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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie

Über den "Gender-Terror", das "Feminat", Biologismus, politisch inkorrekte "Tabubrecher", antifeministische Männerrechtler, hedonistische Lifestyle-Machos, die "natürliche Geschlechterordnung" u. das Annektieren von manipulativ umgedeuteten Begriffen

 
Es sind - aus bekannten Gründen - unhaltbare Vorurteile bezüglich der gender studies im Umlauf und Ziel ist: sie total zu diskreditieren, um sich ihrer entledigen zu können - aus wiederum uralt bekannten, d.h. den immer selben Gründen (von "außerhalb" und "innerhalb" feministischer Kreise: Neid, Selbstschonung, Selbstgerechtigkeit, fehlende Solidarität und Bereitschaft zur respektvollen wie empathischen, aufgeschlossenen (!) Auseinandersetzung, von "außerhalb" und insbesondere von konservativer und männlicher Seite: all das Aufgezählte und zusätzlich die Wut über Privilegien-, Deutungshoheits-, Machtverlust, einhergehend der Wille, zu spalten). Diese (letztgenannte) Vorgehensweise/Taktik ist so billig wie sie leicht enttarnbar ist.
 
Ich bin nicht vom Fach (gender studies), denke aber, worum es grundsätzlich geht und m.A.n. auch gehen sollte, ist generell natürlich das Erreichen von Geschlechterparität, d.h. von Gleichwertigkeit, Gleichwürdigkeit (nicht "nur" Gleichberechtigung) der Geschlechter, dann aber auch eben um das Sensibilisieren für all die Folgen, die das soziale Geschlecht (somit also Vorstellungen, Erwartungen, Umgangs- und "Erziehungs-/Sozialisationsweisen", Normierungen, einhergehend bzw. daraus resultierend jeweils persönliche Glaubenssätze im Zusammenhang mit Geschlechterrollen, Verhaltensweisen ...) umfasst, die durch gender eben hervorgerufen werden.

Ich denke schon, dass die ExpertInnen durchaus zwischen gender studies und gender mainstreaming unterscheiden (nicht nur können, sondern auch wollen), es nimmt diese Unterscheidung allerdings der "Otto-Normalbürger" eher nicht vor - mit bekannten Folgen (Vorurteilen, Abwehr bis hin eben zur Diskreditierung oder auch zur Misogynie und zum Sexismus).

Natürlich gibt es auch Biologie, das biologische Geschlecht, was jedoch wiederum nicht mit Biologismus gleichsetzbar ist - so aber von all jenen immer wieder gerne und aggressiv vorgenommen wird, die eben gender studies wie auch "den" Feminismus allzu gerne in Misskredit bringen möchten, weil es ihnen gerade um Privilegien-, Machterhalt, Definitions-/Deutungshoheit geht und somit gerade nicht um Geschlechterparität.

Und selbstverständlich gibt es Unterschiede zwischen Individuen - die aber häufig nicht überwiegend oder gar ausschließlich aufgrund der Biologie zustandekommen, sondern aufgrund der je persönlichen Prägung (d.h. des Geprägtwordenseins), der Sozialisation, der jeweiligen Kultur/des Kulturkreises, in dem jemand aufwächst und aufgrund auch dessen, das je individuell (als genetische Anlage bzw. Persönlichkeit(sstruktur) ) mitgebracht wird und wie all das mit der jeweils persönlich erlebten, erfahrenen Umwelt korreliert. Und klar, an dieser Stelle "schließt sich der Kreis" - gelangen wir unweigerlich wieder zum sozialen Geschlecht - wie es wodurch "zustandekommt", geprägt und auch konstruiert wird, mit welchen einhergehenden Normierungen, Zwängen, Beschränkungen, Erwartungen und daraus wiederum resultierenden Glaubenssätzen usw..

Und ja, selbstredend spielt hier auch Sprache eine bedeutende Rolle.
 
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"[...] So wird etwa behauptet, Gender- und Queer-Studies beteiligten sich aktiv an Zensur, an regulierenden Sprachpolitiken und verhinderten freie Meinungsäußerungen. Das ist zweifellos kritisch zu reflektieren, wo immer es geschieht. Aber soll damit gesagt sein, dass freie Rede radikal ungehemmte Rede sein sollte? Dass wir uns als Feministinnen an Boshaftigkeit und Karikatur beteiligen sollten? Dass wir jegliche Form akademischer Redlichkeit verweigern können? Dass wir also dem Vorbild des Emma-Autors folgen sollten?
 
