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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus

WOLLT ihr euch - tatsächlich - SOLIDARISIEREN? ... Oder wollt ihr dies gerade nicht?!

 
WOLLT ihr euch – tatsächlich – SOLIDARISIEREN? … Oder wollt ihr dies gerade nicht?!
 
 
Frage:
Möchtet ihr, die ihr (noch) "besser gestellt" seid (finanziell/wirtschaftlich) euch mit denen, die "schlechter gestellt" sind als ihr, SOLIDARISIEREN?
 
Wenn nein: Warum nicht? - Was wisst ihr über die "schlechter Gestellten"? Woher habt ihr dieses Wissen? Wie gut kennt ihr euch mit der Agenda 2010 und dem Hartz 4-System aus, d.h. in Folge also mit Armut (durch Leiharbeit, durch Niedriglöhne, durch geringste Rente, durch Hartz 4, durch diverse Lebensumstände ...)?

Und vor allem: Welches Menschenbild habt ihr?
 
Wenn ja: Ihr wisst nicht, wie? - Hier ein paar Vorschläge:
Wie in Frankreich (nuit debout): GEMEINSAM auf die Straße gehen - nicht zu einzelnen, isolierten Themen, sondern generell gegen den galoppierenden Sozialabbau ... . Wie das vonstatten gehen könnte/sollte, habe ich in einem blog-Eintrag (s.u.) dargelegt.
 
Außerdem: Durch Wahlen.
Seht euch g e n a u an, welche Partei was genau im Programm hat, was sie aus welchen Gründen "umsetzen", durchsetzen wollen - in Bezug auf alles "Soziale"/sogen. Sozialpolitik. Und: Was das alles bereits seit wie lange zur Folge hat, was gegenwärtig also passiert, vorhanden ist und aus welchen Gründen diese Umstände bzw. Missstände von welchen Parteien politisch genau so gewollt und GEMACHT wurden und: nach wie vor werden.

Ja, wer in einer Demokratie leben will, wer also ein Mitspracherecht haben und "gehört" werden will, muss sich diese Mühe machen: sich umfassend und vielseitig zu informieren. Und erst im Anschluss: zu urteilen, zu entscheiden.
 
Schließlich: Leistet die praktische Unterstützung in eurem Alltag gegenüber den Menschen, die von Armut betroffen sind (und Armut hat viele "Gesichter" ...) und euch nahestehen ... .

FRAGT die Menschen, was ihr konkret tun könnt, was sie sich - ehrlich - von euch persönlich wünschen. - Sie werden mehrheitlich wohl sehr bescheiden/zurückhaltend sein/antworten und lange Zeit n i c h t äußern, was ihr ggf. tatsächlich tun könntet. Denn sie schämen sich häufig (was ja so auch gewollt ist) und/oder sie suchen die Schuld bei sich (allein) - sehen sich selbst als "Versager" ... .

Fragt daher respektvoll und einfühlsam immer wieder nach: "Wie geht es dir: wirklich? Was kann ich für dich tun, was wünschst du dir von mir, was könnte dir jetzt helfen, das ich tun könnte - für dich oder mit dir gemeinsam? ..." Und bitte helft dann auch: ganz praktisch, ganz "niedrigschwellig", unbürokratisch - menschlich.
 
Und als Arbeitgeber, Wirtschaftsmächtige und Politiker:
 
Ändert AKTIV dieses menschenverachtende!, neoliberale Kapitalismussystem: rund um den Globus!
 
Denn Alternativen gibt es: längst. Die Ideen, Konzepte, Theorien sind da - von Hochschulabsolventen, von angesehenen Ökonomen und vielen anderen.
Überwindet euren Egozentrismus, eure Selbstsucht, eure Ignoranz, Selbstgerechtigkeit, Kurzsichtigkeit, emotionale Verkrüppeltheit, Herzensenge. - Tragt endlich die Verantwortung, die euer "Job"/eure Position euch - eigentlich - abverlangt. Statt noch länger massives menschliches Leid, Elend, Not auf eure Schultern zu laden und/oder euch zu Helfershelfern dessen zu machen. Wissentlich. - Statt weiterhin moralisch fragwürdig wie auch sogar direkt kriminell, illegal zu agieren.
 
