Kinder, frühkindliche Bindung ...").
Gerade mit solchen Kindern, die andere hänseln, mobben, wäre es wichtig, angemessen umzugehen, sie "empathisch zu schulen". Das passiert weniger durch "Erziehung" als viel mehr durch bedürfnisorientierten Umgang (!) mit diesen Kindern: so lange sie selbst Säuglinge und Kleinkinder (wie auch Schulkinder) waren und sind. Nach dem Grundschulalter: ist es vorbei - zu spät. Definitiv.
Nach ca. dem 12. Lebensjahr (ggf. noch bis zum 13.) hast du als Eltern kaum noch wirklichen Einfluss - da ist die "Persönlichkeitsstruktur" weitgehend "angelegt". Dann verändern sich Menschen nur noch durch die peer group sowie durch Erfahrungen, die sie mit anderen/"draußen in der Welt" machen.
 
Zu meiner aktuellen Situation:

Mein Studium hatte ich damals noch auf Magister angefangen (Philosophie im 1. Hauptfach, wollte dann Germanistik dazunehmen, war total überlaufen - wir mussten für die Seminare Lose ziehen - kein Scherz; wollte dann stattdessen Soziologie machen, so weit kam es jedoch nicht mehr).
 
Verwaltung - nein, das ist absolut nicht meins. Dann versuche ich es tatsächlich noch lieber als Gärtnerin oder Briefzustellerin (da kommt man allerdings - bei der "Post" - nicht gut rein, Führerschein hab ich auch nicht ...).
 
Nein, ich kann nicht studieren und "nebenbei" so viel jobben, dass wir davon unseren Lebensunterhalt bestreiten können - genau das habe ich damals ja mit meinem Sohn (alleinerziehend) gemacht: Kind, Job und Uni.
Das ging so lange gut, bis ich meinen Job verlor und dann nochmal schwanger wurde (mit meiner Tochter) - und da ein halbes Jahr gelegen habe, weil mir von morgens bis abends ununterbrochen und täglich speiübel war, zu Anfang auch eine "beginnende Fehlgeburt" (so die ärztliche Aussage) sich durch Blutungen ankündigte, kurzer stationärer Aufenthalt in Klinik, aber sie hat sich "festgehalten" ;).
 
Ich kann das mit meiner Tochter nicht machen. Sie ist 10 - nicht 14. Und sie ist ein ganz anderes Kind als mein Sohn es war - noch viel kindlicher, sehr viel empfindsamer - sie leidet mit jedem Tier und mit anderen Kindern (Schule, Nachbarschaft), denen "Unrecht" geschieht; sie hat schon früh Fragen zu Tod und Sterben gestellt und auch vieles andere, das mein Sohn mich nie gefragt hatte ... .
Sie ist sehr kreativ, aber auch sehr "verträumt", sie braucht noch viel Unterstützung von mir im Alltag.
 
Ein Kind ist kein Hund oder Gegenstand, den man irgendwo parkt oder programmiert und dann wieder abholt und wegstellt (abends ins Bett bringt), um ihn am nächsten Tag neu zu "verwalten".
 
Mit vielen Kindern wird das jedoch genau so - ganz "selbstverständlich" gehandhabt - und was dabei auf der Strecke bleibt, ist genau das: Mitgefühl, Herzensbildung, Charakterbildung.
 
Sie werden schlicht zu so früh als möglich selbständigen, so gut als möglich f u n k t i o n i e r e n d e n Untertanen gemacht - von Schule und sogar ihren eigenen Eltern, die auch brav im Hamsterrad rennen. - Wozu? Zum Renommieren(können)? Um sich selbst einreden, um selbst glauben zu können, sie seien so willensstark und leistungsfähig? - Und: Zu welchem Preis ... ?
 
Nein, das tue ich weder ihr noch mir an. Ich hatte das wie gesagt alles bereits mit meinem Sohn damals "erlebt" und erlitten:

In Vollzeit-Ausbildung (Rechtsanwalt damals), er Vollzeit im Kiga (fragte mich abends schon, ob er morgen wieder in den Kindergarten müsse ... dann immer schlimmes Weinen, Arme nach mir ausstrecken beim Abgeben ... vergesse ich nicht, bricht einem das Herz - wenn man eins hat).
 
