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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Über die Annexion des Urweiblichen - Geburtenkontrolle, natürliche Geburt, Gebären, lustvolle, vitale, weibliche Sexualität, Sinnlichkeit, Leiblichkeit - durch den Mann im bis heute global verbreiteten Patriarchat

 
Ist das nicht interessant? Siehe Spiegel-Artikel "Femina = die weniger Glauben hat" - Und es wirkt bis heute: So erklärt sich auch, warum Homosexualität verteufelt wurde, denn das passte nicht zur damals männlicherseits gewünschten wie bestimmten/annektierten Geburtenkontrolle.

Und es erklärt auch heute: warum Geburten immer weniger zu Hause mit Hebammen stattfinden, sondern in Kliniken unter ärztlicher Kontrolle stattfinden und: pathologisiert werden (Ängste, die geschürt werden, um Frauen dazu zu bringen, in Kliniken zu entbinden). Und warum es auch immer mehr Kaiserschnitte gibt. - Es wird nach wie vor das Urweibliche den Frauen aus der Hand genommen - von Männern darüber verfügt. 

Und wir sehen es auch bei der Verhütung: Natürliche Familienplanung (SensiPlan), wie es sich heute nennt, wird von so gut wie keinen Gynäkologen und auch nicht von GynäkologInnen auch nur erwähnt, geschweigedenn erläutert (bspw. gerade jungen Frauen/Mädchen), es wird viel mehr als lästig oder vermeintlich "zu umständlich" diskreditiert - und immer wieder zu hormoneller Verhütung (die Pharma-Industrie lässt grüßen) geraten, ja diese beinahe aufgezwungen. Und auch in Schulen (Sexualkunde, Biologie) lernen die Kinder nichts darüber.

Warum nicht? Weil gerade dies (nfp) die Frauen von Ärzten bzgl. der Verhütung weitgehend bis vollständig unabhängig macht, weil sie ihren eigenen Körper, ihren Zyklus dadurch deutlich besser bzw. überhaupt erst wirklich verstehen, körperliche Symptome interpretieren und zuvor zunächst erkennen lernen, weil nfp keinerlei Nebenwirkungen hat, richtig angewandt absolut sicher ist und kein Geld kostet, folglich kein lukratives Geschäft damit zu machen ist. - Tja, wer kann so etwas wollen? ;)
 
Und damit noch nicht genug: Selbst beim Kinderzeugen wird (beinahe) alles medizinisch überwacht, kontrolliert, vollzogen - siehe "künstliche Befruchtung" bzw. sogenannte "Kinderwunschbehandlung".
Was Frauen hier alles an invasiven, auch nebenwirkungsreichen, physisch und psychisch belastenden bis schädigenden Untersuchungen und "Behandlungen" über sich ergehen lassen und in Kauf nehmen (insbesondere wieder der reichliche Einsatz chemisch-synthetischer Hormone) - trotz etlicher erfolgloser "Ergebnisse", trotz immer wieder in Behandlungspausen oder nach erfolgloser Kiwu-Behandlung sich einstellenden Schwangerschaften, die auf natürlichem Wege (einfach durch Geschlechtsverkehr) entstanden sind und entstehen, trotz einer geringen "Erfolgsquote" (der Kiwu-Behandlungen, der künstlichen Befruchtung) von ca. 20 bis 30%, trotz überdies nicht selten immenser Kosten und daran zerbrechender Beziehungen. - Ja: die "Kinderwunschbehandlung" ist zu einem äußerst lukrativen Geschäft geworden: für Mediziner und Pharma-Industrie.

Und die Frauen: machen es vor lauter Indoktrination und Verzweiflung mit.

Kaum anders verhält es sich btw mit Pornographie und Prostitution.
 
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Herzlichen Dank für dieses wichtige Video! Ja, es ist: bewegend ... .
 
Zum Kaiserschnitt: Wir wissen inzwischen auch, wie wichtig es für das Kind ist, vaginal geboren zu werden hinsichtlich der durch nur die vaginale Geburt ermöglichten Darmbesiedelung des Kindes mit wichtigen Darmbakterien (durch die Scheidenflora der Mutter ...). Das bleibt beim Kaiserschnitt vollständig aus. Wir wissen auch, dass es für das Kind ein wichtiger "Prozess" ist: so - langsam, d.h. allmählich - auf natürlichem Wege ins Leben zu kommen, auch wenn es anstrengend ist - für Mutter und Kind gleichermaßen.

Und ja: Die Gebärende ist unter den Wehen - eigentlich - ganz bei sich: durch den Schmerz. Sie geht "nach innen" - ohne das groß steuern zu können (jeder sehr intensive und langandauernde Schmerz hat diese Nach-Innen-Wendung zur Folge, als Begleiterscheinung). - Das sollte in der Tat nicht gestört werden, weil es den Gebärverlauf blockiert, aufhält, unterbricht, ins Stocken bringt oder auch ganz abbrechen kann.

Ja: Die Frau braucht das Gefühl des Vertrauendürfens, des Loslassenkönnens, des Gehaltenseins. Das Vertrauen in den eigenen Körper, in dessen Kraft, Energie, in dessen Fähigkeit, Möglichkeit, Wissen - dass "er" weiß, wie es geht, dass "er", d.h. sie selbst: die Frau, es kann und schafft, bewältigt.

Sie braucht die Zeit, die sie je individuell, je persönlich braucht und die entsprechende Ruhe und haltende, tragende, Sicherheit, Geborgenheit vermittelnde Umgebung. In der sie sich wohl fühlt.

