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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie

Kinder nicht zu Tätern machen

 
Unten stehender Text ("Jetzt reicht´s - Wir alle gegen sexuelle Gewalt in der Kindheit") Text ist ein wichtiger, sehr persönlicher, sehr offener Text.
 
Es ist allerdings nicht "nur" sexueller Missbrauch, der genau all solche Gefühle, Zustände und Folgen verursacht, sondern auch andere Formen von physischer und/oder psychischer Gewalt - dazu gehört u.a. auch Vernachlässigung, Demütigung - schon von Kleinkindern, die es überhaupt noch nicht verstehen können, die ihren "Bezugspersonen" total ausgeliefert sind, die an ihren Bezugspersonen hängen, weil sie total auf sie angewiesen sind, die massiv aber durch wiederholges/regelmäßiges Angeschrien-/Beschimpftwerden, Zurückgewiesenwerden (bei Trauer, bei Schmerz, bei Hilflosigkeit ...) etc. verletzt, beschädigt werden - und all solches: lässt sich täglich beobachten! Auf der Straße, in der Nachbarschaft ... .
 
Ja, es ist unsagbar traurig und macht unbeschreiblich wütend, sehen zu müssen und nicht ändern zu können: wieviele Kinder tagtäglich zu Tätern gemacht werden - und ja, das zeigt sich meist schon an deren Verhalten in Krippe und Kita, spätestens in der Grundschule ... . - Nicht alle sind dabei übrigens aggressiv oder "schlagen" etc., einige sind eher sehr verschlossen, sehr introvertiert, schweigsam, wenig fröhlich, ausgelassen ... . Alles deutliche Zeichen unzureichender oder tatsächlich stark beschädigter Bindung.
 
Ausweg: Eine empathische, bedürfnisorientierte "Erziehung" bzw.solcher Umgang mit Kindern: liebevoll, zugewandt, feinfühlig/sensibel, aufmerksam, achtsam, fürsorglich - ohne einzuengen, ohne besitzergreifend zu sein. Siehe "attachment parenting". - Es braucht keine "Erziehungsratgeber dafür, nur etwas Basiswissen/Grundkenntnisse (wann kann das Kind frühestens was, wann kann welches Verhalten frühestens von ihm überhaupt erwartet werden - siehe Entwicklungspsychologie, Biologie ...) und dann vor allem das Gespür dafür. (Eben: Empathie, Mitgefühl, Feinfühligkeit/Empfindsamkeit.)
 
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"Eltern", Erwachsene, Bezugspersonen: die ihre Kinder quälen - foltern. Keine seltene Randerscheinung.

 
"[...] Überforderung kann eine Ursache sein
Experten sind sich einig, dass es spezielle Risikofaktoren für Misshandlung und Vernachlässigung gibt. Aufgrund des hohen Dunkelfeldes bestehen zwar keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse über ein eindeutiges Ursache-Wirkungs-Verhältnis, aber es gibt Situationen, die möglicherweise Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung begünstigen.

Die Lebensgeschichte der Eltern spielt eine große Rolle: Wurden sie selbst vernachlässigt oder durch andere negative Erlebnisse wie Gewalt geprägt, wirken sich diese Faktoren auf das Erziehungsverhalten gegenüber den eigenen Kindern aus. Auch ein niedriger Bildungsstand, Armut, ein junges Lebensalter, psychosozialer Stress, akute psychische Probleme oder Abhängigkeiten bzw. Sucht können sich negativ auf die Fürsorge auswirken und das Risiko für ein Kind erhöhen, misshandelt zu werden. Auch Trennung, wechselnde Partner, Schulden oder Arbeitslosigkeit sind Faktoren, die Krisen und Konflikte innerhalb der Familie verursachen. Führen sie zu einer Überforderung des Erziehenden, können Vernachlässigung oder Misshandlung der Kinder begünstigt werden. Zur Überlastung der Familie tragen aber auch beengte Wohnverhältnisse und eine fehlende Unterstützung im Umfeld bei.