Später dann andere Ausbildung und daneben gejobbt, immer mit Kind alleine, er immer dann auch in der Grundschule ganztags betreut - ging ja auch nicht anders. Geld: hatte ich trotzdem nie, es reichte immer nur grade so (laufende Kosten).
Wenn dann sein Vater den Unterhalt wieder nicht (mehr) zahlte, hatte ich sofort ein Riesenproblem - denn: keinerlei Rücklagen/Erspartes, keine Familie im Hintergrund ... . Miete mal nicht zahlen und Angst damals schon vor Obdachlosigkeit ... .
 
Aber ich war noch jung, vital, energiereich. - Das bin ich heute nicht mehr. Ich würde das schon physisch gar nicht mehr schaffen.
Ich bin wie gesagt nicht "umsonst" erwerbslos - könnte ich einfach arbeiten, hätte ich mir - wie früher stets so - schon längst eigeninitiativ etwas gesucht. Aber mein Körper packt das nicht mehr - schon gar nicht nach den letzten zehn Jahren.
Ich glaube, du kannst dir nicht vorstellen, was es heißt, mit Kind(ern) wirklich absolut alleine zu sein ... .
 
Meine Tochter hat außerdem eine Art "Stoffwechselstörung", die bereits mehrere Klinikaufenthalte erforderlich machte (seit sie 2 Jahre alt war bereits) - ohne Auto, ohne jemanden, der dich dann mal (im Krankenhaus) ablösen kommt, damit du mal kurz schlafen, was essen oder duschen kannst ... .

Das alles: zehrt enorm - immer in Verbindung mit den ewigen Geldsorgen ...
 
Dann ein pubertierender Sohn, mehrere, erforderliche (auch vom Jobcenter auferlegte) Umzüge ... . Schulden, die vor allem infolgedessen entstanden.
 
Und auch bei mir - wie bei allen Menschen - privat so einiges, das zu bewältigen war (Beziehungen und "Stress" mit meinem pubertierenden Sohn ...).
Und einfach n i e mal eine Möglichkeit zu regenerieren - Urlaub, irgend etwas Schönes, Erleichterndes erleben können ... . Immer mit allen Sorgen und Nöten (und Ängsten!) alleine zu sein - mit einem Kind, dann mit zweien, dann mit nur noch einem.
 
Nein, ich kann mit meiner Tochter und in meinem physischen Zustand, wenn, dann allenfalls halbtags arbeiten.
Aktuell nicht mal das.
 
Wie gesagt: Es muss sich daher POLITISCH "etwas" ändern ... . Erheblich.
 
Denn Menschen wie ich sind eben keine Ausnahmeerscheinung.

Es gibt viele Menschen, die von klein auf beschissene Verhältnisse hatten/haben - was dazu führt, dass sie vieles eben nicht so "leisten" können wie andere, die doch günstigere Startbedingungen ... hatten.
 
Aber das alles: ignoriert man weiterhin geflissentlich.
Denn man müsste dann, wenn man dem Rechnung trüge, wenn man einsähe, dass viele Menschen vielleicht anders könnten, wenn man sie angemessen unterstützte und ihnen schon in der Kindheit mehr zur Seite stünde, dass die Menschen so "ungleich" dann doch nicht sind (wären):
 
Die "Willens- und Leistungsstarken" ... müssten dann erkennen (was sie eigentlich ohnehin längst wissen, aber aus Gründen verschweigen ;) ), dass bei tatsächlich ähnliche(r)en äußeren (politischen, gesellschaftlichen, "sozialen") Bedingungen das, das sie vermeintlich so toll geleistet haben, sehr wohl auch andere leisten könnten - oder sogar besser. - Genau das will man aber nicht. Daher wettert man gegen "Gleichmacherei", daher versagt man die Möglichkeiten, verweigert, verwehrt die Chancen - also: gerade und vor allem schon den KINDERN.
 
Man w i l l die "Unterschiede", die "Ungleichheit" aufrechterhalten - weil: man davon selbst profitiert und weil man sich dadurch aufwerten kann - indem man andere abwerten kann/darf. "Muss".
 