Und ja: Es ist ein natürlicher Vorgang, keine Krankheit. Meistens jedenfalls (wenn es keine Komplikationen gibt). Trotzdem ist es entscheidend, unter welchen äußeren Rahmenbedingungen eine Frau gebärt und ein Kind also auf/in die Welt kommt. Also auch, wieviel Stress, Angst ... durch äußere Einflüsse die Gebärende, die werdende Mutter dabei erlebt - bzw. hoffentlich gerade das eben nicht.
Siehe außerdem all die Hormone (aus naturwissenschaftlicher Sicht betrachtet), die wichtig, erforderlich, unentbehrlich für auch die spätere Mutter-Kind-Bindung sind.

Und auch nach der Geburt ist es entscheidend, was passiert, welche Möglichkeit der Mutter gelassen wird, welcher Raum, welche Ruhe, Zeit: mit dem Kind.
 
Und sehr ähnlich verhält es sich, so denke ich, auch mit dem Sterbeprozess (wenn ein Mensch eines "natürlichen Todes" stirbt). - Es braucht auch hier vor allem: den Halt. Nicht durch viel Gerede, Worte, Apparate, Technik, sondern durch Beziehung, durch Berührung, durch "Hautkontakt" - ganz basales Tragen, Halten des Anderen, des Sterbenden.

Und so verhält es sich auch bei kranken und trauernden Menschen.
 
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"[...] "Uns allen liegt im Magen, dass die Kaiserschnittraten überall steigen, dass der Anstieg der Kaiserschnittraten aber nichts damit zu tun hat, dass die Kinder sicherer oder gesünder zur Welt kommen."  Frank Louwen ist Chefgeburtshelfer an der Universitätsklinik Frankfurt und im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Er koordiniert derzeit die Erarbeitung von wissenschaftlich hochwertigen S3-Leitlinien zum Kaiserschnitt und zur physiologischen Geburt.  "Andrerseits wissen wir, dass Kaiserschnitte gewaltige Auswirkungen auf mütterliche und kindliche Gesundheit haben, aber nicht im positiven, sondern im negativen Sinne." [...]
 
Unbestritten gibt es Notsituationen, in denen eine Schnittentbindung hilfreich, wenn nicht sogar lebensrettend für Mutter und Kind ist. Aber diese harten Indikationen machen nicht einmal zehn Prozent der Kaiserschnitte aus. Sie können den immensen Anstieg der Kaiserschnittraten nicht erklären.
 
"Hier gilt wohlgemerkt, dass diese Statistiken natürlich nur gemacht wurden bei gesunden Müttern und gesunden Kindern. Hier sind also alle Schwangerschaften ausgeschlossen, bei denen aufgrund mütterlicher oder kindlicher Risiken der Kaiserschnitt gemacht werden musste."
 
Ein Kaiserschnitt ist ein zwölf bis 15 Zentimeter langer Schnitt in die Bauchdecke und mit allen Risiken verbunden, die eine Operation mit sich bringt: Schmerzen, Infektionen, Blutungen, Narbenbildungen. Aber vor allem kann er bei zukünftigen Schwangerschaften zu Problemen führen, wie zu Plazentastörungen und in seltenen Fällen einem Reißen der Gebärmutter.
 
"Frauen, die ein Kind per Kaiserschnitt zur Welt gebracht haben, haben ein höheres Risiko für spätere Fehlgeburten oder ein Versterben des nächsten Kindes in der Gebärmutter."
 
Doch vor allem werden weltweit Geburtshelfer und Geburtshelferinnen von den langfristigen, gesundheitlichen Folgen für die Kinder alarmiert, die sich erst in den letzten Jahren herauskristallisiert haben.
"Frauen, die ihre Kinder per Kaiserschnitt zur Welt bringen müssen, erleben, dass ihre Kinder häufiger an Asthma oder Allergien erkranken. Sie haben eine höhere Diabetes- und Adipositasrate."
 
Gesünder werden beim Weg durch den Geburtskanal
Bisher ist dieser Zusammenhang nur in Bevölkerungsstudien gefunden worden. Das heißt: Es ist wissenschaftlich noch nicht verstanden, warum der Geburtsmodus die Gesundheit von Kindern derart beeinflussen kann - bis hin zu epigenetisch veränderten Stammzellen. Vermutungen gibt sehr wohl: Der Geburtsstress löst Hormone aus, die das Gehirn und andere Organe triggern, das Hinausschieben des Kindes ermöglicht eine langsame Anpassung an die Welt draußen und beim Weg durch den Geburtskanal nimmt das Kind wichtige Bakterien auf.
 
"Kinder, die normal geboren werden haben die gleiche Darmbesiedlung wie ihre Mutter. Kinder, die per Kaiserschnitt zur Welt kommen, haben meist eine Besiedlung von Keimen, die wir nur auf der Haut finden."
Eine bestimmte Komposition von Bakterien, die vor allem den Darm besiedeln, nennt man Mikrobiom. Dieses Mikrobiom ist für ein funktionierendes Immunsystem von großer Bedeutung. Im Mutterleib lebt das Ungeborene von Eihäuten umgeben in einem keimfreien Milieu. Während der Geburt kommt das Kind mit den mütterlichen Bakterien der Scheide in Kontakt, die denen des Darms ähneln. Kaiserschnittkinder sind dagegen nur mit Hautbakterien besiedelt. Es dauert Monate bis sie ein Mikrobiom aufbauen. Manche Kliniken reiben die Neugeborenen deshalb nachträglich mit den mütterlichen Scheidenbakterien ein - ob das hilft, ist noch nicht endgültig geklärt.
 
"Das interessiert jetzt brennend, denn es ist ja eine Frage der Gesundheitsvorsorge für die nächsten Generationen." [...]
 
Laut IQTIG ist ein vorausgegangener Kaiserschnitt die häufigste Indikation für einen erneuten Kaiserschnitt - dicht gefolgt von einem verzögerten Geburtsverlauf und dem auffälligen CTG.
"Auch da haben wir gelernt, dass wir vielleicht manches während der Geburt falsch anlegen oder falsche Maßnahmen ergreifen." [...]
 
