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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Über die vorgebliche Unantastbarkeit der menschlichen Würde - Menschenwürde

 
Über die vorgebliche Unantastbarkeit der menschlichen Würde
 
Da ist immer wieder die Rede von "Würde".
Die Würde des Menschen sei unantastbar. - Kann mir freundlicherweise jemand erklären, was das eigentlich genau bedeutet?
 
Wo fängt die Würde des einzelnen Individuums (!) an und wo hört sie möglicherweise bzw. tatsächlich dann doch auf?
Wer entscheidet darüber auf welcher Legitimationsgrundlage: wessen Würde wie weit "verletzt" ist/wird oder eben nicht? - Das einzelne Individuum selbst?
 
Wer also dann? Mit welcher ethischen Berechtigung?
 
Würde ist nach meinem Dafürhalten nicht an den Verstand, an Vernunft-, Erkenntnis-, Urteilsfähigkeit gebunden, sondern an Schmerzfähigkeit, sie kommt demzufolge allen schmerzfähigen Lebewesen zu, das bedeutet: deren Schutz, physisches und psychisch-emotionales, soziales Wohlergehen, Selbstbestimmung, Freiheit.
 
Koppelte man Menschenwürde an Verstand-, Vernunft-, Erkenntnis-, Urteilsfähigkeit, käme sie allen Neugeborenen, Säuglingen, geistig behinderten und dementen Menschen nicht mehr oder noch nicht zu.
Das aber kann keine ethisch legitimierbare, verantwortbare Ausgangsbasis, Begriffs-, Definitionsgrundlage sein.
 
Was also, wenn man sagt, die Würde von Menschen, die in Armut und Elend "leben", vegetieren (müssen) sei eben deshalb verletzt?
 
Was, wenn man sagt, genitalverstümmelte Frauen seien in ihrer Würde - an Leib und Seele - verletzt, versehrt, beschädigt?
 
Was, wenn man sagt, Menschen in Indien, die der untersten Kaste angehören (oder auch die Witwen dort) seien in ihrer Würde ... verletzt, in ihrer gesamten Existenz zumeist lebenslang beschädigt?
 
Was, wenn man sagt, Opfer von Folter, von Isolationshaft bzw. grundsätzlicher von unter (unmenschlichen) Haftbedingungen (siehe bspw., aber nicht nur die Gefängnisindustrie in usa) "leben" Müssende, generell Bestrafte seien in ihrer Würde verletzt oder all jene, die dem Dienstleistungsproletariat, dem Prekariat angehören oder auch verarmte Senioren oder auch global in materieller Armut aufwachsen müssende und davon lebenslang geprägte, geschädigte Kinder oder auch Obdachlose ...
 
Ja, die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.
 
Wie ist es also um die vorgebliche Unantastbarkeit der Würde des Individuums bestellt?
Anders: Aus welchen Gründen d a r f sie - täglich rund um den Globus - verletzt werden, mit welchem Recht (?) wird sie mit Füßen getreten: Tag für Tag, Jahr für Jahr?
 
Was nützt betroffenen, beschädigten Menschen also eine Theorie, ein vermeintliches "Recht", die/das nicht hält, nicht einlöst, was sie/es verspricht?
 
Nein, natürlich: Ich bin schlicht mal wieder viel zu naiv. Daran wird´s liegen.

Wer sorgt, garantiert eigentlich wo, wann und auf welche Weise für wie lange, wie dauerhaft dafür, d a s s die Würde des je einzelnen Individuums unverletzt bleibt? 
 
Da gelangen wir unweigerlich zu auch folgender Frage:
 
Was, wenn jemand für sich selbst befindet, sein Leben sei nicht (mehr) würdevoll, ihm persönlich nicht mehr lebenswert?
 