Das legt jedoch nur deutlich Zeugnis davon ab, wie falsch, wie beschädigend das war, das diese Menschen selbst in der Kindheit erlebt haben - wie also mit ihnen umgegangen wurde, wie sie "erzogen", behandelt und vor allem: geprägt und indoktriniert wurden - von ihren Eltern, von Schule und "Gesellschaft". Exakt.
Siehe wiederum, was wir aus welchen Gründen (mehrheitlich und noch immer) für ein Menschenbild haben.
 
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Es ist ganz offensichtlich/nachweislich einfach Fakt, dass Frauen, die sich der "traditionellen" Geschlechterrollenaufteilung, somit auch der Ehe, verweigern, entziehen oder aus anderen Gründen nicht in dieser befindlich bzw. lebend(ig) sein können und/oder wollen, dafür auch heute noch, ganz in patriarchalischer Manier, bestraft werden - mittels eben jeder Menge Druck, Sorgen, Nöten, Stress, Armut, Entbehrungen, Verzichten, d.h. vielfachen, häufig langandauernden sowie langfristig wirkenden, schwächenden Belastungen.
 
Und wenn es nach Rechtskonservativen bis Rechtsextremen (wie bspw. der AfD und ihren Anhängern) geht, sollen gerade alleinerziehende Frauen auch wieder ganz offen gesellschaftlich geächtet und letztlich ausgemerzt werden.
 
Nein, es gibt hier wirklich so gar nichts fehlzuinterpretieren oder misszuverstehen. Es liegt alles ganz und gar offen: erkennbar, sichtbar:

Sobald Frauen selbstbestimmt und (vom Mann) unabhängig sein, existieren, leben wollen - und es eigentlich auch könn(t)en, so man sie tatsächlich ließe ... - werden sie für eben dieses Unabhängigkeitsstreben, für ihre Autonomie, sanktioniert. Sie sollen zu spüren bekommen, wer - nach wie vor - Macht (und damit: Kontrolle ...) hat/ausübt/anwendet - sie sollen sich also fügen, sich unterwerfen (und ausbeuten ...) lassen.
 
Das nennt man: das Patriarchat. Symbolische, strukturelle, physische und psychisch-emotionale Gewalt.
 
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"Armut Alleinerziehender
Von Antje Asmus und Franziska Pabst
 
Vorbemerkung
Mittlerweile wachsen mehr als zwei Millionen Kinder in Haushalten von alleinerziehenden Elternteilen auf.1  Der Großteil davon sind Mütter (90 %) mit einem Kind oder mehreren Kindern, die durch Scheidung, Trennung, Tod oder der Entscheidung, ein Kind allein großzuziehen, in dieser Familienform leben. Insgesamt ist mehr als jede fünfte Familie eine Einelternfamilie – mit steigender Tendenz. Angesichts einer hohen Scheidungsrate und der gesellschaftlichen Pluralisierung von Familienformen ist diese hohe Anzahl von alleinerziehenden Frauen keine Überraschung.
 
Da aber das Risiko, in Armut zu geraten, stark von der Familienform abhängt, in der Kinder aufwachsen und in welcher der Alltag organisiert wird, besteht hier dringender Handlungsbedarf. Vor allem dann, wenn die Armutsrisikoquote so kontinuierlich ansteigt wie die der Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern in den letzten Jahren.2  Die Hälfte aller in Armut lebenden Kinder wächst bei Alleinerziehenden auf. Im Vergleich: Lag das Risiko, in Einkommensarmut zu geraten, bei Alleinerziehenden im Jahr 2005 noch bei 39,3 Prozent, lag es im Jahr 2015 bei 43,8 Prozent.3 Bei Paarfamilien liegt das Armutsrisiko in Abhängigkeit von der Anzahl der im Haushalt lebenden Kinder derzeit laut Daten des Mikrozensus zwischen 9,8 Prozent (bei zwei Erwachsenen mit einem Kind) und 25,2 Prozent (bei zwei Erwachsenen mit drei oder mehr Kindern). Im Gegensatz zur Armutsquote der Alleinerziehenden ist die Quote bei Paarfamilien in den Jahren zwischen 2005 und 2015 jedoch gesunken, 2005 betrug sie noch zwischen 11,6 und 26,3 Prozent.4 
 
