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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie

Über die Wohlfühl-Lüge, die Wohlfühl-Ideologie, den oktroyierten Zwang zum Glück (-lichseinSOLLEN) - welche Absichten dahinterstehen, was damit erreicht werden will und: wird sowie: über Lebenskunst

"[...] Der neue Geist des Kapitalismus setze hingegen auf Individualität und die permanente Konkurrenz. Man darf sich nicht nur verwirklichen, man muss es. Die eigenen Stärken erkennen, das Beste aus sich herausholen, stets an der eigenen Optimierung arbeiten. Dazu wird schon in den Grundschulen Yoga zur Stressreduktion unterrichtet, lassen Universitäten die Studierenden Wellness-Verträge unterschreiben, verlegen Unternehmen und Behörden Meetings an die frische Luft, zeichnen die besten Läufer aus und bieten den Beschäftigten Beratung durch Life- und Fitness-Coaches.
 
Der naheliegende Verdacht, die Unternehmen täten dies nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern um den Profit zu steigern – gesunde und glückliche Mitarbeiter sind die produktivsten Mitarbeiter –, ist den Autoren zu oberflächlich. Wer wollte etwas dagegen haben, wenn motivierte und angemessen bezahlte Mitarbeiter mit einer interessanten Tätigkeit in einem erfreulichen Umfeld den Profit ihrer Firma steigern?
 
Studien dienen als Instrumente des Neoliberalismus
 
Tatsächlich geschehe unter dieser Oberfläche jedoch mehr: eine Entpolitisierung und Entsolidarisierung der ganzen Gesellschaft. Denn die Glücks-Doktrin, die Autoren sprechen auch von Biomoral, besage vor allem: Jeder ist seines Glückes Schmied. Ob Arbeitslosigkeit, Krankheit oder schlechte Wohnlage, ob Unzufriedenheit oder Traurigkeit: man kann etwas dagegen tun. Und diese Tätigkeit besteht nicht in politischem Protest, in gewerkschaftlicher Solidarisierung, in Nachbarschaftshilfe, in der Pflege von Freundschaften, sie besteht darin, einem Fitnessplan zu folgen. Wer trotzdem arbeitslos, krank oder depressiv wird, hat eben nicht hart genug an sich gearbeitet.
 
Die Autoren buchstabieren ihre Diagnose anhand verschiedener Entwicklungen aus, etwa der Karriere des Coachings, das jedem die Idee einflüstern will, man müsse nur das verborgene eigene Potential entdecken, und alles werde gut. Und anhand der Karriere der Positiven Psychologie, deren Glücksstudien regelmäßig zu dem seltsamen Ergebnis kommen, Lottogewinne machten nicht glücklich und Schicksalsschläge nicht unglücklich. Für die Autoren sind solche Studien Instrumente des Neoliberalismus: Warum, so fragen sie, ließ David Cameron im Zeiten der tiefsten Wirtschaftskrise Glücksumfragen anstellen? Ihre These: Weil dabei herauskommt, dass Geld nicht glücklich macht, also können Umverteilungsmaßnahmen auch unterbleiben. [...]"
 
Quelle: FAZ - "Wollt ihr die totale Wellness?", siehe oben stehenden Link. 
 
"[...] ZEIT: Der unglaubliche Erfolg Ihres Buches könnte auch so verstanden werden, dass die Deutschen sich von den großen systemischen Problemen unserer Zeit überfordert fühlen und sich am liebsten mit der Baustelle beschäftigen, die sie überschauen und am besten kennen, ihrem eigenen Selbst.
Schmid: Ich glaube mir schon grundsätzlich darüber klar zu sein, warum die Frage nach Lebenskunst zunimmt. Moderne heißt, sich absichtsvoll befreien von Religion, Tradition und Konvention. Das sind die Instrumente, die definieren, wie man zu leben hat. Nur etwas war von vornherein nicht bedacht worden: Was machen wir dann? In diese Lücke stößt die ganze Arbeit der Neubegründung der Lebenskunst. Das war mir nicht von Anfang an klar. Ich war nur eines der Kinder der Moderne, die in vormodernen Verhältnissen groß geworden sind. Ich habe eine wunderbare Kindheit auf dem Land erlebt, aber in Verhältnissen, die weitgehend abgeschottet waren gegen die Moderne. Irgendwann kam der Versuch, auszubrechen und in der heutigen Welt zu leben. Und ich fühlte mich magisch angezogen von dem Thema Lebenskunst. Mir wurde klar, das ist dein Thema – existenziell und philosophisch.
 