"Ich glaube, wir Ärzte müssen etwas kritischer sein, in den Dingen, die wir als Überwachungsmethoden eingesetzt haben. Es muss uns bewusst werden, dass viele Dinge, die wir gemacht haben, nicht den Effekt bringen, die wirklich Kranken zu erkennen."
 
Aktuelle Studien der unabhängigen Cochrane Collaboration zeigen, dass Frauen mit einem dauerhaften CTG häufiger Kaiserschnitte und Entbindungen mit Saugglocke oder Zange haben. Gleichzeitig profitieren aber die Kinder von der Dauerüberwachung nicht. Grund sind die vielen Fehlalarme.
 
"CTG zum Beispiel, wo wir in über 50 Prozent die Situation haben, dass man meint, das Kind sei krank, hätte eine Azidose, einen Schaden - aber in Wirklichkeit ist das gar nicht der Fall, und auch die Kombination, die erst mal eine gute Idee war, dass man die Blutgasanalyse unter der Geburt macht, trägt zwar zu einer etwas reduzierten Kaiserschnittrate bei, hat aber keine Veränderung hinsichtlich des Hirnschadens bei den Kindern gebracht."
 
Abou Dakn erstellt derzeit gemeinsam mit anderen Geburtshelfern, Hebammenwissenschaftlerinnen und Vertreterinnen von Betroffenenorganisationen eine S3-Leitlinie zur physiologischen Geburt am Termin. Sie soll zukünftig auf bester wissenschaftlicher Evidenz die Geburtshilfe regeln. Soweit es sie überhaupt gibt. Denn es sind zwar international viele Studien über die Wirkung von Schmerz- oder Wehenmitteln gemacht worden. Aber darüber wie Geburten ohne Interventionen ablaufen, hat man wenig Daten. Beispiel: Geburtsdauer.
"Ich glaube, dass die in den 50er-Jahren in ganz kleinen selektiertem Kollektiv entstandene Kurve, in der ein Zentimeter pro Stunde Eröffnung war, so nachhaltig in den Köpfen geblieben ist, dass das für viele ein Thema ist."
 
In den 1950er-Jahren entwickelte der US-amerikanische Gynäkologe Friedmann die nach ihm benannte Friedmann-Kurve. Sie legte fest in welchem Tempo eine normale Geburt voranschreiten muss: Ein Zentimeter Muttermundsöffnung pro Stunde wurde weltweit in Kliniken zum Standard.
"Das weiß man, dass am Anfang der Geburt sich der Muttermund sehr zögerlich öffnet und dann aber die Kurve steil nach oben geht, gegen Ende der Geburt."
 
Wie lange darf eine Geburt dauern?
Rainhild Schäfers ist Hebammenwissenschaftlerin an der Hochschule für Gesundheit in Bochum. Sie war 20 Jahre als Hebamme in der Geburtshilfe tätig und ist auch an der Erstellung der S3-Leitlinie beteiligt.
"Dann kann es wirklich sein, dass eine ganze Zeit lang der Muttermund immer gleich geblieben ist, über fünf, sechs, sieben Stunden und plötzlich mit gleicher Wehentätigkeit geht er dann plötzlich auf."
 
Es gibt keine belastbaren Daten, wie lange eine Geburt dauern darf, so lange Mutter und Kind wohlauf sind.
"Ab sechs Zentimeter Muttermundsöffnung hat man eine gewisse Orientierung, wie lange es dauert. Das heißt aber nicht auf die nächste Stunde guckend, sondern man kann nur sagen, dass ein gewisser Geburtsfortschritt in den nächsten vier Stunden sein sollte.
Wann beginnt eine Geburt? Da unterscheidet sich die Wahrnehmung schwangerer Frauen oft von der klinischen Definition: Danach müssen die Wehen nicht nur in regelmäßigen Abständen kommen, sondern auch den Muttermund öffnen. Viele schwangere Frauen befinden sich schon im Kreißsaal, obwohl die eigentliche Geburt noch gar nicht richtig angefangen hat.
 
Berlin: Laut IQTIG wurde 2016 mehr als die Hälfte der Frauen im Krankenhaus aufgenommen, obwohl ihr Muttermund weniger als zwei Zentimeter geöffnet ist.
Die Frauen sind in der sogenannten Latenzphase, deren Bedeutung für den Geburtsverlauf erst neuerdings wahrgenommen wird. Sie kann wenige Stunden bis zu zwei Tagen dauern und mit starkem Ziehen oder Schmerzen verbunden sein.
"Die Latenzphase ist eine vorgeburtliche Phase, würde es vielleicht als Einstimmung der hormonellen Parameter bezeichnen." [...]
 
Der Kreißsaal als Stressfaktor
Für Schwangere erträglicher wird die Latenzphase, wenn sie sich ablenken- vielleicht mit ihrem Partner Musik hören oder ihren Lieblingsfilm schauen. Jedenfalls sind Frauen in dieser Phase meist zu Hause besser aufgehoben als in einem Kreißsaal.
 
"Wir haben die Erfahrung gemacht, sobald die Frauen im Kreißsaal sind, bringt das den Gedanken: Okay, jetzt wird das Kind gleich kommen oder jetzt muss ich in die Geburtsarbeit gehen. Also das baut Druck auf. Es ist immer so eine Erwartungshaltung da, dass es jetzt aktiv vorangehen muss und so ist es ja nicht."
Studien zeigen: Je eher die Schwangere in die Klinik kommt, umso wahrscheinlicher ist es, dass sie Schmerz- und Wehenmittel braucht und die Geburt operativ beendet wird.
 