Hat das Kind einen erhöhten Pflege- oder Betreuungsbedarf (zum Beispiel eine Entwicklungsstörung oder -verzögerung, eine Behinderung oder ist es ein Schrei-Baby), können gerade Eltern, die selbst eine schwierige Lebensgeschichte haben, schnell überfordert sein. Diese Überforderung kann zu Vernachlässigung oder Misshandlung eines Kindes führen. Ist es "unerwünscht" zur Welt gekommen, kann schon allein diese Tatsache eine spätere Kindeswohlgefährdung begünstigen.

Diese Risikofaktoren können, müssen aber nicht zu Misshandlung/Vernachlässigung führen.

Es gibt viele arbeitslose, alleinerziehende, minderjährige oder psychisch kranke Eltern, die sich fürsorglich um ihre Kinder kümmern."
 
Quelle: Polizei-Beratung, siehe oben stehenden Link.
 
Aus oben stehender Quelle (Polizei-Beratung) zitiert:
 
"[...] Was können Sie tun ?
 
  • Gehen Sie nicht vorbei.
  • Gehen Sie nicht weg.
  • Hören Sie nicht weg.
  • Schweigen Sie nicht.
 
Nicht nur das Handeln von Institutionen ist wichtig. Gefragt ist hier jeder: Nachbarn, Verwandte, Freunde, Bekannte, die Zivilcourage jedes Bürgers.

Wenn es sich um Gewalt im sozialen Nahbereich handeln, dann ist es nicht egal, was hinter verschlossenen Türen geschieht. Nachbarschaftliche Hilfe kann entscheidend dazu beitragen, dass das Opfer den Mut schöpft, etwas zu unternehmen, um seine Situation zu verbessern.

Das Recht auf körperliche Unversehrtheit darf nicht an der Wohnungstür Halt machen. [...]"
 
 
Anmerkung:
 
Es geht nicht darum, zum Denunziant zu werden, es soll nicht Folge sein, Menschen heimlich (gar anonym) beim Jugendamt oder der Polizei anzuschwärzen - zumächst: selbst hingehen, klingeln, äußern, dass man in Sorge ist, fragen, ob etwas vorgefallen ist, ob man helfen kann, ob es allen gut geht - möglichst das Kind sehen und versuchen, seinen Zustand - trotz meist nur weniger Minuten (wenn überhaupt) des "Begutachtenkönnens" - einigermaßen vernünftig (!) einzuschätzen.
 
Andere Nachbarn fragen: was sie ggf. wie lange schon hören, vielleicht auch sehen ... .
 
Bei wiederholten Vorkommnissen (hörbar, ggf. sehbar) und/oder bei vollständiger Kommunikationsverweigerung seitens der Eltern bzw. der Bezugs-/Betreuungspersonen oder bei dem Eindruck akuter Kindesnot: sich an Fachstellen wenden - Kindernotruf, Kinderschutzbund, ggf. andere Einrichtungen/Anlaufstellen (in der jeweiligen Gemeinde/Stadt), Jugendamt, ggf. Polizei - bei aktuer Not eines Kindes.
 
Die Ursachen für Kindesmisshandlung sind überwiegend persönlich-familiärer (Täter waren selbst einst Opfer!) sowie gesellschaftlicher Art:
 
Überforderung durch die Lebenssituation (Armut, Krankheit, soziale Isolation, diverse Belastungen - oft langjährig, geringes Selbstwertgefühl - bspw. durch fehlende Anerkennung, wobei es nicht Erwerbsarbeit per se ist, die Anerkennung vermittelt bzw. vermitteln sollte, sondern (Für-) Sorge-ARBEIT als solche, als Arbeit, als unentbehrliche Leistung, sollte/müsste längst gesellschaftlich endlich adäquat betrachtet und behandelt sowie entsprechend monetär honoriert werden.
 
Es ist folglich erfroderlich, dass sich gesellschaftlich vieles verändert - bspw. weg von der Kleinfamilie, weg von immer früherer Fremdbetreuung ..., damit Eltern unbeschadet Eltern sein und Kinder unbeschadet aufwachsen können.
 
