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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus

Über Geld, Kapitalismus und Alternativen - Zinsen, Schuldgeld, Freigeld, Freiwirtschaft, Wirtschaft der Fürsorge

3sat - Zinsen, einfach erklärt

Nachfolgendes ist aus oben stehendem Link (Zeit-Artikel "Historisches Experiment: Das Wunder von Wörgl") zitiert.
 
"[...] In Wörgl ist bald jeder vierte Mann arbeitslos. Der neue Bürgermeister kennt die Gesichter zu dieser Zahl. Die Leute kommen zu Unterguggenberger und bitten um Geld für ihre hungernden Kinder. Unterstützung vom Staat erhalten die Arbeitslosen nur kurz. Ein Zeitzeuge wird später berichten: »Acht bis zehn Bettler am Tag haben an unserer Tür geläutet.«
 
Der Regierung in Wien fällt als Mittel gegen die Krise nur eines ein: sparen. Die Löhne kürzen, die Staatsausgaben senken, das Personal abbauen. Irgendwann geht es dann allen wieder besser, so das Kalkül.
 
Unterguggenberger wird dazu schreiben: »Das Sinnvolle dieser Maßnahmen liegt auf der Hand und sieht etwa so aus: Ich schränke mich ein und gehe barfuß (hilft das dem Schuster?). Ich schränke mich ein und reise nicht (hilft das der Bundesbahn?). Ich schränke mich ein und esse keine Butter (hilft das dem Bauern?).«
 
Nein, es hilft nicht, glaubt Unterguggenberger. Ohne Geld gehe niemand einkaufen. Und wenn die Leute keines mehr hätten, müsse die Regierung es ihnen geben. [...]"
 
Man denkt unweigerlich an die aktuell nach wie vor betriebene Austeritätspolitik (siehe Griechenland ...).
 
"[...] Die Arbeitslosigkeit steigt weiter – in Österreich. In Wörgl sinkt sie. Dafür wachsen die Einkommen und die Steuereinnahmen der Gemeinde. Den Bürgern kommt es vor, als habe jemand mit dem Flugzeug einen Haufen Scheine abgeworfen. Dabei ist kaum mehr Geld da als vorher. Im Schnitt sind bloß 5500 Schilling in Arbeitswertbestätigungen im Umlauf. Die Scheine zirkulieren nur schneller. Vom Zimmermann zum Metzger, vom Metzger zum Bauern, vom Bauern zum Wirt, vom Wirt zum Zimmermann, und jeder bekommt etwas dafür.
 
Nachbargemeinden übernehmen das Experiment, ein Schwimmbad entsteht. Das neue Geld sorgt für eine überraschende Einigkeit in Wörgl. Im Rest des Landes ringen Sozialdemokraten, Austrofaschisten und Nationalsozialisten um die Macht. Parteiarmeen liefern sich Schießereien. Eine Zeitung titelt: Weg mit dem Parlament, die Diktatur muss her!
 
In Wörgl aber schlichtet der Erfolg des Freigelds jeden Streit. Der Gemeinderat steht einstimmig hinter dem Bürgermeister. Rechte und Linke stoßen im Wirtshaus auf den Aufschwung an.
 
Bald setzen sich Journalisten dazu. Sonst locken eher die schlechten Neuigkeiten die Zeitungsleute an. Jetzt aber hat die gute Nachricht Seltenheitswert. Die Reporter laufen durch die Straßen, befragen den Arzt, den Schneider, den Kinobesitzer. Sie suchen das Geheimnis von Wörgl. Keine Bodenschätze? Kein Großinvestor? Ein paar farbige Scheine – das soll alles sein?
 
Es ist alles. Die Leute kaufen wieder ein, und plötzlich geht es ihnen besser. Der Kapitalismus mag mitunter als undurchsichtiges System erscheinen, geprägt von Handelsströmen, Renditekurven und Zinsfüßen. Was sich da in Wörgl abspielt aber, beweist, dass es letztlich nur auf eines ankommt: Möglichst viele Menschen müssen möglichst oft Geld ausgeben.
 
