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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Die Frau aus Sicht des Mannes: Mutter, Hure, Magd - Über die Entmenschlichung der Frau, über die bis heute global verbreitete, mehr oder weniger offensichtliche Misogynie (Frauenhass) und ihre Entstehungshintergründe, Ursachen

"[...] Gewalt gegen Frauen, die in grausamer Missachtung und würdelosem Tod münden kann, hat es immer schon gegeben - in der Literatur und in der Wirklichkeit. [...]
Sie führt von Eva, die im Buch Genesis vom Baum der Erkenntnis isst und somit den Sündenfall der Menschheit einläutet, zum perversen Serienmörder Jack the Ripper. Der hatte, um die sündhaften Töchter Evas zu bestrafen, Ende des 19. Jahrhunderts in London mehrere Prostituierte brutal ermordet und am Tatort aus ihren Gliedern groteske Körperskulpturen hinterlassen.
 
Um so perfider, dass diese Misogynie immer auch ein zweites Gesicht trägt. Immerhin verklärt die Bibel die Bedrohung der weiblichen Sexualität im Bild der keuschen Mutter Maria. Zwei Seiten also einer Entmenschlichung der Frau: Mal Kultobjekt der Verehrung, mal Schandobjekt der Dämonisierung. Es lässt sich vermuten: Die Misogynie ist Teil jenes "Common Sense", der das Vorurteil als Norm deutet. Ein schrecklicher "Common Sense", der sich als roter Faden durch alle Weltreligionen und alle historischen Zeiten zieht.

Auch die Geschichte über den Frauenhass ist nicht neu. Seit Simone de Beauvoir "Das zweite Geschlecht" vor mehr als einem halben Jahrhundert veröffentlichte, wurde die Entmenschlichung der Frau in der feministischen Wissenschaft immer wieder festgestellt und mit klugen kritischen Kategorien erläutert. Wie kommt also der britische Journalist Jack Holland dazu, noch ein weiteres Buch zu schreiben über eine Verfolgung, die bis heute unsere globale Kultur kennzeichnet? Hat er neues Archivmaterial ausfindig gemacht? Hat er den Schlüssel für eine umfassende Erklärung entdeckt?

Das Bestechende an seiner Studie, die den schlichten Titel "Misogynie" trägt, ist tatsächlich nicht die Innovation. Es ist das Pathos einer ernüchterten Entrüstung, mit der er diese altvertraute Geschichte der Verachtung als Mann erzählt, eben weil sie von Männern erfunden wurde.
 
Hollands Anliegen ist offenkundig aufklärerisch. Akribisch recherchiert entfaltet er nochmals vor unseren Augen die realen Konsequenzen jener kulturellen Praktiken, die über Jahrtausende die Frau nicht als Mensch, sondern als Projektionsfläche für Ängste und Wünsche verstanden haben wollten. Indem er ein verschwiegenes Vorurteil über die Minderwertigkeit der Frau als den ideologischen Kitt sichtbar macht, der die Gesellschaft zusammenhält, ermutigt er uns dazu nochmals darüber nachzudenken, warum sich im Verhältnis der Geschlechter eine solche Missachtung breitmachen konnte.

Wie verschiedene Zimmer in einem Schauerkabinett öffnet jedes Kapitel eine Szene bizarrer Fantasiegebilde. Im antiken Mythos entspringt der Büchse der Pandora alles Übel der Welt, löst Helenas Schönheit den furchtbaren Trojanischen Krieg aus. Körperliches Begehren und Tod werden seither gern zusammengedacht. Doch auch die weibliche Tugend ist vor Gewaltfantasien nicht gefeit. Im Falle der Lukretia trifft diese die Frau gleich doppelt: Zuerst wird sie vergewaltigt, dann bestraft sie sich selber mit dem Selbstmord.
 