Kliniken, wie die in Pforzheim oder das St. Joseph Krankenhaus in Berlin reagieren inzwischen auf diese Erkenntnis und nehmen die Frauen erst ab einer Muttermundsweite von vier bis sechs Zentimeter in den Kreißsaal auf. Doch wohin mit den oft besorgten Frauen bis dahin? Viele werdende Eltern sind verunsichert und empört, wenn sie wieder nach Hause geschickt werden, erzählt Chefarzt Abou Dakn:
"Was wir dringend brauchen ist eine Aufenthaltsmöglichkeit unter professioneller Betreuung - eine Hebamme, die dann da ist und sich zuwenden kann - in einem Bereich, der aber noch nichts mit dem Kreißsaal zu tun hat." [...]
 
Die Heliosklinik in Pforzheim arbeitet seit 2015 konsequent nach salutophysiologischen Kriterien, das heißt, die Gebärende beim physiologischen Geburtsverlauf zu unterstützen und zu stärken.
 
"Wir schauen nicht, was ist nicht in Ordnung oder was muss reguliert werden, sondern wir schauen, was ist gut, was bringt der Körper mit, um die Situation zu bewältigen. Wie können wir den Körper in Selbstregulation bringen."
 
Es werden kaum Wehenmittel eingesetzt. Die Frauen brauchen selten eine PDA und die Kaiserschnittrate liegt mit 24 Prozent weit unter dem Durchschnitt eines Perinatalzentrums. Dabei spricht die Klinik gerade schwangere Frauen mit besonderen Geburtslagen oder schwierigen Geburtserfahrungen an. [...]
 
Wahrscheinlich kommt das entscheidende Signal für den Geburtsbeginn vom Kind. Das Bindungshormon Oxytocin regt die Wehen an und begleitet in unterschiedlicher Konzentration die Geburt. Nach der Geburt unterstützt es die Kontaktaufnahme mit dem Kind, das ebenso von Oxytocin überflutet ist. Die Endorphine, eine Art körpereigenes Opiat, lassen Frauen von der Realwelt wegrücken und die Schmerzen besser ertragen. In der letzten Phase der Geburt mobilisiert ein Adrenalinschub alle Kräfte. Geburtshelfer und -helferinnen müssen dieses komplexe Zusammenspiel stützen.
"Wir motivieren Frau, vieles auszuprobieren und nach ihrem eigenem Gefühl zu entscheiden, was für sie gut ist. Wir sehen dadurch, dass wir eine sehr niedrige PDA-Rate haben, dass die Frauen sehr intuitiv sich bewegen, wenn sie das Gefühl haben, wie ihr Kind durch das Becken geht, und die Position so gestaltet, dass sie die Schmerzen selbst lindern kann." [...]
 
Julia hatte unter der Geburt neben ihrem Mann auch eine Hebamme kontinuierlich an ihrer Seite. Das ist heute in vielen Kliniken eher die große Ausnahme. In der Regel müssen Hebammen inzwischen drei und mehr Frauen gleichzeitig betreuen.
 
"Das Ziel des Cochrane Reviews war, den Effekt zu verstehen, den eine kontinuierliche Unterstützung für die Frau und das Baby hat."
Meghan Bohren, zuständig für Geburtshilfe bei der Weltgesundheitsorganisation, WHO, wertete gemeinsam mit einer internationalen Arbeitsgruppe des unabhängigen Cochrane-Netzwerkes 26 Studien aus 17 Ländern mit unterschiedlichen Gesundheitssystemen aus. Insgesamt haben 15.000 Frauen daran teilgenommen. Der Review wurde 2017 veröffentlicht und bestätigt ältere Publikationen zu dem Thema:
"Wir fanden, dass Frauen, die kontinuierlich während ihrer Geburt begleitet wurden, häufiger spontan geboren haben, also seltener operative Geburten mit Zange oder Saugglocke hatten, sowie weniger Kaiserschnitte. Außerdem brauchten sie weniger Schmerzmittel, hatten eine kürzere Geburt und waren mit der Geburt zufriedener."
Weitere Studien sollen jetzt klären, ob und wie Gebärende von einer kontinuierlichen Eins-zu-Eins-Betreuung durch Hebammen profitieren. Frauen in Norwegen haben heute schon einen Rechtsanspruch auf eine eigene Hebamme unter der Geburt.
 
"Wir glauben, dass Unterstützung und Fürsorge unter der Geburt den Frauen das Gefühl der Kontrolle gibt und ihr Vertrauen in ihre Kraft und Fähigkeit zu gebären, stärkt." [...]
 
"Wir erleben heute leider, dass Frauen so verunsichert sind, was ihr Körpergefühl angeht, so entmündigt wurden durch, ich glaube schon, kann man kritisch sagen, durch uns Ärzte, die ihnen immer wieder Angst machen, die immer wieder sagen: "Das muss man aber kontrollieren, da haben sie keine Erfahrung, das weiß ich besser als sie."
Michael Abou Dakn, Chefgynäkologe des St. Joseph Krankenhaus in Berlin.
 
"Wir müssen die Frauen stark machen, auch ihre Wünsche zu nennen, weil nur in der Natürlichkeit der Abläufe auch die Hormone annähernd so funktionieren können, wie die Natur sich das gedacht hat."
Fühlt sich die Frau gesehen, geborgen, unterstützt? Steht sie im Mittelpunkt oder ist sie nur Anhängsel der Technik?
"Wir brauchen Geduld, wir brauchen eine Stärkung der Autonomie der Frauen, das ist extrem wichtig geworden, finde ich. Das haben wir völlig übersehen im Lauf der letzten Jahrzehnte, dass wir die Frauen entmündigen, wenn sie in den Kreißsaal hineinkommen, das sage ich bewusst als Mann und Arzt." [...]"