Versteckt euch nicht. Verschiebt es nicht. Verdrängt es nicht. Noch länger.
 
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... Der Mehrheit der Deutschen geht es schlicht und ergreifend tatsächlich noch viel, viel zu gut. - Vielleicht nicht der Mehrheit, sondern den Menschen, die eine Lobby, die Einfluss(nahmemöglichkeiten), die auch die Chance, sich zur Wehr zu setzen (durch bspw. anwaltliche Hilfe ...) haben. - Es findet von diesen Menschen mit dem "Heer" der "prekär Beschäftigten", der "Niedriglöhner", der Leiharbeitsausgebeuteten, der verarmten, dadurch oft vereinsamten/isolierten Rentner und Hartz 4-Empfänger (sowie all ihrer in Armut aufwachsen müssenden, chancen-/zukunfts-/perspektivlosen Kinder), der Sorge-ArbeiterINNEN (denn zumeist leisten nachweislich (!) Frauen die meiste Sorgearbeit - sowohl in sozialen Berufen als auch zu Hause: unbezahlt, ohne "Urlaub" und/oder "geregelte Freizeit", ohne häufig auch Regenerationsmöglichkeiten ... und das über Jahrzehnte): de facto KEINE Solidarisierung statt. Null.
 
Es muss in D-Land wohl also auch erst zu Straßenschlachten, zu gewalttätigen Ausschreitungen und Übergriffen (auf Privateigentum ...) kommen sowie dazu, dass die offenbar doch noch vorhandene "Mittelschicht" wie die griechische im Müll nach Lebensmitteln suchen und obdachlos werden muss. - Also denn ...: Lasst es einfach laufen.
 
Es interessiert nicht - warum man wen wählen sollte und wen/welche Partei nicht. Es interessiert nicht, was die "Außen-", KRIEGS-, Wirtschafts"politik" mit Fluchtursachen von Millionen Menschen zu tun hat und es interessiert auch die deutsche Mittelschicht noch einiges andere nicht, so lange es ihr selbst noch gut (genug) geht, so lange sie noch bei ALDI, Lidl, Netto, Penny und/oder im Delikatessenladen einfkaufen gehen können, so lange sie ihr Haus und ihre ein, zwei Autos noch halten und vlt. auch noch ein, zwei Mal im Jahr (oder auch öfter) verreisen/Urlaub machen können.

Es interessieren sie nicht: die Herstellungs- und Handelsbedingungen von Waren, die sie reichlich und unreflektiert KONSUMIEREN.
Es interessiert sie nur, dass bei IHNEN alles BEIM ALTEN bleiben soll/zu bleiben hat. Gefälligst! - Was geht SIE das Elend der Menschen in Afrika, Asien, Südamerika an?!?

Man KONSUMIERT weiter - und vielleicht "sogar" vermeintlich "grün". Aber was man NICHT KAPIEREN WILL, weil man NICHT VERZICHTEN WILL, ist genau das: dass BESCHRÄNKUNG, FREIWILLIGER VERZICHT, WENIGER KONSUM erforderlich ist! - Wofür? - Och ..., nur für sowas Überflüssiges wie mehr globale Gerechtigkeit, weniger Unruhen, Kriege, Korrupiton, WENIGER "Wirtschaftswachstum", weniger Ressourcenverbrauch und -raub, weniger Armut, weniger Elend/Not/Leid: ANDERER, F R E M D E R Menschen - wie auch derer im "eigenen" Land. - Nein, anders wirtschaften, anders Handel treiben, anders arbeiten und also leben: das können ja so ein paar linksversiffte Hippies zelebrieren, aber man selbst wird ganz sicher nichts an seinem Lebensstandard ändern (lassen).
 
Also: Drauf gekackt, auf all die globale Ungerechtigkeit ... : weiterhin! Hellau und HAUT REIN! Nicht, dass ihr zu kurz kommt! PROSTPROST! Is schließlich FUSSBALL-EM! PAAAARDYYYY!!!
 