Beispiele:
Nehmen wir an, jemand, der einen Unfall hatte und nun bspw. an den Rollstuhl "gebunden", auf diesen (lebenslang) angewiesen ist oder jemand, der gar unter dem Locked-in-Syndrom leidet, darin nur mehr vegetiert (kann nichts mehr selbständig, willentlich bewegen ... und das bei vollem, klaren Bewusstsein) oder jemand, der anderweitig traumatisiert wurde.
Nehmen wir an, ein solcher Mensch befindet für sich (nach einiger Zeit und dann wiederholt), sein Dasein sei unter diesen Bedingungen kein würdevolles mehr - was dann?
 
Dann kommen wieder all jene, die sagen, man müsse (!) sich zusammenreißen, man müsse oder solle "das Beste daraus machen" - was ist aus welchen Gründen für jeweils wen unter welchen Umständen gut, gar "das Beste" (sofern es das überhaupt je geben könnte) - man müsse jedenfalls versuchen, durch Leistung, durch Disziplin oder sogenannte, vermeintliche "Willensstärke" - Pardon, aber: mehr Selbstbetrug geht kaum, wer´s genauer wissen will, dem empfehle ich Michael Schmidt-Salomons herausragenden Text über den freien Willen, unten verlinkt - wieder auf die Beine zu kommen.
 
Aber: Wozu? Warum?
 
Wer setzt mit welchem Recht, auf Basis welcher ethischen Legitimationsgrundlage, dass man das muss? - Gibt es, jenseits religiösen Glaubens, eine Pflicht zu leben?
 
Wenn die Leute antworten, man müsse das tun, um (wieder) "glücklich" zu sein oder es zu werden, werden zu können, dann frage ich:
 
Ist d a s also "der Sinn des Lebens" - welchen Lebens: wessen?
 
"Glücklichsein" im Sinne von lebenszufrieden? Warum? Nur, weil es ein angenehmer, behaglicher Zustand ist? Dann würde dahinter ja so etwas wie bloße Bequemlichkeit, insbesondere auch Egomanie, Selbstsucht, Ich-Bezogenheit stehen.
 
Was, wenn es gar keinen generellen, allgemeingültigen, universellen Lebenssinn gibt?
 
Sondern jedes Individuum diesen nur für je sich selbst konstruiert, konstruieren muss, um überhaupt weiter existieren zu können, es zu w o l l e n, d.h. um eine Rechtfertigung, eine Grundlage, einen Halt, ein tragendes Fundament dafür zu kreieren, zu konstruieren, weiterhin zu existieren.
 
Ja, man kommt nicht allem auf psychologischer Ebene bei, manches Mal kann es hilfreich sein, sich die Dinge, Gegebenheiten, Phänomene aus philosophischer Sicht etwas genauer zu betrachten, zu ergründen.
 
Und schließlich gibt es Daseinszustände, die gar nicht - nie mehr - veränderbar sind, siehe als demonstratives Beispiel bereits erwähntes Locked-in-Syndrom oder auch dauerhaftes (Wach-) Koma ... .
 
Aber es gibt bekanntlich noch etliche andere Zustände, Verhältnisse, die wenig bis keinen Handlungs- und/oder Entfaltungsspielraum, kaum bis keine Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit, Selbstwert, Würde lassen bzw. ermöglichen.
 
Oder einfach Lebensumstände, die für das jeweilige Individuum als vollständig inakzeptabel gelten.
Siehe bspw. Menschen in der Nazi-Zeit, wir wissen von u.a. einigen Künstlern, die sich aufgrund-, infolgedessen suizidierten.
 
Kann folglich nicht ausschließlich der je einzelne Mensch, das Individuum, für sich selbst darüber befinden und muss es nicht ausschließlich selbst darüber befinden dürfen können, ob seine persönliche Würde verletzt ist, ob es sein Leben (noch) für lebenswert hält? - Mit welchen daraus ethisch, politisch, gesellschaftlich - global - resultieren müssenden Folgen? Exakt.
 
Was also ist mit der Würde all dieser, all "solcher" Menschen:
Wer sorgt dafür, dass sie unverletzt ist, bleibt oder dass sie, so möglich, wiederhergestellt, wiedereingesetzt und gewahrt wird: ?
 