Liefert uns dieser Text nicht vielmehr ein Beispiel für eine ruchlose Rede? Ohne Achtung für Wahrheit, obwohl er selbst fordert, Feminismus müsse objektiver werden? In jedem Fall bietet er Anlass zur Sorge, ob sich inzwischen eine Form von "Trumpism" im Feld des Feminismus eingerichtet hat: Sag, was immer du willst, beleidige oder verletze nach Belieben und sorge dich nicht, ob das, was du sagst, wahr ist oder ob es Schaden anrichtet in der Welt.
 
Wenn dies das von Emma favorisierte feministische Modell von Freiheit ist und die Richtung anzeigt, die feministische Kritik nehmen soll, dann haben wir in der Tat allen Grund, besorgt zu sein.
Denn der Feminismus, den wir seit Simone de Beauvoir kennen, verkörperte im Unterschied dazu eine umsichtige, nachdenkliche und bejahende Idee von Freiheit. Eine, die verbunden ist mit der Verantwortung, eine gleichere, gerechtere und freiere Welt zu schaffen. Wenn aber "frei" bedeutet, frei von jeglicher Verpflichtung zu handeln, warum sollte dann irgendjemand die Aufgabe übernehmen, die Welt freier, gerechter und gleicher zu machen? [...]"
 
Quelle: zeit.de - "Die Verleumdung"
 
"[...] Seit Monaten drucken Feuilletons der bürgerlichen Presse offen misogyne, sexistische und auch homophobe Positionen. Besonders aber werden die Gender Studies diskreditiert: als „Exzess“, als „Ideologie“ oder als „Anti- bzw. Pseudowissenschaften“, die (natur-)wissenschaftliche Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen und uns (?) allen ihre krude, realitätsfremde Ideologie aufzwingen wollen.
 
Auch in den Weiten der sozialen Medien manifestiert sich auf oft wenig zivilisierte Weise die Empörung über die angebliche Gehirnwäsche durch Gender, die vermeintliche Verschwendung aberwitziger Summen öffentlicher (Steuer-)Gelder für Gender Studies und über den Untergang von Bildung, Kultur und Abendland durch Gender. Unverhohlen wird geschmäht, diffamiert und sogar mit Gewalt gedroht. Die Angriffe zielen darauf, Wissenschaftler/innen zu beschädigen und das interdisziplinäre Feld der Geschlechterforschung als ‚unwissenschaftlich‘ zu denunzieren. [...]
 
Was aber ist das, dieses dubiose Gender, das so machtvoll sein soll? – Gender meint zunächst eine Grenzziehung, nämlich die Unterscheidung in Männer und Frauen. Angesiedelt wird diese Differenz an einem historisch durchaus beweglichen, immer jedoch bestimmten Ort: dem des Körpers. Wurde die Frau im 19. Jahrhundert auf ihre Gebärmutter festgelegt, so sind es aktuell wahlweise das Gehirn, die Hormone oder auch die Chromosomen, die vorgeblich die Wahrheit des Geschlechts in sich tragen. Keine andere Leitdifferenz der Gegenwart ist derart eng an ein biologistisches Verständnis geknüpft.
 
Doch selbst wenn der Geschlechterunterschied sich anatomisch oder hormonell dingfest machen ließe, so ist es doch höchst erkenntnisreich, sich mit der Geschichte dieser Tatsache zu befassen. Genau das tun einige in den Gender Studies. Anders als davon auszugehen, dass es „Männer“ und „Frauen“ aufgrund ihrer unterstellten genetischen oder hormonellen Ausstattung, ihrer Hoden oder Eierstöcke, an und für sich gibt, erforschen die Gender Studies zum Beispiel die historisch konstituierte, kulturell und bisweilen juristisch geregelte sowie subjektiv interpretierte und angeeignete Bedeutung des Geschlechtsunterschieds.
 
