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Sabeth schreibt

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Poesie Melancholie Philosophie Feminismus

"Ich hasse, also bin ich." - André Glucksmann

Zivilisation ohne Mitgefühl - Arno Gruen im Gespräch, Radio srf2 Kultur - Es ist unentbehrlich, was Arno Gruen äußerte.

"[...] Die "Taten" werden immer indirekter; die "Täter", die "Subjekte", von ehedem immer mehr Funktionäre, Ingenieure des Schrecklichen, und die "Objekte", die Opfer, sind immer weniger sichtbar. Gefühle, gar Leidenschaften sind da überflüssig: Wo hätten sie in vielfach vermittelten, depersonalisierten Prozessen ihren Ort?
 
Anders hatte Recht in Bezug auf die Psychologie der großen Vernichtungskriege. Auch, was sich heute chirurgical strike nennt, ist von diesem nüchternen, gefühlsfreien Typ: ein Computerspiel. Etwaiger Hass ist in die humanen "Kollateralzonen" verbannt. Aber sonst? Schwerlich gibt es derzeit Aktuelleres, weniger Antiquiertes als den Hass. Er regiert im Herzen des globalen Terrorismus, zwischen Ground Zero, Beslan, Falludscha, Madrid, London, aber auch in seiner angeblich nur defensiven Form in Guantánamo und Abu Ghraib. Die Renaissance ganzer fanatischer Religionen scheint von ihm bestimmt. Der militante Islamismus, das fundamentalistische Christentum, der hinduistische Nationalismus – sie alle frönen dem Hass. Und allen fehlt es nicht am "großen Satan", gegen den sie zu Felde ziehen können, mag es der gottlose Westen, das "Reich des Bösen" oder irgendein anderer Dämon sein. Einem manichäisch gefärbten Dualismus kann es nicht an Kandidaten fehlen. In den "Hasspredigern" hat die Verbindung von fanatisierter Religion und Hass ihren rhetorischen Ausdruck gefunden.
 
André Glucksmann, einem der inzwischen in die Jahre gekommenen "Neuen Philosophen" in Frankreich, immer schon für pointierte Debattenbeiträge gut, wo es die böse Linke, die Meisterdenker oder Die Macht der Dummheit zu attackieren galt, ist also nur zuzustimmen, wenn er lakonisch konstatiert: "Es gibt Hass"; es gibt die "Rückkehr seiner elementaren Gewalt".
 
Diskussionsbedarf freilich besteht in der Frage, ob und gegebenenfalls wie der Hass motiviert und wie er zu bekämpfen, vielleicht sogar zu überwinden ist. Im Hintergrund steht mit dem Hass einmal mehr die Aufklärung mit ihrem Glauben an die Humanisierbarkeit des Menschen zur Diskussion.
Glucksmann lässt keinen Zweifel, auf welcher Seite er hier steht: Im Unterschied zu den guten Leuten, die immer noch nicht wissen, was die böse Stunde geschlagen hat, malt er sein Schwarz in Schwarz. Mit sozialer und psychologischer Ursachenforschung, mit dem Elan sozialarbeiterisch inspirierter Therapie kann man Glucksmann zufolge dem Hass nicht beikommen. Denn er ist ein "absolutes" Gefühl, "autonom" wie das Böse. Die Zerstörung will er um ihrer selbst willen. Und wenn er doch noch etwas anderes will, dann den Kult des absolut gesetzten Ichs, das aus allem nihilistisch nichts macht und sich so zum destruktiv allmächtigen Gott befördert. "Ich hasse, also bin ich", lautet nicht eben originell das Selbstbekenntnis eines pseudocartesianischen Egos, das sich gerade nicht aus dem Zweifel, sondern aus fatalen absoluten Gewissheiten nährt.
 
Folgerichtig steht bei Glucksmann hinter dem Widerruf aufklärerischer Humanisierungsprogramme eine "Naturgeschichte des Hasses auf das Humane". Therapie gibt es hier nicht, nur den entschlossenen Kampf, einschließlich Antiseuchenprogramm und Quarantäne. Denn der Hass pflanzt sich wie "eine ansteckende Krankheit" fort. Die triftigste Frage an diese Diagnose, die Satanisierung und Epidemiologie verbindet, stellt Glucksmann am Schluss sich selber – "Hasse ich den Hass?" –, um sie freilich unverzüglich abzuweisen: "Kein bisschen." Da ist sich der Rezensent nicht so sicher.
 
Hat der Hass Ursachen, vielleicht sogar Gründe, die ihn keineswegs billigen, aber doch ansatzweise erklärbar machen? Auf jeden Fall operiert er nicht kontextfrei und absolut. Glucksmann selber zeichnet in instruktiven Kapiteln zum Judenhass, zum Frauenhass, zum Antiamerikanismus die Rationalisierungsgrundlagen nach, aus denen der Hass vorgibt, sich zu nähren. In einem vorzüglichen Montaigne-Kapitel, das der Auseinandersetzung mit dem damals wie heute dominierenden religiösen Hass gewidmet ist, wird der theologisch-politische Wahn, die Verbindung "allerhimmlischster Überzeugungen" mit "unterirdischen Sitten", angemessen scharf umrissen. Die glänzend belesene Analyse einer literarischen Hass-Figur wie Medea und des von ihr inszenierten Theaters der Grausamkeit sieht freilich umso hartnäckiger von Medeas tiefer Verletzung ab, um desto besser über ihren "Furor" zu Gericht sitzen zu können. "Die Zwischentöne fehlen, die das Leben, die Prüfung der Verantwortung und die Wahrheit der Literatur ausmachen": so Glucksmann unfreiwillig selbstkritisch.
 