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DAS PRINZIP SOLIDARITÄT. - Albrecht Müller (NachDenkSeiten) im Gespräch. Unbedingt hörenswert.

Ulrich Schneider im Gespräch mit Pia Zimmermann - "Der Reichtum wächst - die Armut auch", Weltnetz TV

"[...] Dann stieß ich gleich am ersten Tag meiner Literaturrecherche auf dieses Grundproblem unseres Sozialstaates, nämlich die Missachtung der Leistung der Kindererziehung in dieser großen Sozialreform 1957. Das hat mich tatsächlich nicht losgelassen, weil sich, je mehr man in dieses Thema einsteigt, desto mehr Ungeheuerlichkeiten entdecken lassen.

Jedes fünfte Kind ist auf Sozialhilfe angewiesen
 
Insofern muss ich gleich sagen: Das, was wir bei den Familien in Gestalt dieser doppelten Kinderarmut erleben, dass wir nämlich die Geburtenzahl seit 1965 halbiert haben von 1.350.000 auf heute nur noch 660.000 und dass wir es gleichzeitig geschafft haben, den Anteil der Kinder in Sozialhilfebezug auf das 16-Fache zu steigern, nämlich von jedem 75. Kind damals auf jedes fünfte Kind, in vielen Bezirken bei den Kindern unter sieben Jahren sogar jedes vierte, jedes dritte Kind, das hängt damit zusammen, dass unsere Verteilungssysteme vollkommen aus dem Ruder gelaufen sind.
 
Deswegen muss man gleich darauf hinweisen, dass die Familienarmut die Kumulation und die Kulminierung allgemeiner Verteilungsfehler ist. [...]
 
Jürgen Borchert: Klar. Um das mal verständlich zu machen, was da passiert, ist vielleicht das Beispiel vom Junggesellen gut, der seine Haushälterin, die bis dahin bezahlt gearbeitet hat, heiratet. Sie macht das plötzlich für ihn privat und persönlich. Die Arbeit ändert sich überhaupt nicht, aber sie verschwindet aus den volkswirtschaftlichen Rechenwerken und taucht erst dann wieder auf, wenn die sich scheiden lassen. Plötzlich taucht dieser Arbeit, die sich überhaupt nicht inhaltlich verändert hat, wieder in den Rechenwerken auf.
 
Dieses ökonomische Denken hat der große Nationalökonom Friedrich List schon vor 160 Jahren - der einzige deutsche Sozialökonom neben Karl Marx, der international berühmt geworden ist - auf die Pointe zu gebracht, dass in diesem ökonomischen Denken derjenige, der Schweine erzieht, ein produktives, und derjenige, der Menschen erzieht, ein unproduktives Mitglied der Gesellschaft ist, weil, Kinder laufen nicht über den Markt. Das ist das eine Problem, diese Wahrnehmung der Kinderökonomie.
 
Das zweite ist ein Repräsentationsproblem. Denn Kinder sind keine Wähler. Die Alten sind Wähler, die Kinder nicht. Das führt systematisch dazu, dass man Kinderinteressen aus dem Blick verliert. Die einzige Möglichkeit, die wir hätten, um das zu korrigieren, ist die Einführung eines Kinder- oder Familienwahlrechts. Da gibt es ja jede Legislaturperiode Initiativen quer durch alle Parteien, das endlich zu machen, damit uns klar wird, was los ist mit den Familien.

Familien sind bei den Markteinkommen systematisch benachteiligt
 
Das Nächste ist, dass von diesen Problemen, die ursächlich aus den Sozialversicherungssystemen, und zwar aus der Beitragsseite resultieren, unsere Eliten nicht betroffen sind. Diejenigen, die die Gesetze machen, die Abgeordneten, diejenigen, die sie exekutieren, die sie ausführen, die Beamten, und die, die im Streitfall darüber zu richten haben, die Richter, sind ja nicht in diesem allgemeinen Sozialversicherungssystem drin. Die spüren nicht, wie das wirkt und wie weh das tut, diese irrsinnige Abgabenlast da schultern zu müssen. Deswegen haben wir so ein Empathieproblem auch. Das sehe ich als ganz grundsätzlich an.
 
