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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Über das vorgeblich säkulare Deutschland, über die Verteidiger des "christlichen Abendlandes", über Demokratieverständnis, die Diktatur der Mehrheit ...

Diese Politiker sind verantwortlich dafür, dass Sie möglicherweise qualvoll sterben müssen!

giordano-bruno-stiftung.de

"[...] Es ist schon beachtlich, in welchem Umfang die hochdekorierten Hochschullehrer, die die Erklärung unterzeichnet haben, das Verfassungsgebot der weltanschaulichen Neutralität des Staates ignorieren – oder wie sehr sie darauf pfeifen. Offenkundig lähmt sie die Furcht vor einem "gottlosen Humanismus" so sehr, dass sie verkennen, dass niemand je einen "gottlosen Humanismus" als Staatsideologie gefordert hat. In der Verfassung verankert ist allerdings – und nur das fordern säkular denkende Menschen aller Konfessionen – das Gebot eines "weltanschaulich neutralen Humanismus", den jede Bürgerin und jeder Bürger nach eigenem Gutdünken religiös oder nichtreligiös deuten kann.
 
Nur wenn dieses Gebot der weltanschaulichen Neutralität erfüllt ist, kann der Staat eine "Heimstatt aller Bürger" sein, wie es das Bundesverfassungsgericht 1965 formulierte. Nur unter dieser Voraussetzung können die Normen des Staates auch für alle Bürgerinnen und Bürger gelten und von ihnen akzeptiert werden. Beruhten staatliche Normen hingegen auf besonderen weltanschaulichen oder religiösen Traditionen, etwa auf der "Botschaft Jesu Christi", wären all diejenigen ausgeschlossen, die diese Traditionen nicht wertschätzen. Und so ist es für konfessionsfreie Menschen in der Regel überhaupt nicht einsichtig, warum ausgerechnet das Christentum das "Fundament freiheitlicher Toleranz" stellen sollte. Immerhin spielte "freiheitliche Toleranz" in der "Kriminalgeschichte des Christentums" (Deschner) nicht gerade eine herausragende Rolle. Und auch dem biblischen Jesus, der jedem Andersdenkenden ewige Höllenqualen androhte, kann man bei nüchterner Betrachtung kaum attestieren, dass er die Prinzipien der Toleranz "auf vollkommene Weise vorgelebt hat".

Hemmungslose Geschichtsverfälschung
Beängstigender noch als die Missachtung der weltanschaulichen Neutralität ist die hemmungslose Neigung zur Geschichtsverfälschung, die in der Erklärung der Theologen zum Ausdruck kommt. Dort heißt es: "Zudem sind wir dankbar für die durch den Kreuzerlass zum Ausdruck kommende Transparenz der bayerischen Staatsregierung, dass sie sich auch künftig wie schon bisher der christlichen Tradition Bayerns verpflichtet weiß, wie es auch dem Geist der nach Kriegsende 1946 verabschiedeten Präambel der Bayerischen Verfassung entspricht, wonach es in Bayern nie mehr eine 'Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott' und damit ohne Achtung des Gewissens und der Menschenwürde geben darf."
 
Machen wir einmal einen kurzen Faktencheck: In der Zeit des Nazi-Regimes, die hier als "Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott" etikettiert wird, war das öffentliche Bekenntnis zum Atheismus hochgradig verpönt, da es als Ausdruck einer "jüdisch-bolschewistischen Gesinnung" betrachtet wurde. Mehr als 95 Prozent der Deutschen waren damals Mitglieder der katholischen oder evangelischen Kirche, alle anderen wurden in der Kategorie der "Gottgläubigen" geführt (offiziell gab es in der Nazidiktatur also gar keine "Atheisten" mehr). Die Wehrmachtssoldaten trugen den Spruch "Gott mit uns" auf dem Koppelschloss und der "Führer" berief sich unentwegt auf die "göttliche Vorsehung". Während die atheistischen Freidenkerverbände verboten wurden, schenkten die Nazis den Kirchen neue Privilegien, von denen sie teilweise noch heute profitieren (wie etwa von der 1934 erfolgten Eintragung der Konfessionszugehörigkeit auf der Lohnsteuerkarte, die den Einzug der Kirchensteuer durch den Arbeitgeber ermöglicht).
 
Das Nazi-Regime war also alles andere als eine "Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott". Mehr noch: Gerade die Berufung auf Gott wurde von den Nationalsozialisten (auch von nationalsozialistischen Theologen) genutzt, um jegliche "Achtung des Gewissens und der Menschenwürde" in Misskredit zu bringen (siehe hierzu mein Buch "Jenseits von Gut und Böse – Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind"). Auch in der Gegenwart ist dieser Zusammenhang zu beobachten: Vor allem Gottesstaaten wie Saudi-Arabien und Iran missachten die Würde des Einzelnen, während weltanschaulich neutrale Staaten sie schützen. Der Grund hierfür liegt auf der Hand: Die universellen Menschenrechte beruhen nämlich auf der Idee des Gesellschaftsvertrags, die besagt, dass die fundamentalen Werte des Zusammenlebens nicht von einer höheren Instanz ("Gott") vorgegeben sind, sondern unter den Menschen unter fairer Berücksichtigung ihrer Interessen ausgehandelt werden.
 
Halten wir fest: Man sollte sich die Namen der Hochschullehrer, die diese Erklärung unterzeichnet haben, gut merken – und vielleicht auch ihre Forschung und Lehre etwas gründlicher unter die Lupe nehmen. Denn in den letzten Jahren wurde von deutschen Hochschullehrern selten ein Text publiziert, der so deutlich gegen demokratische Grundwerte wie auch gegen das wissenschaftliche Prinzip der intellektuellen Redlichkeit verstößt."
 
Quelle: hpd.de - "Die Furcht vor dem `gottlosen Humanismus´", farbliche Hervorhebungen (dunkelblau markiert) habe ich vorgenommen.
 
 
Es ist doch ganz einfach: Man kann nicht Doppelmoral walten lassen und mit zweierlei Maß messen - entweder es ist ein säkularer Staat und dann `raus mit aller Religion und Kirche aus öffentlichen Einrichtungen, aus Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern, Altenheimen ... oder: es ist kein säkularer Staat.
 
Information über Religionen in Schulen zum Zwecke der Wissensvermittlung: nur noch auf der Meta-Ebene und dann über sämtliche "Weltreligionen", auch den Hindusimus und Buddhismus also.
 