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"[...] "Das psychosoziale Training hat am meisten bei denen gebracht, die am stärksten benachteiligt waren", sagt Miller. Er sieht Politiker wie Ärzte in der Verantwortung, mit entsprechenden Programmen seelisches wie körperliches Leid von jenen abzuwenden, die sowieso am unteren Ende der Einkommens- und Bildungsskala stehen.
 
"Armut ist auch in unserem Land immer noch der wichtigste Risikofaktor für eine schlechte Entwicklung des Kindes", betont Karl Heinz Brisch, Leiter der Psychosomatik am Haunerschen Kinderspital der Uni München. Bindungsforscher haben längst belegt, wie Zuwendung und ein kindgerechter Umgang die kognitive, psychosoziale und eben auch körperliche Entwicklung stimulieren. Umgekehrt bleibt nach Missbrauch, Vernachlässigung oder in lieblosen Verhältnissen die seelische wie physische Widerstandskraft zeitlebens geschwächt."
 
Quelle: SZ - "Vernachlässigte Kinder - Beschädigte Seele, geschwächter Körper"
 
"[...] In all ihren Büchern seit Das Drama des begabten Kindes hat Alice Miller zu zeigen versucht, dass die an Kindern ausgeübte Gewalt irgendwann auf die Gesellschaft zurückschlägt. Die neuesten Entdeckungen über die Entwicklung des menschlichen Gehirns haben ihre analytischen Arbeiten inzwischen nicht nur vollauf bestätigt, sondern sie auch zum Weiterdenken angeregt. Die Erkenntnis, dass unser Körper ein vollständiges Gedächtnis unserer sämtlichen Kindheitserfahrungen enthält, die unser Bewusstsein allerdings leugnet, half ihr, die Dynamik der emotionalen Blindheit zu verstehen und ihre heutigen Vorstellungen über Psychotherapie in Evas Erwachen in einfacher, zugänglicher Form zu erklären."
 
Leseprobe:
 
"Bis ich verstanden habe, daß das überlieferte Gottesbild von Menschen geschaffen worden war, die nach den Prinzipien der Schwarzen Pädagogik erzogen wurden (derer die Bibel voll ist), für die Sadismus, Verführung, Strafe und Machtmißbrauch zum Alltag ihrer Kindheit gehört hatten. Die Bibel wurde von Männern geschrieben. Man muß annehmen, daß diese Männer keine guten Erfahrungen mit ihren Vätern gemacht hatten. Offenbar kannte keiner von ihnen einen Vater, der am Entdeckungsdrang seiner Kinder Freude hatte, nicht Unmögliches von ihnen erwartete und sie nicht strafte. Daher schufen sie ein Gottesbild, dessen sadistische Züge ihnen nicht auffielen. Ihr Gott dachte sich ein grausames Szenario aus, schenkte Adam und Eva den Baum der Erkenntnis, verbot ihnen aber ausgerechnet dessen Früchte zu essen, das heißt zu wissenden und autonomen Menschen aufzuwachsen. Er wollte sie ganz von sich abhängig machen. Ein solches Vorgehen eines Vaters bezeichne ich als sadistisch, weil es die Freude am Quälen des Kindes enthält. Das Kind dann auch noch für die Folgen des väterlichen Sadismus zu bestrafen, hat nichts mit Liebe, sondern eher mit der Schwarzen Pädagogik zu tun. Aber so haben die Bibeldichter unbewußt ihre angeblich liebenden Väter gesehen. Im Brief an die Hebräer 12,6-8 sagt Paulus deutlich, daß die Züchtigung uns die Sicherheit verleihe, wahre Söhne Gottes zu sein und nicht Bastarde: „So ihr die Züchtigung erduldet, so erbietet sich euch Gott als Kindern; denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? Seid ihr aber ohne Züchtigung, welcher sie alle teilhaftig geworden, so seid ihr Bastarde und nicht Kinder.“
 