ZEIT: Hat die Lebenskunst eine Lösung für eines der größten Probleme der Moderne? Für das Problem, dass sie von sich aus keinen Sinn anbietet?
Schmid: Die Moderne hat mehrere Probleme. Eines der größten ist ihre restlose Ignoranz gegenüber der Ökologie. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts herrschte der Glaube, die Welt sei zur Ausbeutung da. Ganz langsam ist eine neue Sensibilität gewachsen, und zwar immer ausgehend von Individuen. Das ist meine tiefe Überzeugung, Individuen machen immer das Entscheidende.
 
ZEIT: Die Sorge um das eigene Selbst und das Bewältigen von politischen Großkrisen schließen sich also nicht aus?
Schmid: Das ist einer der fundamentalen Irrtümer über die Lebenskunst, dass man glaubt, sie sei dazu da, sich ein schönes Leben zu machen. Sie ist dazu da, die größten Schwierigkeiten des Lebens zu bewältigen. Lebenskunst ist Können des Lebens, es geht um das fundamentale Können. Alles zusammen zu tragen, was Menschen von der Pieke auf zum Leben brauchen.
 
ZEIT: Kann eine Gesellschaft funktionieren, in der Millionen einzelner Lebenshandwerker an ihrem Ich und seinen Privatzuständen herumbasteln?
Schmid: Aber die Gesellschaft beginnt mit mir, dann gibt es größere Kreise. Eine demokratische Gesellschaft kommt nicht von oben runter, sie geht von unten rauf, nur dann steht sie auf gesunden Füßen, wenn genügend Bürger da sind, wenn ich den Begriff einmal verwenden darf, die sich als Teilhaber der Gesellschaft verstehen. Was nützt es mir, wenn ich mit mir und zwei, drei anderen gut leben kann, aber drumherum ist Bürgerkrieg.
 
ZEIT: Die Terrorattacken von Paris waren auch ein Angriff auf unsere Art zu leben. Was verteidigen wir? Es heißt, wir verteidigen unseren Lebensstil, aber worin besteht er?
Schmid: Das ist die große Frage der Lebenskunst. Erst einmal gibt es die Besoffenheit davon, wie toll es ist, sich zu befreien. Aber die entscheidende Frage ist nicht, wovon man sich befreit. Die entscheidende Frage ist, wozu man sich befreit. [...]
 
Die Jahrhundertaufgabe heißt, der Freiheit inhaltliche Formen zu geben. Lebenskunst ist dafür da, diesen zweiten Teil der Freiheit zu bewältigen.
 
ZEIT: Und wenn die Lebenskunst ihr Werk vollbracht hat, werden sich ganz von alleine kollektive Ziele ergeben?
Schmid: Das ist immer so, erst testen Einzelne ein anderes Leben, dann testen es Gruppen, und wenn es sich immer noch bewährt, dann kann eine Gesellschaft das übernehmen.
 
ZEIT: Die Sorge um sich produziert im Augenblick eher ein Verwöhnprogramm für den fortschrittlichen Konsumbürger, der darauf baut, das bessere Leben in der Einkaufstüte nach Hause tragen zu können.
Schmid: Die Idee der Freiheit ist: "Lass sie mal machen." Solche Impulse erschöpfen sich, in zwanzig Jahren wird es langweilig werden, ständig nur gut zu essen und zu trinken und Sex zu haben.
 
ZEIT: Die Lebenskunst hatte in der Antike ursprünglich viel mehr mit Strenge als mit Genuss zu tun.
Schmid: Es geht um die Spannweite zwischen Askese und Ekstase. Viele wollen nur die Ekstase. Aber nur, wenn man sich übt in etwas, sich auch diszipliniert verhält, auch etwas verzögern kann, hat man den besseren Sex. Es geht um Optimierung, nicht um Maximierung. Maximieren Sie mal den Sex, maximieren Sie mal das Essen, das geht gar nicht.
 
ZEIT: Die neubürgerliche Behaglichkeit und der Kult des nachhaltigen Lebens, des guten Essens und des optimierten Sex wird auch irgendwann öde. Kann man auch zu viel Glück haben?
Schmid: Ich hasse das Thema Glück mittlerweile. Diese ganze Glücksdiskussion ist fatal. Aber wir müssen da durch. Auch durch Pegida müssen wir durch. Was haben die Pegida-Leute für ein Problem? Ihr Glück wird bedroht. Sie wollen Zäune um ganz Deutschland bauen, damit ihr Glück nicht bedroht ist. Alles soll immer gleich, immer identisch bleiben. Doch was sich jetzt vollzieht, ist Veränderung. Gott sei Dank, möchte ich mit unserer Kanzlerin sagen. Die hat es herbeigesehnt. Sie war seit Jahren beunruhigt über die Selbstzufriedenheit der Deutschen, die sich in ihrem Wohlstand eingerichtet haben und glauben, alles sei getan. Und jetzt kommt von außen geschenkt die große Herausforderung, die es unmöglich macht, dass wir gleich bleiben. Und so sehe ich es auch: Es ist ein Gottesgeschenk.
 