Oder wir lügen uns in die eigene Tasche und klammern uns an das "christliche Abendland", das was genau also eigentlich ist, ausmacht, sich worin genau ausdrückt, manifestiert?
 
Wieviele Menschen in Deutschland sind denn noch "Christen"? Und welche "Art Christ" sind sie - welcher Kirche, welcher Glaubensgemeinschaft oder welcher religiösen "Splittergruppe" ;) gehören sie an - was ist mit den Freikirchen, was ist mit den Zeugen Jehovas ... ?
 
Und worin, wodurch drückt sich in ihrer Lebenspraxis, in ihrem Alltag ihr "Christsein" also aus?
 
Wo ist das "Christsein" durch wen auf welcher Basis definiert - unveränder- oder modifizierbar?
 
Was ist mit jenen, die sich keiner Religion zugehörig fühlen (jedenfalls keiner christlichen bzw. monotheistisch-alttestamentarisch-abrahamitischen oder auch tatsächlich gar keiner): Sind sie alle (die Konfessionslosen, die "Atheisten", die Freidenker ...) also Feinde des "christlichen Abendlandes", d.h. wer macht sie zu (seinen) Feinden - aus welchen Gründen, mit welchen Zielen und welchen Folgen ... ?
 
Wer und was alles ist denn "Mitglied" in diesem Verein, wer ist tragender Bestandteil dieses "christlichen Abendlandes" - welche Rechte und Pflichten umfasst, impliziert das und vor allem: auf welcher rechtlichen und/oder moralischen (religiösen?) Grundlage (wenn doch einige gar keiner Religion angehören wollen)? - Meine Güte: Merkt ihr denn nicht, ihr Abendlandsverteidiger, wie unfassbar billig und arm ihr euch selbst belügt, betrügt.
 
Sie versuchen halt immer wieder hartnäckig zu verteidigen, was sich ethisch nicht rechtfertigen lässt - auch wenn man´s noch so oft umkrempelt ... .

Was man sich vor dem Hintergrund des hier Offengelegten aus psychoanalytischer Sicht fragen sollte:
 
Warum betrügen religiös gläubige Menschen sich augenfällig (!) - siehe hier auch Lütz - so intensiv selbst - mit welchen katastrophalen Folgen für all jene, die mit ihnen zu tun haben?
 
Wie wirkt sich Lütz´ fanatischer Glaube und sein ebensolches Verteidigen ausgerechnet der katholischen Kirche auf seine berufliche Tätigkeit als ausgerechnet Psychiater und Psychotherapeut (!) aus? Deutlicher: Wie intensiv beschädigt er Menschen womöglich genau hierdurch, w e i l er gerade nicht "objektiv, neutral", wissenschaftlich ist, sein, arbeiten kann, weil sein Glaube, seine politische Einstellung, sein Menschen- und Weltbild (wie bei jedem Menschen) zwangsläufig, unvermeidlich immer (unbewusst) in sein Urteilen, Verhalten einfließt?
 
"[...] So findet man denn mit Verwunderung bei Lütz immer wieder Sätze, die die Wirklichkeit glatt auf den Kopf stellen, und die fortwährend zeigen sollen, wie fortschrittlich die katholische Kirche immer schon gewesen ist. Die Beispiele sind Legion, und im Rahmen einer Rezension kann nicht auf alles eingegangen werden.
 
Lütz schreibt allen Ernstes: "Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde kamen erst durch den Monotheismus auf die Tagesordnung der Weltgeschichte." (S.29) Immer wieder ist man erstaunt über die Dreistigkeit, mit der Christen heute versuchen, moderne Werte, die sie jahrhundertelang bekämpft haben, nun plötzlich als "christliche Werte" zu reklamieren. Den Monotheismus gibt es ca. seit 500 v.C. Über 1000 Jahre war das Christentum tonangebend im Abendland, doch beachtenswerte Versuche, Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde zu verwirklichen, wird man schwerlich entdecken können. Fast alle Werte, die uns heute so wichtig sind, konnten erst verwirklicht werden, nachdem die Macht des hiesigen Monotheismus, der christlichen Kirchen gebrochen war. Die christliche Religion war ein Bremsklotz auf dem Weg zu einer modernen Gesellschaft. Der Islam ist es noch heute. Religionen insgesamt scheinen ein Menschheitsproblem zu sein.
 
Doch Lütz macht weiter: "Toleranz ist eine christliche Erfindung". (S.35) Juden und Muslime werden diesen Satz von Lütz sicher gerne bestätigen können. Er erinnert ein wenig an das Koranzitat, dass kein Zwang in der Religion sein soll (S. 41, "Zum Glauben ist niemand zu zwingen"). Der Monotheismus ist jedoch kaum denkbar ohne Zwang. Trotzdem meint Angenendt, dass die christliche Lehre vom dreieinigen Gott sogar als ein Hinweis auf eine Aufgeschlossenheit für die Demokratie zu werten sei. Doch darauf geht noch nicht einmal Lütz ein, vielleicht weil auch ihm dieser Gedanke zu abwegig erscheint. Und weil, wenn man weiterdenkt, dann der Polytheismus ja noch demokratiefreundlicher wäre. Und tatsächlich entstand ja die erste Demokratie im polytheistischen Umfeld, während demokratische Bestrebungen in der von Lütz so gelobten katholischen Kirche noch bis weit ins 20. Jahrhundert geradezu als widergöttlich galten.
 
Lütz meint: "Christentum steht für Gewaltlosigkeit". (S.63) Das Christentum sei eine "Friedensreligion". Das sollten sich vor allem diejenigen hinter die Ohren schreiben, die Opfer der Gewaltlosigkeit und ihres Friedens geworden sind. Man wundert sich, wie platt manche Sätze von Lütz daherkommen. Die Kreuzzüge waren für Lütz keine heiligen Kriege. Lütz sieht sie als Verteidigungskriege. Papst Urban II, der zum ersten Kreuzzug aufgerufen hat, habe ein "hochherziges Unternehmen" im Sinn gehabt. "Nie konnte sich ein Kriegshetzer ernsthaft auf das Neue Testament berufen." (S. 282) Dazu eignete sich in der Tat besser das Alte Testament, das dafür auch weidlich genutzt wurde. Dazu jedoch von Lütz kein Wort.
 
