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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie

Über Differenzierung, Seriosität, Wahrhaftigkeit, Sachlichkeit in Medien, auch social media vs. Affektediktatur, Radikalität, Oberfläche, ideologische Verblendetheit u. Kurzsichtigkeit

"[...] Dass sich Menschen im Internet schnell zum Publizisten ernennen und ohne seriöse Informationsgrundlage oder Ausbildung schreiben, was sie denken, ist keine Neuheit. Der Unterschied zu PI-News, Epoch Times oder Metropolico besteht darin, dass diese als seriöse Berichterstatter, als vermeintlich objektives Bollwerk gegen die verschworene Systempresse auftreten wollen. Das Tendenziöse und Hetzerische versteckt sich oft zwischen den Zeilen. Es ist der Versuch, sich aus einem selbst geschaffenen Dilemma zu befreien: Einerseits werden gängige deutsche Medien von den Gruppierungen verneint und als „Lügenpresse“ diffamiert, da sich in deren Berichterstattung – abgesehen von ein paar Ausnahmen – nicht die Radikalität der eigenen Linie widerspiegelt. Andererseits gibt es bei der Verneinung der gesamten Presse auch keine glaubwürdige Informationsquelle, mit der man das eigene, „richtige“ Weltbild irgendwie stützen könnte. Ziel ist, den Anschein einer glaubhaften Wahrheit zu erwecken, die vereinbar ist mit der Radikalität. Deshalb wird konventionelles mit rechtem Gedankengut bunt gemischt. „Da kommt der Wunsch nach Seriosität durch: ‚Schaut, hier steht das auch, guck, wir haben recht, wir sind keine Spinner!‘ – so versucht man auch die Unentschlossenen zu überzeugen“, erklärt Professor Stephan Humer, der als Netz-Soziologe seit 2012 auf diesem Gebiet forscht. Die rechtsextremen Seiten greifen die passenden Nachrichten aus der Mainstream-Presse auf und spinnen die Geschichten weiter. [...]
 
Auch die verschwörungstheoretischen Seiten handeln nach diesen Prinzipien: Wahrheit schaffen. Eine eigene Weltsicht auf Grundlage teils obskurer Verschwörungstheorien zusammensetzen. Allerdings sind ihre Ziele längst nicht so durchschaubar wie die der rechten Hetzer. Zentral sind oft Antiimperialismus und das grundsätzliche Hinterfragen von Eliten, mal gesellt sich Antisemitismus, mal Antiamerikanismus dazu. Einig sind sich sowohl die Verschwörer als auch die Rechtspopulisten aber alle in derselben Sache: der Islamophobie. Rechte Ideologien suchten schon immer die einfachen Lösungen in einer hochkomplexen Welt, Verschwörungstheoretiker machen das Gleiche – manchmal mit, manchmal ohne politische Färbung. Gefährlich wird es, wenn sich beide Weltsichten einen gemeinsamen Feind suchen, sich gegenseitig befruchten und sich anschließend als seriöse Nachrichtenquelle verkaufen. [...]
 
„Meldungen werden kettenmäßig aneinandergereiht, scheinbar logische Schlüsse werden gezogen.“ Ein Beispiel hierfür ist die von Pegida am meisten zitierte Website überhaupt, die Epoch Times Deutschland. Der Nachrichtenmix dort spielt vor allem mit Endzeitszenarien: Isolierte Meldungen über Ausländerkriminalität werden gepaart mit Zahlen und Fakten über Flüchtlingsströme. Zum Beispiel die Meldung von einem Iraker, der einen Jungen vergewaltigt, und daneben steht: „Noch 8 bis 10 Millionen Syrer und Iraker unterwegs.“ Die Fakten stimmen häufig, falsche Schlüsse werden nicht gezogen. Das soll der Leser am besten selbst erledigen, damit das seriöse Image nicht beschädigt wird. Weiterhin sieht ein Ökonom die „Einheit Deutschlands“ in Gefahr, und der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew spricht vom „Kalten Krieg“. Die Welt steht kurz vor dem Zusammenbruch, schuld daran sind die Geflüchteten und die Politik Angela Merkels. Positive Berichte lauten zum Beispiel „Fünf lustige Fehltritte der chinesischen Armee“. Darüber hinaus arbeitet Epoch auch viel mit ungeprüften Nachrichten, fehlenden Korrekturen von Falschmeldungen und verdrehten Überschriften. Die Desinformationsspirale wird dann besonders sichtbar, wenn die „alternativen“ Medien anfangen, sich untereinander als Quelle zu nennen. Wie gut dieses Kalkül aufgeht, offenbaren die Kommentarspalten bei Pegida. Aus dem virtuellen Hassfeuer werden auch schnell handfeste Brandsätze auf Flüchtlingsunterkünfte.
 
Algorithmen helfen
Dass wirkliche Objektivität und Wahrheit dabei auf der Strecke bleiben, ist den Nutzern egal. Sie finden ja Antworten auf ihre Fragen und Bedürfnisse. Artikel, in denen gesagt wird, was nicht gesagt werden darf. Ein schlüssiges Weltbild. Es ist nicht verwunderlich, dass tendenziell langsame Recherche, genaue Prüfung von Quellen oder akademische Methoden gegen eine schnelle, im Zweifelsfall frei erfundene Lösungsmöglichkeit im rasanten Internet ziemlich unattraktiv wirken. Zusätzlich gibt es Algorithmen in den sozialen Netzwerken, die es sehr schwer machen, sich von einem bestimmten Weltbild und einer selektiven Nachrichtenlage wieder zu lösen. Schuld daran ist das Phänomen der Filter Bubble oder Informationsblase: „Das Bedürfnis nach Orientierung treibt die Menschen auf diese Seiten, die Filter Bubble sorgt dafür, dass sie auch wiederkommen“, sagt Stephan Humer.
 
Das Prinzip der Informationsblase funktioniert so: Algorithmen wie die von Facebook oder Youtube bieten dem Konsumenten ständig neue Inhalte basierend auf seinen „Interessen“ an. Diese Interessen werden durch zuvor aufgerufene Inhalte ermittelt. Wenn ein Facebook-User seine einseitigen und verschwörerischen Infos zur Flüchtlingskrise vor allem von der Seite von Pegida erhält, bietet ihm der Algorithmus weitere Informationen auf Basis dieser „Quellen“ an. Quellen mit Headlines wie „Bundesweite Bereicherung durch Rapefugees“ (PI-News).
 
85.000 Menschen besuchen täglich die Internetseite von PI-News, tausende weitere tummeln sich auf ähnlichen Portalen. Tausende Menschen, die in einer schleichend konstruierten Parallelwelt leben, aus der sie nur schwer zurückzuholen sind. Wenn es den etablierten Medien nicht gelingt, das verloren gegangene Vertrauen zurückzuholen, droht sich die Utopie von Pegida und Konsorten zu bewahrheiten. Für rechte Bewegungen waren sie schon immer attraktiv: reine Propagandamedien, die mit Selektion und Fantasie ein Weltbild konstruieren, anstatt zu versuchen, die Wahrheit zu finden."
 
Quelle: Artikel "Pegidas Märchen" von Bartholomäus von Laffert in der Freitag. Farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
"[...] Mir ging und geht es nicht darum, die "Alternative für Deutschland" und ihre Politik zu beurteilen; mir geht es um den Umgang mit ihr. Es wäre fatal, in dieser Partei pauschal einen Manufakturbetrieb rechtsradikaler Sottisen zu sehen. Immerhin scheint sie zurzeit wahlweise 10 bis 17 Prozent, also mehrere Millionen potentieller Wähler hinter sich zu vereinen.
 
