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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie

Über die Angst männlicher Konservativer und Kulturrassisten vor Machtverlust, gerade auch auf sexueller Ebene, vor Verlust von Definitionsmacht und Deutungshoheit sowie über die Selbstsucht

"[...] Seeßlen: Der Weltuntergang, um bei dem Bild zu bleiben, passiert nicht bei den Flüchtlingen, sondern genau auf der entgegengesetzten Seite: Dadurch, dass Europa sich abschottet, dass es sich wieder nationalisiert, dass es einen halbfaschistischen Sumpf zulässt. Die sozialen Ungleichheiten zwischen den Mitgliedstaaten und in den einzelnen Ländern nehmen zu. Das wird der EU auf lange Sicht schaden und sie vielleicht zerstören. Indem man Europa in eine Festung verwandelt, verstärkt man diesen inneren Zerfallsprozess. Seine Ursache sind nicht die Flüchtlinge. Die sind nur der willkommene Brandbeschleuniger von sozialen Konflikten, die vorher schon da waren.
 
SPIEGEL ONLINE: Nun zeigt sich mehr und mehr, dass ein großer Teil der Bevölkerung die Flüchtlinge nicht aufnehmen will. Wovor haben die Leute Angst?
Seeßlen: Die Angst vor Veränderungen ist weitverbreitet. Darüber hinaus glaube ich nicht, dass Angst der richtige Begriff ist. Man will nichts abgeben.
 
SPIEGEL ONLINE: Geht es um Besitzstandswahrung?
Seeßlen: Nicht nur. Wir haben es offensichtlich nicht geschafft, eine Gesellschaft zu werden, die sich in einem gemeinsamen Ziel wiederfindet. Wer wollen wir sein, was sind unsere Ideale? Dieses Fehlen halten uns die Flüchtlinge sozusagen als Spiegel vor Augen. Wenn dann immer von deutschen Werten gesprochen wird, empfinde ich das als Perversion. Das ist auch ein großes Versagen unserer Kultur. Und viele populäre Intellektuelle haben offenbar nur auf den Moment gewartet, nach rechts überzulaufen.
 
SPIEGEL ONLINE: "Wir lügen uns um die Tatsache herum, dass Europa auch eine Festung sein muss", sagt der Philosoph Rüdiger Safranski. Sein Kollege Peter Sloterdijk spricht vom "Lügenäther" der Medien und der Politik. Da ist der "Lügenpresse"-Vorwurf von Pegida nicht mehr weit.
Seeßlen: In beiden Fällen geht es um semantischen Geländegewinn. Ein Text wie der von Sloterdijk markiert zuallererst, dass man so etwas nun wieder sagen darf, auch als Suhrkamp-Autor.
 
SPIEGEL ONLINE: Wieso dieser Schulterschluss mit der neuen Rechten?
Seeßlen: Die Intellektuellen leiden im Grunde unter derselben Veränderungsangst wie Angehörige anderer sozialer Schichten. Eventuell müsste man Definitionsmacht abgeben, und das ist nicht gewollt. Dabei könnten die Intellektuellen in einer Gesellschaft, die sich neu erfinden muss, eine neue Position finden. Das kann etwas Wunderbares sein. Stattdessen greifen Sloterdijk und Safranski auf den antimodernen Diskurs zurück, der in Deutschland immer mitgeschleppt wird.
 
SPIEGEL ONLINE: Glauben Safranski und Sloterdijk selbst an ihre Thesen?
Seeßlen: Natürlich ist ein Intellektueller immer auch PR-Agent in eigener Sache. Wenn man auf diesen Zug aufspringt, ist einem die Aufmerksamkeit der Medien relativ sicher.
 
SPIEGEL ONLINE: Das wäre ein taktisches Moment. Und doch findet man in beiden Texten affektiv aufgeladene Begriffe. Rüdiger Safranski etwa meint, die Politik hätte die Entscheidung getroffen, "Deutschland zu fluten". Geht es da noch zuallererst um Aufmerksamkeit?
Seeßlen: Nein. Autoren wie Safranksi sollten die Bücher eigentlich gelesen haben, in denen sexuelle Metaphern wie die von der "Flut" analysiert worden sind, denken Sie nur an Klaus Theweleits "Männerphantasien". Es ist definitiv so, dass in der ganzen Diskussion immer auch der Diskurs der sexuellen Identität mitschwingt. Man kann ja mit kaum noch jemandem über Flüchtlinge sprechen, ohne dass es nach fünf Minuten um die Sorge um "unsere Frauen" geht.
 
SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn in Ihren Augen Sorgen, die real sind und eine Berechtigung haben? Die Diskussion über das Frauenbild von Menschen aus Gesellschaften, die nicht von 1968 und vom Feminismus geprägt wurden, wird ja auch unter Linken und Flüchtlingshelfern geführt.
Seeßlen: Kein Mensch ist bislang auf die Idee gekommen, das liefe alle problemlos und würde ein großes Straßenfest. Jeder weiß, dass es Chancen und Probleme gibt. Die ganze Diskussion um Sexismus und Islam ist inzwischen dermaßen mit Kränkungen und Gegenkränkungen aufgeladen. Es gibt kaum noch die Möglichkeit, vernünftig über Probleme zu sprechen, die in einer demokratischen und kultivierten Gesellschaft durchaus zu lösen wären.
 
SPIEGEL ONLINE: Sie zeichnen ein düsteres Bild.
Seeßlen: Es gibt schlicht niemanden mehr, der sich zu diesem Thema äußern kann, ohne gleich auf die eine oder andere Seite gestellt zu werden. Das ist eine alte Taktik der Rechten: Diskurse so lange zu vergiften, bis es einen vernunftgeleiteten Gedanken darin nicht mehr geben kann. Und die Beiträge von Sloterdijk und Safranski tragen dazu bei. [...]"
 
Quelle: spon - "Halbfaschistischer Sumpf", von Georg Seeßlen, Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
Genau darum geht es: Um Angst vor Machtverlust. Letztlich auch immer um Sex. Und Männer haben Angst vor Machtverlust. Und Männer wählen mehrheitlich die AfD. Und Konservative wie Peter Sloterdijk, Rüdiger Safranski und Kulturrassisten wie Thilo Sarrazin haben nicht nur Angst vor Verlust von "Definitionsmacht" und "Deutungshoheit", sondern sind, wie Henryk M. Broder sich so treffend (in der Süddeutschen Zeitung, siehe Link unten) selbst beschrieb: Mediennutten. - Wenn das Wort zur Hure wird ... (siehe unten: NDR-Kultur-Link).
 
Man muss sich dessen gewahr werden, das hier - vermeintlich "intellektualisiert" und vorgeblich "intellektuell" legitimiert - vonstatten geht:
 
"[...] Deshalb, so schreibt er in einem der schlimmsten Texte seiner gerade erschienenen Essaysammlung "Was geschah im 20. Jahrhundert?", müsse der Mensch durch "Zähmen, Züchten und Hüten" zur "Domestikation" gezwungen werden - am besten durch philosophische Zoodirektoren wie Sloterdijk, die wissen, was der Platz für jedes "Menschenjunge" ist.
 
Französische Revolution als Betriebsunfall der Geschichte
Es ist eine krude "Natürlichkeit", die Sloterdijk hier predigt, und sie passt zu seinem Verständnis der französischen Revolution nicht als Befreiung des Menschen durch die Prinzipien von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - sondern als ein Betriebsunfall der Geschichte, der die "symbolische Ordnung" der Welt durcheinandergebracht hat. [...]
 
Moral ist der Feind
"Der spezifische Beitrag des 20. Jahrhunderts zur Neubeschreibung der conditio humana", schreibt Sloterdijk, "ging von der Einsicht aus, dass die Kategorien der Evolutionstheorie nicht ausreichen, um Domestikationen zu beschreiben - weder bei Haustieren im Allgemeinen noch beim König der Haustiere, dem Menschen."
 
Waren es also die Deutschen, die die Juden umgebracht haben - oder waren es Katzen, die Mäuse verfolgt und gefressen haben? Ist es das, was er meinte, als er vor einigen Jahren schrieb: "Die Ära der hypermoralischen Söhne von nationalsozialistischen Vätern läuft zeitbegingt aus. Eine etwas freiere Generation rückt nach."
 