Wie kommt Lütz zu einer solchen Sicht? Es sind vor allem zwei Konstrukte, denen er zum Opfer fällt. Das erste bezieht sich auf das Gleichnis vom Unkraut im Weizen (Mt 13). Es steht im Sondergut des Matthäus und ist vermutlich kein echtes Jesuswort, weil es eine nachösterliche Gemeindesituation voraussetzt. Seine Aussage: Man soll das Unkraut (Juden, andere Religionen, oder auch abweichende christliche Lehren) im Weizen (=christliche Religion) wachsen lassen. Schon der Vergleich anderer Religionen mit Unkraut klingt eher wenig toleranzverdächtig. Zudem findet sich im Gleichnis der Satz: "Lasst beides wachsen bis zur Ernte, und zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen." (Mt 13,30) Lütz hält dieses Gleichnis in einer seiner üblichen Übertreibungen geradezu für "die Magna Charta der Toleranz" (S. 39). Es stört ihn nicht, dass es ja gerade die Vernichtung aller Andersdenkender vorsieht. Denn das Vernichten des Unkrauts - das tut ja dann sein Gott.
Und Lütz begeht den Fehler zu meinen, aus dieser einen Stelle "die" grundsätzliche Haltung des Christentums gegenüber Andersgläubigen ablesen zu können. Doch das ist schlichtes Wunschdenken. Dieses Gleichnis hat längst nicht so einen großen Einfluss ausgeübt, wie dies Lütz gerne hätte. Viel eher haben sich die Kirchen ein anderes Gleichnis zu Herzen genommen, nämlich das vom königlichen Hochzeitsmahl, wo es Gäste gibt, die nicht mitfeiern wollen, und wo es heißt: "Da wurde der König zornig; er schickte sein Heer, ließ die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen." (Mt 22,7). Oder am Jesuswort: "Wer da glaubt und getauft wird, der soll selig werden, wer aber nicht getauft wird, der soll verdammt werden." (Mk 16,16, mein Jesus-Lieblingszitat, leider aber auch nicht echt). Lütz macht also den Fehler, dass er von einem nur einzigen Text ausgeht, diesen falsch interpretiert, dann kirchengeschichtlich stark überbewertet, bei Nichtbeachtung anderer, ganz gegensätzlicher Stellen. Es ist ein ideologischer Ansatz: Lütz fragt nicht, wie sich das Christentum geschichtlich geäußert hat, sondern sucht sich einen Text, wie das Christentum angeblich sein soll. Und kurzschließt dann, dass es auch so gewesen ist. Das eben ist eine ideologische Sicht. [...]
 
Eine weitere und ähnliche Falschinterpretation liegt bei der sog. Gottesebenbildlichkeit vor. "Und dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich." (Gen 1,26) Lütz leitet daraus nicht weniger als den Beginn der "Geschichte der Menschenrechte" ab. "Diese Gottebenbildlichkeit verlangte nämlich für jeden Menschen göttlichen Respekt, und infolgedessen eine entsprechende Ethik und Politik." (S. 178) Ist Lütz aufgefallen, dass hier noch von Göttern im Plural ("Lasst uns …") die Rede ist? Der Satz stammt also offenbar noch aus der polytheistischen Zeit Israels vor dem Exil. Er hat mit dem monotheistischen (katholischen) Gott, um den sich Lütz stets bemüht, also offenbar noch gar nichts zu tun. Die Alttestamentler haben lange gerätselt, was denn die "Gottebenbildlichkeit" eigentlich meinen soll. Die wohl plausibelste Lösung ist, dass hier einfach von der äußeren Gestalt die Rede ist. Denn man hat sich die Götter einfach menschengestaltig vorgestellt. Und wieder will Lütz an dieser einen Stelle das Eintreten der Christen für Freiheit und Gleichheit, oder wie hier die Menschenrechte festmachen. Doch so hat man in Antike und Mittelalter einfach noch nicht gedacht. Lütz denkt an dieser Stelle (es soll nicht wieder vorkommen) viel zu modern. Denn für die Christen in Antike und Mittelalter war es klar, dass die Menschen eben nicht gleich, sondern als Sklaven und Freie, Herren und Diener, und als Mann und Frau gemacht sind. Die Geschichte des Christentums spiegelt diese Ungleichheit eindeutig und tausendfach wieder. Und die gottgewollte(!) Ungleichheit findet breiten Rückhalt in der Bibel (z.B. Röm 13). Und wieder erspart sich Lütz den Blick auf die Wirklichkeit, und hält sich lieber an die Dogmatik und einzelne isolierte Bibelverse. Es ist klar: Wissenschaftlich ist das alles nicht, es ist höchst tendenziös.
 
Dabei arbeitet Lütz mit einer Technik, die ihm selbst fragwürdig vorkommen müsste. Angenendt hat nach Kräften Zitate gesammelt, die für einen schon immer humanen Katholizismus sprechen sollten. Das kann man natürlich tun, so wie Karlheinz Deschner Zitate gesammelt hat, die die Kriminalgeschichte des Christentums zeigen. Nur: Deschner wusste ganz genau, dass er parteilich ist und wollte dies auch bewusst sein. Lütz jedoch scheint eben der Meinung zu sein, dass er dem unwissenden Publikum mit seinem Buch "den Stand der Forschung zur Kenntnis" bringen will. Und merkt selbst nicht, wie verhalten dies sicherlich bei vielen Forschern ankommt, die natürlich erkennen, aus welcher Richtung hier geschossen wird. Lütz will Wissenschaft liefern und scheint fest davon überzeugt, das auch zu tun. [...]
 
Die Unfehlbarkeit des Papstes, die auch namhafte Katholiken ablehnten und ablehnen, verkauft er jedoch "eher als Unfehlbarkeitsverbot, es begrenzt Rechthaberei, verhindert Selbstüberschätzung und Sektenbildung. Im Grunde könnte man es liberal nennen." (S. 201) Na wunderbar, jetzt hat er das Liberale sogar noch im Dogma der Unfehlbarkeit untergebracht. Herr Lütz wird doch kein verkappter Jesuit sein?
 