Die ersten Zeitungsberichte über das Tiroler Schwundgeld gehen in Druck, nicht nur in Österreich. In England, Jugoslawien, Rumänien erscheinen Artikel. Ein französisches Magazin bezeichnet Wörgl als »neues Mekka der Volkswirtschaft«. Amerikanische Zeitungen berichten vom außergewöhnlichen »Mayor Unterguggenberger« aus der kleinen Gemeinde »in the heart of the mountains«.
 
Ein Reporter, der Bürgermeister Unterguggenberger befragt, schreibt später: »Während ich mich mit ihm unterhalte, wird er dreimal durch Ferngespräche unterbrochen. Anfragen einer Wiener Redaktion, ein Schweizer Journalist, der aus Zürich um Auskunft bittet, und noch eine Anfrage aus Leipzig.«
Unterguggenberger ist viel unterwegs in diesen Monaten. Wie einst als Lokführer reist er umher. Er hält Vorträge in Österreich, in der Schweiz. Er, der Ortsvorsteher einer kleinen Gemeinde, ist auf einmal der bekannteste Bürgermeister des Landes.
 
Bei der Regierung in Wien gehen Briefe ein, die fordern, Unterguggenberger zum neuen Finanzminister zu machen. Im Frühsommer 1933 spricht er im Wiener Restaurant Kaiserhof vor 170 anderen Bürgermeistern, die darüber nachdenken, es Wörgl gleichzutun. Alle wollen sie das Schwundgeld einführen. Es geht jetzt nicht mehr um ein paar Nachbargemeinden, es geht um Städte wie Linz, Steyr, Spittal. Es geht um einen Teil der Republik.
Warum auch nicht? Warum soll aus dem Wunder von Wörgl nicht ein Wunder von Wien, ein Wunder von Österreich werden?
 
Weil die Österreichische Nationalbank es nicht will. Nur sie darf Banknoten herausgeben. So steht es im Gesetz, und so soll es bleiben. Schon kurz nach der Einführung des Notgelds ist in einem internen Schreiben der Bank von der »Abstellung dieses Unfugs« die Rede. Gegen einen behördlichen Bescheid Anfang 1933, das Experiment zu beenden, legt Unterguggenberger noch Widerspruch ein, schon ahnend, dass »die Großkopferten mir diese Sache hier verbieten würden«. Am 18. November 1933, knapp anderthalb Jahre nach Beginn des Experiments, aber entscheidet der österreichische Verwaltungsgerichtshof: Das Wörgler Notgeld verstößt gegen das Gesetz.
Das Wunder ist vorbei.
 
Die Scheine werden eingezogen, die Bauarbeiter, die für die Gemeinde im Einsatz waren, werden entlassen. Die Umsätze der Geschäftsleute sinken wieder, ebenso die Steuereinnahmen. »Hier ist die Not nicht von Gott gesandt, sondern durch Gesetze und menschliche Verwirrung verordnet«, schreibt der enttäuschte Unterguggenberger in einem Brief an eine Zeitungsredaktion.
 
Auch der große Ökonom John Maynard Keynes preist die Idee
Die Krise kehrt zurück in die Tiroler Marktgemeinde. Es dauert nicht lange, bis die Wörgler alte Feindschaften auffrischen. Mitte Februar 1934 greifen Polizisten und Einheiten der rechten Heimwehr in mehreren österreichischen Städten bewaffnete Sozialdemokraten an. Auch in Wörgl wird gekämpft. Junge Sozialisten verschanzen sich in der alten Zellulosefabrik. Die Heimwehr will sie entwaffnen, Schüsse fallen, mehrere Männer werden verletzt; bevor es Tote gibt, gelingt es Unterguggenberger, durch Verhandlungen den Kampf zu beenden. Ihm, dem gemäßigten Sozialdemokraten, vertrauen beide Seiten.
 
