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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Ideen, Ansätze zur Überwindung des neoliberalen, unsozialen Systems, seiner Ausprägungen, seiner Folgen - Kapitalismus, Sozialabbau, Primat des Wirtschaftswachstums, Ausbeutung, Hass, Abwehr, Spaltung, Ignoranz, Negativismus (!) ... Stattdessen: Ethisches Wirtschaften u. Handeln, Gemeinwohl-Ökonomie, Wirtschaft der Fürsorge

 
Aktualisierung am 28. Dezember 2018
 
Selbstverständich ist es möglich und machbar, realisierbar: das Bewältigen des global destruktiven Kapitalismus´ und das Einsetzen der Gemeinwohlökonomie, der Solidarwirtschaft, Wirtschaft der Fürsorge, siehe auch feministische Kapitalismuskritik - je regional sowie transnational.

Es gibt längst seriöse, solide Konzepte und auch umgesetzte Praxis hierzu (siehe bspw. attacs Alternatives Handelsmandat ...), einhergehend:

- anderes Arbeiten - siehe Arbeitsbegriff:

Arbeit ist mehr und noch anderes als Erwerbstätigkeit (inklusive #bullshitjobs, bei David Graeber nachlesbar), siehe bspw. die für weltweit jede Gesellschaft und Gemeinschaft absolut unentbehrliche Sorge-Arbeit, die weltweit noch immer unentgeltlich von mehrheitlich Frauen geleistet wird - auch das ist Ausbeutung

und

- anderes Wohnen: generationenübergreifend, gemeinschaftlich, siehe cohousing, inklusive entsprechender Architektur, Infrastruktur, Nachhaltigkeit, ökologischer Wohnungsbau etc..

Es ist all das jedoch politisch aus bekannten Gründen nach wie vor nicht gewollt, obschon längst überfällig: das Ablösen des/vom Kapitalismus, das Überwinden des ihm zugrundeliegenden rechtskonservativen Menschenbildes inklusive Leistungsideologie, Primat der Wirtschaft und des Wirtschaftswachstums, statt des Sozialen, Konkurrenzdenken/Kampf, patriarchale Religionen, Ideologien und entsprechende Indoktrinierung sowie Schwarze Pädagogik: Druck, Zwang, Kontrolle, Härte, Strenge, emotionale Kälte, Strafe, Dressur - Gewalt, Zerstörung.

Statt: Bedürfnisorientiertheit, Mitgefühl, Solidarität, Kooperation und Nachhaltigkeit, Umsicht, Besonnenheit, emotionaler, sozialer, charakterlicher Reife und Liebesfähigkeit.

Außerdem bedarf es global der Säkularisierung bzw. des Säkularismus´, der Basisdemokratie bzw. der Soziokratie und der auf allen Ebenen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft paritätisch vorhandenen, d.h. entscheidungs-, verantwortungsbefugten und Einfluss nehmen könnenden Frauen.

Zur erforderlichen, unabdingbaren Liebesfähigkeit und der Definition von Liebe siehe nach wie vor Erich Fromm ("Die Kunst des Liebens" u.a.), Arno Gruen (Zitat: "Der mitfühlende Mensch kann Kriege verhindern" ...) oder auch Martha Nussbaum ("Gerechtigkeit braucht Liebe").

Und ja: Weltweit gehen Menschen, Eltern, Bezugspersonen mit Kindern immer noch katastrophal falsch, schlecht, nicht bedürfnisorientiert, nicht respekt- und liebevoll um - auch aus bekannten Gründen (eigenes Beschädigtwordensein in der Kindheit, Indoktrinierung, materielle Armut, Überlastung), mit bekannten Folgen, weshalb hier dringend anzusetzen ist.

Denn intensiv beschädigte Kinder werden zu beschädigten Erwachsenen, die sich infolgedessen kompensatorisch verhalten: bspw. durch kompensatorisch-narzisstisches Machtstreben, Sadismus, Gewalt, Sucht, Konsumismus, Gier, Geiz, Neid, Hass, aber auch Hypochondrie, Essstörungen, außerdem Ängste, verstärkte Ängstlichtkeit, auch Feindselligkeit, Neophobie, Xenophobie, Nekrophilie - alles typisch für Konservative, weiterhin Depression, diverse Persönlichkeitsstörungen, autoaggressives Verhalten, Selbstbetrug.

 
-
 

Erich Fromm - Die seelischen und geistigen Probleme der Überflussgesellschaft

Uni Trier - Gemeinwohlökonomie - Christian Felber: Wirtschaft neu denken

Lösungskonzepte für bestehende (globale) soziale, politische Missstände:
 
Gemeinwohlökonomie, Wirtschaft der Fürsorge, Demokratische Bildung/Schule (siehe nach dem Konzept von bspw. Summerhill und Sudbury Valley), bedürfnisorientierter Umgang mit Menschen, insbesondere: mit Kindern - jenseits patriarchalischer Schwarzer Pädagogik (Dressur, Druck, Zwang, Kontrolle, Härte, Strenge, Kälte, Strafe - Gewalt, absichtsvolles Schmerzzufügen, Sadismus) und entsprechender (religiöser) Ideologien und Indoktrinierung.
 
Denn Urgrund jeglicher intrinsischen (nicht oktroyierten) Moral ist Mitgefühl und nur auf dieser Basis sind Kooperation, Solidarität, friedliches Miteinander möglich.
Dieses jedem Menschen angelegte, angeborene Mitgefühl wird jedoch weltweit nach wie vor insbesondere in der Kindheit beschädigt, beschnitten - mit bekannten, nach wie vor deutlich wahrnehmbaren Folgen: rings um den Globus.
 
