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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Über die Wohlfühl-Lüge, die Wohlfühl-Ideologie, den oktroyierten Zwang zum Glück (-lichseinSOLLEN) - welche Absichten dahinterstehen, was damit erreicht werden will und: wird sowie: über Lebenskunst

 
27. September 2018
 
Zumindest ich beobachte seit geraumer Zeit, dass in Bezug auf Menschen in belastenden, einschränkenden Lebensverhältnissen - verursacht durch bspw. chronische Erkrankungen, angeborene oder unfallbedingte Behinderungen, man denke etwa an Querschnittslähmung, ALS, MS, Krebs, Blindheit etc. - insbesondere jene Betroffenen öffentlichkeitswirksam gemacht, präsentiert werden, die ihre Erkrankung, Behinderung oder anderweitig erheblich belastende Lebenssituation (siehe bspw. auch Obdachlosigkeit, materielle Armut, Inhaftierung ...) mindestens akzeptieren bzw. darüberhinaus auch auf verschiedene Weisen ins Positive "wenden", sie jedenfalls entsprechend selbst interpretieren.
 
Was aber ist mit all jenen Menschen, die in vergleichbaren Situationen, Verhältnissen - unverschuldet oder auch verschuldet - befindlich sind und ihrer "Situation" (inklusive aller Begleiterscheinungen und langfristigen Folgen, Nachteile, Einschränkungen etc.) nichts "Positives abgewinnen" können oder wollen, sondern damit - auch langfristig, dauerhaft - hadern?
 
Warum wird über all diese Menschen n i c h t öffentlichkeitswirksam berichtet, warum wird ihnen keine öffentlichkeitswirksame Plattform gegeben, sofern dieser Wunsch bei ihnen besteht - eine Plattform also, die eine breite gesellschaftliche Bevölkerungsmehrheit informiert, somit über Selbsthilfegruppen und private Interaktionsmöglichkeiten hinausgeht?
 
Gelten diese Menschen als nicht vorzeigbar, als zu verbergen, als "Gescheiterte, Versager, zu Bemitleidende", als unfähig, lebensuntauglich, schwach, minderwertig, als einfach nur Bedauernswerte, denen nicht nur kein Gehör gegeben zu werden braucht, sondern auch Respekt, Anerkennung, Wertschätzung verwehrt werden "darf", allenfalls gnädiger-, herablassenderweise "Verständnis" oder Mitgefühl entgegengebracht wird und die dann aber von der Öffentlichkeit schnell wieder vergessen werden, so sie überhaupt je den Weg in die Öffentlichkeitswirksamkeit "fanden", gehen konnten/durften?
 
Jedenfalls mein Eindruck ist es, dass nur jene öffentlich (-keitswirksam) genannt, interviewt, gezeigt, gelobt, wertgeschätzt werden, die aus ihrer belastenden Situation vermeintlich "das Beste mach(t)en" oder dies zumindest als es zu wollen äußern. - Somit jene, die weiterfunktionieren, sich an bestehende gesellschaftliche, politische, ökonomische, kapitalistische Strukturen und Anforderungen, Auflagen, somit der Verwertbarkeitsideologie, dem Dogma, Diktat des Funktionierenmüssens und der (vermeintlich) "positiven Lebenseinstellung, -bejahung" anpassen oder auch als "Kämpfernaturen", als Resiliente gelten - als tapfer, stark, mutig, tüchtig, (vermeintlich) willens- und leistungsstark, zäh, diszipliniert etc. präsentiert werden und/oder sich selbst so darstellen.
 
Jene hingegen, die hadern, die aufgrund/infolge ihrer "Situation" auch verzweifeln, finden üblicherweise kein Gehör, keine Plattform, keine "Lobby", vor allem keine breite gesellschaftliche Anerkennung, Wertschätzung.

Denn immer dann, wenn sie doch gelegentlich erwähnt werden, werden sie üblicherweise psychisch pathologisiert - als bspw. Depressive, Verbitterte etc. bezeichnet, diffamiert.
 
Sollte ich irren, unzureichend informiert sein, bitte ich um sachbezogene Hinweise, valides Daten-, Quellenmaterial.
 
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Immer wieder kursieren in den Medien, im Internet die "beeindruckenden", erstaunlichen Geschichten, Dartellungen, Videos von körperlich eingeschränkten, versehrten und/oder betagten Menschen oder solchen, die irgendwie trotz diverser "Widerstände" ganz großartige Leistungen, Taten vollbringen:
 
Was genau will man mit diesen Geschichten eigentlich bewirken?
 