Simon Baron Cohen und Judith Butler liegen nicht weit auseinander
Die Gender Studies konnten hier zeigen, dass die Grenzziehung zwischen Natur einerseits und Kultur andererseits mitnichten so offensichtlich und eindeutig ist, wie es der Alltagsverstand annimmt. Was Natur ist und welche Rolle sie für die menschliche Identität und Gesellschaft spielt, ist eben historisch wandelbar. Diese erkenntnistheoretisch völlig triviale Einsicht stellt allerdings für viele inner- wie außerhalb der Wissenschaft eine schwer zu schluckende Kröte dar. Es ist allerdings eine Einsicht, die Naturwissenschaftler/innen und Geschlechterforschende teilen. Jedenfalls ist es von der Position etwa des Cambridger Neurowissenschaftlers Simon Baron Cohen, der die alte Natur- versus Kultur-Debatte als geradezu absurd vereinfachend bezeichnet und dafür plädiert, die Interaktion zwischen beidem in den Blick zu nehmen, nicht weit bis zum Plädoyer der in Berkeley lehrenden Philosophin Judith Butler, die Geschlechterdifferenz als jenen Ort zu verstehen, an dem die Frage nach dem Verhältnis des Biologischen zum Kulturellen immer wieder neu gestellt werden müsse.
Simplifizierende Natur/Kultur-Polemiken spielen in den Gender Studies daher auch keine Rolle. Im Gegenteil: Es sind Ansätze wie die von Ann Fausto Sterling, Professorin für Molekularbiologie an der renommierten Brown University (USA), wonach Gender sowohl sozial als auch biologisch konstruiert ist, die die wissenschaftliche Programmatik der Gender Studies bestimmen. Es wird also üblicherweise davon ausgegangen, dass es Materialitäten (etwa Strukturen des Gehirns, Anatomie, Chromosomen, Hormone) gibt, die bei Männern und Frauen wahrscheinlich häufiger oder seltener vorkommen. Zugleich wird aber eben auch davon ausgegangen, dass diese Materialitäten mit sozialen Umständen und Erfahrungen interagieren.
Hormone sind auch von UV-Licht oder der Diät abhängig, sie reagieren auf Angst oder Lust, sie treten je nach Alter einer Person unterschiedlich auf. Und umgekehrt: Hormone beeinflussen Angst und Lust, sie machen hungrig oder müde. Doch Hormone machen ebenso wenig wie bestimmte Hirnstrukturen oder Chromosomensätze Frauen und Männer.
 
Was es also bedeutet, individuell und gesellschaftlich eine „Frau“ oder ein „Mann“ zu sein, das wird nicht durch eine wie auch immer definierte biologische Essenz festgelegt. Die „Wahrheit des Geschlechts“ ist seit jeher keine nackte, sondern eine höchst bekleidete Wahrheit.
 
Bleibt zu fragen, warum es dagegen derzeit erneut eine medial geschürte Abwehr gibt. Es ist erst rund hundert Jahre her, dass deutsche Wissenschaftler wie der Physiker und Nobelpreisträger Max Planck oder der Maschinenbauingenieur und Rektor der TH Charlottenburg, Franz Reuleaux, sich mit dem Rekurs auf die Natur gegen das Recht von Frauen, zu studieren, stellten. Sie fürchteten einen irreversiblen Eingriff in die Naturgesetze, sollten Frauen als Gleiche in die Akademie einziehen. Wenige Jahrzehnte zuvor, 1873, hatte der Mediziner und Harvard-Professor Edward Clarke argumentiert, intellektuelle Arbeit ziehe wichtige Energie aus den Eierstöcken ins Gehirn und sei deshalb nicht bekömmlich für das weibliche Geschlecht.
 
Es sei dahingestellt, inwieweit die Wissenschaftler dies tatsächlich für eine wissenschaftlich fundierte Aussage hielten oder ob sie sich nur taktisch des wirkmächtigen Diskurses einer naturalisierten Geschlechterdifferenz bedienten, um sowohl eine prestigereiche Position zu verteidigen als auch die vor allem in der deutschen Professorenschaft damals weit verbreitete Statusangst, die sich als Angst vor der Feminisierung ihres Berufes äußerte, zu bekämpfen. [...]"
 
Quelle: tagesspiegel.de - "Das dubiose Gender"
 
"[...] Die rechte Internetzeitschrift Sezession ruft aktuell auf zur „Reconquista maskuliner ­Ideale“ und zur „Re-Polarisierung der Geschlechter – gegen jeden Gender-Trend und gegen jede Verweichlichung des Mannes“. Knapp und treffend fasst sie damit den neurechten Angriff auf Emanzipation und Gleichberechtigung zusammen. Zogen einst die Reyes Catolicó s, die spanischen Könige, in den Kampf gegen das muslimische Andalusien, so machen sich heute die Ritter vom rechten Rand auf, das Terrain maskuliner Glückseligkeit zurückzuerobern.
 