"[...] Als das Gegenteil einer gemeinwohlorientierten Politik gilt eine von persönlichen Machtinteressen bestimmte Politik. Diese dient den Machthabern (oder anderen profitierenden relativ kleinen Gruppen, die nicht direkt als Machthaber in Erscheinung treten), nicht aber der Gemeinschaft. Erstgenanntes lässt sich vor allem in absolutistischen Monarchien oder Diktaturen beobachten, doch auch der Kapitalismus als Wirtschaftsform steht in einer entsprechenden Kritik. Von Machtgruppen geleitete, wohlfahrtsmindernde Politik findet sich in unterschiedlich starker Ausprägung in allen politischen Systemen (siehe auch Lobbyismus) [...]
 
Bei der Bestimmung des Gemeinwohls im Sinne des Pluralismus seien es systematisch schwache Gruppen, die ihr Interesse nicht artikulieren bzw. durchsetzen können, z. B. Unterschicht oder Dritte Welt, oder allgemeine Interessen wie Bewahrung des Naturkapitals und Umweltschutz. Wenn aber berechtigte Interessen nicht artikuliert und in den politischen Prozess eingebracht würden, sei es problematisch, das Ergebnis derart defizitärer Verhandlungen mit dem Etikett „Gemeinwohl“ zu versehen. [...]
 
Staatliche Gewalt wird vom Bundesverfassungsgericht als dem Gemeinwohl verpflichtet angesehen.[10]
Damit der Eingriff in ein Grundrecht nicht unverhältnismäßig ist, muss der Gesetzgeber legitime Gemeinwohlinteressen verfolgen.[11]
Das Gemeinwohlkriterium ist in verschiedenen Gesetzen positiviert und bedarf als unbestimmter Rechtsbegriff der Auslegung. Dabei ist von einem "verfassungsstaatlichen Gemeinwohlverständnis auszugehen, das sich an den "Gemeinwohlwerten" des Grundgesetzes wie Menschenwürde, Freiheit, Rechtssicherheit, Frieden und Wohlstand und damit an den Grundrechten, dem Rechtsstaat-, Sozialstaats- und Demokratieprinzip festmachen lässt". [...]
 
Nach Art. 14 Abs. 2 Grundgesetz gilt: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." Nach Art. 14 Abs. 3 Satz 1 GG: "Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig."
In Art. 14 Abs. 2 GG wird die sogenannte Sozialbindung des Eigentums festgesetzt (Sozialpflichtigkeit des Eigentums). [...]
 
Gesetzliche Regelungen der Berufsausübung nach Art. 12 Abs. 1 GG (siehe Berufsfreiheit) sind unter anderem nur zulässig, "wenn sie durch hinreichende Gründe des Gemeinwohls gerechtfertigt werden."[14] Der Gesetzgeber muss "einen Gemeinwohlbelang von hinreichendem Gewicht, der Einschränkungen der Berufsausübung rechtfertigen kann"[14] verfolgen. Dabei können "reine Berufsausübungsbeschränkungen .. grundsätzlich durch jede vernünftige Erwägung des Gemeinwohls legitimiert werden. Allerdings müssen Eingriffszweck und Eingriffsintensität in einem angemessenen Verhältnis stehen."[15]
 
Oder in einer anderen Wendung: "Um vor der Garantie der Berufsfreiheit (Art. 12 Abs. 1 GG) Bestand haben zu können, müssen Eingriffe in die Berufsausübungsfreiheit auf einer gesetzlichen Grundlage beruhen, die durch ausreichende Gründe des Gemeinwohls gerechtfertigt ist [...]. Die aus Gründen des Gemeinwohls unumgänglichen Einschränkungen der Berufsfreiheit stehen unter dem Gebot der Verhältnismäßigkeit [...]. Daher müssen die Eingriffe zur Erreichung des Eingriffsziels geeignet sein und dürfen nicht weiter gehen, als es die Gemeinwohlbelange erfordern [...].
Die Eingriffsmittel dürfen zudem nicht übermäßig belastend sein [...], so dass bei einer Gesamtabwägung zwischen der Schwere des Eingriffs und dem Gewicht der ihn rechtfertigenden Gründe die Grenze der Zumutbarkeit noch gewahrt ist." [...]
 
Für Unternehmen gewinnt der Gemeinwohl -/Public Value-Ansatz an Bedeutung, wenn sie ihre Rolle im gesellschaftlichen Umfeld bestimmen wollen. Neben dem Risikomanagement geht es um die strategische Positionierung und die Legitimation unternehmerischer Tätigkeit im gesellschaftlichen Umfeld. Das Neue daran ist eine ganzheitliche Betrachtung, bei der die finanziell-ökonomische Wertschöpfung nur einen Ausschnitt des Gemeinwohl-Beitrages darstellt. In dieser Perspektive leisten Unternehmen neben dem funktionalen Kundennutzen auch moralisch-ethische, politisch-soziale auch hedonistisch-ästhetische Beiträge zum Gemeinwohl – sie beeinflussen gesellschaftliche Werte. In der Praxis wurden bisher einzelne Gemeinwohlaspekte unter Begriffen wir „Nachhaltigkeit“ oder „gesellschaftliche Verantwortung“ thematisiert, doch in der Regel nicht im Sinne eines Wertbeitrages verstanden. [...]
 
