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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie

Christine Lavant

"[...] "Da ist ein langer Gang. Und er hat weißgestrichene Türen rechts und links – viele weißgestrichene Türen. Oben, ganz hoch oben, wo vielleicht schon der Rand vom Himmel anfängt und wo man auch mit ganz weit aufgerissenen Augen nicht hinaufsieht, ist etwas Schwarzes. Was dieses Schwarze ist, wirdman vielleicht einmal wissen, wenn man gestorben ist, weil dann weiß man mehr. (…) Vielleicht gehen alle Kinder mit einer kleinen Furcht durch diese Türe?"
 
Ein kleines Mädchen, an Kopf und Körper bandagiert, steht allein im Flur eines Krankenhauses. Es hat Skrofulose, eitrige Wunden am ganzen Körper, und versucht nun mit seinen schlechten Augen, die fremde Welt, in die es geraten ist, zu entziffern. Für das Kind verschieben sich dabei alle Proportionen. Gänge verlieren sich im Endlosen. Türen nehmen bedrohliche Ausmaße an. Dieses versehrte, verkrüppelte, entstellte Kind aus ärmsten Verhältnissen ist außerhalb der engen, aber behüteten ‚Mutterstube‘ der feindlich anmutenden Umgebung nicht gewachsen. Hilflos ist es der Willkür der Erwachsenen und dem Spott der anderen Kinder und ihren bösen Spielen ausgeliefert. In seiner Angst hält das Kind Zwiesprache mit seinem Schutzengel und mit Gott. Es bittet und hadert und versucht in seiner Phantasie alles Furchterregende und Peinigende tagträumerisch in Märchenhaftes und damit Vertrautes zu verwandeln. Ganz ähnlich in der 1956 veröffentlichten Erzählung "Thora und die Rosenkugel", in der Theodora, "ein verkrüppeltes Nichtslein" sich durch die hänselnden Schulkinder so bedrängt fühlt, dass es in eine Glaskugel im nachbarlichen Garten einen "Helferich" hineinphantasiert, mit dem es Zwiesprache hält. Als alles nichts mehr hilft, will sich das Kind dem schwarzen Mann, dem Teufel, der ihm nachts in seinen Angstträumen erscheint, ergeben, da Gott offensichtlich nicht mehr hilft.
 
Geschichten von Kindern in Not
 
"Geht’s her, nudeln wie sie ein wenig da hinein, da wo der Dreck so schön weich ist. (…) Oder gscheiter ein bisschen verhauen. Die hat ja bestimmt ihr Lebtag noch kein Dresch gekriegt. Und wie gesund das ist. Pass nur auf, du Zuckerpuppe, wie gut dir das einmal tun wird." (…) Früher hatte sie in solchen Momenten immer nur unsichtbar werden wollen oder von einem Zauberteppich weit fortgetragen – oder wollen, dass einer käme mit einer Faust voll Wunder und das Herz der bösen Buben gut und mitleidig mache, aber das war nun alles nicht mehr … Erschlag sie, Nachtmann, erschlage sie da vor meinen Augen zu lauter Blut und Knochen und du kannst dann von mir haben, was du bloß willst!"
 
In fast allen Erzählungen Lavants geht es um das Ausgestoßensein und sehr oft um die Not eines Kindes. Wenn es Glück hat, wie in den Erzählungen "Thora und die Rosenkugel" oder "Das Kind", wird es durch die Liebe der Familie oder durch den Sinneswandel eines mitfühlenden Spielkameraden vor dem Ärgsten bewahrt. Wenn es Pech hat, wie in der Erzählung "Das Wechselbälgchen", treiben es Erwachsene in den Tod. Assoziationen an die gerade erst überwundene Nazizeit und die Vernichtung sog. unwerten Lebens, die in dieser Passionsgeschichte geweckt werden, sind sicherlich nicht zufällig. Denn Lavant lässt dieses dunkle Kapitel auch noch an anderen Stellen ihres Werkes anklingen, wenn auch sparsam. "Das Wechselbälgchen" jedenfalls wurde nicht zu Lavants Lebzeiten veröffentlicht. Es erschien erst 1998 und ist deshalb in diesem Band der "Zu Lebzeiten veröffentlichten Erzählungen" nicht enthalten. [...]
 
Es ist absolut erstaunlich, dass diese Autodidaktin, die wegen ihrer Krankheiten fast keine Schulbildung genossen hatte, bereits in ihren frühen Prosaarbeiten über einen äußerst differenzierten Sprachstil verfügt. Bekannt ist, dass die Lavant neben ihrem unverzichtbaren Broterwerb, dem Stricken, unermüdlich las: Volksmärchen, religiöse und mystische Schriften, die erkennbar in ihr Werk einflossen. Aber auch Rilke und Trakl, deren Prosa sie geradezu in den Bann geschlagen haben soll. [...]
 
Christine Lavant hat während der Zeit des Nationalsozialismus nichts veröffentlicht. Und Klaus Ammann vom Musil-Institut glaubt, dass sie von Mitte der 30er Jahre bis 1945 auch nichts geschrieben hat. Zumindest kennt er nach Stand der Dinge keine einzige Zeile literarischen Textes von ihr aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Im Nachwort der als Einzelausgabe vorliegenden Erzählung "Das Wechselbälgchen" hatte Ammann bereits dazu Stellung genommen. Er vermutet, dass Christine Lavant, die 1935 wegen Depressionen in einer Nervenheilanstalt weilte, sich im Kärntner Dorf bedroht fühlte.
 
"Christine Lavant war natürlich gefährdet. Sie hat als Außenseiterin gegolten. Sie war natürlich auch in einer gewissen Weise behindert. Sie war hell und sozial wach genug um zu sehen, dass natürlich auch rundherum Leute, die krank waren oder "unwertes Leben" oder Leute, die nicht fürs Arbeiten brauchbar waren, dass die verschwunden sind. Und die Euthanasiezahlen für das kleine Kärnten, das damals eine halbe Million Einwohner hatte, das war erstaunlich. Also, man hat das zwar noch nicht systematisch erforscht, aber die ersten Zahlen, die man kennt, sind unglaublich. Also, das sind zwischen 1000 und 2000 Leute (…), die aus dem Land verschwunden sind." [...]"
 
Oben befindlichem Link/Text des dlf entnommen.
 

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