Zwar gehörten Frauen zur entscheidenden Kraft bei der Verbreitung des frühen Christentums. Doch bereits im Mittelalter rückte deren sündhafte Körperlichkeit wieder in den Vordergrund. Die Inquisition ließ über 200 Jahre tausende mutmaßliche Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Denn die sexbesessenen Fantasien der Richter und Pfarrer schrieben der fleischlichen Begierde des Weibes ungeheure Mächte zu: Vom Teufel besessen konnten Frauen auf einem Besen durch die Luft fliegen, den Penis eines Mannes verschwinden lassen und natürlich Satans Brut gebären. Wieder gibt es das Gegenbild: Zu dieser Zeit wächst der Kult um die Himmelskönigin Maria, verklären Dante und Petrarca die auf ein Podest erhobene unerreichbare Geliebte. Und selbst in Zeiten der aufgeklärten Moderne bleibt jenes Doppelbildnis, welches eine Vergötterung der Frau mit deren Verteufelung verschränkt: Die sexbesessene Nymphomanin, die mal als Libertin an aristokratischen Höfen, mal als Hysterikerin in den Kliniken der Großstädte, und schließlich als Femme Fatale auf der Kinoleinwand den Mann betört.
 
Auf der anderen Seite der häusliche Engel, zu dem der Mann aus dem harten Arbeitskampf oder vom Schrecken der Front zurückkehrt. Ihr einziges Glück besteht darin, sich um ihn zu sorgen. Eine eigenständige Sexualität kennt sie nicht.

Als Journalist weiß Holland, wie man solche Hingespinste leicht lesbar wiedergibt. Doch man hört auch seine eigene Erschütterung darüber, dass diese sich so hartnäckig über Jahrhunderte gehalten haben. Einen Schlüssel zu den Ursprüngen der Misogynie entnimmt er dem judeo-christlichen Schöpfungsmythos. Erinnern wir uns: Evas Wissensdrang ruft auch alle Beschränkungen des irdischen Lebens hervor. Aus dem Paradies verbannt müssen Adam und Eva sich fortan einem Kampf ums Überleben stelle,: jeglichen körperlichen Gebrechen sowie der schrecklichen Kränkung, die der Tod bedeutet. Daraus folgert Holland, weil Eva es war, die Adam aus seinem paradiesischen Schlaf aufweckte und zwang, sich der Vergänglichkeit der Welt zu stellen, muss das weibliche Begehren in Fantasien entweder zurückgewiesen oder vergeistigt werden. Im Akt der Überwältigung der Frau verwandelt sich jene Machtlosigkeit, die auch dem männlichen Begehren unweigerlich eingeschrieben ist, in eine vermeintliche Macht.

Eine Antwort auf die Frauenverachtung gibt es nicht. Doch das Nacherzählen, das unseren Blick hartnäckig auf diese älteste Diskriminierung lenkt, hat dennoch Sinn.

"Die Geschichte der Frauenverachtung. Sie zu kennen ist eine Voraussetzung für jede Form von Selbstbild einer Frau. Sie zu kennen ist eine Voraussetzung für jeden Mann, seine kulturelle Rolle reflektieren zu können. Diese Geschichte zu kennen, heißt den schrecklichsten Teil der Geschichte überhaupt begreifen zu müssen. Das ist Schwerarbeit. Das ist unerträglich. Sich aus diesem Wissen sofort mit Hilfe der Verdrängung herauszustehlen nur allzu verständlich. Trotzdem. Diese Geschichte der Frauenverachtung. Sie kann nicht oft genug erzählt werden."

Empörung muss immer wieder neu geweckt werden. Sonst geht ein Bewusstsein für die realen Konsequenzen dieser Verachtung immer wieder verloren.