Quelle: deutschlandfunk.de - "Der verkehrte Weg ins Leben"
 
 
Ja, es fängt allerdings nicht mal mit der Geburt an, sondern schon mit der Schwangerschaft - sie wird pathologisiert, die Geburt technisiert (siehe männlich dominierte Apparate-Medizin im Kreißsaal/im Krankenhaus, siehe die Zunahme der Kaiserschnitte, weil man Wochenend-, vor allem Sonntagsgeburten vermeiden will - aus Kostengründen und weil Frauen bewusst zunehmend Angst vor der Geburt gemacht wird, dass sie selbst lieber einen Kaiserschnitt wollen als eine vaginale Spontangeburt).
 
Das Ur-Weibliche - Schwangerschaft, Geburt, Mutterschaft - wird Frauen entrissen, pathologisiert, abgewertet - siehe, dass angeblich Kleinkinder ab und sogar schon unter einem Jahr in Krippen vorgeblich besser aufgehoben, weil "frühgefördert" sein sollen, siehe, dass es hierbei nicht um das Wohl der Kinder, schon gar nicht das der Frauen/Mütter geht, sondern um ausschließlich wirtschaftliche Interessen.

Siehe, dass Mütter bevormundet und mit "Ratgeberliteratur" erschlagen werden, als wären sie sämtlich unfähig, dumm, unsensibel, als müsse Eltern- und eben gerade auch Mutterschaft professionalisiert nicht nur werden, sondern generell so vonstattengehen - Kinder also vom Säugling an fremdbetreut werden: in Krippen, Kitas, in (staatlichen) Schulen - der totale Zugriff aufs Kind - für maximal mögliche Indoktrination, Manipulation, Instrumentalisierung.
Damit sie in der Spur laufen: als gehorsame Untertanen - und das für alternativlos halten: sollen. Es leider auch tun. Immer noch und zu viele.
 
Und siehe, wie eben auch der Schwangerschaftsabbruch dämonisiert wird - die Frau hat gefälligst nicht über sich und ihren Körper, über ihr Leben und dessen Gestaltung selbst/frei zu entscheiden, sondern die verfügbare Gebärmaschine und Sexdienstleisterin zu sein - siehe, wie es uns Pornographie und Sex- bzw. Frauenkauf (Prostitution) einbläuen. Und das wortwörtlich g e w a l t s a m.
 
Es sind patriarchalische, alttestamentarische Vorgehensweisen, Mittel, Methoden: strukturelle, patriarchalische Gewalt und eben auch ganz physische (siehe bspw. durch materielle Armut und ihre Folgen). Es geht um Macht- und Privilegienerhalt, um ein uraltes, katastrophales Menschenbild:
 
Kampf, Druck, Zwang, Schikane, Kontrolle, Härte, Strenge, Kälte, Strafe, Dressur, absichtsvolles Schmerzzufügen, Sadismus - Schwarze Pädagogik. Statt Mitgefühl, Verständnis, echte Unterstützung, Solidarität, Bedürfnisorientiertheit und Kooperation.
 
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Das Nachfolgende ist oben stehendem Link ("Die Macht der Frauen. Oder: Warum Medea ihre Kinder tötete", linksnet.de) entnommen.
 
"[...] Die Geschichte von Medea und der Ermordung ihrer beiden kleinen Söhne ist nur ein kurzer Ausschnitt aus der Argonauten-Sage. Im Jahr 431 v. u. Z., vor knapp 2 500 Jahren hat ihn der griechische Dichter Euripides mit großem Gespür für das Dramatische ausgewählt. Dass es sich tatsächlich um ein Bild für den Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat handelt, begreift man besser, wenn man die Vorgeschichte kennt.
 
Das Goldene Vlies, Jason, die Argonauten und Medea
Genau genommen beginnt der Medea-Mythos mit der Geburt des Jason, des Sohnes des Königspaares von Iolkos in Thessalien. Als Pelias, der Stiefbruder des Königs, den König ermordet und sich selbst auf den Thron setzt, lässt Jasons Mutter den Jungen, den rechtmäßigen Thronfolger, in Sicherheit bringen. Als Erwachsener erhebt Jason Anspruch auf den Thron. Pelias, der Usurpator, verspricht ihm die Herrschaft, vorausgesetzt, Jason bringt das kostbare goldene Vlies aus Kolchis nach Iolkos zurück.4 An diesem Einfall wirkt Hera mit, die Ehefrau des Göttervaters Zeus, die in Jasons Pflicht steht, und genau das wird Medeas weiteres Leben bestimmen. Das Vlies ist in einer Höhle versteckt und von einem Untier bewacht, der Auftrag praktisch unerfüllbar. Aber Jason, direkter Nachfahre von Zeus und Apoll , also Repräsentant eines durch Männer geprägten Stammbaumes, Jason, der Held, nimmt ihn selbstverständlich in Angriff.
 
Der längste Teil des Mythos erzählt vom Bau der Argo; von Jasons Werbung vieler namhafter Helden, die sich gewiss aus Abenteurerlust, vor allem aber aus Aussicht auf Gold zur Verfügung stellen; von der langen Schifffahrt, auf der die Argonauten eine Menge Widrigkeiten überwinden müssen.
Medea tritt genau in dem Moment in den Mythos ein, als Jason in Kolchis vor König Aietes steht und das goldene Vlies fordert, das dieser begreiflicherweise nicht herausgeben will. Medea sieht Jason und verliebt sich schlagartig.
 
Über ihre Kindheit und Jugend wissen wir wenig, außer dass sie die Tochter des Königs Aietes von Kolchis ist, einem sehr reichen Land. Auch bei Medea ist die Herkunft von Bedeutung, sie ist deutlich matriarchal geprägt: Medeas Mutter, Königin Asterodeio, ist Hexenpriesterin bei der Göttin Hekate, der höchsten Beschützerin der Frauen und des Frauenrechts. Medeas Großtanten sind Selene, die Mondgöttin, und Eos, die Göttin der Morgenröte, die berühmte Circe ist ihre Tante.
 