Eine umfassende Überarbeitung unseres gegenwärtigen Wirtschaftssystems will der österreichische Attac-Mitbegründer Christian Felber mit dem Modell einer Gemeinwohl-Ökonomie [21] erreichen, bei der Erfolg nicht mehr länger mit Konkurrenz und Finanzgewinn, sondern mit Kooperation und einem größtmöglichen Beitrag zum allgemeinen Wohl gleichgesetzt wird. Herzstück dabei ist eine „Gemeinwohl-Bilanz“, mit der Kriterien sozialer Verantwortung, ökologisch nachhaltigen Wirtschaftens, innerbetriebliche Demokratie und gesamtgesellschaftlicher Solidarität gemessen werden.[22] Betriebe, die eine solche Bilanz erstellen, sollten dann auch Vorteile bezüglich z. B. niedrigeren Steuern oder günstigeren Krediten bekommen. Nach Angaben des „Vereins zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie“ wird dieses Wirtschaftsmodell nicht nur von vielen Einzelnen, Vereinen und Politikern unterstützt, sondern inzwischen (Ende Februar 2015) auch von über 1700 Unternehmen. [...]
 
Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA), der die EU-Organe berät, hat im September 2015 in einer Stellungnahme empfohlen, das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie sowohl in den europäischen als auch in die einzelstaatlichen Rechtsrahmen zu integrieren. Es wird vorgeschlagen, Unternehmen die Erstellung einer Gemeinwohlbilanz zu empfehlen und Investitionspläne auf ihre Wirkung auf das Gemeinwohl hin zu untersuchen. Ziel ist "der Wandel hin zu einer europäischen ethischen Marktwirtschaft". [...]"
 
Quelle: Wikipedia - "Gemeinwohl"
 

"Der marktgerechte Mensch"

Geiz ist gar nicht geil

rosalux.de

Noch ein Goldnugget gefunden - Danke.

Und: auf Gramsci geht´s zurück, das Motto, dem auch ich folge:
 
"Pessimismus der Vernunft, Optimismus des Willens"
(in meinen Worten: Im Kopf Pessimist, jedenfalls skeptisch, kritisch, im Herzen Optimist sein - und bleiben.)
 
Und: Antinatilismus hat natürlich seinen Reiz, wird nur leider zumeist ideologisch instrumentalisiert, annektiert, missbraucht bzw. schlicht missverstanden. Im Übrigen würde es mich nicht wundern, wenn die Idee des Antinatilismus auf einen Mann (oder mehrere) zurückgeht und letztlich auf je persönlichen Lebensfrust und Misanthropie auf dessen Basis, als dessen Folge.

Man möchte jedenfalls hoffen dürfen, dass Milo Raus Utopie eines globalen Gemeinwohls zu Lebensrealität wird - globaler, denn diesen Traum träumen sicher viele, sie wissen ihn nur nicht zu verwirklichen.
 
"[...] Rau: Man muss diesen Irrsinn bändigen und neutralisieren. Das ist unser größtes strukturelles Problem: Nationen machen Globalpolitik. Nationen, die von Präsidenten regiert werden. Nationen waren ein Funktionsprinzip des 18. und 19. Jahrhunderts, heute sind sie ein Hindernis. Über Klimawandel spricht man seit 20 Jahren, aber die Entscheidungsgewalt liegt nicht bei den Betroffenen, sondern bei irgendwelchen nationalen Gremien. Und da herrscht überall große Koalition: Die Leute wollen, dass der bestehende Zustand noch mindestens zehn Jahre weitergeht. Sie haben Angst vor dem Chaos, vor der Gewalt. Aber der Stillstand ist ein gewalttätiger. Auch jetzt, bei uns.
 
ZEIT: Wie meinen Sie das?
Rau: In meinem Stück sagt Lenin am Schluss: "Wir sind von Sklaven zu Sklavenhaltern geworden. Unsere Freiheit gilt für den Rest der Welt nicht." Und so ist es heute auch bei uns. Deshalb glaube ich, dass langfristig zwei Möglichkeiten bestehen: Entweder es wird bei uns irgendwann zu einer Phase großer Gewalt kommen, einem Re-Import der Gewalttätigkeit, die wir gegen Teile der Welt außerhalb Europas anwenden.
 
ZEIT: Oder aber ...
Rau: Oder aber wir überwinden die nationale Phase und schaffen den Weg zu einer Regional- und Weltpolitik. Man kann die Bourgeoisie nicht in einer nationalen Bewegung besiegen, denn der Nationalstaat ist eine Erfindung dieser Herrschaftsform. Meine linken Freunde in der Schweiz sprechen über das Grundeinkommen, also die Idee, dass die Gewinner der Geburtslotterie im eigenen Land auch noch ständige Geldausschüttungen bekommen sollen. Aber der Zufall der Geburt in den Adelsstand darf nicht bedeuten, dass man automatisch reich ist.
 
ZEIT: Adelsstand?
Rau: Natürlich kommt eine Geburt in Europa einer hochherrschaftlichen Geburt gleich. Wir Europäer leben im Adelsstand. Ein Milo Rau im Kongo, ein Mann mit meinem Geburtsdatum, wäre entweder schon tot oder lebte an der Armutsgrenze oder wäre geflohen. Das sind die drei Möglichkeiten, die ein Milo Rau hat, den die Geburtslotterie im Kongo zur Welt kommen lässt. Und der Milo Rau aus der Schweiz macht zweifelhafte Trauerspiele an der Berliner Schaubühne. Der Zufall bestimmt alles. Das ist ein Skandal, den darf man nicht hinnehmen. Entweder es gibt ein gutes Leben für alle, oder es gibt gar kein gutes Leben.
 