Bereits in ihrem programmatischen Manifest Die selbstbewußte Nation (1994), mit dem die neue intellektuelle Rechte ihren Anspruch auf eine Führungsrolle im Deutschland der Nachwendezeit anmeldete, war die neue Feindlinie gezeichnet: Der Feminismus habe, gemeinsam mit dem Multikulturalismus, die antikapitalistischen Theorien längst abgelöst und stelle eine totalitäre Gefahr dar. Die intellektuelle Rechte müsse sich in Zukunft viel intensiver mit dem Feminismus auseinandersetzen als bisher.
Mission accomplished: Die Geschlechterpolitik ist im Zentrum rechter Ideologien angekommen, und das nicht von ungefähr: Ist doch die Ungleichheit der Geschlechter eine Art Blaupause für jedes Propagieren von Ungleichheit.
 
Diese Ungleichheit ist in unzählige Schichten von Natur, Kultur, Tradition und Evidenz gehüllt, die eine Bezugnahme jederzeit möglich machen. Die Denunziation als weiblich funktioniert in allen Kontexten.
 
Inszenierung durch Sprache
Beobachtet man die rechten Rhetoriker bei ihrer Reconquista maskuliner Ideale, so lassen sich zwei Stränge erkennen: die Thematisierung von Geschlecht in der Auseinandersetzung mit Gleichstellungpolitik, Gender Mainstreaming und Gender Studies ganz im Sinne des Aufbruchs der Nachwendezeit. So zeigt ein Blick in die Programmatik der AfD, in zugehörige Blogs und auf einschlägige Vernetzungen, dass spezifische Maßnahmen der Frauen- und Gleichstellungspolitik wie Quoten oder Themen wie Homosexualität, Transgender und soziales Geschlecht inzwischen zentrale Anker der Argumentation darstellen.
 
Der Antifeminismus der historischen Vordenker der Konservativen Revolution der Weimarer Republik oder der Selbstbewußten Nation wird damit aktualisiert. Die Polarität der Geschlechter ist unabdingbarer Baustein, denn nur vor der Folie einer naturalisierten Zweigeschlechtlichkeit lässt sich die soziale und symbolische Geschlechterordnung errichten, die den Vorrang des Männlichen sichert.
 
Die Inszenierung erfolgt hingegen in der Sprache der politischen Aussagen. Linguistische Forschungen haben gezeigt, dass der Erfolg politischer Rhetorik davon abhängt, inwieweit sie emotionale Zustimmung herstellen. Erst wenn politische Argumente an Selbstbilder, Wünsche, Ideale und Ängste anknüpfen, entfalten sie Wirkungskraft. Diese emotionale Ansprache erfolgt durch Sprachbilder und Metaphern, die unser Denken, Fühlen und Handeln „framen“, das heißt, die tief verwurzelte und eingeübte Wertungen und Assoziationen aufrufen. Dieser Sprachraum ist zutiefst geschlechtlich codiert, wie sich beispielsweise an Begriffen wie Stärke und Schwäche, blau und rosa, schweigsam und geschwätzig sehen lässt.
 
Zeichen von Schwäche und Zukunftslosigkeit
Die neurechte Rhetorik arbeitet äußerst intensiv mit solchen rhetorischen Figuren. So etwa der Historiker Karlheinz Weißmann, eine zen­trale Person der rechtsintellektuellen Szene, der in der Selbstbewußten Nation anprangert, dass „vornehmlich weibliche ‚patterns‘ “ gebraucht würden, „wenn es um Gesellschaftspolitik geht – so als ob sich der ‚Leviathan‘ in eine zärtlich bergende Mutter verwandelt habe“.
 
Dieses Bild dient ihm als Zeichen von Schwäche und Zukunftslosigkeit, implizit vermittelt er die Botschaft, dass weibliche, mütterliche, weiche und zärtliche Werte im Innenraum der Familie zu verbleiben hätten, während Staat und Politik der Männlichkeit und Härte bedürften.
 