Gewiss, nicht im Verhassten, sondern in dem Hassenden liegt die Erklärung für den Hass, wie Glucksmann mit berühmteren Ahnen, Sartre und Jankélévitch, feststellt. Aber was erklärt den Hassenden, seine wahnhafte Paranoia, den Hass als Abwehrmechanismus, der im anderen befehdet, was er an sich selbst nicht gelten lassen darf? [...]"
 
Quelle: Zeit-Artikel (Essay) von Ludger Lütkehaus, siehe oben stehenden Link; farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
 
Der Weg heraus aus Minderwertigkeitskomplexen, geringem Selbstwertgefühl/Selbst-Wertschätzung, fehlender Anerkennung, dem Gefühl des Nicht-Gesehenwerdens, aus Narzissmus, Menschenfeindlichkeit, Hass, Neid, Gier, Völlerei, Sucht, Empathielosigkeit und Gewalt kann nur sein:
 
auf basalster Ebene all dem vorzubeugen - durch den angemessenen Umgang mit Kindern.
 
Durch also eine "Erziehung", die durch Sensibilität, Feinfühligkeit, Empathie, Respekt, Zugewandtheit, liebevolle Zuneigung, Mitgefühl geprägt ist - eine bedürfnisorientierte Umgehensweise mit Kindern, die nicht als "formbarer Werkstoff" in den Händen Erwachsener (auch und schon gar nicht: der ihrer Eltern bzw. Hauptbezugspersonen) gesehen und behandelt werden.
 
Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen - zur Resilienz ... zur: Herzensweite und Charakterstärke. Zum: dann eigenen, selbst ausgebildeten, weil selbst erfahrenen Mitfühlenkönnen
 
"[...] Ja, selbstverständlich hat das von Omar M. angerichtete Massaker – 50 Tote und 53 Verletzte – nichts mit Religion zu tun. Auch wenn im Namen von Religionen schon viele Massaker verübt wurden. Denn nicht „der Islam“ ist verantwortlich (der hundertfach interpretiert werden kann), aber der Islamismus, dieser politische Missbrauch des Islam.
 
Dass diese fanatischen Anhänger des IS & Co sich mehr mit Gewalt(training) beschäftigen als mit dem Koran, ist seit langem bekannt. Auch die Tausende von jungen Männern, die von Europa in den Dschihad nach Syrien ziehen, kennen kaum den Koran, wie Studien belegen. Die Verführung der radikalen Islamisten liegt nicht im Glauben. Die Verführung liegt in der Gewalt, im Männlichkeitswahn und im "Heldentum". All das bietet sich im 21. Jahrhundert weltweit in Gestalt des Islamismus an.
 
Im 20. Jahrhundert hieß das Faschismus. Auch der frönte dem Männlichkeitswahn, dem Antisemitismus, der Frauenverachtung und dem Schwulenhass. Letzteres nicht zuletzt zur Abwehr der eigenen ambivalenten Gefühle. Omar M. hat viele narzisstische Selfies von sich im Netz gepostet. Im „Pulse“, dem nach Selbstdarstellung „heißesten Gay-Club Floridas“, wäre er ein Star gewesen.
 
Jetzt stellt sich die Frage: Hatte der gewalttätige, offensichtlich narzisstisch gestörte Omar M. schon länger Kontakte zu Kräften, die wir reichlich ungenau unter dem Etikett „IS“ subsummieren? Oder wollte er sich mit seinem Anruf kurz vor der Tat – seinem Schwur auf den IS! – nur wichtigmachen?
Er verstand sich als Held, der im Auftrag Allahs handelt
Eigentlich egal. Omar M. verstand sich zuletzt auf jeden Fall nicht als kleiner Loser, der sein Leben nicht auf die Reihe kriegte, seinem großspurigen Vater vermutlich nicht gerecht werden konnte und dem die Frauen wegliefen. Er verstand sich bei seiner Tat als Held, der im Auftrag Allahs die „Sünder“ massakriert.
 
Omar M. hätte das mit einem anderen Hintergrund auch im Namen Gottes oder Jahwes machen können bzw. im Namen aller selbstgerechten, größenwahnsinnigen Ideologien. Er hat es im Namen Allahs getan, der Ideologie der Stunde. Doch Allah ist unschuldig.
 
Alice Schwarzer
 
Nachtrag vom 14. Juni: Omar M. wäre nicht nur ein Star im Pulse gewesen, er war es offensichtlich - wie inzwischen bekannt ist. Er hat häufig in dem Gay-Club verkehrt und schwule Dating-Apps frequentiert. Jetzt  wissen es auch die Eltern. Vielleicht hätten ja nicht 50 Menschen sterben müssen, wenn Omar M. zu Lebzeiten mit seinen Eltern darüber hätte reden können."
 
Quelle: aliceschwarzer.de - "Orlando: Allah ist unschuldig"; Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 

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