Wenig Vertrauen in Argumente dient nicht der Demokratie
Geärgert hat mich deshalb der Vorwurf von "Jad", man würde die AfD verharmlosen, gäbe man ihr ein Forum. Und "Michael Knight" hält mir vor, "Feinden der Freiheit" so sorglos, ja naiv zu begegnen, erweise "der guten Sache einen Bärendienst".
 
Nein, beides eben gerade nicht: Wer so wenig Vertrauen in die Kraft seiner Argumente hat, der erweist der Demokratie einen schlechten Dienst. Und wer Gesinnungsgegner "Feinde der Freiheit" nennt, braucht dafür stichfeste Beweise, sonst wären wir im Bereich der Diffamierung und Denunziation angekommen.
Das Grundrecht auf Freiheit ist freilich auch ein Recht auf Ablehnung. Genau hier setzt der Geist einer liberalen Demokratie an: Die Freiheit des Andersdenkenden so zu achten, wie die eigene Freiheit auch vom Anderen geachtet werden soll.
 
Hörer "Michael Zöllner" schreibt: "Demokratie ist Dialog und Schweigen schadet." Dem ist vorbehaltlos zuzustimmen. Eine Demokratie muss extreme Sichtweisen aushalten, rechte wie linke, solange sie verfassungskonform sind. Durch Verschweigen, Verdrängen und Verachten, so lehrt uns die Psychologie, macht man nichts besser.
 
Nazi-Vergleiche der Medien sind Torheiten
Unter allen intellektuellen Dummheiten, die in Deutschland passieren, sind historische Analogien die gefährlichsten. Magazine und Fernsehsender zündeln allzu gern mit Hitler und dem Nazi-Faktor; um der billigen Erregung willen wird Unvergleichbares verglichen.
 
Björn Höcke, der Fraktionsvorsitzende der thüringischen AfD, formuliert seine Aussagen womöglich bewusst grenzwertig, wer weiß. Ihn aber, wie es kürzlich das ARD-Magazin "Monitor" getan hat, in Ton und Bild mit Goebbels in Beziehung zu setzen, verbietet sich aus Gründen verantwortungsbewusster Medien-Ethik.
 
Was soll das? Was bringt das? Das ist billiges Nazi-Entertainment, und damit sollte man sehr vorsichtig sein. Auch nur irgendwen oder irgendwas mit den monströsen Massenmördern des Dritten Reichs oder etwa die AfD mit dem Wahn von Lebensraumerweiterung und Judenvernichtung gleichzusetzen, ist und bleibt, pardon, eine Torheit.
 
Im primitiven Reiz-Reaktions-Schema der Facebook- und Twitter-Ära reißt uns offenbar nur noch der Superlativ mit: das Heftigste, Drastischste, Krasseste. Möglichst kurz, möglichst radikal. Daumen hoch, Daumen runter.
 
Aufgeheizte Debatte bräuchte Niveau und Reflexion
Statt Oberflächenpolitur zu betreiben und sich von Anzeigen- und Auflagenverlusten zur Kurzatmigkeit treiben zu lassen, sollten Qualitäts-Medien Fakten liefern, Widersprüche aufdecken, Zusammenhänge beschreiben – nachhaltig, wertfrei, sachdienlich, ergebnisoffen.
Wir bräuchten jetzt nichts dringender als Niveau. Wir brauchen Reflexion statt Reflexen. Ressentiments in der Dauer-Erregungsschleife haben zu einer nie dagewesenen Trivialität der Auseinandersetzung geführt.
Da draußen zünden irgendwelche Irre Asylbewerberheime an. Strafrechtliche Sanktionen sind das eine. Darüber hinaus aber müssen Debatten folgen, vor allem mit Politikern der AfD, um ihnen zu widersprechen, um sie einzubinden, zu kontrollieren und so ein höchst problematisches Vakuum zu verhindern. In Tagen von Krawall-Empörung und Parolen-Pauschalisierung sind vorgelebte Sittlichkeit, Maß und Differenzierung unerhört wichtig."
 
Quelle: Deutschlandradio Kultur, Beitrag von Christian Schüle "Eine Replik auf 140 Netz-Reaktionen zum `AfD´- Kommentar"
 
 
Demokratie bedeutet genau das: sich argumentierend auseinanderzusetzen - gerade mit Andersdenkenden und "anders Gesinnten" ;) , unterschiedliche Sichtweisen zuzulassen, dabei - jeweils! - offen und selbstkritisch, selbstreflexiv zu sein u. zu bleiben und trotz emotionalen Eingebundenseins, sich nicht von Affekten hin-, mit- und wegreißenzulassen und sich zuvorderst vor allem sorgfältig und vielseitig zu informieren, um Bestätigungsfehlern (confirmation bias) vorzubeugen/nicht auf den Leim zu gehen und in Ideologie(n) abzurutschen. Demokratie bedeutet aber auch, damit umgehen zu lernen, dass nicht alle Menschen zu solcher intellektuellen wie emotionalen Leistung bereit oder fähig sind - schwierig, da nicht paternalistisch zu werden, um Schlagseiten vorzubeugen. Wenn die Menschen über den Verstand nicht (ausreichend) zu erreichen sind und hier der notwendige Austausch nicht auf Augenhöhe stattfinden kann, so bleibt letztendlich nur, die Menschen auf Charakterebene (Herzensbildung ...) "anzusprechen", an Anstand, Charakter und eben auch Herz (Empathie) zu appellieren, ohne zu emotionalisieren. - Nein, ein leichtes Unterfangen ist das nicht, aber ein erstrebenswertes, weil bislang alternativlos (die Demokratie).
 
Alles richtig, Herr Schüle, jedoch eben darum scheint es im Kern zu gehen, Zitat:
"Wo würden wir uns hintreiben lassen, wenn selbst Demokraten den Instrumenten der Demokratie nicht mehr vertrauten: der öffentlichen Diskussion und dem bestechenden Argument!"
 
Diesem "bestechenden Argument" scheinen "Demokraten" nicht (mehr?) vertrauen können zu meinen, weil sich einige Menschen mittels Argumenten de facto nicht erreichen lassen (wollen und/oder können). Was dann? Was, wenn dies, Zitat:
 
"Demokratische Kultur heißt ja doch immer: Überzeugen mittels kommunikativer Rationalität. Also muss man die Vertreter der AfD anhören, muss man Halbwahrheiten und Lügen klar widerlegen, hat man vermeintliche Propaganda mit der Kraft empirisch gesicherter Fakten zu entlarven."
 
also nicht ausreicht, nicht greift? Jenes, Zitat:
 
"Oder halten die Etablierten in bewährt paternalistischer Manier die eigenen Bürger nicht für klug genug, von sich aus erkennen, was moralisch überlegen sein will, was den Humanitarismus sozialdemokratischer, grüner oder christdemokratischer Güte ausmachen soll?"
 
aber zutrifft? - Was also, wenn manchen, einigen (vielen?) Menschen tatsächlich diese intellektuelle Leistung nicht eigen ist, nicht "verfügbar", nicht abrufbar und auch nicht "anlernbar"? - Wie damit umgehen: ohne paternalistisch zu agieren, sondern nach demokratischen Richtlinien, Maßstäben, Prinzipien, Werten? - Gibt es hierfür "Grenzen", falls ja, wo entlang also verlaufen diese und wie lässt sich dieser Umstand in "Demokratie" integrieren - bzw. was, wenn nicht? 
 