ZEIT: Der Reichtum weniger Menschen wird aber immer absurder. Nehmen wir nur die von Bernie Sanders so gern erwähnten Gebrüder Koch. Deren Geldmacht wächst ins Unermessliche. Wie können Sie, Herr Rau, bei alldem daran glauben, eine gerechtere Verteilung sei möglich?
Rau: Es gibt dieses berühmte Zitat von Gramsci: Pessimismus der Vernunft, Optimismus des Willens. Das hat gar nichts mit Naivität zu tun. Man muss nur wissen, wie man organisiert. Die Idee der Solidarität macht mir einfach Spaß. Sie ist auch eine Möglichkeit, Wissen zu generieren. Sie ist fast schon ein Alibi, Dinge zu erfahren und zu erleben. [...]
 
Rau: Das Nationalparlament mit der vielleicht größten Entscheidungsgewalt – mal abgesehen vom amerikanischen – ist das deutsche. Die Entgrenzung der Nationalpolitik spielen wir durch, indem wir fragen: Wer sollte in einem Weltparlament wirklich drinsitzen? Denn 95 Prozent der von Nationalpolitik betroffenen Menschen sind in den Parlamenten gar nicht vertreten. [...]
 
ZEIT: Wie entkräften Sie den Vorwurf, dass Ihre Vorauswahl der Parlamentarier schon ein schlimmer Akt der Herrschaft ist?
Rau: Jeder Gründungsakt einer Institution ist eine Selbstermächtigung. Es sind sehr disparate Meinungen in diesem Parlament vertreten, auch Kritiker meiner Arbeit. Wir werden versuchen, diese Selbstermächtigung methodologisch abzustützen. Wir haben bewusst Leute eingeladen, die unterschiedliche Ansichten haben. Die einen wollen Waffenexport verbieten, es gibt aber auch welche, die sind für Waffen, weil sie für das Aussterben der Menschen plädieren ...
 
ZEIT: Es gibt in Ihrem Parlament Befürworter des Aussterbens der Menschheit?
Rau: Es kommt auch ein Antinatalist, Théophile de Giraud. Er vertritt eine Bewegung, die gar nicht so klein ist. Bei den Antinatalisten gibt es verschiedene Argumente: erstens, dass der Mensch, der geboren wird, grundsätzlich nicht glücklich ist; zweitens, dass es schlecht ist für den Planeten, dass Menschen geboren werden; und so weiter. Die Ungeborenen sollen das Recht haben, nicht geboren zu werden. Aber das ist eine Extremposition. [...]
 
Rau: Bei Trotzki ist die Revolution etwas Permanentes, das erst abgeschlossen ist, wenn der ganze Planet davon ergriffen ist – wenn überall Gerechtigkeit und Freiheit herrschen und der Hunger abgeschafft ist. Bei Stalin ist Revolution etwas, was man in den Grenzen eines Landes etabliert; was jenseits der Grenzen passiert, ist egal, die anderen können verrecken. Man kann es zwar auch mit Machtpolitik exportieren, aber im Grunde ist es nationale Machtpolitik.
 
ZEIT: Wenn man diese Definition übernimmt, muss man sagen: Europa stalinisiert sich gerade.
Rau: Stalin ist Europas Mann der Stunde, natürlich. Die Leute haben damals Stalin nicht gewählt, weil sie Kommunisten waren, und auch nicht, weil sie Terror wollten. Sie hatten genug von irgendwelchen liberalen Intellektuellen wie Trotzki. Sie wollten einfach: Ruhe, den Hunger besiegen, gesicherte Grenzen, die Juden raus – und fertig. Das ist ähnlich wie das, was viele Europäer jetzt als Gründe für ihre Wahlentscheidungen anführen.
 
ZEIT: Kann es sein, dass es das ist, was die Mehrheit immer will? Ruhe in der Nachbarschaft, Außenseiter und Fremde raus, Sündenböcke klar markiert, Grenzen sicher, alles andere sekundär?
Rau: Unsere Demokratie ist ja nur möglich durch Ausbeutung. Nur durch extreme Industrialisierung – die jetzt zum Ende kommt – war es machbar, die europäischen Freiheitswerte, die westlichen Konsumwerte für so viele Menschen zugänglich zu machen. Das wird jetzt zurückgehen, und dann wird auch die Demokratie zurückgehen, weil die Ressourcen nicht mehr da sind, diesen demokratischen Apparat zu unterhalten.
 
ZEIT: Demokratie ist eine Luxuserscheinung?
Rau: Demokratie und Wohlfahrtsstaat hängen eins zu eins zusammen. Und das oberste Projekt der demokratischen Linken in Europa ist das Grundeinkommen. Die Idee, dass es keine Antagonismen in einer Gesellschaft mehr gibt – die werden alle exportiert. Dort die Ausgebeuteten, hier die gut gelaunten Leute, die nicht arbeiten müssen, weil die Ausbeutung der Dritten Welt so viel abwirft, dass man jedem Arbeitslosen 2.000 Euro geben kann.
 
ZEIT: Immer mehr Nationen verstärken ihre Grenzen; was jenseits vorgeht, ist egal. Was lässt sich gegen diese Strömung ausrichten?
Rau: Ein Nationalparlament kann keine global gerechte Politik machen. Also muss man die Basis der über globale Politik Abstimmenden aufs Weltweite ausdehnen. Das kann zu einer Phase der Gewalt führen, denn natürlich wird niemand seine Privilegien aufgeben – nicht die europäische und nicht die amerikanische Elite. Um noch mal die Brüder Koch zu erwähnen: Es gibt auch kongolesische Kochs und syrische Kochs. Und die hängen in einem Netz zusammen. Wenn einer fällt, fallen alle. Die Eliten werden die gängige Politik mittragen. Deshalb muss es eine basisdemokratische Selbstermächtigung geben.
 