Bemerkenswert ist hier, dass die Armutsquote der Alleinerziehenden steigt, obwohl ihre Erwerbstätigenquote seit Jahren zunimmt.5 Das heißt: Arbeit schützt nicht unbedingt vor Armut. Als Ursachen dafür können Beschäftigungen im Niedriglohnsektor oder in instabilen oder befristeten Arbeitsverhältnissen in den sogenannten frauentypischen Branchen, wie etwa in der Dienstleistungsbranche und im Pflegebereich, und den damit einhergehenden geringen Löhnen, identifiziert werden.6 
Dies kann jedoch nicht die einzige Antwort auf die Frage sein, warum Alleinerziehende und ihre Kinder überproportional häufig in Armut leben. Neben der Situation auf dem Arbeitsmarkt als Frau und Mutter wirken sich auch die steigenden Kosten nach einer Trennung oder Scheidung, fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten sowie die unzureichende Ausgestaltung monetärer familienpolitischer Leistungen für Alleinerziehende auf die Einkommensverhältnisse aus.
 
In der Regel ist es das Zusammenspiel dieser Faktoren, das zu Armut führt. Neben den rechtlichen Rahmenbedingungen für alleinerziehende Eltern müssen auch die gelebten Realitäten und Rollenverteilungen innerhalb der Familien und die Ausgestaltung von Infrastrukturangeboten als Ursache in den Blick genommen werden.7 Es ist Aufgabe von Politik und Gesellschaft, Alleinerziehende entsprechend ihrer spezifischen Bedarfe besser zu fördern und zu unterstützen. 
 
Lebenlagen von Alleinerziehenden
Einkommenssituation:  Einkommen und Erwerbslage
 
Der Unterschied zwischen den Lebenssituationen von Paar- und Einelternfamilien lässt sich gut anhand der Quote der aktiv erwerbstätigen Frauen mit Kindern darstellen. Sie betrug im Jahr 2013, unabhängig von der Familienform, 61 Prozent.8 Die Quote der vollzeiterwerbstätigen alleinerziehenden Mütter lag bei 42 Prozent, während sie bei Ehefrauen nur 25 Prozent betrug. Beachtlich ist der Unterschied zu Männern, die unabhängig von ihrer jeweiligen Familienform zu über 87 Prozent einer Vollzeittätigkeit nachgingen.9  
 
Betrachtet man allein die Höhe des von Müttern im Alter zwischen 16 und 38 Jahren individuell generierten Arbeitseinkommens, zeigt sich kein deutlicher Unterschied nach der Familienform. So besteht insgesamt eine Differenz in Höhe von 54 Euro beim durchschnittlichen Arbeitseinkommen von alleinerziehenden Müttern (monatlich 784 Euro) und Müttern aus Paarfamilien (monatlich 838 Euro). Vergleicht man jedoch das Haushaltseinkommen beider Gruppen, wird deutlich, dass die Existenz einer weiteren erwerbstätigen Person im Haushalt den Unterschied ausmacht. Hier beträgt die Differenz im Durchschnitt 1.346 Euro. Alleinerziehende können monatlich durchschnittlich über 1.226 Euro verfügen, während der Gruppe der Haushalte mit einer weiteren erwachsenen Person im Schnitt ein fast doppelt so hohes Einkommen in Höhe von 2.572 Euro zur Verfügung steht.10
 
Bei Paarfamilien, in denen beide Partner arbeiten, zeigt sich zudem, dass die häufigste Aufteilung im Bereich der Erwerbsarbeit das Modell der Vollzeittätigkeit des Vaters in Kombination mit einer Teilzeittätigkeit der Mutter ist – im Jahr 2013 wählten insgesamt 70,5 Prozent der Paare diese Form der Tätigkeitsverteilung.11  Mütter und Väter in Partnerschaften gewinnen dadurch auch zeitliche Spielräume für die Erledigung von Familien- oder Alltagsaufgaben, die Alleinerziehenden nicht zur Verfügung stehen. Diese Arbeitsteilung in Paarfamilien hat jedoch aus der Lebensverlaufsperspektive betrachtet zumeist negative Folgen für die Mütter, wenn es zur Trennung kommt. Für Alleinerziehende ist es meist schwer, zurück in eine existenzsichernde Erwerbstätigkeit zu finden.12 Denn es ist z. B. nicht immer ohne weiteres möglich, die Arbeitszeit einer Teilzeitstelle auf eine Vollzeitbeschäftigung zu erhöhen. Dasselbe gilt für die sogenannten Minijobs. Auch hier wird es nicht immer möglich sein, von einer geringfügigen Beschäftigung zu einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung zu wechseln.
 