Schwer zu ertragen ist es auch, wenn er die Schuld an Verbrechen nach Möglichkeit von der Kirche wegschieben will. So wird für Todesurteile, wo immer das möglich ist, der weltliche Arm verantwortlich gemacht. Und tatsächlich wollte sich die Kirche die Hände nicht selbst schmutzig machen. Lütz flüchtet sich in formaljuristische Spitzfindigkeiten, denn natürlich hat hinter jedem Todesurteil aus religiösen Gründen eben die Religion, eben das Christentum gestanden. Als hätte der weltliche Arm irgendwie unabhängig von der Kirche agiert. Lütz schiebt die Schuld von der Kirche weg. Es waren die Städte, die mehr Menschen umgebracht haben als die Inquisition. Es war Karl V., der 1521 eine erste Protestantenverfolgung in Gang setzte, es war König Sigismund, der Jan Hus verbrennen ließ. Hexenverfolgungen waren kirchlicherseits nicht gewollt, sie seien Ausdruck noch des germanischen Aberglaubens gewesen. Obwohl doch schon im Alten Testament zu lesen ist: "Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen". (Ex 22,17) Lütz verschweigt diesen Vers. Nur ein "windiger deutscher Dominikaner" (S. 153) habe den Hexenhammer geschrieben und Papst Innozenz VIII. seine Hexenbulle verfassen lassen. Nein, Herr Lütz, so darf man das nicht machen. Die toten Frauen und Männer, die der Hexenwahn gekostet hat, die wird man ehrlicherweise schon dem Christentum und den christlichen Kirchen zurechnen müssen. Ob es sich nun um katholischen oder lutherischen Aberglauben handelt, ob mit Päpstlicher Billigung oder nicht, interessiert die Opfer nicht. [...]
 
Wo es aber wirklich unappetitlich wird, sind die verniedlichenden Worte, die Lütz für die Folter findet, sofern sie z.B. von der römischen Inquisition, im Unterschied zur spanischen, geübt wird. 1252 wurde die Folter von Papst Innozenz IV. bei Ketzerprozessen ausdrücklich zugelassen, aber wie Lütz sich bemüht nachzuschieben, "mit gewissen Einschränkungen: Folter nur einmal und mit Einhalt vor Verstümmelung und Todesfolge und keine Durchführung durch Kleriker." (S.105) Anders war es in Spanien, wo die Päpste aber immer wieder Anstalten machten, "mildernd einzugreifen, aber sie waren in Spanien machtlos." (S.128) Allerdings, so zitiert Lütz einen Forscher, war der Grad der Tortur "unterhalb des sonst üblichen." (S. 129) Das beruhigt dann doch. Bei der römischen Inquisition klingt die Folter bei Lütz gar wie ein Wellnesspaket: "Tortur nie als erste, sondern als letzte Maßnahme und nicht länger als eine halbe Stunde, was auf eine milde Anwendung hindeuten dürfte." (S. 132) Man fragt sich bei solchen Sätzen schon, ob Lütz, der ja auch ein angesehener Therapeut ist, eigentlich merkt, was er da schreibt. Gut, dass die Opfer religiöser Gewalt, die durch Folter und Kirche zu Tode gekommen sind, Lütz nicht mehr lesen müssen.
 
Das ist halt ein entscheidender Unterschied zwischen Lütz und Deschner. Deschner stellt sich auf die Seite der Opfer, ergreift für sie Partei, bringt ihr Leiden zur Sprache, ja leidet fast mit. Doch Lütz steht auf der Seite der Täter, versucht die Schuld vor allem seiner Kirche kleinzureden oder auf andere abzuschieben, und zeigt zuweilen eine erstaunlich geringe Empathiefähigkeit. Ein früherer Rezensent hat das Vorgehen von Lütz deutlich beschrieben: "Wo er beschönigen kann, beschönigt er, wo er weglassen kann, lässt er weg, wo er falsch zusammenfassen kann, fasst er falsch zusammen, wo er die Schuld dem Staat, dem Kaiser oder König in die Schuhe schieben kann, schiebt er ab – ihm ist keine noch so dünne Argumentation zu schade, keine noch so leicht zu durchschauende rhetorische Taktik zu billig." [...]
 
So verurteilt er natürlich den Kindesmissbrauch (aber eher selten unter Priestern zu finden). Er sei ein "perfides Verbrechen". Dem kann man zustimmen. Doch warum ist das nach Lütz so? Es ist nicht das Verbrechen an sich, sondern weil die Opfer "mitunter lebenslang auch ihr Vertrauen in Gott verlieren." (S. 273) Das ist für den Katholiken Lütz das eigentlich Tragische. Papst Benedikt sei, so Lütz, schon als Kardinal "entschieden gegen Missbrauch vorgegangen". Doch Zweifel sind angebracht, denn war es nicht der spätere deutsche Papst, der Verfahren gegen pädophile Priester jahrelang verschleppt hat? Lütz hat davon offenbar noch nichts gehört. Dafür macht Lütz aber eine neue Opfergruppe aus, nämlich "die unschuldig Beschuldigten." (S. 275) Aber all das hat natürlich nicht mit dem Zölibat zu tun. Das Zölibat sei kein Zwangszölibat. Lütz bringt auch noch den höchst kuriosen Gedanken: "Die durchweg negative Beschreibung der zölibatären Lebensform in der Öffentlichkeit … diskriminiert oft ungewollt die inzwischen massenhaft unfreiwillig 'zölibatär' lebenden Singles." (S.259f) Klar stellt er in einem Rundumschlag fest: "Sexualität außerhalb der Ehe widerspricht aus katholischer ganzheitlich-ökologischer (?) Sicht der Schöpfungsordnung, das betrifft alle heterosexuellen Unverheirateten, alle Standesamtlich Wiederverheirateten und gleichermaßen auch alle Homosexuellen." (S. 266) Für die Erbsünde meint er Kant(!) als Gewährsmann heranziehen zu können, für das Pillenverbot beruft er sich sogar auf Alice Schwarzer. [...]
 