"[...] Eine der zentralen Aussagen: Nachrichten haben sich von der Wirklichkeit immer mehr entfernt, erschaffen vielmehr eigene Wirklichkeiten und dienen lediglich der Bestätigung und Konstruktion einer eigenen Weltsicht.
 
Die goldene Regeln: Komplexitätsreduktion und Emotionalität
Dies beginnt bereits mit den Kernelementen des heutigen Journalistenhandwerks – goldene Regeln vor allem für den Fernsehmacher: Ein Beitrag muss zugänglich sein und eine emotionale Geschichte erzählen. Am Ende wird der Inhalt einer vorgefertigten Dramaturgie untergeordnet, die zu immer gleichen Bilderfolgen führt. Man will schließlich, dass die Zuschauer nicht wegschalten. Werden die Dinge zu kompliziert, lassen sie sich nicht in Schwarz und Weiß einteilen, ist das mit der Weltbestätigung schon schwierig. Nicht umsonst haben sich die dritten Programme der regionalen Farbe verschrieben.
 
In Zeiten der algorithmischen Nachrichtenaufbereitung und der je nach Weltsicht zugeschnittenen Nachrichtenfeeds, potenziert sich dieses Problem der Abspaltung ins Unermessliche. Tendenzen gab es dazu schon immer. Der überzeugte Linke glaubte nur der Zeitung seines Vertrauens, wie der Konservative nicht jedes Schmierblatt in die Hände nahm. Für eine kritische und informierte Öffentlichkeit braucht es aber Pluralität. Diese gilt aber nicht nur für die Produzenten. Auch der Rezipient muss sich zum pluralen Leseverhalten zwingen. Sonst kippt man zurück in die Ideologie. In der digitalen Gegenwart haben sich die Stimmen multipliziert. Blogs, Foren und soziale Netzwerke, sie alle generieren Nachrichten. Mit diesen Nachrichten generieren sie eine neue Unübersichtlichkeit, eine Geschwindigkeit und als Gegenbewegung eine immer stärkere Abschottung bestimmter Gruppen: Komplexitätsreduktion.
 
Woher kommt dieser Zweifel?
Nachrichten brauchen Zeit und Reflexion, da sie sich sonst selbst überholen. Dann passiert das, was Georg Seeßlen als Hyperinformation bezeichnet: Die Nachricht richtet sich nicht mehr nach der Wirklichkeit, nach dem Widerstand des Realen - die Nachricht selbst ist das Ereignis. [...]
 
Es ist eine Ahnung, dass eine Sehnsucht nach Authentizität und affektiver Nachricht ein wesentlicher Schlüssel sein könnte. Das Internet hat uns nicht nur eine Vervielfältigung der Stimmen gebracht, es hat in uns allen einen Wunsch nach Authentizität geweckt, auf die eine oder andere Form. Direkte, ungefilterte Kommunikation, horizontale Machtverhältnisse und eine Überwindung der klassischen Nachrichtenproduzenten: das Volk ergreift die direkte Demokratie. Diese naive Utopie hat sich auf eine seltsame Weise verwirklicht.
 
Direkte Kommunikation gilt als authentisch
Der Erfolg von Bloggern und Youtubern liegt genau darin: Da spricht einer von uns, hinter dem kein Sender, keine große Institution steht. Das ist natürlich nicht selten ein Irrglaube, aber dennoch: Die mediale Inszenierung der Unmittelbarkeit erzeugt nun mal verführende Authentizitätseffekte. Da sitzen echte Menschen, die von echten Problemen schreiben, ihren echten Gefühlen Ausdruck verleihen und die in der Welt stehen, nicht in der Redaktionsstube sitzen. Liveschalten und Liveticker haben eine ähnliche Wirkung. Live vor Ort zu sein, ganz nah dran am Geschehen, wie bei der Räumung des Stadions in Hannover, bringt zwar kaum Inhalte oder Information, aber ein Gefühl von Realität. Da passiert etwas, genau jetzt, während wir hier vor dem Fernseher sitzen. Ist das nicht auch eine Form von Authentizität? Hier vergeht Zeit, wir sind direkt vor Ort und ihr könnt uns bei der Arbeit zusehen.
 
Alle anderen Formen, der Kommentar, die Reportage – letztlich alles, was in irgendeiner Weise mit textlicher oder bildlicher Montage und mit Redaktionen zu tun hat – steht im Verdacht der Meinungsmache: Da vergeht soviel Zeit, vom Ereignis bis zum geschrieben Wort, dass das unmöglich ohne Manipulation von statten gehen kann. Das ist zumindest der Verdacht. Der als Objektivität getarnten Subjektivität setzt man radikale Subjektivität entgegen.
 
Ist das nicht ein seltsamer Widerspruch? Auch der authentische Youtuber gibt nur seine Meinung wieder. Dennoch wirkt das authentisch, weil der Ort des Sprechens ein anderer ist. Dieser mag nicht weniger inszeniert sein, aber eben auf eine andere Art und Weise: Authentisch eben, aus dem Bauch heraus. Die Lösung der etablierten Medien, insbesondere der öffentlich-rechtlichen Sender scheint eine inflationäre Verwendung des O-Tons zu sein. Wenn das Volk glaubt, wir wären zu weit von ihm entfernt, dann lassen wir eben das Volk zu Wort kommen – so die Losung. Es ist der Versuch, sich die verlorene Authentizität zurückzuholen: Am Ende produziert man Affektbilder, Affekttöne – Nachrichten aus dem Bauch heraus. Das unüberlegte Wort, das im Zorn geäußerte Fluchen, ist nicht einfach eine Einzelmeinung. Man kann sich darin einhaken, mit den eigenen Affekten. Insbesondere wenn der O-Ton nicht reflexiv eingeholt wird, keine Gegenposition bezogen wird, die Montage ausbleibt. Durch die mediale Rahmung wird dieses im Affekt gegebene Statement eines Augenzeugen zur authentischen Nachricht, zu einem Zeugnis und damit zur Wirklichkeit. Authentizität heißt direkt und aus dem Bauch heraus, ungefiltert, frei Schnauze.
 
Mit dieser Taktik erreichen die etablierten Medien das Gegenteil dessen, was sie eigentlich wollen. Doch die Sache ist noch viel schlimmer. Am Beispiel des Youtube-Kanals #Dreisechzich des WDRs zeigt, dass der Versuch den Vlog in das öffentlich-rechtliche System zu überführen letztlich nur schlechte Kopie wird: Man merkte, dass hier Authentizität hergestellt werden sollte und spürte, dass hinter den Gesichtern letztlich eine Redaktion stand. Nicht falsch verstehen. Ich fand das Experiment durchaus gelungen, denn eine Redaktion ist in Zeiten einer immer komplexer werdenden Welt notwendig. Die breite Masse fühlte sich aber nicht angesprochen. Für die Mehrheit sprach da immer noch das Establishment, versuchte sich der WDR nur hinter einem jüngeren Aussehen zu verstecken.Aber das ist gar nicht schlimm, denn man ist dem Konsumenten viel zu lang entgegengekommen und verliert, oh welch dialektische Wendung, immer mehr an Boden.
 
Haltung ist das Mittel
Überall ein menschelnder Zugang, eine emotionale Brücke und wenig Komplexität. Jeder Beitrag braucht eine Dramaturgie, muss gut gebaut werden, damit er sich verkauft, angeklickt wird, oder eine gute Quote bringt. Der Journalismus hat sich bisweilen selbst in eine unsägliche Abhängigkeit gebracht. Heute leben wir also in Zeiten des (Bauch)Gefühls, in der ein Misstrauen gegen die Arbeit der Journalisten alter Schule herrscht. Das Abwägen, Reflektieren und Recherchieren wird zum Auslaufmodell, zum Staatsfernsehen.
 