Und dann darf man nicht vergessen, dass das Familienproblem ja auch daraus resultiert, dass wir in einer Marktgesellschaft leben. Und die meisten Menschen, 90 Prozent, leben von abhängiger Beschäftigung. Und die abhängige Beschäftigung sieht immer nur die einzelne Arbeitskraft und fragt nicht danach, wie viele Mäuler zu stopfen sind. Das heißt, bei den Markteinkommen sind die Familien systematisch benachteiligt. Das müsste eigentlich in der sekundären Einkommensverteilung, da, wo der Staat mit Steuern und Sozialabgaben dazwischen geht, korrigiert werden.
 
Da wir aber unseren Sozialstaat durch die Löhne finanzieren und nicht alle anderen vielen Einkommen, die immer stärker in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zu Buche schlagen, dafür herangezogen werden, wird der Fehler der primären Einkommensverteilung in der sekundären nicht nur nicht korrigiert, sondern er wird verdoppelt.
 
Deutschlandradio Kultur: Deswegen doppelte Kinderarmut.
Jürgen Borchert: Und das ist das Hauptproblem, was wir haben, das die Sozialversicherung in dieser ungeheuerlichen Weise belastet, dass wir nämlich einen Sozialbeitrag haben, der erstens Kinder überhaupt nicht berücksichtigt, der zweitens linear proportionale Beitragstarife vorsieht. Das heißt, egal wie hoch die Einkommen sind, sie sind immer nach dem gleichen Beitragssatz bemessen.
Und dann haben wir in der Sozialversicherung noch die Ungeheuerlichkeit zu konstatieren, dass wir obere Beitragsbemessungsgrenzen haben.

Die Lösung: eine Bürgerversicherung für alle?
 
Deutschlandradio Kultur: Das heißt, die Leute, die richtig viel verdienen, werden nur relativ wenig belastet.
Jürgen Borchert: Ja, wer mehr als 50.000 Euro in der Krankenversicherung und 70.000 bei der Rente hat, der hat die Schweiz mitten in Deutschland. Der braucht dafür keine Beiträge zu zahlen. Das heißt: Ausgerechnet die leistungsfähigsten Einkommen, die zur sozialen Verantwortung am ehesten in der Lage wären, werden aus dieser Verantwortung entlassen. Das führt dazu, dass wir eine Belastung haben, die man wissenschaftlich als „regressiv“ bezeichnet. Je kleiner die Einkommen, desto höher relativ die Last. [...]

Deutschlandradio Kultur: Herr Borchert, war das jetzt im Grunde genommen - wenn ich frage, wie ließe sich das denn alles besser organisieren -, war das, was Sie jetzt ausgeführt haben, ein Plädoyer für die Bürgerversicherung, wo also Beamte und Unternehmer und Politiker mit einbezogen sind in den sozialen Sicherungssystemen und keiner sich mehr raushalten kann?
Jürgen Borchert: Ja natürlich, klar. Aus mehreren Gründen führt kein Weg an der Bürgerversicherung vorbei. Das heißt, wir müssen tatsächlich alle Einkommen, alle Personen hinein nehmen und dann Transparenz schaffen. [...]
 
Deutschlandradio Kultur: Herr Borchert, ein Aspekt der Familienpolitik ist auch das Thema Hartz IV. In Ihrem Buch „Sozialstaats-Dämmerung“ nennen Sie Hartz IV wörtlich „infam“. – Warum?
Jürgen Borchert: Weil man mit diesem Gesetz Opfer zu Tätern macht. Es wird ja mit dem Fördern und Fordern der Eindruck erweckt, als seien die Langzeitarbeitslosen schlicht und einfach zu faul, als würden sie ihren Hintern nicht hochkriegen. Das ist nicht nur empirisch total widerlegt, sondern wir wissen mittlerweile aus einer Flut von Forschungen, dass nirgendwo so gestrampelt wird wie in dem Bereich Hartz IV. Die Leute kämpfen ums Überleben und versuchen wieder Land unter die Füße zu kriegen.
 