Holland hat durchaus eine Hoffnung. Seine Reise durch die Geschichte der Misogynie geht von einer Gleichberechtigung der Geschlechter aus. Mit ergreifender Selbstverständlichkeit setzt er eine kluge und gerechte Gesellschaft voraus. Seine Erschütterung darüber, das sich diese noch immer nicht durchgesetzt hat, reicht auf eine entscheidende Weise über eine reine Anklageschrift hinaus. Er kann eine Welt ohne Frauenverachtung denken und ermutigt uns, dies auch zu tun. Damit wäre auf der Ebene der Vorstellungen jene Bedingung geschaffen, die eine kulturelle Veränderung bewirken könnte.
 
Es bleibt natürlich eine Wette. Aber eine Veränderung unserer Weltanschauung ist immer noch die beste Hoffnung, die wir für eine Veränderung der politischen Realität haben.

Jack Holland: Misogynie. Die Geschichte des Frauenhasses
Aus dem Englischen von Waltraud Götting
Verlag Zweitausendeins, Frankfurt 2007
406 Seiten, 19,90 Euro"
 
Quelle: Deutschlandfunk - "Über die Entmenschlichung der Frau", siehe oben stehenden Link. Hervorhebungen habe ich vorgenommen. (Im Text enthaltene Rechtschreibfehler habe ich ungeändert übernommen.)
 
Anmerkung:
 
Eine Antwort auf Frauenverachtung gibt es durchaus: Eine realistische, ehrliche, aufgeschlossene, neugieriege, respektvolle und wertschätzende Sicht auf Frauen: aus der Perspektive von Männern. 
 
Dies erfordert von Männern ein ausreichendes Maß, Vorhandensein bzw. Tätigen von Selbstreflexion, Selbstkritik sowie Empathie, Feinfühligkeit, Mitgefühl, Gebenkönnen und - wollen, Gerechtigkeitssinn, Fairness, die Fähigkeit zu respektvoller Kommunikation, die Bereitschaft, sich mit eigenen, unangemessenen, durchaus auch (noch) unbewusst frauenverachtenden, diskriminierenden Verhaltensweisen auseinanderzusetzen und frauenfeindliches Verhalten nicht länger zum Erhalt eigener Privilegien, Bequemlichkeit und Selbstsucht fortzusetzen.
 
Ja, das wird durchaus ein "schmerzhafter Prozess" sein, wahrscheinlich auch ein (je individuell) langwieriger.
 
-
"[...] Sexuelle Gewalt ist männlich. Täglich konfrontieren uns die Medien mit Berichten über "normale" sexuelle Belästigungen, Vergewaltigungen oder gar Sexualmorde. Was sind die tieferen Ursachen für dieses Verhalten? Rolf Pohl kommt zu der Erkenntnis, daß diesen Gewaltformen eine ambivalente bis feindselige Einstellung zu Frauen zugrunde liegt, die als Tendenz bei fast allen Männern nachweisbar ist. Weiblichkeit wird von Männern unbewußt als Bedrohung erlebt und deshalb abgewehrt. Pohl weist nach, daß die gängigen Erklärungsversuche zu kurz greifen, die sexuelle Gewalthandlungen ausschließlich als Ausdruck männlicher Macht deuten und die Sexualität des Mannes unberücksichtigt lassen.
 
Der Autor verknüpft den Ursprung geschlechtsbezogener Gewalt mit der geschichtlich-gesellschaftlichen Entstehung und Entwicklung der männlichen Sexualität und ihrer phallisch-aggressiven Ausrichtung. Denn entscheidend sind nicht allein die Triebgrundlagen von Sexualität und Aggression, sondern ihre Bindung an das gemeinsame Objekt: die Frau. Die typisch männliche Gewaltbereitschaft entspringt einer aus Lust, Angst, Neid, Wut und Hass bestimmten unbewußten Einstellung zur Weiblichkeit.
 