Wir müssen uns diesem Authentizitätswahn erwehren, indem wir die Haltung, die Reflexion, den Bericht und den Diskurs dagegenhalten und nicht aufhören die Authentizität als das zu entlarven, was sie letztlich immer sein wird: eine Inszenierung, ein mediales Konstrukt. Der Leser und der Zuschauer sind keine Konsumenten, die Ansprüche stellen können. Der einzige Anspruch, den es zu erfüllen gilt, ist der Anspruch die Probleme, Ereignisse und Diskurse – die Wirklichkeit – so angemessen wie möglich wiederzugeben. Ob diese Wirklichkeit den Wutbürgern passt oder nicht."
 
Quelle: Artikel von Sebastian Seidler "Kritik der Authentizität" in der Freitag.
 
"[...] Für die informationelle Moderne war eine Nachrichtenlage typisch, die Hans Magnus Enzensberger vor einem halben Jahrhundert als „Scherbenhaufen“ bezeichnet hat. Die Welt zerbricht in lauter mehr oder weniger unzusammenhängende, kaum noch bewertbare Informationsteile, die nur noch unter großen Mühen zu einer ursprünglichen Form von Wirklichkeit zusammengesetzt werden könnten.
 
Der informationelle Scherbenhaufen mochte zwar vom Standpunkt einer linearen Geschichte der Aufklärung durchaus unproduktiv sein, er war indes keineswegs nur verwerflich. Denn es war ebendieser Scherbenhaufen der Nachrichten und Botschaften, der verhinderte, dass aus den Informationen wieder die eine, verbindliche, schließlich dogmatische Welterzählung, kurz gesagt Ideologie wurde.
 
Aber der Scherbenhaufen war nicht der Endpunkt der Informationsgesellschaft. Es entwickelten sich neue Sortiermaschinen. Die Mainstream-Medien machten aus den Scherbenhaufen Mosaike. Noam Chomskys Idee von einer „Manufaktur des Konsenses“ steigerte sich zu einem bizarren Mainstreaming der Hysterisierungen. In der verflüssigten Form werden Informationen rasch zu „sozialen Skulpturen“ gegossen: Ihr Wert liegt nicht in der Wiedergabe des Wirklichen, sondern in der Teilhabe ihrer Konsumenten. Und nun sind Nachrichten mit einem Mal wieder, was sie in der informationellen Moderne eben nicht sein sollten: Ideologieproduzenten.
 
Die Hyperinformation schert sich weniger um die Nähe zu einem tatsächlichen Geschehen (das es immer noch gibt: Vulkane etwa brechen ja noch wirklich aus) als vielmehr um ihre Erwartetheit. Die Hyperinformation betrifft nur noch am Rande das, was ist, in der Hauptsache dagegen das, was „in der Luft liegt“.
 
Was nun die Flüchtlingssituation betrifft, so müsste man sich weit weg oder in die Zukunft denken, um zu erkennen, wie sehr die Hyperinformationen derzeit zum Großteil aus Null- und Nonsense-Nachrichten bestehen. Sie verdichten sich zu drei Erzählsträngen, in die reale und fiktionale Elemente scheinbar gleichberechtigt mit einfließen. Da ist die völkische Erzählung, welche die Flüchtlinge zu Feinden, zu sozialen „Krankheiten“ erklärt und, wie die AfD-Vorsitzende Frauke Petry, in ihren Gewaltfantasien kein Halten mehr kennt. Dann ist da die Erzählung der deutschen Politik, deren Vertreter sich gegenseitig in den markigen Sprüchen über die Behandlung „integrationsunwilliger“ (Andrea Nahles) oder sonst wie krimineller, „das Gastrecht missbrauchender“ Migranten übertreffen. Jeder der unsinnigen bis zynischen Vorschläge wird dabei wieder zu einzelnen Nachrichten.
 
Mit den gleichen Mitteln
Und dann ist da eine zivilgesellschaftliche Gegenerzählung, die das Merkel’sche „Wir schaffen das“ in eine soziale Praxis umsetzen möchte und der völkischen Erzählung Kritik und Widerstand entgegensetzt. Jede Information – Fantasie oder Nachricht – fließt in eine dieser hyperinformationellen Erzählungen, ob sie nun ursprünglich so gedacht war oder nicht.
 
Nun stellt sich heraus, dass es nicht nur auf Seiten von Pegida und AfD Lügenmärchen gibt, die als Wahrheiten gehandhabt werden, selbst wenn ihr Wirklichkeitsgehalt unwiderlegbar gleich null und die propagandistische Absicht leicht erkennbar ist. Geglaubt wird in den Erzählungen der Hyperinformation, was in die jeweilige Erzählung passt. So lassen sich ja auch die deutschen Politiker in ihrem Gezänk weder von Wirklichkeiten noch von internationalen Abkommen irritieren. Sie beliefern das Volk. So werden aus den Scherben wieder Bilder, mit Begriffs- und Metapher-Attraktionen wie „Obergrenze“, „Abschiebung“, „Leitkultur“ und „Aufnahmekapazität“. Das meiste davon ist gezieltes Beliefern eines hyperinformationellen Mainstreams.
Aber auch die zivilgesellschaftliche Gegenerzählung hat nun ihre Unschuld verloren. So wie die Rechten nicht müde werden, Übergriffsgeschichten zu akkumulieren, reale mit den fiktionalen vermischend, so stellt sich nun eine Leidensgeschichte als erfunden heraus. Hat da jemand unglücklich genug versucht, mit den gleichen Mitteln zurückzuschlagen, die die Gegenseite bereits perfektionierte? Ist auch hier die Hysterisierung so weit gediehen, dass man in der Tat keinen entscheidenden Unterschied zwischen dem Realen und dem Vorgestellten mehr machen kann? Oder bedeutet unter der Glocke der Hyperinformation zu leben, Teil eines gewaltigen Projektes zu werden: der Entwirklichung der Welt?"
 
Quelle: der Freitag, Artikel von Georg Seesslen "Entwirklichung der Welt"
 
"[...] Richtig gute journalistische Arbeit mit ihrem unerschütterlichen Glauben an die Wirklichkeit ist eine Luxusware, mit der sich die großen alten Medien noch gelegentlich schmücken und die in den neuen aus Enthusiasmus und Trotz Platz finden kann.
 
Mediale Lebensräume
Das Bild der Wirklichkeit unterscheidet sich schon drastisch von der ersten Wahrnehmung und dem ersten Sortieren dieser Wahrnehmungen und Dokumentationen. Das bekannte »Bild der Lage« ist schon Erzählung, subjektiviert, emotionalisiert, dramatisiert und vor allem gereinigt. Das Bild der Lage wird auch dann, ja gerade dann entworfen, wenn es nichts zu sehen gibt, wenn die Wirklichkeit sich entzieht. Selbst wenn die Wirklichkeit mehr oder weniger verschwunden ist, so muss das Medium, egal welches, doch ein Verhältnis zu ihr konstruieren. Es ist die Konstruktion eines Raumes, in dem sich Wirklichkeiten »aus aller Welt« mit Wirklichkeiten der Empfänger treffen. Es ist die Konstruktion eines Raumes, in dem diese Empfänger »leben« können. Und leben kann man nur dort, wo man das meiste »versteht«, wo man sich orientieren kann, wo die Mehrzahl der Zeichen lesbar und die unlesbaren Zeichen entsprechend »behandelt« sind. Je mehr Nachrichten es gibt, desto notwendiger wird ihre Anverwandlung in den medialen Lebensraum; je mehr mediale Lebensräume es gibt, desto notwendiger ist ein Nachschub an Nachrichten, die sie generieren.
 
