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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie

Über die Vierte Gewalt, die MEDIEN-OLIGARCHIE: Medienkonzentration, Medienmonopol, Kartellbildung: das globale Krakentum der Konzerne (Fusionierung) sowie über (second-level-) agenda setting, embedded journalists ... ES IST DER BLANKE WAHNSINN!

Volker Pispers - Wem gehören die Medien?

"[...] Stefan Scheider verwischt Unterschiede, indem er mit „wir“ vor allem sich selbst und das Fernsehpublikum meint. Es ist nicht eine einfache Distanzlosigkeit, es ist eine Zurücknahme der Rolle des Moderators, der nun sich in die Rolle des Zuschauers begibt, als Gleicher unter Gleichen dem Schicksal ausgesetzt. Eigentlich ist es sogar eine Umdeutung der Moderatorenrolle in eine schauspielerische Zuschauerrolle: Der Moderator gibt sich auch ahnungslos und lernt im Laufe der Sendung von Bericht zu Bericht dazu. Zuschauer und Moderator – alle – verschmelzen zu einem Wir. „Wir“ nehmen darum auch „unserem“ Moderator, ist er doch einer von uns, alles ab. Irgendwie sind „wir“ eine Familie.
 
Der Sprachgebrauch erinnert an das Arzt-Patient-Verhältnis bei der morgendlichen Visite „Wie geht es uns denn?“. Eine Frage, die sich nur an den Patienten richtet und die vom Situationsmächtigen gestellt wird. Drückt das Anredepronomen „Sie“ in der Alltagskommunikation „Wie geht es Ihnen?“ noch mit der Distanz auch Respekt aus, so wird mit dem „uns“ in der Arztfrage das liegende Gegenüber nicht nur allein vereinnahmt, sondern auf eine quasi kindliche Ebene gestellt.

So geht es „uns“ bei diesem Moderator auch. „Wir“ sind eine Familie, allerdings in der Rolle unwissender Kinder. Das „wir“ des Moderators in dieser Intensität bedeutet nichts anderes als die Infantilisierung des Zuschaupublikums.
 
Die Moderatorin/der Moderator und die Deutungshoheit
Darum ist es nicht verwunderlich, dass der Moderator „uns“ ab und zu Anweisungen gibt, wie „wir“ Berichte – emotional oder rational – einzuordnen haben. An den folgenden Stellen übernimmt er die Deutungshoheit im Hinblick auf Berichte, die noch zu sehen sind oder über Ereignisse, die zurückliegen.
  • „Unsere nächste Geschichte macht uns starr vor Entsetzen
  • „Jetzt haben wir Flüchtlingsgeschichten gehört, aber die folgende lässt uns staunen
  • „… heute schütteln wir den Kopf …“
  • „… wir müssen uns fragen …“
  • „… und wir reisen weiter und ganz Deutschland hat ein Lächeln auf den Lippen…“
  • „… blendet uns so sehr, dass wir die Fehler nicht mehr sehen…“
  • „… früher standen wir ziemlich ehrfürchtig vor diesen Glaspalästen…“
  • „… glücklich macht uns …“
  • „… ja das tut schon in der Seele weh …“
Der allumfassende Anspruch auf die Vermittlung von Wahrheit aber gipfelt in dem Satz: „… so sah die Welt am Donnerstag aus …“. So erreicht die Infantilisierung ihren Höhepunkt.
 
Der Moderator und die redaktionelle Familie
Wenn Zuschaupublikum und Moderator zum Wir werden, dann herrscht in der journalistischen Familie das „Du“ vor. Egal wer zugeschaltet wird, Scheider spricht Korrespondenten und andere Sprecher mit dem Vornamen an. Auch das signalisiert eine quasi familiäre Zusammengehörigkeit. Nur einer macht zunächst das Spiel nicht mit. Es lohnt sich, diese Stelle in der Sendung vom 8. August näher zu betrachten:
 