Es ist die letzte politische Tat des ehemaligen Lokomotivführers Unterguggenberger, der wenige Tage später auch ein ehemaliger Bürgermeister ist. Die austrofaschistische Regierung unter Bundeskanzler Engelbert Dollfuß lässt die Sozialdemokratische Arbeiterpartei auflösen, Unterguggenberger muss zurücktreten. Im Dezember 1936 stirbt er, schon lange an schwerem Asthma erkrankt, im Alter von 52 Jahren an einer Lungenembolie.
 
Wenige Monate zuvor hat sich der britische Ökonom John Maynard Keynes, der als bedeutendster Wirtschaftswissenschaftler des 20. Jahrhunderts gilt, eingehender mit dem Freigeldtheoretiker Silvio Gesell befasst, »dem zu Unrecht übersehenen Propheten«, wie Keynes ihn nennt. 1930 war Gesell gestorben, nachdem er es 1919 kurzzeitig zum Finanzminister der Münchner Räterepublik gebracht hatte. »Ich glaube, die Zukunft wird vom Geiste Gesells mehr lernen als von jenem von Marx«, schreibt Keynes.
 
Er irrte. Der Zweite Weltkrieg löschte viele Erinnerungen an das Wunder von Wörgl, die Freigeldlehre blieb eine Außenseitertheorie, selbst vielen Fachleuten unbekannt. Und doch ist sie nach wie vor lebendig. Unbemerkt von der großen Wirtschaftswelt, gibt es heute im deutschsprachigen Raum Dutzende regional gültiger Schwundwährungen. Sie heißen Urstromtaler, Chiemgauer oder Rheingold. Manche sind eine Spielerei, andere eine ernsthafte Zweitwährung, immer aber hatten ihre Initiatoren denselben Gedanken: Das Geld soll nicht herumliegen, es soll zirkulieren, vom Zimmermann zum Metzger, vom Metzger zum Bauern, auf dass es allen besser gehe, wie einst in Wörgl."
 
Farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
"[...] Der Kern von Gesells Geldidee ist so einfach wie befremdlich: Er propagierte ein neues Zahlungsmittel mit einer auf den ersten Blick unangenehmen Eigenschaft - dem eingebauten Wertverlust. Bargeld, das man nicht benutzt, sollte automatisch an Kaufkraft verlieren. Überall auf der Welt gibt es heute Initiativen, die diesen Gedanken umzusetzen versuchen - sie geben lokale Kunstwährungen heraus, die nur Kaufleute in der Region akzeptieren und die lokale Wirtschaft stärken sollen. 2006 beschäftigte sich sogar die Bundesbank in einem Arbeitspapier mit diesen Regionalwährungen.
 
Ausgangspunkt von Gesells Theorie ist der Befund, dass Geld zwei Funktionen gleichzeitig erfüllt: Einerseits ist es Tauschmittel, mit dem wirtschaftliche Transaktionen abgewickelt werden; andererseits ist es Wertaufbewahrungsmittel. Beide Funktionen stünden im Konflikt zueinander. Denn während praktisch alle Waren an Wert verlieren, wenn man sie nicht schnell verkauft, behält Geld seinen Wert. „Geld rostet nicht", so Gesell. Das ermögliche es den Menschen, dem Wirtschaftskreislauf nach Belieben das wichtige Tauschmittel zu entziehen - indem sie ihre Ersparnisse auf die hohe Kante legen. [...]
 
Gesell war überzeugt: „Nur wenn dem Verkauf Zug um Zug ein neuer Kauf folgt“, könne Geld seinen Zweck als Tauschmittel voll erfüllen - und nur dann glichen sich Angebot und Nachfrage aus. Wenn die Menschen Geld horten, gebe es zu wenig Nachfrage für das Warenangebot. Gesell: „Unser Geld bedingt den Kapitalismus, den Zins, die Massenarmut, die Revolte und schließlich den Bürgerkrieg, der zur Barbarei zurückführt“, so Gesell.
 