Es gibt eine Reihe von Mechanismen, die aus jeder Nachricht ein Element eines medialen ­Lebensraumes machen: das Prinzip der Wiederholung und Variation – die berühmten »Bilderschleifen« der Katastrophen, die aus einem Bild der Wirklichkeit ein Emblem des Wirklichen machen. Die Vermischung von Nachrichten und Pseudonachrichten – Prominentengeschwätz, Sportereignisse, human interest. Die Personalisierung und die Verwandlung der Nachricht in die story. Die Perforation der »großen« mit den »kleinen« Nachrichten. Das endlose Besprechen, Bereden, Betalken. Die direkte, menschliche und intime Ansprache des Adressaten. Die bunte Mischung aus Nachricht und Entertainment. Die Rekonstruktion eines Milieus (Nachrichten für Fans). Was bleibt da am Ende von jener Wirklichkeit übrig, von der unsere toughe Journalistin, unser tougher Journalist noch so überzeugt waren?
 
Aus dem »Bild der Wirklichkeit« (Wirklichkeit 2) ist ein Programm, eine mediale Lebenswelt geworden, in die der Adressat eintauchen kann (Wirklichkeit 3). Diese trifft auf eine Wirklichkeit des Adressaten selbst. Die Begegnung generiert nicht erst seit dem Biedermeier eine bizarre Behaglichkeit. »Gemütlich« die Zeitung lesen, die Tagesschau zum Abendessen sehen, Spiegel Online smartphonemäßig auf dem Weg zur Arbeit durchchecken …
 
Die Nachricht musste dafür aber zum Gegenteil dessen werden, was sie ursprünglich bedeutete, nämlich Bestätigung statt Veränderung. Nun mag sich die Frage stellen, ob die »Abhängigkeit« der User eher von der Form oder vom Inhalt generiert wird. Wir könnten behaupten, dass Bild-Leser und -Leserinnen, die nach ihrer Lektüre süchtig sind, nicht von ihrer Sucht lassen könnten, auch wenn ihnen klar würde, dass die Zeitung von vorne bis hinten aus Fiktionen besteht. Das entscheidende Band zwischen dem Me­dium und seinen Adressaten besteht im Management der Gefühle.
 
Der mediale Lebensraum rekonstruiert mithin nicht allein die äußere Wirklichkeit, in der sich der Journalist herumtreiben mag, sondern auch die Wirklichkeit des Mediennutzers. Eine gewisse »Zeitung für Deutschland« liefert daher nicht nur ein Bild der Welt, sondern vor allem ein Bild ihres Lesers. Diese Wirklichkeit, in der der Adressat lebt (Wirklichkeit 4), wird von den Nachrichten nicht mehr nur bestätigt, sondern in zunehmendem Maße auch konstruiert. Das Medium beantwortet mir nicht nur die Frage: »Was ist in der Welt los, und wie ist sie beschaffen, dass das alles los sein kann?«, sondern auch die Frage: »Wer bin ich und welchen Kompromiss schließe ich zwischen meinem subjektiven und meinem sozialen Sein?« Kurz und gut: Aus dem biedermeierlichen Instrument, die Welt auf Distanz zu halten, indem ich sie durch Nachrichten (durch »Wissen«) kontrolliere, ist vor allem ein Instrument der Selbstkontrolle und der Selbstvergewisserung geworden. Weder die Sensation noch die Ideologie allein machen die Bild-Zeitung aus, sondern die Konstruktion ­einer medialen Lebenswelt, in der bestimmte Impulse »erlaubt« sind, die in der ansonsten »zivilisierten« Öffentlichkeit verboten sind. [...]
 
In der Mehrzahl aller medialen Produkte ist das Subjekt der Nachricht zugleich sein Objekt. Der Adressat erhält Nachrichten über sich selbst. Er ist Inhalt, Form und Konsument der Nachricht zugleich, und dies ist natürlich umso einfacher zu bewerkstelligen, als sich die Nachricht, oder was aus ihr ge­worden ist, um einen Fetisch herum entwickelt: die Gesundheit, das Leben auf dem Land, der Sport, elektronische Gadgets, Musik, Mode, Fernsehen, das Essen (als der Metadiskurs von Moral, Geschmack und Gesellschaft). [...]
 
Weder die »Neuigkeit« noch gar die Informationstiefe einer Nachricht aus der ersten Wirklichkeit verschafft Wettbewerbsvorteile, sondern vielmehr ­jenes Management der Gefühle, welches das Empfängersubjekt zufriedenstellt. Widerspruchsfreiheit ist ebenso ein Element der Zufriedenheit wie Komplexitätsreduzierung. Um­gekehrt ist in einer Gesellschaft, in der die größte soziale Drohung ist, ausgeschlossen, nicht mitgenommen, nicht connected zu werden, eine »abweichende Meinung« wesentlich mehr als ein diskursiver Konfliktstoff. Es ist ein Stigma. Das Mainstreaming von Bildern der Wirklichkeit besagt, dass sie vom Status eines Diskurses (einer Verhandlung über das Richtige und Falsche, Nützliche und Unnütze, Erlaubte und Verbotene) in den eines Dispositivs (eines Empfindens, eines Geschmacks am Richtigen und Falschen etc., einer Art des Glaubens) wechseln. Gegenüber einem Mainstream-Bild der Wirklichkeit kann sich abweichendes Verhalten nicht mehr als Kritik, sondern nur noch als Ketzerei, als moralische Verfehlung sehen. Die Nachricht im Management der Gefühle wird zu einem Köder für Zustimmung. Und dies macht sich die völkische Rechte besonders zu eigen. Der Wert einer Aussage liegt nicht in ihrem Bezug zum Wirklichen, sondern im Ausmaß der Zustimmung, die sie erzielt. In einer Fülle von Aussagen setzt sich nicht die realistischste durch, sondern die mit der meisten Zustimmung. Das scheint zunächst trivial, wird aber da furchteinflößend, wo Zustimmung eine nächste Form der Wirklichkeit generiert, die wir Wirklichkeit 5 nennen können. Aus der leichten Form der likes und followers wird die schwere Form der Hetz- und Hassmail nach demselben Muster: die Verwirklichung noch des größten Unfugs durch die Wolke der Zustimmung.
 
All diese Tendenzen haben durch die sozialen Netzwerke, die Möglichkeiten der Beschleunigungen, der Intensivierung, der gleichzeitigen Subjektivierung und Anonymisierung im digitalen Netz Verstärkung erfahren, ihre Ursachen sind sie nicht. Der Antrieb zu einer solchen virtuellen Mob­bildung kommt ursprünglich offenbar aus einem Empfinden der Isolation. Da will etwas hinaus; aus einem Gefängnis, einer Dunkelkammer, die die Medien zuvor selbst geschaffen haben. Und wir beginnen zu ahnen, woher, was die Psychosen anbelangt, dieses »Lügenpresse«-Gebrüll kommt (bevor wir erkennen, wie sehr es eben auch taktisch gesteuertes politisches Angriffspotential ist). Man schreit da gegen das an, was die eigenen Gefühle nicht managen konnte oder wollte.
 