Damit werden tradierte Staatsvorstellungen und Geschlechterdichotomien aktualisiert. Darüber hinaus werden auf der Basis dieser geschlechtlich markierten Gegensätzlichkeit von Staat und Familie Forderungen nach demokratischen und pazifistischen Entwicklungen als weiblich abqualifiziert und aus der Sphäre des Politischen verwiesen. Die als männlich qualifizierte harte Politik bewährt sich in dem Ausschluss als weiblich deklarierter Prinzipien.
 
Wie man rechte Logik untergräbt
Nach dem gleichen Muster lassen sich politische Gegner, Positionen und Strukturen als weiblich denunzieren. Umgekehrt wird ein auf Kompromisslosigkeit und Feindbestimmung angelegtes Politikverständnis mit Vokabeln wie „kleinem Krieg“ (Weißmann) oder „Ein-Mann-Kaserne“ (Gerd Kubitschek) kommuniziert.
 
Ähnlich wie die neurechten Protagonisten selbst testet auch die neurechte Rhetorik aus, was sagbar ist. Kruder Sexismus etwa schließt auf zu frauenfeindliche Aggressionen, wie sie auch in anderen Bereichen, beispielsweise im Rap, in Internetforen oder der Pornografie gepflegt werden: „Wer sich allzu sehr feminisiert, ob Mann oder Land, sollte sich nicht wundern, wenn er schließlich auch gefickt wird“, schrieb Michael Klonovsky, der jüngst vom Focus zur AFD wechselte. Er gibt hier ein auch für VerfechterInnen traditioneller Geschlechterordnung bedenkliches Frauenbild zu erkennen. Die Ausgestaltung der angestrebten Repolarisierung der Geschlechter kommt als sexistische Gewaltandrohung daher.
 
Wer dem Gender-Appeal solcher antifeministischer und maskulinistischer Rhetorik entgegentreten will, sollte in erster Linie eines tun: den Geschlechterantagonismus als zen­trale und kulturell zutiefst verankerte Machtkategorie adressieren. Das bedeutet, Formen und Spuren männlicher Herrschaftsansprüche zu erkennen, die Komplizenschaft mit Patriarchen und Sexisten jeder Couleur offensiv aufzukündigen und so die maskulinistischen Angebote ins Leere laufen zu lassen.
 
Als Faustformel mag dienen: Wer sich empathisch an die Seite der Frauen stellt, wird der rechten Logik das Wasser abgraben. Dem Paradigma der Ungleichheit ist mit dem kulturell ungewohnten Paradigma feministischer Solidarität zu begegnen. Die Reconquista bleibt dann Geschichte."
 
Quelle: taz - "Als weiblich denunzieren"
 
Die letzten beiden Absätze des Textes sind von Bedeutung/Wichtigkeit - gerade aktuell (wieder) ... - Ideologie soll an die Stelle von Wissenschaft (-lichkeit) gestellt werden:
 
"[...] Klar ist, dass die pauschale Verhöhnung der Geschlechterforschung einen Angriff auf das Wesen der Wissenschaft im Gesamten bedeutet. Es genügt daher nicht, die Verteidigung der Geschlechterforschung nur ihr selbst zu überlassen. Stattdessen müssten alle, die Wissenschaft als angewandte Skepsis verstehen, den Verächtern der Gender Studies entgegentreten – und zeigen, dass das Studieren des sozialen Geschlechts nichts anderes als das Einlösen des wissenschaftlichen Auftrags bedeutet. Wer sich aufschwingt, diesen zu verspotten, will seinerseits Wissenschaft durch Ideologie ersetzen.
 
Pflichtübung aller Rechtspopulisten
Das ist übrigens auch der Grund, warum das Gender-Bashing zur Pflichtübung aller Rechtspopulisten gehört. Im Lächerlichmachen der Geschlechterforschung entfalten sie ihre ganze anti-akademische Arroganz. Die Geschlechterforschung kritisch wertzuschätzen heißt demnach auch, die Wissenschaft gegen ihre dogmatischen Feinde zu behaupten."
 
Es sind unterm Artikel erfreulicher Weise viele gute, kompetente fb-Kommentare zu finden. :) Einer, der mir besonders gut gefällt (gerade wegen seiner Prägnanz):

Christian Eichfeld: "Ein interessanter Kommentar von Herrn Hornuff, der sehr gut die absurde Situation zusammenfasst. Wer Gender Studies und Gender Mainstreaming (die man beide kritisch mit Argumenten diskutieren kann) nicht auseinanderhalten kann und dazu Desinteresse und "Alle unwissenschaftlich außer Ich" Attitüde mitbringt, landet schnell beim "Genderwahn" und sieht überall nur Gendertoiletten und Herr Professorin. Dazu noch ein bisschen Übersteigern "traditioneller Werte" und schon ist man bei Rechtspopulismus und der AFD. Wie gesagt - absurd."
 