Folgen der Unterhaltsrechtsreform von 2008 – seltener Betreuungsunterhalt
Die Unterhaltsrechtsreform aus dem Jahr 2008 hatte für Alleinerziehende im Wesentlichen zwei bedeutende Auswirkungen: zum einen die Stärkung der rechtlichen Stellung der sogenannten „Zweitfamilie“ und zum anderen die Betonung und Verpflichtung der nachehelichen Eigenverantwortung. Auch wurde die Rangfolge der Unterhaltsansprüche der jeweils Unterhaltsberechtigten neu angeordnet, minderjährige Kinder rückten an die erste Stelle, und der Unterhalt an ehemalige Partner und Partnerinnen wurde eingeschränkt. Statt Wahrung des bisherigen Lebensstandards galt fortan für den betreuenden Elternteil eine Erwerbsobliegenheit. Was dies für die ehemaligen Ehepartner bedeutet, formulierte der Bundesgerichtshof im Jahr 2009: Einer Frau ist es nach Trennung und Scheidung zuzumuten, einer Vollzeitbeschäftigung nachzugehen, auch wenn sie Kinder hat und die Pflege- und Sorgearbeit künftig allein bewerkstelligt werden muss. Sie kann nur innerhalb der ersten drei Lebensjahre Basisunterhalt für sich selbst beanspruchen und auch nur für diesen Zeitraum die Betreuung des Kindes selbst übernehmen.13 Dabei wurde konsequent übersehen, dass eine vollzeit-nahe Beschäftigung für Alleinerziehende häufig keine realistische Option darstellt. Dass an dieser Stelle die familiengerichtlichen Vorstellungen über Mach- und Bewältigbarkeit von Familienleben und Berufstätigkeit mit den Realitäten und Bedürfnissen von Alleinerziehenden auseinanderklaffen, lässt sich ganz deutlich an der hohen Anzahl der arbeitslosen oder geringfügig beschäftigten alleinerziehenden Mütter ablesen.14 
 
Viele alleinerziehende Frauen haben lange Lücken in ihren Erwerbsbiographien oder haben bis zum Zeitpunkt der Trennung in Teilzeitbeschäftigungen gearbeitet. Dass sich hierdurch Probleme bei der Jobsuche ergeben oder auch reale Schwierigkeiten bestehen können, den Arbeitsumfang auf ein existenzsicherndes Niveau zu erhöhen, ist offensichtlich – spielt jedoch bei der Bewertung, ob Betreuungsunterhalt bezahlt werden muss, keine Rolle. Das Einkommensarmutsrisiko wird demnach nicht durch die Trennung oder Scheidung an sich verursacht, sondern entsteht aufgrund der zuvor praktizierten innerfamiliären Arbeitsteilung.15
 
Kindesunterhalt
Zuverlässige Daten bestätigen eine Vermutung: Nur die Hälfte der anspruchsberechtigten alleinerziehenden Mütter erhält auch tatsächlich Unterhalt für ihre Kinder. Und wenn dieser geleistet wird, reichen die Unterhaltszahlungen wiederum nur in der Hälfte der Fälle zur Deckung des Mindestanspruchs gemäß der Düsseldorfer Tabelle aus.16 Über die Gründe existieren bislang so gut wie keine Forschungsergebnisse, jedoch gibt es eine Reihe von möglichen Ursachen, die in Betracht kommen können. So spielen beispielsweise die fehlende Leistungsfähigkeit, die mangelnde Zahlungsmoral des Barunterhaltsverpflichteten und Probleme bei der Durchsetzung der Unterhaltsansprüche eine Rolle, genauso wie die nicht in Anspruch genommenen Möglichkeiten der Rechtsdurchsetzung durch die jeweils unterhaltsberechtigte Person.17 70 Prozent der Alleinerziehenden berichten von Schwierigkeiten bei der Durchsetzung von Kindesunterhaltsansprüchen gegenüber dem Ex-Partner.18 Von den Alleinerziehenden mit Anspruch auf Unterhaltszahlungen, die jedoch keinen Unterhalt erhalten, gaben 2008 in einer Befragung 48 Prozent Verweigerung des Unterhaltspflichtigen und 43 Prozent dessen fehlende Leistungsfähigkeit an.19 
 