Medea verliebt sich – so der alte Mythos – nicht aus eigenem Antrieb. Da Hera dem Jason die Herausgabe des Vlieses ermöglichen muss, beauftragt sie Eros, das Problem auf die Sekunde genau zu lösen. Er schießt einen Pfeil in Medeas Herz, so dass diese sich nicht nur in Jason verliebt, sondern noch dazu derart, dass ihre Leidenschaft für ihn niemals nachlassen, sondern stets zunehmen wird. Die alten Erzähler haben wirklich an alle Eventualitäten gedacht!
 
Medea, die noch die alten medizinischen Künste der Frauen aus der Zeit des Matriarchats beherrscht, stellt fortan alle ihre Fähigkeiten in Jasons Dienst. Immerhin erweist sie sich als Menschenkennerin. Bevor sie mit ihren Zaubertränken, ihrem magischem Gesang, ihren Giften dem Jason ermöglicht, das goldene Vlies zu rauben, nimmt sie ihm das heilige Versprechen ab: er wird sie mit nach Griechenland nehmen und heiraten. Dann flieht sie mit ihm. Aufschlussreich ist, dass nicht Jason, sondern Medea von nun an die Initiative des Handelns behält. Listig rettet sie Jason vor dem sicheren Tod, und das nicht nur einmal.
 
Dabei scheut sie vor Verbrechen nicht zurück. Erzählt wird: Die Argo entkommt König Aietes nur, weil Jason Medeas geliebten Bruder Absyrtos ermordet und Medea ihn zerstückelt und ins Meer wirft, so dass Aietes seine Verfolgung unterbrechen muss, um die Leichenteile einzusammeln. Dem Paar gelingt es, nach Jolkos zurückzukehren. Als der Usurpator Pelias trotz seines Versprechens den Thron nicht hergeben will, veranlasst Medea listig, dass seine eigenen Töchter ihn unwissentlich ermorden. Jason und Medea werden aus Iolkos verbannt.
 
Auf der Suche nach einer standesgemäßen Bleibe fahren sie nach Korinth. Dort werden sie, so eine Variante, geduldet. Eine andere Erzählvariante besagt: Medea ist als Enkeltochter des Sonnengottes Helios die rechtmäßige Erbin des Königreichs Korinth. Sie darf ihren Mann zwar auf den Thron setzen, nicht aber selbst den Thron besteigen. Im Gegenteil: Hier in Griechenland ist sie wie alle (Ehe-)Frauen (außer in Sparta) Eigentum ihres Ehemannes, Hausherrin, Gebärerin.5 Dazu kommt: Medea ist Ausländerin, eine Frau mit Migrationshintergrund. Und damit in Griechenland trotz ihrer königlichen Herkunft lediglich geduldet.
 
Wie auch immer: Nach einigen Ehe-Jahren will Jason aus Karrieregründen Glauke (oder auch: Kreusa), die Tochter des Königs Kreon, heiraten und die Kinder mitnehmen. Medea, die Selbstbewusste, Eifersüchtige, Verlassene, Erniedrigte, ermordet die Nebenbuhlerin – wiederum mit einer List: Sie schenkt der Braut ein Hochzeitskleid, das an der fremden Haut festklebt und die Braut verbrennt. In manchen Varianten auch deren Vater und den ganzen Hofstaat. Jason kann sich retten, spielt aber ohne Frau und ohne männliche Erbfolger keine Rolle in der Gesellschaft mehr und wird später – Ironie des Schicksals – von den Resten seines längst ruinös gewordenen Heldenschiffes Argo erschlagen.
 
Interessant ist Medeas Geschichte in der alten Erzählung: Medea wird wiederum verbannt. Sie darf ihre vierzehn Kinder, sieben Söhne und sieben Töchter, nicht mitnehmen. Sie befürchtet Unheil. – Medea imponiert Zeus. Er will sie verführen. Aber sie widersetzt sich. Das wiederum gefällt der stets eifersüchtigen Hera so gut, dass sie Medea anbietet, die Kinder zu retten. Vertrauensvoll bringt Medea die Kinder in Heras Tempel, dann wird sie von ihrem Großvater Helios in einem Himmelswagen entführt. Das befürchtete Unheil geschieht. Hera rettet die Kinder nicht. Offenbar hatte sogar sie, die Göttin, schon so viel an Macht verloren, dass sie sie nicht retten konnte. Die Korinther steinigen sie – aus Rache – alle vierzehn auf dem göttlichen Altar. Jason soll – einigen Erzählvarianten zufolge – seine Zustimmung gegeben haben.
 
Euripides – Medea und die Ermordung der Söhne
Vor 2 500 Jahren, in der Hoch-Zeit der griechischen Kultur und Künste, im Jahr 431 v. u. Z., hat der Dichter Euripides (480-406) an dem Mythos mehrere Veränderungen vorgenommen. Er hat das direkte Eingreifen der Götter eliminiert, so dass allein Medea es ist, die alle Entscheidungen trifft und verantwortet. Medea mordet nicht nur ihre Nebenbuhlerin und den Hofstaat, sondern auch ihre eigenen Kinder. Die Mädchen hat er gestrichen, die sieben Jungen auf zwei reduziert.
 