Die Renationalisierung der Wahrnehmung
Daraus ergibt sich gleichsam zwangsläufig die Konsensproduktion. Die einst ironisch gemeinte Frage »Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht?« ist zum Leitfaden des Journalismus im Zeichen des Mainstreaming geworden. Die Nachricht hat keine Distanz zu ihrer eigenen moralischen ­Bewertung. Die Bilder der Flüchtlinge, die uns über unsere, nun eben: Mainstream-Medien erreichen, sind samt und sonders »Einstellungen« in einer mythischen Inszenierung. Was Mainstreaming als ästhetische Praxis bedeutet, lässt sich leicht daran erkennen, dass aus einer nahezu endlosen Fülle von Bildern immer wieder drei oder vier zur Produktion der ikonographischen Endlosschleifen ausgewählt werden. Dahinter steckt keine Verschwörung, sondern das spezielle Wirken einer Maschine, die ihre effizienteste Arbeitsweise sucht. Da sie nicht für die Gesellschaft, sondern für den Markt produziert, kann ihr Produkt nicht »Information« sein, sondern es muss zählbare Aufmerksamkeit sein, Zustimmung, die sich auszahlt. Würde von einem Tag auf den anderen die äußere Wirklichkeit einfach aufhören zu existieren, so müsste sich die Medienmaschine (die Metamaschine, die etliche Maschinen zusammenfasst) nur noch in Nuancen ändern.
 
Das Interesse am Mainstreaming der Medien aber hat natürlich noch viele andere Gründe. Nicht nur die Erzeugung von emotionalem Gleichgewicht ist das Ziel, sondern vor allem die Renationalisierung der Wahrnehmung. Dass nicht mehr am Leitfaden von Aufklärung und Demokratie, sondern an dem von »nationalem Interesse« und »Identität« berichtet wird, erzeugt einen Sog der nationalen Erzählungen, die den intimen medialen Lebenswelten entsprechen: Die Aufsplitterung der Medien in immer kleinere mediale Lebensräume (Landlustküche mit Thermomix) und immer raschere Abfolgen von Hysterie und Langeweile entspricht einer gleichzeitigen Entstehung immer umfangreicherer nationaler, »identitätsstiftender« Mythen, die aus Nachrichten, vor allem aus der Synchronisierung der Nachrichten mit vorhandenen Bildern und Narrativen zusammengesetzt sind.
 
Wie bei den Nachrichten die fünf, sechs Genres genügen, genügen bei den durch sie erzeugten identifikatorischen Erzählungen drei, vier Grundmodelle, die man vielleicht so zusammenfassen könnte: gemeinsames Glück (»Sommermärchen«); gemeinsame Trauer (kollektiver Trauerrausch); äußerer Schrecken und innerer Frieden (Ukraine, Griechenland, Flüchtlinge); Bedrohung (»Kommt der Virus zu uns?«); unsere Sorgen und Nöte (das Wetter, der Dax, die Arbeitslosenzahlen, aber Exportweltmeister und Lotteriegewinn). Man könnte die Mainstream-Erzählung noch einmal zusammenfassen: »Wir und die anderen«. Oder, noch einfacher: Es existiert ein Wir. Das auf einen Warenfetisch ein­gedampfte Ich und das zu nationaler Aggression aufgeblasene Wir wird durch dieselben medialen Lebensräume erzeugt. [...]
 
Nicht nur allgemeine Dispositionen stecken hinter solchen Transformationen, sondern auch sehr handfeste ­politische und ökonomische Interessen. Medienmacht bedeutet Reichtum: In Frankreich sind sechs der zehn größten Vermögen in den Händen von Medienunternehmen. Und Reichtum bedeutet Medienmacht. In Italien besitzt die Familie Berlusconi ein abso­lutes Meinungsmonopol. Nach der Machtübernahme der Nationalisten in Polen drohten diese mit einer ökonomischen Nationalisierung der Medien. In Brasilien erzeugt der Fernsehsender Rede Globo ein der ökonomischen Führungsschicht passendes einheitliches Weltbild. Rupert Murdochs Fox News hat in den USA nicht wenig zu dem allgemeinen Trend nach rechts (und eine kolossale politische Verblödung hinter ideologischen und quasi religiösen Phantasmen) beigetragen. Murdoch gehören unter vielem anderen das Wall Street Journal und die britische Massenzeitung Sun.
 
Man kann nun begreifen, warum das Phantasma der »Lügenpresse« im Milieu der Rechtspopulisten, völkischen Schreier und Halbfaschisten so rasche Verbreitung fand. Und ebenso kann man verstehen, wie rasch die Besetzung der Zeitungskioske beim Schwinden der bürgerlich-demokratischen Medien durch Organe der »Neuen Rechten« oder solche, die sich aus dem bürgerlichen Lager nach rechts bewegen, vonstatten gehen konnte. Das unentschiedene neoliberale Subjekt muss früher oder später doch zu einer Seite tendieren, der der antidemokratischen, völkischen Nationalisten oder der der demokratischen Zivilgesellschaft. »Lügenpresse« ist der Kampfruf zur Eroberung eines Instruments, das ökonomisch so stark wie kulturell schwach ist. Wer das Management der Gefühle beherrscht, bekommt früher oder später auch die politische Macht.
 
Der bürgerlich-demokratischen Presse und den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten wird ja keine konkrete Lüge nachgewiesen, vielmehr geht es darum, dass ihnen das Recht verwehrt wird, »im Namen des Volkes« zu sprechen. Der rechte Gramsciismus hat die Parole der kulturellen Hegemonie nach unten durchgereicht. Das »Lügenpresse«-Gegröhle »da ­unten« ist die vollkommene Entsprechung der Strategien der Damen und Herren »da oben«, in jeder Talkshow, in jedem Zeitungskommentar präsent zu sein, während man parallel ein ­eigenes Mediennetz aufbaut. Auch die braunen Shitstormer sind da eine willkommene Manövriermasse, nicht nur indem sie ein Chaos- und Bedrohungspotential, die Vergiftung der Gefühle und der Sprachen, erzeugen, sondern auch weil sie den Diskurs zum Verstummen bringen. Zur gleichen Zeit freilich können sich auch die Mainstream-Presseerzeugnisse bürgerlich-demokratischer Tradition nichts Besseres wünschen, als in der Art von der extremen Rechten und dem Straßenmob angegriffen zu werden. Wir müssen diese Presse verteidigen, sie ist alles, was wir haben. Kritik verbietet sich. Je suis Lügenpresse.
 
Ich weiß. Es gibt sie da draußen, die ehrbaren, die engagierten, die tapferen Journalistinnen und Journalisten, die mit ihrer auch unsere Freiheit verteidigen und nebenbei eine Wirklichkeit, die es ohne Zweifel immer noch gibt. Die Nachfrage nach ihren Bildern freilich wird umso geringer, als sie ihren Adressaten nichts anderes als die eigene Ohnmacht vor Augen halten. [...]"
 
Quelle: "Gefühlte Wirklichkeiten" von Georg Seesslen, jungle-world
 
"[...] Die Wahrheit gibt es nicht
Was ist nun eigentlich die Aufgabe eines Journalisten? Die Antwort auf diese Frage lautet oft: Die Wirklichkeit abbilden. Klingt einfach. Aber immer wenn es einfach klingt, dann gehen die Probleme erst richtig los. Gerade in der politischen Berichterstattung geht es nicht ohne Interpretationen. Politik lebt von rhetorischen Tricks, von der Inszenierung und der Notwendigkeit Gesetzestexte auszulegen. DIE eine Wahrheit kann es in diesem Geschäft nicht geben. Trotzdem hält sich diese naive Vorstellung, dass man doch einfach nur darüber berichten soll, was auch tatsächlich passiert ist. Der Journalist soll von Tatsachen ausgehen. Um diese endlosen Widersprüche zu klären, in die sich die aufgebrachten Kritiker verstricken, wäre eine lange philosophische Begriffsklärung nötig. Allein der Begriff der Wahrheit lässt sich nicht auf alles gleichermaßen anwenden. Vielleicht formulieren wir es so: Es gibt in der Welt Tatsachen, die so und nicht anders zutreffen. Es gibt sozusagen eine Wirklichkeit, die sich aus faktischen Gegebenheiten zusammensetzt.
 