Hinzu kommt, dass die Höhe des Kindesunterhaltes selbst bei geleisteten Mindestunterhaltszahlungen nicht zur Deckung von Kosten für die Freizeitgestaltung oder die soziokulturelle Teilhabe ausreicht.20 Der Mindestunterhalt deckt in seiner derzeitigen Ausgestaltung nur das sächliche Existenzminimum ab, das sich an den sozialrechtlichen Regelbedarfen orientiert. Die Höhe der Regelbedarfe steht ebenfalls seit langem in der Kritik: Die Berechnung der sogenannten Kinderregelbedarfe ist in ihrer derzeitigen Ausgestaltung als intransparent und wenig nachvollziehbar zu bewerten, sodass eine Neubemessung der Regelbedarfe, die sich an kindgerechten Bedarfen der Kinder und Jugendlichen orientiert, seitens der Wohlfahrtsverbände für dringend erforderlich gehalten wird.21
 
Unterhaltsvorschuss
Als Unterstützung bei nicht gezahltem Kindesunterhalt können Leistungen nach dem Unterhaltsvorschussgesetz beantragt werden. Im Jahr 2014 bezogen insgesamt rund 455.000 Kinder diese Leistung.22 Der sogenannte Unterhaltsvorschuss wird bisher auf insgesamt 72 Monate befristet pro Kind ausgezahlt und beträgt, abzüglich des vollständigen Kindergeldes, 150 Euro für Kinder unter sechs Jahren und 201 Euro für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren. Er ist somit systematisch zu niedrig, da nur das halbe Kindergeld in Abzug gebracht werden dürfte. Daraus resultieren folgende Probleme: Obwohl der Bedarf des Kindes nach der Düsseldorfer Tabelle ab dem zwölften Lebensjahr deutlich ansteigt,23 endet ab diesem Zeitpunkt die Möglichkeit der Inanspruchnahme. Und, hat ein unterhaltsberechtigtes Kind noch nie Unterhaltsleistungen des verpflichteten Elternteils erhalten, erreicht es die maximale Bezugsdauer von Unterhaltsvorschussleistungen bereits an seinem sechsten Geburtstag.24 Seit 2005 beträgt der Anteil der Kinder, die jedes Jahr aufgrund der derzeitigen Ausgestaltung ihren Anspruch auf UVG-Leistungen verlieren, im Schnitt 37 Prozent.25 Dies hat empfindliche Auswirkungen auf die materielle Situation der betroffenen Familien. Der Wegfall der Unterhaltsvorschussleistung ab dem 12. Lebensjahr sorgt bisher dafür, dass Ein-Elternfamilien, in denen ältere Kinder leben, stärker von Armut betroffen sind. Auf der einen Seite entfällt der Anspruch auf Unterhaltsvorschussleistungen, während auf der anderen Seite die Bedarfe der Kinder im selben Zeitraum ansteigen.26 Dies lässt sich auch anhand der Armutsquote darstellen, die für Kinder von 12–16 Jahren in Haushalten von Alleinerziehenden in den Jahren 1998 bis 2008 sprunghaft angestiegen ist.27
 