Forschungsergebnisse besagen, dass die freien Bürger Korinths es sich einiges kosten ließen, damit Euripides ihnen die Schuld des Kindermordes abnahm und sie Medea auferlegte. Bestechung des Dichters war also ein Grund dafür, dass Medea ihre Söhne ermordet. Das war nicht nur eine Neu-Erzählung, sondern eine aggressive Um-Erzählung, genau genommen eine Fälschung, die allerdings den historischen Trend zur patrilinearen Rechtsordnung und die Gegenwehr von Frauen widerspiegelte. Diese Frau tut genau das, womit sie den treulosen Ehemann am härtesten strafen kann: Sie nimmt nicht ihm das Leben, sondern seinen Söhnen. Damit nimmt sie ihm nicht nur das (vielleicht) Liebste, sondern auch das gesellschaftlich Wertvollste: die männlichen Erben, die Zukunft seines Geschlechts.
Wir wissen nicht, welche Regie-Konzeption der Uraufführung zugrunde lag und wie sie wirkte. Aber wir wissen, dass alle Figuren, auch die Frauen, von Männern dargestellt wurden und dass auf den Zuschauertribünen fast ausschließlich Männer saßen und dass die Frauen, die zugelassen wurden, nicht die Ehefrauen der griechischen Bürger waren. Diese Männerdominiertheit im Theater – wie in der Öffentlichkeit überhaupt – lässt die Vermutung zu, dass die Sympathien nicht der treuen Medea, sondern dem ungetreuen Jason galten.
 
Eine Frau, eine Mutter, begeht eine so ungeheuerliche Tat, wie sie sonst nur Männer begehen – genau diese Erfindung des Euripides macht den Mythos bis heute so attraktiv und reizt zu immer neuen Erzählungen. Oder anders: In dieser pervertierten, aber höchst kunst- und wirkungsvollen Variante wurde der Medea-Mythos durch die folgenden zweieinhalb patriarchal dominierten Jahrtausende weitergereicht: Medea, die Eifersüchtige, die Unbeherrschte und Unberechenbare, die Kindesmörderin. Medea: die Frau. [...]
 
Müller will die Zuschauer anregen, Daschas Verhalten mit dem großen Modell der Menschheitserfahrung zu vergleichen und die revolutionären Vorgänge im Russland der frühen zwanziger Jahre als einen Versuch von historischer Dimension zu begreifen.10
Dem Medea-Kommentar voraus geht eine Szene mit dem aufschlussreichen Titel Das Bett. Gezeigt wird, wie Gleb nach drei Jahren Krieg heimkehrt, wie er über Dascha herfällt und wie Dascha ihn abwehrt, zuerst lachend, dann mit einem geladenen Gewehr in den Händen und mit den Worten: »Kühl dich ab, Besitzer«11 (S. 394). Als Gleb in den Krieg zog, war Dascha eine liebevolle, anpassungsfähige und angepasste Ehefrau und Mutter. Jetzt verweigert sie sich ihrem Mann, nicht aus Mangel an Lust. Sie verweigert sich ihrem Mann, weil er sich als Besitzer verhält. Das ist – auf der Bühne in lebender Darstellung – ein unerhörter Vorgang von metaphorischer Kraft: Eine Arbeiterfrau legt dem Arbeiter/Revolutionär gegenüber die tradierte Rolle der Ehefrau als Objekt des Mannes ab. Und – eine Steigerung – sie spricht das auch aus.
 
Dascha ist in den drei Kriegsjahren eine andere geworden: selbständig, selbstbewusst, sie lässt sich nicht mehr einfach »nehmen«, obwohl sie Gleb noch liebt. Ihren Anspruch, ihre Ehe fortzusetzen, aber anders als früher, versteht er nicht, auch wenn er die Gleichberechtigung von Männern und Frauen theoretisch akzeptiert und wortreich darüber redet.
 
Die Szene Medea-Kommentar beginnt damit, dass Dascha Gleb mitteilt: Njurka ist tot und begraben. Der Tod des Kindes steht hier – im Unterschied zur Medea des Euripides – am Anfang. Und noch ein Unterschied: Dascha hat es nicht umgebracht. Sie hatte es in eines der neuen »roten« Kinderheime gegeben. Dort ist Njurka wie viele Kinder in Russland verhungert. 1921 war ein entsetzliches Hungerjahr.
 
Der Tod eines Kindes ist – wie im Medea-Mythos – auch hier ein zentraler Vorgang. Aber hier steht er nicht für Rache, auch nicht für die Auslöschung von Zukunft. Gleb und Dascha sind beide in gleichem Maße von Trauer und Schmerz erfüllt. Der gravierende Unterschied zwischen ihnen besteht darin, wie sie mit diesem Tod umgehen. Gleb will lediglich die Schuldfrage klären: Dascha sei schuld, sie hätte das Kind nicht weggeben dürfen. Da klingt die tradierte Auffassung von der privaten Verantwortung der Mütter für die Kinder durch, der in Deutschland tradierte Vorwurf von der »Rabenmutter «, die aus Egoismus ihre »natürlichen Pflichten« vernachlässigt.
 
Für Dascha ist Njurkas Tod der tragische Anlass zu einer harten, bis an die Wurzeln gehenden Auseinandersetzung über ihr Selbstverständnis als Frau, Mann und Paar, als emanzipierte Menschen und damit als Persönlichkeiten in der Geschichte. Bis zu diesem Zeitpunkt hat Dascha nicht gesprochen; denn Gleb war nicht bereit, zuzuhören. Nun ist es Dascha, die den Dialog im Sinne des Wortes führt. Sie verteidigt sich nicht gegen den Vorwurf der Rabenmutter, sie bringt keine revolutionäre Parole an. Sie durchbricht wiederum – wie in Das Bett – ein Tabu: Sie erzählt ihre Kriegsgeschichte. Der Tabu-Bruch besteht darin, dass sie über weibliche, über körperliche, über sexuelle Kriegserfahrungen spricht, die Frauen oft verschweigen und Männer nicht hören wollen. Beide aus Scham, aus tradierten Moralnormen und aus Angst vor den sozialen Folgen.12 Dascha zwingt Gleb, diese Geschichte bis zu Ende anzuhören: »Sind wir Kommunisten oder nicht. Können wir leben mit der Wahrheit. Oder baun wir die Welt neu mit verbundenen Augen« (S. 438).
 