Die Ungeheuerlichkeit, die uns die Politik hier serviert mit diesem Fördern und Fordern, liegt vor allen Dingen in der Tatsache, dass man den seit 1967 geltenden Grundsatz, dass die Politik makroökonomisch, also im volkswirtschaftlichen Rahmen, für die Verhältnisse des Arbeitsmarktes verantwortlich ist, über Bord geschmissen hat, und zwar mit den Maastricht-Verträgen.
 
Mit den Maastricht-Verträgen hat man das abgestimmte Instrumentarium, den Arbeitsmarkt zu schützen vor außenwirtschaftlichen Entwicklungen, abmontiert. Man hat sozusagen den Airbag vom nationalen Arbeitsmarkt abmontiert, weil man die Geld-, Währungs- und Zinshoheit und damit das wichtigste Instrument, verbunden sonst mit der Steuerpolitik, aus der Hand gegeben hat, nämlich an die EZB. Und das ist eben das Instrumentarium gewesen, was die Politik zur Verfügung hatte. Sie hat es aus der Hand gegeben.

"Nie beruhte Arbeitslosigkeit so wenig auf individuellem Versagen wie heute"
 
Und wenn man dann davon spricht, dass die Arbeitslosen verantwortlich wären für ihr Schicksal, ist das eine Ungeheuerlichkeit, weil es in der Geschichte der Republik noch niemals eine Situation gegeben hat, wo Arbeitslosigkeit so wenig auf individuellem Versagen beruhte, wie es heute der Fall ist. Wir wissen, dass in Gegenden mit Vollbeschäftigung, die gibt’s immer noch, der Anteil der „Hartzer“ bei unter einem halben Prozent liegt.
 
Deutschlandradio Kultur: Und im Freistaat Bayern insgesamt sind es 3,3 Prozent und in Berlin beispielsweise 16,7 Prozent. Also, jeder Sechste in Berlin lebt von oder mit Hartz IV, zumindest teilweise. - Ich will mal dagegen halten: Die Befürworter von Hartz IV verweisen darauf, dass seit dessen Einführung die Zahl der Arbeitslosen von über fünf auf rund drei Millionen zurückgegangen ist binnen zehn Jahren. – Ist das nichts?
Jürgen Borchert: Also: Da müsste man sich mal genau anschauen, wie hier die Arbeitslosen gerechnet werden. Da wird nämlich bei den Beschäftigten auch der Riesenanteil jener, die in prekärer Beschäftigung angelandet sind…
 
Deutschlandradio Kultur: Teilzeitjobs, Leiharbeit…
Jürgen Borchert: Ja, Minijobs, Teilzeitjobs, Scheinselbständigkeit und alles wird da ja mit eingerechnet. Damit wird verschleiert, dass das Arbeitsvolumen insgesamt seit 2000 geringfügig zwar, aber zurückgegangen ist. Es verteilt sich weniger Arbeit auf mehr Leute. Und das Ergebnis ist dann, dass wir feststellen, dass immer mehr Menschen mit ihrer harten Arbeit das Existenzminimum nicht mehr erreichen und auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, vor allen Dingen da nämlich, wo Kinder zu versorgen sind.
 