Die Geldhortung sollte später für Keynes ein zentrales Motiv in seiner Erklärung von Konjunkturschwankungen und Wirtschaftskrisen werden - er sprach von der „Liquiditätsfalle“. Dann drohe eine Abwärtsspirale: Die Verkäufer kommen in die Defensive und müssen ihre Preise senken, um ihre Waren an den Mann zu bringen. Gesell wollte das Problem an der Wurzel packen - und Geld seine Eigenschaft als Wertaufbewahrungsmittel nehmen. Geldscheine würden quasi ein Verfallsdatum bekommen. Technisch ließe sich das zum Bespiel dadurch realisieren, indem die man Banknoten mit einem Ausgabedatum versieht und festlegt, dass sie alle drei Monate zwei Prozent weniger wert sind.
 
Als die Weltwirtschaft nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 vor einer zweiten Großen Depression stand, entdeckten auch Mainstream-Ökonomen wie der Harvard-Professor Greg Mankiw und der Berkeley-Ökonom Brad de Long Gesells Ideen wieder. Denn die Wirtschaftslage war 2009 so schlecht, dass die optimalen Leitzinsen eigentlich negativ hätten sein müssten. Vereinfacht gesprochen würde das bedeuten, dass Geld auf Bankkonten im Laufe der Zeit an Wert verliert. Solange das aber nicht auch für Bargeld gilt, hätten Sparer einen Anreiz, ihre Konten leer zu räumen und ihr Geld unter dem Kopfkissen zu lagern.
 
Zins war Gesell ein Gräuel
 
Gesell selbst war ebenfalls durch eine tiefe Wirtschaftskrise geprägt. 1887 war er nach einer kaufmännischen Lehre bei seinen Brüdern in Berlin nach Bueons Aires ausgewandert. Dort hatte er im Alter von 25 Jahren ein Importgeschäft für Medizinartikel gegründet. Wenige Jahre später fiel Argentinien in eine tiefe Depression - das Elend prägte Gesell und brachte ihn zum Nachdenken über die Ursachen. Er schrieb gegen die großen Schwankungen des Außenwerts des Pesos an. Seine Schriften beeinflussten die Reform des argentinischen Währungssystems von 1899, die zu einem Vierteljahrhundert wirtschaftlicher Blüte führte.
 
Der Zins war Gesell ein Gräuel. Er belohne die Menschen dafür, dass sie der Wirtschaft Nachfrage entzögen. Dass Zinsen nötig seien, um das Sparen attraktiv zu machen, glaubte er nicht. „Man spart, um über schlechte Zeiten hinwegzukommen. Die Bienen sparen, die Hamster sparen, aber von Zinsen ist in der Natur nirgendwo eine Spur zu sehen.“ Dem Sozialreformer war nicht nur das „Unnatürliche“ am Zins zuwider. Er lehnte ihn auch ab, weil er zu einer Konzentration der Vermögen führe.
 
Der US-Ökonom Irving Fisher, einer der bedeutendsten Volkswirte der 1920er- und 30er-Jahre, bezeichnete sich als „bescheidener Schüler des Kaufmanns Gesell“. Fisher übertrug dessen Ideen aus der Zeit des Goldstandards in die Papierwährungszeit, in der private Banken das meiste Geld per Kreditvergabe schaffen. Fisher leitete daraus den Vorschlag ab, den privaten Banken die Möglichkeit zur Geldschöpfung zu nehmen. Eine Währungsbehörde solle dafür sorgen, dass stets genug Zahlungsmittel verfügbar sind. Hätte sich dieser Vorschlag durchgesetzt, hätte es die Kreditexzesse, die der derzeitigen Finanzkrise vorausgingen, nicht gegeben."
 
Quelle: Handelsblatt - "Silvio Gesell - Der Erfinder des rostenden Geldes"; (farbliche) Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 

orf über:morgen & 3sat - Goodbye Bargeld!

wdr Planet Wissen - Der Chiemgauer, Regionalgeld, Christian Gelleri, Dirk Müller

3sat - Gier auf Geld

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