Anhand einschlägiger ethnologischer und kulturvergleichender Studien zeichnet der Autor zunächst nach, wie unter dem Druck vorherrschender Männlichkeitsbilder die Verbindungen von Sexualität und Aggressivität auch in die Körper eingeschrieben werden. Männliche Initiationsriten unter Ausschluß der Frauen und der gesellschaftlichen Abwertung von Weiblichkeit sind für die kulturelle Erzeugung hegemonialer Männlichkeit entscheidend. Im weiteren untersucht Pohl die Wege der männlichen Sozialisation in westlichen Gesellschaften und setzt sich kritisch mit psychoanalytischen Erklärungsansätzen auseinander, die er mit neueren sozialpsychologischen Forschungen konfrontiert. Abschließend diskutiert der Autor das Verhältnis von männlicher Sexualität und Destruktionslust am Beispiel von Massenvergewaltigungen unter Kriegsbedingungen aus jüngster Zeit.
 
Hass und Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen, so die Kernthese des Autors, ist auch als Ergebnis einer Leugnung und Abwehr der männlichen, auf den weiblichen Körper gerichteten Begierde zu verstehen. Die durch Frauen ausgelöste sexuelle Erregung bestätigt die Abhängigkeit des Mannes und entlarvt die im männlichen Autonomiewunsch enthaltene Idee vollkommener Beherrschung und Kontrolle als wahnhafte Illusion.
 
Rolf Pohl, Jg. 1951, lehrt am Psychologischen Institut der Universität Hannover. [...]"
 
Quelle: Offizin Verlag, Rolf Pohl - "Feindbild Frau (...)", siehe oben stehenden Link.
 
"[...] Man wird einwenden, im Islam herrsche ein ausgeprägteres Schamgefühl als bei uns. Mag sein. Dieses aber ist typisch für die monotheistischen Religionsgemeinschaften insgesamt, die sich nicht von ihrer patriarchalen Urform emanzipiert haben. Nicht nur im wahhabitischen und salafistischen Islam, sondern auch im orthodoxen Judentum oder in der katholischen Klerikerkirche gilt die Frau als Quelle der Versuchung und der Mann als zu schwach, ihr zu widerstehen. Alle diese Über-Ich-Religionen bauen mit unzähligen Verboten streng legalistisch einen Damm gegen die stets lauernde Lust auf. Es ist die Frau, welche die böse Lust verkörpert, ausser sie bewahrt ihre Jungfräulichkeit. Darum der Jungfrauenkult in den patriarchalen Gemeinschaften: Die Frau ist entweder Heilige oder Hure. Die ebenbürtige und sexuell emanzipierte Frau, jenseits von Idealisierung und Dämonisierung, gibt es nicht.
 
Doppelmoral ist vorprogrammiert
Was solche Religionsgemeinschaften nicht wahrhaben wollen: Gerade dort, wo die sexuelle Repression am rigidesten ist, ist auch der Verrat am Reinheitsideal am akutesten und die Doppelmoral quasi vorprogrammiert. Erst in den letzten Jahren ist in geschlossenen religiösen Gemeinschaften das Ausmass sexueller Gewalt ans Licht gebracht worden: Seit der Jahrtausendwende hat ein Missbrauchsskandal nach dem anderen die katholische Amtskirche erschüttert. Fast so, als seien sexuelle Übergriffe von zölibatären Priestern auf Kinder systemimmanent. Im Islam sind es Intellektuelle, die das Doppelgesicht der Repression anprangern.
 
Schriftsteller Alaa al-Aswani beschreibt sie in der ägyptischen Gesellschaft, wo immer mehr Frauen das Kopftuch tragen und immer mehr Frauen begrapscht werden. Amnesty International hat letztes Jahr für Tunesien eine Studie vorgelegt, wonach ein grosser Teil der Frauen Opfer von physischer und sexueller Gewalt wird. Immer öfter hört man von häuslicher Gewalt auch bei den orthodoxen Juden. Dabei versuchen gerade sie in Parallelgesellschaften und eigenen Schulen die Vision einer heilen Welt zu leben.
 