Heute kann ich mir vorstellen, daß Menschen, die ihre Kindheit in Respekt, ohne Schläge und Demütigungen verbrachten, später, als Erwachsene, an einen anderen Gott glauben werden, an einen liebevollen, führenden, erklärenden, Orientierung vermittelnden Gott. Oder daß sie vielleicht ohne Gottesbilder auskommen, sich aber an Vorbildern orientieren, die für sie wirkliche Liebe verkörpern.
In diesem Buch identifiziere ich mich mit Eva. Nicht mit der infantilisierten Eva der Überlieferung, die wie das Rotkäppchen im Märchen ahnungslos der Verführung durch ein Tier erlegen war, sondern mit einer Eva, die die Ungerechtigkeit ihrer Situation durchschaute, das Gebot „Du sollst nicht wissen“ ablehnte, den Unterschied zwischen Gut und Böse unbedingt in der Tiefe verstehen wollte und bereit war, die volle Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen.
 
Das vorliegende Buch berichtet über Erkenntnisse, die sich mir erschlossen haben, nachdem ich bereit war, den Mitteilungen meines Körpers zu folgen und auf diesem Wege die Anfänge meines Lebens zu entschlüsseln. Die Reise in meine frühe Kindheit bis zu den Anfängen meines Lebens ermöglichte mir, viele Mechanismen zu entdecken, die auch bei anderen Menschen auf der ganzen Welt aktiv sind. Leider werden sie allzu selten erkannt, weil uns das lähmende Gebot „Du sollst nicht wissen“ an dieser Wahrnehmung hindert.
 
Ich meine, daß wir nicht nur wissen dürfen, sondern auch unbedingt wissen müssen, was gut und böse ist, um Verantwortung für unser Leben und das unserer Kinder tragen zu können. Damit wir endlich aus der Angst des beschuldigten und bestraften Kindes herauswachsen können, der verhängnisvollen Angst vor der Sünde des Ungehorsams, die das Leben so vieler Menschen zerstörte und sie auch noch heute an ihre Kindheit kettet. Als Erwachsene können wir uns mit geeigneter Hilfe von diesen Ketten befreien, uns lebenswichtige Informationen verschaffen und befriedigt feststellen, daß wir nicht mehr genötigt sind, in allem, was uns unsere Erzieher und Religionslehrer aus der eigenen Angst heraus erzählten, einen tieferen Sinn zu erblicken. Wenn wir diese Anstrengung aufgeben, erleben wir mit Staunen die Erleichterung, daß wir nicht mehr die Kinder sind, die sich zwingen müssen, die tiefere Logik des Unlogischen zu ergründen, wie es viele Philosophen und Theologen noch tun weil wir uns (endlich) als Erwachsene das Recht genommen haben, Realitäten nicht auszuweichen, unlogische Begründungen abzulehnen und unserem Wissen, unserer Geschichte treu zu bleiben."
 
Quelle: alice-miller.com - "Evas Erwachen" 
 
Ganz einfach: Schluss mit autoritärer Erziehung, Schluss mit patriarchalischer "Erziehung"/Misshandlung, Schluss mit patriarchalen RELIGIONEN - das sind sämtliche (mono-) theistischen Religionen, insbesondere also die drei "Buchreligionen" Judentum (hier vor allem das orthodoxe), Christentum (hier vor allem der Katholizismus), Islam, die alle zum Fundament das ALTE Testament haben - und genau dort liegt die Wurzel des Übels.
 
Hin zu bedürfnisorientiertem Umgang mit Kindern - von Geburt an (siehe "attachment parenting"). - MITGEFÜHL ist der Schlüssel.
 
Es könnte alles so einfach sein ... .
 
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FAMILIE:
FRAGEN AN EINE ÜBERLEBENDE BETROFFENE * VON SEXUELLER GEWALT UND MISSHANDLUNG IN DER FAMILIE
DU HAST DICH EINES TAGES ENTSCHIEDEN OHNE DIE FAMILIE ZU LEBEN IN DER DU GROSS WURDEST?
Das war ein langer und schwerer Lebensweg, den ich da zurückgelegt habe. Nachdem ich als junge Erwachsene und selbst Mutter durch tiefe Täler gegangen war bekam ich die Chance ein neues Leben zu beginnen. Erst nach Jahren wurde aber dann die Entscheidung immer klarer, ohne diese Familie leben zu wollen.
 