Die Bundesregierung schlussfolgert aus den Ergebnissen der Gesamtevaluation der ehe- und familienbezogenen Maßnahmen und Leistungen, dass es sich bei dem Unterhaltsvorschuss um eine sehr wichtige und im Verhältnis zu den aufgewendeten öffentlichen Mitteln sehr effiziente Leistung für Ein-Eltern-Familien handelt. Er sichere verlässlich die wirtschaftliche Stabilität der Familien und trage zu ihrem Wohlergehen bei.  Der Unterhaltsvorschuss wird deswegen 2017 ausgebaut. Darauf einigten sich im Oktober 2016 Bund und Länder, im November 2016 hat sich die Bundesregierung dazu entschlossen. Ohne Begrenzung der Höchstleistungsdauer soll der Unterhaltsvorschuss bis zum 18. Lebensjahr eines Kindes gewährt werden können. Ein Anspruch ab dem 12. Lebensjahr wird zukünftig dann wirksam, wenn das Kind nicht auf SGB-II-Leistungen angewiesen ist oder der/die Alleinerziehende im SGB-II-Bezug ein eigenes Einkommen von mindestens 600 Euro brutto erzielt.
Aufgrund dieser Änderungen, wird die armutsvermeidende Wirkung des Unterhaltsvorschusses nicht mehr abrupt nach 72 Monaten oder dem 12. Geburtstag enden. Alleinerziehende und ihre Kinder werden bei ausbleibendem Kindesunterhalt weiter unterstützt werden. Zu Recht haben Verbände seit Jahren darauf hingewiesen, die Anrechnungslogiken im Unterhaltsvorschussrecht zugunsten der Ein-Eltern-Familien zu verändern, die maximale Bezugsdauer abzuschaffen und die Höchstaltersgrenze heraufzusetzen. [...]
 
SGB-II-Leistungen
Die Quote der alleinerziehenden Eltern, die Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes nach dem SGB II (Hartz IV) erhalten, beträgt fast 40 Prozent und ist damit fast viermal so hoch wie der Durchschnitt aller Haushalte.30 Auch bei der Bezugsdauer von SGB-II-Leistungen ist der Anteil alleinerziehender Frauen mit einer Bezugsdauer von mehr als 24 Monaten besonders hoch, er liegt bei derzeit 26,6 Prozent.31 Nicht zuletzt ist hier die schwierige Integration der Alleinerziehenden in den Arbeitsmarkt aufgrund fehlender Kinderbetreuungsmöglichkeiten sowie familienunfreundlicher Arbeitszeiten als Ursache zu benennen. Mit 54,8 Prozent ist der Anteil der Frauen ohne Berufsabschluss im SGB-II-Bezug bei arbeitslosen alleinerziehenden Müttern etwas höher als bei Frauen allgemein.32 
 
Hinzu kommt die sehr hohe Anzahl der sogenannten Aufstocker/-innen, also der Alleinerziehenden, die trotz Erwerbstätigkeit auf Leistungen des SGB II angewiesen sind und nicht in der Lage sind, ein Einkommen oberhalb des sozialrechtlich definierten Existenzminimums zu erzielen.33 Ihr Anteil beträgt 33 Prozent.34 Besonders alarmierend ist hier die Zahl der Alleinerziehenden, die in Vollzeit sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind und trotzdem auf staatliche Transferleistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes ihrer Familie angewiesen sind (rund 20.000 Alleinerziehende).35
 
Aber selbst in den Fällen, in denen staatliche Grundsicherungsleistungen gezahlt werden, bleibt die Situation problematisch: Sie sind so gering bemessen, dass darauf angewiesene Haushalte auf Güter des täglichen Lebens und Aktivitäten verzichten müssen und bei den Möglichkeiten zur sozialen Teilhabe eingeschränkt sind.36 Bei Alleinerziehenden, die lange im Sozialleistungsbezug verbleiben, fehlen im Haushalt Güter und Dinge, die in anderen Haushalten selbstverständlich sind (z.B. Auto, Fernseher, Mahlzeiten mit Fisch oder Fleisch). Mit dem damit verbundenen Stigma müssen ihre Kinder leben. Und auch hier ist das Maß der Unterversorgung abhängig von der Haushaltsform – am stärksten betroffen sind Ein-Personen-Haushalte und Alleinerziehende.37 Je länger die Phase einer solchen Unterversorgung andauert, umso größer wird auch das Ausmaß der sozialen und materiellen Deprivation.
 