Es geht um das Verhältnis zur Türkei. Der Moderator:
„Die europäische Familie tut sich schwer mit dem Alleinherrscher … . Vor allem Österreich will die Tür zum EU – Haus nicht offen halten, für die Türkei … . Unser Nachbar Österreich fährt schwere Geschütze auf… Unser Korrespondent Thomas Baumann hat die Pressekonferenz beobachtet… . Wie reagiert denn Deutschland darauf? Guten Tag im Hauptstadt-Studio, Thomas.“
Korrespondent Thomas Baumann:
„Na ja, Herr Scheider, die Bundesregierung reagiert wohl gelassen… . Bei den Parteien gibt es unterschiedliche Meinungsbildungen…“.
Interessant ist dieser Ausschnitt, weil hier im Sprachgebrauch deutlich die simplifizierende Denkweise zu Tage tritt. Die EU wird zur Familie, die in einem Haus wohnt. Und Deutschland reagiert? Wer aber ist Deutschland, dass es einheitlich reagiert? Offensichtlich wird hier insgeheim das Bild der Familie weiter transportiert. Deutschland – also wir? Thomas Baumann lässt den Moderatoren zweifach ins Leere laufen: Erstens weist er die anbiedernde Ansprache zurück, indem er den Moderator mit „Herr Scheider“ anspricht. Zweitens weist er das alles vereinheitlichende Bild „Deutschland reagiert“ zurück, indem er den wirklichen Akteur benennt: die Bundesregierung. Und schwerwiegender noch. Er stört mit dem Hinweis auf die unterschiedliche Meinungsbildung in den Parteien den Versuch der Harmonisierung.
 
Der Moderator und der Autoritätsbeweis
Eine weitere Auffälligkeit ist der Autoritätsbeweis, mit dem der Moderator die Wahrheit der in den Berichten gezeigten Inhalte untermauern will. Die von ihm als Experten und Fachleute benannten Korrespondenten und Interviewpartner liefern endgültige Beweise, die „uns“ abschließend überzeugen sollen.
 
So heißt es am 8. August: „Ziehen wir unseren Fachmann zu Rate…“
Zweifel an den Experten kommen nie auf. Sie helfen bei der Deutung der Welt mit und so verwundert es ebenfalls nicht, wenn der Moderator beispielhaft schließt: „Danke für die Orientierung“ (12. August).
Genau das scheint der Sinn der Sendung zu sein, „uns“ zu orientieren."
 
Quelle: NachDenkSeiten - "ARD-Mittagsmagazin macht Meinung"
 
... zu "orientieren" ist natürlich sehr euphemistisch formuliert. ;)
 
Nicht, dass wir es noch nicht wussten ;), trotzdem Dank nochmal hierfür:
 
"[...] Ich kann verstehen, wenn Leute „Lügenpresse“ rufen. Ich ärgere mich ja auch über Medien und habe viel zu kritisieren. Aber ich halte den Begriff auf analytischer Ebene für untauglich und irreführend, auf normativer Ebene für diffamierend und ehrenrührig. Auch ganz persönlich. Ich bin ja auch Journalist und nehme für mich in Anspruch, in meiner journalistischen Arbeit noch nie gelogen, also bewusst die Unwahrheit gesagt zu haben. Und ich kenne viele Kolleginnen und Kollegen, für die das Gleiche gilt. Der Begriff „Lügenpresse“ unterstellt dem einzelnen Journalisten ein Fehlverhalten, und weil angeblich sehr viele Journalisten nicht adäquat arbeiten, entsteht daraus ein Massenphänomen, die „Lügenpresse“ eben. Das ist mir zu simpel.
Aber der von Ihnen bevorzugte Begriff „Lückenpresse“ klingt ja ganz ähnlich?
Aber er ist sauber definiert und setzt die Akzente anders. Im Prinzip ist jedes Medium ein Lückenmedium. Jedes Medium ist angesichts des gigantischen Nachrichtenangebots gezwungen, eine kleine, oft winzig kleine Auswahl zu treffen.
 
Die Frage ist, wie und nach welchen Kriterien diese Auswahl vorgenommen wird. Und da ist bei den maßgeblichen Medien, also den sogenannten Leit- und Qualitätsmedien, wie sie sich selbst nennen, bzw. im Mainstream, wie er immer öfter genannt wird, Folgendes zu beobachten: Erstens werden Nachrichten in ganz bestimmter Weise gewichtet. Zweitens werden Nachrichten gezielt unterdrückt. Drittens werden Nachrichten in tendenziöser Weise bewertet, das heißt, es wird mit zweierlei Maß gemessen, es gibt „double standards“.
 