Je mehr die Religionen im Sog der Migration aufeinanderprallen, umso unvermittelter tritt das unterschiedliche Geschlechterverständnis zutage. Für den Schweizer Religionssoziologen Jörg Stolz liegt es auf der Hand, dass von einem «Clash der Zivilisationen» vor allem in Bezug auf Geschlechterfragen gesprochen werden muss. Gleichberechtigung der Frau oder Akzeptanz von Homosexualität sind letztlich die Fragen, an denen sich Kulturen und Religionen reiben, trennen oder von innen her spalten.
 
Demokratie und Aufklärung für den Islam ist nicht ohne sexuelle Emanzipation zu haben. Verschleierte Frauen, sagt man, haben keinen eigenen Körper und kein eigenes Subjekt. Es sind patriarchale Regelwerke, die sie unter Kopftuch und Burka zwingen, ihnen Schwimmunterricht und Handschlag verwehren. Besonders krass fordert der von Muslimbrüdern dominierte Europäische Fatwarat das Scharia-Korsett. In seiner Fatwa-Sammlung reglementiert er das Leben der Frauen minutiös. Die islamkritische Aufklärerin Saïda Keller-Messahli sieht darin Instrumente des politischen Islam. [...]"
 
Quelle: Tagesanzeiger - "Zwischen Jungfrau und Hure". Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
"[...] Antifeminismus ein "Konstrukt der männlichen Opferideologie"
 
Der Begriff Maskulismus
Anhänger der Männerrechtsbewegung und Antifeministen bezeichnen sich selbst als Maskulisten. Maskulismus wird auch als Synonym für Maskulinismus verwendet, der die Überzeugung bezeichnet, Männer oder bestimmte als männlich erachtete Eigenschaften seien naturbedingt überlegen. Maskulismus ist darüber hinaus ein Synonym für Androzentrismus, eine Sichtweise, die Männer als Zentrum, Maßstab und Norm versteht.
 
Rosenbrock hat die Männerrechtsbewegung in Deutschland untersucht. Ihm zufolge handelt es sich bei ihnen um mehrere hundert Männer, die nach einem persönlichen Erlebnis extrem anti-feministische Haltungen angenommen haben - etwa nach einer Trennung. "Das ist ein Angriff auf ihre Männlichkeit. Um dem zu entgehen, gibt es dieses Konstrukt der männlichen Opferideologie, die sagt, alle Männer sind Opfer, und zwar in allen Lebenslagen, und Schuld daran ist der Feminismus", erklärt Rosenbrock. [...]"
 
Quelle: ndr Netzwelt - "Organisierter Frauenhass im Netz"; Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
"[...] Das Konzept der Komplexe ist eines der Konzepte der Jungschen Psychologie. Dazu gehört auch der Begriff „Mutterkomplex“. Nach C. G. Jung wird ein Mann, der ein problematisches Verhältnis zu seiner Mutter hat, sie verachtet, entwertet oder sogar hasst, Probleme mit dem Weiblichen haben. Ein Mann, der unter einem negativen Mutterkomplex leidet, kann u.U. seinen Hass auf die Mutter sogar unbewusst auf andere Frauen übertragen, indem er sie entwertet oder sie unbewusst fürchtet, weil er sich durch das Weibliche in seiner Männlichkeit verachtet und bedroht fühlt.
 
Negative Beziehungserfahrungen mit der Mutter sind die kindlichen Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit, Nähe, Umsorgtsein, Achtung und Liebe, die nicht erfüllt worden sind.
 
Eine narzisstische, wenig beschützende Mutter beispielsweise oder eine ambivalente, unberechenbare Mutter, die für ihren Sohn nicht erreichbar bzw. begreifbar ist, sind für ein gelungenes Selbstkonzept des männlichen Kindes keine gute Basis. Durch den frühen Objektverlust kommt es in vielen Fällen zu Selbstentfremdung, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Aggressionsansammlung oder einer allgemeinen Aggressionsschwäche. Männliche Aggression im gesunden Maße aber wird gebraucht, um sich von der Symbiose mit der Mutter abzulösen und entschlossen eine Partnerin zu erobern. Nicht selten leiden diese Männer auch unter Depressionen oder sie betreiben Selbstdestruktion mittels Alkohol und anderen Drogen.
 