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Es stimmt natürlich nicht, wie wir heute wissen, dass der Mensch aus der Kette des Determiniertseins enthoben wäre - Kant konnte das noch nicht wissen.
 
Worauf sich Moral, d.h. prosoziales, kooperatives Verhalten, gründet, ist ganz basal das Mitgefühl und über dieses "verfügen" auch andere Säugetiere, Primaten etwa.
 
Der Absolutheitsanspruch der Würde lässt sich daher auf jene eben deshalb ausweiten - weil sie leidende Wesen sind - wie wir.
Weil es im Kern nicht um die Vernunft und auch nicht um die (Handlungs- und/oder Willens-) Freiheit und Selbstbestimmtheit geht, sondern um die Schmerzfähigkeit. Diese ist der Urgrund, die Voraussetzung für jegliches Mitfühlenkönnen.
 
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Ein mitfühlender Mensch kann grundsätzlich - eben aufgrund des ihm angeborenen (!), intakten Mitgefühls (siehe auch Spiegelneuronen, Neurobiologie, Neurowissenschaften) - selbst nicht ertragen, wenn ein anderes schmerzfähiges Lebewesen leidet - sein unmittelbarer Impuls ist, das Leid des anderen Lebewesens bedürfnisorientiert möglichst zu beenden oder es wenigstens abzumildern.
 
Nur Sadisten fügen anderen schmerzfähigen Lebewesen absichtsvoll Schmerz, Leid, Qualen zu und ergötzen sich daran.
 
Leider sind zahlreiche Menschen von frühester Kindheit an in ihrer Fähigkeit mitzufühlen massiv beschädigt - mit lebenslang wirksamen Folgen.
Schwarze Pädagogik fängt nicht erst bei körperlicher Misshandlung an, kennzeichnend ist viel mehr vor allem Druck, Zwang, Kontrolle, Härte, Strenge, emotionale Kälte, Strafe, Dressur - also psychisch-emotionale oder auch physische Gewalt, absichtsvolles, vorsätzliches Schmerzzufügen (Strafe, Dressur), somit Sadismus.
 
Solche Misshandlung hat ein beschädigtes Mitgefühl zur Folge, führt außerdem zumeist zu Angst, Abwehr, erhöhtem Sicherheitsbedürfnis - siehe global verbreiteten Konservatismus, aber auch zu Trotz, Verweigerung, Aggression, Depression, diversen weiteren psychischen Störungen, Erkrankungen, bis hin zur Gewalt. - Opfer werden häufig zu Tätern, jeder Täter war/ist selbst Opfer, kein Mensch wird als (Gewalt-) Täter, "böse" geboren.
 
Ich empfehle zur Lektüre daher immer wieder Arno Gruen und Erich Fromm.
 
Würde kommt allen schmerzfähigen Lebewesen zu - nicht nur jenen, die mit Verstand, Vernunft belegt sind.
 
Würde sollten wir auf ethischer Basis grundsätzlich allen schmerzfähigen Lebewesen zusprechen, mit der Folge, dass man diesen Lebewesen nicht absichtsvoll, vorsätzlich, insbesondere nicht sinnlos Schmerz, Leid zufügt.
 
Würden wir Würde nur Menschen zusprechen, die bei Bewusstsein und die urteilsfähig sind, so fielen dann schon (schwer) geistig behinderte Menschen aus dieser Definition heraus.
Das Kriterium für Würde kann demnach nicht Verstand, Vernunft sein, sondern Schmerzfähigkeit.
 
Ob bspw. ein Floh Schmerz empfindet, kann ich nicht beurteilen, ich bin keine Biologin oder Zoologin.
Andere schmerzfähige (Säuge-) Tiere haben nach meiner Definition Würde.
 
Eine andere Frage, ein umfassendes Thema ist, ob der Mensch Tiere essen darf. Können wir gesondert diskutieren, falls gewünscht.
 
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