Alle drei Aspekte hängen eng zusammen und verstärken sich wechselseitig. Wenn sie auf bestimmten Themenfeldern lange genug und mit ausreichender Intensität wirken, entstehen dominante Narrative, also große journalistische Erzählungen oder Deutungsmuster, in die dann alle neu einlaufenden Informationen eingeordnet werden können – oder eben auch nicht, so sie denn nicht ins Narrativ passen.
Manchmal wächst sich das zu Kampagnen aus oder auch zu regelrechter Propaganda. Mein entscheidender Punkt ist nun: Die beschriebenen Phänomene kommen nicht zufällig zustande, sondern sie sind strukturell verankert und interessengeleitet. Das ist auch der Grund für die wachsende Homogenisierung des Mainstreams. Die Nachrichtenauswahl und Kommentierung wird immer ähnlicher und ist bei bestimmten wichtigen Themen kaum noch unterscheidbar.
 
Aber es gibt doch im Mainstream immer… wieder „Ausreißer“, also überraschende, vom großen Trend abweichende Berichterstattung!
Ja, das bestreite ich auch nicht. Das gibt es in Deutschland insbesondere im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ich treffe deshalb die Unterscheidung zwischen dem „Mainstream innerhalb des Mainstreams“ und dem „Mainstream außerhalb des Mainstreams“. Letzterer bietet immer wieder journalistische Perlen, aber er hat einen schweren Stand und befindet sich weit eher auf dem Rückzug als auf dem Vormarsch. Tonangebend ist der „Mainstream innerhalb des Mainstreams“, also ein verflachter, plakativer, tendenziöser, oft staats- und wirtschaftsnaher Journalismus. Er ist das dominante Segment, und man kann nur hoffen, dass er das minoritäre Segment nicht vollends erdrückt. [...]
 
Aber wenn wir es historisch betrachten, hat das ganz unterschiedliche Ausprägungen angenommen. Wenn sich die SPD des Kaiserreichs auf die Mainstreammedien ihrer Zeit verlassen hätte, wäre sie verloren gewesen. Also hat sie Gegenöffentlichkeit geschaffen, eine Vielzahl von Zeitungen, Zeitschriften oder Verlagen gegründet. Auch zwischen den 1960er und 1980er Jahren war vieles anders als heute. Die journalistische Bandbreite, die Diskursbreite war deutlich größer. Das hat sich inzwischen dramatisch verengt.
 
Wie kam es zu dieser „Zuspitzung“ des Problems?
Dafür gibt es ja in der aktuellen medienkritischen Debatte viele unterschiedliche Erklärungsversuche. Also zum Beispiel Stellenabbau, Beschleunigung der Arbeitsabläufe, Abgehobenheit von Journalisten, Konformismus, Korrumpierbarkeit, vieles andere. All das spielt zweifellos eine Rolle, aber es kann das Problem in seiner Gesamtheit nicht erklären.
Aus meiner Sicht gibt es zwei wesentliche Faktoren: Zum einen die „Großwetterlage“. In den eben angesprochenen 60er und 70er Jahren waren die Rahmenbedingungen anders. Die Verhältnisse waren relativ stabil, und das auf hohem Niveau. Man konnte sich Liberalität und Offenheit leisten, auch und gerade in den Medien. Doch die Lage hat sich inzwischen grundlegend verändert. Gegenwärtig haben wir es mit einer Vielzahl von Krisen, Konflikten, Kriegen zu tun. Die gesellschaftlichen Fliehkräfte verstärken sich, die Polarisierung nimmt zu. In einer solchen Situation nimmt der Mainstream seine soziale Integrationsfunktion immer weniger wahr. Er positioniert sich aufseiten der etablierten Ordnung. Er läuft an der kurzen Leine, wird mehr denn je zum Lückenmedium. Aus Mainstream- werden Establishment-Medien.
 
Eine empirische Studie der London School of Economics hat das jetzt am Beispiel der total einseitigen Berichterstattung über den neuen linken Labour-Chef Jeremy Corbyn, der praktisch den ganzen Mainstream gegen sich hat und eine Kampagne nach der anderen über sich ergehen lassen muss, eindrucksvoll belegt. Die britischen Medien mutieren vom „Wachhund“ zum „Kampfhund“, heißt es in der Untersuchung pointiert.
 
Und warum tun sie das?
Um diese Frage machen viele Journalisten gern einen großen Bogen, denn dann müssten sie über Besitzverhältnisse und Medienkontrolle reden. Um es mal ein bisschen klassenkämpferisch zu formulieren: Diese Medien gehören natürlich nicht „uns“, sondern „denen“. Und wenn es, wie gegenwärtig, politisch, sozial und ökonomisch ans Eingemachte geht, machen sich die Besitz- und Kontrollstrukturen eben viel deutlicher bemerkbar als in ruhigen, stabilen Zeiten. [...]
 