"[...] Die jetzige Vorsitzende der FG Gender, die Arbeitssoziologin Susanne Völker von der Universität Köln, hält die Aggression für einen Ausdruck sozialer Verunsicherung. „Arbeit wird prekärer, die eigene Position fraglich“, sagt Völker. „Da fragen sich einige: Kann ich noch Familienernährer sein? Was bin ich sonst? Wissen wir noch, was Männer und Frauen zu tun haben?“ Völker sieht keine „Massenstimmung“ gegen die Gender Studies. Doch einzelne – „überwiegend Männer“ – trügen ihre Unsicherheit über die Geschlechterfrage aus. Völker spricht, in Anlehnung an den Göttinger Soziologen Berthold Vogel, von der „nervösen Mitte“.
Diese Verunsicherung ist auch innerhalb der Wissenschaft spürbar. Männliche Kollegen hätten das Gefühl, keine Stellen mehr zu bekommen, weil überall Gender-Studies-Lehrstühle eingerichtet würden, sagt Hark. In der Statistik spiegelt sich das nicht wider: Harks Stelle ist die einzige in Deutschland mit der ausschließlichen Denomination Gender Studies. 160 weitere Professuren haben einen Genderschwerpunkt innerhalb ihrer Disziplin, doch das sind nur 0,4 Prozent aller Professuren. „Dass die Gender Studies etwas erreicht haben, wird schon als Angriff gewertet“, sagt Susanne Völker. [...]
 
Für Simon zeugt beides von Anti-Intellektualismus. Es gebe saubere kognitionswissenschaftliche und psycholinguistische Studien, die zeigten, wie Sprache auf die Wahrnehmung von Geschlecht wirke. „Es ist ja unser Geschäft als Wissenschaftler, Dinge herauszufinden, auf die man nicht gekommen wäre, wenn man nur unter Nachbarn plaudert.“ Hark glaubt, die Kommentatoren im Netz suchten selten Zugang zu seriösen Medien, geschweige denn zum akademischen Diskurs. Auch Völker geht davon aus, dass Wissenschaftler eher nicht an der Hetzjagd beteiligt sind. Das Internet biete den wenigen Radikalen jedoch die Möglichkeit, ihre Wut „zugespitzt herauszuposaunen“.
 
Versuche, die Gender Studies generell als unwissenschaftlich darzustellen, gibt es sogar in seriösen Medien ständig – für Susanne Völker von der FG Gender ein weiteres Zeichen der gesellschaftlichen Verunsicherung. „Früher war Wissenschaft durch und durch männlich geprägt“, sagt sie. Als Institution sei Wissenschaft noch immer eine Autorität. Doch nun ist die Infragestellung der Geschlechtertraditionen universitär anerkannt. „Diese autorisierte Position ist für manche schwer hinzunehmen und sie fragen: Was ist wirklich wissenschaftlich?“ [...]
 
Susanne Völker möchte die Angriffe wissenschaftlich analysieren und fragen „Welche gesellschaftlichen Konflikte werden über Gender ausgetragen?“. [...]"
 
Quelle: tagesspiegel.de - "Hetze gegen Genderforscherinnen"; Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
Es sind m.A.n. nicht nur gesellschaftliche, sondern häufig ganz persönliche, je individuelle Konflikte ..., die über das Thema gender, auch Feminismus bzw. Maskulinismus ausgetragen werden.
 
"[...] Früher waren die Weiber schuld, dann war es der Feminismus und heute sind es Gender und die Genderforschung. Kleine, aber stimmgewaltige Kreise greifen die Genderforschung seit einiger Zeit heftig an und fordern ihre Abschaffung. Sie sei unwissenschaftlich, pervers, aus ihr spreche Männerhass oder gleich Wahnsinn („Gender-Gaga“). Die Kritiker sind politisch zumeist im neoliberalen, rechtskonservativen und rechtsextremen Spektrum zu Hause. Sie befinden sich in fundamentalistischen kirchlichen Gruppen, unter „Männerrechtlern“, in der AfD oder bei Pegida, aber durchaus auch in der „bürgerlichen“ Presse. Einige schrecken vor Hass und Drohungen bis zu Mord und Vergewaltigung nicht zurück. [...]
 