Dass alle anderen, die das so nicht "schaffen", leisten, nicht so "willensstark, diszipliniert" sind, sich noch schäbiger, minderwertiger, überflüssiger (als ohnehin häufig - aus Gründen - bereits) fühlen s o l l e n?
Was (sonst) will man damit erreichen?

Denn: Es  i s t ein Märchen, eine Lüge, solche Erzählungen.
Viel zu wenig weiß man über die tatsächlichen je individuellen Hintergründe solcher Menschen - wie sie geprägt wurden, welche Erfahrungen sie auf welche Weise wie lange machten, welche Unterstützung, Mentoren ... sie hatten/haben, vor allem aber auch: wer durch ihr Tun auf welche Weise wie lange oder intensiv ggf. auch beschädigt wurde - damit sie selbst "so weit" kamen, ihre Ziele "verwirklichen", durchsetzen, "erreichen" konnten.
Und ja, es hat nicht nur mit der Lebensweise zu tun, sondern auch mit der genetischen Anlage - die ist bei Menschen ebenfalls unterschiedlich.
 
Solche Geschichten wollen doch stets nur eines vermitteln: Wenn du dich nur zusammenreißt, wenn du nur dizipliniert, willensstark, "positiv", optimistisch g e n u g bist, dann kannst bzw. könntest/würdest auch du so etwas Großartiges (was immer es jeweils ist) schaffen, erreichen, erleben - leisten, darstellen, "sein".
 
Als wäre es nicht natürlich, sich unter bestimmten Umständen schwach zu fühlen, auch anderweitig schlecht, niedergeschlagen usw. - denn: auch das hat Gründe, einen Vorlauf. Und dieser liegt stets in der je individuellen Biographie:
 
Wer ist wo auf der Welt unter welchen Umständen, (politischen, kulturellen, klimatischen, sozialen ...) Verhältnissen geboren und wie aufgewachsen, auf welche Weise behandelt oder auch misshandelt, beschädigt, geprägt, sozialisiert worden - mit welchen entsprechenden Folgen jeweils ... .

Michael Schmidt-Salomon spricht in seinem grandiosen Essay "Können wir wollen, was wir wollen?" von "strukturellen Kopplungen"; er erläutert sehr verständlich und umfassend, was es mit der sogenannten, viel zitierten "Willensfreiheit" und "Willensstärke" auf sich hat, somit auch mit Verantwortung, Entscheidungen (auch inneren Glaubenssätzen) etc.., siehe Persönlichkeitsentwicklung, Einflussfaktoren ... . Und er zieht ein nicht minder großartiges Fazit. Leseempfehlung, abermals.
 
Es geht nicht darum, Menschen Anerkennung für Gelebtes, Bewältigtes zu verweigern oder ihnen "Leistungen" absprechen zu wollen; es geht, jedenfalls mir, tatsächlich um die - manipulative - Botschaft solcher Geschichten, die durch das wiederholte, regelmäßige Verbreiten vorzugsweise bis ausnahmslos solcher Geschichten öffentlichkeitswirksam transportiert wird, und es geht um die Absicht, die dahintersteht.
 
Ja, es gibt unzweifelhaft Menschen, die sich von solchen Geschichten beeindrucken lassen, das ist genau so gewollt - "man" will, dass Menschen nicht "jammern", sich nicht beklagen, stets "das Beste" aus ihren Umständen machen oder mindestens zu machen versuchen - man übergeht dabei vollständig die je unterschiedlichen individuellen Hintergründe, die je persönlichen Umstände. Auch das ist in Michael Schmidt-Salomons Text sehr anschaulich dargelegt.

Der Unterschied zwischen Märchen und anderen Erzählungen und den via Medien auch und gerade im Internet immer wieder verbreiteten, vermeintlichen, vorgeblichen "Erfolgsgeschichten" von sogenannten Lebenskünstlern und anderen Alltagshelden, ist eben der, dass es sich bei Ersteren um als Märchen, als erfundene Geschichten ausgewiesene Erzählungen handelt, bei Letzteren hingegen um "Menschen aus Fleisch und Blut im Hier und Jetzt" - um sogenannte Vorbilder, Menschen, an deren "Mut, Willensstärke, Disziplin und Leistung" man sich bitte orientieren möge - statt äußere Umstände, soziale, politische Missstände, Ursachen zu beklagen oder "sich aufzugeben" oder "Pessimist zu sein". Man s o l l die "Schuld" für das eigene vermeintliche Versagen, man soll die Verantwortung grundsätzlich ausschließlich bei sich selbst verorten.