ZEIT: Sogenannte Realpolitiker müssen Sie für einen gefährlichen Irren halten.
Rau: Ich mach mir keine Illusionen, aber Hoffnungen habe ich schon. Die Alternative wäre: alles zu wissen, aber gar nichts zu tun. Das ist mir zu wenig. Und wenn man in ganz langen Zeiträumen denkt, sozusagen als Hegelianer, sieht man: Vor 10.000 Jahren bestand die durchschnittliche Staatengröße vielleicht aus 50 Familien. Seitdem ist die Vereinheitlichung der Menschheit ständig vorangeschritten; jetzt haben wir noch 200 Staaten. Damit einher ging die Ausdehnung der menschlichen Vorstellungskraft, Empfindsamkeit und Solidarität. Da sind wir eigentlich auf dem richtigen Weg. Die Welt, in der wir heute selbstverständlich leben, wäre für die Menschen vor 100 Jahren ein unfassbarer Psychostress gewesen.
 
ZEIT: Seltsam, dass beide Extreme gesellschaftlicher Entwicklung meist als negative Utopien verhandelt werden. Wenn in der populären Kunst der Weltstaat gezeigt wird, dann stets als Diktatur. Und das andere Extrem, der Rückfall ins Stammeswesen, wird als Apokalypse erzählt: Überlebende, die durch verstrahlte Landschaften ziehen.
Rau: Totalitarismus oder dark ages, ja. Ich habe aber die Hoffnung auf etwas, das dazwischenliegt: eine regional organisierte Welt – dass es also Stämme gibt, sagen wir Katalonien, und dann keine Nationen mehr, sondern gleich das Weltbürgertum. Dazu braucht man regionale Selbstverwaltung und darüber ein Weltbürgerrecht, ein Weltsteuerrecht, das kann man in den nächsten 30 Jahren schaffen.
 
ZEIT: Die Probleme die sich dann auftun, sind Verteilungsprobleme, Probleme des Wohlstandsgefälles. Wie könnte man das regeln? Den Ausgleich zwischen dem afghanischen und dem schwäbischen Stamm? Der Hass zwischen Kabul und Stuttgart wäre programmiert.
Rau: Klar, weil der Zahlende herrscht. Das ist zwar etwas, was wir innerhalb des Wohlfahrtsstaats überwunden haben – es ist klar, dass ich über den, dem ich indirekt helfe, keine Herrschaft ausüben kann. In der EU wird über Ausgleich aber nicht demokratisch entschieden, sondern darüber entscheidet eine Expertokratie. Dass sind diese Gremien, die ausrechnen, was Griechenland tun muss, um aus der Staatsverschuldung rauszukommen. Eine Expertengruppe von 20 Leuten bestimmt, was die Griechen zu tun haben – ansonsten werden die Zahlungen eingestellt, und es drohen Zusammenbruch und Hungersnot. Das ist im Grunde Erpressung. Das europäische Vorgehen ist also kein Vorbild. Ich erhoffe mir von der General Assembly Aufschlüsse, wie man das besser machen kann. [...]"
 
Quelle der zitierten Passagen: zeit.de - "Milo Rau: `Wir Europäer leben im Adelsstand´", farbliche Hervorhebungen (dunkelblau markiert) habe ich vorgenommen.
 

Alternatives Handelsmandat - attac

Guter Kunde - böser Kunde

rosalux.de

futuremag arte (vom 20.09.2014) - Cohousing: ein Konzept mit Zukunft

co-housing, Beispiele aus Dänemark und usa; co-housing gegen soziale Isolation, Vereinsamung, nicht nur, aber gerade auch im Alter, gegen elterliche Überforderung, gegen Kindeswohlschädigung, Missbrauch, Gewalt, Misshandlung ... - Gemeinschaft, Beziehungen, Solidarität, Kooperation, Soziokratie, Autonomie. DAS gälte es, politisch intensiv zu fördern. Auch in Deutschland.

Stattschloss Hamburg

globaler zukünftiger Städtebau, Architektur - warum es um mehr, anderes als Nostalgie geht

Der wunderbare David Graeber über Bürokratie, Polizei, Schulden, Tausch, Geld, Militär, Neoliberalismus, Kapitalismus, Anarchismus ...

ANARCHISMUS - eine Haltung, eine gebotene Lebensweise, hier erklärt (in deutscher Übersetzung) vom überaus geschätzten David Graeber - persönliche Vorurteile, Unkenntnis bzgl. des Begriffs endlich abbauen.

Nun, es dürfte aber niemanden verwundern, dass es sich verhält, wie sie ausführt, Zitat:
 
"[...] Für diese Annahme spricht, dass die genannten Entwicklungen bei allen Unterschieden einen gemeinsamen Kern aufweisen: Sie verweisen allesamt auf eine dramatische Schwächung, gar den Zusammenbruch der Autorität etablierter politischer Schichten und Parteien. Es scheint, als hätten Massen an Menschen rund um den Globus plötzlich aufgehört, an die Selbstverständlichkeiten zu glauben, auf die sich politische Herrschaft in den letzten Jahrzehnten gestützt hatte. Es scheint, als hätten diese Massen das Vertrauen in die guten Absichten der Eliten verloren und sich auf die Suche nach neuen Ideologien, Organisationen und Führerinnen begeben. Zu umfassend ist dieser Bruch, als dass es sich um einen Zufall handeln könnte. Nehmen wir stattdessen an, dass wir es tatsächlich mit einer globalen politischen Krise zu tun haben. [...]"
 