Dabei ist die Geschlechterforschung grundlegend, um Gesellschaften und besonders ihren gegenwärtigen Wandel zu verstehen. Seit jeher werden über Geschlecht Macht, Chancen und Ressourcen verteilt – Geschlecht bildet also zum einen eine Strukturkategorie für soziale Ungleichheit. Zum anderen wird diese Ungleichheit oft mit der Geschlechterdifferenz begründet. Die Genderforschung trennt diese Fragen nach Geschlechterungleichheit und -unterscheidung analytisch, auch wenn sie zusammenhängen.
Dass "Biologie" wichtig ist, stellt die Genderforschung nicht infrage
Die Genderforschung stellt nicht infrage, dass es „die Biologie“ gibt und sie eine wichtige Bedeutung hat. Aber sie hat beobachtet, wie unterschiedlich biologische Zusammenhänge kulturell interpretiert und gestaltet werden. So hat Geschlecht eine grundlegende Bedeutung für die Versorgung von Kindern, aber zugleich zeigt sich eine hohe Variabilität zwischen den Kulturen. Bei den Trobriandern im Südpazifik etwa fütterten und betreuten herkömmlich die Väter ihre Kinder. In der Moderne wurde demgegenüber die Kinderversorgung als biologische Rolle der Frau und Mutter zugeschrieben. Damit wurde ihre Abhängigkeit vom männlichen Ernährer und Familienvater begründet und im Familienrecht festgeschrieben. In anderen Worten wirkte die Geschlechterunterscheidung nun als Legitimation von Ungleichheit. Die Geschlechterforschung hat die weltweiten Variationen von Gender und die damit verbundenen Machtverhältnisse untersucht und sie hat daraus geschlussfolgert: Im Zusammenhang mit Geschlecht zeigen sich ganz unterschiedliche soziale Strukturen, es wird also: sozial gestaltet oder konstruiert. [...]
 
Die Genderforschung blendet die körperliche Dimension von Schwangerschaft/Zeugung oder Geburt also nicht aus, aber sie sieht darin soziale Prozesse, die auf Beziehungen zwischen Menschen und nicht einfach auf biologische Triebe oder genetische Veranlagung zurückgehen. So hat die Geschlechterforschung die Kinderversorgung und die Hausarbeit aus der Biologie in die Gesellschaft geholt und die ungleiche Arbeitsteilung in der Versorgung, der Carearbeit, kritisiert. Sie hat aber auch das wachsende Interesse von Männern an aktiver Vaterschaft und gleicher Partnerschaft untersucht und aufgezeigt, dass sie ebenso wenig wie „die Frauen“ biologisch programmiert sind. Nur noch etwa ein Viertel der Männer bejaht heute das Traditionsmodell vom männlichem Ernährer und der Hausfrau, bei den jungen sind es noch weniger. Ob die neuen Männermehrheiten auch die neuen Wege gehen können, die sie suchen, liegt ebenfalls an den gesellschaftlichen Möglichkeiten, die der flexibilisierte Kapitalismus, die Betriebe und der Sozialstaat dafür eröffnen und nicht an ihrem „biologischen Mannsein“.
 
Die Geschlechterforschung sieht die Biologie wie andere Wissenschaften in ihrem sozialen Kontext. Sie nimmt wahr, dass sie auf menschlichen Erkenntnismöglichkeiten aufbaut und auf den Bedingungen der Sprache. Wenn Biolog_innen oder Mediziner_innen durchs Mikroskop blicken, interpretieren sie ihr Material und formen es dabei kulturell. Wenn die Genderforschung also sagt, auch der Körper sei ein „Konstrukt“, will sie die Bedeutung der Anatomie nicht bestreiten, wie die Anti-Gender-Fraktion behauptet. Vielmehr verweist die Genderforschung damit in guter philosophischer Tradition auf die kulturellen Möglichkeiten und Grenzen der menschlichen Erkenntnis.
 
Vor allem von zwei Perspektiven her untersucht die Genderforschung die Frage der Geschlechterdifferenzierung: Nach Judith Butler fragt sie, welche Bedeutung Sprache und kulturelles Wissen dafür haben, dass gerade „Geschlecht“ als nicht hintergehbare biologische Voraussetzung für die Festlegung von Körper und Identität erscheint.
 