WIE KAM ES DAZU?
Es war immer schon so, dass ich mich zerrissen und unwohl zwischen ihnen fühlte. Ich hatte aber ja zeitlebens die sexuelle Gewalt und Misshandlung verdrängt. Wenn ich also zurückblickte, sah alles in Bezug auf sie und ihr Verhalten super und wunderbar aus. So dass ich ja nur denken konnte, dass alles an mir lag, warum ich so ein total verängstigter, stummer und in wirklich allem versagender Mensch war. Also ich spürte schon, dass diese Menschen mir nicht guttun, aber da ich meinen Instinkt unter einem riesigen Haufen Schutt begraben hatte, wollte ich glauben, dass ich Diejenige bin, die sich ändern müsste, dass ich schuld sei, dass ich diese Leute ablehnte.
 
DU SAGST „DIESE LEUTE“ WARUM DIESE DISTANZ?
Der Hauptgrund, warum ich „diese Leute“ sage ist, dass ich mich mit ihren Werten nicht identifiziere, das möchte ich klipp und klar damit aussagen. Ein wenig schwingt vielleicht auch mit, dass dies meiner Ersatz- nicht meine biologische Familie war.
 
DA SCHWINGT AUCH VIEL SCHMERZ MIT, ODER?
Ja, das stimmt. Es ist nicht mehr so schlimm wie es einmal war. Aber es hat irrsinnig weh getan. Ich habe nie einen Zweifel an meiner Entscheidung gehabt ohne sie zu leben, aber es war eine Zeit lang so als hätte man mir das Kinder-Herz herausgerissen.
 
WAS MEINST DU MIT KINDERHERZ?
Nun, als Erwachsene weiß ich, dass das kaputte Menschen sind, die alles zerstört haben. Dass ihre Liebe keine war. Dass ich darunter etwas völlig Anderes verstehe. Aber das Kind, die Seite in einem Menschen, die unbedingt an sein Umfeld glaubt, das Kind, das ja existenziell auf die Liebe und das Vertrauen der Umgebung angewiesen ist, war zutiefst schockiert davon und kann es manchmal immer noch nicht glauben, dass die Personen, die sie so sehr liebte, alles verraten haben, woran ein Mensch nur glauben kann.
 
WAR ES SCHWER DISTANZ EINZUNEHMEN?
Wie gesagt, es tat irrsinnig weh. Auch zu begreifen, was diese Leute angerichtet haben, leider nicht nur in meiner Kindheit, sondern auch später. Ich begriff das erste Mal was Verrat und Zerstörung in Bezug auf Bindung und Vertrauen wirklich bedeuten. Wenn einem so etwas klar wird, ist es, als ob da etwas im Inneren herunterfällt, zu Bruch geht. Es war an diesem Punkt ganz leicht Distanz einzunehmen. Weil ich Werte habe und ich diese immer verteidigen werde und dazu zum Glück eines Tages im Stande war.
 
WAS WAR DAS SCHLIMMSTE FÜR DICH?
Das sind mehrere Punkte: das Schlimmste für mich war der Punkt an dem ich begriffen habe, dass nicht nur ich angegriffen wurde. Dieser Punkt an dem man so etwas sieht wie einen schwarzen Punkt. Ich glaubte nicht an „das Böse“, das klingt doch wie im Märchen. Aber an diesem Punkt fühlt es sich aber doch so an, als gäbe es das. Und plötzlich wird Dir klar, dass damit alles zusammenfällt an was Du geglaubt hast. Man versucht natürlich wegzuschieben, und zu denken: nein, das geht doch gar nicht.
Das Schlimmste war auch der Verrat, dass also nicht nur die ein, zwei Personen, die direkt für die Taten verantwortlich waren der Punkt sind, sondern dass diese in der Lage sind, die anderen mitzunehmen. Es ist das Gefühl als ob die eigene Liebe, die man Menschen entgegenbrachte wie ein Tropfen Wasser im Feuer verdampft. Es ist als ob es nichts bedeutet hätte, was man als Kind oder in dem anderen Fall, als Erwachsene an Vertrauen und Liebe gegeben hat. Das war sehr hart.
 