Doch er rechtfertigt sogar die Unfehlbarkeit und erlaubt sich nicht die leiseste Kritik an der unfehlbar 1950 verkündeten Aufnahme Mariens in den Himmel. Eine köstliche und absurde Spitze des katholischen Aberglaubens. Warum tut er das? Meine Vermutung: Er will es sich mit dem Himmelreich nicht verscherzen, denn ein Widerspruch gegen dieses als unfehlbar verkündete Dogma wäre ja eine Todsünde. Während säkulare Menschen mehr oder weniger in Frieden sterben können, wie das von der Natur auch seine Richtigkeit hat, bilden Christen, und besonders die Hardliner unter ihnen, sich ja ein, es gebe einen Teufel und ein Gericht, und wenn sie nicht brav sind, also z.B. der Kirche in so einer wichtigen Sache wie der Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel widersprechen, riskieren sie die Hölle. Für Außenstehende mag dies naiv klingen, doch die Angst vor Gericht und Hölle war über zwei Jahrtausende für Millionen von Gläubigen real. Das Schüren dieser Angst ist das eigentliche Verbrechen der Kirche gewesen, und ist es noch heute. Als gläubiger Katholik, und so stur, wie er glaubt, dürfte Lütz nicht frei von Jenseitsängsten sein. [...]
 
Lassen wir zum Schluss den Autor noch einmal selbst zu Wort kommen. Denn ohne, dass er sich dessen bewusst war, hat er selbst in einigen Sätzen seine Position treffend formuliert. Warum ist ein so kluger Mensch wie Lütz gleichzeitig so verbiestert religiös? Nun, weil Religion "etwas Intimes" ist, wie Lütz schreibt. "Nur so ist zu erklären, dass mitunter höchst rationale Menschen höchst irrationale Weltanschauungen haben und jede Operation daran mit dem Skalpell der Vernunft strikt verweigern." (S. 277) Lütz meint zwar, er habe ein Aufklärungsbuch geschrieben, doch hat es leider nur zu Apologetik gereicht. Doch was soll´s? "Mit falschen Überzeugungen kann man gut leben" (S.9) und "Verdrängung (ist) eine wichtige Fähigkeit, um lebenstüchtig zu bleiben." (S.9) [...]"
 
Quelle: hpd.de - "Die geheime Geschichte des Christentums"
 
Der Selbstbetrug fungiert i m m e r als Selbstschonung - man möchte es in erster Linie (bis ausschließlich) sich selbst leichter, erträglicher machen:
 
bestimmte Situationen, eigene Fragen, Zweifel, Ambivalenzen, Widersprüche, Ungewissheiten, Ängste, Sorgen, Nöte, Trauer, Gefühle von Hilflosigkeit, Ausweglosigkeit, Unsicherheit, Bedürftigkeit ... - oder auch das gesamte Leben (siehe Angst vor der eigenen Vergänglichkeit, vor Sinnlosigkeit ...).

Und das geht im Grunde immer zu Lasten anderer. - Das macht den Selbstbetrug so "unmoralisch", unethisch, verwerflich bis abstoßend.
 
-
 
Dankeschön. Und das nun bitte auch zeitnah - am liebsten umgehend in Deutschland und unbedingt: bereits ab der Grundschule. Religion: nur auf der Meta-Ebene in staatlichen Schulen.

Unterrichtsinhalt: sämtliche "Weltreligionen" (jeweils grob umrissen, die wichtigsten Informationen zu Inhalt, Ausgestaltung, Anwendung/Praxis, Verbreitung und Entstehungshintergründen), überdies grundsätzlich Ethik - an lebenspraktischen Beispielen kindgerecht veranschaulicht/aufbereitet und schließlich das Thematisieren, Erfassen/Erkennen, Beschreiben, Darlegen und Ergründen von ideologiefreier Spiritualität sowie auch deren Entstehungsursachen/-hintergründe ... . Ja: Da kommt man um Interdisziplinarität nicht herum.

Ganz wichtig: Raus aus dem Grundschulreligionsunterricht muss die biblische Schöpfungsgeschichte - vor allem, so lange nicht parallel das naturwissenschaftliche "Pendant" adäquat vermittelt wird, Unterrichtsgegenstand ist.
 
Ich wiederhole: Wir sprechen von staatlichen Schulen.
Wer sein Kind in einer konfessionsgebundenen Schule unterrichten lassen möchte, kann dies gerne weiterhin tun und dafür entsprechend bezahlen, denn: Deutschland ist ein säkularer, wenn auch leider kein laizistischer Staat. Daher: siehe oben ... .
 
24. September 2018
 
Möglicherweise ist frühkindliche Fremdbetreuung grundsätzlich ein Übel - Kinder und Eltern schädigend. Siehe bedürfnisorientierter Umgang, frühkindliche Bindung.

Wir brauchen im Sinne bedürfnisorientierten Gemeinwohls und demokratischer, gerechter Verhältnisse (auch Geschlechterparität) andere Wohn-, Arbeits-, Sorgestrukturen: familiäre Gemeinschaften auf Basis freiwilliger Wahlverwandtschaften - dann gäbe es keine soziale Isolation, keine vereinsamten Senioren, keine Überforderung, Überlastung von Eltern und somit weniger oder auch keine Gewalt mehr gegen insbesondere Kinder, die in solchen Gemeinschaften immer andere Kinder und erwachsene verlässliche, langjährige Bezugspersonen unterschiedlichen Alters und Geschlechts hätten (statt wechselnden Betreuungspersonals). So gäbe es Entlastung der Eltern und insgesamt tatsächliche Inklusion auf allen Ebenen.

Möglich, ermöglicht würde das nur durch andere Wohnformen, entsprechende Architektur, Infrastruktur und Arbeitsformen. Hilfreich ist hier die Digitalisierung, die das durchaus ermöglicht - statt "Vollzeit Vollbeschäftigung" und #bullshitjobs, Prekariat, Ausbeutung - auch von bspw. Frauen, Müttern als billige Arbeitskräfte und weltweit mehrheitlich noch immer gratis SorgeArbeit Leistende.
Ich bin der Überzeugung, Kinder sollten idealerweise nicht vor dem vollendeten vierten Lebensjahr fremdbetreut werden - schon gar nicht in Einrichtungen. Man muss es individuell betrachten - je nach kindlichem Entwicklungsstand, die meisten Kinder werden aber erst mit ungefähr 4 Jahren ein angemessenes Zeitverständnis haben und sich verbal ausreichend artikulieren können, so dass sie aus ihrem Kita-Alltag berichten können (was gut, was schlecht gelaufen ist ..., warum sie sich worüber geärgert haben oder traurig waren ... - das können Zwei- und Dreijährige zumeist noch nicht).

Ein vierjähriges Kind kann die Aussage verstehen: "Ich gehe jetzt und komme in vier/fünf Stunden wieder." Ein Dreijähriges versteht dies zumeist noch nicht - Folge ist zumeist Trennungs-, Verlustangst, manchmal auch verzögert eintretend oder wenn längere Zeit Kita-Ferien waren oder das Kind krank war und längere Zeit nicht in die Kita ging.