Bürger haben die Zufahrt einer Flüchtlingsunterkunft blockiert. Daran ist nicht zu rütteln. Das ist passiert. Das ist das Faktische, wie es in einer kurzen Nachricht zusammengefasst wird. Im Kontext des Politischen aber sagt das nicht viel aus, da es dort auf die Interpretation der Geschehnisse ankommt. Was diese Blockade bedeutet, darauf lässt sich nicht mit dem Finger zeigen. Ein Großteil unsere Auseinandersetzungen dreht sich aber genau um solche Bedeutungen. Haben wir es hier mit einem Rechtsrutsch zu tun? Ich glaube ja. Dafür muss ich dann aber auch Argumente finden (Was ich an anderer Stelle nachhole). Andere sehen darin einen rechtmäßigen Ausdruck des Volkswillens und diffamieren mich als Verdreher der Tatsachen. Die Tatsachen aber, die habe ich widergegeben. Der Überbau, die Interpretation, das ist das Wesentliche – mit einer Lüge hat das nichts zu tun. Daher ist Lügenpresse auch eine furchtbar dumme (und geschichtsvergessene) Unterstellung, denn eine Meinung kann nur insofern gelogen sein, als dass ich etwas von mir gebe, an das ich gar nicht glaube, aber so tue, nur um bei meinem Gegenüber etwas Bestimmtes zu erreichen. Selbst das wäre im Rahmen eines Kommentars einer Tageszeitung völlig unproblematisch. Erstens kennen wir den Journalisten privat nicht und könnten ihn einer Lüge gar nicht überführen. Zweitens bewegt sich ein Kommentator immer in einem diskursiven Feld: Auf jeden Kommentar folgt ein Gegenkommentar.
 
Die Presse ist kein Wunschkonzert
Politik ist Debatte, ist Auseinandersetzung. [...]
 
Man gewinnt mehr und mehr den Eindruck, dass sich die Leser_Innen und Zuschauer_Innen zunehmend als Kunden fühlen. Wir zahlen Rundfunkgebühren, oder den Preis für die Zeitung, also sendet das, was wir haben/sehen/lesen wollen. [...]
 
Die Presse ist kein Wunschkonzert. Sie soll unser aller Leben in Frage stellen und aus der Selbstgenügsamkeit reißen. [...]"
 
Quelle: "Der Kunde, der ist König", Artikel von Sebastian Seidler in der Freitag. Hervorhebungen habe (wie stets) ich vorgenommen.
 
"[...] Auf Facebook schwemmt es Traktate und Parolen besorgter Bürger/Pöbler prominent in die Feeds. Hetze trendet in Timelines und Foren und wirft die Frage auf, was dort überhaupt noch sinnvoll zu diskutieren ist. Umgekehrt aber auch: Manche Medien publizieren Geschichtchen, die das rechtspopulistische Klientel mit heiklen Thesen und krassen Spins dort abholen, wo es steht. Randständige Ideologie ernster zu nehmen, als es der demokratischen Kultur gut tut, ist nicht mehr völlig unopportun, wenn es Quote bringt. Bildblog hat in den vergangenen Wochen und Monaten in einem journalistisch-moralischem Horrorkabinett detailreich die Auswüchse dokumentiert. Wenn bei Franz Meyer der gefühlte Niedergang des katholischen Bayern zum Anlass für Parolendrescherei im Netz taugt, dann waren das für viele andere die Kölner Silvesternacht und Merkels Flüchtlingspolitik, so wie zuvor die Krisen in der Ukraine, Syrien und Gaza.
 
Was passiert da bloß im Netz?, denken viele Kollegen und kommen ins Grübeln, weil die vielen damit verwobenen Fragen unmittelbar unser Selbstverständnis als Journalisten berühren. Zum Beispiel: Wie randständig ist die Meinung von Herrn Meyer wirklich? Oder die von Pegidisten? Lauert unter dem Firnis unserer Zivilisation nicht doch recht dicht jenes Grauen, das man sieht, wenn man sich in Social Media in die Masse braun (rps. im linken Spektrum  dunkelrot) durchmengter Stupiditäten klickt und kaum wieder herausfindet? Was bedeutet das für unsere Arbeit? Wenn vorhin von der urbanen, halbwegs kosmopolitischen, menschenfreundlichen Perspektive auf das Weltgeschehen die Rede war: Ist diese Perspektive eigentlich mehrheitsfähig? Und ist diese Frage nach einer mehrheitsfähigen Perspektive für einen Journalisten überhaupt wichtig, wenn er bloß 1:1 berichten soll, was ist (um Rudolf Augsteins Motto zu zitieren)? Was aber, wenn das, was ist – zum Beispiel bei Rassisten in Dresden, zum Beispiel bei Franz Meyer – nicht zu jenem Prinzip passt, dem Journalismus in Deutschland aus seiner Geschichte heraus verpflichtet ist: nämlich Unmenschlichkeiten als solche zu kritisieren, um für eine freiheitlich-demokratische Grundordnung einzutreten?
 
Ist man, wenn man einen solchen Satz wie den vorherigen hinschreibt, eigentlich schon „Systempresse“? Und wieso glauben so viele Leute die Hetze über „gleichgeschaltete Lügenpresse“? Oder glauben gar nicht mehr Leute als früher daran, und man hört die Lügenpresse-Rufe durch die sozialen Medien nur lauter? Und, Gegenfrage: Verstärken die Verbreitungslogiken sozialer Medien die Hetze gegen Journalisten und andere nicht doch so, dass mehr Menschen diesen Thesen ausgesetzt und dafür empfänglicher werden? Vergiftet das systematisch das Diskussionsklima?
 
Das Diskussionsklima. Tja. Wie immer es dem gerade geht. Klar ist: Es ist seit ein, zwei, drei Jahren einer Herausforderung ausgesetzt, die einerseits inhaltlich nicht neu ist. Die Debatte über die Asyl- und Flüchtlingspolitik zum Beispiel wurde schon vor zwei Jahrzehnten mit grenzwertigen Thesen geführt, im Kern sogar extremer, und manches wirkt 2015/16 wie ein ewiggestriges Echo jener Jahre. Andererseits hat sich die Debatte in digitalen Medien zuletzt auf eine Weise hysterisiert, dass ein Blick auf die digitale Eskalationsmechanik durchaus lohnt. Vielleicht kommen wir so zu Antworten auf die Fragen, oder auch bloß ein bisschen zur Vernunft.
 