ES IST ALSO NICHT NUR DIE EIGENTLICHE GEWALT DIE SCHMERZT?
So würde ich das gar nicht formulieren. Ich würde sagen, dass nicht nur die körperliche Komponente die Gewalt darstellt, sondern alles, das damit zusammenhängt. Es ist ja, als ob die Welt untergeht, weil alles, woran man glaubt, betroffen ist. Die meisten Menschen machen sich gar nicht klar, was das auch seelisch und emotional für Betroffene und solidarische Angehörige bedeutet, wenn es zu diesem Verrat und krimineller Energie z.B. auch der Vertuschung kommt.
 
DU WARST SCHON RELATIV ALT ALS DU DICH ABGEWANDT HAST?
Das stimmt. Ich musste erst einmal mein Leben in Ordnung bringen. Ich habe ziemlich viele Probleme gehabt, und ich hatte als junge Frau und Mutter viele Schwierigkeiten. Heute verstehe ich warum und dass ich noch Glück hatte, heute überhaupt hier am Leben zu sein. Aber damals dachte ich, ich bin eben merkwürdig, eine Versagerin. Ich litt seit frühester Kindheit unter der ganzen Palette traumatischer Folgen, und ich hatte keinen Funken Selbstwirksamkeit, das heißt, ich dachte, das Leben rinnt einfach so durch mich durch, und ich hätte null Einfluss auf die Geschehnisse. Das ist auch eine Folge dieses ständigen Überwältigtwerdens auf vielerlei Weisen.
Das brachte viel neues Leid für mich, aber auch eigene Entscheidungen, die sehr dumm und auch schlecht für mich und andere waren. Irgendwann begriff ich aber, dass ich im Nebel von Alkohol und Männern, die mich als junge Frau natürlich nicht retteten -im Gegenteil- nicht weiterexistieren konnte.
Nachdem ich also mein Leben nach mehr als einem Jahrzehnt Genesung so einigermaßen stabilisiert hatte, fing ich dann auch an zu begreifen, dass ich mich in Bezug auf die Familie sehr getäuscht hatte. Weil ich ohne die Illusion, dass diese Leute doch einfach super sind, nicht hätte in dieser Familie überleben können. Kinder nehmen dann die Schuld auf sich, glauben sie sind selbst verantwortlich für alles. Zumal, wenn sie die Gewalt ständig hinter eine Mauer werfen, sie also sofort verdrängt wird, als wäre nie etwas passiert. Auch um überleben zu können. Ich hätte niemals überlebt, wenn mir als Kind bewusst gewesen wäre, was man alles mit mir getan hat. Kinder brauchen es zum Leben, zu glauben, dass die die um es herum sind gute Menschen sind, es gut meinen. Das ist ihre Lebensversicherung.
Es war also ein längerer Weg zu begreifen, dass diese Menschen zerstörerisch sind.
 
GAB ES WEITERE MENSCHEN DIE OPFER IN DIESEM UMFELD WAREN?
Ich bin sicher. Es gab ja die Elterngeneration, die eine sehr große Rolle dabei spielte, wie die Nachkommen, also die Familienangehörigen auf die ich mich beziehe, wurden. Opfer werden aber eben auch zu Tätern.
 
GLAUBST DU SIE SIND NOCH ZU RETTEN?
Nein. Jedenfalls nicht die, die zu Tätern wurden. Da glaube ich bei Erwachsenen nicht an einen Rückweg. Sie haben Grenzen überschritten, auch ihre eigenen psychischen Grenzen, die ihnen keinen Ausweg ins normale Leben mehr bieten werden. Sicher träume ich manchmal davon, dass doch alles gut wird, sie zurückkehren. Aber das ist völlig unrealistisch bei solchen Taten.
Vielleicht Diejenigen, die glauben, sie unterstützen zu Unrecht Bezichtigte. Aber auch sie müssten sich ihrer eigenen, der wirklichen Familien- Geschichte, und den Gewalttaten stellen.
 