Moral ist der Feind, weil sie eine Verbindung zur Schuld der Väter bedeutet - und der Humanismus ist ein Problem, weil er den Menschen dazu zwingt, sein eigenes Handeln moralisch zu rechtfertigen.
 
Das ist das Credo eines anderen Deutschland, wie es seit dem Fall der Mauer erst leise und dann immer lauter propagiert wurde. In diesen wenigen Sloterdijkschen Gedanken ist so ziemlich alles enthalten, was seine Ausprägung findet in AfD-Rassismus, CSU-Autoritarismus und einem allgemeinen Schluss-mit-Menschenrechte-Egoismus.[...]
 
Er spricht hier als Gekränkter. Das erklärt auch seine Wut, das erklärt seine Sticheleien und seine Herablassung gegenüber seinen Kritikern. Wie narzisstisch muss man zum Beispiel sein, um die Diskussion über das, was man sagt, als Zeichen der "Entkulturalisierung" zu bezeichnen?
Und auch das verbindet ihn mit den Wählern der AfD und ihrer Wut. Sie finden sich im Ressentiment der Zukurzgekommenen, sie empfinden die Gegenwart als Beleidigung. Sie haben Angst, ihren Stand oder ihre Statur zu verlieren.
 
Und sie haben jemanden gefunden, der womöglich noch schwächer ist als sie: den Flüchtling."
 
Quelle: spon - "Verächter der Wirklichkeit" (über Peter Sloterdijks antihumanistische, kulturrassistische Äußerungen, siehe oben befindlichen Link)
 

Ein anschauliches Beispiel für seine Medien-Prostitution liefert Henryk M. Broder bspw. in nachfolgendem Text, seinem Meinungsbeitrag ;)  in der WELT ("Was Blümchen in Idomeni zu sehen bekam"), in welchem er seinem Kulturrassismus ungehemmt die Zügel lässt - gänzlich und schamlos fakten"befreit".

Das Widerwärtig(s)te ist allerdings, dass sich dabei selbst antizionistische Antisemiten scheinheilig auf ausgerechnet Broders Seite stellen. - Das nennt man Opportunismus der abstoßendsten Art. Das ist Falschheit par excellence.

 

"[...] Neunundneunzig Schiffe waren in Indien aufgebrochen, beladen mit Elendsgestalten. Die „Vorhut einer Gegenwelt“, eine „Invasion“. Die ausgehungerten Inder, als wimmelnde Insekten beschrieben und angeführt von einem „Krüppel“ namens „Kotkäfer“, werden den Strand stürmen, dabei einige Mönche tottrampeln, die ihnen zur Hilfe eilen wollten, und Frankreich sowie das gesamte Abendland überlaufen. Die französische Armee gibt kaum einen Schuss ab, Zivilisten hissen weiße Fahnen. „Frankreich hat nachgegeben“: Feigheit vor dem Feind, eine schändliche Kapitulation. Und in anderen Regionen der Dritten Welt sammeln sich bereits neue „Einwandererflotten“. [...]
 
Das xenophobe und rassistische Szenario entstammt dem Roman „Das Heerlager der Heiligen“ des französischen Schriftstellers Jean Raspail. Der Royalist und traditionelle Katholik, der 1925 geboren wurde und in Neuilly-sur-Seine bei Paris lebt, hatte seine ideologisch überladene Dystopie 1973 veröffentlicht. Zwei Millionen Exemplare wurden verkauft, zuletzt war nur eine englische Übersetzung lieferbar. Jetzt ist die erste vollständige deutsche Ausgabe von „Das Heerlager der Heiligen“ herausgekommen, im Antaios Verlag, einschlägig bekannt für neorechte Publikationen. Raspails Roman ist dabei, zum Kultbuch der Pegida-Bewegung sowie anderer Rechter und Rechthaber zu werden. Falls Pegida-Demonstranten überhaupt 400-seitige Romane lesen.
 