Denn die Missstände, die sie im Folgenden beschreibt, sind durch eben diese "politische Herrschaft" zu verantworten, da diese sie ermöglicht, mindestens zugelassen hat und dass infolgedessen kein Vertrauen, Zitat "in die guten Absichten der Eliten" mehr besteht, dürfte gleichfalls niemanden überraschen.
Das, Zitat:
 
"Der hegemoniale Block, der die US-amerikanische Politik vor Trump dominierte, war der des progressiven Neoliberalismus."
 
ist m.E. das Kernproblem.
 
Im Weiteren kann ich ihr nicht folgen, nicht zustimmen, Zitat:
 
" Was klingt wie ein Widerspruch in sich, war die höchst reale, mächtige Allianz zweier seltsamer Gefährten: Auf der einen Seite der liberale Mainstream der Neuen Sozialen Bewegungen (Feminismus, Antirassismus, Multikulturalismus, Ökologie und Lesben- und Schwulenbewegung), auf der anderen Seite die dynamischsten, kulturell einflussreichsten und am stärksten finanzialisierten Sektoren der amerikanischen Wirtschaft (Wall Street, Silicon Valley und Hollywood). Was dieses eigenartige Paar zusammenhielt, war eine charakteristische Verquickung von Verteilungs- und Anerkennungsvorstellungen. [...]
 
So war es an den New Democrats die entscheidende Zutat beizutragen: eine progressive Politik der Anerkennung. Unter Rückgriff auf fortschrittliche Kräfte der Zivilgesellschaft propagierten sie einen, dem Anschein nach, egalitären und emanzipatorischen Ethos der Anerkennung. Im Herzen dieses Ethos standen Ideale der ‚Vielfalt‘, des ‚Empowerment‘ von Frauen und der ‚Befreiung‘ von Lesben, Schwulen und Transsexuellen; eines ‚post-ethnischen‘ Multikulturalismus, und des Umweltschutzes. Diese Ideale wurden in einer eng umgrenzten Weise verstanden, die mit der Goldman-Sachsifizierung der amerikanischen Wirtschaft gänzlich kompatibel war. Umweltschutz hieß CO²-Handel. Privaten Hausbesitz zu fördern, hieß subprime-Kredite zu vergeben, die gebündelt und als hypothekarisch abgesicherte Wertpapiere weiterverkauft werden konnten. Und Gleichheit hieß Meritokratie.
 
Besonders schicksalhaft war dabei letztere Verkürzung von Gleichheit zu Meritokratie. Das progressiv-neoliberale Ideal einer gerechten Statusordnung zielte nicht auf die Abschafftung von Hierarchien ab, sondern wollte diese lediglich ‚diversifizieren‘ – indem ‚begabte‘ Frauen und Mitglieder ethnischer und sexueller Minderheiten ‚empowert‘ wurden, nach Spitzenpositionen zu greifen. Im Effekt war dieses Ideal ganz und gar klassenspezifisch: Es war darauf ausgerichtet, besonders ‚verdienten‘ Mitgliedern ‚unterrepräsentierter Gruppen‘ die Möglichkeit zu verschaffen, Positionen und Einkommen auf einer Stufe mit denen heterosexueller weißer Männer ihrer Klasse zu erlangen. Die feministische Variante dieses Ideals ist bedauerlich, aber keineswegs einzigartig: Mit ihrem Fokus auf leaning in, sich ‚reinhängen‘, um die ‚gläserne Decke‘ zu durchbrechen, konnte dieser Feminismus nur denen nützlich sein, die bereits über das nötige soziale, kulturelle und ökonomische Kapital zu einem solchen Durchbruch verfügten. Alle anderen steckten weiterhin im Keller fest. [...]"
 
Was sie hier beschreibt, ist grundsätzlich mit tatsächlichem Feminismus - einem solchen, der in genuin linkspolitischer Manier tatsächlich das letztlich und unausweichlich globale, bedürfnisorientierte (!) Gemeinwohl (inkl. sozialer, Verteilungsgerechtigkeit, Freiheitsrechten, Selbstbestimmung, Regionalität und Transnationalität, Geschlechterparität, Klassenlosigkeit ...) anstrebt - unvereinbar.

Sie bezieht sich hier auf einen "elitären Feminismus", der im Grunde ein konservativer, neoliberaler, exkludierender, nur Privilegierten zugänglicher und diesen nützlicher ist.
 
Immerhin erwähnt sie im weiteren Textverlauf, Zitat:
 
"Nicht alle Feministinnen, Antirassistinnen, Multikulturalistinnen usw. sprangen auf den neoliberalen Zug auf."
 
Auch hier kann ich ihr nicht zustimmen, Zitat:
 
"Das Charisma eines ‚neuen Geistes des Kapitalismus‘. Dieser spirit nutzte die Ausstrahlung von Emanzipationsversprechen, um neoliberales Wirtschaften den Anstrich eines gesellschaftlichen Aufbruchs zu geben. Assoziiert mit dem Vorwärtsdenken, der Befreiung, Kosmopolitismus und moralischem Fortschritt, wurde das Trostlose mit einem Mal aufregend. Dieser Ethos war zu großen Teilen verantwortlich dafür, dass sich eine Politik der massiven Umverteilung von Reichtum und Einkommen von unten nach oben als legitim präsentieren konnte."
 
Weder handelte es sich m.E. um einen "neuen Geist" des Kapitalismus noch war dieser "charismatisch" und noch weniger handelte es sich dabei um ein Vorwärtsdenken und/oder "moralischen Fortschritt". - Nein, nichts an all dem war oder ist (moralisch) legitim. Und das war im Grunde zu jeder Zeit erkennbar, wo man es erkennen (statt verdrängen) wollte (weil man selbst davon profitierte).
 