Üblicherweise sind sicher gebundene Kinder unter drei Jahren an ihre Hauptbezugspersonen noch sehr anhänglich, erst ab ca. drei bis vier Jahre gehen sie nach außen, interessieren sich für andere, sind dann auch in der Lage, gemeinsam mit anderen zu spielen (nicht nur nebeneinanderher), auf andere einzugehen etc..

Die immer frühere, immer längere Fremdbetreuung halte ich daher bei auch guter Qualität der Einrichtung und gutem Betreuungsschlüssel für tatsächlich schädigend.

Auch ist vielen Müttern damit nicht geholfen, da die Kinder in den ersten Lebensjahren noch kein ausgereiftes Immunsystem haben, häufiger krank sind, nachts oft auch noch häufiger aufwachen ... - die Mütter trotz all dessen aber am nächsten Tag fit beim Job auflaufen und Leistung bringen müssen - gleich, wie wenig Schlaf und wieviel Stress sie hatten - und mehrheitlich sind es immer noch die Mütter, die sich um kranke Kinder kümmern, die sich nachts um Kinder kümmern, nach denen kranke Kinder häufig verlangen.

Ich sehe eine Tendenz, die bald schon wieder hin zur 24-Stunden-Krippe geht, siehe wie in der ehemaligen DDR - mit entsprechend gravierend negativen Folgen - für die Gesamtgesellschaft, aufgrund in solcher Weise beschädigten Kindern und späteren Erwachsenen.

Wir brauchen eine angemessene Aufteilung der Sorge-Arbeit und das im möglichst familiären Bereich (nur halt n i c h t in der Kleinfamilie), in dem Kinder sich sicher, vertraut, wohlfühlen und den sie mit zunehmendem Alter selbständig verlassen, den sie je individuell selbst erweitern.
Es gibt sicher individuelle Unterschiede, dennoch gibt es auch typische kindliche Entwicklungsphasen - wann ein Kind also frühestens was in etwa "kann" (Zeit einschätzen, wann hat es ein Ich-Bewusstsein, wann kann es Ausscheidungen kontrollieren, was ist wann motorisch möglich, welche Folgen hat es, wenn das Kind sich verbal mitteilen, austauschen kann usw.).

Und es gibt sicher auch Familien, in denen die Kinder vom Vater als erste Hauptbezugsperson betreut ... werden - zumeist ist es jedoch die Mutter (in vor allem dem ersten und zweiten Lebensjahr, im ersten schon wegen des Stillens z.B.).

Ich meine eben, es ist aus oben bereits genannten Gründen für ein Kind wichtig, dass es ein Zeitgefühl hat und nicht erlebt, dass die Bezugsperson geht und das Kind noch nicht versteht, dass sie tatsächlich zurückkommt und wann (siehe Trennungs-, Verlustängste) - das können Kinder unter drei Jahre definitiv alle noch nicht einordnen und viele auch mit 3 noch nicht - die meisten können es aber im Alter von 4 Jahren. Ähnlich verhält es sich mit dem oben bereits genannten Berichten von Erlebtem - kleine Kinder, die negative Erfahrungen machen, können zumeist nur weinen, ihren Eltern aber nicht mitteilen, was sie beschäftigt, belastet ... und das eben zusätzlich im nicht vertrauten Rahmen/Raum, sondern in Fremdbetreuung.

Es bedeutet ja großes Vertrauen (-könnenmüssen), sein Kind in fremde Hände zu geben - umso mehr, wenn es sich um Menschen handelt, die eben keine emotionale Beziehung, Bindung zum Kind haben, sondern i.d.R. wechselndes Betreuungspersonal sind - zwar sicher engagiert, auch ausgebildet, hoffentlich einfühlsam ..., aber eben keine Bezugspersonen, sondern nur vorübergehend Betreuende. Gerade Kinder unter drei Jahren benötigen jedoch vertraute Bezugspersonen für ihre gesunde Entwicklung. Es müssen halt bloß nicht "nur" die biologischen und/oder sozialen Eltern sein. 

Da es heute kaum mehr Großfamilien gibt, wir auch anders leben (wollen), Frauen nicht "nur" Sorge-Arbeit leisten wollen, Großeltern entweder nicht vorhanden oder räumlich weit entfernt oder selbst lange noch berufstätig oder anderweitig aktiv oder auch krank sind ..., ist es wichtig, dass Kinder mehrere Bezugspersonen von idealerweise Geburt an haben können - unterschiedlichen Alters und Geschlechts wäre perfekt - also andere Kinder und Erwachsene. Das entspricht der von mir oben erwähnten "familiären Gemeinschaft" auf Basis von Wahlverwandtschaften.

Je jünger das Kind ist, umso weniger Bezugspersonen braucht es zunächst, je älter es wird, umso mehr - jedenfalls grundsätzlich stabile, verlässliche - nicht alle zu jeder Zeit zugleich, aber generell eben Bezugspersonen, siehe vorhandene, auf diese Weise mögliche emotionale Bindung, Beziehung.
 
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Ein großartiger Artikel - inhärenterweise nach wie vor aktuell.
 
Meine Antwort auf das Dilemma, das "Wagnis der Demokratie" und der Herausforderung der Freiheit und Verantwortung, somit bspw. der Wandel-/Veränderbarkeit moralischer Werte und Regeln vorweg:
 
Das "Absolute", das übergeordnete Prinzip, das auch diesem (demokratischen) System durchaus zugrunde liegt, sind die universellen Menschenrechte, außerdem das Mitgefühl (das jedem Menschen tatsächlich angeboren ist, zumeist in der Kindheit aber massiv beschädigt werden kann und leider häufig wird - u.a. durch religiöse Indoktrination ...) und schließlich die humanistisch-aufgeklärte Vernunft, die die universellen Menschenreche schließlich überhaupt erst hervorgebracht hat; und Teilbestandteil dieser Vernunft ist gerade, dass ethische Grundsätze je nach Anforderungen, Umständen, Verhältnissen, Veränderungen modifizierbar sind, sein müssen - und Gleiches trifft für Demokratie, für demokratische Inhalte, Entscheidungen, Regeln, Gesetze zu.
 