Kinder in Käfighaltung
 
Deutschlandradio Kultur: 40 Prozent aller, jetzt komme ich nochmal zu dem Punkt Familienpolitik und Hartz IV, 40 Prozent aller Alleinerziehenden sind Hartz IV-Empfänger. Das heißt, Vater oder Mutter, meist ist es die Mutter, sowie das Kind bzw. die Kinder leben von Arbeitslosengeld II. Oft haben diese Alleinerziehenden eine abgeschlossene Berufsausbildung. Sie wollen arbeiten, haben aber folgendes Problem: Der Arbeitgeber verlangt Schichtarbeit oder Wechseldienste. Kita oder Hort bieten eine Betreuung für den Nachwuchs von Schichtdienstlern aber nicht voll umfänglich an. Die Folge: Die Alleinerziehenden bleiben notgedrungen zu Hause und leben von Hartz IV. Das ist allgemein bekannt seit vielen, vielen Jahren. Es passiert aber kaum etwas, um das grundlegend zu ändern. - Was meinen Sie? Woher rührt diese Unentschlossenheit, die die Allgemeinheit viel Geld kostet und bei den Betroffenen sehr viel Frustration schafft? Das ist doch alles ökonomischer Irrsinn.
Jürgen Borchert: Was wir hier haben, ist tatsächlich das Problem, dass man versucht die Familien passgenau den Bedürfnissen der Wirtschaft anzupassen. Und dass sich Eltern dem verweigern, ist nur gut und richtig, weil der Zustand der öffentlichen Kinderbetreuung nicht so ist, dass man es breitflächig verantworten kann, Kinder abzugeben in Krippen, die dem internationalen Standard nicht entsprechen, sondern weit, weit darunter liegen. Da ist dem Kindeswohl nicht gedient, wenn wir Kinder sozusagen in die Käfighaltung stecken, sondern das schadet den Kindern, das schadet ihrer Bindungsfähigkeit, ihrer Bildungsfähigkeit. [...]
 
Deutschlandradio Kultur: Aber im Grunde genommen hat sich ja trotz des Karlsruher Richterspruchs de facto für die Betroffenen wenig geändert. Sie schreiben in Ihrem Buch „Sozialstaats-Dämmerung“, das ist verfassungswidrig, was da läuft. – Frustriert Sie das?
Jürgen Borchert: Wenn Sie das ansprechen, dass wir ein Urteil aus Karlsruhe haben, was klare transparente Regelungen bei der Bemessung des Existenzminimums angeht, und die Politik dem nicht folgt, so haben Sie Recht. Es ist ein Skandal sondergleichen, dass man die Böcke wieder zu Gärtnern macht.
 
Denn verantwortlich für die Korrekturen der gemachten Fehler bei den Hartz IV-Gesetzen sind ja die gleichen Parteien gewesen, die damals mit dieser erdrückenden Mehrheit im Bundestag Hartz IV beschlossen haben. Das hat man nachvollziehen können in den Tag- und Nachttagungen des Vermittlungsausschusses, der ja erst im März 2011 fertig wurde, statt zum Jahresende 2010, dass man unglaublich viel wieder an Rechenkunststücken unternommen hat, um das Urteil im Sinne des Fiskus möglichst billig zu machen. [...]"
 
Quelle: Deutschlandradio Kultur - Jürgen Borchert: "Familien werden systematisch benachteiligt"; Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
"[...] Es zeigt sich jedoch gerade in der jüngeren Zeit, dass der öffentliche Diskurs in vielen Ländern zu einer Spaltung geführt hat. Zwei Lager mit diametral gegensätzlichen Meinungen stehen einander unversöhnlich gegenüber. Wähler in der Folge als dumm, ungebildet, allen Ernstes auch als zu alt (wie im aktuellen Brexit Beispiel) oder im freundlichsten Fall als „Globalisierungsverlierer“ zu brandmarken ist so wenig zielführend wie generell zutreffend. Ressentiments nehmen dadurch nur noch zu. Letztlich wird auf diese Weise Demokratie indirekt in Frage gestellt, ohne dass die dahinterliegenden Probleme damit gelöst würden.
 
Wenn auch teilweise nachweislich mit unlauteren Methoden erreicht, mögen Proteststimmen vielleicht kurzfristig Genugtuung bringen, gleichzeitig stehen Länder danach mit den Scherben da und man hat unter Umständen das Gegenteil dessen erreicht, was beabsichtigt wurde.
 
Viele Bürgerinnen und Bürger haben in letzter Zeit auch den Weg gewählt, dem Hass entgegen zu treten, oder auch Anzeigen zu erstatten, oder aber geduldig in Gespräche einzutreten und Falschinformation aufzuzeigen … nur um festzustellen, dass in allen populistischen, reaktionären und extremistischen Lagern eine Faktenresistenz besteht, die jede Diskussion ergebnislos zermürbt. Es wird nichts erreicht, nichts bewegt.
 
Was läuft also falsch?
 
Um zu verstehen, welche Mechanismen uns hier in die Quere kommen, liefern mehrere Disziplinen Erklärungen und Hilfe.
 