Denn ganz generell kann es keinen "moralischen Fortschritt" geben/bedeuten, wenn ein paar mehr Menschen via globalem, neoliberalem Kapitalismus zeitweise oder auch langfristig von diesem profitieren, während unzählige andere nach wie vor bzw. umso mehr darunter leiden und für das Hochkommen der Wenigen noch zusätzlich "bezahlen". So ignorant, kurzsichtig, horizontverengt kann nur sein, wer sich selbst betrügt, um seine Selbstsucht ertragen, sie jedenfalls ignorieren zu können. Umsomehr, als die geschaffenen, vermeintlich erkämpften "Teilhabemöglichkeiten" und Privilegien sich nicht automatisch, selbstgängig global verbreiten, vermehren, was ebenfalls zu jeder Zeit offensichtlich war und nach wie vor ist. Auch diesbezüglich konnte man sich also - eigentlich - nicht in die eigene Tasche lügen.
 
Und auch in dieser Passage widerspricht sie sich bzw. übersieht sie m.E. das zugrundeliegende Fundament, Zitat:
 
"Der zweite Rivale, den der progressive Neoliberalismus besiegen musste, war ihm ähnlicher, als er hätte zugeben können: der reaktionäre Neoliberalismus. Beheimatet hauptsächlich in der Republikanischen Partei und weniger kohärent als sein dominanter Rivale, stand dieser zweite Block für einen anderen Nexus von Verteilung und Anerkennung. Er verband eine ähnliche neoliberale Verteilungspolitik mit einer reaktionären Politik der Anerkennung. Der reaktionäre Neoliberalismus gab vor, Kleinunternehmer und den produzierenden Sektor zu fördern, doch sein wahres ökonomisches Projekt war eine Stärkung des Finanzsektors, der Rüstungsindustrie und der extraktiven Stromproduktion, allesamt zugunsten der globalen 1%. Was der anvisierten Basis dieses Projekt schmackhaft machen sollte, war das Ideal einer Statusordnung, die auf Ausschluss basierte: ethno-nationalistisch, migrationsfeindlich und christlich-fundamentalistisch, wenn nicht gleich offenem rassistisch, homophob und patriarchal."
 
Es i s t auch dieser "progressive Neoliberalismus" durch und durch patriarchal, ausschließend, hierarchisch, destruktiv - für all jene, die nicht daran "teilhaben" können oder wollen, die nicht davon profitieren können und/oder wollen.
Entsprechend konstatiert sie im Weiteren, Zitat:
 
"Beide Blöcke wählten Anführer (und manchmal Anführerinnen), die einen großflächigen Abbau von Sozialansprüchen anvisierten. Was sie unterschied, war ihre Haltung zu Anerkennungs-, nicht zu Verteilungsfragen."
 
Insgesamt bleibt sie in ihrer Analyse leider sehr, eigentlich fast ausschließlich, auf usa und GB fixiert. Doch finden sich Trittbrettfahrer und Mitverursachende, Miterhaltende (des neoliberalen Kapitalismus´) nicht nur in GB und usa.
 
Dann geht sie erfreulicherweise auf die durchaus möglichen, realisierbaren Alternativen ein:
 
"Eine weitere Chance, das Hegemonievakuum zu füllen, kam 2011 in Form der Eruption von Occupy Wall Street. Entnervt vom Warten auf Abhilfe von Seiten des politischen Systems nahmen zivilgesellschaftliche Gruppen die Dinge selbst in die Hand und besetzten im Namen der ‚99%‘ öffentliche Plätze im ganzen Land. Mit ihrem Protest gegen ein System, das die Mehrheit der Bevölkerung zugunsten der Allerreichsten ausplündert, gewannen eine anfänglich kleine Gruppe junger Aktivistinnen schnell die Unterstützung breiter Bevölkerungsschichten – einigen Umfragen zufolge 60% der US-Bevölkerung –, insbesondere von bedrängten Gewerkschafterinnen, verschuldeten Studierenden, abgekämpften Mittelschichtsfamilien und dem wachsenden ‚Prekariat‘."
 
Exakt hier wäre auf genau diese Weise anzusetzen: Anarchismus.
Der gerade nicht "Regellosigkeit" oder gar Chaos bedeutet.
 
Schließlich nimmt sie auch nochmals auf Feminismus Bezug - und ja, es gibt nicht erst seit gestern eine umfassende feministische Ökonomie (-kritik):
 
"Wir brauchen eine Strategie der Spaltung, die zwei große Bruchlinien befördert: Erstens gilt es, unterprivilegierte Frauen, Migrantinnen und People of Color von den individualisierten Mantras des ‚Lean in‘-Feminismus‘ abzuwerben, von den meritokratischen Antirassistinnen und Homophobie-Gegnerinnen, den Konzernvisionen von Diversity und ‚grünem Kapitalismus‘, die die Anliegen der Unterpriviligierten an sich gerissen und mit neoliberaler Politik kompatibel gemacht haben. Dies ist das Anliegen einer kürzlich gestarteten feministischen Initiative, die darauf abzielt, den ‚Lean in‘-Feminismus mit einem ‚Feminismus der 99%‘ zu ersetzen. Andere emanzipatorische Bewegungen sollten diese Strategie übernehmen."
 
Ihrem Fazit kann man sich selbstredend nur anschließen:
 
"Die strukturellen Basen des Rassismus haben ebensoviel mit Klasse und politischer Ökonomie zu tun, wie mit Status und Anerkennung. Und die Kräfte, die die Lebenschancen von nicht-weißen Minderheiten zerstören, sind Teil desselben dynamischen Komplexes, der die Lebenschancen Weißer zerstört – auch wenn Details sich unterscheiden. Die fundamentale Einsicht ist die der unauflöslichen Verstrickung von ‚Rasse‘ und Klasse im finanzialisierten Kapitalismus der Gegenwart. [...]
 