Als Science-Fiction-Geschichte oder Thriller funktioniert das Buch nicht, dafür bleibt die Handlung zu oft im dozierenden Redeschwall seiner Figuren stecken. Aber seine markigen Meinungen, die penetrant wiederholten Warnungen vor einem „Ansturm auf das Abendland“ scheinen auf gespenstische Weise einen Widerhall in den Parolen der Extremisten von Dresden, Nauen, Dortmund, Heidenau oder Meißen zu finden.
 
Der Verlag Antaios, benannt nach einer von Ernst Jünger herausgegebenen Zeitschrift und auf einem Rittergut in Sachsen-Anhalt beheimatet, ist eng mit dem „Institut für Staatspolitik“ und der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ verbunden. Antaios sieht sich in der Tradition der Konservativen Revolution zu Zeiten der Weimarer Republik, das Institut gilt als ein wichtiger Thinktank der Neuen Rechten.
 
Der österreichische „Heerlager“-Übersetzer Martin Lichtmesz, hervorgetreten mit seinem Anti-Charlie-Hebdo-Traktat „Ich bin nicht Charlie“, verweist im Vorwort zu Raspails Buch auf die Aktualität des Stoffes. Anders als im Roman mit seinen Hungergestalten drängten nun allerdings „in der Mehrzahl junge, kräftige Männer“ nach Europa. Was im Klartext wohl heißen soll, dass der verweichlichte Westen sich ihrer noch weniger erwehren kann. Der Krieg der Kulturen ist unausweichlich. [...]"
 
Quelle: Der Tagesspiegel - "Das Kultbuch der Neuen Rechten - eine Lesewarnung"
 
"[...] In dem stark an Konzepten der Psychoanalyse und von Gilles Deleuze und Félix Guattari orientierten Buch untersuchte Theweleit faschistisches Bewusstsein und die soldatische Prägung des Ich. Darüber hinaus versuchte er, einige der verbreiteten psychoanalytischen Ansichten über den faschistischen Männertyp umzuformulieren. Er behandelt darin insbesondere die Literatur der deutschen Freikorps der Zwischenkriegszeit. Angeregt sind seine Thesen außerdem durch die Arbeit der amerikanischen Psychoanalytikerin Margaret Mahler, die in ihrem 1969 erschienenen Buch On Human Symbiosis and the Vicissitudes of Individuation psychotische Kinder beschreibt, deren Züge Theweleit mit den Attitüden der Autoren – Hermann Ehrhardt, Gerhard Roßbach, Martin Niemöller, Rudolf Höß, Ernst Jünger, Ernst von Salomon, Paul von Lettow-Vorbeck und Manfred von Killinger – vergleicht, die den Ausgangspunkt seiner (zunächst literaturwissenschaftlichen) Untersuchung bilden.
 
Gemeinsam sei sowohl den genannten Kindern als auch den von Theweleit angeführten Autoren u.a. eine Unfähigkeit zu menschlichen Beziehungen, ein Entgleisen der libidinösen menschlichen Objektwelt und ein aggressionsgesättigtes, chaotisiertes „Inneres“. Weder bei den von Mahler beschriebenen Kindern noch bei dem (durch die genannten Autoren repräsentierten) faschistoiden Männertyp sei ein von innen heraus gewachsenes Ich im Sinne der Freudschen Psychoanalyse – als Mittler zwischen der Welt und dem Es – voll entwickelt. Aufgrund dieses Mangels sei der faschistoide Typ, ähnlich wie Mahlers Patienten, von jederzeit hereinbrechenden unlustvollen symbiotischen Zuständen bedroht und darum zu ständiger Angstabwehr gezwungen.
 
Im Gegensatz zu den beschriebenen Kindern seien Erwachsene vom „faschistischen Typ“ jedoch hoch funktional und in keiner Weise autistisch, was Theweleit dadurch erklärt, dass diese Personen durch erlittene Prügel und militärischen Drill ein sekundäres Ich in Form eines „Körperpanzers“ erworben haben, dessen äußere Kennzeichen u. a. militärische Strammheit, Steifheit und Unterkühltheit seien. [...]"
 
Quelle: Wikipedia-Eintrag über Klaus Theweleit, s.o.
 

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