WIE KONNTEST UND KANNST DU DAS ALLES ÜBERSTEHEN?
Das frage ich mich auch manchmal. Es geht einfach. Ich habe eine große Stärke mitbekommen von meiner richtigen Familie und es liegt in meiner grundsätzlich sehr lebensbejahenden Natur. Aber ich bin eigentlich davon überzeugt, die haben wir alle.
Manchmal will ich aufwachen und glauben, dass das nur ein Alptraum war und dass alles nicht stimmt. Man sagte ja früher(leider kommt das aber immer noch vor) dass Opfer sich alles nur einbilden. Um ehrlich zu sein, würde ich viel darum geben, mir alles eingebildet und übertragen zu haben. Leider ist dem nicht so und es hat lange gebraucht, bis ich selbst das akzeptieren konnte, denn ich wollte es um alles in der Welt nicht wahrhaben! Wer will das schon!?
 
FÜHLST DU DICH MANCHMAL EINSAM ?
Ja, das kommt vor. Das ist dann auch ziemlich heftig. Jeder Mensch will ja seine nahen Menschen um sich haben. Ich vermisse die Personen, die ich meinte als Kind zu kennen, ich vermisse es einen Rückhalt zu haben, und Wurzeln. Eigene habe ich inzwischen, aber da wo andere noch etwas Weiteres haben, da ist es bei mir leer. Und dieser Verlust schmerzt manchmal sehr und verursacht eine Einsamkeit wie ich sie niemandem wünsche. Aber gleichzeitig habe ich eine Beziehung zu mir selbst und einigen Menschen in meinem Leben, wie sie wohl nur wenige Menschen kennen. Das war ein langer Weg, viel Arbeit und Anstrengung, aber es diese Kostbarkeit pflege ich.
 