Getrennt lebenden Eltern steht das Kindergeld jeweils zur Hälfte zu. In der Praxis wird das Kindergeld an den Elternteil, der die Kinder betreut, ausbezahlt, während der Unterhaltsverpflichtete die andere Hälfte vom Kindesunterhalt abzieht. Wird das Kindergeld erhöht, hat dies allerdings zur Konsequenz, dass die Kindergelderhöhung nur hälftig im Haushalt der Alleinerziehenden ankommt, da gleichzeitig der Unterhaltsanspruch durch die Anrechnung beim Zahlbetrag des Kindesunterhaltes sinkt. Kinder, die sich im Sozialleistungsbezug befinden, können gar nicht von Kindergelderhöhungen profitieren, da das Kindergeld zwar ausbezahlt, aber auf die Grundsicherungsleistungen vollständig angerechnet wird. Auch die Gesamtevaluation der ehe- und familienbezogenen Maßnahmen und Leistungen kommt hier zu dem Ergebnis, dass sich durch das Kindergeld die Einkommenssituation von Haushalten, die sich bereits im Arbeitslosengeld-II-Bezug befinden, aufgrund der Anrechnung auf das Arbeitslosengeld II nicht verbessere.39 Und auch Alleinerziehenden, die Unterhaltsvorschussleistungen beziehen, käme eine Anhebung des Kindergeldes nicht zugute, da es in voller Höhe als Einkommen des Kindes zählt. Auch hier besteht eine nicht nachvollziehbare finanzielle Schlechterstellung von Alleinerziehenden, denn das Kindergeld dürfte auch beim Unterhaltsvorschuss, analog zu den Unterhaltszahlungen, eigentlich nur hälftig angerechnet werden. Das Kindergeld stellt aufgrund der dargestellten Problematiken an den Schnittstellen zu anderen Leistungen kein geeignetes Instrument dar, um die Lebenssituation von Alleinerziehenden zu verbessern. [...]
 
Auch spielen die beschränkten Möglichkeiten von Alleinerziehenden bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine Rolle in der Alterssicherung. Vermindert sich dadurch das längerfristig erzielbare Erwerbseinkommen, hat dies in jedem Fall Auswirkungen auf die Altersvorsorge. Zudem ist die Berücksichtigung von Erziehungsaktivitäten im Rentenrecht (SGB VI) nicht auf die spezielle Situation von Alleinerziehenden zugeschnitten.41 Angesichts des sinkenden gesetzlichen Rentenniveaus wird private Altersvorsorge immer wichtiger, um im Alter jenseits von Armut leben zu können. Die Gesamtevaluation zeigt jedoch, dass Alleinerziehende, im Vergleich zu Elternpaaren, weniger in der Lage sind und sein werden, in ihre private Altersvorsorge zu investieren und darüber hinaus, dass sich der Umstand, ein Kind oder mehrere Kinder allein großzuziehen, nicht auf einen Lebensabschnitt beschränkt, sondern Auswirkungen auf den gesamten Lebensverlauf hat.42 [...]
 
Fazit
Es ist festzustellen, dass Alleinerziehende bei der
Sicherstellung ihres Lebensunterhalts gleich auf mehreren Ebenen benachteiligt werden. So müssen die ökonomischen Nachteile, die aufgrund eingeschränkter Erwerbsmöglichkeiten wegen Kindererziehungszeiten entstehen, allein vom betreuenden Elternteil getragen werden.46 Neben der Frage, wie die eigene Existenz und die der Kinder abgesichert werden kann, spielen auch die eigenen Probleme und die Sorgen um die Kinder eine große Rolle.47 Bei fehlenden Unterhaltszahlungen müssen dadurch entstehende finanzielle Engpässe allein kompensiert werden, was sich aufgrund von häufig nicht passgenauen Kinderbetreuungsmöglichkeiten als zusätzliche Belastung darstellt. Die Folgen dieser materiellen Unterversorgung tragen in erster Linie die Kinder. Ein weiteres Spannungsfeld ist der Spagat zwischen der Notwendigkeit einer existenzsichernden Beschäftigung und der fehlenden Zeit für die Familie.48 Bei aktuellen Diskussionen um mehr Partnerschaftlichkeit bei der Aufteilung von Erwerbs- und Erziehungsarbeit darf daher die spezifische Situation der Alleinerziehenden nicht aus dem Blick geraten. Es ist notwendig, die Eltern, die sich allein um ihre Kinder kümmern, so zu fördern und zu unterstützen, dass die besonderen Umstände, unter denen sie und ihre Kinder leben, nicht zu Nachteilen führen. Die Familienform darf nicht darüber entscheiden, ob Kinder und – in der Regel – ihre Mütter in Armut leben."
 
Quelle: der-paritaetische.de - "Armut Alleinerziehender"
 

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