Es ist genau gerade diese "führerlose" Freiheit, Autonomie und Verantwortung, die Menschen innehaben (sollen, dürfen, können), welche offenbar nach wie vor etliche Menschen immens sowohl geistig-intellektuell als auch emotional und sozial (charakterlich) überfordert, denn ja: bequem, leicht ist es nicht - immer wieder zu differenzieren, zu überdenken, zu verhandeln, zu reflektieren, nach Kompromissen auf Basis von Gemeinwohl, Mitgefühl, Kooperation zu suchen etc. und sich vor allem entsprechend zu verhalten.
 
Aber es ist dies gerade das, das das Menschsein genuin ausmacht:
 
die Anlage, die Fähigkeit zur Vernunft, zum Denken (Reflektieren, Analysieren, Kombinieren, Differenzieren, Schlussfolgern wie folglich auch zu skeptischem Hinterfragen, Zweifeln, Ergründen, Revidieren ...), zum Problemelösen und: zum Mitfühlen und Kooperieren.
 
Und genau das taten Menschen vor der neolithischen Revolution sehr lange Zeit: ohne monotheistischen, ohne patriarchalischen, autoritären, gewaltvollen Glauben, Religion(en).
 
Tatsächlich nicht nachvollziehbar ist mir, dass man die universellen Menschenrechte nicht als quasi Urgrund, als kleinsten gemeinsamen Nenner anerkennen will.
 
Denn was wäre das für eine menschenfeindliche, destruktive Religion bzw. ein entsprechender Glaube, der sich gegen diese Menschenrechte (auf Basis der Menschenwürde), also gegen ein friedliches, konstruktives, prosoziales, kooperatives menschliches Miteinander stellte?
 
Es wäre ein zerstörerischer, vernichtender Glaube/Religion und damit nicht im Sinne von Humanismus, Frieden, Güte (Mitgefühl), Gemeinwohl, Erhalt von Leben und Lebensgrundlagen von und für Menschen, für das Leben. Es wäre dies ein pathologischer, letztlich selbstzerstörender Glaube (entsprechende Religion). - Und das kann Sinn der Übung wohl kaum sein.
 
"[...] Aus der Sicht des säkularen Staates stellt Religion in den Grenzen einer privaten Konfession somit die Lösung eines alten feindlichen Antagonismus dar. Religion als Privatsache - ist das nicht die probate Antwort auf alle fundamentalistischen Bestrebungen? Gewiss. Aber wie stellt sich das Verhältnis aus Sicht der Religion dar? Ist das überhaupt noch Religion im ursprünglichen Sinn einer katholischen, das heißt allumfassenden Bindung an Gott? Ist das Verhältnis von Staat und Religion nicht ein sich wechselseitig ausschließendes? Der naive Aufklärer sieht Religion nur als Teil des liberalen Reglements, in dem sie bereits zur Privatangelegenheit sublimiert ist. Er kann nicht verstehen, warum Fundamentalisten da nicht freudig zustimmen.
 
Deshalb sei hier auch einmal die andere Perspektive dargestellt. Schließlich befand sich auch das Christentum in einem langen Kampf mit der Aufklärung, den es am Ende nur um den Preis der Anpassung überstand. Denn die katholische Kirche, das bekundet schon ihr Name, erhebt Anspruch auf das ganze Leben der Gläubigen. Dass ihr andere Instanzen wie der Staat dabei ihre Vormachtstellung streitig machen, hat historisch ihre Entmachtung bedeutet. Der neutrale Staat als Wächter der Demokratie ist Konkurrent und Gegner einer Anschauung, nach der Gott und nicht der Staat die höchste Autorität darstellt. Und so sehen es fundamentalistische Gruppen, wie die Salafisten in Deutschland, auch heute. Auch das gehört zur postsäkularen Wende und zur Rückkehr der Religion. Wer heute im Namen von Aufklärung und Toleranz bei Fundamentalisten um Kompromissbereitschaft wirbt, der übersieht, dass es eine halbe, sozusagen reformierte Religion aus dieser Sicht nicht geben kann. [...]
 
Auch handelt es sich beim modernen Fundamentalismus, anders als oft behauptet, nicht um ein Nachhinken des Weltgeistes, der den Anschluss an das demokratische Zeitalter nur noch nicht gefunden hat. Dagegen spricht, dass der Fundamentalismus auch in solchen Staaten reüssieren kann, die eine Trennung von Staat und Religion schon einmal vollzogen hatten. Dass macht es leider nicht leichter, bedeutet es doch, dass der Fundamentalismus die Aufklärung nicht vor, sondern bereits hinter sich hat. Seine Anhänger können ihre Ablehnung der Trennung von Staat und Religion mit stichfesten Argumenten darlegen wie der in Ägypten geborene Brite Abu Hamsa el‑Masri:
 
"Wir sagen von vornherein ohne taktische Verrenkungen, dass wir das gottesfeindliche Demokratieprinzip ablehnen. Das demokratische Prinzip ist irreführend, weil es nicht Allahs Willen und seine Rechtsprechung, die Scharia, als höchste Richtschnur anerkennt, sondern den Mehrheitswillen der Bevölkerung. Da wird Gottes Allmacht ausgeschaltet."
 
Der Rechtsstaat als höchste Instanz
Was den Status der Rechtsprechung betrifft, so gelten Recht und Gesetz auch in einem säkularen Staat als höchste Richtschnur, sie können sich allerdings nicht auf die Allmacht Gottes berufen. Es war hier schon die Rede von dem außerordentlich hohen Stellenwert der Verfassung in der Bundesrepublik. Als Gründungsurkunde der neuen Republik hob sie den Ausnahmezustand von Niederlage und Besatzungsmacht auf. Alle staatlichen Gewalten, und auch der Wille des Volkes, sind zuletzt an die Verfassung und an das Recht gebunden. In der Theorie bedingen sich die Souveränität des Volkes als Rechte setzende Instanz und der Rechtsstaat gegenseitig. Wenn sie jedoch in der Realität in Konkurrenz geraten, genießt das Recht als höhere Instanz Vorrang. Wäre es umgekehrt, wäre die Demokratie kein Rechtsstaat, sondern ein tägliches Plebiszit, das heißt eine Art permanente Revolution. Die säkulare Demokratie hat demnach ihre höchste Legitimationsquelle im Gesetz. Es schützt die Rechte des Einzelnen vor Übergriffen, auch solchen des Staates. Es verfügt das Gewaltmonopol des Staates und verhindert Selbstjustiz. Es garantiert Rechtssicherheit in Konfliktfällen und eine unabhängige Richterschaft.
 