WAS IST DAS SCHWIERIGSTE IN DEINEM JETZIGEN LEBEN ?
Nun, es ist zum Einen, dass mein Leben völlig anders ist als das von Anderen. Ich ziehe nichts Besonderes aus diesem „Anders“, denn ich hätte es gerne „genauso“ wie die meisten anderen. Ich musste auf Grund der Erfahrungen an vieles völlig anderes herangehenlernen. Es dauerte Jahrzehnte, bis ich begriff, dass ich lange warten kann darauf, dass ich Familie, Ausbildung, Beruf und vieles mehr machen kann wie andere.
Zum anderen ist es schon anstrengend so den Lebensmut und die Lust sich an die Tafel des Lebens zu setzen, immer wieder anzukurbeln. Manchmal fühle ich mich extrem uneingeladen im Leben. Nicht willkomen.
Es gelingt mir inzwischen mich aber oft eingeladen zu fühlen, ich bin sehr stark und kraftvoll- aber meine schwachen Seiten, meine Bedürfnisse nach Ruhe, Entspannung und Loslassen kommen oft total zu kurz.
Manchmal fühlt sich mein Leben wie ein Alptraum an, weil diese Verluste wie Löcher in meiner Seele klaffen, das kann man sich nicht vorstellen. Auch die Schocks, nicht nur die alten, sondern auch die Neueren, die durch die nicht so alten „Geschichten“ und „Taktik“ dieser Leute, Taten zu vertuschen, zu Stande gekommen sind, sind extrem belastend gewesen.
Schrecklich war auch die Erkenntnis dass Menschen Täter geworden sind, die man richtig geliebt hat, auch wenn man immer spürte, dass etwas „komisch“ ist. Aber diese Erkenntnis zu spüren und was es bedeutet, dass ein naher Mensch derart zerstört ist, und Rückhalt erfährt, das ist etwas das man eigentlich nicht verarbeiten, nur registrieren kann. Es fühlt sich alles auch so verdammt widersprüchlich an, denn man liebte diese Menschen ja als Kind, und meinte sie meinen alles gut- und nicht alles war schlimm oder schlecht. Und auf der anderen Seite diese Gewalt und Schädigungen, dieser Verrat und nicht zuletzt die Emotionalen tiefen Verletzungen.
Man möchte irgendwo immer, dass diese Menschen auch etwas Gutes in sich haben, man möchte nicht den Glauben verlieren, ein Mensch kann doch nicht nur "schlecht" sein. Die Welt ist ja auch nicht nur schwarz- oder weiss. Aber bei Gewalt und solchen extremen Erfahrungen fällt es sehr schwer noch zu differenzieren.
Was mir persönlich da aber gut tut, ist zu wissen, dass wir alle einmal Kinder waren. Und mit dem Kind, mit dem schrecklich leidenden Kind, das solche Erwachsene einmal waren, kann ich Mitgefühl haben. Ich habe mit allen Kindern und in jedem Fall Mitgefühl. Aber mit erwachsenen Leuten, die so etwas tun nicht. In keinster Weise. Sie haben sich entschieden und ihre Helfer auch.
Ich kann auch z.B. nachvollziehen, wie es dazu kommt, dass Menschen sexuelle Gewalt und Misshandlung nicht sehen, blinde Flecken haben. Aber ich habe keinerlei Vermögen nachzuvollziehen, wie man offenen Auges, wenn man SIEHT, Bindungen verrät.
Vielleicht klingt es hart, aber ich verachte Menschen, die keinen Mut haben ihren eigenen Leuten, zum Beispiel ihren Geschwistern, beizustehen. Wie man seine kleine Schwester oder andere nicht verteidigen kann, wie man sich mit dem „Stärkeren“ offen verbünden kann, wenn man erwachsen ist, das kann und werde ich niemals in meinem Leben begreifen.
Deshalb sind der “Mut“ und die gesunde „Wut“ für mich in meinen Augen so viel mehr wichtig, als es vielen Menschen bewusst ist. Denn nur aus einer gesunden Wut auf den Täter kann echte Verteidigung und Solidarität mit den Opfern entstehen. Das ist für Opfer lebenswichtig, und auch für nachfolgende Generationen. Denn Täter hören ja nicht auf mit ihrem Tun. Sie müssen gestoppt werden- durch die Polizei, aber auch durch Familienangehörige. Und die brauchen wirklich viel Mut, denn es ist sehr schwer wenn scheinbar alle gegen einen sind! Diesen Mut hätte ich mir sehr von Seiten der Personen gewünscht, mit denen ich aufgewachsen bin.
Aber da ist nichts. Höchstens Schuldumkehr, Erpressung, Schweigen und Feigheit. Da ist Leere.
Inzwischen leide ich unter den Erkenntnissen und den Vertuschungen die vor aller Augen abliefen nicht mehr so sehr, weil ich auch sehr viel Solidarität und Beistand, klare Positionierung und Rechtsberatung in meinem Umfeld erfahren habe. Das tut gut und ist sehr wichtig für mich.
 
WAS IST DEINE BOTSCHAFT NACH ALL DIESEN ERFAHRUNGEN?
Ich habe viele Botschaften, aber eine davon lautet: verlasst niemals das Kind in Euch selbst, das ihr einmal gewesen seid, wenn ihr es dann eines Tages wahrnehmt! Tretet unbedingt und jedem Fall für dieses Kind ein! Macht keinen Kompromiss mehr!
Dieses Kind ist das Tor zum eigenen Instinkt, zum Mitgefühl, zur Solidarität, zu all dem Kostbaren in unserem Leben, das wir nicht und niemals verlassen dürfen.
Das ist in meinen Augen eine goldene Regel und sie gilt für alle Menschen, betroffen oder nicht.

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*-- NAME IST DER REDAKTION BEKANNT UND AUS PERSÖNLICHEN GRÜNDEN ANONYMISIERT
Beate Lindemann von JETZT REICHT`s

 

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