Ethnomethodologische Richtungen betrachten, wie Geschlecht in alltäglichen Beziehungen immer wieder hergestellt wird und so für alle plausibel wird, also das Doing Gender („Geschlecht tun“). Selbst die Kanzlerin der Bundesrepublik trägt weiblich markierte orangefarbene oder hellgrüne Blazer (aber meist mit Hose …), die ihr Vorgänger nicht angezogen hätte, und dieses Doing Gender fließt in ihre öffentliche Beurteilung mit ein. Beide Richtungen beziehen sich auf Körper und Biologie, aber sie sehen sie in ihrem sozialen Kontext und nicht als von vornherein gegebene, determinierende Fakten. Durch Sprache, Routinehandeln und kulturelles Wissen wurde das soziale Geschlecht tief verankert und immer wieder restabilisiert; [...]
 
Außerdem verbindet die Genderforschung Geschlecht mit anderen Kategorien sozialer Ungleichheit wie Klasse, Migration oder Sexualität. Heute ist die Frage nach wechselwirkenden Ungleichheiten oder Intersektionalität leitend in der Genderforschung. Im Bereich der Versorgungsarbeit hat sie etwa auch die zunehmende irreguläre Beschäftigung von Migrantinnen im Haushalt erforscht, auf denen die wachsende Erwerbstätigkeit einheimischer Frauen aufbaut. Unter dem Druck des ökonomisierten Arbeitsmarkts wird so eine gleiche Arbeitsteilung bei der Versorgungsarbeit vermieden und das Modell der "McPolin" propagiert, anstelle langfristige sozialstaatlich abgesicherte Lösungen für die Pflege im Alter zu entwickeln.
 
Ein weiterer Vorwurf an die Genderforschung lautet, sie wolle über den Politikansatz des Gendermainstreaming die traditionellen Geschlechterrollen vernichten und „den neuen Menschen schaffen“ (so zuerst Volker Zastrow im Jahr 2006 in der „FAZ“).
 
Nun bewegen sich Gendermainstreaming und Genderforschung auf verschiedenen Feldern: Ziel des Gendermainstreaming ist im Feld der Politik die im Grundgesetz festgeschriebene Gleichberechtigung für Männer und Frauen zu verwirklichen und dabei Frauen und Männer gleich einzubeziehen. Gender Mainstreaming als Ansatz der Gleichstellung bedeutet, dass „die Politik, dass aber auch Organisationen und Institutionen jegliche Maßnahmen, die sie ergreifen möchten, hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Gleichstellung von Frauen und von Männern untersuchen und bewerten sowie gegebenenfalls Maßnahmen zur Gleichstellung ergreifen“ (so die Definition der Bundeszentrale für politische Bildung).
 
Demgegenüber setzt sich die Geschlechterforschung im Feld der Wissenschaft kritisch mit Gendermainstreaming auseinander, wie das auch die Politikwissenschaft mit politischen Ansätzen tut. Manche Genderforscher_innen untersuchen das Gendermainsteaming in Bezug auf Anspruch und Umsetzung, auf auftretende Potenziale und Probleme. Andere kritisieren den Fokus auf Frauen und Männer, worin sie ein Verharren in traditionellen Genderkonzepten sehen. Daraus nun eine „politische Geschlechtsumwandlung“, die „Erfindung eines neuen Menschen“ oder gar die Anstiftung zur Perversität zu machen, ist verzerrend und unsinnig. Aber mit solchen Zerrbildern wird gegen Gleichstellung und die Geschlechterforschung mobil gemacht.
 
Nach allem: Gender ist ein innovativer kritischer Begriff zum Forschen und (Hinter-)Fragen mit offenem Ausgang. Die Geschlechterforschung hat – darauf gestützt – zahlreiche Studien zu gesellschaftlichen Zukunftsfragen eingebracht: zur Zukunft der Arbeit und der Versorgung von Kindern und Alten, zum demografischen Wandel, zur Ökologiefrage, zur Vielfalt der Lebensformen und wachsenden Ungleichheit. Sie hat sich als internationale Forschungsrichtung durchgesetzt und bearbeitet diese Fragen im transnationalen Austausch [...]"
 
Quelle: tagesspiegel.de - "Keine Angst vorm bösen Gender", von Ilse Lenz
 

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