Basic Instincts: Die Neurowissenschaften ertappen uns in flagranti
 
Der Mensch erreicht langfristig die höchste Zufriedenheit mit Entscheidungen und vermeidet unerwünschte Nebeneffekte, wenn er besonnen und kooperativ agiert statt impulsiv-reaktiv. Dazu müssen wir wissen, dass wir verschiedene Gehirnregionen und damit Arten zu entscheiden haben, die ganz unterschiedliche Ergebnisse bringen. In Situationen gefühlter Bedrohung oder Angst übernimmt unser so genanntes Reptiliengehirn (der evolutionsgeschichtlich älteste Teil unseres Gehirns) und entscheidet impulsiv entweder auf Kampf oder Flucht, während das moderne, rational denkende Gehirn blockiert wird. Hier liegt auch die Erklärung für den Hass im Netz, für den Erfolg einer Brexit Kampagne oder von Donald Trump. Das Reptiliengehirn kennt im Kampf nur Sieg oder Unterwerfung: es wird daher gekämpft bzw. diskutiert, bis der andere einlenkt, mit allen Mitteln – und das leider auf dem Niveau des Reptiliengehirns. Dieses ist auch dafür verantwortlich, dass Menschen in Situationen gefühlter (nicht notwendigerweise wirklich real vorhandener!) Bedrohung eine völlige Faktenresistenz zeigen, die mit keinen Beweisen, mit keiner Argumentation zu erschüttern ist: Das Reptiliengehirn kann nämlich nicht rechnen und es merkt sich nichts. Deshalb wiederholt es auch Verhaltensweisen, die früher scheiterten. Es kennt nur angreifen, fliehen oder erstarren – und außerdem noch essen, Sicherheitsgefühl und Sex. Das ist alles. Für Tiere in freier Wildbahn oder für die Reptilien, von denen wir diesen Gehirnstamm haben, ist dies durchaus ausreichend. Für Menschen, die komplexe Gesellschaften erhalten wollen, ist eine Reduktion auf diese letztlich primitiven Instinkte fatal: Krieg, Kontrollverlust, Chaos, Gewalt, Zerstörung. Die Entwicklung der menschlichen Zivilisation ist der Überwindung dieser primitiven Instinkte geschuldet, und ein Set anderer Fähigkeiten hat sich bewährt. Dazu gehören kooperative, strategische Entscheidungsfindung und planvolle, besonnene Vorgehensweisen. Diese sind im sogenannten Neokortex beheimatet, dem modernen Gehirn des Menschen, der uns vom Reptil unterscheidet. Wie können wir also vermeiden, in die Angst-Klemme zu kommen und deshalb zu reagieren wie ein verletztes Tier – und uns damit den Weg zu besseren Entscheidungen abzuschneiden? Letztlich ist das eine Frage von Training, sich hierbei selbst auf die Schliche zu kommen. Und wie kann die Politik verhindern, dass große Teile der Bevölkerung in eine solche Angst-Falle tappen, die in westlichen Zivilisationen schon allein deswegen unangemessen ist, weil unmittelbar lebensbedrohliche, reale Gefahrenlevel in den Leben der meisten Menschen im Westen nachweislich kaum jemals bestehen? Wie verhindern, wenn Teile der Politik intensiv damit beschäftigt sind, genau diese Angst künstlich zu generieren?
 
„It’s the Economy, stupid“: Mehrjähriger Reallohnverlust rächt sich
Empfundener und faktischer Verlust an finanzieller Sicherheit oder an Wohlstand macht anfällig für Angst – und damit für die oben beschriebenen Phänomene von blindem Hass und Kampf. [...]
 
„It’s the Communication, stupid“: Viele Probleme der Politik sind Kommunikationsversagen
 
Öffentliche Kommunikation gerät zu Gehirnwäsche, wenn über längere Zeit mit nationalen Sparbudgets und dem Kürzen von Sozialleistungen „Wir haben kein Geld“ suggeriert wird. Irgendwann glauben die Menschen das dann, auch wenn ihr Gehaltskonto dies möglicherweise (noch) gar nicht anzeigt.
Heute, wo jeder Einzelne x-beliebige Inhalte ins Web stellen und wie Nachrichten aussehen lassen kann, ist spätestens der Zeitpunkt, an dem es sich lohnen könnte, über Informationskompetenz in der Gesellschaft, und wie diese zu bilden wäre, nachzudenken.
 