Erfolgsprinzip Erregung
Emotion sells – das ist die Geschäftslogik von Facebook. Das klingt erst mal gefühlig-einfühlsam. Doch von Donald Trump über Pegida bis zu Frauke Petry übersetzt es sich in: Hate sells, fear sells.
Es ist nicht grundsätzlich neu, dass machiavellistische Spiele mit Phobien Wahlen entscheiden können. Nun aber vermitteln sich Ängste und Hass in der digitalen Welt kaum gefiltert und kaum kalkulierbar von Mensch zu Mensch, so dass sie einigen reichweitensüchtigen Nachrichtenseiten tolle Monate beschert haben. Kaum ein Tag in den vergangenen Wochen, an dem Social-Media-Ranking-Tools nicht Flüchtlingsgeschichten mit spitzen Überschriften als Reichweitentreiber verzeichnet haben. Da sieht man, wie groß das Aufregerpotential des Themas in unserer Gesellschaft ist, aber auch: das rechtspopulistische Potential. Das führt Redaktionen zu neuen Reichweitenhöhen, die ebendieses Potential als Erfolgschance sehen und entsprechende Billigboulevardtexte womöglich noch als ideologisch unerschrockene Unparteilichkeit verbrämen. Für diese Medien gilt auch gern: Recherchier ja nicht die schöne Headline kaputt!
 
Facebook belohnt Boulevard, weil es Interaktion belohnt – denn Boulevard bedeutet Emotion, und je emotionaler ein Post oder ein Thema, desto mehr Interaktion. Ängste und Hassparolen gehen deshalb viral im Wortsinn: Sie werden zum Virus für unsere Gesellschaft. Das Virus droht unsere Gesellschaft zu spalten, ja: in ideologische Zirkel zu fragmentieren, die sich über das Internet auch noch effizienter und effektiver als früher organisieren können. Das Virus breitet sich rasant aus. Zu befürchten ist, dass die Konsensrepublik Deutschland mit Hilfe dubioser Algorithmen aus dem Silicon Valley zu einer amerikanisch-polarisierten Demokratie wird, die in ideologischen Grabenkämpfen erstarrt. — Halt. Merken Sie, wie bei solchen Haudrauf-Sätzen Angst und andere Gefühle hochkochen? So läuft das Spiel mit steilen Thesen. Probleme werden immer größer gemacht, bis zur scheinbaren Unlösbarkeit. Langweilig wird einem mit solcher Eskalationslogik nie.
 
Schon vor Jahrzehnten wurde das für Boulevardblattmacher wie Posen-Intellektuelle gleichermaßen verführerische Hyperventilieren aktueller Themen mit dem schönen Begriff „Infotainment“ einsortiert. Die digitalen Medien haben nicht nur den News-Zyklus beschleunigt, sondern dieses Über-Spinning von Thesen verschärft. In einer Welt, in der tausende Medientitel nur einen Klick voneinander entfernt sind und über Facebook und Google gleichmäßiger als früher am Kiosk erschlossen werden, gewinnt der krass zugespitzte Text eher als der ausgewogene. Zusammen mit dem latenten Herdentrieb im Journalismus, der auch schon lange kritisiert wird, führt das halbwegs nachvollziehbar zum vergangenen Halbjahr, in dem erst ein Sommerflüchtlingsmärchen gefeiert, dann mit noch mehr Dramapotential die Kanzlerin gefleddert und sich schließlich – zurecht, aber auch mal überdreht – über die Kölner Exzesse empört wurde. Immer noch ein Drama, und immer auf die Vollen.
 
Emotionalität als Prinzip funktioniert auf allen Seiten des politischen Spektrums, [...]
 
Quelle: Plöchinger "Über den Hass"
 
"[...] Sloterdijk verwendet, rhetorisch wieder brillant eingekleidet, was man in der Argumentationstheorie ein fragwürdiges Argument ad personam nennt. Er will die Kritik seiner Kritiker entkräften, indem er sie persönlich diffamiert und ihre Kritik durch primitive Reflexe wie „Beißwut“ und „Abweichungshass“ erklärt. Das ist in jedem Fall unredlich und unterschreitet das Minimalniveau, das intellektuelle Debatten eigentlich haben sollten. Da werden die Kritiker zu „Kläffern“, Pawlowschen Hunden oder ungezogenen Kindern verkleinert und unsere Bundeskanzlerin gleich mit in den Strudel der Diffamierungswut gerissen. Sloterdijk schreckt nicht einmal vor einem Vergleich mit den Vergewaltigern der Kölner Silvesternacht zurück. Das ist geschmacklos und verhöhnt die Opfer sexueller Gewalt. Offenbar bemerkt Sloterdijk nicht einmal, dass er mit seiner enthemmten Rhetorik auf vielfältige Weise genau das dementiert, wofür er inhaltlich eintritt.
 
Philosophische Reflexion jenseits der Polemik
Fachleute nennen das einen „kognitiven Selbstmord“ oder „performativen Widerspruch“. Drei Beispiele mögen das belegen: Sloterdijk mahnt an, dass man sich über so reale Sorgen nicht streiten solle, aber eskaliert durch seinen Beitrag die Polemik ins Phantastische. Sloterdijk wirft seinen Kritikern „Nuancen-Mord“ vor und ist doch in seinem Beitrag selbst der unermüdliche Meister der Vergröberung und Übertreibung. Sloterdijk mokiert sich über das vielfach erwiesene Scheitern der vorausschauenden strategischen Vernunft und weiß oder vielmehr ahnt doch heute schon alles viel besser als seine Kritiker: dass in mehreren Jahren fünf Millionen Asylbewerber in unser Land kommen, dass Merkels Politik scheitern wird, es sei denn, es geschähe ein Wunder usw. Sloterdijk geht seinen Weg der intellektuellen Selbstdemontage offenbar unbeirrbar und lustvoll weiter.Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es nicht auch den Diskurs über die Flüchtlinge in Deutschland vergiften und in die falsche Richtung lenken würde.
 
Was müssen wir also besser machen? Erstens scheint es klar, dass Intellektuelle auch angesichts massiver Ungewissheiten über die Folgen politischen Handelns normative Orientierungshilfe geben müssen. Was wäre denn die Alternative? Dass Politikern derart wichtige Entscheidungen ganz allein überlassen werden? Das kann niemand ernsthaft wollen. Zweitens können wir auch unter Ungewissheit die Wahrscheinlichkeiten von Szenarien abwägen und die Konsequenzen verschiedener Verläufe durchspielen. Das ist in der Ethik und politischen Philosophie durchaus nichts Neues. Drittens sollte man von Intellektuellen und Philosophen zum jetzigen Zeitpunkt keine konkreten Handlungsanweisungen erwarten, sondern Orientierung in grundlegenden Wertefragen.
 
Daran mangelt es derzeit eklatant. Es gibt in der Flüchtlingsdebatte offenbar verschiedene Werte, die nicht reibungslos miteinander harmonieren, aber allesamt relevant sind: der Erhalt unseres Sozialstaates, die innere Sicherheit, Fragen der kulturellen Identität, aber eben auch ganz wesentlich unsere Hilfepflichten und möglicherweise Wiedergutmachungspflichten gegenüber schutzlosen und notleidenden Flüchtlingen. Philosophen müssen klären, wie diese Werte im Konfliktfall gegeneinander zu gewichten sind. Und sie müssen dies mit kühlem Kopf, den besten Argumenten und einer großen Offenheit für die Fakten tun. [...]"
 
Quelle: Frankfurter Rundschau / fr-online.de, "Sloterdijks intellektuelle Selbstdemontage", von Thomas Grundmann.
 
Dankeschön. Ein sachlicher, vernunftgeprägter ;) Beitrag, der aufzeigt, wie angemessenes Verhalten nur aussehen kann, woran es mangelt und wie dem entgegenzutreten ist: zivilisiert, kultiviert, sachlich, besonnen, analysierend, faktenbasiert, argumentativ - mit den Mitteln des Intellekts, nicht der Polemik, der Provokation, der Manipulation. Ethisch verankert: Mensch bleibend.
 

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