ZEIT: Der vielleicht wichtigste Roman des Jahres 2015 war die Unterwerfung von Michel Houellebecq. Er beschreibt uns Westler in zynischer Absicht als Menschen, die sich selbst nicht mehr aushalten und sich wegen ihrer inneren Leere dem Islam unterwerfen.
Schmid: Houellebecq ist im Zynismus gelandet, da wird er auch sitzen bleiben bis zum Ende seiner Tage. Ich beschäftige mich nicht damit.
 
ZEIT: Könnten Sie ihm helfen?
Schmid: Der ist nicht zugänglich, der fährt nach Bangkok, vögelt die Thailänderinnen und beklagt zugleich, dass moderne Leute die Freiheit dazu haben. So etwas Bescheuertes.
 
ZEIT: Houellebecq ist der moderne Tragiker, der das unlösbare Paradox unserer Freiheit, die keinen bestimmten Inhalt hat, auf die Spitze treibt.
Schmid: Er ist zu feige und zu faul, eine andere Lebensform zu finden, sich mit dem Alltag zu beschäftigen, darum, wie man Kinder aufzieht, wie man Essen macht, wie man lebt. Er macht lieber große Theorien über den Untergang der westlichen Welt.
 
ZEIT: Houellebecq bezweifelt, dass uns irgendwelche lebensphilosophischen Rettungstechniken zur Verfügung stehen. Er glaubt, dass unsere Freiheit hohl ist.
Schmid: Er ist ein Altachtundsechziger, der noch nicht auf dem Stand der Dinge ist. Darin ähnelt er den deutschen Sozialdemokraten, die vor lauter Idealismus nicht in der Lage sind, pragmatische Politik zu machen. Das Wichtigste im Leben ist aber nicht, dass alles gelingt. Wir brauchen Lebenskunst, um mit dem zurechtzukommen, was nicht gelingt. Das Nichtgelingende ist immer das Interessantere.
 
ZEIT: Was ist Ihre Utopie?
Schmid: Ich habe die Utopie, dass wir eine Gesellschaft der Lebenskunst werden – eine Gesellschaft, die akzeptiert, dass das menschliche Leben auf Problemen aufgebaut ist, die es zu lösen gilt. Und zwar aus dem einzigen Grund, um damit wieder neue Probleme zu schaffen und die wieder zu lösen. [...]"
 
Quelle: ZEIT, Wilhelm Schmid - "Ich hasse das Thema Glück mittlerweile"
 
 
Weise Sätze von Wilhelm Schmid - zu Glück und (eigentlicher Bedeutung des Begriffes) Lebenskunst.

Einer davon:
"Und jetzt kommt von außen geschenkt die große Herausforderung, die es unmöglich macht, dass wir gleich bleiben. Und so sehe ich es auch: Es ist ein Gottesgeschenk." - Für die, die es nur auf diese Weise erfassen können. ;)
 
Entwicklung heißt/ist immer auch: Veränderung. Zwangsläufig. - Auf irgendeiner Ebene: mindestens. - Was keineswegs heißt, dass sich plötzlich - alles - radikal ;) ändern wird, soll oder muss. Aber wer sich am ewig Gestrigen krampfhaft festklammert, kann nur: scheitern, wird: leiden. Zwangsläufig.
 
Nicht folgen kann ich ihm in seinem Fazit:
 
"Unterm Strich" steht meines Erachtens nicht religiöse oder esoterische "Transzendenz", "Erlebnismetaphysik des guten Lebens", also schlichtes Sich-Wohlfühlen, je (nur) eigenes "Glück(lichsein)" - anstelle von bzw. häufig verwechselt mit: grundsätzlicherem, stabilerem, beständigerem Zufriedensein  - es kann meiner Auffassung nach nicht letztlich doch der reine Hedonismus und Eskapismus, die Bequemlichkeit, Feigheit, der Selbstbetrug das anzustrebende Ziel, der erstrebenswerte "Seins-Zustand" sein, sondern tatsächlich: "Glück", Erfüllung (!) durch das Geben - was tatsächlich in seiner ausgeprägtesten Form nichts anderes ist als Liebe(n). - Eben: Sinn (-findung), statt "Glück" (-sjagd).
 
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