Gefühle wie innere Leere, Angst, Wut und Schuld bestimmen das seelische Empfinden. Die kindliche Erfahrung dieser Männerseelen ist das Gefühl des "Niedergemachtseins zum Nichts".
 
Das hat fatale Auswirkungen auf das spätere Selbsterleben und das Beziehungsverhalten. So lassen sich Mutter und Geliebte für diese Männer nur schwer in einer Person vereinigen, besonders wenn die Mutter eine zweideutige übermächtige Gestalt war. Zwiegesichtig wie die Mutter schwankt der Sohn in seinem Verhältnis zum Weiblichen, er weiß nicht, was es bedeutet männlich zu sein und fühlt sich der Frau unterlegen.
 
In der Beziehung zu einer Frau kommt es daher oft zu einer Objektfixierung, die durch Aufopferung und Abhängigkeit gekennzeichnet ist. Männer mit einer nicht eindeutig erlebbaren Mutter suchen unbewusst immer eine Partnerin die zwei Pole hat – einen in der sich Eigenschaften der Mutter wiederfinden und einen der von der Mutter verschieden ist. Im Laufe der Beziehung aber erlebt der Mann die Partnerin immer mehr als Mutter und umgekehrt die Frau sich selbst als Mutterersatz, denn sie wird unbewusst zum „Objekt des Lösungsversuchs“ der nicht gelösten Mutter-Sohn-Bindung funktionalisiert. Der Mann will einerseits mit der Frau verschmelzen, andererseits hält ihn sein Anklammern, sprich die kindliche Verschmelzungssehnsucht, genau da wo er einst als Sohn war – in der unerfüllten Sehnsucht nach sich selbst. In diesem Konstrukt wird die Partnerin gleichzeitig begehrt, gefürchtet und abgelehnt.
 
Auch Donjuanismus kann eine Folge des Mutterkomplexes sein. Wie das literarische Vorbild jagen diese Männer bindungsunfähig von Frau zu Frau, immer auf der unbewussten Suche nach der Mutter, die unerreichbar bleibt und zugleich im Tiefsten verachtet wird. 
 
Männer mit einem Mutterkomplex sind im Tiefsten allein. 
Die meisten von ihnen sind sich ihrer Mutterwunde nicht einmal bewusst oder sie winken ab, wenn man sie darauf anspricht. Aber auch wenn sie es ahnen, nicht viele Männer sind bereit sich der Mutter, die sie gefühlt nie hatten, oder sich der Wut auf die Mutter, die sie innerlich vernichtet hat, zu stellen. Sie bleiben ein Leben lang unglücklich und sich selbst ein unbekanntes Wesen, das zerrissen von der Sehnsucht nach Selbstliebe und Liebe leidet und fatalerweise die Frauen, denen sie begegnen, mitleiden lassen.
 
Um sich aus einem Mutterkomplex abzulösen gibt es nur einen Weg: sich die Beziehung zur Mutter genauer anschauen, auch wenn der Blick in ihre Richtung kein angenehmer Blick ist. Es schmerzt sich einer Vergangenheit zu stellen, die nicht reparabel ist, aber was ist die Alternative? Leid und zwar lebenslang.
 
Schließlich gehört es auch irgendwann dazu sich die Wut auf die Mutter einzugestehen. Wut kann sogar hilfreich sein um sich endlich von den mütterlichen Introjekten abzulösen und frei zu werden –  für sich selbst, um ein eigenständiger Mann zu sein und für eine erwachsene, mit den Schatten der Kindheit nicht belastete, gesunde Beziehung."
 
Quelle: Angelika Wende - "Der negative Mutterkomplex (...)"
 

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