Dascha erzählt die Geschichte einer Frau, die (wie Medea) aus Liebe alles ihr Mögliche tat, um ihren Mann vor dem Tod zu retten. Sie erzählt, wie die »Weißen« sie verhaftet, mit dem Tode bedroht und vergewaltigt haben; wie sie Glebs Nachricht erhielt, sie möge die Roten unterstützen; wie sie bei den Partisanen ihre revolutionäre Arbeit machte, als Kurier, als Organisatorin der Frauen, aber auch und vor allem als Hure: »Deine Genossen, deine Klassenbrüder. Sie brauchten mich. Es war wie eine Arbeit. UMARME MICH IN MEINER LETZTEN STUNDE. Sie gingen leichter in den Tod von mir weg« (S. 435). Sie erzählt, dass sie alle Arten von Sexualität erfahren hat, Vergewaltigung, Lust, Liebe. Genau das trifft Gleb am tiefsten. Sie begreift und durchschaut ihn: »Wenn mich die Weißen totgeschlagen hätten Du hättest einen ruhigeren Schlaf jetzt. Lacht. GESCHÄNDET. Bei wem ist die Schande. Ich kann mir jeden Mann abwaschen. Es muss nicht mit Blut sein – Wär ich ein Mann« (S. 436).
 
Indem Dascha ihre Kriegsbiografie genau erzählt, analysiert sie zugleich die Bedingungen, die sie gezwungen haben, Njurka ins Heim zu geben und selbst die andere zu werden, die sie geworden ist. Bedingungen, die es Gleb, dem Mann, ermöglichten, »den Junker, den Bourgeois, den Weißen noch in sich stecken« (S. 433) zu lassen. Zumindest, was sein Verhältnis zu Frauen betrifft.
 
Mit ihrer »Beichte« hebt Dascha die Diskussion über die Schuld von Frauen und von Müttern von einer privaten, individuellen auf eine gesellschaftliche Ebene. [...]
 
Der Auslöser für die Analyse ist sein Verrat an ihr: »Dank für deinen / Verrat der mir die Augen wiedergibt / Zu sehen was ich sah« (S. 76). Verrat und seine historischen Folgen – das ist eines der großen Themen bei Müller.19 Jasons Verrat lässt Medea ihre Vergangenheit klar sehen. Wie etwas Fremdes. Sie begreift: Alles, was sie aus bedingungsloser Liebe für Jason getan hat, war auch ihr Verrat: Sein Sieg über Kolchis, die Kolonisierung ihres Landes, die Unterdrückung ihres Volkes, der Mord an ihrem Bruder, alles war auch ihr Verrat. Und zugleich war es ihr Verrat an sich selbst. Sie hatte aufgehört, Medea zu sein. Sie hatte ihm, so wörtlich, als »Sklavin, Werkzeug, Hündin, Hure, Sprosse auf der Leiter seines Ruhmes« (S. 75) gedient. Er hatte sie erniedrigt und benutzt, aber sie hatte sich ihm freiwillig untergeordnet. Das ist ein wichtiger Punkt bei Müller: die freiwillige Unterordnung der Unterdrückten und Ausgebeuteten unter die Herren.20 Das bezieht er auf Klassen, Ethnien und Geschlechter.
 
Medeas erster Befreiungsschritt aus dieser Unterordnung ist also, dass sie »sieht«, begreift, erkennt. Der zweite ist, dass sie »abrechnet «: »Heute ist Zahltag Jason Heute treibt / Deine Medea ihre Schulden ein« (S. 79). Je genauer sie Schulden und Schuld analysiert, je öfter er auf ihre Argumente reagiert, um so deutlicher sieht sie: Ihre Lage ist aussichtslos. Medea – das heißt die Rat Wissende. Jetzt ist sie am Ende. Sie greift zum letzten Mittel, zur Gewalt. »Machtverlust «, so Hannah Arendt, verführt »sehr viel eher als Ohnmacht zur Gewalt, als könnte diese die verlorene Macht ersetzen.«21
Medea mordet die Nebenbuhlerin. Dann eine Steigerung ihrer Hilflosigkeit. Sie mordet ihre geliebten kleinen Söhne, die sie plötzlich als »Früchte des Verrats aus deinem Samen«, als ihre »kleinen Verräter« (S. 79) zu erkennen meint. Es ist eine Art Amoklauf, bei dem sie genau reflektiert, was sie tut: »Mit diesen meinen Händen der Barbarin / Händen zerlaugt zerstickt zerschunden vielmal / Will ich die Menschheit in zwei Stücke brechen / Und wohnen in der leeren Mitte Ich / Kein Weib kein Mann« (S. 79). Frau-Sein, Mann- Sein – die Unerträglichkeit der sozial konstruierten und tradierten Gegensätzlichkeiten – auch das ist ein großes Thema bei Heiner Müller 22. Was will Medea sein? Ein Neutrum? Ein Ungeheuer? Ein Mensch?
 
Sie tötet die Kinder mit den Worten: »Küssen würdet ihr die Hand / Die euch den Tod schenkt kenntet ihr das Leben« (S. 79). Aber sie vollendet den Amoklauf nicht, bringt sich nicht selbst um. Als alles vorbei ist, glaubt sie, wieder sie selbst, wieder Medea zu sein: »Oh ich bin klug ich bin Medea Ich« (S. 80). Aber es ist Wahn, Selbstbetrug, Selbstaufgabe. Es ist, zumindest nach meinem Verständnis, ein Bild für die Pervertierung des Individualisierungsprozesses und ein radikales Bild für den Austritt der Frau aus der Geschichtsmächtigkeit durch Anpassung. Anpassung an patriarchal begründete Gewaltideologien und Gewaltpraktiken. – Aber: Diese Art von mörderischer Anpassung bedeutet zugleich auch eine Gefahr für patriarchal fundierte Gesellschaften, insofern sie das Bild, die Praxis und die Identität der domestizierten Frau zerstört. [...]"
 

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