Medien sind dennoch in der Pflicht: Wahlergebnisse werden nicht unwesentlich von deren Stil beeinflusst und in manchen Fällen ist nicht klar, ob manche Medien nicht bereits mehr Politik als Nachrichten machen. Typischerweise fällt daher auch die schreierische, reißerische Aufmachung von Boulevard-Medien unter den oben beschriebenen Typ der Kommunikation für das Reptiliengehirn. Selbiges versucht auch, durchaus intelligent zu klingen – während dennoch allzu häufig Daten schlechter Qualität oder überhaupt Falschinformation verwendet werden.
 
Interessanterweise entschuldigt auch eine Wählerschaft, die erfolgreich auf ihr Reptiliengehirn-Glatteis geführt wurde, alle nachgewiesenen Unwahrheiten bis hin zu offener Korruption, solange sie dem Ziel der totalen Vernichtung eines vorgeblichen Feindes dienen. Das erklärt auch, weshalb erbitterte Brexit-Befürworter gar nichts dabei finden, dass Politiker wie Nigel Farage Stunden nach dem Ergebnis des Referendums bereits ihre Zusagen zurücknehmen und mangels Konzept schließlich sogar zurücktreten – weil sie selbst im Reptiliengehirn-Modus agierten und die Konsequenzen ihrer Forderungen weder abschätzen konnten noch ein Programm dafür hatten.
Was für einzelne Politiker gilt, gilt auch für die Kommunikations- und Beteiligungskultur von Wirtschaftsräumen, z.B. der Europäischen Union. Diese möchte sich im Lichte der aktuellen Ereignisse gerne als Sieger darstellen und den Briten eine Lehre erteilen. Leider sind jedoch viele der aktuellen Entwicklungen in Europa von der EU-Politik selbst mit ausgelöst worden, allen voran durch Austeritätsprogramme, die in vielen Ländern zu den beschriebenen Reallohnverlusten führten, ohne jedoch nachhaltig Strukturreformen anzugehen. In einem beachtenswerten aktuellen Artikel „Neoliberalism: Oversold?“ stellen WF Ökonomen bereits ihre eigene, jahrelange IWF-Austeritätslinie in Frage. [...]"
 
Quelle: excellence institute - "Hass und Spaltung: Wie uns das Reptiliengehirn die Demokratie vermasselt"
 
Anschaulicher geht es nicht (siehe Video oben, Quelle: good via facebook: "If the world were 100 people").
 
Ja, vielleicht wäre es anders, wären wir nur 100 (weil unser Gehirn ja anscheinend auf eine Gruppe von max. 150 Personen noch immer "eingestellt"/ausgerichtet ist).
 
Vielleicht aber auch nicht. Denn:
 
Selbstsüchtige/egomane Arschlöcher würde es auch dann geben - die Ursache dafür liegt nicht in der Anzahl der Menschen (die zu einer wie auch immer gearteten Gemeinschaft gehören oder nicht gehören (dürfen)), sondern ganz woanders (siehe nochmals: Prägung, Bindung - (frühe) Kindheit, Sozialisation ...). - Was nicht heißt, dass es nicht deutlich schwieriger ist, größere "Gruppen", d.h. Gemeinschaften mit mehreren "Teilhabenden" zu organisieren, koordinieren, zu händeln als kleinere Gemeinschaften. Worum es aber grundsätzlich geht, ist ja (Verteilungs-) Gerechtigkeit und auf welcher Basis eine solche nicht nur denkbar, sondern auch umsetzbar sein könnte bzw. wäre und: auf welcher Basis (!) sie überhaupt - von Individuen - so auch gewünscht und g e w o l l t ist. (Oder dies eben - wie "aktuell" nach wie vor aus bekannten Gründen ... - gerade n i c h t.)
 

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