Ein progressiv-populistischer Block muss derartige Einsichten zu seinen Leitsternen machen. Er muss die neoliberal-progressive Betonung persönlicher Haltungen über Bord werfen und seinen Fokus auf die institutionellen Strukturen der gegenwärtigen Gesellschaft legen. Und – besonders zentral – er muss aufzeigen, dass Klassen- und Statusungerechtigkeit eine gemeinsame Wurzel im finanzialisierten Kapitalismus haben. Indem er dieses System als eine integrierte Totalität begreift, muss er die Frauen, Migranten, ethnischen Minderheiten, Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen angetanen Beschädigungen mit jenen der Arbeiterschichten verbinden, die nun ins rechtspopulistische Lager gezogen werden. Auf diese Weise kann ein solcher Block den Grundstein für eine neue Koalition aller derzeit von Trump und seinen auswärtigen Ebenbildern verratenen legen – nicht bloß den Migrantinnen, Feministinnen und Minderheiten, die seinen hyperreaktionären Neoliberalismus bereits ablehnen, sondern auch auch die weißen Arbeiterinnen, die ihn bislang unterstützen. Wenn es ihm gelingt, zentrale Teile der gesamten Arbeiterinnenklasse zu gewinnen, hat der progressive Populismus zumindest prinzipiell das Potenzial in der Zukunft ein relativ stabiler gegenhegemonialer Block zu werden. [...]
 
Wie jede Form des Kapitalismus ist die gegenwärtige Form mehr als ein Wirtschaftssystem; sie ist ein institutionalisierte Gesellschaftsordnung. Als solche basiert sie auf einer Reihe nicht-wirtschaftlicher Bedingungen, die für das Funktionieren des kapitalistischen Wirtschaftens unverzichtbar sind: Unbezahlte soziale Reproduktion, zum Beispiel, sorgt für die stetige Wiederherstellung der Lohnarbeit, auf der Kapitalakkumulation beruht. Ein organisierter Apparat öffentlicher Macht (Justiz, Polizei, Instanzen der Regulierung und Steuerung) stellt die Ordnung, Berechenbarkeit und Infrastruktur andauernder Akkumulation bereit. Und eine mehr oder weniger nachhaltige Weise, den menschlichen Stoffwechsel mit der Natur zu organisieren, sichert die Zufuhr von Energie und Rohstoffen für die Warenproduktion, den Erhalt eines bewohnbaren Planeten einmal ausklammernd.
 
Der finanzialisierte Kapitalismus ist eine geschichtlich spezifische Weise, in der sich die kapitalistische Wirtschaft zu diesen unverzichtbaren Hintergrundbedingungen in Beziehung setzt. Diese Beziehung ist eine der Plünderung und sie ist instabil, insofern die Kapitalakkumulation von eben den politischen, ökologischen, sozialen und moralischen Begrenzungen befreit wird, die nötig sind, um die Akkumulation auf Dauer aufrechtzuerhalten. Befreit von diesen Begrenzungen beginnt die kapitalistische Wirtschaft, die Bedingungen ihrer Möglichkeit zu verbrauchen. Sie ist wie ein Tiger, der seinen eigenen Schwanz verschlingt. Indem der gegenwärtige Kapitalismus das gesellschaftliche Leben mehr und mehr ökonomisiert, destabilisiert er die Formen sozialer Reproduktion, ökologischer Nachhaltigkeit und öffentlicher Macht, von denen er selbst lebt. In diesem Sinne ist der finanzialisierte Kapitalismus eine inhärent krisenhafte gesellschaftliche Formation. Und das Krisengeflecht, mit dem wir es heute zu tun haben, ist ein akuter Ausdruck dieser eingebauten Tendenz zur Selbst-Destabilisierung. [...]
 
Eine Lösung der objektiven Krise bedarf der grundlegenden, strukturellen Transformation des finanzialisierten Kapitalismus, einer neuen Weise, Wirtschaft und politische Rahmung zu verbinden, Produktion mit Reproduktion, die Gesellschaft mit dem nichtmenschlichen Teil der Natur. Der Neoliberalismus, mit welchem Anstrich auch immer, ist nicht die Lösung, sondern das Problem. [...]
 
Ein progressiver Populismus ist die beste Aussicht auf eine subjektive wie auch objektive Lösung. Doch selbst das mag sich als bloße Übergangsphase zu einer ganz neuen, post-kapitalischen Gesellschaftsform herausstellen. [...]"
 
Meiner Ansicht nach wäre eine Menge schon allein damit zu erwirken, würden Frauen weltweit tatsächlich paritätisch auf allen gesellschaftlichen, politischen, insbesondere auch wirtschaftlichen Ebenen vertreten sein.
 
Das zu erreichen erfordert jedoch wiederum, die bestehenden, global nach wie vor patriarchalen Verhältnisse, Strukturen aufzubrechen, zu bewältigen - und ja, insbesondere die materielle Armut von Frauen und (deren) Kindern zu beheben, indem Frauen für die von ihnen noch immer weltweit mehrheitlich geleistete Sorge-Arbeit angemessen, d.h. existenzsichernd entlohnt werden. Erst dann ist ihnen und ihren Kindern Teilhabe an Bildung, Gesellschaft, Kultur, Politik tatsächlich möglich/eröffnet.
 
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arte - "Wachstum, was nun?", Marie-Monique Robin

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