Es verkennt dies, dass viele dieser als so negativ eingeordneten Menschen tatsächlich eines sind: Realisten. Und dass nicht wenige, die an das Märchen von der Willensstärke glauben, dem selbstschonenden, kompensatorischen, bequemen Selbstbetrug unterliegen - ebenfalls: aus Gründen.

Ich empfehle, sich ein wenig mehr mit Philosophie zu befassen, insbesondere mit "den" Existenzialisten, hierbei wiederum gerne mit bspw. Camus. Wer jedoch das Grundlegende nicht selbst bereits erkannt hat (zu erkennen in der Lage ist - ebenfalls aus Gründen), wird mit solcher Lektüre, dem darin Ausgesagten nichts anfangen können - er wird es nicht einmal verstehen (können bzw. wollen).
 
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Können wir wollen, was wir wollen?

www.schmidt-salomon.de

... Und dann siehst du diese endlos vielen normalen, konventionellen, konformistischen Leute - diese Leute, die es sich in ihrem kleinen, piefigen, oberflächlichen Leben so behaglich wie scheubeklappt eingerichtet haben, ihrem Leben, das aus nichts anderem besteht, als Leistungsideologie, Konsum, Konventionen, schönem Schein, Fassade, Oberfläche, Selbstbetrug, bunten Bildchen von "Familie" und all den Szenen, die sie für den Ausdruck oder gar Beweis von ausgerechnet Liebe halten.
 
Du siehst diese Leute, wie sie rastlos, ruhelos immer weiter "streben", wie sie wie der Esel der vor ihm baumelnden Karotte folgen und wie sie aus jedem Tiefschlag, jeder Erschütterung, jedem Scheitern, Versagen, jedem Straucheln, jedem Fallen, jeder Verletzung noch einen glanzvollen Triumph machen, wie sie sich all das mit ihrem Zwangsoptimismus so zurechtinterpretieren, dass es für sie doch noch irgendwie erträglich wird und als irgendwie "sinnvoll" erscheint.
 
Zweifel? Vergiss es. Nicht bei solchen Kreaturen. Sie ertragen ihn nicht, sie halten ihn nicht aus - nicht ihre Fragen, die sie daher gar nicht erst stellen, nicht ihren Selbstbetrug, den sie deshalb leugnen, nicht ihre je eigene Widersprüchlichkeit, ihre Ambivalenzen, ihre Inkonsequenzen, all ihre Schwächen, Unzulänglichkeiten, Peinlichkeiten, all ihre Kleinheit und Hässlichkeiten, alles wird umgedeutet, hinfrisiert, zugeschüttet, zwangsoptimiert.
 
Sie schonen s i c h.
Sie schonen sich zu Tode.
 
Diese erbarmungswürdigen Menschlein, die jeden Abgrund scheuen.
Sie haben ja nur dieses eine, kleine "Leben", dieses eine einzige Mal - oder sie leugnen sogar auch das, weigern sich, diese Tatsache - ihre Vergänglichkeit, ihre Endlichkeit - zu akzeptieren.
 
Man "muss ja das Beste daraus machen". Das Beste. Wohlgemerkt. Und: das Leben also als auferlegte Pflicht, die keinen Widerspruch, kein Aufbegehren, kein Klagen duldet. Dieses Sich-Wegducken, dieses Ausweichen deuten sie tatsächlich als Stärke, gar als "Lebenskunst".
 
Es wäre ja amüsant ... wenn es nicht so viele wären.
 
So sieht man vor lauter Abziehbildchen den Grund nicht mehr - den Grund, darauf zu stehen, darauf zu gehen, darauf zu liegen, gedanklich darauf zu kommen - in ihn zu sinken und: h e r a u s zu fallen.
 
Bewusst. Beherzt.
Wach und couragiert.
 
Nein, verehrter Camus - Sisyphos muss man sich keineswegs als "glücklichen" Menschen vorstellen, sondern als unbewussten. Und das Traurigste: Selbst wenn er träumte, träumte er nur von dem, das er sich vorstellen konnte - blieb er in seinem (Bewusstseins-) Käfig gefangen.
 
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