Sie schreiben auch, „der ganze Rest“ sei „Werbung“… Wie meinen Sie das? Neben der parteinehmenden Einseitigkeit gibt es einzig noch marktkonforme Indoktrination?
Es gibt im englischen Sprachraum ein Bonmot – übersetzt: „Nachrichten sind Dinge, von denen jemand nicht möchte, dass sie gedruckt werden. Alles andere ist Werbung.“ Man kann sich die Nachrichten ja mal unter diesem Gesichtspunkt anschauen. Warum wird selbstverständlich darüber berichtet, wenn die Bundesregierung neue Kita-Plätze schafft? Und warum fällt so manche brisante Wikileaks-Enthüllung durchs Raster?
Es gibt Personen, Institutionen und Organisationen, die ein Interesse daran haben, dass wir bestimmte Sachen erfahren – und andere nicht. Oft ist das, was wir erfahren, einfach Werbung, PR, Propaganda. Echte Nachrichten haben es hingegen schwer.
 
Nun eskaliert die Lage zwischen Medienschaffenden und kritischen Nutzern aktuell zunehmend. Gerade die Alphajournalisten wollen von Kritik nichts hören und diskreditieren diese oft als tumb oder sogar Verschwörungstheorie. Handelt es sich hier um Borniertheit – oder wo ist das Problem?
Die Alphajournalisten sind nicht mein Problem und auch nicht meine Zielgruppe. Ich glaube nicht, dass man die mit guten Argumenten erreichen kann. Meine Befürchtung ist, dass der Mainstream innerhalb des Mainstreams weitgehend kritik- und beratungsresistent ist, also so weitermachen wird wie bisher, eher noch die Gangart verschärfen wird.
Eigentlich müsste er sich auf breiter Front öffnen, aber das wird er nicht tun, weil er es – aus den eben geschilderten Gründen – nicht tun darf. Das kann natürlich nicht gutgehen. Und das heißt: Der Mainstream wird weiter erodieren; er wird sich zwar noch Mainstream nennen oder so genannt werden, aber es nicht mehr sein. Ähnlich wie die Volksparteien, die sich noch so nennen, aber es nicht mehr sind.
 
Was können die Mediennutzer denn tun, um die Medien wieder, ja, seriöser zu machen?
Es gibt ja neben dem dominanten Mainstream auch noch den von mir so genannten „Mainstream außerhalb des Mainstreams“, der hierzulande insbesondere im öffentlich-rechtlichen Rundfunk beachtliche Refugien hat. Die gilt es unbedingt zu verteidigen! Daneben gibt es die wachsende Zahl internetbasierter Alternativmedien – bestes Beispiel vielleicht die NachDenkSeiten selbst. In Deutschland ist das diesbezügliche Engagement noch relativ unterentwickelt, aber im englischsprachigen Raum, insbesondere in den USA, ist die Zahl solcher Alternativmedien kaum noch überschaubar und bereits eine echte Macht. Dieser Trend wird sich mit ziemlicher Sicherheit fortsetzen.
 
Diese Medien liefern jede Menge Informationen und Meinungen, die man in der „New York Times“ oder der „Washington Post“ vergeblich sucht. Betrachtet man also nicht nur den Mainstream, sondern das in stürmischer Entwicklung befindliche Mediensystem in seiner Gesamtheit, kann man sich eigentlich nicht beklagen. Historisch gesehen, gab es wahrscheinlich noch nie so umfassende Informations- und Recherchemöglichkeiten wie heute. Sie setzen allerdings den „aktiven Nutzer“ voraus, also Menschen mit ausreichender Kompetenz und Zeit, um sich das alles zu erschließen."
 
Quelle: NachDenkSeiten - "Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kannten"
 
"[...] Was den Focus betrifft, so krachten in seiner ersten Nummer vom 18. Januar 1993 alle vier Kugeln auf den Boden. Die Titelgeschichte über „Genschers Comeback“, die vom zukünftigen Bundespräsidenten Genscher handelte, erwies sich als faktenfrei. Das Magazin verdaute den Flop nie, und seit 1998 sank die Auflage um fast 40 Prozent. Weitere Unfälle folgten – etwa die Veröffentlichung eines Exklusivinterviews mit dem greisen Ernst Jünger, das zwei Jahre zuvor ganz „exklusiv“ in der Bunten erschienen war.
 