Aber auch hier tut sich ein Dilemma auf, das wie die anderen Aporien ebenso wesenhaft zur Demokratie dazugehört. Es ist die Frage nach der Legitimation des Rechts. Aus welcher Quelle schöpft sie? Nach allgemeinem Verständnis soll sich das Rechtssystem aus einem außergesetzlich geltenden Wertekanon sowie aus überzeitlichen Normen speisen. Ohne diese wäre die Akzeptanz einer allgemeinen Rechtsordnung schwer einzufordern. Andererseits lehrt die Erfahrung, dass Normen immer auch dem kulturellen und zeitlichen Wandel unterliegen. Das gilt vor allem für gesellschaftliche Moralvorstellungen. Man denke etwa an die lange Fortdauer des § 175, der noch bis 1969 einvernehmlichen Sex zwischen erwachsenen Männern als sittenwidriges Verhalten unter Strafe stellte. Oder an die streng nach Geschlechtern getrennte Rollenverteilung in Ehe und Familie, wie sie die hier schon zitierte Erklärung des Bundesgerichtshofs von 1960 verordnete. In beiden Fällen hat heute das Recht auf freie persönliche Entfaltung Vorrang, ohne dass der Staat interveniert.
 
Aber woran soll sich die Rechtsprechung etwa in Fragen der allgemeinen Moral verbindlich und dauerhaft orientieren? Dies weist auf ein juristisches Dilemma, das selbst im Text des Grundgesetzes spürbar ist. In Artikel 2, Absatz 1 heißt es zu den Grundrechten:
 
"Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt."
 
Die Rechte anderer und die verfassungsmäßige Ordnung verstehen sich von selbst. Aber was genau ist das Sittengesetz? Der Staatsrechtler Günter Erbel definiert es folgendermaßen:
 
"Das Sittengesetz ist die Summe derjenigen sittlichen Normen, die die Allgemeinheit als richtig anerkennt und als für das menschliche Zusammenleben verbindlich ansieht. Das Sittengesetz ist eine der drei Schranken der allgemeinen Handlungsfreiheit der freien Entfaltung der Persönlichkeit."
 
Weiter heißt es bei Erbel jedoch:
 
"Die Geltung eines grundrechtsbeschränkenden Sittengesetzes im Einzelfall festzustellen, ist mit besonderen Problemen verbunden. Weder das persönliche ethische Gefühl des Richters noch einschlägige Auffassungen in Teilen des Volkes rechtfertigen hier die sittliche Missbilligung eines bestimmten Verhaltens. In der heutigen pluralistischen Gesellschaft ein Sittengesetz als verbindlichen Ausdruck des maßgebenden moralischen Bewusstseins festzustellen, ist eine Aufgabe, die der Quadratur des Kreises nahekommt." [...]
 
Und Staat und Religion sind historisch betrachtet Erzfeinde. Der Grenzverlauf ihrer Trennung ist bis heute umstritten, mitunter, wie zu sehen war, äußerst riskant. Bleibt also das Recht mit seiner objektiven Geltung ohne Ansehen der Person als ausgleichschaffende Instanz jenseits von Interessen und Leidenschaften. Doch seine Autorität ist nicht unantastbar. Die Werte, für die es steht, weisen auf kein Absolutes außerhalb ihrer selbst. Kein göttliches Gebot und keine universell gültige Vernunft, an die die Aufklärung einst glaubte, verleihen ihnen höhere Legitimität. Der Rechtsphilosoph und ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht Ernst Wolfgang Böckenförde fasste das Dilemma der Demokratie einmal wie folgt zusammen:
 
"Der freiheitlich, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist."
 
Die politischen Grundwerte und Prinzipien bilden zusammen kein festes Fundament, sondern ein durchaus fragiles Gefüge, das mit jeder politischen Herausforderung neu ausbalanciert werden will. Demokratie wird auch in Zukunft ein Wagnis bleiben."
 
Quelle des zitierten Textes: deutschlandfunk.de - "Aporien der Demokratie - Vom Widerspruch politischer Grundwerte und Prinzipien"
 
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Was uns hier (siehe oben stehenden dlf-Beitrag) ein Mal mehr begegnet, ist: Pluralismus und Komplexität. Exactly. Und was wir beobachten (auch und gerade aktuell wieder), ist, dass es Menschen gibt, die sich davon völlig überfordert fühlen, die dies daher vehement abwehren - aus hysterisierter Angst, auch aber aus Unwissenheit sowie eigener Unzulänglichkeit, Horizont- und Herzensenge (mangelnder Empathie, mangelndem Mitgefühl).
 
Denn ja: Komplexität ist anspruchsvoll, erfordert differenziertes Betrachten, erfordert Zeit, Auseinandersetzung, Sorgfalt. Und ja: Letztlich geht es um Neid, Gier, Geiz und Missgunst - denn es ist klar, dass man nicht allein auf einer Insel lebt/leben kann, sondern dass um einen herum auch andere, "fremde", "andersartige" Menschen sind, die ebenfalls Wünsche, Bedürfnisse und R e c h t e haben - universelle Menschenrechte.
 
Und dies wiederum bedeutet, dass Ungerechtigkeiten, Ungleichheiten behoben werden wollen und müssen, wenn man diesem Anspruch nach Gültigkeit, nach Einsetzbarkeit universeller Menschenrechte genügen bzw. gerecht werden will (aus auf der Hand liegenden Gründen: muss).
 
Es gibt leider nicht wenige Menschen, die schlicht um ihre Privilegien fürchten, die schlicht nicht teilen, nichts abgeben, keine Verzichte erbringen wollen - die ängstlich-selbstsüchtig auf ihrem Säcklein Was-auch-immer hocken und es mit Zähnen und Klauen "verteidigen" - selbst wenn sie noch so wenig selbst dafür geleistet haben, selbst wenn sie einfach nur G l ü c k hatten (dort geboren zu sein, wo ihnen zahlreiche Vorteile, Privilegien, Erleichterungen zufielen: ohne eigenes Verdienst, ohne eigene Leistung).
 
Letztlich geht es - ein Mal mehr - um Charakterstärke und Herzensbildung.
Und eigentlich geht es genau darum stets. Es geht um Moral, Ethik.
 
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