Dass der Focus für rechtsliberale Politikerinnen wie Julia Klöckner (CDU) und die Heidelberger Fast-Doktorin Silvana Koch-Mehrin (FDP) Blogs einrichtete, förderte den Ruf des Blattes als Hort für Fakten nicht gerade, brachte ihm aber die politische Etikettierung als „liberal-konservativ“ ein, wie Thomas Leif vom „Netzwerk Recherche“ konstatierte. Zu diesem Image trug außerdem die Schützenhilfe bei, die das Magazin beflissen dem Rechtsaußen-Blatt Junge Freiheit leistete, als dieses unter Beschuss kam.
Focus verspricht bis heute „News for use“ und gibt sich – wie die Boulevardpresse – gern alltagsnah, leser- und konsumentenorientiert. „Faktisch“ besteht dieser Nutzwert in allerlei Ranglisten über Produkte jeder Art, Ärzte, Universitäten oder auch Städte. Peter Turi, Herausgeber eines Mediendienstes im Internet, nannte das Magazin deshalb einmal „eine Bunte für den Mann“.
 
Der Focus erwirtschaftet rund drei Viertel seines Umsatzes mit Anzeigen. Ein medienwissenschaftliches Team unter Leitung von Professor Lutz M. Hagen zur „Synchronisation von Nachricht und Werbung“ kam 2014 zu folgendem, wenig schmeichelhaften Ergebnis für die beiden Nachrichtenmagazine Spiegel und Focus: In denen werde „über ein Unternehmen umso häufiger und umso freundlicher berichtet, je mehr Anzeigen es in der betreffenden Zeitschrift schaltet“. Auch Helmut Markwort selbst handhabt journalistische Standards eher locker. Obwohl er bekennender FC-Bayern-Fan ist und obendrein Aufsichtsratsmitglied des Vereins war, schrieb er Artikel voller Lobeshymnen für die „Bayern“ und deren dubiose Führung, ohne seine Verstrickung beziehungsweise Befangenheit offenzulegen. [...]
 
Zum Super-Gau für das faktenorientierte Magazin entwickelte sich der Journalisten-Skandal des Bundesnachrichtendienstes (BND). 2005 wurde bekannt, dass der Journalisten geheimdienstlich überwachen und ausspionieren ließ, die im Verdacht standen, von BND-Mitarbeitern mit Informationen versorgt zu werden. Durch den Bericht des Sonderermittlers, des Ex-Bundesrichters Gerhard Schäfer, wurde 2006 öffentlich, dass Erwin Decker und Josef Hufelschulte, beide Focus-Leute, nicht nur Fakten sammelten und analysierten, sondern Informationen und Quellen über Kollegen auch gegen Geld- und Sachleistungen an den Geheimdienst verkauften. [...]
 
Die Focus-Bilanz aus publizistischer Sicht: Markworts Devise „Länger recherchieren, kürzer schreiben“ zeitigte sehr zwiespältige Ergebnisse. Die Artikel wurden kürzer, aber dafür angereichert mit allerlei Beigaben (Tabellen, Kurven, Ranglisten, Glossaren, Bildchen und anderen grafischen Accessoires). Dem wirtschaftlich erfolgreichen Focus folgend, sahen viele Zeitungen und Magazine ihre Zukunft in einem optisch gelifteten „Kästchenjournalismus“, der davon ausgeht, man könne dem Leser Texte ohne „Info-Grafiken“ und anderen Schnickschnack nicht mehr zumuten. Zeitungs- und Magazinseiten mit einem Text-/Bild-Verhältnis von 50:50 sind inzwischen keine Seltenheit mehr. Oft nimmt der optische Anteil noch mehr Platz ein.
 
Deshalb sehen Zeitungs- und Magazinseiten heute oft so aus, als rechnete man gar nicht mehr mit Lesern, sondern mit Zeitungssehern in Analogie zu den Zuschauern von Nachrichtensendungen des öffentlich-rechtlichen wie privaten Fernsehens, die mit 30-Sekunden-Spots abgefertigt werden. Ob dieser iconic turn in der Zeitungs- und Magazingestaltung, den Uwe Vorkötter, ehemaliger Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, „Verschnipselung“ nannte, den Printmedien aus ihrer Krise hilft, ist fraglich.
Was die Faktenbasis journalistischer Arbeit betrifft, so wird sie mit Sicherheit nicht gestärkt, denn die Manipulierbarkeit von Bildern und Grafiken hat sich durch die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung noch potenziert. [...]"
 
Quelle: der Freitag (freitag.de) - "Kakteen, Kakteen, Kakteen!"
 

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